Verlust von Heimatgefühl und Patriotismus führt zur Entfremdung in unserem Land

Von Peter Helmes

Seit Jahrzehnten wird unsere Heimat verfemt, ebenso der Begriff „Heimat“, und alle, die an Heimat glauben, werden meist in die Schublade „altbacken“, „ewig gestrig“ oder gar „reaktionär“ gesteckt. „Denk multilateral und bloß nicht national“ – Das wird uns von Medien und Politikern aller Couleur eingebläut.

Als ob das eine das andere ausschlösse! Aber „national denken“ läßt sich zu schön als Eingangsstufe zum Faschismus darstellen. Und darauf werden die neuen Einheitsmenschen nicht verzichten wollen.

Genau hier aber scheint sich allmählich – wenn auch langsam – zu zeigen, daß wir Menschen nicht beliebig manipulierbar sind. Was über Jahrhunderte und Jahrtausende zusammengewachsen ist, läßt sich offensichtlich nicht so einfach trennen.

Und siehe da, überall sprießen neue Keime unseres Heimatempfindens hervor, z. B. die Renaissance der Dialekte, der Lieder in Dialekt (z. B. Kölsch, Hessisch, Bayerisch etc.), das Wiederaufleben der Wanderlust, das Blühen der „Wandersteige“ (Rennsteig, Kammweg, Rheinsteig, Eifelsteig usw.) – sehr stark spürbar auch bei den Heimatvertriebenen.

Im Gegensatz zur verordneten Unkultur haben viele Bürger die Nase voll davon, sich des Deutschseins schämen zu sollen. Nein, man singt wieder deutsch. Aber das sind alles kleine Pflänzchen, die oft noch im Verborgenen blühen. Die uns seit fünf Jahrzehnten „Frankfurter Schule“ eingetrichterte Ideologie war lange auf dem Vormarsch. Der Trend wird aber langsamer – und das ist überfällig. 

Jeder, der mich kennt, weiß, daß an meiner Heimatliebe (immerhin Rheinländer!) und meinem Patriotismus nicht zu rütteln ist. Und dennoch: Ich fremdele  – und zwar, weil Gesellschaftsveränderer  mir meine Heimat wegnehmen (wollen), mir gar einreden, Heimat sei etwas Gestriges – mit „braunem“ Beigeschmack.

Ich fremdele, weil ich mich zunehmend von meiner alten Heimat entfremdet fühle. Ich suche verzweifelt nach Verteidigern meiner alten Heimat. Gibt es sie noch, sind sie auf Tauchstation?

Wer spricht heute noch von Heimat? Für „moderne, grünrote Menschen“ ist dieser Begriff leer, sie sind buchstäblich heimatlos und empfinden den Begriff als gestrig.

Der normale  Bürger – der sich damit abhebt von einer gewissen Kaste des Elitedünkels – denkt an seine Heimat als etwas Vertrautes, an etwas, bei dem er sich wohlfühlt. Und viele klagen, daß sie sich in ihrer Heimat eben nicht mehr wohlfühlen und gar Angst haben. Angst, in ihrer Heimat nicht mehr „daheim“ zu sein. Das zeigt eine tiefe emotionale Bindung der Menschen an ihre Heimat.

Heimat – das ist zuerst das Bekenntnis zur Vielfalt unserer Kultur, zu einem aufgeklärten Nationalbewußtsein, zum Patriotismus und zum aktiven Beitrag Deutschlands für Europa und die Welt. Respekt vor anderen Kulturen beginnt beim Respekt vor der eigenen Kultur. Unsere kulturelle Identität in Deutschland ist mehr als nur Verfassungskonsens. Deutschland ist unsere Heimat, unser Vaterland.

Heimat heißt gemeinsame Sprache und Alltagskultur, gemeinsame Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen. Die vielfältigen Traditionen der verschiedenen Volksgruppen, der Rheinländer, Bayern, Franken, Preußen, Schwaben usw. geben unserer Heimat ihr unverwechselbares Gesicht. Zu unserer Heimat – und damit zur deutschen Leitkultur – gehören Dialekte, Brauchtum und der große Schatz gemeinsamer Kulturgeschichte.

Von anderen Kulturen zu lernen und diese zu schätzen, darf niemals bedeuten, die eigene zu vergessen oder gar zu verachten. Toleranz heißt nicht Beliebigkeit. Toleranz darf nicht mit dem Wegschauen gegenüber Intoleranz verwechselt werden. Wir haben Respekt vor anderen Kulturen und fordern zugleich die Bereitschaft zur Integration.

Denn: Ein ehrliches, tiefes Heimatgefühl und ein gesunder, stolzer Patriotismus sind elementar für unser Land. Wenn wir nicht stolz auf unser Land sind, wie können wir dann von Zuwanderern erwarten, daß sie ein Gefühl zumindest des Respekts gegenüber unserer Lebensart entwickeln?!

Wenn Integration in unserem Lande gelingen soll, dann müssen wir den Zuwanderern ein klares „Integrationsangebot“ aufzeigen. Hier dürfen nicht „nur“ das Grundgesetz und unsere Gesetze, sondern vielmehr auch unsere Werte, unsere Überzeugungen, unsere Bräuche, somit unsere Leitkultur als Grundlage dieses „Integrationsangebots“ dienen. Dieses Angebot ist die Voraussetzung dafür, daß die Zuwanderer nicht neben oder gar gegen uns leben – sondern mit uns!

Richtig verstanden, ist Heimatliebe ein Ausdruck bürgerlichen Wohlbefindens und einer tiefen Nationalverbundenheit. Die Sehnsucht nach Heimat und die Liebe zur Heimat – beide sind so menschlich wie der Mensch selbst. Der Kampf gegen Nationalverbundenheit und Heimatliebe, meist geführt von Nihilisten aus dem „links-progressiven“ Milieu, ist grundfalsch, gefährdet den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und erschwert die Integration der Zuwanderer.

Ich mache mir in letzter Zeit vermehrt Gedanken über den Zerfall und die deutliche Veränderung unsrer Gesellschaft und der Menschen, die darin leben.

Ich erlebe in der letzten Zeit immer häufiger, daß Leute um mich herum, auch im Alltäglichen zunehmend gereizter, ungeduldiger, aggressiver, gewaltbereiter, rücksichtsloser, egoistischer, selbstsüchtiger, aber vor allem leider auch unsensibler, empathieloser, liebloser und weniger hilfsbereit sind.

Woran liegt das?

Ich erinnere mich, daß ich als Kind im Grunde nur eines wichtig fand: Liebe und Geborgenheit…

Das erfuhr man durch die Eltern und das „Zuhause“. Und das Zuhause war nicht nur die Wohnung oder das eigene Haus, sondern auch die eigene Heimat: Der Ort, in dem man lebte, den man kannte, Freunde hatte, zur Schule ging und seine Freizeit verbrachte.

Geborgenheit, Sicherheit und auch so etwas wie Liebe fand man in den Gewohnheiten, Gebräuchen , Ritualen, Sitten und der ganz individuellen Erziehung sowie den Gepflogenheiten in unserem Land.

Ich bin der Überzeugung, daß genau dies, die eigenen Wurzeln, die Identifizierung mit unserem Land und den darin lebenden Menschen, die genauso empfinden und leben wie man selbst, zu spüren, die gleichen Bedürfnisse zu haben, ähnliche Vorstellungen vom Miteinander und der Zukunft zu haben, gemeinsame Wertevorstellungen, daß genau DAS Heimat, Sicherheit und Geborgenheit ausmachen…

Ich denke, daß all die oben von mir zuvor genannten negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen nur daher rühren, daß uns das Heimatgefühl abhandengekommen ist…. oder vorsätzlich ausgeredet wrude.

Man nimmt uns täglich durch die derzeitige Multikulti-Politik immer mehr von unserer eigenen Identität, unserer eigenen Kultur, unseres Heimatgefühls, welches doch für jedes Individuum so wichtig ist.

Quelle und Fortsetzung des Beitrags von Peter Helmes hier: https://conservo.wordpress.com/2019/03/26/heimat-ein-emotionales-plaedoyer-aus-liebe-zum-vaterland/


Absurde Gender-Zensur: Die Sprache gehört uns und nicht den Ideologen!

Von Peter Helmes

Ich bin hoffnungslos veraltet – wie´s scheint. Denn ich mache die Sprachverrenkungen linker Umerzieher_Innen nicht mit, liebe Leser_Innen und Leser!

Sie nennen es „gendergerechte Sprache“, also „geschlechtergerechte Sprache“. Komisch, bisher war ich immer davon ausgegangen, daß Männlein und Weiblein mich verstehen, sofern ich mich klar ausdrücke – und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht..

Aber die linken Sprachzensoren (ich spar mir jetzt das _Innen usw.) sehen das anders. Sie wollen eine andere Sprache, einen Mischmasch aus weiblichen und männlichen Formen.

„Kundin“ statt „Kunde“ – abgeschmettert

Doch irgendwann – da bin ich sehr zuversichtlich – macht das Volk nicht mehr mit, schon deshalb, weil die Causa viel zu kompliziert ist. Und noch scheint die Rechtsprechung in dieser Problematik auf gesunden Füßen zu stehen:

Im Frühjahr 2018 hat Marlies Krämer vor Gericht darum gekämpft, von ihrer Sparkasse als „Kundin“ und nicht als „Kunde“ angesprochen zu werden. Erfolglos: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe wies ihre Forderung zurück.

Allein schon der Schreibfluß dieser Mißgeburten schriftlicher Ausdrucksformen bereitet Probleme, genauer: Ein („fließender“!) Schreibfluß ist nicht möglich.

Dazu kommen die unterschiedlichen Varianten: Gender-Stern („Hörer*innen), Gender-Gap (Hörer_innen) oder großes Binnen-I (HörerInnen): Es gibt – neben der Doppelung „Hörerinnen und Hörer“, der Flüchtling/die Flüchtlingin (oder?) – verschiedene Möglichkeiten, geschlechtergerecht zu schreiben.

Sachlich gesehen gibt es keinen zwingenden Grund, unsere Sprache derart zu verbiegen. Die Gründe liegen also nicht in der Sache, sondern in der Ideologie! Dahinter, wen wundert´s, steht die „Frankfurter Schule“, die uns seit langem zu Neuen Menschen, zu einer Neuen Gesellschaft umformen will.

Sprachlich kommt es erst recht zur Kommunikationskatastrophe. Wie wollen wir denn z. B. den Gender-Stern („Hörer*innen), das Gender-Gap (Hörer_innen) oder das großes Binnen-I (HörerInnen) hörbar machen? Etwa durch gekünsteltes Hüsteln vor jedem solcher Sprachfetzen? Oder durch Handzeichen, die vor einem Gespräch, vor einer Rede dem Publikum erklärt werden?

Die Befürworter der Sprachverhunzung setzen das „Problem“ (das in meinen Augen keines ist) ganz oben an: Gender und gendergerechte Sprache seien Bestandteil einer Agenda, die es grundsätzlich auf Demokratie und Gleichberechtigung abgesehen hat.

Sabine Hark, linke Gender-Vorturnerin, bläst die Backen (tschuldigung: die Wangen) ganz dick auf:

„Daß demokratische Rechte und Institutionen erkämpft werden müßten und niemals als für selbstverständlich gegeben verstanden werden dürften, sie also grundsätzlich fragil sind, daran gelt es auch heute, angesichts der weltweiten Angriffe auf diese Rechte, zu erinnern. Im Zentrum dieser Angriffe stünden gegenwärtig in Ungarn wie in den USA, in Russland wie in Brasilien, in Polen wie in Deutschland oder der Türkei Angriffe auf ein eher kleines Studienfach: die Gender Studies.“

Und dann greift Sabine Hark ganz tief in die Ideologiekiste:

Die Verbannung der Gender Studies aus den ungarischen Universitäten, sagt sie, sei nicht nur ein Angriff auf die verfassungsrechtlich geschützte Freiheit von Forschung und Lehre, sie sei auch Teil der neoreaktionären Landnahme der Demokratie und des weltweiten Kampfes gegen die Gleichheit der Rechte, gegen geschlechtliche Selbstbestimmung sowie sexuelle und reproduktive Freiheit; demokratische Errungenschaften für die Frauen seit der Französischen Revolution kämpfen und ihr Leben gelassen haben.

Es sei einer der vielen Pfeile, mit denen die autoritäre Reaktion auf das Herz der Demokratie selbst ziele, jammert die Gender-Frontfrau.

Aber daß die Dame sich derart echauffiert, hat einen Grund:

Der störrische Präsident Viktor Orban aus Ungarn hatte nämlich wenige Tage zuvor seine gänzlich andere Meinung unterstrichen: Seine Regierung strich „Gender-Studies“ von der Liste der an ungarischen Universitäten zugelassenen Studiengänge.

Der Stabschef der ungarischen Regierung, Gergely Gulyas, erklärte, die Geschlechterforschung verstoße gegen den gesunden Menschenverstand, der Männer und Frauen als biologische Gegebenheiten kenne. Gender untergrabe überdies die Fundamente der christlichen Familie und somit der ungarischen Gesellschaft selbst. (Von Merkel dürften wir wohl einen solch vernünftigen Satz vergeblich einfordern.)

Widerstand wirkt! Geben wir nicht auf! Noch ist Zeit dafür; denn:

Gestern, am 16. November 2018, tagte der Rat für deutsche Rechtschreibung – auch über das gendergerechte Schreiben. Der „Rat“ lehnte einmütig die Forderung zur Aufnahme der „gendergerechten Sprache“ in den Duden ab.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Unser Autor Peter Helmes ist politischer Publizist und ehem. Bundesgeschäftsführer der JU (Jungen Union). Er schreibt regelmäßig in seinem liberal-konservativen Blog www.conservo.wordpress.com 


Die fatale Hinterlassenschaft der 68er Kulturrevolution in der Bildungspolitik

Von Christa Meves

Im Zeitgeist ist eine neue Ära angebrochen. Die Geschlossenheit eines linken Hauptstroms ist glücklicherweise vorüber. In der stolzen Mehrheit der maßgeblichen Medienmacher ist eine leise bemerkbare Unsicherheit aufgebrochen.

Die Eindeutigkeit von zugelassenen Personen in der Öffentlichkeit und die Auswahl von Nachrichten, die der linken Lebenseinstellung entsprechen, wird brüchig. Die Hoffnung, vorrangig mit Gleichheitsideologie Wahlen zu gewinnen, schwindet zusehends und entbehrt dadurch immer mehr ihrer Durchschlagskraft.

Diese Situation wird unterstützt dadurch, dass es renommierte Verlage wieder wagen, auch Bücher zu publizieren, die sich als political-inkorrekt erweisen. Das neue Buch von Thilo Sarrazin ist damit keineswegs ein Einzelfall. 

Auf dem pädagogischen Sektor soll jetzt zunächst das Buch des langjährigen Präsidenten des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, empfohlen sein. In seinem neuen Werk „50 Jahre Umerziehung“ – Die 68er und ihre Hinterlassenschaften“ ist glücklicherweise Schluss mit den Beschönigungen nach 50 Jahren dieser traurigen Revolte.

Es geht stattdessen um eine ungeschminkte Analyse der voll eingetretenen negativen Folgen auf dem gesellschaftlichen, vor allem aber auf dem schulischen Gebiet.

Dieser Oberstudiendirektor hat nicht nur über die Jahrzehnte hinweg die Folgen einer nach Proporz erstellten Kultusministerkonferenz in den schulischen Auswirkungen seufzend erleben müssen, er hat die einzelnen Ereignisse sogar so akribisch gesammelt, dass aus seinem Werk nun wirklich aus jeder Zeile nicht widerlegbare Kompetenz spricht.

Nach einem Teil gründlicher Analysen der einzelnen Umerziehungsphasen in der Bundesrepublik kommt dieser so genau recherchierende Autor zur Sache: den ideologischen und realen Hinterlassenschaften dieser Entfesselung der Strukturen.

Besonders erschreckend eindrucksvoll geht Josef Kraus – auf dem Boden seiner praktischen Erfahrungen – auf die pädagogischen Folgen der geistigen Entfesselung ein. So beschreibt dieser erfahrene Autor mit vielen Zahlen den desaströsen Bildungsabbau durch den Niveauverlust der Schüler in den beiden letzten Jahrzehnten.

Ironisch bezeichnet er die schulischen Veränderungen in den Lehrplänen als nicht eingetretene „Heilsversprechungen“. „Lernen ohne Anstrengungen“ hieß nun die Devise, „keine Kränkungen, kein Stress, ausschließlich selbstgesteuertes intrinsisches, hirnbasiertes Lernen! Kein Frontalunterricht! Keine Selektion! Und am Ende angeblich hochkompetente junge Leute, fit für das globale Haifischbecken.“

Dazu bringt der Berichterstatter Beispiele des zergehenden Wissenspotenzials der Schüler: 1972 hätten z. B. in Siegen Schüler der 4. Klasse durchschnittlich 6,9 Fehler gehabt. Heute seien es 12,2 Fehler  – und der Kommentator fügt hinzu: „Das ist ein Plus von 77 Prozent, also nicht weit weg von einer Verdoppelung.“

Und allgemeiner heißt es: Der Grundwortschatz der Schüler am Ende der 4. Grundschulklasse sei wegen der allgemeinen Niveauminderung nun von der Kultusministerkonferenz von noch 1100 Wörtern 1999 auf 700 Wörter heruntergefahren worden. Und der führende Pädagoge kommentiert: „Wo Sprache verarmt, da verarmt schließlich das Denken.“

Eine vernichtende Bilanz erhält die Gesamtschule. Sie erwies sich bereits unmittelbar nach ihrer Einführung in den 70er und 80er Jahren dem gegliederten Schulsystem als weit unterlegen. Zitat: „Auf die Idee aber, dass die Vision (Gesamtschule) nicht taugt, kommt man nicht.“

Grimmig resümiert Josef Kraus: „Beispiel Baden-Württemberg!…Das Ländle, das sonst bei Leistungsstudien immer zu den vier besten zu Deutschland gehört hatte, ist in kürzester Zeit vom Musterschüler zum Problemfall geworden, ob bei 15-Jährigen oder 10-Jährigen. Das frühere Vorzeigeland liegt nun nur knapp vor dem Schlusslicht Bremen.“

In diesem Rahmen ist nur eine knappe Empfehlung möglich, aber die Analyse des Werkes von Josef Kraus deckt die Fehlentwicklung in der Schulpädagogik der Bundesrepublik ungeschminkt auf.

Zum Schluss ruft der Autor dazu auf, eine „ideologiekritische Auseinandersetzung“ anzuberaumen – nun zwar im digitalen Zeitalter, aber mit einer kindgerechten Schule.

Buch-Daten: Kraus, J.: 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften, Berlin 2018 (19,90 €)

Grundsatzartikel über die 68er (Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Neomarxismus) von Studiendirekter Rudolf Willeke hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/09/07/die-ziele-der-68er-kulturrevolution-frankfurter-schule-und-kritische-theorie/


Die Ziele der 68er-Kulturrevolution, Frankfurter Schule und „Kritische Theorie“

Von Rudolf Willeke

Der bekannte Rechtsphilosoph und sozialdemokratische Justizminister der Weimarer Republik, Gustav Radbruch, hat den Satz formuliert: „Jede Idee, die der menschliche Geist erzeugt hat und den Kopf verläßt, also zur “Sprache kommt”, strebt danach, verwirklicht zu werden. Auf dem Wege der Verwirklichung verändert sie das Bewußtsein und die Gesellschaft.“

Diese Aussage erscheint zunächst banal, denn jedermann weiß, welche gesellschaftlichen und bewußtseinsmäßigen Folgen die Ideen etwa von Jesus Christus, von Martin Luther und Immanuel Kant oder von Friedrich Nietzsche, Karl Marx und Wladimir I. Lenin hatten.

Der Satz ist gleichwohl beachtenswert, wenn man bedenkt, daß die Ideen, das gesamte Ideengebäude der Frankfurter Schule bisher kaum zur Kenntnis genommen wurden, so daß sich die Kulturrevolution ab 1968 hinter dem Rücken des kollektiven Bewußtseins vollziehen konnte und die Folgen nicht der eigentlichen (letzten) Ursache zugerechnet wurden, sondern dem namenlosen “Zeitgeist”, dem “Fortschritt”, der “Modernisierung”.

BILD: Linke Kundgebung in Münster mit dem bekannten Spruch der 68er

Die kulturrevolutionären Veränderungen infolge der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule liegen weit überwiegend im Bereich der gesellschaftlichen Institutionen, der Umwertung der Werte, der Umbegreifung der Begriffe und des praktischen Verhaltens der Menschen in der Gesellschaft.

Wenngleich die Kritische Theorie längst kein allgemein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr ist, so ist ihr Einfluß auf die Wissenschaften, auf Gesellschaft und Politik nachhaltig, sie ist richtunggebend für die sozialdemokratisch-ökologische Politik und letztentscheidend für die “political correctness” in den Kommunikationsmedien der Gesellschaft und Kirchen.

I. Einführung zu den Begriffen Frankfurter Schule und Kritische Theorie

Eine philosophische Richtung wie die Frankfurter Schule besteht aus der Gemeinschaft der Lehrer- und Schülergeneration, die durch gemeinsame Grundanschauungen, durch gemeinsame Forschungsmethoden und Ziele miteinander verbunden sind und die sich mit einer Idee oder mit einem Programm identifizieren.

Die Namen Frankfurter Schule und Kritische Theorie hat Max Horkheimer in den frühen 30er Jahren erfunden und genutzt, um seine Position vom dogmatischen Marxismus abzugrenzen und um zu dokumentieren, daß die “Frankfurter” einen revisionistischen Marxismus (Neomarxismus) vertreten. Dogmatisch-orthodoxer Marxismus wurde in den 30er Jahren mit KPD und Stalinismus gleichgesetzt.

Zugleich wollte Horkheimer seiner Theorie eine ganz besondere Aura, ein unverwechselbares Merkmal der qualitativen Unterscheidung von anderen Theorien, etwa der Philosophie des Deutschen Idealismus, verleihen.

Die Kritische Theorie der Frankfurter Lehrer und Schüler meint ein Denken, das in einer offenen Form der marxistischen Tradition steht und das der Abschaffung von Herrschaft jeder Art verpflichtet ist. [1]

Für den bekannten Historiker Golo Mann, der in der amerikanischen Emigration sozusagen Hausnachbar von Horkheimer war, ist Kritische Theorie nichts anderes als »Marxismus für feine Leute«, also Intellektuelle.

Die Kritische Theorie unterscheidet sich grundlegend von traditionellen Theorien und Wissenschaften, die vom Interesse an Objektivität und Wahrheit geleitet sind; sie ist demgegenüber vom Interesse an Veränderung der bestehenden Gesellschaft geleitet und aus diesem Grunde an der Hervorbringung eines bestimmten Verhaltens, d.h. “Kritischen Verhaltens” interessiert.

Das erkenntnisleitende Interesse der “Frankfurter” ist auf Veränderung und kritisches Verhalten gerichtet; dieses zeige sich in dem bewußten Widerspruch gegen das gesellschaftliche Ganze. Die “Kritik” ist prinzipielle Kritik, d.h. eine Grundhaltung der Verneinung aller Wirklichkeit und zugleich Kampf gegen das Bestehende, also gegen die bürgerliche Gesellschaft im weitesten Sinne.

Die Kritische Theorie will die Wirklichkeit nicht beschreiben, sie will sie verändern, sie steht damit im polemischen Widerspruch zu allen traditionellen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie des Deutschen Idealismus.[2]

Damit ist schon angedeutet, daß die Gründerväter der Frankfurter Schule Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, aber auch deren frühe Mitarbeiter, etwa der Sexualtheoretiker und Sexualpolitiker Wilhelm Reich, der evangelische Religionsphilosoph und Theologe Paul Tillich, die Psychoanalytiker Erich Fromm und Alexander Mitscherlich und der marxistische Nationalökonom und KP-Funktionär Friedrich Pollock und viele andere keine neuen Ideen hervorbrachten oder verwirklichten, die Väter standen vielmehr auf den Schultern der geistigen Großväter, vor allem auf Karl Marx und Sigmund Freud, bzw. der geistigen Urgroßväter Jean-Jacques Rousseau und der Französischen Revolution von 1792 (nicht 1789).

Marx und Freud, beide prominente Vertreter des philosophischen Materialismus, nahmen die These Rousseaus auf, daß die »Zivilisation das Glück des Menschen, das ihm im Naturzustand zuteil wurde, zerstört und die Sitten verdorben habe«. Von Natur aus sei der Mensch gut, erst mit dem Privatbesitz, der eigentlichen Ursünde des Kapitalismus, seien Herrschaft und Unterdrückung und damit Unglück und Bosheit in die Welt gekommen.[3]

Allein durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln könne die Herrschaft von Menschen über Menschen endgültig beendet und eine menschenwürdige Gesellschaft – das Paradies auf Erden – errichtet werden.

Die Parole “Zurück zur Natur” findet heute noch ihren Widerhall in der Technikfeindlichkeit und ökologischen Besessenheit der Grün/Alternativen. Der marxistische Appell »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« lautet in der neomarxistischen Version “Intellektuelle aller Institutionen, emanzipiert euch!”

Während der Marxismus/Sozialismus an die ökonomisch-sozial verelendeten Proletarier appellierte und eine Arbeiterbewegung in Gang setzte, die die Basis (Produktionsverhältnisse) ändern, vielleicht sogar mit Gewalt umstürzen (revolutionieren) sollte, wendet sich der Neomarxismus der “Frankfurter” an die intellektuell und psychosozial verelendeten Subjekte im Bildungssystem, d.h. im kulturellen Oberbau.

Er bewirkte 1968 eine Studentenbewegung, die den kulturellen Oberbau revolutionieren, d.h. eine Kulturrevolution durchführen sollte.

Die gesamte Programmatik der Frankfurter Schule und der neu-linken Bewegung läßt sich als Kulturrevolution, als Umbau des Menschen, seiner Psyche, seines Denkens und Strebens und seines Lebens, als Umbau der Institutionen, die das menschliche Bewußtsein und Verhalten prägen sowie als Umwälzung der gesamten Kultur und Zivilisation beschreiben.

Die Studentenrevolte von 1968 war kein Randphänomen der Gesellschaft, sondern eine wirkliche Revolution.

Da es unmöglich ist und auch nicht der Anschein erweckt werden soll, das Ideen- und Lehrgebäude der “Frankfurter”, das aus mehr als 40 Büchern, 50 Aufsätzen und Tausenden von Brief- und Manuskriptseiten besteht[4], angemessen darstellen zu wollen, werden nur einige zentrale Thesen der Kritischen Theorie herausgegriffen.

Wenn im folgenden undifferenziert von der Frankfurter Schule gesprochen wird, ist immer einer der vier Gründer gemeint. Eine differenzierte Darstellung der einzelnen Positionen ist in der von mir mitherausgegebenen Broschüre [5] vorgenommen worden.

II. Vier zentrale Thesen der Kritischen Theorie

Die Kritische Theorie ist nach Auffassung der “Frankfurter” eine alles umfassende, alles erklärende Theorie. Sie will sowohl Religions- als auch Gesellschaftsphilosophie, ebenso Theorie der Menschwerdung (Ontogenese) wie Moralphilosophie, Geschichts-, Kultur-, Musik- und Kommunikationstheorie sein. Sie stellt den Anspruch, eine Theorie der Wahrheit zu sein und damit die gesamte vorausgehende Philosophie von Thomas von Aquin bis Kant und Hegel zu überbieten und abzulösen.

1. Die religionsphilosophische These: Gott ist eine falsche Hypothese, Theologie ist sinnlos

Für Horkheimer wie für Habermas steht fest, daß Gott durch die tatsächliche Geschichte, durch die modernen Naturwissenschaften (Evolutionismus/Darwinismus) sowie durch den (dogmatischen) Marxismus widerlegt ist.

Das Christentum ist für Horkheimer eine Lüge,[6] die Wiederbelebung der heidnischen Mythologie in Deutschland während des Dritten Reiches nichts anderes als Polytheismus. Nicht Gott, sondern der Mensch sei das höchste Wesen (Feuerbach), und der Nächste sei das Volk, die Gesellschaft, die Menschengattung.

Horkheimer und Adorno teilen die Auffassung, daß die entscheidenden Fragen der Metaphysik nur negativ, d. h. nur verneinend, aufhebend beantwortet werden können, dementsprechend gebe es nur negative (bestreitende, verneinende) Theologie.

Adorno, der getaufter Jude war, ist –  wie Habermas betont –  völlig standhaft und unerschütterlich Atheist geblieben.

Für Habermas, vom Elternhaus her evangelischer Christ, ist Gott eine falsche Hypothese [7] – geschichtlich überholt, wissenschaftlich widerlegt. Gott ist vielmehr, wie Ludwig Feuerbach vor ihm schon behauptete, eine Projektion des leidenden Menschen an den Himmel, also Phantasieprodukt des Menschen. Der Mensch hat sich seinen Gott geschaffen, weil er ein Bedürfnis nach ihm hatte.

Nach Habermas [8] ist das Zeitalter der Hochreligionen und die Epoche des metaphysischen Denkens vorbei. Das Christentum sei kein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr, die neue “wissenschaftliche Weltanschauung”  –  der Darwinismus/ Evolutionismus  –  habe dem Christentum den Rang streitig gemacht, wissenschaftliche Aufklärung habe das unaufgeklärt-mythische Bewußtsein aufgelöst, die religiöse Welt insgesamt “entzaubert” und jede religiös begründete Ethik wie Lehmbröckchen zwischen den Fingerspitzen zerrieben.

Das moderne, nachmetaphysische Denken bestreite keine bestimmten Behauptungen der Theologen oder Metaphysiker, es behaupte vielmehr deren Sinnlosigkeit. Sinnlos ist das Nachdenken über Gott deshalb, weil Gott in der Kritischen Theorie nicht real existiert, sondern nur ein Phantasieprodukt leidender Menschen ist. Theologie als Nachdenken und Reden über Gott ist dann eben nur Reden über nichts oder über menschliche Einbildungen.

Die “Moderne” oder das nach-metaphysische Zeitalter sei die Epoche des Massenatheismus: die katholische Kirche sei in mehrere Konfessionen und in eine Unzahl von Denominationen zersplittert, und alle moderne Theologie sei Schrumpfungsprozeß, der zur Auflösung führe, weil diese “moderne” Theologie die Unterschiede
zwischen Heils- und Weltgeschichte,
zwischen Diesseits und Jenseits,
zwischen Kirche und Welt,
zwischen Theologie und Soziologie,
zwischen Seelsorge und Psychologie,
zwischen Christen und Nichtchristen,
also den überlieferten Dualismus,
einebne.

Mit dieser Zustandsbeschreibung von 1974 hat Habermas sogar recht behalten. Habermas hält es schließlich für gerechtfertigt (und notwendig), daß überall dort, wo in der idealistischen Philosophie “Gott” gedacht oder geschrieben wurde, “Mensch” oder “menschliche Gattung” einzusetzen sei. Damit wird Gott entthront, der Mensch bzw. die Gesellschaft dagegen werden vergöttlicht.

Wenn ein dogmatischer Marxist gefragt wird, wie ein “Sozialist” die Frage nach Gott beantworten würde, würde er mit Karl Marx antworten, der “sozialistische Mensch” sei so, daß er diese Frage nicht mehr stelle.

Zusammenfassung:

Der Neomarxismus der “Frankfurter” ist seinem Selbstverständnis nach anti-idealistische, materialistische Philosophie, sie ist anti-metaphysische, atheistische Philosophie und damit zugleich Negation des christlich-abendländischen Denkens, unvereinbar mit christlicher Theologie. Das radikal emanzipatorische Konzept der “Frankfurter” ist immanentistisch und widerstreitet übers Ganze dem Konzept christlicher Theologie von Erlösung und Befreiung.

Die Kritische Theorie ersetzt “Gott” durch “Gesellschaft”, sie vergesellschaftet Gott und divinisiert die Gesellschaft als das Subjekt der Geschichte. Die Kritische Theorie ist materialistische Religion, Selbsterlösungsglaube, profaner Messianismus.

Die konsequentesten Nach-Denker der Kritischen Theorie sind im Bereich Theologie und Metaphysik Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann, ferner auf katholischer Seite Eugen Drewermann und auf evangelischer der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann. [9]

Ihre Theologie ist negatorisch, verneinend-bestreitend. Die Mode- oder auch Genitiv-Theologien wie z.B. die “Theologie der Revolution”,[10] die “Befreiungstheologie”,[11] die “Politische Theologie”[12] und die “Theologien des Feminismus”[13] wären ohne die Kritische Theorie nicht denkbar.

Wenn Gott eine falsche Hypothese ist, wenn Gott tot ist, wie es nun sogar Theologen, z. B. die evangelische Theologin Dorothee Sölle, verkünden, wenn Gott nur eine Projektion des leidenden Menschen ist oder wenn wir selbst gemäß dem kommunistischen Programm Gott aus unserem Denken und aus der Gesellschaft vertreiben, dann müssen wir unsere Religion vergessen, ad acta legen, weil sie lediglich unaufgeklärt-mythisches Bewußtsein widerspiegelt, weil sie anachronistisch geworden ist und weil sie falsche “herrschaftslegitimierende Weltbilder” erzeugt.

Mit der Abschaffung der “religio” müßten wir neu darüber nachdenken, wie man im nach-metaphysischen Zeitalter (ohne Gott) atheistisch-religiös leben kann. 

Wenn Gott tot ist oder wir ihn mit den “Frankfurtern” und Sölle für tot erklären, dann bedeutet das die Wiederbelebung des nietzscheanischen oder des Schopenhauerschen Nihilismus/Atheismus, dann bedeutet das, wie Habermas mit einer gewissen Häme formuliert hat, die Absage an Sinn: [14]

„Sinn ist eine knappe und immer knapper werdende Ressource.“

Ohne den obersten (absoluten) Wert (Gott) verlieren alle Werte und alle Orientierungen an Bedeutung: Warum etwa sollen wir gut sein und nicht böse, warum sollten wir die Zehn Gebote oder die Normen der Bergpredigt beachten, wenn die Antwort dahinter nicht immer wieder lautete: weil Gott selbst es so gewollt, geordnet, für richtig befunden hat.

Der standhaft atheistische Philosoph Jean-Paul Sartre beantwortet die Frage nach Gott sinngemäß wie folgt: Wenn er nicht existiert, dann ist die Geschichte eines jeden Menschen eine Geschichte des Scheiterns, dann ist menschliches Leben absurd, dann bliebe nur die Verzweiflung, die nackte Angst, der Strick. Wenn es keinen Gott gibt, heißt es bei dem großen christlichen Denker Rußlands Fjodor Dostojewski an zentraler Stelle, dann ist alles erlaubt, wenn Gott tot ist, so kann es kein Glück mehr geben.

Die Rezeption der religionsphilosophischen These der Kritischen Theorie in die Theologie kann die Frankfurter Schule als ganz unerwarteten, aber ganz großen “Erfolg” verbuchen, die Folgen sind gar nicht zu übersehen. Wo immer das Christentum zurückgedrängt wird oder zurückweicht, besetzen der Islamismus, die Gnosis oder Esoterik, mehr und mehr auch der Buddhismus und Okkultismus die gesellschaftlichen Leerstellen.

2. Die anthropologische/erziehungsphilosophische These

Der verzweifelte Zustand der Gesellschaft wird am Subjekt deutlich. Die Frankfurter stellen dem “alten” bürgerlichen Menschen mit seiner Menschenwürde, der in Familien zu einem gewissensorientierten moralischen Verhalten erzogen wurde, den “neuen”, ganz anderen Verhaltenstypus gegenüber, der in “alternativen” Institutionen mit neuen wissenschaftlichen Methoden und nach neuen Leitbildern (Lebensentwürfen) erzogen werden soll.

Deshalb kritisieren sie den “alten” Menschen als kapitalistisch deformiert und psychisch krank, während sie den “neuen” Menschen als Ideal entwerfen. Nur diesem “neuen” Menschen mit den kollektiven Ich-Strukturen trauen die Frankfurter die Rebellion gegen das Bestehende, die Veränderung der von ihnen gehaßten gesellschaftlichen Strukturen und ein Leben unter sozialistischen Bedingungen zu.

Die Kritische Theorie hat insgesamt ein negatives Verhältnis zum Individuum, der Mensch der bürgerlichen Epoche sei das Produkt kapitalistischer Produktions- und patriarchalischer Gewaltverhältnisse: „Das Über-Ich, im eigenen Hause ohnmächtig, wird zum Henker in der Gesellschaft.“[15]

Die Kritik ist bei Adorno besonders schrill, empört [16] und radikal, wenn er etwa formuliert: Das Subjekt ist die Lüge […], die Menschen, keiner ausgeschlossen, sind überhaupt noch nicht sie selbst.“[17]   „Der Mensch ist ein Raubtier.“[18]

Das Individuum sei dem Idol “Herrschaft” geopfert worden und damit verschwunden. Das “Ich” des bürgerlichen Typus sei nichts anderes als die Verinnerlichung von Herrschaft und Unterdrückung, durch das Gewissen habe der Mensch Herrschaft über sich selbst errichtet. Adorno weiter: „Das Gewissen ist das Schandmal einer unfreien Gesellschaft.“ [19]

Die ganze Argumentation gegen den “alten” zu überwindenden Menschen gipfelt in dem Satz: Schizophrenie ist die geschichtsphilosophische Wahrheit übers Subjekt und in dem Appell, das Subjekt aufzulösen, in die Dissoziation und frühkindliche Unordnung von Es, Ich und Über-Ich zurückzustürzen, in einen Entwicklungszustand also, der noch von keinem festen Ich gesteuert wird.

Hier wird deutlich, daß Adorno und mit ihm die Links-Freudianer die Freudschen Begriffe verwenden und gegen die Freudschen Intentionen argumentieren, also nicht zur Stärkung oder Restabilisierung, sondern zur Destabilisierung der Bildungssubjekte aufrufen.

Die Grundidee, das Leitbild des “neuen” Menschen, ist bei Marcuse der orphisch-narzißtische Mensch. Marcuse wählt dieses Bild aus der griechischen Mythologie mit Bedacht, um es mit dem Gegenbild von König Ödipus zu konfrontieren.

Im sogenannten ödipalen Konflikt mit der Vater-Autorität verschafft sich der heranwachsende Mensch nach Freud eine eigene Geschlechtsidentität, ein frei bejahtes Gewissen, eine positive Einstellung zur zeugenden Sexualität.

Orpheus und Narziß dagegen stehen für vorödipale, infantil-anarchische Sexualität: Orpheus ist der Sänger, der befreit ist vom Druck der Zeit und der Arbeit, der nur noch singt. Und Narziß ist der in seine eigene Schönheit verliebte Jüngling, der sich selbst im Spiegel des Sees zu ergreifen versucht und dabei ertrinkt. Orpheus und Narziß sind für Adorno die Urbilder der “Großen Weigerung”:
der Verweigerung des ödipalen Konfliktes,
der Verweigerung des Leistungsprinzips,
der Verweigerung zeugender Sexualität.

Marcuse fordert nichts weniger als die Regression, pointierter noch, die Retrogression des Menschen zur frühkindlichen (strukturlosen, polymorph-perversen) Sexualität.
Das Ziel Marcuses ist die Zerstörung des Leistungsprinzips:Das wäre der “erlöste” Mensch, der auch vom Ich erlöst und in dem alle Transzendenz zur Ruhe gekommen ist.“ [20]

Marcuse plädiert deshalb für die Freigabe der Perversionen; geschlechtliche Perversionen sind für ihn Urbilder völliger Freiheit und Erfüllung.

Wilhelm Reich zusammen mit Marcuse versprechen den Intellektuellen die “Erlösung” durch die sexuelle Revolution.[21]

Von diesem Plädoyer (1966) über die ministeriellen Richtlinien für die Sexualerziehung in den Schulen (ab 1972), über die grundlegende Veränderung des deutschen Sexualstrafrechts (ab 1976) bis zur gesetzlichen Gleichstellung der homosexuellen Beziehungen mit den heterosexuellen Ehepaaren im Bürgerlichen Gesetzbuch (1999) dauerte der “mühsame Marsch durch die Institutionen”, setzte sich die Erfolgsserie der Frankfurter gegen die bürgerliche Gesellschaft christlicher Prägung durch.

Das tiefgehend gewandelte Rechts- und Sittlichkeitsbewußtsein der Deutschen – massenhafte Abtreibung, verbreitete Kinderschändung, Pornographie in allen Medien und “Verschweinung der Gesellschaft” – sind Ursache bzw. Folge dieses beispiellosen Erfolges.

Das Bild, das Habermas vom “neuen” sozialistischen Menschen zeichnet, läßt sich mit folgenden wichtigen Elementen skizzieren:
a) kollektive Ich-Strukturen,
b) reziprokes “demokratisches” Verhalten,
c) kommunikative Ethik.

Dieser “neue” Mensch wäre homo communicativus:

Der “neue” Mensch verdankt seine Ich-Identität nicht mehr seiner Familie, er identifiziert sich nicht mit Vater und Mutter [22], sondern mit Kommunikationspartnern in der Kindertagesstätte, in der Ganztagsschule, im gruppendynamischen Labor oder in der “peer-group”.

Homo communicativus verdankt sich ganz dem gesellschaftlichen Kollektiv, er ist alles durch die Gesellschaft und alles für die Gesellschaft.

Er bindet sich nicht mehr an bestimmte Glaubensinhalte oder Werte, auch nicht an bestimmte Moral- oder Gesetzesnormen wie etwa die Zehn Gebote oder die Normen des Strafgesetzbuches, er folgt nur noch den Verhaltenserwartungen des Kommunikationspartners. Von allen Bindungen und Verbindlichkeiten hat er sich erfolgreich distanziert und emanzipiert.

Homo communicativus hat die christlichen Verhaltensnormen der Zehn Gebote ebenso wie die der Bergpredigt und die Goldene Regel “Was du nicht willst, daß man es dir tu, das füg auch keinem anderen zu” als repressiv durchschaut und hinter sich gelassen.

Für den Kantischen Kategorischen Imperativ vernunftgeleiteten Verhaltens “Handle stets so, daß die Maxime deines Handelns ein allgemeines Gesetz werden könnte” kann der “neue” Mensch nur noch ein müdes Lächeln aufbringen; denn alle diese Normen unterdrücken die menschlichen Bedürfnisse oder lassen weniger Bedürfnisse zur Befriedigung zu als nach dem Stande der Produktion (objektiv) unterdrückt werden müssen.

Homo communicativus erkennt nur noch eine einzige Verhaltensregel als verbindlich an, diese lautet:

“Ich verhalte mich stets so, wie der Andere es von mir erwartet, weil auch der Andere (der jeweilige Kommunikationspartner) sich stets so verhält, wie ich es von ihm erwarte”, d. h. vollständig reziprok (“demokratisch”).[23]

Habermas nennt diese neue kommunikative Moral auch “universalistische Moral”, weil sie sich in der ganzen Welt als verbindlich durchsetzen soll.

Während sich Bürger und Christen an ihr Gewissen binden und sich selbst “bestrafen”, wenn sie den Verhaltenserwartungen des Gewissens nicht nachgekommen sind, orientiert sich homo communicativus an den Verhaltenserwartungen des Außenstehenden. Das gewissensgesteuerte – theonome – Verhalten wird gegen ein gesellschafts- bzw. kollektivgesteuertes – heteronomes – Verhalten ausgewechselt. Für autonomes Verhalten, d. h. aus Freiheit generiertes Verhalten, ist dann kein Platz mehr. [24]

Habermas ist es gelungen, eine Ethik zu formulieren und zu propagieren, die von “erlösungsreligiösen Grundlagen entkoppelt” ist.

Man kann diese Ethik kommunikative oder auch “hedonistische” Moral nennen, weil sie erlaubt, was den beiden Partnern nutzt, was ihnen Vergnügen bereitet. Absolut Böses gibt es danach nicht. Dieser “neue” Mensch mit den kollektiven Ich-Strukturen, der kommunikativen Moral und dem reziproken Verhaltensrepertoire wird seit den 60er Jahren millionenfach in sog. Rollenspielen und gruppendynamischen Labors erzeugt: aus Bürgern werden “Encounter-Konvertiten”, die ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben haben.

3. Die Faschismusthese: Die Familie ist Ursache des “autoritären Charakters” und des Faschismus

Horkheimers Kritik an Ehe und Familie, die der Christ als “Kirche im Kleinen” und der Staatsbürger als “Zelle des Staates” betrachtet, ist besonders aggressiv und polemisch:
Die Ehe sei geschichtlich überholt, sie verliere immer mehr an Bedeutung[25], in der Ehe räume die Lust vor der Pflicht das Feld, in der gegenwärtigen Gesellschaft sei die Lust in die Zote und in die Prostitution verbannt.

Diese Kritik versteigt sich zu der These Horkheimers, die Familie sei die massenpsychologische Grundlage des Faschismus.[26]

In der Familie werde nämlich mit Autorität erzogen und aus dieser autoritätsbezogenen Erziehung gehe der “autoritäre Charakter”, die autoritäre Persönlichkeit, der Typus des Untertanen und Undemokraten hervor, der schon in der Familie gelernt habe, nach “oben” zu katzbuckeln und nach “unten” seine Untergebenen zu treten.

Gegen diesen “autoritären Charakter” fordert Marcuse die Erziehung des anti-autoritären Charakters,[27] eines Menschentypus also, der sich allen Erwartungen und Verpflichtungen der Gesellschaft verweigert und der nur seinen eigenen Bedürfnissen nachgeht.
Lustprinzip gegen Leistungsprinzip heißt die Erziehungsdevise der Frankfurter. Deshalb fordern sie die Erziehungsdiktatur.

Die Familie ist nach Horkheimer nur “kultureller Kitt”[28], Klebstoff also, mit dem das an sich längst brüchig gewordene kapitalistische System notdürftig zusammengehalten und vor dem überfälligen und endgültigen Einsturz bewahrt werde.

Horkheimer hat ganz im Gegensatz zu unseren gegenwärtigen Familienpolitikern erkannt, daß die Familie tatsächlich den Kern der bürgerlichen Gesellschaft bzw. die Mitte des Christentums und der Kultur darstellt. Richtig ist auch, daß diese christlich-bürgerliche Kultur und Gesellschaft, die bewußt als unmoralisch und inhuman diffamiert werden, zusammenbrechen werden, wenn ihnen die Familie entzogen wird.

Den Beweis dafür hat die chinesische Kulturrevolution nach 1949 erbracht.
Der heutige theologische und politische Feminismus wird von Habermas als (vorerst) letzter Versuch angesehen, der Familie das Leben in der Gesellschaft zu erschweren und die Kulturrevolution zu vollenden, anstatt auslaufen zu lassen.

Zu den familienfeindlichen und anti-autoritären Tendenzen in Gesellschaft und Staat, in Schule und Kirche können hier nur einige Stichpunkte genannt werden, die eigentlich in ihrem ideepolitischen Zusammenhang dargestellt werden müßten:
Das Scheidungsrecht berücksichtigt die Schuldfrage nicht mehr.
Fast jede dritte Ehe wird geschieden.
Die Zahl der Eheschließungen geht zurück.
Die Zahl der Alleinerziehenden steigt.
Die Zahl der Kinder je Ehe sinkt gegen 1.
Die Zahl der Scheidungswaisen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, steigt.
Das Mehrwertsteuerrecht benachteiligt Familien mit Kindern.
Familien werden im Steuerrecht 20 Jahre lang benachteiligt.

Die Kriminalität steigt allgemein, die Kriminalität der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden steigt explosionsartig.
Die hohe und steigende Zahl der Ehescheidungen pro Jahr, die hohe und wachsende Zahl von in nicht legalisierten Gemeinschaften lebenden Männern und Frauen und die steigende Zahl von homosexuell zusammenlebenden Partnern zeigt die zunehmende Distanzierung der jungen Generation von der Institution Ehe/Familie und von den mit dieser Institution im Zusammenhang stehenden Normen und Werten (z.B. eheliche Treue, lebenslängliche Monogamie, Homosexualitätsverdikt).

4. Die gesellschafts- und die geschichtsphilosophische These: Das Ganze ist falsch, der Geist der Geschichte = die permanente Katastrophe

Für Horkheimer ist die Gesellschaft in Deutschland eine Klassengesellschaft, in der es sich wenige auf Kosten der vielen gut gehen lassen. [29]

Diese These von Marx haben die Frankfurter nicht auf sich selbst bezogen, obgleich sie alle aus großbürgerlichen Verhältnissen stammten und mit einem Millionenvermögen den Krieg und die Emigration “gut” überstehen konnten.

Die industrielle Gesellschaft sei nicht die Gesellschaft freier Menschen, sondern eine Gesellschaft totaler Unterdrückung und totaler Herrschaft. In der Gesellschaft herrsche die tote Arbeit (Maschine, Kapital) über die lebendige Arbeit (Arbeiter, Mensch). Ursache dieser total gewordenen Herrschaft und Unterdrückung ist nach Horkheimer die Technik. Diese Technik versklave den Menschen und deformiere sein Denken und sein Bewußtsein. Der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft folge daher nicht mehr der humanen, sondern der instrumentellen Vernunft.[30]

Der gesamte technische Fortschritt wird von Horkheimer als ein unendlicher Prozeß der Entmenschlichung beschrieben. Alle versuchten, wohlmeinenden gesellschaftlichen Reformen könnten an diesem Prozeß nichts verändern, sie könnten lediglich das bestehende, kapitalistische System stabilisieren. Nicht Reform, sondern Totalveränderung des Bestehenden heißt die gesellschaftspolitische Devise der Frankfurter.

Die Gesellschaftsanalyse von Habermas läßt sich mit “Verfall” überschreiben. Er spricht von ökonomischen Krisen, die das kapitalistische System ständig erschütterten, aber nicht verhindert werden könnten, von Sinnkrisen, die dem System die motivierenden Kräfte entzögen und von Legitimationskrisen.

Legitimationskrisen entstehen nach Habermas immer dann, wenn die im Staate und in den gesellschaftlichen Institutionen Herrschenden ihr eigenes Tun nicht mehr legitimieren können.
Alle diese Teilkrisen zusammen könnten das System von Herrschaft und Unterdrückung in eine Systemkrise stürzen und damit in den Zusammenbruch des Kapitalismus führen.[31]

Diese technikfeindliche Grundströmung in unserer Gesellschaft führt den “Grünen” ein Wählerpotential von 10%, führt “Greenpeace” und den Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden finanzielle und humane Ressourcen zu und macht die Ökologie zum Staatsziel Nr. 1 und zur alles in ihren Bann schlagenden Ideologie.[32]

Das Bild, das Horkheimer von der “neuen” sozialistischen Gesellschaft zeichnet, ist unklar und höchst widersprüchlich. Einerseits soll es eine Gesellschaft des Genusses [33] sein, in der Triebregungen nicht mehr unterdrückt und verpönt sind (Paradies oder Schlaraffenland), andererseits ist alles geplant und nichts den Kräften des Marktes (Angebot und Nachfrage) überlassen – also strikte Plan- und Staatswirtschaft wie im Kommunismus. An anderer Stelle verspricht Horkheimer den Intellektuellen und studentischen Rebellen die “herrschaftsfreie Gesellschaft”, in der das “Prinzip Herrschaft” endgültig gebrochen sei.

Bei Habermas ist die paradiesisch-sozialistische Gesellschaft exakt umschrieben, hier können nur einige Elemente herausgestellt werden:
alle Bedürfnisse sollen chancengleich zugelassen und befriedigt werden;
alle durch Herrschaft verzerrten Kommunikationsstrukturen der jetzigen Gesellschaft sollen durch den “herrschaftsfreien Diskurs” der Vernünftigen und “Aufgeklärten” abgelöst werden;
alle Machtansprüche müßten sich ständig rechtfertigen.[34]

Habermas fordert und verspricht wie Horkheimer die (völlig) herrschaftsfreie Gesellschaft.
Diese Perspektive bedarf der kritischen Anmerkung: Wenn niemand herrscht, wenn weder der Staat noch die Gesetze herrschen dürfen, dann herrschen alle, dann herrschen insbesondere die Mächtigeren, die Kräftigeren, die Durchsetzungsfähigeren. In der herrschaftsfreien Gesellschaft herrscht das Prinzip homo homini lupus, bzw. bellum omnium contra omnes, herrschen Anarchie und das Recht des Stärkeren.

BILD: Buchtitel „Kulturbruch 68“ von Dr. Karlheinz Weißmann

Auch Adorno macht in seiner Gesellschaftsanalyse das Prinzip Herrschaft verantwortlich für den katastrophalen Ablauf der Geschichte und für die apokalyptische Zukunft der Kultur. In seinem geschichtsphilosophischen Hauptwerk Negative Dialektik zeichnet er den ganzen Weg der Menschheitsgeschichte nach.[17]Anfang der Geschichte habe der Mensch versucht, sich von den Naturgewalten zu emanzipieren.

Bei diesem Befreiungskampf sei dem Menschen die Maschine und die Technologie zu Hilfe gekommen. Der Mensch sei zunächst Herr über die Natur und Herr über die Technik gewesen. Bis genau zu diesem Zeitpunkt der Emanzipation des Menschen von den Mächten der Natur sei der Geschichtsprozeß positiv-dialektisch verlaufen.

Dann aber sei mit der Erfindung der Maschine und der Industrie der Umschlag ins Negative erfolgt: Der Mensch, der die Maschine/Technik erfunden und sich dienstbar gemacht hatte, mußte fortan die Maschine bedienen, mußte sich den Sachzwängen und Gesetzen der Technik und Industrie unterwerfen. Je mehr er sich von der Natur emanzipieren wollte, um so mehr geriet und gerät er unter die Herrschaft und Sklaverei des industriellen Systems.

Herrschaft ist nach Adorno total geworden:
in den Betrieben herrsche die Technik über den Menschen;
in den gesellschaftlichen Institutionen (Familie, Schule, Kirche, Betrieb, Klinik, Bundeswehr) herrsche der Mensch über Menschen;
in seinem Gewissen habe der Mensch Herrschaft über sich selbst errichtet.

“Auschwitz” war also kein Betriebsunfall der Geschichte: »Jeder technische Fortschritt ist ein Fortschreiten in Richtung Abgrund und Katastrophe.«

Das ist die tief pessimistische und deprimierende Botschaft der Frankfurter: der Mensch wird vom Subjekt der Naturbeherrschung zum Objekt total gewordener Herrschaft und Unterdrückung. Aber jedes Zurück bringt ihn erneut unter die Herrschaft der Natur.

Im Hinblick auf diesen geschichtlich-gesellschaftlichen Circulus vitiosus von Emanzipation und Unterdrückung formuliert Adorno den radikalen, an die Wurzeln der Gesellschaft gehenden Satz: Das Ganze ist falsch, die Gesellschaft ist zum Unheil gewuchert [35], sie ist ein unendlicher Fortschritt im Falschen, der Geist der Geschichte ist die permanente Katastrophe, absolute Negativität ist absehbar und überrascht keinen mehr.

Aus dieser Analyse folgert Adorno die Befürwortung der Anarchie, des anarchistischem Aufstandes gegen den technischen Fortschritt, weil nur der Ausstieg aus dem System das Prinzip Herrschaft durchbrechen könne.

Dieses Motiv des Ausstiegs und der Rebellion gegen die Technologie treibt die Grünen” und die Greenpeace-Organisationen zu Handlungen gegen den technologischen Fortschritt.
Ich darf auch daran erinnern, daß bekannte Repräsentanten des sogenannten Militärisch-Industriellen Komplexes (Beckurtz, v. Braunmühl, Herrhausen, Ponto, Schleyer sowie deren begleitende Polizeibeamte) aus eben diesem Motiv von zum Teil akademisch gebildeten Anhängern der Rote Armee Fraktion ermordet wurden.

Bei dem Kampf gegen das Prinzip Herrschaft stehen die Frankfurter auf Seiten der Befürworter der Gewalt.

Marcuse [36] unterscheidet zwei Formen der Gewalt: Auf der einen Seite stehe die »institutionalisierte Gewalt« des Establishments, des Staates, der Institutionen und der Gesetze. Diese Gewalt bezeichnet er als »Gewalt der Unterdrückung«, als »Gewalt der Aggression«, sie stehe im Dienste des geltenden Rechts, sie sei daher »legale Gewalt«, zugleich aber auch »illegitime Gewalt«, weil sie den Menschen in der Gesellschaft die Freiheit, die Befreiung von Herrschaft und Unterdrückung vorenthalte.

Der institutionalisierten Gewalt stehe die 2. Form, die »Gewalt des Widerstandes« gegenüber, die Marcuse auch als »Gewalt der Befreiung« oder als »Gewalt der Verteidigung des Lebens« bezeichnet.

Diese Gegengewalt gegen den Staat sei nach geltendem Recht (Gesetz) notwendigerweise illegal, aber sie sei legitime Gewalt, weil sie auf Befreiung (Emanzipation) vom Bestehenden abziele. Marcuse erklärt, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein »Naturrecht« auf Widerstand gibt und daß außergesetzliche Mittel (Gewalt gegen Sachen/Personen) angewendet werden müssen, sobald sich die gesetzlichen als unzulänglich herausgestellt haben. [37]

Wenn die unterdrückten Minderheiten Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern sie zerbrechen die etablierte (Gewalt), d. h. die Gewalt des Staates, der Gesetze. Und Marcuse weiter: Kein Dritter, am allerwenigsten der Erzieher und Intellektuelle habe das Recht, den Aufständischen, den Gewalttätern Enthaltsamkeit (von Gewalt) zu predigen. Die Botschaft der Frankfurter lautet also: In bestimmten Situationen hat Gewalt mehr Recht als das Recht, das sie bricht.

Diese Heilslehre Marcuses wurde von der Linken als Kampfanweisung gegen den demokratisch legitimierten Rechtsstaat aufgefaßt und umgesetzt.
Seit Verkündung dieser Botschaft wird in politischen Kreisen öffentlicher Diskurs darüber geführt, welche Gewalt illegal, aber legitim bzw. legal, aber illegitim sei und ob Gewalt auch gegen Personen legitim sei. Gewalttäter “mit politischem Hintergrund” können mit mehr Nachsicht der Gerichte rechnen.[38]

Seit Verkündung dieser Botschaft sind Sitzblockaden vor Kernkraftwerken, Munitionsdepots der Bundeswehr oder auf Gleisen der Bundesbahn keine illegale Gewalt (Nötigung), sondern legitim (Recht der freien Meinungsäußerung) und “Befreiung” vom “Atomstaat” bzw. von der “Plutoniumswirtschaft”.

Der Rechtsstaat Deutschland verlangte nicht die Auslieferung des kommunistischen Kurdenführers Öcalan, der unter dem Verdacht des mehrfachen Mordes stand, weil die Bundesregierung die Gewalt der bei uns Gastrecht genießenden PKK-Kurden befürchten mußte und weil die Kurden lediglich die “Befreiung” Kurdistans von Iran und der Türkei durchsetzen wollten.

In Deutschland muß man heute für “linke” Gewalt Verständnis haben, sie wendet sich ja gegen Ungerechtigkeiten in Deutschland und in der Welt. Sie kann mit Nachsicht der Gerichte rechnen, denn die Motive seien “edel”. 

“Rechte” Gewalt dagegen ist verabscheuungswürdig und ruft allgemeine, tiefempfundene Betroffenheit hervor. Sie muß mit drakonischen Maßnahmen bestraft werden, denn es gilt, für alle sichtbar den “Anfängen zu wehren” . Ebenso ist bei Gewalt “mit politischem Hintergrund” sensibler, differenzierter und großzügiger zu verfahren als bei Gewalt ohne “politischen Hintergrund”. Letztere ist kriminell, erstere sollte nicht von vornherein “kriminalisiert” werden.

Gewalt gegen Sachen (Autos, Geschäftsfassaden, Fensterscheiben, Reisebüros, Banken) gefährdet nicht “unsere gefestigte Demokratie”, die Geschädigten haben halt Pech gehabt.
Gewalt gegen Personen gilt im allgemeinen (noch) als Schwerkriminalität, wenn sie nicht nach den Regeln des § 218 StGB (Abtreibung) ausgeübt wird. Sie ist besonders gefährlich und verwerflich, wenn Deutsche an Ausländern solche Gewalt mit oder ohne Todesfolge anwenden.

Weniger gefährlich ist die Gewalt von Fremden gegen Deutsche. An ein und demselben Tag im Februar 1999 wird ein junger Algerier in Guben von deutschen Skinheads in den Tod getrieben. Der Polizeichef von Guben bestreitet einen “politischen Hintergrund” der Tat, die Medien aber sehen darin eine Tat der Neonazis, also Gewalt “von rechts”. Der junge Algerier wird mit einem Quasi-Staatsakt, mit Lichterketten, Blumenbergen und Betroffenheitsszenarien “verabschiedet”.

Der 24jährige Deutsche, der auf dem Bahnhof von Frankfurt-Griesheim am gleichen Tag mit mehreren Messerstichen von Afrikanern niedergestreckt wurde, wird von seinen Eltern still beerdigt, von den Medien totgeschwiegen.

Es gibt also “gute” Tote, die heftig an das Rechtsbewußtsein der Deutschen appellieren sollen, und “schlechte” Tote, die man links liegenlassen kann.

Jede Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung, jedes verbotswidrige Parken in der Innenstadt, jeder Blechschaden im Straßenverkehr sowie jeder Versuch, die Steuerlast zu mindern, wird unnachsichtig verfolgt und spürbar bestraft.

Demonstrieren dagegen Tausende von Ausländern rechtswidrig (Art 8 GG) an Grenzen, auf Autobahnen, in Innenstädten, oder dringen Scharen von PKK-Kurden oder sog. Antifaschisten/Antirassisten mit Gewalt in Parteigeschäftsstellen, in Teestuben oder ausländische Botschaften/Konsulate ein, verzichtet die Polizei (der Staat) auf Festnahmen, Feststellung der Personalien oder Beweismittel, auf Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. 

Der Staat, der auf sein Gewaltmonopol verzichtet und Schwäche demonstriert, erntet Gewalt und Terror und wandelt seinen Charakter, denn der Rechtsstaat folgt den Regeln: “Nur das Recht soll herrschen”, “Gleiches Recht für alle”, “Das Recht braucht der Gewalt nicht zu weichen”.

Zusammenfassung:

Die Speerspitze der Kritischen Theorie ist gegen die durch christlich-bürgerliche Ideen geordnete Gesellschaft mit allen ihren Institutionen und Werten (Familie, Schule, Kirche, Betrieb) sowie gegen den demokratisch verfaßten Rechtsstaat, wie er sich im Grundgesetz Deutschland darstellt, gerichtet.

Die Hauptwaffe der Frankfurter ist die fundamentale, radikale, nichts auslassende Kritik, die sich empört gegen alle Selbstverständlichkeiten, Traditionen, Institutionen und Verbindlichkeiten, die sich insgesamt gegen das Bestehende richtet und die vollständige Alternative zum Bestehenden durchzusetzen versucht.
Ihre Kampftruppen rekrutieren die Frankfurter unter den Linksintellektuellen, unter den emanzipatorisch-feministisch Bewegten und unter den durch die Kritische Theorie “Aufgeklärten” und ideologisch Geschulten.
Die Folgen dieser Auseinandersetzung können hier nur resümierend in Stichworten aufgezählt werden. Auf die “Erfolge” der Frankfurter hat vor allem Habermas hingewiesen.

Unter dem Druck der Dauerkritik am Leistungsprinzip, an der Autorität und an den Institutionen, der permanenten “Hinterfragung” aller Werte, Normen und kulturellen Selbstverständlichkeiten, der “Dauerdemokratisierung” fast aller Institutionen, insbesondere von Kirche, Schule, Universität, Betrieb, Parteien sowie der seit 30 Jahren anhaltenden semantischen Strategie der “Umbegreifung” der Begriffe ist es in der Gesellschaft

zu einer rasanten Schwächung der Erziehungskraft und des Erziehungswillens der Familie und der Autoritäten;
zu einem tiefgehenden Werteverfall bzw. Traditionsbruch zwischen der älteren und jüngeren Generation;
zu einer Legitimations- und Legitimitätskrise;
zu einem grundsätzlichen Wandel des Bewußtseins und des Verhaltens der Bürger gekommen: Permissivität ist gestiegen, Hemmschwellen wurden abgesenkt.

BILD: Buchtitel „Linksversifft“ von Stefan Müller gegen die 68er Bewegung

Die Fähigkeit der Institutionen, sich zu wehren, d. h. der Wille, die überkommenen Institutionen zu rechtfertigen und gegen deren “Enteignung”, “Umfunktionalisierung” oder Auflösung zu verteidigen, ist im Schwinden begriffen.

Diese Folgen der Kritischen Theorie bekommen auch die kirchlichen Verbände und Organisationen zu spüren, ohne zu wissen, woher der Gegenwind kommt.

III. Die Erfolge der Frankfurter in der Gesellschaft nach Habermas

Nach 1980 hat Habermas in verschiedenen Beiträgen sechs Veränderungen genannt, die von der Kritischen Theorie ausgegangen sind und das geistige Klima in Deutschland zwischen 1960 und 1980 revolutionär verändert haben. Habermas verbucht diese Veränderungen als Erfolge, als Siege über die bürgerliche Gesellschaft, die er selbst in polemischer Absicht als “spätkapitalistische” bezeichnet:

1. Ent-Christlichung der Öffentlichkeit

Habermas sieht sich darin bestätigt, daß die Zeit der Hochreligion Christentum abgelaufen sei, daß das Christentum kein allgemein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr sei, sich Massenatheismus ausbreite und der (bisher christlich orientierte) Bürger dem Staate seine (schuldige) Loyalität entziehe.
Es kann in diesem Zusammenhang weder als Zufall noch als Betriebsunfall betrachtet werden, daß im sogenannten Andachtsraum im Berliner Reichstag kein Kreuz zu finden ist, sehr wohl aber ein Hinweis auf Mekka und auf die Klagemauer von Jerusalem.
Das Kreuz wird aus der deutschen Öffentlichkeit verdrängt; es könne ja “bei Bedarf” aus dem Schrank hervorgeholt werden. Auch im Andachtsraum der UNO fehlen christliche Symbole, es befindet sich dort nur ein großer schwarzer Stein.
Auch durch den Spruch des Bundesverfassungsgerichts (Kruzifixe in öffentlichen Schulen) wird das Christentum aus der Öffentlichkeit verdrängt, obwohl sich die große Mehrheit des Volkes zum Christentum bekennt.

2. Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft

Die den Staat tragenden Institutionen werden “umfunktionalisiert”, sie werden ihrer bisherigen Aufgabe “enteignet” und mit neuen “alternativen” Aufgaben betraut.
Die Umfunktionalisierung ist den Frankfurtern am durchgreifendsten bei den obersten Gerichten, den Universitäten und Schulen, aber auch bei den Massenmedien und sozialen Diensten, nicht zuletzt in den Verwaltungsapparaten der Kirchen gelungen.[39]

3. Ent-Ethisierung des Rechts

Die Rechtsnormen des Staates, die Gesetze, enthalten und schützen nicht länger das sittliche Minimum der Rechtsgemeinschaft, sie dienen fortan außerethischen Zwecken wie der Abschreckung oder der Veränderung der gesellschaftlichen Institutionen.
Nach Abschaffung des §175 StGB und Einführung des §218 StGB wäre die gesetzliche Aufwertung der Prostitution zum Beruf (Bundesfamilienministerin Bergmann, SPD) ein weiterer kulturrevolutionärer Schritt in Richtung “Ent-Ethisierung des Rechts” und Enteignung der Familie von ihren bisherigen Privilegien (Art. 6 GG).

4. Ent-Kriminalisierung des Verbrechens

Verbrechen werden weniger individuell dem Täter zugerechnet und angelastet als kollektiv den gesellschaftlichen Verhältnissen. Man ist (fast zwangsläufig) kriminell, weil man unter “kriminell-kapitalistischen” Verhältnissen, unter “struktureller Gewalt” aufwachsen mußte und lebt. Gemäß dieser Argumentation müßten eigentlich die bedingenden Ursachen bestraft und “resozialisiert” werden und nicht der Täter.

5. Ent-Pathologisierung der Krankheit

Man ist nicht etwa krank, weil der Naturhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern weil man durch gesellschaftlichen Streß, durch vergiftende Umwelt, durch Leistungsdruck der kapitalistischen Wirtschaft oder durch repressive Normen der christlichbürgerlichen Moral (Triebverzicht/Askese) beschädigt wurde.

6. Ent-Ästhetisierung der Kunst

Die moderne Kunst folgt nicht mehr den Regeln des Schönen, Wahren, Guten, des Ehrwürdigen oder der Harmonie der Ordnung, sondern ganz bewußt und provokativ der Veralberung und Verächtlichmachung, der Propaganda und Agitation: Das Häßliche, Sinnlose, Anstößige wird dominant.
Aus diesen sechs Entwicklungen wird deutlich, daß Auflösung, Destruktion, Negation die Absicht der Frankfurter und ihrer Epigonen war und ist. [40]

IV. Die geschichtliche Entwicklung der Frankfurter Schule

Zur Darstellung der Geschichte der Frankfurter benötigte Wiggershaus 765 Druckseiten, Jay weitere 420 Seiten. Diese Entwicklung läßt sich im Zeitrafferstil und unter Verzicht auf Details in folgende Abschnitte gliedern:

Durch Eintritt Horkheimers in das damalige Frankfurter Institut für Sozialforschung und mit der Herausgabe der Zeitschrift für Sozialforschung wurde die Frankfurter Schule 1929 gegründet, ausgestattet mit dem Millionen-Vermögen eines jüdischen Weizengroßhändlers.

In der Gründerzeit befaßte sich das Institut schwergewichtig mit marxistischer Kultur- und Zivilisationskritik.

Die Gründer mußten ausnahmslos um 1933 aus rassischen und politischen Gründen emigrieren. Sie forschten in der Emigration im kalifornischen Pacific Palisades, in der Nähe von Hollywood und Los Angeles, insbesondere nach den Ursachen des Antisemitismus, Nationalsozialismus und Faschismus, ohne jedoch auf die amerikanische Wissenschaft und Gesellschaft Einfluß erlangen zu können.

Sie lebten vielmehr in beständiger Angst vor politischer Verfolgung durch die McCarthy-Kommission, die noch 1945 auf Kommunisten in den Vereinigten Staaten Jagd machte.
Nach 1949 blieb Marcuse in den USA, während Horkheimer und Adorno an die Frankfurter Universität zurückkehrten und etwa ab 1960 ihre Frühschriften in großen Auflagen veröffentlichten oder neu auflegten.

Die Hochblüte und zugleich den Abstieg erlebte die Frankfurter Schule zwischen 1965 und 1975. Adorno und Horkheimer wurden Opfer der studentischen Störungen und Institutsbesetzungen, zu denen sie selbst aufgerufen hatten. Auch Habermas entzog sich den Unruhen in Frankfurt, indem er einen Ruf an das Max-Planck-Institut am Starnberger See annahm, das von der deutschen Industrie großzügig mit Forschungsmitteln ausgestattet war.

Vergleicht man abschließend noch einmal das System der Philosophie des Deutschen Idealismus mit dem des deutschen Neomarxismus, so kommt man zu dem an sich erstaunlichen Ergebnis, daß Kant und Hegel rund 150 Jahre benötigten, um sich in den Universitäten, in der bürgerlichen Gesellschaft bzw. in den Rechtsstaaten Westeuropas und den USA durchzusetzen.[41]

Die Frankfurter hingegen brauchten nur 10, maximal 15 Jahre, um die Institutionen von Grund auf umzumodeln und ihre Ideen in Gesellschaft und Kirche zu verwirklichen.
Vor allem auf den folgenden Wegen gelangte die Theorie mit nie gekannter Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit von den Studierstuben aus in die Köpfe und Herzen der Intellektuellen und der nachwachsenden Generation der 68er.

Zunächst entfalteten Horkheimer und Adorno eine intensive Vortragstätigkeit, die im Hessischen Rundfunk eine breite Zuhörerschaft fand.
Der Suhrkampverlag verlegte, z. T. in Großauflagen, alles, was von der Lehrer- und Schülergeneration geschrieben wurde. Von 1963-1980 gab der Verlag 1000 Bände “Kritische Theorie” verschiedenster Fachbereiche heraus.[42] Nach Auskunft von Siegfried Unseld erreichte Suhrkamp bis 1988 eine Auflage von 30 Mio. Der Verlag hat sich um die Frankfurter Schule verdient gemacht.

Unter dem Einfluß der Kritischen Theorie verwandelte sich das Selbstverständnis der geisteswissenschaftlichen Pädagogik rasch zur Erziehungswissenschaft mit emanzipatorisch-kritischem Forschungsinteresse. Der emanzipatorischen Erziehungswissenschaft entsprach die emanzipatorisch-kritische Didaktik für fast alle Schulfächer in der Sekundarstufe I und II der deutschen Schulen.[43]

Im gleichen Zeitraum (1970 – 1980) wurden fast alle Richtlinien für den Unterricht neu geschrieben und die Schulbücher für den Deutsch-, Politik- und Religionsunterricht emanzipatorisch-kritisch ausgelegt.[44]

Die Frankfurter kooperierten mit der emanzipatorischen Bewegung der “Neue Linke”, indem sie diese Protestbewegung als moralische und revolutionäre Macht rechtfertigten und ihr das Programm lieferten, mit dem sich die Linke politisch artikulieren und durchsetzen konnte. Umgekehrt ist die Kritische Theorie durch diese Bewegung erstaunlich rasch und tiefgreifend geschichtswirksam geworden [45], jedenfalls rascher als in Frankreich oder in den USA.

Etwa zeitgleich mit der Verbreitung der Kritischen Theorie in Deutschland kamen nach 1960 die Gruppendynamik und die Gruppendynamische Bewegung aus den USA in die Bundesrepublik und wurden von der neu-linken Bewegung für Ziele der Frankfurter instrumentalisiert.

Von diesen Psychotechniken, die ursprünglich in den Vereinigten Staaten für die psychologische Kriegsführung [46] entwickelt wurden, erwartete sich die neu-linke Bewegung sowohl die Veränderung der Institutionen als auch die tiefgehende Veränderung des Menschen in Richtung auf den “homo communicativus”, sowie die Veränderung des politischen und religiösen Bewußtseins.

Ganz ähnlich wie Habermas die Erfolge der Frankfurter Schule beschreibt, umreißt Oskar Nigsch, ein Studentenpfarrer und prominenter Vertreter der gruppendynamischen Bewegung, die Ziele der Befürworter. [47]

Nigsch stellt die fünf wichtigsten Ziele der Veränderungsagenden wie folgt vor:

Ziel: Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft. die Institutionen sollen nicht länger kulturelle Leitbilder, Normen, Erwartungen bzw. Weltbilder an die nachwachsende Generation tradieren, sondern diese in ihrer “kontrafaktischen Gültigkeit” relativieren, durch Gruppendynamik lockern und auflösen.

Ziel: Ent-Bürokratisierung. Der bei uns eingespielte bürokratische Problemlösungsstil verursache stärkere seelische Störungen als der Kapitalismus insgesamt, weil er die Individuen in ihrer Spontaneität, Initiative und Verantwortungsfähigkeit fundamental beschneide. Durch Einführung gruppendynamischer Elemente in die Bürokratie sollen die Probleme dort gelöst werden, wo sie entstehen, nämlich auf der Gruppenebene. Probleme sollen also nicht auf die nächsthöhere Ebene verlagert und damit entschärft werden.

Ziel: Ent-Hierarchisierung. Hier geht es um die Absetzung und Entmachtung der Hierarchien, der Autoritäten, Vorgesetzten, der Über- und Unterordnungsverhältnisse. Jeder soll seinen Status in der Hierarchie für auswechselbar halten. Alle innovatorischen Impulse und Entscheidungen sollen von gruppendynamischen Prozessen ausgehen (Brainstorming).

Ziel: Ent-Funktionalisierung des Bildungssystems. Bildungs- und Beschäftigungssystem sollen voneinander entkoppelt werden. Schule soll nicht länger Institution der Erziehung und Bildung sein, sondern vielmehr zu einer Veranstaltung der Verhaltensmodifikation, der Verhaltenstherapie und -kontrolle werden. Das bisherige Schulsystem mit seinen Leistungsanforderungen und Auslesemechanismen soll nicht länger die soziale Schichtung der Gesellschaft reproduzieren. In der Gesellschaft soll es keine Schichten, sondern nurmehr ökonomisch-soziale Gleichstellung geben. Diese Gesellschaft der Gleichheit nannte Marx “klassenlose Gesellschaft”.

Letztes Ziel der gruppendynamischen Bewegung ist die Ent-Stabilisierung der Bildungssubjekte. Die Gesellschaft soll an stabilen Ich-Strukturen, wie Freud sie im Auge hatte, kein Interesse mehr nehmen. Durch Gruppendynamik könnten die Ich-Strukturen als “falsche Sicherheiten” interpretiert und “neue Horizonte” erschlossen werden.

Diese destruktiven, kulturrevolutionären Ziele der gruppendynamischen Bewegung sind inzwischen überall dort erreicht worden, wo Gruppendynamik in Kirche, Schule, Betrieb, Klinik, Behörde, Kloster stattgefunden hat. Diese Ziele decken sich vollständig mit dem “reeducation program” der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem die “faschistischen” (autoritär erzogenen) Deutschen zu Demokraten umerzogen werden sollten. Die Frankfurter tragen zu Recht den Titel »Philosophen der Reeducation«.[48]

Zusammenfassung:

An Stelle einer eigenen Zusammenfassung verweise ich auf ein Resümee von Juan Donoso Cortés.[49]

In einer Denkschrift stellt Donoso Cortés (1809-1853, spanischer Staatsrechtslehrer und Kritiker des (theoretischen) Sozialismus) zwei Gruppen von furchtbaren und folgenschweren Irrtümern heraus, die entweder 1. zur “allgemeinen Auflösung”, zur Anarchie oder 2. zur Verwirklichung von Despotismus riesigen Ausmaßes führen.

Die erste Gruppe der Irrtümer zielt auf Übersteigerung der menschlichen Freiheit, auf gewaltsame Zerstörung aller menschlichen Einrichtungen. Die zweite Gruppe zielt auf völlige Umwälzung und Unterdrückung der menschlichen Freiheit.
Der 1. Gruppe sind die Sozialisten, der 2. Gruppe die Kommunisten zuzuordnen.

Die Sozialisten erstreben vor allem die unbegrenzte Ausdehnung der individuellen Freiheit (Emanzipation) auf Kosten der Staatsobrigkeit, die geschwächt und beseitigt werden soll.
Die Kommunisten erstreben dagegen die völlige Unterdrückung der menschlichen Freiheit und gleichzeitig die Ausdehnung des Staates ins Kolossale an.

Die Sozialisten und die Kommunisten (und, wie wir gesehen haben: die Neomarxisten) geben sich – religiös gesehen – nicht damit zufrieden, Gott in den Himmel zu verbannen, sie gehen vielmehr weiter, bekennen sich offen zum Atheismus und leugnen das Dasein Gottes überhaupt.

Wenn man aber – wie diese drei Gruppen – Gott, die Quelle und den Ursprung jeder Autorität, leugnet, dann ergibt sich daraus logisch die Leugnung der Autorität selbst, und zwar bedingungslos und vollständig. Die Leugnung der weltumfassenden Vaterschaft Gottes bringt die Verneinung der Vaterschaft in der Familie mit sich. Die Leugnung der religiösen Autorität hat ebenso logisch die Leugnung der politischen Autorität zur Folge. “Wenn einmal der Mensch ohne Gott auskommen will, dann sofort auch der Untertan ohne König und der Sohn ohne Vater.”

Fußnoten / Anmerkungen:

Rudolf Willecke, Flaßkuhl 30, D-48167 Münster, Tel. 0251-619047; geb. 1933, Studium der Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik in Frankfurt/M und München: Dipl.-Kfm., Dipl.-Hdl. Studium der Philosophie und Psychologie in Münster; bis 1997 Studiendirektor am Seminar für Lehrer der Sek.St. II für Wirtschaftswissenschaften und Recht. Seit 1997 i.R. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Pädagogik/Gruppendynamik und Bildungspolitik/Kulturrevolution.
Erstveröffentlichung in der Schriftenreihe der Aktion Leben e.V., Heft Nr. 10, Postfach 61, D-69518 Abtsteinach/Odw., 3. Auflage 2002.  Der vorliegende Text ist teils ergänzt, teils gekürzt.
[1] R. Wiggershaus, Die Frankfurter Schule – Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung, Hanser Verlag, München 1988.
[2] M. Horkheimer, Traditionelle und Kritische Theorie (4 Aufsätze), Fischer TB, Frankfurt/Main 1970. Kritische Theorie ist, wie P. Tillich, der Religionsphilosoph der ersten Stunde, formuliert »ebenso sehr Kampf [!] um die sozialistische Kulturidee wie um die sozialistische Wirtschaftsidee«, sie steht auf »seiten des Materialismus gegen den Idealismus«, auf »seiten des Liberalismus gegen die Orthodoxie« und »lieber auf seiten des Atheismus als irgendeiner Art von autoritärer [!] Religion« (S. 73). Tillich war sich des Sieges nicht ganz so sicher wie seine Mitkämpfer, er hielt es für möglich, daß »am Ende der kapitalistischen Entwicklung« nicht nur »der Sozialismus, sondern auch die Barbarei« stehen könnten (S. 100). P. Tillich, Die sozialistische Entscheidung, Medusa Verlag, Berlin 1980. Kritische Theorie ist also parteiliche, interessengebundene “Wissenschaft” oder Ideologie.
[3] F. Romig, »Der Ungeist der Frankfurter Schule«, in: Aula, Österreich 11/1998, S. 30-33. Romig spricht zu Recht vom »Ungeist«. Der “Geist” der Frankfurter Schule ist der Geist des Mephistopheles in Goethes Faust, erster Teil: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht […] so ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.«
[4] Vgl. R. Wiggershaus, aaO. (Anm. ), II. Publikationen des Instituts und seiner wichtigsten Mitarbeiter bzw. der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule, S. 739-765; vgl. auch M. Jay, Dialektische Phantasie – Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923 bis 1950, Fischer TB, Literaturverzeichnis S. 405-422.
[5] H. Günther, C. u. R. Willeke, Die Gewalt der Verneinung – Die Kritische Theorie und ihre Folgen, Seewald, Stuttgart 1978.
[6] M. Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt M. 1976, S. 267.
[7] J. Habermas, Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt M. 1976, S. 19.
[8] J. Habermas/D. Henrich, Zwei Reden aus Anlaß des Hegel-Preises, Suhrkamp tb, Frankfurt M. 1974.
[9] G. Lüdemann, Ketzerei, die andere Seite des frühen Christentums, Radiusverlag, Stuttgart 1994.
[10] E. Feil/R. Weth (Hg.), Diskussion zur “Theologie der Revolution”, München/Mainz 1969.
[11] Vgl. G. Gutiärrez, Theologie der Befreiung, München 1873.
[12] J. B. Metz in: H. Peukert (Hg.), Diskussion zur “Politischen Theologie”, München/Mainz 1969.
[13] H. Schenk, Die feministische Herausforderung – 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, Beck, München 1981, 2. Aufl. C. Haqlkes, Gott will nicht nur starke Söhne – Grundzüge einer feministischen Theologie, Gütersloh 1980. Feministische Theologie als Befreiungstheologie will
Befreiung von Unterdrückung
Herrschaftsfreie Gesellschaft durch Bewußtseinsänderung
Eine neue Kirche (Antikirche)
den neuen Menschen, die neue (androgyne) Frau
Umwertung der Werte, Umbegreifung der Begriffe durch Selbsterlösung und Negation des Bestehenden.
[14] J. Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt M. 1973, S. 104.
[15] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 118.
[16] R. Wiggershaus, aaO. (Anm. ), verweist darauf, daß Adorno mit »haßerfülltem Herzen« bei der gemeinsamen Sache war: »Wichtig waren für Horkheimer schließlich Adornos von Haß geschärfter Blick auf das Bestehende und seine Aggressivität«, S. 185.
[17] Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt M. 1966, S. 272.
[18] Ebd., S. 339.
[19] Ebd., S. 270.
[20] H. Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt M. 1966, S. 130. An anderer Stelle fordert er: »Der Bruch mit dem Kontinuum der Herrschaft muß ein Bruch mit deren Vokabular sein.« Es geht den Frankfurtern also um die Umbegreifung der Begriffe (»semantische Strategie zur Tarnung der eigenen Intentionen«), um Umwertung der (christlich-bürgerlichen) Werte sowie um Umorientierung des moralischen Bewußtseins. Die Frankfurter haben die gesamte Werte-Ordnung durcheinander gewirbelt.
[21] W. Reich, Die sexuelle Revolution, Fischer TB, Frankfurt M. 1977.
[22] J. Habermas, aaO. (Anm. ), S. 65: »Die intrapsychische Auseinandersetzung [der ödipale Konflikt, Verf.] soll in der total vergesellschafteten Gesellschaft, die die Familie sozusagen unterläuft und dem Kinde die kollektiven Ich-Ideale unmittelbar aufprägt, obsolet geworden sein.«
[23] Ebd., S. 150: »Soziale Rollen können zwei verschiedene Verhaltenserwartungen konditional so verknüpfen, daß sich ein System wechselseitiger Motivation bildet. Alter darf damit rechnen, daß Ego seine, Alters, Verhaltenserwartungen erfüllt, weil Ego damit rechnet, daß Alter seine, Egos Verhaltenserwartungen, ebenfalls erfüllt.«
[24] Ebd., S. 74: »Solange sich das ich von seiner “inneren Natur” abschnürt und die Dependenz von Bedürfnissen verleugnet, bleibt die noch sehr durch Prinzipien geleitete Freiheit gegenüber bestehenden Normensystemen in Wahrheit unfrei.« Das ist der Habermas’sche Freiheitsbegriff.
[25] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 300f.
[26] Das Antisemitismus-Projekt des Instituts für Sozialforschung, in das die »Studien über Autorität und Familie« einbezogen waren, wurde ab 1938 vom American Jewish Committee, vom American Jewish Congress, von der Anti-Defamation-League und vom Jewish Labor Committee mitfinanziert: Wiggershaus, aaO. (Anm. ) S. 391.
Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung wurden über 1943 hinaus in den USA nicht veröffentlicht, weil sie zeigten, daß der Antisemitismus bei Kriegsausbruch in den Staaten weiter verbreitet war als in Deutschland. »Horkheimer behauptet, der soziale Antisemitismus sei in den USA weitaus schlimmer als in Europa und lege die Annahme nahe, daß – ungeachtet der offensichtlichen Unterschiede zwischen den USA und dem Dritten Reich – der Unterschied in der psychologischen Basis gefährlich klein sei.« (Wiggershaus, S. 406)
Horkheimer fürchtete, »daß ein weitaus verbreiteteres und brisanteres antisemitistischen Potential [in den USA, Verf.] bereits unter weitaus weniger kritischen, politisch-ökonomischen Bedingungen als in Deutschland in offenen und gewaltsamen Antisemitismus umschlagen könnte.«
Horkheimer betrachtete dieses “Antisemitismus-Projekt” und die »Studien über Autorität und Familie« als ernstzunehmenden Beitrag zu dem großen Kampf (!) gegen den Antisemitismus (Wiggershaus, S. 404), deshalb ließen er und Adorno »die institutsübliche Praxis strategisch verstandener Selbstzensur wie eh und je weiter[laufen]« (Wiggershaus, S. 408), ohne das Projekt jedoch zum Abschluß bringen zu können, »das Institut hatte sich übernommen« (Wiggershaus, S. 412).
Die Frankfurter sind Meister der Tarnung, der semantischen Strategie und der opportunistischen Anpassung.
[27] Adorno fordert eine Erziehung, die jede Identifikation der Kinder mit ihren Eltern verhindert, eine Erziehung zum Widerstand und Widerspruch, eine Erziehung des “Madigmachens” und des “Perhorreszierens aller Wirklichkeit”. In der Jugend soll ein Bewußtsein dafür erweckt werden, daß die Menschen in der Gesellschaft immerzu betrogen werden. Damit sollen sie zu Fremden werden in einer ihnen feindlich gegenüberstehenden Gesellschaft. Dieses Erziehungsprogramm übernahmen viele Schulbücher der 70er Jahre, vgl. Anm. 39.
[28] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 272.
[29] M. Horkheimer, Kritische Theorie II, Frankfurt M. 1968, S. 9.
[30] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 13.
[31] J. Habermas, aaO. (Anm. ), S. 129.
[32] 1981 fürchteten 76 % der unter 24jährigen Deutschen, daß »Technik und Chemie« unser Leben und die Umwelt zerstörten. BMJFG, Jugend in der Bundesrepublik heute – Aufbruch oder Verweigerung?, 1981.
[33] M. Horkheimer, aaO.(Anm. ), S. 161.
[34] J. Habermas/N. Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt M. 1971, S. 286-290.
[35] Th. W. Adorno, aaO. (Anm. ), S. 73: Der von der Menschheit angestrebte Fortschritt habe nicht vom Wilden zur Humanität, sondern vielmehr von der Steinschleuder zur Megabombe geführt. Der technische Fortschritt ist also ein mißlungenes Projekt. Damit ist dem Rationalismus (dem Glauben an die Kraft der menschlichen Vernunft) und der Aufklärung Kants (wenn die Menschen nur von ihrem Verstand Gebrauch machen und sich gemäß den Gesetzen der Vernunft verhalten, dann ist der Fortschritt des Menschengeschlechts unaufhaltsam) eine scharfe Absage erteilt.
[36] H. Marcuse, Das Problem der Gewalt in der Opposition, Frankfurt M. 1966.
[37] R. P. Wolff, B. Moore, H. Marcuse, Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt M. 1966, S. 127 ff.
[38] Anmerkung der Redaktion: Dies gilt offenbar nur für Gewalttäter mit linkem politischem Hintergrund. Für rechte Gewalttaten gilt das Umgekehrte.
[39] st an Rechts- und Sittlichkeitsbewußtsen.
[40] Prof. Dr. Gerhard Gerlich, Direktor des Instituts für Mathematische Physik der Universität Braunschweig, 2002:
»Die 68-er bescherten uns eine neue “Wissenschaft”, die neomarxistische “Kritische Theorie”, in der sich alle die tummeln konnten, die in den klassischen Disziplinen nichts zustande gebracht hatten. Auf diese Weise bekamen die marxistischen Prognosen, die insbesondere den Untergang des Kapitalismus und das Arbeiterparadies auf Erden versprachen, den Anstrich wissenschaftlicher Aussagen.
Jeder Ignorant, Betrüger oder Dummkopf konnte so plötzlich zu einem Wissenschaftler werden. Auch wurde der Begriff der “gesellschaftlich relevanten Wissenschaften” geboren. […] Die “zweckfreie” Wissenschaft wurde durch die “gesellschaftlich relevante” Wissenschaft ersetzt.«
[41] A. Bloom, Der Niedergang des amerikanischen Geistes – Ein Plädoyer für die Erneuerung der westlichen Kultur, Hoffmann & Campe, Hamburg 1988.
[42] edition suhrkamp, Band 1 bis Band 1000, 1963-1980, Frankfurt M. 1980.
[43] Repräsentativ für emanzipatorische Didaktik: H. u. Th. Castner, Emanzipation im Unterricht – Didaktik und Methodik einer Wirtschafts- und Gesellschaftslehre, Bad Homburg v. d. H. 1972 (M. Gehlen):
»Die emanzipatorische Gesellschaft bedarf der emanzipatorischen Schule. [Die Emanzipation der Schüler] mündet in demokratisch-sozialistisches Verhalten und gipfelt in der Überwindung des menschlichen Egoismus und individueller Herrschaftsinteressen.«
In einem vom (kath.) Deutschen Katechetenverein herausgegebenen Unterrichtsmodell für den Religionsunterricht der 6./7. Jahrgangsstufe zum Thema Normen – Hilfe oder Gefährdung?, München 1980, schrieb der Herausgeber: »Emanzipatorische Erziehung ist heute nötiger denn je«, es gehe in dem Modell »um die Erarbeitung eines Instruments zur Normenkritik«, diese Erziehung sei »gesellschaftlich notwendig und theologisch legitim, weil heute überall[!] über Menschen geherrscht, überall mit Sanktionen Herrschaft aufrechterhalten« werde. (Lehrerhandbuch, S. 6f.)
[44] H. Günther/R. Willeke, Was uns deutsche Schulbücher sagen – Eine empirische Untersuchung der genehmigten Deutsch-, Politik- und Religionsbücher, Bonn 1982; vgl. auch K. J. Groth/J. Schäfer, Eingetrichtert – Die tägliche Manipulation unserer Kinder im Klassenzimmer, Universitas, München 1999.
[45] Von der Außerparlamentarischen Opposition (APO), dem Sozialistischen Hochschulbund (SHB/SDS), den Marxismus-Leninismus- und den verschiedensten “Friedens”-Gruppen führte der Weg vor allem zu den Grün/Alternativen, zu den extremistischen Links-Autonomen und zu den Schalthebeln in Politik, Hochschule, Justiz, Kultur und Massenmedien. Der “Marsch durch die Institutionen” von 1968 endete 1998 im Deutschen Bundestag und 1999 in der Brüsseler EU-Zentrale. Der politische Kampf gegen den Staatsfeind Nr. 1, das Establishment, führte zur Herrschaft der Aufständischen (68er, Frankfurter) durch Besetzung staatlicher und gesellschaftlicher Machtpositionen und zur Absicherung gesellschaftlicher Privilegien für die eigene Klientel. Vgl. R. Proske, Vom Marsch durch die Institutionen, v. Hase & Köhler, Mainz 1997.
[46] Gegen Deutschland, Anm. der Redaktion.
[47] O. Nigsch, »Studentische Lernapathie – Herausforderung oder Überforderung der Gruppendynamik?«, In: Zeitschrift “Gruppendynamik”, 1975/6; vgl. auch H. Günther, C. u. R. Willeke, Die gruppendynamische Bewegung in Kritik und Selbstkritik, Paderborn 1977, (Dt. Institut für Bildung und Wissenschaft); vgl. auch B. Schwertfeger, Der Griff nach der Psyche – Was umstrittene Persönlichkeitstrainer in Unternehmen anrichten, Campus, Frankfurt M. 1998.
[48] Antworten auf Jürgen Habermas, H. U. Gumbrecht, »Reeducation«, in: FAZ, 18.6.99, S. 52ff.
[49] J. Donoso Cortés, Die Hauptirrtümer der Gegenwart nach Ursprung und Ursachen, Denkschrift an Seine Eminenz Kard. Fornari, 19. Juni 1852, Wien 1932 (Hg. Karl Haselböck).
Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 57-68

Wir danken dem Autor, Studiendirektor i.R. Rudolf Willeke aus Münster, den wir seit Jahrzehnten kennen und schätzen, für seine freundliche Abdruckerlaubnis


Die ideologischen Wurzeln des Genderismus

Mathias von Gersdorff

Genderisten werfen nicht selten Gender-Kritikern vor, sie würden übertreiben. Die Gender-Ideologie behaupte nämlich gar nicht, die Geschlechter seien reine kulturelle und soziale Konstruktionen, sondern es ginge lediglich um Gleichberechtigung und Verständnis für andere Lebensweisen.

Das stimmt aber nicht: Gender ist eine Weltanschauung, die eine völlig neue und antichristliche Anthropologie durchsetzen will. In der Tradition des Neomarxismus vertritt Gender die Auffassung, der Mensch sei eine Kreation der Umwelt bzw. der kapitalistischen Gesellschaft; sie würde dem Einzelnen vorgeben, was er von sich selbst halten soll.

Das betrifft übrigens nicht nur die Geschlechtlichkeit, sondern alle Merkmale, die entscheidend für die Bildung der Persönlichkeit sind.

Marxisten und Neomarxisten (die sog. 1968er) vertreten eine radikale Milieutheorie, wonach der Mensch keine Individualität besitzt, sondern komplett von den sozialen Strukturen geprägt ist, in denen er lebt. Für Karl Marx ist dies der Ursprung der Entfremdung. Diese kann nur durch die Zerstörung der Strukturen, die den Einzelnen eingrenzen, erreicht werden.

Was für Karl Marx der Klassenkampf zur Überwindung des Privateigentums über die Produktionsmittel war, ist für Gender-Ideologen der Kulturkampf gegen die Natur (die sie als Biologismus bezeichnen).

Weil beide Kämpfe sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge richten, können sie eine neue Ordnung nur über die Errichtung einer Diktatur und die Ausschaltung der Freiheit erreichen.

Ein Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit Lann Horscheidt, einer Professorin für Gender-Studies in Berlin, zeigt deutlich, wie radikal und weltfremd diese Ideologie tatsächlich ist. Das Geschlecht ist für Hornscheidt kurzerhand eine „Erfindung des Sexismus“.

Wir zitieren und kommentieren einige ihrer markantesten Aussagen:

Lann Hornscheidt: Ich verstehe mich nicht als weiblich oder männlich, und die Konsequenz daraus ist, dass ich auch keine Ansprache haben möchte, die mich als eines von beidem herstellt. Das ist eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe.

Kommentar: Sie akzeptiert nicht, dass der Mensch mit einer bestimmten Natur auf die Welt kommt. Sie will sich im Grunde ihre eigene Realität entsprechend ihrer Phantasie „machen“ und strebt auch an, dass ihre Mitmenschen sich entsprechend verhalten. Weil Menschen sich in der Regel nicht den Phantasien anderer fügen wollen, müssen die Gender-Ideologen Wege finden, um der Gesellschaft ihre absurden Vorstellungen aufzuzwingen: Per Gesetze, über das Schulsystem, per Verordnungen supranationaler Organisationen.

Hornscheidt: Wir nehmen in dieser Gesellschaft selbstverständlich an, dass es zwei Geschlechter gibt, sodass eine Infragestellung dessen höchst irritierend ist. Wir werden von Geburt an so orientiert, lernen das im Kindergarten und in der Schule, und wenn alles gut läuft, identifizieren wir uns damit, sind auch zufrieden und versuchen, die Rolle auszufüllen.

Kommentar: Prof. Hornscheidt behauptet, dass der Mensch von Geburt an gleichsam einer Gehirnwäsche unterzogen wird; sie soll nach dem Wunsch der Gender-Ideologen in KITAS und Schulen rückgängig gemacht werden – gegen den Willen der Eltern natürlich. Das Ziel der Gender-Lehrpläne in Hessen, Bayern, Baden-Württemberg, Berlin etc. soll genau diesen Zweck erfüllen: Die Gender-Indoktrination der Kinder, also die Auslöschung des natürlichen Empfindens der Realität in der kindlichen Weltanschauung  und im Grunde eine Aufstachelung der Kinder gegen die Ehe. In gewisser Weise ist Gender ein Klassenkampf der Kinder (von Gender-Ideologen angetrieben) gegen die Eltern, die noch an der Existenz natürlicher Gegebenheiten „glauben“.

ZEIT-Wissen: Geschlecht ist für Sie nichts als eine soziale Kategorie?
Hornscheidt: Es ist eine Erfindung von Sexismus. Bei Rasse würden alle sagen: Die Rasseneinteilung gibt es nur, weil es Rassismus gibt. Keine Person sagt das bei Frauen und Männern, aber diese Unterteilung gibt es auch nur, weil es Sexismus gibt. Dasselbe gilt für Trans. Ich bin ja nicht authentisch Trans, sondern Trans ist in einer Gesellschaft, die die soziale Kategorie Geschlecht so wichtig setzt, eine der wenigen Möglichkeiten jenseits von Weiblichkeit und Männlichkeit.

Kommentar: Hier versucht Hornscheidt, der Gender-Revolution eine moralische Rechtfertigung zu geben und warum sie politisch aktiv sein muss: Die Vorstellung, es gäbe nur Männer und Frauen, ist nichts als eine soziale Konstruktion mit einer politischen Zielsetzung. Mit diesem Postulat verlässt Hornscheidt den rein psychologischen und subjektiven Bereich und geht ins Politische über und liefert die Rechtfertigung für den oben beschriebenen Kampf, um die Mentalitäten der Kinder im Sinne der Gender-Ideologie zu prägen. Dieser Kampf richtet sich notwendigerweise gegen die menschliche Natur, gegen die Eltern und das Christentum. Papst Benedikt XVI. bezeichnete Gender als eine anthropologische Revolution, also eine Auflehnung gegen die eigene Natur, um sie durch ein Phantasiegebilde zu ersetzen.

Dass eine solche Revolution in eine schlimme Diktatur münden kann, die sogar die Psychologie dominieren will, falls sie vorher nicht gestoppt wird, liegt auf der Hand.

Hornscheidt: Es ist eine Frage der Zeit, bis wir bei der Geburt kein Geschlecht mehr zugewiesen bekommen.

Kommentar: Damit legt sie klar das Ziel der Gender-Revolution fest. Diese Aussage ist dermaßen radikal und fanatisch, dass sie einen Aufschrei auslösen müsste. Doch die Gender-Revolution hat offenbar machtvolle Alliierte.

ZEIT-Wissen: Geschlechtlichkeit hat aber doch auch etwas mit Begehren und Sex zu tun.
Hornscheidt: Sexualität, Körperlichkeit und Gefühle sind für uns etwas ganz Ursprüngliches: Ich fühle mich so, und dann muss es auch so sein. Ich liebe nun mal Frauen, oder Männer, also gibt es die auch. Wir glauben, es gibt ein natürliches Empfinden. Aber in einer konstruktivistischen Denkweise gibt es das nicht. Es ist spannend, darüber nachzudenken, was wir glauben, was Lieben ist. Welche Anteile davon vielleicht gesellschaftlich gewollt und konstruiert sind.

Kommentar: In dieser Aussage wird das Utopische der Gender-Ideologie deutlich. Von Anbeginn fühlen sich Menschen zum anderen Geschlecht hingezogen. Dies zu leugnen, erfordert einen fanatischen Glauben an die eigenen Fantasievorstellungen. Wer so denkt, erhebt sich letzlich selbst zu einem Götzen, der über die Realität bestimmt.

Hornscheidt: Die kapitalistische Logik ist Abhängigkeit und der Glaube, dass das, was gut ist, was uns fühlen lässt, von außen kommt.

Kommentar: Hier wird der eigentliche Feind namentlich genannt: Der Kapitalismus. Dieser soll angeblich die Normen vorgeben, nach denen wir uns unsere Weltanschauung basteln, inklusive der eigenen Geschlechtlichkeit. Dies ist einer der Kerngedanken der „Frankfurter Schule“ und damit der sog. 1968er-Revolution. Diese Sicht der Dinge übernahmen Herbert Marcuse und die weiteren Denker der 1968er vom Marxismus, den sie um die Psychoanalyse Sigmund Freunds erweiterten. Daher werden sie als Neomarxisten bezeichnet. Der Klassenkampf wird nicht mehr durchgeführt, um das Eigentum an den Produktionsgütern zu kollektivieren, sondern um die Kultur umzustürzen.

ZEIT Wissen: Was halten Sie von der Idee der Zweierbeziehung? Ein Auslaufmodell?

Hornscheidt: Sie ist auf jeden Fall ein großer kapitalistischer Markt.

Kommentar: Hier übernimmt sie Vorstellungen des Kommunisten Wilhelm Reich und der „Frankfurter Schule“: Die Zweierbeziehung, insbesondere die Ehe, ist lediglich vorhanden, um das bürgerlich-kapitalistische Produktionssystem aufrecht zu erhalten.

Unser Autor Mathias von Gersdorff aus Frankfurt ist katholischer Buchautor und Publizist; er leitet die Aktion „Kinder in Gefahr“ und betreibt u. a. diese Webseite: https://kultur-und-medien-online.blogspot.de/ 


Überraschung: Jürgen Habermas wünscht der „Alternative für Deutschland“ (AfD) Erfolg

Zu dem Autoren der links-intellekutellen „Blätter für deutsche und internationale Politik“ gehört auch der Philosoph und Autor Jürgen Habermas, bekanntlich eine führende Professoren-Gestalt der sog. „Frankfurter Schule“ und einer der bekanntesten Theoretiker der 68er Bewegung. 

Unter der Überschrift „Demokratie oder Kapitalismus?“ beanstandet Dr. Habermas in der jüngsten Ausgabe der erwähnten Zeitschrift mit Recht die zunehmende Zentralisierung und Machtzusammenballung innerhalb von Rat und Kommission der Europäischen Union, ohne daß hierbei zugleich das Europäische Parlament als demokratischer Faktor gestärkt wird.

Kritisch äußert sich Habermas sowohl zu diesem Demokratiedefizit wie auch zum Zukunftsmodell eines europäischen Bundesstaats. Er plädiert stattdessen für eine supranationale Lösung, die ein gemeinsames Regieren auf europäischer Ebene erlaubt, wobei die Mitgliedsstaaten aber zugleich eine starke Stellung innehaben und so gleichsam eine gewisse Garantie für „Recht und Freiheit“ gewährleisten  – letztlich also eine Verstärkung des EU-Staatenbundes statt eines EU-Bundesstaates.

Habermas schließt seinen Artikel mit einigen Sätzen, die das linke Spektrum hierzulande wohl kaum gerne lesen wird:

„In der Bundesrepublik bestärkt eine unsäglich merkelfromme Medienlandschaft alle Beteiligten darin, das heiße Eisen der Europapolitik im Wahlkampf nicht anzufassen und Merkels clever-böses Spiel der Dethematisierung mitzuspielen.

Daher ist der ‚Alternative für Deutschland‘ Erfolg zu wünschen. Ich hoffe, dass es ihr gelingt, die anderen Parteien zu nötigen, ihre europapolitischen Tarnkappen abzustreifen. Dann könnte sich nach der Bundestagswahl die Chance ergeben, dass sich für den fälligen ersten Schritt eine ‚ganz große‘ Koalition abzeichnet.“

Zitatenquelle der FR siehe hier.