Coronakrise 2020: Darf die Kirche auf ihr Grundrecht der Religionsfreiheit verzichten?

Von Dr. Heinz-Lothar Barth

Das, was im Frühjahr 2020 in Folge der Covid 19-Epidemie vorgefallen ist, hat zu Recht die Gemüter fast aller Menschen irgendwie berührt, ja oft erschüttert, wobei wir in Deutschland noch relativ glimpflich davongekommen sind.

Im folgenden wollen wir nicht im großen Stil die Maßnahmen der Politiker kommentieren, deren Radikalität in manchen anderen Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich mit totalen Ausgehverboten noch einschneidender waren. Da ist sicher aber einiges auch bei uns schiefgelaufen.

Eine kritische Vorüberlegung

Das wird schon an einem besonders auffälligen Beispiel gleichsam symbolhaft deutlich. Man betrachte nur, wie man mit den Schutzmasken umgegangen ist: „Sie waren erst schädlich, dann überflüssig, schließlich nützlich und heute sind sie unbedingt notwendig.“[1]

In einem Interview vom 17. April riet selbst Prof. Christian Drosten noch vom Tragen der Mund-Nase-Schutzmasken ab[2] (wie übrigens zuvor auch die WHO und das Robert Koch-Institut), dann aber wurden sie unter drastischen Geldstrafen für bestimmte Bereiche (Geschäfte, Busse und Eisenbahn) sogar verbindlich vorgeschrieben.

An eine Aufhebung dieser Verordnung ist nicht zu denken, obwohl der „Maulkorb“ fast immer falsch gehandhabt wird und mindestens dadurch mehr gesundheitlichen Schaden anrichtet als er nützen könnte – von Menschen mit Schwächen der Atemwege und Belastung unter großer Sommerhitze einmal ganz abgesehen.

Jüngst nahm der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck, in einigen Fragen Antipode seines Kollegen Drosten, warnend zum Gebrauch der Maske Stellung. Der Bonner „General-Anzeiger“ (11./12. Juni 2010, 28) titelte: „Maske als Nährboden für Mikroben. Bonner Virologe warnt vor falschem Gebrauch“.

Da man die verantwortlichen Politiker weder als Vollidioten noch als Sadisten einschätzen möchte, drängt sich vielen Zeitzgenossen ein dringender Verdacht auf: Auf solche Weise soll offenbar  das Symbol der „Neuen Normalität“[3] (so bezeichnen Politiker wie Bundeskanzlerin Merkel die jetzige Situation, „Realität“ oder „Wirklichkeit“ scheinen nicht auszureichen) weiter stets sichtbar bleiben, die Bevölkerung an den Krisenmodus erinnern und dadurch eine gewisse Stimmung der Angst aufrecht erhalten. Wohl nicht ganz ohne Grund sprach Stefan Homburg, Professor für Finanzwissenschaften in Hannover, von der „Sklavenmaske“[4].

Das war, bei aller rhetorischen Übertreibung, schon deshalb nicht ganz unberechtigt, weil das Gesicht in besonderer Weise mit der durch Art. 1 GG geschützten Würde des Menschen zusammenhängt. Denn diese zeichnet ihn als Ebenbild Gottes aus.[5]  

Die Entstellung des Gesichts erschwert auch die so notwendige Kommunikation mit dem Nächsten, der ja seinerseits ebenso ein entsprechendes vernunft- und sprachbegabtes Geschöpf, ja Ebenbild Gottes ist. Nicht ohne Grund war ein Leserbrief von Dr. Paul Georg Fischer aus Augsburg in der katholischen Zeitschrift Die Tagespost mit der Überschrift versehen „Das Gesicht ist Ort der Gottesbegegnung“. (DT vom 4. Juni 2020)

Da mir zu einer ganz sicheren Beurteilung der getroffenen Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen aber zuverlässige naturwissenschaftliche Kenntnisse fehlen (immerhin sind sich allerdings auch die Fachleute weltweit keineswegs einig!), möchte ich mich auf diesem Gebiet eher zurückhalten. Freilich kann ich nicht gänzlich auf die eine oder andere Bemerkung verzichten, ohne die die Dramatik der kirchlichen Einschränkungen nicht in vollem Umfang zu verstehen wäre.

Die Kirche in der Coronaepidemie

Wir wollen uns in den folgenden Zeilen auf das Verhalten der staatlichen Behörden gegenüber den Kirchen[6] in Deutschland und auf die Reaktionen der katholischen Bischöfe konzentrieren, wie es sich für einen theologischen Beitrag gehört. Hier ist es zu einer Einschränkung des Kultes gekommen, die historisch ihresgleichen sucht, für die Geschichte Deutschlands in den letzten Jahrhunderten stehen die Maßnahmen jedenfalls singulär dar.

Sobald mir Mitte März 2020 die verfügten Gottesdienstverbote bekannt wurden, habe ich darauf als einer der Ersten mit einem Leserbrief an die katholische Zeitung „Die Tagespost“ reagiert, zu dem ich dann einige Zeit später aus gegebenem Anlaß einen weiteren hinzufügte.

Zunächst lege ich diese Zuschriften, die beide abgedruckt wurden (die erste am 19. 3., die zweite 14. 5.), in unwesentlich veränderter Fassung hier noch einmal vor, da sie bereits wesentliche Punkte der m. E. unbedingt notwendigen Kritik enthalten. 

Erster Leserbrief:

Nun sollen alle Gottesdienste bis zum 19. April ausfallen, also über die Karwoche und Ostern, den Höhepunkt des Kirchenjahres. Bei allem Verständnis für notwendige Schutzmaßnahmen wegen der Covid 19-Epidemie: Wieso dürfen auf der anderen Seite z. B. Baumärkte offen bleiben, wo man sich besonders nahekommt? Die Kirche hat früher in Seuchenzeiten vermehrt Gottesdienste abgehalten, so z. B. unter dem Mailänder Erzbischof Federico Borromäus im 17. Jh.; man erinnere sich an Manzonis Roman „I promessi sposi“ („Die Verlobten“ oder „Die Brautleute“). Gewisse Vorsichtsmaßnahmen wurden dabei sicher auch damals nicht mißachtet.

Es existiert in der klassischen römischen Liturgie übrigens sogar ein eigenes Meßformular „Zur Abwehr von Sterblichkeit“ („Tempore mortalitatis“), an das man sich vielleicht erinnern sollte. Der bekannte Staatsrechtler Christian Hillgruber aus Bonn schrieb mir auf meine Anfrage zur juristischen Beurteilung eines solchen Vorgehens von seiten der Politiker: „Staatliche Eingriffe in die Religionsfreiheit müssen angemessen sein; das erfordert, dass so etwas wie die ‚religiöse Grundversorgung’ gewährleistet sein muss.“

Und er schlug vor, „mehr und nicht weniger Messen zu lesen, um auf diese Weise bei gleichmäßigem Messbesuch den Abstand zwischen den Einzelnen so vergrößern zu können, dass die Ansteckungsgefahr vergleichbar niedrig gehalten wird.“ Warum wehren sich die deutschen Bischöfe auf der juristischen Ebene nicht? Wofür bezahlen wir den Klerus mit unseren Kirchensteuergeldern? In Italien waren die Bischöfe sogar mit Meßverboten vorangeprescht! – Soweit der erste Leserbrief.

Leider gilt das, so kann man ergänzen, auch für Papst Franziskus mit seinem riesigen Petersdom, wo er doch mühelos etliche Gläubige mit entsprechendem Sicherheitsabstand an den Messen hätte teilnehmen lassen können, zumal da er souveränes Staatsoberhaupt der Vatikanstadt ist und sich nicht unbedingt und in aller Radikalität an italienische Bestimmungen halten muß. Sein einsames Gebet für die ganze Welt vor dem Pestkreuz aus San Marcello und dem Marienbildnis „Salus Populi Romani“ (die leider beide durch den einsetzenden Regen leichten Schaden erlitten) auf dem Petersplatz mit anschließendem Segen „Urbi et Orbi“ war allerdings eine beeindruckende Geste.[7]

Zweiter Leserbrief

Man mag die eine oder andere Formulierung des Internetaufrufs Veritas liberabit vos von Erzbischof Carlo Maria Viganò, Kardinal Gerhard Ludwig Müller und weiteren Bischöfen, z. Auxiliarbischof Laun, kritisieren. Man müßte aber zugleich erwähnen, worum es den Verfassern vor allem geht: Sie wollen weltweit die Freiheit der Menschen allgemein und insbesondere die bedrohte Religionsfreiheit schützen, die bei uns im Art. 4 GG fixiert ist.

Hierfür setzen sich in Deutschland seit Wochen auch namhafte Verfassungsrechtler ein. Die Regierungen vieler Staaten haben Gottesdienste mit Gläubigen rigoros verboten, während sie bei anderen Veranstaltungen großzügiger waren. Gerade für die katholische Kirche entspricht die Feier der hl. Messe göttlichem Auftrag. Hierauf kann sie nicht verzichten.

Einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie verweigert sie sich natürlich nicht. Leider reagierten auch einige deutsche Bischöfe beinahe aggressiv auf den Aufruf ihrer Mitbrüder im hohen Amt. Der Grund liegt auf der Hand: Genau dieser Pflicht zum geistlichen Schutz ihrer Herde und des ihnen anvertrauten höchsten religiösen Gutes sind sie nicht im gebotenen Umfang nachgekommen. 

Soweit der zweite Leserbrief.

Unsinnige Verschwörungstheorien?

Als weiteres Zeitdokument aus dem Kampf für die Freiheit der katholischen Religion übernehmen wir mit Zustimmung der Verfasserin einen Leserbrief von Felizitas Küble aus Münster (abgedruckt in der DT vom 14.5.2020).

Unfaire Kampagne gegen Kardinal Müller

Die Angriffe vieler Medien, aber auch mancher kirchlicher Amtsträger gegen Kardinal Gerhard Müller sind ebenso unsachlich wie unfair. So schreibt die linke Tageszeitung „taz“ in einer Schlagzeile, er sei im „braunen Milieu“ angekommen – und der Generalvikar von Essen wirft dem ehem. Glaubenspräfekten wegen dessen Unterzeichnung des  Viganò-Aufrufs öffentlich „krude Verschwörungsmythen“ vor.

Sachkritik ist das eine, Diffamierung das andere. Schließlich hat der Kardinal selber –  auch im Interview mit Ihrer Zeitung  –  zu einer kontroversen Debatte über dieses Manifest aufgerufen und erklärt, er habe damit zu Nachdenklichkeit und Diskussion aufrütteln wollen. Tatsächlich sollte es doch um die Grundanliegen gehen und nicht darum, „jeden Satz auf die Goldwaage zu legen“, wobei der strittige Appell ohnehin nicht von Kardinal Müller, sondern von Erzbischof Viganò verfaßt wurde.

In Ihren Interview-Fragen wird zweimal bemängelt, das Manifest führe keine Belege für seine Aussagen an. Dabei dürfte klar sein, dass ein öffentlichkeitswirksamer Aufruf keine akademische Arbeit mit Anmerkungsapparat darstellt, sondern bestimmte Anliegen mehr oder weniger schlagwortartig auf den Punkt bringt – und das nicht selten zugespitzt, zumal bei einem „Weckruf“ zu aktuellen Fragen.

Der Vorwurf gegen den Viganò-Appell gilt vor allem seiner Warnung vor dem Streben nach einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entziehe. Diese Besorgnis ist für sich genommen kein „Verschwörungsmythos“ – und zugleich kann nüchtern beobachtet werden, dass die Forderung nach einem Weltstaat verstärkt von prominenter Seite erhoben wurde – wobei die Coronakrise teils durchaus für dieses Gedankengut vereinnahmt wird.

Der frühere britische Premierminister Gordon Brown hat die Viruspandemie im März dieses Jahres zum Anlaß genommen, um seine schon länger vertretene Forderung nach einer Weltregierung zu bekräftigen. Zur selben Zeit erklärte der langjährige „Spiegel“-Auslandskorrespondent Bernhard Zand: „Falls es der Klimawandel und die Migrationstragödien der letzten Jahre noch nicht bewiesen haben – Covid-19 beweist es uns jetzt von Tag zu Tag: Krisen wie diese bräuchten eine Art Weltregierung – so vorläufig und unvollkommen sie unter dem Druck der sich überschlagenden Ereignisse auch sein mag.“

Auch ein finanzstarker Lobbyist wie Bill Gates, der mit seiner Stiftung erheblichen Einfluss  – auch auf die Weltgesundheitsorganisation  –  ausüben kann, sehnt sich offenbar nach einem Weltstaat. Im Gespräch  mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er bereits im Januar 2015 sein entsprechendes Plädoyer mit seuchenschutzpolitischen Motiven. „Gäbe es so etwas wie eine Weltregierung, wären wir besser vorbereitet“, betonte er damals.

Für ein solches Megaprojekt plädieren zudem namhafte Personen des öffentlichen Lebens, darunter der Soziologe Jürgen Habermas oder der Philosoph Richard Rorty. Auch in der Politikwissenschaft ist das Thema seit langem verankert. Meist wird dabei über eine strukturelle Stärkung der UNO mit dem Ziel eines Weltstaates debattiert, was bereits der frühere schwedische UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld anstrebte.

Es ist also legitim und durchaus keine „krude Verschwörungstheorie“, hinsichtlich des Themas Weltregierung öffentlich seine Besorgnis zu äußern  – abgesehen davon, dass von einem Weltstaat auch in der Heiligen Schrift die Rede ist (vgl. Apokalypse, Kap. 13)   – und zwar hinsichtlich einer endzeitlichen Weltherrschaft des Antichristen.

Sicherlich gibt es bei Debatten über dieses Themenspektrum auch tatsächlich wirre Köpfe und abstruse Komplott-Ideen   – aber ein Zerrbild spricht nicht gegen die Sache selbst und kann kein Tabu oder Quasi-Diskussionsverbot begründen.

Soweit der Leserbrief.

Auf Felizitas Kübles Blog Christliches Forum findet man in den Monaten Mai und Juni noch weitere Argumente, die die unfairen Angriffe gegen angebliche „Verschwörungstheoretiker“ widerlegen. Nur ein Beispiel: „ZEIT-Korrespondentin Andrea Böhm wünscht sich dringend eine Weltregierung“ (Christliches Forum vom 7. Juni 2020).

Viele derartige Stimmen betonen immer wieder, daß eine solche einheitliche Weltführung notwendig sei, um nicht nur die Gefahren von Seuchen einzudämmen, sonder auch um den (angeblichen) Klimanotstand (womit nicht bestritten werden soll, daß es durchaus massive Umweltprobleme gibt!) zu beseitigen und die weltweite Migration zu steuern.

Einen ausgewogenen Beitrag zu dieser Diskussion hat jüngst auch der katholische Politikwissenschaftler Prof. Felix Dirsch in einem Interview geleistet: Warnungen vor einer Weltregierung stellen keinen Verschwörungsmythos dar. Der von vatikanischen Würdenträgern initiierte Aufruf „Veritas liberabit vos“ hat eine faire Diskussion verdient (Kirchliche Umschau 23,6/2020, 7-12).

Freimaurerei und Welteinheitsregierung

Es möge mir gestattet sein, den zuletzt zitierten Leserbrief, der gattungsbedingt keine genauen Belege nennt, die man aber im Internet leicht finden kann, noch um einige Gedanken zu ergänzen.

Schon das II. Vatikanum hat hier einen gefährlichen Weg eingeschlagen, weil nach katholischem Glauben ein Zusammenwachsen der Menschheit nicht in irgendeinem abstrakten Humanismus, sondern nur in der Wahrheit, sprich in Jesus Christus möglich ist.

So heißt es in GS 55[8]: „Immer größer wird die Zahl der Männer und Frauen jeder gesellschaft­lichen Gruppe und Nation, die sich dessen bewußt sind, selbst Gestal­ter und Schöp­fer der Kultur ihrer Gemeinschaft zu sein. Immer mehr wächst in der ganzen Welt der Sinn für Autonomie (vgl. auch GS 36,1) und zugleich für Verantwort­lich­keit, was ohne Zweifel[9] für die geistige und sitt­liche Reifung der Menschheit von größter Bedeutung ist. Die­se tritt noch deutlicher in Erscheinung, wenn wir uns die Einswerdung der Welt und die uns auf­erlegte Aufgabe vor Augen stel­len, eine bessere Welt in Wahrheit und Gerechtigkeit aufzubauen. So sind wir Zeugen der Geburt eines neuen Humanismus, in dem der Mensch sich vor allem von der Verantwor­tung für seine Brüder und die Ge­schichte her ver­steht.“

Der erbitterte Kampf jener „aufklärerischen“ Aktivi­sten des 18. und 19. Jahrhunderts, wie sie sich besonders deutlich in den Logen artikulierten, galt sowohl der christlichen Wahrheit als auch dem Vaterland. Das er­klärte höchste Ziel war dabei letzt­lich der areli­giöse oder, so die meisten Vertreter derartiger Konzepte, eher noch der synkretistische Welt­einheits­staat.

Man lese hierzu nur einmal Lessings berühmte „Freimäu­rer­gespräche“, wo sich folgende Sätze finden, die die beiden Unterredner, Ernst und Falk, vortragen: „Nicht genug, daß die bürgerliche Gesell­schaft die Men­schen in ver­schiedene Völker und Religionen teilet und trennt.“ – „Wie, wenn es die Frei­mäurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammen zu ziehen?“ – „Denn allenfalls dächte ich doch, so wie du angenommen hast, daß alle Staaten einerlei Ver­fassung hätten, daß sie auch wohl alle einerlei Religion haben könn­ten. Ja ich begreife nicht, wie einerlei Staats­verfassung ohne einer­lei Religion auch nur möglich ist.“[10]

Manch einer mag vielleicht glau­ben, hier werde eine Ideolo­gie des 18. Jahrhunderts vorgetragen, die mittler­weile historisch über­holt sei. Man nehme jedoch zur Kennt­nis, daß anläßlich einer szeni­schen Darbietung des Les­singschen Dialogs das offizielle deutsche Freimaurer­magazin „Humani­tät“ im Jahre 1999 von „zeitlos gültigen Aussagen über Freimaurerei“ sprach und gerade den auch von uns oben an zweiter Stel­le angeführten Satz wörtlich zitierte.[11]

Man ver­gleiche auch fol­gen­de Aussage aus dem gültigen „Ritu­al­buch“ der deut­schen „Großloge der Alten Freien und Angenom­menen Maurer“: „Seine (d. h. des Uni­ver­sums, H-L B) irdische Ent­spre­chung ist der Tempel der Humanität, dem wir als lebendige Bausteine und Werkzeuge dienen. Er ist das Symbol einer idealen Welt, der Religion geweiht, in der alle Menschen übereinstimmen, um die Mensch­heit einem besseren und glück­licheren Leben näherzubringen.“[12]

Katholische Stellungnahmen zur Welteinheitsregierung

Solche aufklärerisch-freimaurerischen Gedan­ken lassen sich mittler­weile sogar in einer Fülle katholischer Publika­tionen nachwei­sen – womit im übrigen keineswegs behauptet werden soll, daß die entsprechenden Verfasser immer selbst Mitglieder von Logen sein müßten; vielmehr ist deren Denken heute einfach weitgehend zum Allgemeingut geworden.

Hier nur ein einziges Beispiel, das deshalb besonders aufschlußreich ist, weil der Autor seine wahren Absichten nicht verschleierte:

Fried­helm Hengsbach, damals Direktor des Oswald von Nell-Breuning Instituts für Wirtschafts- und Gesellschafts­ethik an der Philosophisch-theologi­schen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, setzte sich für eine „zukünftige Weltgesellschaft“ auf der Basis einer „dialogi­sche(n) Multikul­tur“ ein, die im Augen­blick u. a. noch von denjenigen behindert werde, „die sich an national geprägten Werten und Ordnungs­gefügen orientieren“. Mit entwaffnender Ehrlich­keit bezeichnete Hengs­bach „die jetzt noch beobachtbare kultu­relle Pluralität“ als eine bloße „Zwischenphase und Zwischenwelt“, das erstrebte Ziel sei „die eine Weltkultur“, der „Eine Welt-Kapitalismus“![13]

Man sieht, wie weit derartige Pläne des von Hengsbach vorhergesagten „Eine Welt-Kapitalismus“ vom Modell eines christlichen Univer­salismus entfernt sind, der die wahren Rechte des Individuums schützt und zugleich den Nationen mit ihren jeweiligen Kultu­ren nicht ihr Eigen­recht nimmt, alles aber in eine höhere, am dreifal­tigen Gott orien­tier­te Ordnung einbindet – eine Ordnung, von der z.B. die Re­formpläne des letzten Habsburger-Kaisers, des seligen Karls I., geprägt wa­ren.[14]

Christian Geyer dürfte den (meist wohl eher indirekten) Einfluß freimaureri­schen Gedanken­guts auf weitreichende Tendenzen innerhalb der nachkonziliaren katho­lischen Kirche nicht überbe­wertet haben, wenn er schrieb: „Schließ­lich scheint auch das einstige metaphysische Sondergut der Freimaure­rei zum religiösen Allgemeingut geworden zu sein. Zumindest sieht es so aus, als gehöre die Anerken­nung eines deistischen ‚Großen Baumei­sters aller Welten‘, die vor noch nicht allzu langer Zeit von der katholischen Kirche mit der Exkommunikation belegt wurde, inzwischen auch in kirchlichen Kreisen zum interreligiös vertretbaren Glaubens­gut, solange sich damit dem Ethos der einen Welt näher kommen und dem clash of cultures vorbeugen läßt.“[15]

Ganz auf dieser Linie liegend, erklärte der damalige Trierer Diözesan-Bischof Hermann Josef Spital in seiner Silvester­predigt zum Übergang ins Jahr 2000: „Wir bräuchten dringend eine Weltregierung – aber wir haben keine. Wie wir den unaufhaltsamen Prozeß der Globalisierung bewältigen, wissen wir nicht.“[16]      

Selbst Papst Benedikt XVI. schrieb in seiner Enzyklika Caritas in veritate (Nr. 67) Gedanken nieder, die zur Rechtfertigung einer gefährlichen politischen Entwicklung herangezogen werden könnten, wohl nicht unbedingt müßten. So forderte er zur Bewältigung internationaler Aufgaben „das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität“ („vera Auctoritas politica mundialis“); sie müsse „über wirksame Macht verfügen, um für jeden Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten.“

Vor allem gehe es darum, „eine geeignete vollständige Abrüstung („tota armamentorum ademptio“) zu verwirklichen, die Sicherheit der Ernährung und des Friedens zu erreichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren („migrantium turmae ordinentur).“

Was soll die Welteinheitsregierung politisch bewirken?

Wird es also keine Kriege mehr geben können – trotz der erbsündlichen Belastung aller Menschen? Bräuchte man demnach auch keine Verteidigungsarmeen mehr aufzustellen, wie sie die Deutsche Bundeswehr ursprünglich gewesen war (Art. 26 und 87 a GG)? Soll etwa Kants utopischer Ansatz vom „ewigen Frieden“ Wirklichkeit werden? Hat das die UNO – trotz einiger nicht zu bestreitender Erfolge[17] – bisher auch nur ansatzweise geschafft? Mit welchen Maßnahmen soll der Umweltschutz durchgesetzt werden, mit vernünftigen oder mit grün-rot ideologisch aufgeladenen?[18]

Man gebe acht, daß man nicht den Vertretern des angeblichen „Klimanotstands“ in die Hände spielt und somit indirekt eine „Klimadiktatur“ mit ersatzreligiös-eschatologischem Hintergrund fördert (was Papst Benedikt sicher fern lag)![19] Und was heißt schließlich: die „Migrantionsströme zu regulieren“? Sollte dies etwa im Sinne des mittlerweile vorliegenden „globalen UN-Migrationspakts“ vom 10./11.Dezember 2018 verlaufen?

Spätestens seit diesem Datum müßte jedem Beobachter der Weltpolitik klar sein, was da auf uns zukommen kann. Stets wurde betont, dieses Abkommen binde juristisch niemanden, es verpflichte höchstens moralisch und politisch. Was sollen solche Sophistereien? Sie dienen doch nur dazu, die Kritiker mundtot zu machen! Und wenn man den ganzen Text liest, wie es durch die kommentierte und mit Markierungen versehene vollständige Veröffentlichung in der Jungen Freiheit(Nr. 47/2018) erleichtert wurde, dann entdeckt man, daß die Begriffe verpflichten und Verpflichtung mehr als 80 mal im Text vorkommen!

Die Dimensionen der Zuwanderungen, mit denen wir möglicherweise rechnen müssen, sind gigantisch: P. Stefan Frey hält es anhand einer früheren Quelle der Europäischen Kommission vom Juli 2010 für möglich, daß Deutschland mit seiner Einwohnerzahl von etwa 82,5 Millionen mehr als das Doppelte an Migranten auf Dauer gesehen aufnehmen könnte[20] Der Artikel enthält übrigens anhand der Lehre des hl. Thomas von Aquin wichtige Differenzierungen des Begriffs der christlichen Liebe, die heute bei der Migrationsfrage schmählich mißachtet werden:

Die Liebe des Wohlwollens, die allen Menschen das irdische und überirdische Heil wünscht, gilt universal; bei der affektiven Liebe des Herzens und der effektiven Liebe der Wohltätigkeit gibt es sehr wohl Abstufungen je nach verwandtschaftlicher oder geistiger Nähe zu den jeweiligen Menschen.[21] Mögen die genannten geradezu utopischen Zahlen auch sehr spekulativ erscheinen, so ist hier in jedem Fall geistiger Widerstand geboten. Denn es wird klar, in welche Richtung die Entwicklung läuft!

Jedenfalls war bereits am 25. September 2015, also im Krisenjahr der Massenimmigration vor allem nach Deutschland, auf dem UN-Gipfel in New York ein Weltzukunftsvertrag unterzeichnet worden. Er enthielt 17 Sustainable Development Goals (Nachhaltige Entwicklungsziele), zu denen ausdrücklich folgendes gehörte: „Geordnete, sichere, geregelte und verantwortete Migration und Mobilität der Völker zu erleichtern, insbesondere durch Einführung einer geplanten und gut durchgeführten Migrationspolitik“.

Auf diesem Gipfel trat Papst Franziskus auf, der sich schon mehrfach in ähnlichem Sinne geäußert hat, und erklärte zu seiner Eröffnung: „Die Annahme der ‚2030-Agenda für Nachhaltige Entwicklung’ auf dem Gipfeltreffen, das noch heute beginnen wird, ist ein wichtiges Zeichen der Hoffnung.“ Ja, er hielt die „feierlich übernommenen Verpflichtungen“ für einen „mit Sicherheit notwendigen Schritt auf dem Weg zu den Lösungen“.[22]  

Wie kann ein Papst so etwas pauschal bekunden, wo doch auf jenem UN-Gipfel nicht nur besagte Migrationspolitik, sondern auch Ansätze der Genderpolitik und der modernen Sexuallehre sowie sozialistische Bildungseinrichtungen wie Gesamtschule und Ganztagsbetreuung propagiert wurden? Von nationaler Souveränität war wenig die Rede. Sie kam überhaupt nur noch im Zusammenhang mit der Wirtschaft und zu ihr gehörigen Aspekten vor.[23] Und doch müßte sie berücksichtigt werden, wenn man das grundkatholische Sozialprinzip der Subsidiarität bei Staatenbünden ernst nehmen will.[24]

Die Welteinheitsregierung – ein erstrebenswertes Ziel?

Sicherlich darf man Papst em. Benedikt XVI. für diese Entwicklung nicht  verantwortlich machen. Aber seine Gedanken, für die er sich übrigens nicht ohne Grund auf seinen Vorgänger Johannes XXIII. berief, könnten für derartige Konzeptionen herangezogen werden.

Im Augenblick sind die postulierte Klimakatastrophe, der Flüchtlings- bzw. Migrationsdruck und jetzt auch noch die weltweite Gesundheitsbedrohung die Probleme, auf die sich Politiker und etablierte Presse immer wieder berufen, um die angebliche Notwendigkeit einer Weltregierung plausibel zu machen. Die zentrale Frage, die man an ein solches Ziel  einer „One World“ mit entsprechender Regierungsmacht als katholischer Christ richten muß, lautet jedoch: Wie soll ein solcher Plan ohne christliches Fundament umgesetzt werden?[25]

Immerhin hatte der emeritierte Papst schon im Jahre 1971 im Anschluß an die Kirchenväter klar bekundet, daß sich eine wahre Einheit unter den Menschen ohne die Einheit in Christus und  Seinem Mystischen Leib nicht verwirklichen läßt.[26]

Wir sehen ja in der BR Deutschland schon seit längerem, wohin die Aufgabe christlicher Grundsätze führt – bis zur Relativierung sogar der Menschenwürde, die wie nichts anderes in der Verfassung geschützt ist! Alte jüdische Weisheit hat diese Verfallenheit an ein gottloses Denken und Handeln so erklärt: „Wer das Joch des Himmelreiches abwirft, der gerät unter das Joch irdischer Herrscher und irdischer Belange.“[27]

Das rechte, heute so oft mißachtete Verhältnis zwischen Liebe zum eigenen Vaterland und universaler Ausrichtung des katholischen Christen betonte aus aktuellem Anlaß Papst Pius XII. in seiner gegen die Diktaturen roter und brauner Prägung gerichteten Enzyklika „Summi pontificatus“ vom 20. Oktober 1939[28]:

„Man fürchte nicht, daß das Bewußtsein des umfas­senden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Größe des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebensowenig, daß dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die Förderung des Wohls und der berechtigten An­liegen der eigenen Heimat geht.

Dieselbe Lehre zeigt nämlich, daß es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt und nach dieser muß man mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der göttliche Meister zeigte durch sein Beispiel, daß er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; er weinte ob der drohenden Ver­wüstung der Heiligen Stadt. Aber die begründete und rechte Liebe zum eigenen Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Liebe, die auch die andern und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt. Wunderbar ist diese Lehre von der Liebe und vom Frieden.“

Grundmotiv der Enzyklika war es, die Einheit des Menschengeschlechts gegen Ideologien zu sichern, die sie bestritten – wie vor allem die Nationalsozialisten mit ihrer elenden Rassenlehre.[29]

Diese universale Ausrichtung des Christen auf den Frieden ist meilenweit vom heutigen Einheitsbrei einer multikulturellen und globalisierten, hochfinanzgestützten One World entfernt! Schon Papst Benedikt XV. hatte in seinem „Motu proprio“ Bonum sane vom 25. Juli 1920 einen gottlosen, sozialistischen und diktatorischen Welteinheitsstaat aufs schärfste verurteilt.[30]

Und jene heute immer häufiger und offener verteidigte potentielle Weltregierung würde ja über Möglichkeiten der Machtausübung verfügen, an die ein Propagandaminister Josef Goebbels und das Verbrecherregime der Nationalsozialisten nicht im Traum gedacht hätten und vor denen selbst einem ganz nüchternen Menschen nur angst und bange werden kann, vor allem wenn er Christ ist und ahnt, in welchem Kontext solche Pläne geschmiedet werden. 

Welcher Bedrohung wir heute schon ausgesetzt sind, kann man vielfach belegt finden in einem aufrüttelnden Buch einer katholischen Christin, die selbst in der IT-Branche tätig ist und weiß, wovon sie spricht: Yvonne Hofstetter, Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt (2016, 2München 2018). Die Autorin führt uns die Konsequenzen eines „digitalen Imperialismus“ (63) vor Augen, der dazu führt, daß weltweit „totale Herrschaft ausgeübt werden kann“ (69).  

Gläubige haben ein Recht auf seelsorgerische Betreuung!

Kommen wir auf das Verhalten der kirchlichen Hierarchie während er Coronaepidemie noch näher zu sprechen. Sie hätte sich niemals einen solchen Eingriff in den göttlichen Kult bieten lassen dürfen: Beachtung gewisser Abstandsregeln, kein Weihwasser, Gebrauch von Desinfektionsmittel, über all so etwas kann man reden.

Derartige Vorsichtsmaßnahmen billigte auch der hl. Bischof von Mailand Karl Borromäus während der Pest in den Jahren 1576 f. und förderte sie sogar. Aber zugleich setzte er sich als Guter Hirt mit seinen Priestern in heroischer Weise pastoral für seine Schafe ein, obgleich die Bedrohung für Leib und Leben damals unverhältnismäßig größer war. So wurden auf den Straßen und Plätzen auch heilige Messen gelesen, damit möglichst viele Menschen am heiligen Opfer, wenn auch aus gewisser Entfernung, teilnehmen konnten, Bußprozessionen fanden unter großer  Anteilnahme von Klerus und Volk statt.[31]

Für die Gläubigen Wochen, ja Monate lang (in Großbritannien sogar bis zum Juli 2020), die hl. Messe zu verbieten, wie es jetzt die Kirchenfürsten duldeten, ja oft aktiv mittrugen, während alle möglichen anderen Begegnungen wieder möglich waren, wäre damals und in der gesamten Kirchengeschichte unmöglich gewesen! Dagegen hätte man sich bei uns wehren müssen. Die Bischöfe haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hingegen jämmerlich versagt. Das darf und muß man in aller Klarheit sagen.

Auch von den traditionellen Gemeinschaften hätten viele Gläubige mehr Mut und Engagement erwartet, obwohl sie es natürlich ohne Hilfe durch die Oberhirten schwer hatten und zugegebenermaßen mit ihren geringen Kräften sich vor eine ganz neue und ungewohnte Situation gestellt sahen, auf die kurzfristig zu reagieren war.

Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat muß differenziert werden

Auf jeden Fall hätte man im kirchlichen Raum nicht einen so weitgehenden Gehorsam gegenüber den heutigen Staaten verlangen sollen. Und dafür berief man[32] sich auf verschiedene Stellen in der Hl. Schrift, nämlich besonders zum einen auf 1 Petr 2,13-17 und zum andern auf Röm 13, 1 f. Bei Paulus heißt es nun: „Jedermann ordne sich den vorgesetzten Obrigkeiten unter. Denn es gibt keine Obrigkeiten außer von Gott; die bestehenden sind aber von Gott eingesetzt. Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Ordnung Gottes.“

Wir wollen gar nicht auf die vielen Fälle in der Kirchen- und Profanhistorie, z. B. in der jüngeren Geschichte während des Nationalsozialismus, eingehen, wo diese Sätze geradezu im Sinne einer nahezu absoluten Gehorsamspflicht mißbraucht wurden. Vielmehr ist zu klären, was denn eigentlich gemeint ist und was die heiligen Worte für die politische Praxis unserer Zeit bedeuten. Die heutigen Staaten sind ja seit vielen Jahren immer mehr  vom antichristlichen und antigöttlichen Geist geprägt, wie eine Reihe von Büchern zeigt[33], weshalb hier besondere Vorsicht geboten ist.

Man hätte sich hier besser theologisch absichern sollen, indem man einschlägige Arbeiten wie die von Josef Spindelböck berücksichtigt hätte: Die Problematik der sittlichen Legitimität von Gewalt in der Auseinandersetzung mit ungerechter staatlicher Macht (St. Ottilien 1994, 75 f.; 79 f.).

Der gelehrte Autor stellt hier klare Kriterien auf, die sich aus der sicheren Lehre des Aquinaten ergeben (die gelehrten Fußnoten mit den Belegstellen übergehen wir):

In dreifacher Weise kann die Staatsgewalt nach der Lehre des heiligen Thomas von Gott stammen: 1. an und für sich genommen, d. h. was das Verhältnis der Über – und Unterordnung betrifft, 2. hinsichtlich des Erwerbs oder Ursprungs der konkreten Machtstellung und 3. hinsichtlich des Gebrauchs der obrigkeitlichen Gewalt. Während die Form der Gewalt (1.) immer von Gott kommt und darum schlechthin gut ist, ist ein zweifacher Mißbrauch hinsichtlich des 2. und 3. Aspekts möglich, der jedoch nie Gott selbst angelastet werden kann. Die Herrschergewalt kann nämlich ungerecht erworben sein und/oder ungerecht ausgeübt werden …

Die Ungerechtigkeit der Ausübung liegt in ausdrücklicher Mißachtung göttlicher Gebote und/oder in einfacher Überschreitung der Kompetenz.“ Im folgenden wird für die Reaktion der Bürger auf solche Fehlleistungen eine Differenzierung vorgenommen:

Kategorie 1 ist immer anzuerkennen. Kategorie 2, die die Herkunft der staatlichen Gewalt in Frage stellt, betrifft uns hier nicht. In der dritten Kategorie, wenn es nicht um göttliche Gebote geht, darf eine Güterabwägung zwischen Gehorsam und Ungehorsam nach Maßgaben praktischer Klugheit stattfinden. Also selbst hier wird kein absoluter Gehorsam für jeden nur möglichen Fall eingefordert. Bei der Mißachtung göttlichen Rechts durch den Staat hingegen darf man nicht nur, sondern muß sogar den Gehorsam verweigern und zumindest passiven Widerstand leisten. 

Theologische Beurteilung des Meßverbots

Zwar handelte es sich beim Meßverbot  (das übrigens in NRW sogar von der Erzdiözese Köln und nicht einmal von der Landesregierung ausging, wie Ministerpräsident Laschet betont hat) um ein positives Gesetz bzw. eine entsprechende staatliche Verordnung, der zunächst einmal scheinbar Folge zu leisten war. Ihr durfte man jedoch nicht gehorchen, falls sie sich gegen göttliches Gebot richtete. Das ist zwar bei der Sonntagspflicht nicht direkt der Fall. Die deutschen Bischöfe waren ja sogar so „großzügig“, daß sie sie ganz ausgesetzt haben, was offenbar auch für die Zeit gültig geblieben ist, wo hl. Messen mit gewissen Auflagen wieder gefeiert werden dürfen.

Man darf aber nicht vergessen, daß die Sonntagspflicht im Neuen Bund zwar „nur“ auf ein positives Gebot der Kirche zurückgeht, das, so könnte man vielleicht annehmen, nicht unter schwerem Nachteil oder bei großer Not verpflichte. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn die Sonntagspflicht löst die Sabbatbestimmungen des 3. Gebots vom Sinai ab, die Sonntagsheiligung führt in eine neue heilige Ordnung hinüber.[34]

Wie streng schon die AT-Bestimmungen zum Sabbat waren, mag man in Jes 58, 13 f. nachlesen. Für den Sonntag, in gewisser Hinsicht (nicht vollständig!) also den Sabbat des Neuen Bundes, gilt die Anweisung des Gottmenschen Jesus Christus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ (siehe z. B. 1 Kor 11, 24 b) Vom Beginn der Kirche an ist man diesem göttlichen Auftrag gefolgt, wie man an dem vom hl. Paulus gefeierten Gottesdienst in Apg 20,7 ff. sehen kann.

Es liegt also der Fall einer gewissen Mischung aus einem Kirchengebot mit einem Gebot Gottes selbst vor. Man lese zu derartigen Fällen die Auskunft  der Kanonisten Ludwig Müller und Christoph Ohly: „Auch innerhalb des menschlichen Kirchenrechts gibt es ein qualitatives Gefälle, je nach der Nähe zum göttlichen Recht.“[35] Und die ist beim Sonntagsgebot sehr hoch! Insofern hätte man hier nicht bedingungslos gehorchen müssen, ja nicht einmal dürfen.

Zu Recht haben die 12 unterzeichnenden Bischöfe von „Veritas liberabit vos“ hier die Freiheit der Kirche weltweit durch antichristliche Kräfte bedroht gesehen. Rein staatsrechtlich kann man sich in der BR Deutschland für eine solche Freiheit auf den Art. 4 des Grundgesetzes berufen, wo die Religionsfreiheit garantiert ist.

Dieses wichtige Grundrecht darf nicht einfach für Wochen außer Kraft gesetzt werden, auch wenn den Politkern die Beziehung der Bürger zu Gott gleichgültig ist und sie deshalb Gottesdienste nicht als „systemrelevant“ ansehen – an sich vom religiösen Standpunkt aus ein skandalöser Irrtum! Selbst die FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg betrachtet die Kirchen als „existenzrelevant“![36]

Ihre Kollegin von der CDU, die ehemalige Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht, meinte, nach den negativen Erfahrungen während des „Shutdown“ der Coronakrise müsse unbedingt über die hohe Bedeutung der christlichen Kirchen für unser Land eine Debatte stattfinden.[37] Verschiedene führende Juristen haben das gleichfalls angemahnt, wie wir noch sehen werden.

Dabei hätte man zunächst einmal gar nicht direkt  ungehorsam sein müssen. Denn unser Staat ist als Rechtsstaat konzipiert, und man kann gegen seine Gesetze und Verordnungen Gerichte anrufen. Ja die Bundesrepublik kennt sogar aufgrund der Erfahrung mit dem Verbrecherregime der Nationalsozialisten ein aktives Widerstandsrecht, das in Art. 20 § 4 GG fixiert ist; zweifellos ist es eng auszulegen, damit nicht der Willkür einzelner Tür und Tor geöffnet wird.[38]

Sich hierauf zu berufen wäre aber weder angebracht noch nötig gewesen. Man hätte anders vorgehen können und müssen. Leider ist dieser Weg nur selten beschritten worden.

Propst Dr. Gerald Goesche vom traditionellen St. Afra-Institut in Berlin hat mit seiner Klage ein leuchtendes Vorbild gegeben. Zwar wurde diese zweimal bei Berliner Verwaltungsgerichten und dann beim Bundesverfassungsgericht abgewiesen. Aber immerhin brachte der Geistliche das oberste deutsche Gericht zu dem – an sich selbstverständlichen – öffentlichen Eingeständnis, „daß die Religionsfreiheit ein sehr hohes Gut ist, das nicht leichtfertig eingeschränkt werden kann.“[39]

Somit war wenigstens ein Zeichen für einen wahrhaft katholischen Widerstandsgeist gesetzt.

Ein solcher Einsatz hat nichts mit innerer Unausgeglichenheit, falschem Aktivismus, mangelnder Geduld oder gar fehlender Demut zu tun, wie ich leider schon lesen und hören mußte. Im Gegenteil, echter christlicher Mut und echte christliche Demut gehören eng zusammen. Wenn derartige rechtstaatliche Mittel, die unser Gemeinwesen ausdrücklich vorsieht, nicht fruchten und auch andere Mittel keinen Erfolg bringen sollten, wäre nach Maßgabe der praktischen Klugheit sogar Widerstand erlaubt, den einige wenige Geistliche geleistet haben, indem sie beispielsweise insgeheim in Privathäusern mit Gläubigen die hl. Messe feierten – unter Wahrung von Sicherheitsmaßnahmen.

Die Kirche als ganze hat da in der Regel nichts getan und ihre treuen Priester und Laien sogar noch im Stich gelassen, wie z. B. Propst Goesche erfahren mußte; hier und da war sogar von Abmahnungen wegen Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Diözesanbischof oder dem Ordensoberen die Rede.

Wird die Eucharistiefeier „überbewertet“?

Man hat den Eindruck gewonnen, daß manchen Apostelnachfolgern – man wagt es kaum auszusprechen, aber die Fakten sind erdrückend –  an der hl. Messe nicht sonderlich viel liegt. Das sieht man deutlich an Bemerkungen der Bischöfe Wilmer und Feige.

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, der mit dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck immer wieder durch Kommentare von zweifelhaft katholischer Qualität auffällt, nahm zu dem Verbot aller Gottesdienste (neudeutsch/“denglisch“: lock down) während der Corona-(Covid 19)Epidemie Stellung. Manche Priester und Gläubige protestierten immerhin und retteten so die Ehre ihrer Kirche.

In deren Reaktionen, so ließ Bischof Wilmer verlauten, werde die Eucharistie „überbewertet“.

Treffender Kommentar in der katholischen Zeitschrift Die Tagespost: „Eine Kirche, die die Eucharistie und damit die Heilsrelevanz ihres Herrn für ‚überbewertet’ hält, braucht niemand mehr.“[40] Und einer seiner Mitbrüder im hohen Amt, Bischof Gerhard Feige von Magdeburg, sekundierte Exzellenz Wilmer mit der unglaublichen rhetorischen Frage: „Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht fast Luxusprobleme?“[41]

Hatte nicht Kardinal Henri du Lubac, wahrlich kein traditioneller „Hardliner“, recht, wenn er sagte: „Um … die Kirche zu verstehen, muß man sie in der Handlung betrachten, wo sie die Eucharistie vollzieht.“[42]

Was würden orthodoxe Christen zu Äußerungen wie denen der Bischöfe Wilmer und Feige sagen? [43] Ihnen ist die Göttliche Liturgie einfach ihr Ein und Alles, alles ist gleichsam Liturgie! So  trägt ein Buch von Archimandrit Kallistratos N. Lirakis den Titel  „I orthodoxia os liturgiki paradosi“ (Athen 1990)  auf Deutsch: „Die Orthodoxie als liturgische Tradition [sic!]“. Was ist das für eine Kirche bei uns im Westen, von der offenbar so manche deutsche Bischöfe träumen, die jetzt mit Laien des ZdK zum Synodalen Weg vereinigt sind?     

Benutzt man die Corona-Krise, um progressive Forderungen durchzusetzen?

Ja manche hoffen jetzt sogar darauf, daß durch die Entwicklung der letzten Wochen und Monate das angeblich urchristliche Hauskirchenwesen wiederbelebt würde, bei dem dann offenbar auch Nichtgeweihte den Vorsitz übernehmen dürften.[44] Ein Blick in das neue Buch von Stefan Heid könnte sie belehren, daß sie einer falschen Ideologie aufgesessen sind: Stets haben Bischöfe und Priester die hl. Messe an Altären in heiligen Räumen zelebriert, die dann anfänglich natürlich auch einmal in einem Privathaus untergebracht sein konnten (Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie, 2Regensburg 2019).

Offenbar verfolgt man in Teilen der Kirche nun auch das Ziel, die Mundkommunion zu verbieten.

So ließ der Limburger Generalvikar Rösch am 5. Juni 2020 in einer Feier des alten Ritus in Limburg verkünden, auch für die traditionelle hl. Messe sei die Austeilung der Mundkommunion verboten.[45] Besonders hervorgetan hat sich hier z. B. Kardinal Antonio Marto, der Bischof von Leiria-Fatima, der darüber hinaus auch eine vom portugiesischen Staat ermöglichte vorzeitige Wiedereröffnung der Wallfahrtsstätte Unserer Lieben Frau ablehnte.[46] Das soll wohl ebenso für den alten Ritus gelten.

Es sieht so aus, als wenn bestimmte Bischöfe den Gläubigen generell deren ehrfurchtsvolle Haltung vor dem Allerheiligsten abgewöhnen möchten. Sehr gelungen ist zu diesem Fragekomplex die im Internet greifbare Presseerklärung der Internationalen Una Voce Föderation Kommunionempfang in Pandemie-Zeiten.

Dabei ist bei der Spendung der Mundkommunion, worauf auch hier hingewiesen wird, durchaus keine größere Ansteckungsgefahr gegeben als bei der Handkommunion, wenn der Geistliche sich vorher die Finger desinfiziert und die heilige Hostie vorsichtig und ohne Berührung auf die Zunge legt. Daß letzteres möglich ist, weiß ich aus Jahrzehnte langer Praxis als Ministrant im alten Ritus, der den Priester mit der Patene begleitet.

Einschränkungen der Gottesdienste

Nachdem in beschränktem Umfang Gottesdienste wieder zugelassen waren, hat man hier teilweise, wie in Bayern, das Tragen der Schutzmaske  vorgeschrieben. War dies wirklich nötig, wenn die vorgeschriebenen Ordnungskräfte auf die gebotenen Abstände achten, was nach meiner Erfahrung effektiv geschehen kann? Der Ästhetik an heiliger Stätte ist die partielle Gesichtsverhüllung sicherlich nicht förderlich. Und war es wirklich unumgänglich, das Singen zu verbieten oder zumindest erheblich einzuschränken?

Man könnte doch für ausreichende Belüftung des Kirchenraumes, z. B. durch weites Öffnen der Fenster, sorgen! Am Sonntag gehört für den feierlichen Gottesdienst (katholisch: Hochamt) der Kirchengesang, in katholischen Gemeinden bevorzugt der des lateinischen Chorals (siehe Vaticanum II, Sacrosanctum Concilium Nr. 116), bei den Protestanten im besten Fall die deutschen Choräle, beinahe wesenhaft zum Gottesdienst und ist nicht irgendein Beiwerk, auf das man ohne Schaden auch verzichten kann!

So hielt Papst Pius X. in seinem Motu proprio vom 22. November 1903 (am 4. August war er gerade erst zum Pontifex gewählt worden, so lag ihm die Kirchenmusik am Herzen!) mit der Überschrift „Tra le sollecitudini“ (späterer lateinischer Titel „Inter pastoralis officii“) fest: „Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie.“ (Art. 1)[47]

Versuch einer Gesamtbeurteilung der Coronakrise 

1) Dystopische Verhältnisse

Wenn man die politischen Maßnahmen der vergangenen Monate insgesamt Revue passieren läßt, so wird man in erschütternder Weise durch ihre Radikalität an einen dystopischen Roman der Bonner Schriftstellerin und promovierten Juristin Juli Zeh erinnert, den diese bereits im Jahre 2009 veröffentlicht hatte.

In ihrem Werk Corpus Delicti – Ein Prozess (24Aufl., München 2010), führt sie eine staatlich verordnete Gesundheits – und Hygienediktatur vor, zu der beispielsweise das Maskentragen und das Meiden körperlicher Kontakte gehört: Durch ständige Überwachung mit elektronischen Maßnahmen (Bakterien-, Schlaf-, Ernährungs- und Sportkontrollen, S. 100) setzt der Staat die METHODE, wie es heißt, brutal durch. Wer sie bekämpft, ist ein Reaktionär, der dem Staat den Krieg erklärt  (S. 89).

Die Entwicklung zu diesem Zwangsstaat, so die Schriftstellerin, wurde durch einen radikalen Werteverfall möglich, bei dem Nation, Religion und Familie ihre Bedeutung einbüßten. (S. 88) Nur noch die Gesundheit, das physische Leben und körperliche Wohl ist als „Wert“ geblieben. Erinnert auch dieser Gesichtspunkt nicht ein wenig an die Politik der letzten Monate?

Man bedenke aber, daß der Schutz der Menschenwürde im Art. 1 unserer Verfassung, der Schutz des Lebens aber erst im zweiten Artikel steht! Wenn das nackte Leben und die unversehrte Gesundheit allem voranginge, dann müßten das Autofahren, das Rauchen, Übermaß bei Essen und Alkoholgenuß, gefährliche Sportarten usw. untersagt werden, und dieses Verbot wäre staatlich zu überwachen – ein Horrorszenario, wie es in Zehs Roman aufgebaut wird!

Ganz zu schweigen von der Tötung des ungeborenen Menschen, dessen Grundrecht auf Leben man in den meisten Staaten mittlerweile mit Füßen tritt und das in der Tat konsequent geschützt werden müßte!

2) Stimmen von Juristen

Eine Reihe von hochrangigen Juristen und auch bekannten Philosophen haben diese Verkürzung des menschlichen Daseins auf das Überleben zu Recht kritisiert. In einem Interview mit der KNA (21. 5. 2020) äußerte der ehemalige Verfassungsrichter und Bonner Juraprofessor Udo di Fabio, der prinzipiell die vom Staat ergriffenen Schutzmaßnahmen für vertretbar hält, trotzdem vorsichtige Kritik an ihnen:

KNA:„Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat unlängst gesagt, dass der Schutz des Lebens nicht automatisch Vorrang vor allen anderen Erwägungen habe. Wenn, dann genieße lediglich die Würde des Menschen einen absoluten Wert. Gibt es so etwas wie eine Rangfolge der Grundrechte? 

Di Fabio: Ich glaube, dass der Bundestagspräsident mit seiner Einschätzung richtig liegt. Absolut bedeutet: Man kann dieses Recht mit anderen Verfassungspositionen nicht abwägen. Und diesen absoluten Schutz sieht das Grundgesetz in der Tat nur für die Würde des Menschen vor.

KNA: Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit…

Di Fabio: … ist ein Höchstwert der Verfassung, aber eben nicht der Höchstwert. Das heißt: Der Staat muss das Leben schützen, aber eine freie Gesellschaft muss auch mit Risiken leben, denn es gibt weitere wichtige Grundrechte.“ Daß Art. 2 nicht absolut gelten kann, sieht man z. B. an der Wehrpflicht, die Jahrzehnte lang in der BR Deutschland grundgesetzmäßig abgesichert bestand: Der Staat verpflichtete junge Männer zum Waffendienst, bei dem sie im Verteidigungsfalle auch ihr Leben hätten verlieren können.

Manche Verfassungsrechtler drückten sich noch schärfer aus. So kann man bei JUDID – Recht verständlich machen (4. Mai 2020) lesen: „Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans Jürgen Papier sieht im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie die Freiheitsrechte in Gefahr“. Im folgenden führte er seine Bedenken im einzelnen aus.

Und das Magazin FOCUS berichtete bereits am 10. April 2020 über damals schon aufkommende Unruhe:

„Unter Verfassungsjuristen wächst der Unmut über die von Bundesregierung und Landesregierungen verfügten Einschränkungen zahlreicher Grundrechte. 

Gegenüber FOCUS sagte der Staatsrechtler und ehemalige Bundesminister Rupert Scholz[48], Teile davon seien verfassungswidrig. ‚Die Situation, in der wir leben, hat einen notstandsähnlichen Charakter angenommen’, sagte Scholz dem Focus. Eine Notstandsgesetzgebung gebe es jedoch nur für den Verteidigungsfall, nicht aber ein Virus wie Covid-19. Zudem müsse bei allen Gesetzen der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Für Scholz ist das vor allem mit Blick auf die Schließung von Hotels und Restaurants nicht der Fall.“

Für die Kirchen, so möchte ich ergänzen, wenn sie  Abstandsregeln und hygienische Maßnahmen einhalten, schon gar nicht!     

3) Die Stimme eines Philosophen

Eine der ausgewogensten und rational am besten begründeten Stellungnahmen stammt aus der Feder von Berthold Wald, emeritiertem Professor für Systematische Philosophie der Theologischen Fakultät Paderborn und gläubigem Katholiken, der übrigens den Nachlaß von Josef Pieper betreut.

In einem im Internet greifbaren Interview mit Dominik Lusser von der Stiftung Zukunft CH, das unter der Überschrift erschien Es gibt Tragödien, die durch keine Ethik zu vermeiden sind,  sagte er u. a.:

„Das oberste Rechtsgut, das zu schützen der Staat und die internationale Gemeinschaft verpflichtet sind, ist laut UNO-Charta und Grundgesetz ‚die Würde des Menschen’ und nicht die Erhaltung des Lebens um jeden Preis. Massnahmen, welche die Würde missachten und verletzen, sind unentschuldbar grundrechtswidrig und darum ungerecht, so vor allem die komplette soziale und seelsorgliche Isolation von Schwerkranken und Sterbenden.

Der Mensch ist Person und nicht bloß ein für sich und andere riskantes biologisches Substrat. Es widerspricht der Würde des Menschen, ihn darauf zu reduzieren, potentieller Virusträger  bzw. Opfer einer Viruserkrankung zu sein, das isoliert werden muss zum eigenen Schutz wie zum Schutz der anderen. Manches von dem, was hier staatlicherseits angeordnet und von den Kirchen widerspruchslos hingenommen wird, ist schweres Unrecht.“

Zu der von der Ebenbildlichkeit Gottes abgeleiteten Würde des Menschen, so darf man ergänzen, gehört unaufgebbar eben auch sein Recht auf die Gottesverehrung, ja theologisch betrachtet sogar seine Pflicht hierzu!

4) Stimmen von Geistlichen und Theologen

Immerhin haben auch – neben dem schon erwähnten Berliner Propst Goesche – einige wenige Geistliche als unmittelbar Betroffene ihre Stimme erhoben. Zu ihnen zählt z. B. Pater Justin Minkowitsch.

Die Tagespost (14. Juni. 2020,14) gab die Kritik aus seinem Büchlein Zur Theologie der Eucharistie in der Corona-Krise. Eine dogmatische Erörterung (erschienen im Eigenverlag, Türnitz 2020, 80 Seiten) folgendermaßen wieder; sein Urteil bestätigt unsere obige Einschätzung bezüglich des Sonntagsgebotes:

„Dogmatisch betrachtet seien Äußerungen, das Sonntagsgebot sei nicht unverzichtbar, ein Bruch mit  dem Willen und Auftrag des Herrn sowie mit der apostolischen Tradition. Fernseh-, Radio – und Streamingmessen seien allenfalls ein ‚äußerst fragmentarischer Ersatz’. Besonders kritisch sieht der Zisterzienser die Einschränkung der Krankensalbung.“

Auch der Ständige Diakon und Freiburger Theologe Helmut Hoping sparte nicht mir Kritik. Gernot Facius berichtete in  der Jungen Freiheit (29. Mai 2020) über ihn: „Beim Blick in leere Kirchenbänke wunderte sich im April der katholische Dogmatiker und Liturgieexperte Helmut Hoping, daß die Hirten der Kirche das polizeilich überwachte Gottesdienstverbot ‚nicht einmal im Ansatz’ hinterfragten.“

Auch die klare Stimme des Münchner Pastoraltheologen und glaubenstreuen Priesters Andreas Wollbold aus einem Interview mit Oliver Maksan wollen wir zu Wort kommen lassen (Die Tagespost vom 28. Mai 2020, 2): 

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kirche geradezu servil alles zu 150 Prozent richtig machen wollte, was staatliche Vorgaben erwarteten. Während Eltern, Lehrer, Einzelhandel und Touristik völlig legitim die Interessen ihrer Klientel vertraten, musste man schon manchmal denken, die Kirchenverantwortlichen vertreten Interessen gegen die Wünsche ihrer Gläubigen. Da hat uns sicher die Missbrauchskrise so weichgespült, dass der Blick auf die öffentliche Wirkung den Blick auf das Seelenheil zu ersetzen schien. Dabei ist aber doch das Seelenheil bekanntlich das oberste Gesetz der Kirche.“

Und schließlich soll auch eine protestantische Stellungnahme nicht übergangen werden: „Das Selbstbild der Kirche über ihre angebliche Bedeutung in der Gesellschaft und für die Gesellschaft wurde in der Corona-Seuche ‚zerbrochen’. Das beobachtet und beschreibt der Bochumer evangelische Theologe Günther Thomas im Nachrichtenmagazin ‚Idea Spektrum’. Es zeigte sich: ‚In der Krise sind Baumärkte wichtiger als Gottesdienste, Pinsel wichtiger als Gebete.’ Die Kirchen waren bzw. sind in dieser Situation ‚weder für die Bundeskanzlerin noch für die Wissenschaftler erwähnenswert.’“[49]

Liegt in dieser selbstgewählten partiellen Bedeutungslosigkeit nicht auch einer der Gründe für das neuerlich deutliche Anschwellen der Austrittswelle aus den beiden großen christlichen Konfessionen und für den Rückgang von Spenden und Kirchensteuer?            

5) Die rein virologische Betrachtungsweise war zu einseitig   

Den Verantwortlichen ist vor allem vorzuwerfen, daß sie bei ihrer Reaktion auf Covid 19 fast ausschließlich oder ganz überwiegend immer nur die virologische Seite ins Auge faßten. Diese Unausgewogenheit gilt auch und insbesondere für die Beschränkungen der Gläubigen in ihrem Recht auf gottesdienstliche Feiern. Und dabei stützten sich die Verantwortlichen zu allem Übel noch sehr einseitig vor allem auf Aussagen von Prof.  Christian Drosten in Berlin bzw. des Robert Koch-Instituts, andere Positionen wie die der Professoren Hendrik Streeck oder Klaus Püschel (Rechtsmediziner in Hamburg) ließen sie eher unbeachtet, so daß jene auch kaum Eingang in die herrschenden Medien fanden.

Mit Recht kann man mit dem Bonner prominenten Juristen Josef Isensee hier beinahe von einer „Virokratie“ sprechen.[50] Krankenhausbetten wurden in viel zu hohem Maße für Covid 19-Patienten reserviert, andere Schwerkranke (Krebs, Herzdefekte) wurden auf die lange Bank geschoben, mit zum Teil katastrophalen Folgen für deren Gesundheit. Und dies alles geschah, obwohl man alsbald absehen konnte[51], daß bei aller Bedrohung durch das Virus, die man nicht leugnen sollte, die Todeszahlen, jedenfalls in Deutschland mit seinem im Verhältnis zu anderen Ländern, wie Großbritannien und Italien, relativ leistungsfähigen Gesundheitssystem, weit unter denen z. B. der Influenzaepidemie des Jahres 2018 bleiben würden (unter 10.000 gegenüber damals weit über 20.000[52]).

Dabei traten die weitaus meisten Todesfälle bei alten Personen, die oft die 80 Jahre überschritten hatten, oder gesundheitlich schwer Vorbelasteten auf, so daß man oft gar nicht sicher entscheiden konnte, was genau die Mortalität ausgelöst hatte.[53]

Weitgehend ausgeklammert wurden die weltweit katastrophalen Folgen für das gesamte Wirtschafts- und Finanzleben[54] Das führte – zusammen mit der menschlichen Isolation – zu schweren psychischen Problemen. Ständige Existenzängste, überhöhte Reizbarkeit, häusliche Gewalt, die sogar Scheidungen mit begünstigt hat, waren die Folge; ja nachweisbar hat sich die Selbstmordrate erhöht.[55]

Und in dieser Notlage, die viele Menschen massiv bedrückte, hielt sich die katholische Kirche (bei den Protestanten war es nicht besser!) in bedenklicher Weise mit ihren seelsorgerischen Diensten, vor allem mit der Feier öffentlich zugänglicher Gottesdienste, derartig zurück! Oft genug unterwarf man sich sogar den Quarantänebestimmungen des Staates und ließ alte und todkranke Gläubige in der Isolation, ja manchmal starben sie sogar ohne die Tröstung durch die vom Heiland eingesetzten Sakramente.

Ein solches Fehlverhalten geht natürlich neben anderen Motiven auch auf die Geringschätzung jener die göttliche Gnade bewirkenden Zeichen zurück. Wenn ich der theologischen Sicht verfallen bin, die heute stark verbreitet ist, die Sakramente seien nur äußerliche, letztlich wirkungslose Zeichen einer längst allen Menschen geschenkten Gnade, dann werde ich für ihre Spendung als Priester oder Bischof kein außergewöhnliches Opfer bringen.[56] Wer hier gefehlt hat, sollte umkehren und Buße tun!   

6) Mangelndes Urteilsvermögen der Masse

Um so erstaunlicher ist es, welche Zustimmung gerade Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Mehrzahl der Bevölkerung gefunden hatte. Ihre schwer angeschlagene CDU – nicht zuletzt durch Verlust von ihr vergraulter konservativer Wähler – nahm erheblich in der Wählergunst zu. Wenn man die Deutschen wieder in eine Diktatur führen möchte (ich spreche im Potentialis), dann müßte man so vorgehen.

Es wurde ja auch bewußt massiv Angst verbreitet, wenn man allein daran denkt, daß das „Staatsfernsehen“ der ARD fast jeden Abend nach der Tagesschau um 20.15 Uhr über viele Wochen hinweg geradezu eine Propagandasendung zur Verteidigung der Regierungsmaßnahmen brachte. Zahlen der Genesenen wurden längere Zeit verschwiegen, ohne die man sich gar kein rechtes Bild von der Ausbreitung der Epidemie machen konnte. Soweit ich sehe, wurde fast nie klar genug zwischen symptombehafteten Infektionen und reiner Bildung von Antikörpern ohne Symptome differenziert; letzterer Personenkreis scheint das Virus nach Auffassung der WHO nur sehr selten zu übertragen, was größte gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zieht, wenn es stimmen sollte.[57]

Dieser Einwand gilt jetzt auch für die fortlaufenden Tests, z. B. bei der Fleischerei Tönnies in Gütersloh, und deren Ergebnisse.  Kritische Stimmen blieben fast immer unerwähnt. Das war nachweislich eine klare Strategie, über die Andreas Rosenfelder in der WELT vom 5. Mai 2020 (S. 8) schrieb: „Das Worst-Case-Horrorszenario, von dem ein Strategiepapier der Bundesregierung zu Beginn der Krise im März ausdrücklich empfohlen hat, es der Bevölkerung einzuimpfen, ‚um die gewünschte Schockwirkung’ zu erzielen“.

Ja sogar die internationale Presse bewunderte die Bundeskanzlerin. So titelte die bekannte spanische Zeitung El Pais (26. 4. 2020): El éxito de la canciller cientifica que encadila al mundo. – Der Erfolg der Wissenschafts-Kanzlerin, der die Welt  betört.

Einen entscheidenden Grund für einen solchen Erfolg der Schocktherapie ganz allgemein nennt Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik in Dortmund und unermüdlicher Streiter für die deutsche Sprache, in seinem Buch Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten (München 2013, 79): „Dieser Sieg des Bauches über den Verstand ist die mit großem Abstand wichtigste Quelle irrationaler Panik überhaupt.“[58]

So kam es auch, daß der bayerische Ministerpräsident Söder mit seinen rigorosen Kontaktverboten bei der Bevölkerung in Umfragen besser abschnitt als sein großzügigerer Kollege Laschet aus Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile werden jetzt aber im Monat Juni, in dem diese Zeilen geschrieben wurden, doch immer mehr Bevölkerungsteile unruhig, weil sie unter verschiedenen Gesichtspunkten vor dem Ruin stehen.

7) Ein Fazit des Althistorikers Egon Flaig

So spricht auch der emeritierte Rostocker Althistoriker Egon Flaig, der bei einem größeren Publikum vor allem durch sein Buch Weltgeschichte der Sklaverei (2München 2011) bekannt geworden ist, im Zusammenhang mit den Maßnahmen der Politiker gegen die Coronaepidemie von einer „Äskulapokratie“, einer Herrschaft der Ärzte, speziell der Virologen.

Ein kleiner Auszug aus seinem Essay Das Politische in der Hyperrealität (Cato – Magazin für neue Sachlichkeit Nr. 4/2020, 11-19, Zitat 19) möge zum Nachdenken über die dramatischen Ereignisse der letzten Monate und ihre weltweiten Folgen anregen:

„Welcher Staatschef oder Minister wird dem Volk offen sagen, daß die WHO eine Fehlwarnung ausgab, daß die Regierungen sich über die Realität grotesk täuschten, daß man sich von einer medial angeheizten Hyperrealität den Verstand vernebeln ließ, das Gemeinwohl einer epidemiologischen Strategie unterordnete, falsche moralische Maßstäbe gebrauchte, eine Vernichtung von Wohlstand organisierte, die sich im Ausmaß von drei Großkriegen bewegt und sieben Milliarden Menschen in finanzielle, ökonomische, soziale, edukative, familiäre und psychische Not gebracht hat – ohne Not?

Um die dramatischen Folgen dieses objektiven Irrsinns wiedergutzumachen, wollen die Regierungen Schulden in Billionenhöhe aufnehmen und die Finanzwelt des Globus in die umkehrlose Hyperrealität hineinschwimmen lassen – den Irrsinn mit einem Wahnsinn heilen, den die nächste Generation abzutragen hat.“  

8) Abschließender Aufruf an die Kirchenführer

Flaig schließt seinen Essay mit einem wichtigen Gedanken. „Die Wahrheit wird uns freimachen.“ Er meint das mehr im profanen Sinne. Für uns Christen ist die Wahrheit aber eine Person, nämlich der Gottmensch Jesus von Nazareth (Joh 8,32).

Nur Er und Seine himmlische Mutter können uns aus der bedrohlichen Lage heraushelfen, in die sich eine außer Rand und Band geratene Menschheit selbst manövriert hat. In erster Linie muß sich Sein Mystischer Leib, die hl. Kirche, wieder ihres wahren Auftrags besinnen, nämlich der Verkündigung des unverfälschten Evangeliums und nicht irgendwelcher soziologischer Modelle.

Papst und Bischöfe haben das Erbe des Heilands weltweit mutig gegen Politiker zu verteidigen, die die Freiheit der Kirche einschränken wollen, weil sie sie letztlich ablehnen, ja oft sogar hassen und am liebsten zerstören möchten.

Zur Abwehr solcher antichristlichen Aktivitäten bedarf es, auch und gerade unter den Laien, tapferer und opferbereiter Christen, die „cum metu et tremore“, mit Furcht und Zittern ihr Heil bei Gott wirken (Phil 2,12), aber furchtlos vor den Menschen agieren. Sie müssen den Jesus Christus bekämpfenden Menschen, falls diese sich nicht bekehren und von ihren bösen Machenschaften ablassen, als „milites Christi“, als „Soldaten Christi“ entgegentreten.[59]

Das, was in den letzten Monaten an falschem Gehorsam, ja an Kollaboration der Kirchenführer mit einem gottfernen Staat (trotz Präambel des Grundgesetzes und trotz der Artikel 1 – Menschenwürde – und 4  – Religionsfreiheit) zu beklagen war, darf nie mehr vorkommen. Eine solche Mahnung wiegt um so schwerer, als man damit rechnen muß, daß die Gottesleugner und Kirchenfeinde unter den Herrschenden sich durch diese Erfahrung ermutigt sehen, künftig die Christen, möglicherweise unter Mitwirkung von Kräften aus deren eigenen Reihen, noch stärker ins Abseits zu drängen.

Das Coronavirus und seine medizinisch sicher nicht zu unterschätzenden Folgen hätten den in der Kirche Verantwortlichen die Gelegenheit gegeben, innezuhalten und den falschen Weg zu korrigieren. Immer hat Gott solche Seuchen zugelassen, damit die Menschen sich ihrer Sünden besinnen, an das ewige Leben denken und umkehren. Das zeigen Zeugnisse sowohl des Alten wie des Neuen Testaments, aber auch der Kirchengeschichte in aller wünschenswerten Klarheit.

Von dieser Einschätzung der Lage darf uns auch die moderne Theologie nicht abhalten, die mit einem solchen Gedanken wenig anzufangen weiß. Denn nicht selten ist sie einem geradezu deistischen Weltbild verfallen, nach dem Gott nicht mehr Herr seiner Schöpfung ist – sofern sie überhaupt auf ihn zurückgeht. Manfred Hauke hat der heilsgeschichtlichen Komponente der Coronaepidemie einen wichtigen und überzeugenden Beitrag gewidmet.[60]

Die Führung der Kirche hätte sich weniger um die gesundheitliche Bedrohung durch das nur in relativ geringem Maße tödliche „Kronen“- (Corona-)Virus kümmern sollen. Das ist Aufgabe des Staates, und ihm ist in solchen Fällen normalerweise, aber wie wir sahen, eben keineswegs immer Folge zu leisten. Vielmehr hätte man sich mehr um die „Krone des Lebens“ bemühen sollen, auch und vor allem in der Verantwortung für die anvertraute Herde.[61]

Wie sagt es der hl. Jakobus so klar? „Selig der Mann, der in der Versuchung standhaft bleibt. Denn wenn er sich bewährt hat, dann wird er die Krone (den Kranz) des Lebens erhalten, die (den) Gott denen versprochen hat, die ihn lieben.“ (Jak 1,12)

Das gilt besonders für Zeiten, die man nur als „apokalyptisch“ bezeichnen kann, wie sie z. B. Rainer Maria Kardinal Woelki charakterisiert hat.[62]  Und wir wissen nicht, ob diese Einschätzung nur im übertragenen, allgemeinen Sinne gilt oder ob man zum Verständnis der Weltlage auch das Buch der Apokalypse, z. B. mit seinen Kapiteln 13 und 17-19, heranziehen muß. Sollte letzteres der Fall sein – ich bin kein Prophet! –  dann können wir nur hoffen und beten, daß die für die Kirche Verantwortlichen ihre wahre Aufgabe erkennen und künftig dementsprechend handeln.

Einem Staat, der sich diktatorische Vollmacht anmaßt, mag dieses Vorgehen augenblicklich zum Teil noch berechtigt erscheinen, darf man als Kirche nicht so willfährig entgegenkommen, wie dies geschehen ist, weil man vielleicht glaubt, so nicht aufzufallen und dadurch irgendwelchen Repressalien zu entgehen. Vielmehr muß man, zunächst so weit wie möglich im Rahmen der Legalität, Flagge zeigen. Sonst wird dieser Staat, weil er keinen Widerstand erfährt und sich stark fühlt, künftig noch unbedenklicher und massiver die Kirche einschränken.     

Die Pflicht zum christlichen Widerstand

Es seien mir hier ein paar Überlegungen zu diesem Thema gestattet, die aus der Erfahrung der letzten Wochen in der Coronakrise erwachsen sind. Dabei will ich nicht behaupten, daß sie direkt auf unsere Verhältnisse anwendbar wären. Aber sie sollen Gefahren skizzieren, die sich m. E. ansatzweise gezeigt haben und noch zeigen und denen man, sollten sie sich verschärfen, ggf. kompromißlos Widerstand zu leisten bereit sein muß.

Wenn man bestimmte Entwicklungen sieht, die weltweit gegen die katholische Kirche gerichtet sind, so bedarf es auf jeden Fall möglichst vieler Menschen, die sich nicht verbiegen lassen, sondern die mit Tapferkeit und Klugheit für ihre christlichen Überzeugungen eintreten, so wie es Max Pribilla S. J. in seinem Buch Mut und Zivilcourage des Christen (Frankfurt/M. 1957) beindruckend gefordert hat.

Der Autor beklagte schon damals ein „verblaßte(s), blutleeres Christentum“, das weit verbreitet sei – was würde er wohl heute sagen? Zur Abwehr einer solchen Degeneration brauche es „die Erziehung zur Tapferkeit und die Heranbildung starker Charaktere, die auf eigenen Füßen stehen können und ernstlicher Belastung gewachsen sind“ (97) – angesichts der heutigen Erziehungssituation eine Herkulesaufgabe!

Die Kardinaltugend der Tapferkeit

Wenn hier Tapferkeit gefordert wird, dann ist an die alte abendländische Tradition der dritten Kardinaltugend (zu der für einen Christen natürlich noch die entsprechende Gabe des hl. Geistes nach Jes 11,2 kommen soll[63]) zu erinnern, die Josef Pieper in seinem Meisterwerk Das Viergespann. Klugheit – Gerechtigkeit – Tapferkeit – Maß (München 1964) so beschrieben hat:

„Ohne Klugheit und Gerechtigkeit gibt es keine Tapferkeit, nur wer klug und gerecht ist, vermag auch tapfer zu sein.“ (172) Man würde sonst von „Draufgängertum“ (173) sprechen, dem mit der Feigheit korrespondierenden Extrem der anderen Seite; die Tapferkeit hält eine mittlere Position, und zwar schon nach der aristotelischen Tugendlehre.[64] Zur wahren Tapferkeit gehört dementsprechend auch die Geduld: Nichts darf überstürzt werden (181).

Alles muß ruhig und unaufgeregt abgewogen werden. Die Kirche hat dementsprechend immer davor gewarnt, sich zur höchsten Form der Tapferkeit, dem Blutzeugnis für die Wahrheit in Jesus Christus, zu drängen; schon Märtyrer wie Polykarp (2. Jh.) und Cyprian (3. Jh.) wandten sich mit entsprechenden Aufrufen hiergegen (167).

Aber auch der Untätige oder Zauderer entspricht nicht dem christlichen Ideal. Es ist ein Ausdruck der „spießbürgerlichen Meinung, daß die Wahrheit und das Gute sich ohne den Einsatz der Person ‚von selbst’ ‚durchsetzen’“ (166). Einem solchen potentiellen Irrtum mußte schon der hl. Paulus wehren (z. B. 2 Kor 7,5; 10,3).

Er betonte, daß es für die Evangelisierung der Welt der Tapferkeit und des (geistlichen) Kampfes bedürfe. Das gilt nicht minder, ja vielleicht in noch höherem Maße in unserer erschlafften Zeit für die immer wieder – an sich zu Recht – für  unsere Breiten, auch von Päpsten, angemahnte Neuevangelisierung.[65]           

Die Menschenfurcht

Der größte Feind dabei ist neben mangelnder Tiefe im Glauben, der immer wieder durch Gebet und inneren Seelenfrieden, vergleichbar der schon paganen „tranquillitas animi“, genährt werden muß, eine bestimmte, selbst in traditionell-katholischen Kreisen zu findende Gefahr: nämlich die der Menschenfurcht. 

Joseph Overath hat über diese Schwäche ein nützliches Büchlein verfaßt. Es trägt den Titel „Von der Menschenfurcht“ und erschien 1997 beim Kral-Verlag in Abensberg. Die weitaus meisten Menschen, so der geistliche Autor, können sich dieser ängstlichen, oft direkt feigen Haltung nicht versagen, nur eine kleine Minderheit ist zum Widerstand und, wenn nötig, zum Kampf bereit (39).

Dabei unterscheidet Overath verschiedene Arten der Menschenfurcht (29-35):

1) Jene um des Irenismus willen, d. h. man möchte kein Störer von Frieden und Einheit sein, mag die Ideologie des Mainstream, vorsichtig ausgedrückt, noch so exotisch anmuten. 2) Damit u. U. zusammenhängend, kann eine weitere Quelle das Gefühl sein, sich dem Zeitgeist direkt selbst verpflichtet zu fühlen. Die Angst vor Isolation kann einen dabei umtreiben.  3) „Neutralismus“, nämlich keine Werte, sondern nur Ziele und Zwecke zu verfolgen, kann ein weiterer Hintergrund dafür sein, sich nicht erklären und exponieren zu wollen.

4) Die Menschenfurcht mag Ausfluß einer falschen Autoritätsgläubigkeit sein. 5) Schließlich kann sie sich auch aus der Angst um Gesundheit und Leben speisen. 6) Öfter entspringt sie  einem übertriebenen Karrierestreben.

In jedem Fall führt der Verlust der Gottesfurcht zur Anfälligkeit gegenüber der Menschenfurcht.

„Verbürgerlichung“ des Christentums als Gefahr

Lesenswert ist in unserem Zusammenhang auch die kleine Schrift „Von der Würde des Christentums und der Unwürde der Christen“ des russischen Philosophen Nikolai A. Berdiajew (dt. Ausgabe Luzern 31936). Sie ist vor zwei Jahren unter dem Titel „Im Herzen die Freiheit – Das Bürgertum zwischen Sinnsuche und Selbstgeißelung“, mit einem Vorwort von P. Michael Weigl versehen, neu beim Renovamen-Verlag herausgegeben worden (Bad Schmiedeberg 2018).

Berdiajews Kritik gilt insbesondere dem verbürgerlichten Christentum, das sich dem Streben nach Macht, Geltung und materiellen Gütern verschreibt und sich dabei den göttlichen Mysterien und der wahren Liebe zu Gott und den Menschen nicht weit genug öffnet oder gar ganz verschließt. Hierbei spielt dann eine gewisse Anpassung an die herrschenden Verhältnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle, selbst wenn man ihnen innerlich an sich eher kritisch gegenübersteht. So glaubt man den Anstürmen irgendwie entgehen zu können.

Aber hat der US-amerikanische orthodoxe Christ Rod Dreher nicht recht, wenn er in seinem Bestseller Die Benediktoption. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft (deutsche Ausgabe Kißlegg 22018. 146 f.) gegen solche Anpassung kritisch einwendet:

„Ein Teil des Wandels, den wir vollziehen müssen, besteht darin, zu akzeptieren, dass gläubige Christen in den kommenden Jahren möglicherweise vor der Wahl stehen werden, entweder gute Amerikaner oder gute Christen zu sein“?

Man denke nur, um wenigstens ein Beispiel zu nennen, an die vielen Kriege, die die letzten US-Präsidenten (bisher Trump ausgenommen) weltweit geführt haben und die in der Regel schwerlich von der christlichen Lehre vom bellum iustum, dem gerechtfertigten Krieg[66], gedeckt waren!

Eine gottlose Demokratie schützt nicht vor totalitären Strukturen!

Der polnische Philosophieprofessor Ryszard Legutko, der gegen das kommunistische Regime seines Landes im Untergrund Widerstand geleistet hatte und jetzt einen Lehrstuhl an der Jagellonen-Universität in Krakau innehat, warnt in seinem lesenswerten Buch „Der Dämon der Demokratie – Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ (Wien und Leipzig 2016, 180) vor solch einer zum Irenismus neigenden Haltung: 

„Der zweite Fehler ist zu ignorieren, daß die liberal-demokratische Ideologie[67] schon lange aufgehört hat, offen zu sein (wenn sie es je gewesen ist) und nun in eine Phase der rigiden Dogmatik eingetreten ist. Je siegreicher sie ist, umso weniger sind die Sieger bereit, Nachsicht gegenüber denen zu zeigen, die nicht zu den Siegern gehören.

Die sich in Bescheidenheit übenden Christen, die bereit sind, eine gemeinsame Grundlage im Streben nach einer besseren Welt zu suchen, haben keine Überlebenschance, egal wie weit sie in der Selbsterniedrigung gehen. Früher oder später werden sie bedingungslos kapitulieren und sich dem System anschließen, ohne Ausstiegs- und Gewissensklauseln. Und sollten sie sich plötzlich entschließen, non possumus (Wir können nicht mehr mitmachen, H-L B) zu deklarieren, werden sie sofort zu verächtlichen Feinden der liberalen Demokratie erklärt.“

Das haben wir ja auch während der Corona-Krise erlebt:

Friedliche Demonstrationen wurden als rechtextrem gebrandmarkt, obwohl sie sich aus Menschen ganz unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Richtungen zusammensetzten, die einfach um ihre Freiheitsrechte besorgt waren.

Umgekehrt wurden (übrigens weltweit organisierte!) Massendemonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern gegen angeblichen Rassismus nach Art von Vorfällen in den USA nicht nur medial allenthalben unterstützt, sondern plötzlich spielten auch angeblich doch so notwendige Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Epidemie kaum mehr eine Rolle, jedenfalls wurden sie von der Polizei nicht im selben Maße durchgesetzt, wie es zuvor bei Manifestationen zugunsten der von unsrer Verfassung garantierten Grundrechte geschehen war.

Wer bereit ist, sich um seiner Treue zu Christus und der Kirche willen gegen eine so große Übermacht  des Zeitgeistes zu wehren, der wird natürlich ins gesellschaftliche Abseits geraten. Er muß sich bewußt sein, „daß nur ein Bruchteil der großen Menschenmassen fähig ist, den mächtigen Fiktionen der Zeit zu trotzen und der Bedrohung, die sie ausstrahlen“, um die Worte Ernst Jüngers aus seinem Essay von 1951 Der Waldgang[68] zu verwenden.

In jenem lesenwerten, wenn auch nicht immer ganz einfach zu verstehenden kleinen Werk geht es um Menschen, die sich gedanklich von einer erdrückenden Mehrheit um sie herum unabhängig bewahren und bereit sind, Widerstand zu leisten, mag dessen Form auch nicht unbedingt dem katholischen Ideal entsprechen.

Aus den Untersuchungen über  die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann, der Gründerin des Meinungsforschungsinstituts INFAS am Bodensee, wissen wir, daß nur eine kleine Minderheit von vielleicht 10 % zum Widerstand gegen eine erdrückende Mehrheit fähig und bereit ist. Diese teilt sich dann meist noch einmal auf in solche, die sich schließlich an die Majorität anpassen, in andere, die sich völlig radikalisieren und eine kleine Gruppe, die einer gesunden Widerstandslinie treu bleibt.

Beten wir um die Kraft des Hl. Geistes, daß wir zu jener mittleren Gemeinschaft gehören dürfen, möge an Bedrohung auf die Kirche zukommen, was Gott auch immer zuläßt!       

DIESER ARTIKEL, den wir mit freundlicher Erlaubnis des Autors veröffentlichen, erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift THEOLOGISCHES

Anmerkungen:

[1] Fritz Söllner, Frappierende Parallelen: Zurück in die Zukunft: Rückt 1984 immer näher? Junge Freiheit vom 19. Juni 2020, 18. Der Autor, Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre an der TU Ilmenau, entdeckte erschreckende Parallelen zwischen Orwells berühmtem dystopischen Roman und der derzeitigen „Normalität“.

[2] Drostens Einlassung ist unter den angegebenen Daten im Internet zu finden.

[3] Siehe Dirk Schümer, Mein Leben als Corona-Neurotiker. Deutschland ist bisher gut durch die Pandemie gekommen. Aber die neue Normalität ist nicht normal. Mit Mundschutz ins Café… DIE WELT vom 6. Juni 2020, 2. Für die Bereitstellung dieses und einiger anderer Zeitungsausschnitte danke ich Frau Barbara Rohs aus Bonn.

[4] Siehe Carolin Amlinger-Oliver Nachtwey, Sie haben noch etwas zu sagen, FAZ vom 27. Mai 2020, 3.

[5] Kaiser Konstantin der Große gab seinem Volk ein Gesetz, nach dem ein Gladiator oder ein Missetäter, der zur Arbeit in den Bergwerken verurteilt war, nicht mehr nach überlieferter Sitte mit einem Zeichen auf dem Gesicht gebrandmarkt werden durfte. Als Grund für dieses Edikt gab Konstantin an: „Das Gesicht, das nach dem Vorbild himmlischer Schönheit gestaltet ist, darf keinesfalls geschändet werden.“ (Codex Theodosianus 9,40,2). Weiteres hierzu siehe Verf., Ursprung und Wesen der Menschenwürde, DIE NEUE ORDNUNG, Sonderheft 2018. In memoriam Joachim Kardinal Meisner, 71-117, hier 102 f. Anm. 45; der Text kann im Netz kostenlos heruntergeladen werden. Es existiert auch eine lateinische Fassung meines Beitrags in der Vox Latina (De origine et natura dignitatis humanae, 54,211/2018, 92-107; 54,212/2018, 190-207).

[6] „Die derzeit weithin übliche Verwendung des Begriffs ‚Kirchen’ bedeutet nicht nur eine oberflächliche Anpassung an den Sprachgebrauch des Zeitgeistes – in Widerspruch zum Credo und zur Erklärung Dominus Iesus -, sondern sie dürfte in vielen Fällen auch Ausdruck eines schwerwiegenden Glaubensirrtums sein, nämlich eines Neo-Nestorianismus im Kirchenverständnis.“ Johannes Stöhr, Maria, „Mutter der Einheit“, Überwinderin des Neo-Nestorianismus in der Ekklesiologie, in: Manfred Hauke (Hg.), Maria, „Mutter der Einheit“ (Mater unitatis), Mariologische Studien XXVIII, Regensburg 2020, 107-136, Zitat 122 f.) Wenn ich also hier trotzdem von „Kirchen“ im Plural spreche, so ist der Begriff rein soziologisch, nicht theologisch gemeint.

[7] Siehe „Franziskus betet auf leerem Petersplatz für Ende der Corona-Pandemie“, Vatican news vom 27. März 2020.

[8] Zitat nach LThK (2.Aufl.1968) 14,457

[9] „Ohne Zweifel“ fehlt im lateinischen Urtext und wird zu Recht in der neuen Übersetzung ausgelassen (Herders theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, 1,681).

    [10] Gotthold Ephraim Lessing, Ernst und Falk – Gespräche für Freimäurer, Werke Bd. VIII, Hanser-Aus­gabe München 1979, Lizenzausgabe Darmstadt 1996, 463; 465 f.; 462 f.

    [11] Humanität 25,1/1999, 15

    [12] Zitat nach Dieter A. Binder, Die Freimaurer – Ursprung, Rituale und Ziele einer diskreten Gesellschaft, Freiburg/B. 1998, 231.

    [13] Friedhelm Hengsbach, Wirtschaftsethik, 2Freiburg/B. 1993, 131 f.

[14] Siehe Verf., „Nostra autem conversatio in caelis est“ (Phil 3,20). Des Christen Liebe zum ewigen und zum irdischen Vaterland, CIVITAS 21/2014, 1-78, hier 69-76.

    [15] Schwarze Kassen des Geistes – Getrennte Kontenführung und die Attrappe einer Religion: Die Freimaurer werden transparent, FAZ vom 15.12.1999.

    [16] Paulinus vom 9. Januar 2000, S. 10

[17] Siehe Judith Rosen, Der Traum vom ewigen Frieden. Vor 75 Jahren wurden unter dem Eindruck eines verheerenden Weltkrieges die Vereinten Nationen gegründet und die UN-Charta unterzeichnet, General-Anzeiger vom 20./21. Juni 2020, Kulturbeilage S. 4. Rosen schließt mit dem für das Verständnis des Kantschen Ansatzes wichtigen Gedanken: „Die Verwirklichung des ewigen Friedens ist eine ‚ins Unendliche fortschreitende Annäherung’, eine ‚Pflicht’ und ‚zugleich gegründete Hoffnung’.“

[18] In der linken Tageszeitung taz wurde dementsprechend von einer der führenden Klimaaktivistinnen der radikalen „Extinction Rebellion“ – Bewegung, Luisa Neubauer, sogar schon überlegt, ob man dem „Klimanotstand“ mit demokratischen Mitteln über Wahlen überhaupt beikommen könne – und ob es da nicht anderer politischer Formen und Maßnahmen bedürfe. Die junge Dame äußerte sich dort auch zur Bevölkerungspolitik – man sieht also, wie hier alles zusammenhängt: „Ist das Kinderkriegen unseren Mitmenschen gegenüber verantwortungsvoll, da statistisch gesehen nichts einen größeren CO2-Fußabdruck hinterläßt als ein Kind?“ (Tim Sumpf, Öko-Diktatur: Klimaaktivistin Luisa Neubauer stellt demokratische Grundordnung infrage, Epoch Times vom 2. November 2019, aktualisiert am 24. Januar 2020). Auch ein absolut seriöser Gelehrter wie der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier warnte schon vor der „Ökodiktatur“ (Die Warnung. Wie der Rechtsstaat ausgehöhlt wird. Deutschlands höchster Richter a. D. klagt an. 2München 2019, 105-107).

[19] „Angesichts dieser Bedeutung ist es sicherlich nicht übertrieben, das CO2 als wichtigste politische Größe der Gegenwart einzustufen. Es geht um nichts weniger als die Weltherrschaft. Etwas zugespitzt erkennt man Tendenzen zur Errichtung einer ‚Klimadiktatur’. Jene einflußreichen Organisationen, die direkt oder indirekt für One-World-Vorstellungen werben, etwa viele NGO’s, benutzen dieses attraktive Betätigungsfeld, um ihre Ziele voranzutreiben.“ So Felix Dirsch, Professor für Politikwissenschaft, in seinem abwägenden und ausgewogenen Aufsatz „Klimakatastrophaler Mythos“ (Die Neue Ordnung 74,3/2020, 174-187, Zitat 178). Dirschs Anliegen war es, alle an der Diskussion Beteiligten zu mehr wissenschaftlicher Seriosität aufzufordern.    

[20] P. Stefan Frey, „Du sollst deinen Nächsten lieben!“ Zum Migrationspakt der UNO, St. Athanasius-Bote Nr. 40/März 2019, 15-18, hier 16 f. Die Quelle ist abrufbar unter folgender Adresse: ec.europa.eu: European Commission, Directorate-General Home Affairs, Final Report, July 2010: „Study on the feasibility of establishing a mechanism for the relocation of beneficiaries of international protection, 2009“. Dort findet man im Annex S. 16 eine Tabelle, aus der hervorgeht, daß Deutschland damals 82.314.906 Einwohner besaß und daß man entsprechend seinem Territorium eine mögliche Einwohnerzahl von 274.539.094 errechnet hatte.

[21] Zur abgestuften Ordnung der Liebe siehe z. B. das bereits ältere, lateinisch geschriebene Buch des Erzbischofs von Mecheln, Kardinal J. E. van Roey: De virtute charitatis. Quaestiones selectae, Mecheln 1929, v. a. 321-340 (De ordine inter diligendos). Wertvoll ist auch die umfangreiche spanische Abhandlung „Teología de la caridad“ von Antonio Royo Marin O.P., BAC, Madrid 21963, dort v. a. 357-363 (Orden de la caridad para con el prójimo).

[22] Immer wieder setzt sich Franziskus für eine weltweite Migration ein. Welches Ziel ihm u. a. dabei vorschwebt, kann man einem Interview mit dem italienischen atheistischen Journalisten Eugenio Scalfari entnehmen: „Auf diese Weise neigen die Völker unserer Spezies dazu, ein neues Volk zu schaffen, in das die Qualitäten und Mängel der Ursprungsvölker zusammenfließen, um eines zu schaffen, von dem man hofft, daß es besser ist. Das ist das Thema der Migrationen und Einwanderungen…“ (La Reppublica vom 16. Januar 2020, Zitat der deutschen Übersetzung nach: katholisches.info vom 17. Januar 2020). Kritische Überlegungen zu diesen oft unkontrollierten Migrationsbewegungen (siehe v. a. die Ereignisse in Deutschland vom Jahre 2015) sind zusammengetragen in: 1) Manfred Spieker, Die neue Völkerwanderung. Pflichten und Grenzen der Solidarität, Die Neue Ordnung 73,1/2019, 4-14. 2) Heinz-Lothar Barth, Muslimische Immigration. Hintergründe und Folgen, ebd. 15-30. Dort findet man auch kritische Stimmen führender Juristen erwähnt (24 f.). Es sind übrigens überwiegend dieselben, die jetzt auch Bedenken gegen die weitgehenden Einschränkungen der Grundrechte in Deutschland wegen der Coronaepidemie geäußert haben.

[23] Zu dem ganzen erschütternden Dokument siehe die ausgewogenen Ausführungen von Wolfgang Koch, „Unsere christliche Überzeugung verpflichtet uns“ … Naturrechtliche und religiöse Grundlagen der jungen Bundesrepublik, CIVITAS 25/2015, 67-116, hier 70-74 (Abschnitt Verpflichtung auf politische Zukunftspläne).

[24] Siehe Verf., Solidarität und Subsidiarität – Zwei Grundprinzipien der christlichen Soziallehre und ihre Mißachtung in der heutigen Politik, CIVITAS Sonderheft 1, 2008.

[25] Das ist auch die Sorge, die Erzbischof Viganò in einem Beitrag äußerte, in dem er sich kritisch mit Aspekten des II. Vatikanums und deren Auswirkungen im Rahmen der derzeitigen Kirchenkrise auseinandersetzt: „The hopes of the tower of Babel cannot be brought back to life by a globalist plan that has as its goal the cancellation of the Catholic Church, in order to replace it with a confederation of idolaters and heretics united by environmentalism and universal brotherhood. There can be no brotherhood except in Christ, and only in Christ: qui non est mecum, contra me est.“ (Maike Hickson, Abp Viganò on the ‚roots of deviation’ of Vatican II and how Francis was chosen to revolutionize the Church, LIFESITE 10. Juni 2020) Man braucht sich nicht allen von Viganò vorgetragenen Gedanken anzuschließen, die hier und da vielleicht etwas überzogen wirken, aber vieles ist doch sehr bedenkenswert. Siehe jetzt auch Taylor Marshall, Weihbischof Athanasius Schneider et alii, Infiltriert: Die Verschwörung zur Zerstörung der Kirche, erscheint Juli 2020.

[26] Joseph Ratzinger, Die Einheit der Nationen – Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg 1971, z.B. 34)

[27] Mischna Avot 3,5, zitiert nach: Guido Baltes, Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu, Marburg an der Lahn 2020, 118.

[28] Text im folgenden zitiert nach: Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, hg. von Emil Marmy, Freiburg/Schweiz 1945, Nr. 1304 f., S. 832                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             [29] So richtig Michael Hesemann, Der Papst und der Holocaust. Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan, Stuttgart 2018, 103-105. Viele Stellungnahmen hat Pius XII. dieser Thematik gewidmet. Man kann sie in deutscher Sprache nachlesen in: Von der Einheit der Welt. Das Programm Pius XII.’ für eine internationale Friedensordnung. Aus seinen Briefen, Botschaften und Ansprachen zusammengestellt und erläutert von Karlheinz Schmidthüs, Freiburg/B. 1957.

[30] Text siehe AAS XII/1920, 313-317, v. a. 314.

[31] Konrad Kirch-Adolf Rodewyk, Helden des Christentums, II. Band, (1914) 6Paderborn 1952, 325-348, v. a. 337-341 (Kap. Die Pest)

[32] Ich verfüge über entsprechende Texte, möchte aber die Namen der Autoren nicht nennen, um sie in dieser schwierigen Situation nicht bloßzustellen.

[33] Man lese nur einmal das informative Buch Europa ohne Christus von Stefan Meetschen (Kißlegg 2009), und man erkennt, wie weit die Dinge bereits im Jahr 2009 gediehen waren – so weit, daß Meetschen nicht zu Unrecht von einer immer weiter verbreiteten „Christianophobie“ spricht, einer neuen Form geradezu von (- zunächst noch „nur“? – geistiger) Christenverfolgung (10 f.). Ein ähnlicher Ausdruck, nämlich „Christophobie“, findet sich auch in einem weiteren Buch zu unserer Thematik: Andreas Püttmann, Gesellschaft ohne Gott – Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands (Asslar 2010, hier 51 ff.) Vier Jahre später ist ein weiteres höchst lesenswertes Werk erschienen, das schon im (etwas reißerischen) Titel an die Zeit des frühen Christentums erinnert: Die Löwen kommen – Warum Europa und Amerika auf eine neue Tyrannei zusteuern (Kißlegg 2014). Der Verfasser heißt Vladimír Palko und war von 2002 bis 2006 Innenminister in der Regierung der Slowakischen Republik. Hinzu nehmen könnte man auch noch das aus ernsthaft protestantischer Perspektive verfaßte Buch Quo vadis, Europa? Die Zukunft des christlichen Abendlandes, hg. von Peter Schäfer von Reetnitz,  ideaDokumentation Dillenburg 2006.

[34] Siehe hierzu Verf., Die Geschichte des Sonntags und seine Bedeutung für Kirche und Gesellschaft, CIVITAS 14/2012.

[35] Ludger Müller – Christoph Ohly, Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch, Paderborn 2018, 42.

[36] FDP-Generalsekretärin sieht Kirchen als „existenzrelevant“ – Teuteberg stellt  aber auch die Frage nach deren Zurückhaltung während der Corona-Krise, ideaSpektrum 23/2020, 30.

[37] Hat die Kirche in der Corona-Krise versagt? ideaSpektrum 22/2020, 15. Lieberknecht argumentierte in diesem Interview, das mit jeweils einem Vertreter für die Positionen PRO und CONTRA stattfand, für PRO.

[38] Peter Schade, Grundgesetz mit Kommentierung, 9Regensburg 2012, 100 f.

[39] „Es geht eigentlich alles, bloß nicht das, was Anspruch auf Wahrheit und Gültigkeit erhebt.“ Propst Dr. Gerald Goesche vom Berliner Institut St. Philipp Neri im Gespräch mit der UNA VOCE KORRESPONDENZ, UVK 50,1/2020, 11-17, Zitat 11.

[40] Siehe Simon Kajan, Kommentar um ‚5 vor 12’: Bischof Wilmer – „Überbewertet“, Die Tagespost online vom 14. April 2020.

[41] Bernhard Müller, Editorial in: PUR magazin 5/2020, 3.

[42] Zitat nach: Mons. Gilles Wach, L’ecclésiologie à travers les livres liturgiques, Divinitas 58/2015, 205-233, hier 217.

[43] Siehe den Artikel Orthodoxe Ostergottesdienste in mehreren Ländern trotz Corona, Wochenblatt – Die Zeitung für alle, online-Ausgabe vom 19.4.2020. Ein Beispiel für den dort beschriebenen Protest: „Der russische Patriarch Kirill beklagte in einer Fernsehansprache ‚die schrecklichen Krankheiten, die unser Volk befallen hat’ und sagte, die Kirchenschließungen erinnerten ihn an die Sowjetzeit, als die Menschen ‚ihre Zukunft riskierten’, wenn sie in die Kirche gingen.“ Das wird sicher seinem  Staatspräsidenten Wladimir Putin nicht sonderlich gefallen haben, der die Schließungen verfügt hatte, sonst aber an sich der orthodoxen  Kirche gegenüber sich wohlwollend verhält – aus welchen Motiven auch immer. Dessen belarussischer (weißrussischer) Kollege Präsident Alexander Lukaschenko, wahrlich kein „lupenreiner Demokrat“, handelte da demokratischer: „Ich bin nicht einverstanden mit denen, die den Menschen den Weg zur Kirche verschließen.“ So blieben in seinem Staat die Kirchen auch für die Gottesdienste geöffnet.

[44] Vom Hauskirchenwesen, auch mit Blick auf den bevorstehenden Ökumenischen Kirchentag 2021, schwärmte z. B. der scheidende Rektor der Hochschule St. Georgen in Frankfurt/M., Ansgar Wucherpfennig SJ, in der deutschen Jesuitenzeitschrift Stimmen der Zeit (5/2020).

[45] Für diese Information danke ich Dr. Dieter Fasen.

[46] Giuseppe Nardi, Bischof von Fatima empört: „Gläubige wollen noch immer die Mundkommunion“ – Coronavirus, Katholisches.info, Lissabon, 3. Juni 2020.

[47] Siehe hierzu Johannes Laas, Der hl. Pius X. und die Erneuerung der Kirchenmusik, UVK 35,3/2005, 140-158. Wertvolle Überlegungen zur Kirchenmusik, verbunden auch mit Kritik an der nachkonziliaren Situation, findet man in kleineren Beiträgen zusammengestellt in UVK 14,4/1984.

[48] Scholz gehört übrigens mit zu den Verfassern des berühmten Grundgesetzkommentars von Maunz-Dürig-Herzog-Scholz.

[49] Wenn Pinsel wichtiger sind als Gebete: Corona ohne Theologie, Christ in der Gegenwart Nr. 23/2020, 238.

[50] Josef Isensee, Virokratie. Die Normalität ist weggebrochen, die Verfassung reagiert elastisch. Keine Gesellschaft, erst recht die deutsche, hält freilich auf Dauer ein Notregime aus, FAZ vom 4. Juni 2020, 7

[51] Hätte die Bundesregierung nicht in der Vergangenheit die Notfall-Lazarette der Bundeswehr so stark reduziert und im Anschluß an die Notfallübung des Jahres 2013, wo solch eine Pandemie mit ihren potentiellen Folgen durchgespielt worden war, Vorsorge getroffen, dann hätte man über einen viel größeren Spielraum verfügt! Siehe André Uzulis, Bedingt vorbereitet. Das Coronavirus zeigt die Schwächen der deutschen Krisenvorsorge. Der Mangel an Schutzausrüstung war absehbar. Gehandelt wurde nicht – wider besseres Wissen, in: loyal – Das Magazin für Sicherheitspolitik 5/2020, 10-16.

[52] Siehe die Zahlen, die in einer Skizze von dem Finanzwissenschaftler und Statistiker  Prof. Stefan Homburg zusammengestellt wurden: Tägliche Sterbefälle in Deutschland. Quelle war das Statistische Bundesamt. (https://www.destatis.de).

[53] Das hatte ja vor allem Prof. Püschel herausgefunden. Dank dem enormen Fleiß und der Kenntnis eines in den Naturwissenschaften promovierten Freundes verfüge ich über eine beeindruckende Zusammenstellung solcher Stimmen, die vom „Mainstream“ abweichen. Ich bin gerne bereit, sie Interessenten elektronisch zur Verfügung zu stellen.

[54] Ein besonders drastisches Beispiel: Andreas Boueke, Hungertod durch den Lockdown. Europas Covid 19- Strategie paßt nicht für Lateinamerika, Die Tagespost vom 4. Juni 2020, 30.

[55] Siehe z.B.: Interview Alexandra Philipsen, Ängstlich, gestresst und reizbarer. Die Direktorin der Psychiatrie an der Bonner Uniklinik spricht über Folgen der Corona-Krise, General-Anzeiger vom 16. Juni 2020, 9; Rechtsmediziner warnt vor „Corona-Selbstmorden“, ideaSpektrum 22/2020, 7.

[56] Wie weit sich die Lehre von den Sakramenten bei vielen modernen Theologen bereits der protestantischen Auffassung angenähert hat, zeigt beispielsweise die – in einem Kästchen herausgehobene und fettgedruckte – Definition von Peter Knauer SJ, Der Glaube kommt vom Hören – Ökumenische Fundamentaltheologie, 6., neubearb. und erw. Aufl., Freiburg./B. 1991, 244): „Die Sakramente sind die Zeichen des angenommenen Wortes Gottes“. Wer noch an der Intention des Autors zweifeln sollte, möge folgenden Satz hinzunehmen: „Es ergibt sich also, daß die Sakramente nichts Zusätzliches zum ‚Wort Gottes‘ sind, sondern sich in ihm selbst angelegt finden“ (253 f.). Dem katholischen Theologen Knauer wurde übrigens in einem Urteil des Hanauer Landgerichts vom 11. 12. 1979 im Prozeß um die Rückzahlung eines Darlehens durch einen seiner St. Georgener Studenten bescheinigt, daß er „häretische Thesen vertritt“ (Ein bemerkenswertes Urteil, UVK 10,2/1980, 123-134).

Hubert Jedin bezeichnete es zutreffend als die logische Konsequenz der lutherschen Sakramentenlehre – die meist weder die Neuerer des 16. Jhs. noch ihre „katholischen“ Epigonen des 20. Jhs. in dieser Radikalität gezogen haben -, daß „letztlich das im Glauben angenommene Gotteswort als einziges ‚Sakrament‘ übrigbleibt“ (Geschichte des Konzils von Trient, Bd. II, Freibg./B. 1957, 317). Ähnlich hatte zuvor schon A. Michel in seinem Artikel „Sacrements“ des „Dictionnaire de Théologie Catholique“ argumentiert, jenes Standardwerks katholischer Gelehrsamkeit (DTC 14/1939, 554).

[57] Siehe www.cnbc.com (2020/06/08).

[58] Leider versucht der Autor, der übrigens auch auf Epidemien eingeht, das, was er als oft unberechtigte Ängste der Menschen und gerade der Deutschen richtig analysiert, beinahe ausschließlich nach Darwins Vorbild aus der Evolution zu erklären. So braucht man sich nicht zu wundern, daß er den Menschen zu einem „nackten Affen“ degradiert (122). Willensfreiheit und Leistungsfähigkeit der von Gott geschenkten menschlichen Ratio kommen hier zu kurz.

[59] Für den Begriff der „militia Christi“ und die mit ihm in der Antike verbundene Konzeption ist noch immer maßgeblich die ältere Arbeit des Protestanten A. v. Harnack, Militia Christi. Die christliche Religion und der Soldatenstand in den ersten drei Jahrhunderten, Tübingen (1905). Aus späterer  Zeit wäre z. B. zu nennen: W. Rordorf, Tertullians Beurteilung des Soldatenstandes, VigChr 23/1969,130-138. Einen guten historischen Überblick über die Bedeutung der Militia Christi im Verlauf der Kirchengeschichte bietet J. Auer, Militia Christi: Dictionnaire de spiritualité 10 (1980) 1210/1223. Zur „Militia Christi“ in der Antike siehe auch Vinzenz Buchheit, Glaube gegen Götzendienst (Prud. psych. 21 ff.), RhM 133/1990, 393 f.    

[60] Manfred Hauke, Die Corona-Pandemie und die Frage nach Gott, Theologisches Mai/Juni 2020, 205-228.

[61] Ich verdanke diesen Ratschlag einer Sonntagspredigt von P. Horst Bialek.

[62] Rainer Maria Woelki, Corona ist für Christen Stunde der Bewährung, FAZ vom 28. Mai 2020, 8.

[63] Siehe Ludwig Gschwind, Heiliger Geist. Gaben, Tröstungen, Früchte, Augsburg 1998.

[64] „Dabei ist die Mitte nicht die geometrisch genau berechnete Mitte. Wenn Tapferkeit die Mitte zwischen den Extremen Feigheit und Tollkühnheit ist, dann steht sie der Tollkühnheit doch etwas näher als der Feigheit.“ (Hellmut Flashar, Aristoteles – Lehrer des Abendlandes, München 2013, 78).

[65] Siehe Giovanni Cavalcoli, La dimensione militante dell’ evangelizzazione, in: Gianni T. Battisti (ed.), Verità della fede. Che cosa credere, e a chi. I criteri di discernimento tra Magistero e teologia, Roma 2013, 139-153, zu St. Paulus 148 f.

[66] Siehe hierzu Verf., Die Haltung des Christentums zum Krieg: Antike Stimmen und spätere Entwicklung, CIVITAS 17-18/2013, 1-136.

[67] Anm. H-L B: Wir könnten auch, gerade mit Blick auf das heutige Deutschland, von der links-liberalen Demokratie, der des Kulturmarxismus sprechen. Diese ist weit entfernt von den Anfängen der BR Deutschland unter Konrad Adenauer und dem ursprünglichen Geist des Grundgesetzes. Siehe Dorothea und Wolfgang Koch, Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, 3Kißlegg 2018.

[68] Mit Adnoten von Detlev Schöttker, Klett-Cotta 2014, 39.

 


Merkwürdige Mitteilungen des „Himmels“ an den Priester Ottavio Michelini

Von Felizitas Küble

Der katholische Monsignore Ottavio Michelini wirkte in der italienischen Provinz Modena und starb am 15. Oktober 1975. Der Priester gehörte zur „Marianischen Priesterbewegung“ von Don Gobbi, einem italienischen Mitbruder, der angeblich jahrelang Einsprechungen der Gottesmutter erhielt, die er im sog. „Blauen Buch“ niederschrieb, einer mehrbändigen Sammlung diverser „Botschaften“ Mariens. buch

Doch auch der Geistliche Michelini bekam  –  eigenen Angaben zufolge  –  ab Mitte der 70er Jahre besondere Mitteilungen von Jesus und Maria. Diese „Offenbarungen“ wurden in dem Buch „Nicht ich, meine Söhne, habe diese Stunde gewollt“ gesammelt und veröffentlicht.

Vieles darin erinnert an die Botschaften von Don Gobbi. Beidesmal wird eine schlimme Zeit für Kirche und Welt angekündigt, eine „Reinigung“ der Erde, wobei aber danach ein herrlicher „Frühling“ für die Kirche, eine Art neues Pfingsten erblühen soll; angeblich handelt es sich dabei um den in Fatima angekündigen „Triumph des Unbefleckten Herzen Mariens“.

Diese Endzeitschwärmerei ist typisch für zahlreiche Privatoffenbarungen der letzten Jahrzehnte  – und wenngleich jene Einsprechungen im marianischen Gewande einherschreiten, sind sie doch mit jenen charismatischen Erwartungen verwandt, welche eine allgemeine „Erweckung“, eine starke weltweite Verbreitung von „Geistesgaben“ und eine universale Bekehrung für die Zukunft herbeireden.

Auch der Priester Michelini schreibt von einem „neuen Frühling des Friedens und der Gerechtigkeit für die Menschheit und für die Kirche”, von einer “einer strahlenden, niemals zuvor erlebten Morgenröte”.

Dabei wird übersehen, daß die Heilige Schrift genau das Gegenteil ankündigt:

Keine Epoche der Erweckung, sondern eine Phase des Glaubensabfalles wird der Wiederkunft Christi vorausgehen, wie zB. Paulus im 2. Thessalonicherbrief unmißverständlich erklärt. Zudem wird erst der Antichrist erscheinen, bevor unser Erlöser in seiner göttlichen Herrlichkeit wiederkommt, zu richten die Lebenden und die Toten.

Wenn in diesem wesentlichen Punkt irreführende Lehren verbreitet werden, kann die betreffende Botschaft nicht von oben sein, mag sie auch ansonsten noch so „rechtgläubig“ und fromm-konservativ klingen.

Die Tränen Mariens und ihr Eingreifen im Himmel?

Zudem heißt es z.B. in einer Mitteilung „Jesu“ an Prälat Michelini vom 2. April 1977:virgen-maria

„Mein Sohn, die Stunde ist schwer; sie ist aufgebläht und belastet von allen Leidenschaften. Sie wurde oft und oft angekündigt, aber immer wieder verschoben durch die Tränen und den Eingriff meiner und eurer Mutter, die erhört wurde, weil diese Liebe der erstgeborenen Tochter, Mutter und Braut letztlich aus der Liebe Gottes hervorgeht, die unendlich barmherzig und unendlich gerecht ist.“

Die Zeit der schweren Prüfung wurde also laut dieser Botschaft durch die „Tränen“ und den „Eingriff“ Mariens „immer wieder verschoben“.

Maria ist aber doch im Himmel glückselig, sogar mit Leib und Seele, sie weint daher keine Tränen; diese wird es in der himmlischen Herrlichkeit nicht geben (weder direkt noch im Sinne eines seelischen Schmerzes).

Zudem ist die Gottesmutter sicherlich unsere ganz besondere Fürsprecherin, aber die Vorstellung, sie würde darüber hinaus „eingreifen“, Gott gewissermaßen durch ihren „Eingriff“ (!) von einem Strafgericht abhalten, ist zumindest unangemessen, weil hier ein fragwürdiges Gottesbild vermittelt wird.

Dabei entsteht der irreführende Eindruck, als gäbe es im Himmel allein durch die Madonna einen derartigen Akt der Barmherzigkeit. Der Ewige ist jedoch seiner göttlichen Natur nach vollkommen, also gerecht und barmherzig zugleich; dazu bedarf ER nicht der Hilfe eines Geschöpfes, mag es auch das edelste sein, nämlich Maria.

Maria als Priesterin neben Jesus und als Miterlöserin?

Abgesehen davon ist in dem Buch ständig von Maria als „Miterlöserin“ die Redvisione, obwohl dies kein kirchlicher Ehrentitel für sie ist. Geradezu abenteuerlich ist zudem die theologische Begründung dafür: 

Maria habe Christus ihre menschliche Natur gegeben (durchaus richtig) – und Christus habe ihr gleichsam im Gegenzug seine göttliche Natur (!) geschenkt. Es ist dabei nicht von göttlicher Gnade die Rede (was dann ja zutreffend wäre), auch nicht etwa von einem „Anteil“ an der göttlichen Seligkeit (wie dies allen Erlösten für den Himmel verheißen ist), sondern mehrfach davon, daß Jesus seine göttliche Natur an Maria übermittelt habe. Diese Vorstellung ist unsinnig, weil sie die Mutter Jesu vergöttlicht.

Dazu paßt es dann, daß die Gottesmutter als „einzige Priesterin unter den Frauen“ bezeichnet wird, obwohl dergleichen weder das Neue Testament verkündet noch die Kirche lehrt.

Natürlich ist Maria im Sinne des allgemeinen Priestertums die vorbildlichste, geradezu vollendete Vertreterin im Gottesvolk des Neuen Bundes.

In den „Botschaften“ an Prälat Michelini wird aber jener Priesterin-Titel ausdrücklich nicht auf das allgemeine Priestertum der Gläubigen bezogen, sondern vielmehr in eine direkte Reihe mit dem Hohenpriester Christus gestellt, weil Maria sich angeblich mit IHM gemeinsam am Kreuz Gott, dem Vater, dargebracht habe. Dasselbe gelte dann auch für die heilige Messe.

In der „Botschaft“ vom 1. Oktober 1975 beklagt sich der „begnadete“ Geistliche bei Jesus: 

„Ich habe den Inhalt deiner Botschaft über die Teilnahme der allerseligsten Jungfrau am Geheimnis des Kreuzes einigen Bekannten übermittelt. Sie glaubten nur mit Mühe an das große Verdienst der Gottesmutter, das ihr durch ihr Selbstopfer bei der heiligen Messe zukommt.“

Es spricht für diese Bekannten aus dem Umfeld des Geistlichen, daß sie jene merkwürdigen Sonderlehren „nur mit Mühe glaubten“ (am besten freilich überhaupt nicht).

Aber der Botschafts-Jesus hält Trost für seinen Priester bereit: „Mein Sohn, ich sage dir, daß auch die Guten wenig vom Wesen des Christentums verstehen.“Jesus am Kreuz - Dom St Peter

Nach zweitausend Jahren kirchlicher Verkündigung muß anscheinend dieses „Wesen“ ganz neu verstanden werden.

Die Liebe Gottes kennt keinen Zwang

Der angebliche Himmels-Jesus fährt fort:

„Meine Mutter nimmt am Geheimnis meiner Menschwerdung und an jenem des Kreuzes teil. Deshalb nimmt sie auch am Geheimnis der heiligen Messe, dem unblutigen Geheimnis des Kreuzes, teil….Sie lebt in mir, aus meiner göttlichen Natur, wie ich in ihr lebe, in ihrer menschlichen Natur. Darum ist es selbstverständlich, daß auch sie dort ist, wo ich bin. Dazu zwingen die Natur und die Liebe.“

Erstens „zwingt“ die Liebe grundsätzlich zu nichts, weil Zwang und Liebe unvereinbar sind. Zweitens hat Christus zwar die menschliche Natur angenommen, Maria aber nicht die göttliche.

Weiter heißt es in jener „Botschaft“:

„Wahrhaft wirklich wie auf Kalvaria ist ihr Fiat am Altar. Wäre es anders, so wäre sie nicht Miterlöserin. Miterlöserin war sie und wird sie immer sein in vollkommener Vereinigung mit mir, in der sie auch in der Ewigkeit mit euch sein wird. Jetzt seid ihr durch das Geheimnis des Glaubens vereint, wenn ihr daran glaubt und daraus lebt.“

Wir sind also dann „durch das Geheimnis des Glaubens“ vereint, wenn wir „daran glauben“, daß Maria „Miterlöserin“ ist. Dabei gehört dieser Titel durchaus nicht zum kirchlichen Lehrbestand. Papst Benedikt hat sich sogar ausdrücklich dagegen ausgesprochen. (Näheres siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2012/02/11/papst-titel-miterloserin-fur-maria-verdunkelt-den-wesentlichen-vorrang-christi/)

Was außerdem an diesen vermeintlichen Einsprechungen des Himmels stört: Ständig wird den Lesern eingeredet, die Freimaurerei sei der schlimmste Feind der Kirche  –  und das „jüdische Volk“ habe einen „Gottesmord“ vollbracht. israeltag2

Daß die freimaurerischen Standpunkte mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind, ist eine klare Tatsache, aber daraus läßt sich kein derart übertriebenes Feindbild ableiten, als ob es sonst keine nennenswerten Gegner in- und außerhalb der Kirche gäbe.

Das jüdische „Volk“ hat Christus nicht ermordet, es waren vielmehr römische Soldaten, zweifellos angestachelt durch einen Teil der jüdischen Elite, aber nicht durch das Volk der Juden insgesamt.

Manche Bemerkungen klingen zudem ziemlich gnostisch bzw. leibfeindlich, zB. eine Botschaft des heiligen Josephs vom 15. Mai 1977: „Große, reine Liebe herrschte zwischen mir und meiner wahren Braut, Maria. Unsere Liebe wurde nie durch sinnliche Gefühle befleckt: Wir liebten uns wie Engel, die keinen Körper haben.“

Maria und Joseph waren aber Menschen, die einen Körper haben, keine Geistwesen, keine Engel. Natürlich lebten sie ihre Ehe enthaltsam, aber das bedeutet nicht „wie Engel, die keinen Körper haben“.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Auszüge aus dem erwähnten Buch finden Sie hier: http://kath-zdw.ch/maria/Ottavio.nicht.ich.habe.diese.stunde.gewollt.html#49


Papst Franziskus hat sein Wappen korrigiert: Der Stern enthält jetzt acht Strahlen

Der Vatikan präsentiert jetzt auf seinem Internetportal eine korrigierte Fassung des Papstwappens:

Jener orange-farbige Stern links unten im blauen Wappenschild, der bislang fünfzackig  –  also in Form eines Pentagramms  –   gestaltet war, ist nun mit acht Zacken abgebildet, wie dies bei einem Stern als Symbol der Madonna üblich ist.

Foto: Vatican.va

Foto: Vatican.va 

Die vorherige Fassung führte zu Verwunderung und Irritationen vor allem in kirchentreuen, konservativen Kreisen, da das Pentagramm (der Fünfzack) sowohl als Sowjetstern wie auch im Kontext der Freimaurerei bekannt ist  –  und sich daher als christliches Sinnbild keineswegs eignet.

Im wesentlichen hat Franziskus sein Papstwappen an jenes Wappen angelehnt,  das er bereits seit seiner Bischofsweihe führt; er hat es in seinen Grundzügen weitgehend beibehalten.

Das blaue Wappenschild ist umgeben von Sinnbildern der Papstwürde, identisch mit jenen, die auch sein Vorgänger wählte: Die Mitra zwischen den beiden Schlüsseln, die von einer roten Kordel zusammengehalten werden. (Es geht hierbei um die sog. Schlüsselgewalt des Papstes, denn Christus sagte zu Petrus: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben…“)

Der obere Teil des Hauptfeldes ist geprägt von dem bekannten IHS-Zeichen des Jesuitenordens, dem Franziskus angehört:

Wir sehen eine strahlende Sonne, aus der Flammen hervorgehen, vervollständigt durch das Christusmonogramm IHS.  –  Der Buchstabe „H“ wird von einem Kreuz überragt; darunter liegen drei schwarze Nägel, die ebenfalls an das Opfer Christi erinnern.

Die untere Wappenhälfte wird von dem bereits erwähnten Stern und von einer Nardenblüte eingenommen:

Der Stern symbolisiert die selige Jungfrau Maria (die Gläubigen kennen ihren Ehrentitel „Stella Maris“  = Stern des Meeres); die Nardenblüte rechts deutet auf den hl. Joseph hin, den Pflegevater Christi und Schutzpatron der Kirche. 

Auch die Narde im Papstwappen hat jetzt eine leichte Veränderung erfahren: sie erhielt nunmehr Andeutungen von Blättern, so daß man die Darstellung der Nardenblüte nicht mehr so schnell mit einer Weintraube verwechselt.

Mit der Aufnahme dieser beiden Kennzeichen möchte der neue Pontifex seine besondere Verehrung der Gottesmutter und des hl. Joseph ausdrücken.

Der päpstliche Wappenspruch „miserando atque eligendo“ ist nicht so leicht übersetzbar und stellt selbst gekonnte Lateiner auf eine harte Sprachprobe. Am ehesten dürfte die Übertragung „Durch Barmherzigkeit erwählt“ zutreffen.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster


Der Kirchenkritiker Hans Küng erhielt den Kulturpreis der deutschen Freimaurer und würdigte die Logenarbeit

Der bekannte Priester, Professor und Buchautor Hans Küng, dem der Vatikan 1979 die Lehrerlaubnis für katholische Theologie entzog und der seit langem führend in einer „Stiftung Weltethos“ arbeitet, wurde am 18. Mai 2007 in Köln mit dem Kulturpreis der deutschen Freimaurer geehrt.

Der von Zeitgeistmedien viel beklatschte Dr. Küng ist in den letzten Wochen wiederholt als scharfer Kritiker des Papstes und des vatikanischen Glaubenspräfekten Müller in Erscheinung getreten  –  aus unserer Sicht durchaus ein Anlaß, an seine damalige Rede vor den Logenbrüdern zu erinnern:

Er bedankte sich zunächst beim früheren WDR-Chef Fritz Pleitgen (der bereits denselben Preis erhielt)  und dem „verehrten Gr0ßmeister Oberheide“ für das „hohe Lob, das Sie mir zukommen lassen“.

Sodann teilt er den „sehr geehrten Freimaurern“ mit, er werde nunmehr „wohl noch Jahre dementieren müssen, ich sei Freimaurer geworden, was nun einmal für manche konservative Katholiken noch immer eine höchst verdächtige Angelegenheit ist und Munition für ihre gelegentlichen Attacken zu sein verspricht.“

Der bekannte Theologe spricht nun solidarisch darüber, daß „auch Sie als Freimaurer unter Verschwörungstheorien, Diffamierungskampagnen und direkten Angriffen zu leiden hatten“.

Passend dazu folgt eine ausführliche Kritik an der katholischen Kirche, weil sie in einer „systematischen Opposition zur Aufklärung“ gestanden habe, insbesondere „zur modernen Philosophie“ und zur „modernen Staats- und Gesellschaftstheorie mit den Folgen, die zur Französischen Revolution (1789) führten.“

Immerhin, das muß man Küng zugutehalten, „liegt es mir natürlich ferne, durch diese kurz skizzierte Konfliktgeschichte eine einseitige Schuldzuwendung vorzunehmen.“ 

Nun folgt ein kritischer Seitenhieb auf die von Freimaurerseite mitverursachte und von den Logen oft verherrlichte Französische Revolution:

„Auch die Aufklärung hat ihre Schatten. Die katholische Kirche war Hauptopfer der Französischen Revolution: Verlust nicht nur ihres gesamten Grundbesitzes, sondern auch eines erheblichen Teils ihres Klerus.“

Lob für das 2. Vatikanum und die Lichtenauer Erklärung

Küng glaubt freilich,  mittlerweile habe sich „sowohl in der katholischen Kirche als auch in der Freimaurerei ein Wandel vollzogen“, wobei er vor allem das 2. Vatikanum und dessen Erklärungen zur Religionsfreiheit, Menschenrechten, anderen Religionen  usw. als Beispiel erwähnt.

Sodann kommt er auf die  – von Kardinal König angeregte  – freimaurerfreundliche „Lichtenauer Erklärung“ vom 5. Juli 1970 zu sprechen, in der „manche Mißverständnisse ausgeräumt werden“.

Er erwähnt jedoch nicht, daß der Vatikan diesem Dokument keineswegs zugestimmt hat, der Wiener Kardinal König es daher nicht unterzeichnen durfte.

Kritik an der Unvereinbarkeitserklärung der Dt. Bischofskonferenz

Umso kritischer sieht Küng die „Unvereinbarkeitserklärung“ der  Deutschen Bischofskonferenz vom 12. Mai 1980, in der festgehalten wurde, daß der Standpunkt der Freimaurerei und der Glaube der kath. Kirche unvereinbar sind.

Der Kulturpreisträger der deutschen Logen äußert sich sodann erfreut über die freimaurerfreundliche Änderung des Kirchenrechts (CIC) unter Papst Johannes Paul II.:

„Drei Jahre später zeichnet sich in der römisch-katholischen Kirche eine veränderte Position ab. Die 1983 veröffentlichte nachkonziliare Neufassung des Codex Iuris Canonici erwähnt die Freimaurerei nicht mehr. Damit ist auch die 1917 angedrohte Exkommunikation aufgehoben.“

Allerdings hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger eine Art Notbremse gezogen, was auch Prof. Küng bekannt ist. Daher sagte er:

„Ein moralisch begründetes Verbot einer Mitgliedschaft im Freimaurerbund freilich bleibt bestehen und wird in der „Declaratio de associationibus massonicis“ (26.11.1983) der römischen Glaubenskongregation unter dem Vorsitz von Kardinal Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI., für die Weltkirche bekräftigt.“

Abschließend betont Küng:

Mit vielen anderen in allen christlichen Kirchen teile ich die Überzeugung, daß ein Christ Freimaurer sein kann und ein Freimaurer Christ. Besonders in den USA, in Italien und Österreich sind die Zugehörigkeit zu Kirche und Freimaurertum alltägliche Praxis. Hier und da gehören auch herausragende Vertreter der römisch-katholischen Kirche dem Bund an.“

Er fügt hinzu: „Trotz aller römischen Restaurationsversuche und protestantischen Reaktionen hoffe ich nach wie vor auf eine Einheit (in Vielfalt!) der Kirchen.“

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

Hier ein ausführlicher Artikel zum Thema Freimaurerei und Kirche, veröffentlicht in der Zeitschrift „Theologisches“: http://www.theologisches.net/kueble.htm

Link zur Rede Küngs: http://www.freimaurerei.de/rede-von-hans-kueng.html


Buch-Kritik: „Kirche und Freimaurerei im Dialog“ (Herbert Vorgrimler)

Felizitas Küble über Prof. Vorgrimler und die „getrennten Brüder“

In der Rezension „Fundamente des Glaubens geleugnet“ (siehe  Monatsblatt „Theologisches“ Nr. 4/2003) hatte ich das neue, Anfang 2003 erschienene Buch von Prof. em. Herbert Vorgrimler untersucht und zahlreiche theologische Irrtümer aufgezeigt.

Dr. Bernd F. Pelz

Das eindeutig häretische Werk des gefeierten Rahner-Schülers trägt den irreführenden Titel „GOTT – Vater, Sohn und Heiliger Geist„; der Münsteraner Dogmatiker verwirft darin entscheidende Teile der kirchlichen Trinitätslehre, leugnet die Gottheit Christi und die Personalität des Heiligen Geistes, kritisiert die Deutung des Kreuzestodes Christi als Opfer bzw. Sühne und stellt die historische Glaubwürdigkeit des Neuen Testamentes infrage.  

Ab 1987 wirkte Dr. Herbert Vorgrimler, der seit 1972 als Nachfolger Karl Rahners in Münster Dogmatik lehrte, einige Jahre auch als Dekan der Kath.-Theologischen Fakultät.

Zwei Jahre zuvor veröffentlichte er seine „Theologische Gotteslehre„, die sich von wichtigen Teilen der kirchlichen Trinitätslehre distanzierte und überdies erklärte, die „biblischen Gottesbilder“ ließen sich heute „nicht mehr vermitteln“. Dieses 1985 erschienene Werk erhält durch das in diesem Jahr veröffentlichte Buch eine (theo)logische Fortsetzung, weil die Häresien dort munter vermehrt wurden.

1975, genau 10 Jahre vor dem Erscheinen der „Theologischen Gotteslehre“, brachte der Frankfurter Knecht-Verlag ein Buch heraus, das nicht nur eine Annäherung, sondern eine klare

Parteinahme für die Freimaurerei darstellt, gespickt mit häufigen Angriffen gegen die kirchliche Position.

Dieses Werk trägt den Titel „Kirche und Freimaurer im Dialog“. Als Verfasser dieses Lobgesangs auf die Freimaurerei fungieren der Theologe Herbert Vorgrimler, der die Freimaurer

freundlich als „getrennte Brüder“ bezeichnet (man glaubte bislang, dieser Begriff gelte den evangelischen Christen)  –  sowie der Redakteur Rolf Appel, eigenen Angaben zufolge Freimaurer seit 1948, danach mit hochrangigen Funktionen bekleidet (Mitglied des Senats der Vereinigten Großlogen von Deutschland).

Kritik an katholischer Kirche

Schon in der von Vorgrimler verfassten „Einleitung“ des Buches wird die Kath. Kirche wegen ihrer Ablehnung der Freimaurerei scharf kritisiert:

„Lange Zeit“ sei „selbst die katholische Kirche dem Anti-Freimaurer-Wahn verfallen„. Diese Fehlhaltung könne nur durch „Besinnung auf das ursprüngliche Christentum“ abgebaut werden. Die Kirche müsse sich lösen von einer „hysterischen Psychose gegen Minderheiten“, wobei Vorgrimler „Juden, Kommunisten und Freimaurer“ namentlich benennt. imm031_29A

Überhaupt könnte man den Eindruck gewinnen, als ob Freimaurer in Deutschland übel diskriminiert würden, bezeichnet Vorgrimler sie doch allen Ernstes als „verfolgte und verleumdete Minderheit hierzulande“. Vorgrimler berichtet, dass er kein Logenmitglied sei, weil er persönlich „verschiedene Bedenken“ empfinde, die aber „nicht theologischer oder dogmatischer Natur“ seien.

Prof. Vorgrimler: Kein Mitglied, aber zugeneigt

Er kann mit freimaurerischen Symbolen und Riten nicht allzu viel anfangen, zumal es im „katholischen Christentum“, wie er schreibt, „noch genug entbehrliche Symbole, Zeremonien und Titel gibt, die das Wesentliche nicht in sich bergen, sondern verdecken“. – Da möchte sich der Theologe nicht mit weiteren Symbolen und Ritualen aus der Loge „belasten“.

Allerdings bekundet er ausdrücklich seine „Hochachtung und Zuneigung gegenüber der Freimaurerei“. Im Schlußsatz seiner Einleitung bestätigt er den Freimaurern, dass er bei ihnen „nie andere Motive wahrnahm als die der Verwirklichung von Humanität, Toleranz und Gewissensfreiheit.“

Nun wissen nicht wenige konservative Christen aus Erfahrung, dass die „Toleranz“ vieler selbsternannter Lordsiegelbewahrer der Toleranz bisweilen genau dort aufhört, wo der Andersdenkende beginnt, seinen Standpunkt zu äußern. Damit verliert die vielgepriesene Toleranz ihren eigentlichen Sinn, denn dieser kann nur darin bestehen, dass man dem Andersdenkenden den persönlichen Respekt nicht verweigert, also zwischen Person und Sache trennt.

Toleranz als Einbahnstraße?

Davon kann freilich beim Theologen Vorgrimler keine Rede sein. Toleranz erscheint auch bei ihm als Einbahnstraße, die gegenüber angeblich „verfolgten“ Minderheiten wie z. B. Kommunisten und Freimaurern eingeklagt werden muss, aber selbstverständlich gegenüber „bösen“ Konservativen ihre Gültigkeit verliert.

Wer die Freimaurerei eindeutig ablehnt, ist aus der Sicht des Münsteraner Dogmatikers offenbar reif für die „Klapse“ oder gar ein Fall für den Staatsanwalt. Selbst dann, wenn man beispielsweise mit Pater Manfred Adlers Büchern gegen die Freimaurerei nicht übereinstimmt, wird man sich noch lange nicht dazu versteifen dürfen, den Autor einer „nazistischen Geisteswelt“ zu bezichtigen, wie Vorgrimler das mehrfach unterstellt (S. 66/67).

Sieht so etwa die freimaurerisch inspirierte „Toleranz“ aus, die sich flugs in eine „braune Keule“ verwandelt, wenn es sich beim Andersdenkenden um einen Freimaurerkritiker handelt?

Polemik gegen Bischof Rudolf Graber

Auch der damalige Bischof von Regensburg, Dr. Rudolf Graber, der sich in seiner 1973 erschienenen Schrift „Athanasius und die Kirche unserer Zeit“ skeptisch zur Freimaurerei äußerte, erfährt den fast rasenden Zorn Vorgrimlers, der damals als Dogmatikprofessor in Münster lehrte. Er spricht in bezug auf den Bischof vom „Untergrund, der solche Meinungen hervorbringt“ und von einem „Milieu, das den innerkirchlichen Aufstand probt“ (S. 68).

Vorgrimler sieht seine Aufgabe nun darin, vor solchen „Tendenzen“ zu warnen, „in deren Rahmen Phänomene wie Adler und Graber einzuordnen sind“ (S. 68). – Neben dem Miriam-Verlag, der Monatszeitschrift „Der Fels“ und der „neuen bildpost“ wird auch die „Deutsche Tagespost“ dem antifreimaurerischen Spektrum zugerechnet, wobei die „Übergänge zur Sektenmentalität fließend sind“, wie Dr. Vorgrimler zu berichten weiß (S. 69).

Auf Seite 70 lässt der Autor dann die Katze aus dem Sack und psychiatrisiert ausdrücklich seine Gegner, die schrecklichen Freimaurer-Kritiker, bei denen offenbar die hehren Worte und Werte von „Toleranz, Humanität und Gewissensfreiheit“ ihr abruptes Ende finden, denn schließlich  –  das merke man sich bitte!  –  gilt „Gewissensfreiheit“ nur für Gegner der Kirche, für „verfolgte Minderheiten“ wie Kommunisten und Freimaurer.

Psychiatrisierung der Logenkritik

Vorgrimler schreibt also: „Aus dieser merkwürdigen, nur psychoanalytisch und psychiatrisch erklärbaren Subkultur des katholischen Milieus stammen die nachkonziliaren Angriffe auf die Freimaurerei. Die Erzeugung und Nährung von Psychosen ist heutzutage nicht mehr, wie in den Zeiten Pius IX. und Leos XIII., eine Angelegenheit, an der sich der Papst mit der Mehrheit der Bischöfe beteiligt. Den Betroffenen  –  in diesem Fall den getrennten Brüdern, den Freimaurern  –  mag das ein Trost sein. Man könnte diese Subkulturen sich selbst und ihren Wahnvorstellungen überlassen, da sie Feindbilder und Märtyrersehnsucht nötig haben, um überhaupt existieren zu können und ihnen niemand das Recht auf Existenz absprechen möchte …“.

Bis dahin darf man beruhigt feststellen, dass der Dogmatikprofessor seinen Gegnern immerhin das „Recht auf Existenz“ nicht abspricht, was schon als Fortschritt gelten mag. Der Satz ist freilich noch nicht zu Ende: „…ihnen niemand das Recht auf Existenz absprechen möchte  –  wären nicht schon einmal aus ähnlichen (wenn auch nicht ausgesprochen „christlichen“) Subkulturen jene gekommen, denen es gelang, im Kampf gegen Juden, Freimaurer und Kommunisten die Welt ins Unglück zu stürzen.“

Die Nationalsozialisten, die Vorgrimler hier ins Spiel bringt, haben vor allem die katholische Kirche bekämpft, was er offenbar zu erwähnen „vergisst“. Nicht die Freimaurer, sondern Papst, Bischöfe, Jesuiten und „Pfaffen“ waren die vorrangigen Feindbilder, die im „Stürmer“ und ähnlichen Hetzschriften ständig attackiert und durch Karikaturen verunglimpft wurden.

Verständnis für deistisches „Gottesbild“

Großes Verständnis zeigt Vorgrimler für das bestenfalls deistische, häufig völlig verschwommene und unpersönliche Gottesbild mancher „christlicher“ Freimaurer der unteren Grade (Johannislogen). Der Autor stellt fest: „Im freimaurerischen Begriff des Großen Baumeisters des Universums ist nun nichts enthalten und ausgesprochen, was dem christlichen Gottesverständnis im Weg stünde.“ (S. 74).

Während Dr. Vorgrimler in den Seiten zuvor alle Hände voll zu tun hatte, Andersdenkende zu diffamieren und zu psychiatrisieren, fällt ihm im Zusammenhang mit der Freimaurerei wieder das Hohelied der Toleranz ein. Auf S. 76 stellt er das vermeintlich weiße Gewand der Loge dem angeblich befleckten Kleid der Kirche gegenüber:

„Ein Katholik kann aber der Überzeugung sein, dass die Bejahung der Menschenrechte in der Kirche, die Bejahung der religiösen Toleranz in der Gesellschaft und damit auch die Bejahung der Gewissensfreiheit, die Einsicht, dass die Freiheit nur soweit verwirklicht ist, als die Freiheit der Einsicht in die Kirche gekommen ist.“

Wer hat diese „Einsichten“ in den Raum der Kirche getragen? – Aber sicher doch, die „verfolgten Minderheiten“ natürlich:

„Er (der Katholik) wird zugeben müssen, dass die Kirche die Freiheit verschüttet hat und dass andere sie neu erkämpfen mussten. In diesem Sinne kann er Außenstehenden – Protestanten, Juden, Freimaurern, Sozialisten – für vielfältige Einsichten dankbar sein, für die seine Kirchenführer blind waren.“

Zustimmung zum Antiklerikalismus

Auf der nächsten Seite erklärt der Autor dem vielleicht damals noch staunenden Publikum, dass es durchaus einen „berechtigten Antiklerikalismus“ gebe. Schließlich könne „auch ein Katholik der begründeten Überzeugung sein, die Kirche einer bestimmten Region nehme zu viel Einfluss auf das öffentliche Leben; sie sei mit zu vielen Privilegien ausgestattet, ihre legitim erworbenen Rechte stünden heute einem glaubhaften evangelischen Zeugnis im Wege, sie müsse daher, wie das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich vorsah, auch auf solche legitimen Rechte verzichten.“

Der Autor erspart sich die Beweisführung aus dem 2. Vatikanum, das angeblich dazu aufruft, die Kirche „müsse“ auf ihre „legitim erworbenen“ (!) Rechte verzichten. Auch wenn die Freimaurerei dies seit Jahrhunderten fordert, „muss“ die Kirche sich diesem Wunsche noch lange nicht fügen, zumal die Logen keineswegs zugunsten der Kirche auf irgendwelche „Rechte“ verzichten. Wieder nur eine Einbahnstraße zu Lasten der Kirche!

Vorgrimler würdigt auch atheistische Logen

Wenn dieser einseitige Antiklerikalismus überdies mit dem wohlklingenden Wort vom „evangelischen Zeugnis“ verbrämt wird, stehen einem erst recht die Haare zu Berge. „Toleranz üben zu lernen ist auch für Katholiken durchaus wertvoll“, schreibt Vorgrimler sogar hinsichtlich jener atheistischer Logen, die den sog. „Obersten Baumeister des Weltalls“ nicht verehren (S. 77/78).

Solange der Glaube in diesen ungläubigen Logen nicht bekämpft werde, stehe einer Mitgliedschaft von Katholiken seiner Ansicht nach nichts im Wege. Aber selbst gegenüber betont atheistischen, gemeint sind wohl antikirchlichen Logen, bei denen sogar Vorgrimler von einer Mitgliedschaft abrät, empfiehlt er „Dialog und Zusammenarbeit“ (S. 78).

Es entspräche „nicht christlichem Geist“, wenn die Kath. Kirche „lediglich“ ihr Verhältnis zu den „regulären Logen“ ordnen würde, hingegen eine „absolute Feindschaft“ gegenüber antiklerikalen „irregulären Logen“ (in Frankreich z. B. der mitgliederstarke „Grand Orient de France“) aufrechterhalten wolle.

Kirche wird „pathologisches Feindbild“ vorgehalten

Das würde bedeuten, dass die Kirche auf eine unmissverständliche Abgrenzung verzichtet gegenüber Gruppen, von denen sie bekämpft wird. So etwas wie „Feindschaft“ darf sich offenbar nur die Loge leisten; von Seiten der Kirche handelt es sich im gleichen Fall um ein „pathologisches Feindbild“ (S. 78).

Wieder einmal fällt dem Theologen Vorgrimler das Zweite Vatikanum ein, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt. Es muss jetzt dazu herhalten, „im Interesse der Menschheit“ tätig zu werden:

„Es entspräche nicht den vom Konzil ausgehenden Impulsen, wollte man gar nicht nach Aufgaben fragen, die sich möglicherweise im Interesse der Menschheit und einer humanen Zukunft für Katholiken und Freimaurer gemeinsam abzeichnen.“ (S. 79)

Mit diesem wenig sagenden, aber viel andeutenden Schlußsatz verabschiedet sich Prof. Vorgrimler von den Lesern des Buches.

Möglicherweise denkt er an etwas Ähnliches wie sein theologischer Ziehvater Karl Rahner, der bereits 4 Jahre zuvor, nämlich 1971, in dem Sammelband „Zur Theologie der Zukunft“ auf S. 111 folgendes über die „planetarische Menschheit“ zu schreiben wusste:

„Der Mensch von heute und erst recht der von Morgen ist der Mensch einer planetarisch vereinheitlichten Geschichte, eines globalen Lebensraumes und damit der Abhängigkeit jedes von schlechthin allen. Die UNO ist dafür nur ein bescheidenes Indiz.“

Führender Freimaurer Rolf Appel

Was nun den Buch-Kollegen Rolf Appel betrifft, so stimmt er natürlich mit dem Theologen Vorgrimler in der Wertschätzung der Freimaurerei überein, zumal er dort seit Jahrzehnten als Mitglied zuhause ist. Man muss dem Redakteur und Verleger Appel allerdings zugutehalten, dass er die Logengeschichte weitaus kritischer sieht und sichtet als der katholische Dogmatiker, was einigermaßen erstaunt.

Immerhin räumt er ein, dass vor allem im 18. Jahrhundert schwerwiegende Fehler und Ver(w)irrungen seitens der Freimaurerei vorgekommen sind; ein Gedanke, den Prof. Vorgrimler vermutlich nie zu denken wagte, jedenfalls floss er nicht in seine Tinte.

Der bekennende Freimaurer Rolf Appel jedoch konstatiert offenherzig: „Es ist nur zu verständlich, dass die katholische Kirche den größten Argwohn gegenüber der Freimaurerei hegen musste“, zumal die Logenarbeit damals „streng geheim“ gewesen sei (S. 125).

Das hört sich deutlich anders an als die antikirchlichen Attacken Vorgrimlers gegen die vermeintlich „pathologischen Wahnvorstellungen“ und die „Erzeugung von Psychosen“ durch Papst und Kirche, wogegen er auf den Seiten 62 bis 70 unerbittlich polemisiert.

Causa „Lichtenauer Erklärung“

Im Anhang an den Vorgrimler-Artikel wird übrigens die freimaurerfreundliche „Lichtenauer Erklärung“ von 1970 dokumentiert, an der Prof. Vorgrimler mitwirkte, die aber nicht einmal vom Wiener Kardinal König unterzeichnet wurde, obgleich dieser der Freimaurerei keineswegs feindlich gegenübersteht.

Bischof Dr. Josef Stimpfle (Augsburg) erklärte am 12. Mai 1980 im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz in einer Pressemitteilung: „Die Lichtenauer Erklärung hat keinerlei kirchliche Autorisierung erhalten: Weder von einer Bischofskonferenz noch von einer römischen Behörde.

Außerdem stellte er klar: „Die gleichzeitige Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und zur Freimaurerei ist unvereinbar.“ – Seine Begründung: „Die Freimaurerei hat sich in ihrem Wesen nicht gewandelt. Eine Zugehörigkeit stellt die Grundlagen der christlichen Existenz in Frage.“

Die „Deutsche Tagespost“, in Dr. Vorgrimlers Buch der antifreimaurerischen „Subkultur“ zugerechnet, veröffentlichte am 8. 12. 1981 ein Interview von Radio Vatikan mit Bischof Stimpfle. Darin gibt der Augsburger Oberhirte zu erkennen, dass sogar die jahrelangen offiziellen Gespräche mit „regulären“ (nicht antikirchlichen) Freimaurern nur einen Einblick in die unteren drei Grade ermöglicht haben.

Geheimnischarakter der Logen

Der Bischof berichtet wörtlich:

„Die Freimaurerei ist auf vielen Graden aufgebaut. Nur für die unteren drei Grade (Lehrling, Geselle, Meister), für die „Johannismaurerei“, erstreben die Freimaurer eine kirchliche Beitrittserlaubnis, während sie für die höheren Grade eine Öffnung zur Kirche hin nicht erstreben, offensichtlich auch gar nicht für möglich halten. Die höheren Grade, ihr Wesen, ihre Ziele und Aktivitäten, hüllen sie in ein undurchdringliches Geheimnis. Noch im Jahr 1980 hat der zugeordnete Großmeister G. Großmann eine Verstärkung des Geheimnischarakters der Freimaurerei gefordert.“

Daraufhin stellt der Bischof die berechtigte Frage: „Wie kann sich die Kirche einer Organisation öffnen, deren oberste Leitung ihre Pläne und Unternehmungen völlig verborgen hält?“

Unvereinbarkeitsbeschluß der dt. Bischöfe

Die eindeutige Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, vom „Spiegel“ (Nr. 13/1981) damals als „Anti-Freimaurer-Bannfluch“ und „Rückmarsch ins Ghetto“ bezeichnet, führte zu wütenden Ausfällen des „herausragenden Theologen“.

Der Unvereinbarkeits-Beschluss des deutschen Episkopats gehöre, so Dr. Vorgrimler, „in die Sammlung aberwitziger Bannflüche seit 150 Jahren“.

Er fügte hinzu: „Die Kirche muss sich nicht wundern, wenn sie angesichts solcher Erklärungen als Gesprächspartner nicht mehr ernst genommen wird.

Das „alte“ Kirchenrecht (CIC von 1917) enthielt bekanntlich eine Bestimmung (can. 2335), wonach der Beitritt zur Freimaurerei bei Strafe der Exkommunikation verboten ist. Nachdem die Freimaurerei im neuen CIC von 1983 nicht mehr ausdrücklich erwähnt ist, wurde dies von interessierter Seite so verstanden, als stände damit einer Logenmitgliedschaft von Katholiken nichts mehr im Wege.

Kardinal Ratzingers Klarstellung zur FreimaurereiPapst Benedikt XVI

Kardinal Joseph Ratzinger trat angesichts der offensichtlichen Verwirrung auf die Notbremse und veröffentlichte am 26. 11. 1983 unter Berufung auf den Papst eine offizielle Erklärung der Glaubenskongregation, in der es heißt:

„Das negative Urteil der Kirche über die freimaurerischen Vereinigungen bleibt also unverändert, weil ihre Prinzipien immer als unvereinbar mit der Lehre der Kirche betrachtet wurden und deshalb der Beitritt zu ihnen verboten bleibt.“

Zu jener Zeit, als Prof. Vorgrimler sein Dialogbuch pro Freimaurerei herausbrachte (1975), galt ohnehin noch der alte CIC, der für die Mitgliedschaft in der Loge ausdrücklich die Exkommunikation vorsah.

Man hätte nun erwarten dürfen, dass das Vorgrimler-Buch nicht ohne Folgen bleibt, stellt es doch eine offensichtliche Parteinahme für die Freimaurerei dar, verbunden mit scharfen Attacken gegen die Kirche, besonders gegen Bischof Rudolf Graber. Meines Wissens führten weder diese noch andere Veröffentlichungen des Rahner-Schülers im zuständigen Bistum Münster zu diszipliniarischen bzw. kirchenrechtlichen Konsequenzen, obwohl dieser „Star-Theologe“ seit Jahrzehnten seine Häresien publiziert.

Bischof Lettmann würdigt Prof. Vorgrimler

Im Gegenteil: die Freundschaft zwischen Diözesanbischof Dr. Reinhard Lettmann und dem „undogmatischen“ Dogmatiker Vorgrimler ist seit langem bekannt. Niemand macht ein Geheimnis daraus, am wenigsten der Oberhirte selbst.

In den „Westfälischen Nachrichten“ erschien am 12.5.2003 ein vierspaltiger Artikel mit großem Foto und vielsagendem Titel: „Dank an einen herausragenden Theologen“. Gemeint war damit kein Geringerer als Dr. Herbert Vorgrimler, dessen „Goldenes Priesterjubiläum“ es zu feiern galt.

Offenbar scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass bei prominenten Theologen  –  Häresien hin oder her – auch hochrangige Amtsträger zur Stelle sind, die allzu gut wissen, was sie dem Zeitgeist schuldig sind. Das breitformatige Zeitungs-Foto zeigt Dr. Vorgrimler als Hauptzelebranten am Altar, daneben die Bischöfe Dr. Reinhard Lettmann, Heinrich Mussinghoff (Aachen), Evmenios von Lefka (griechisch-orthodox) sowie zwei weitere Geistliche.

„Drei Bischöfe gratulierten“, schreiben die „Westfälischen Nachrichten“ stolz im Untertitel. Diese Tageszeitung erscheint im Aschendorff-Verlag, der auch das neueste Buch von Dr. Vorgrimler herausbringt.

Zeitungsreporter Johannes Loy beginnt seinen Bericht mit sichtlicher Begeisterung:

„Generationen von Studierenden hat er geprägt, sein Name ist in der theologischen Forschung weltweit ein Begriff und „sogar dem Papst bekannt“, wie Bischof Dr. Reinhard Lettmann schmunzelnd formulierte. Prof. Dr. Herbert Vorgrimler (74), emeritierter Universitätsprofessor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, feierte am Samstag sein Goldenes Priesterjubiläum …“.

„Diesem Ruf ist unser Jubilar gefolgt“

Die Zeitung schildert auch die Predigt des Diözesanbischofs:

„Bischof Reinhard Lettmann dankte Vorgrimler für seinen Dienst als Priester und theologischer Lehrer. „Das Priesteramt ist kein „Job“, sondern ein Dienst in der Berufung Gottes. Diesem Ruf ist auch unser Jubilar gefolgt.“

Theologie müsse sich an der Geschichtlichkeit festhalten und dürfe sich nicht in die Mythologie oder in ein Glasperlenspiel flüchten. Dies habe Vorgrimler immer wieder gelehrt. Lettmann wörtlich: „Wenn das Heil geschichtslos wird, wird auch die Geschichte heillos.“

Die „Westfälischen Nachrichten“ berichten sodann, dass Dr. Vorgrimler auch in der Krankenseelsorge des Clemenshospitals von Münster mitwirke. Darauf will sich der „herausragende Theologe“ freilich nicht beschränken, denn: „Etliche weitere Buchprojekte liegen auf seinem Schreibtisch.“

Dass der Aschendorff-Verlag seinen eigenen Autor hofiert, kann man gewiss nachvollziehen, wenngleich die Verehrung zuweilen merkwürdige Ausmaße annimmt.

Als der Zeitungsverlag am 22. Januar dieses Jahres zu einem Vortrag mit Prof. Vorgrimler einlud und zugleich sein neues Buch vorstellte, kamen ca. 170  –  meist weibliche – Zuhörer.

Ein Verlagsmitarbeiter würdigte den Referenten in seiner Begrüßung über alle Maßen, indem er beispielsweise sagte, er sei „nicht würdig, ihm (Dr. Vorgrimler) die Schuhriemen zu lösen“. – Abschließend appellierte er an die Anwesenden: „Was er euch sagt, das tut!“ – Gemeint war mit „er“ nicht etwa Jesus Christus, sondern der gefeierte Theologe von der schreibenden Zunft.

Bischof Mussinghoffs ist Vorgrimler verbunden

Zu den „Fans“ von Dr. Vorgrimler gehört anscheinend auch Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff (Aachen), der vor seiner Bischofsweihe als Dompropst in Münster tätig war. Er ist zum Vize-Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz aufgestiegen und gilt, wie es in einer Überschrift der „Westfälischen Nachrichten“ heißt, als „Mann der leisen Töne mit Ambitionen“.

Weniger leise, sondern eher verwunderlich klang es freilich, als Bischof Mussinghoff beim „Weltgebetstreffen der Religionen“ in Aachen (7. bis 9. September 2003) Folgendes zum Besten gab:

„Gott ist nicht katholisch. Gott ist nicht evangelisch. Gott ist nicht orthodox. Gott ist nicht einmal christlich.“

Am 12. Mai 2003 konzelebrierte er beim „Goldenen Priesterjubiläum“ von Dr. Vorgrimler gemeinsam mit Bischof Reinhard Lettmann. In einem Interview mit den „Westfälischen Nachrichten“ vom 14. August 2003 erklärte Bischof Mussinghoff, dass er sich weiterhin gelegentlich mit Prof. Vorgrimler treffe.

Auf die Frage „Was vermissen Sie heute?“, antwortete der Aachener Oberhirte: „Den Kontakt zur katholisch- theologischen Fakultät. Eine solche Fakultät gibt es in Münster, in Aachen nicht … Einen regelmäßigen Gedankenaustausch mit Theologie-Professoren pflegen zu können, das habe ich während meiner Zeit als Dompropst sehr geschätzt und genossen.“

Diesen Gedankenaustausch schätzt auch sein Münsteraner Amtskollege Reinhard Lettmann, jedenfalls in bezug auf Dr. Vorgrimler. Als der Bischof im Februar 2003 seinen 70. Geburtstag feierte, erschienen in der Bistumszeitung „Kirche und Leben“ (Nr. 8/2003) drei positive Würdigungen, darunter auch eine von Bischof Mussinghoff unter dem Titel „Treue und Beständigkeit“.

ARD-Chef Fritz Pleitgen lobt Bischof Lettmann

Einen weiteren Beitrag („Hoch gebildet und tief geerdet“) über Dr. Reinhard Lettmann verfasste Fritz Pleitgen, politisch linksorientierter WDR-Intendant und bis vor kurzem auch Chef der ARD. – Der fünfspaltige Artikel „Dem Kommenden entgegen“ stammte selbstverständlich vom „herausragenden Theologen“.

Dr. Vorgrimler bezeichnet sich darin als „persönlichen Wegbegleiter“ und „Weggefährten“ des Münsteraner Oberhirten. Er berichtet von gemeinsamen Urlaubsreisen und „unvergesslichen Situationen“, z. B. der folgenden:

„Zu ihnen gehört ein Abend in den Bergen des Sinai, als das Feuer tief niedergebrannt war, die zwei Beduinen schliefen, die Kamele leise schnaubten, als wir schlaflos die Sternenpracht des tiefdunklen Himmels schauten und Reinhard Lettmann englische Gedichte rezitierte.“

Der Theologe schildert seinen „Weggefährten“ als jemanden, der durch Gebet und Gottvertrauen die Kraft finde, ein „positiver, konstruktiv denkender und auch ein toleranter Mensch zu sein.“

Dr. Vorgrimler fügt hinzu: „Mit den Miesmachern, den „Unheilspropheten“, die überall nur Verderben und Untergang wittern, hat er nichts gemein.“ 

Auch wenn glaubenstreue Katholiken in den Veröffentlichungen des Münsteraner „Startheologen“ keinen Untergang wittern, so erkennen sie durchaus Verderben darin, wenn Glaubensfundamente zerstört und wesentliche Wahrheiten der Heiligen Schrift und der verbindlichen kirchlichen Lehre geleugnet werden.

Das gilt besonders für die Gottheit Christi, denn mit dem Glauben an den Gottmenschen Jesus Christus steht und fallt nicht „nur“ der katholische Glaube, sondern das Christentum insgesamt.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

Erstveröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift „Theologisches“ vom November 2003