Christi Botschaft von Endzeit, Gericht und Ewigkeit ist ein Weckruf an uns alle

Von Ehrendomherr Pfr. Dr. Franz Weidemann

Zum Evangelium am 18. November bzw. 33. Sonntag im Jahreskreis (Dan 12,1-3; Mk 13,24-32)

Das Ende der Welt – kein sehr erfreuliches Thema. Die Sonne wird sich verfinstern, der Mond nicht mehr scheinen, die Sterne fallen vom Himmel. Das Ende der Welt wird hier nicht besonders rosig ausgemalt. Endzeitstimmung! So könnte man die Atmosphäre beschreiben, die die Lesungen des heutigen Sonntags kreieren.

Am Ende des Kirchenjahres werden die Evangelien düsterer: Die Sterblichkeit der Menschen und das Wiederkommen Christi als Richter werden heraufbeschworen. Und schon wird vielleicht bei den Älteren von Ihnen die Erinnerung an damals wach, wo Mutter, Vater und der Pastor den Kindern mit der Hölle Angst gemacht haben.

Drohbotschaft statt Frohbotschaft sei das, sagen die Jüngeren heute. Nein  – sagen viele – diese Evangelien von Weltuntergangsszenarien und Naturkatastrophen machen uns unsere schöne Weltsicht kaputt, gerade jetzt so kurz vor dem Gemütlichkeit versprühenden nahen Advent.

An das unausweichliche Ende zu denken, das fällt den Menschen und auch uns Christen immer schwerer. Etwas sperrt sich in uns dagegen. Dabei haben die ersten Christen das Ende eigentlich gar nicht gefürchtet, sondern sogar im Gegenteil herbeigesehnt.

Am Ende der Bibel ist der letzte Satz der Stoßseufzer des biblischen Menschen: „Maranatha – komm, Herr Jesus.“

Seltsam. Oder ist nicht eher unsere Haltung seltsam? Was ist daran so beängstigend, wenn es heißt: „Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt“ – „Sie werden immer und ewig leuchten wie die Sterne“ – „Dann wird der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen» – „Er wird die Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen“ – wie herrlich muss doch der Himmel sein!

Sicher – auch hier auf der Erde ist es schön. Aber eben leider nicht immer und nicht für alle Menschen, die Augenblicke des Glücks sind eben nur Augenblicke. Für den biblischen Menschen war es alles klar: Unsere Heimat ist im Himmel, hier sind wir in der Fremde.

Warum freuen wir uns also nicht auf das Ende der Welt? Warum haben so viele Menschen Angst vor den Dingen, die da kommen sollen? Vermutlich, weil es genau genommen keine Angst vor der Zukunft ist, sondern eine Angst vor unserer eigenen Vergangenheit.

Wir fürchten nicht das, was da kommen wird, sondern vielmehr dass, was wir jetzt, im Moment, sind. Wer hat sich nicht schon öfter die Frage gestellt: „Was würde ich heute tun, wenn ich wüsste, dass dies mein letzter Tag wäre?

Viele Antworten fallen uns dazu ein, und oft können wir ganz bestimmt sagen, was wir dann tun würden: Uns versöhnen, uns entschuldigen, die Natur genießen, beten, mit Gott ins Reine kommen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – wir tun’s oft nicht.

All das, was wir tun würden, wenn das Ende der Welt morgen wäre, lassen wir doch wieder sein. Und deshalb – aufgrund unserer eigenen Inkonsequenz – fürchten wir das, was da kommen soll, weil wir fürchten, was wir sind. Nicht, weil das Ende so schrecklich wäre, sondern weil wir spüren, dass wir uns selber, unseren Mitmenschen und Gott gegenüber nicht gerecht werden.

Angesichts des unausweichlichen Endes sollten wir uns das vielleicht eingestehen, dass unser Leben wirklich unvollkommen ist. Wir bedürfen der Umkehr, des täglichen Neuanfanges, damit wir uns in unserer Haut wieder wohlfühlen können. Das ist ein anspruchsvolles Leben. Sicherlich. Und vielleicht, weil viele diesen Anspruch ahnen und nicht wahrhaben wollen, wenden sie sich von Gott und Kirche ab, verdrängen den Tod und das Ende der Welt.

Die Evangelien über das Ende der Welt und das Gericht ist das eine Drohbotschaft? Für mich sind sie eher eine Wach-mach-Botschaft?

Die Evangelien drohen nicht mit dem bösen Gott, der uns allen übel mitspielen will. Vielmehr sensibilisieren uns diese Evangelien, auf unser eigenes Leben zu schauen, es ernst zu nehmen, es nicht zu vertrödeln, uns nicht zu vertrösten mit einem: „Ab morgen fang‘ ich an, wirklich zu leben!

In einer Gesellschaft, in der es sich gut leben lässt, ist der Gedanke an das Ende, an den Tod und das, was danach kommt, allerdings ein trübseliger Gedanke. Aber für die Menschen, die auf der anderen Seite der Medaille leben, die hier einiges zu leiden haben, deren Leben eben kein Zuckerschlecken ist, sieht das schon ganz anders aus: Da ist der Himmel wirklich noch eine Verheißung. Da ist man gar nicht so entsetzt darüber, dass dieses Leben nicht ewig dauert.

Unsere Glaubensschwäche, nicht an das Ende denken zu wollen, ist schon ein wenig arrogant. Den Gedanken an das Ende und das Gericht als wenig frohmachend zu bezeichnen, ist eigentlich pure Egozentrik. Ja, im Grunde ist auch unser Empfinden bei Glaubenssätzen wie: „ER sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“ entlarvend. Und wir versuchen, solche Glaubenssätze zu vermeiden, aus den Liedern und Gebeten zu streichen, ja sogar aus den Evangelien!

Aber noch etwas ist daran entlarvend: Das Gericht verschweigen will nur der, der etwas zu fürchten hat. Wenn wir uns redlich bemühen, nach Gottes Geboten zu leben, gibt es dafür aber keinen Grund, sich zu fürchten. Weil Gott gerecht ist, da er gut ist. ER wird niemanden zu kurz kommen lassen oder übervorteilen.

Gott ist aber auch barmherzig, weil ER gut ist. ER wird jeden und jede mit seinem liebenden Blick anschauen. ER wird all die tiefen Sehnsüchte, die Schwächen, die Leiden, das Bemühen in uns sehen und anerkennen. ER macht uns Mut unser Leben wirklich zu leben, uns nicht auf faule Kompromisse einzulassen.

Wir sind in seiner Hand, aber nicht als Verlorene, sondern als Geborgene. Soviel ist gewiss. Anderes dagegen bleibt ungewiss, vor allem wann das alles geschehen wird. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.(Mt 13,32)

Wir können den Tag nicht berechnen, und wir sollen uns erst recht nicht irremachen lassen von Leuten, die zu wissen meinen, der Tag sei bald gekommen – ganz gleich, ob sie sich auf die Klimakatastrophe oder sonst etwas berufen wie z.B. auf Nostradamus oder der Weltuntergangs-Film 2012 von Roland Emmerich, der am 19.11.2009 in die deutschen Kinos kam.

Apokalyptische Ängste schüren ist etwas Unverantwortliches, denn es lähmt den Menschen und hindert ihn daran, seinen Verstand und Phantasie einzusetzen zur Abwendung der gegenwärtigen Gefahren. Hüten wir uns vor den Sektierern, die unter dem Mantel der Frömmigkeit den Menschen zuerst verängstigen und dann unfrei machen!

Halten wir uns besser an diejenigen Menschen, die zu anderen Zeiten vor ähnlichen Problemen wie wir heute standen und sie in Gelassenheit und Gottvertrauen angegangen sind.

Ich möchte mit einem Zitat eines Französischen Priesters Pierre de Caussade beschließen, der in seinem Buch „Hingabe an Gottes Vorsehung“ folgendes geschrieben hat: „Man muss die Vergangenheit der großen Barmherzigkeit Gottes überlassen, die Zukunft seiner Vorsehung, die Gegenwart aber müsst ihr ganz der Liebe Gottes anheimgeben„.

Diese Aussage wollen wir uns zu Herzen nehmen.