Berlin: Gedenktafel und warme Worte für Gewaltopfer Jonny K.

Von Michael Leh

Eine Gedenktafel erinnert jetzt an den gewaltsamen Tod von Jonny K. am Berliner Alexanderplatz. An seinem ersten Todestag wurde die am Tatort in den Boden eingelassene Platte gemeinsam von der Schwester des Opfers, Tina K., und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit enthüllt. Leh Foto Wowereit Tina

Die Tat geschah kaum mehr als 100 Meter von dessen Rathaus entfernt. Seither sind ihr zahllose Gewalttaten gefolgt, auch am Alexanderplatz. In der Regierungszeit Wowereits, unter seiner Verantwortung, wurden tausende Polizeistellen in Berlin gestrichen.

Doch dazu sagte er in seiner kurzen Ansprache zum Gedenken an Jonny nichts. Dafür gab er Sprüche zum Besten wie „Gewalt ist keine Lösung“ oder dass „Gewalt niemals ein Weg“ sein dürfe. In einer Pressemitteilung verkündete Wowereit Weisheiten wie „Gewalt vergiftet zwischenmenschliche Beziehungen und verhindert Toleranz.“

Bei der Gedenktafel-Enthüllung war er gewiss auch nur anwesend, weil sein Fehlen sonst negativ vermerkt worden wäre. Der Fall Jonny K. war einfach längst zu „prominent“ geworden, zum einen durch den Tatort Alexanderplatz, zum anderen durch das medienwirksame Engagement der Schwester des Opfers. Leh -Foto Gedenktafel - kleiner

Da darf man dann als Politiker nicht fehlen, zumal wenn die Kameras der Presse klicken. Andere Gewaltopfer in Berlin beziehungsweise deren Angehörigen bekommen von Vertretern der Stadt nicht einmal eine Beileidskarte und es kommt auch niemand zur Beerdigung. 

Während der Ansprache Wowereits rief eine ältere Dame: „Wir brauchen härtere Gesetze“.  – Darauf entgegnete er routiniert: „Wir brauchen keine härteren Gesetze. Es geht um die innere Einstellung.“

Vielleicht hätte jemand besser rufen sollen: „Wir brauchen mehr Polizei.“ Oder: „Wir brauchen Richter, die Strafrahmen besser ausschöpfen.“

Fünf der Täter im Falle Jonny K. sind derzeit auf freiem Fuß, ihre Urteile sind noch nicht rechtskräftig, die Anwälte haben Revision eingelegt.

Die Gewalt geht in Berlin ungebremst weiter

Eine gute Rede hielt Innensenator Frank Henkel (CDU). In ihr war auch eine verdeckte Spitze gegen Wowereit. Dieser hatte letztes Jahr salopp erklärt, Jonny K. sei „zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.“

Henkel sagte jetzt: „Man könnte sagen, dass Jonny zur falschen Zeit am falschen Ort war. Aber der Gedanke, dass es in unserer Stadt einen falschen Ort und falsche Zeit geben soll, lässt mir keine Ruhe.“

Es bleibt zu hoffen, dass ihm dies wirklich keine Ruhe lässt. Bis jetzt handelt er nämlich zu wenig. Es dauerte quälend lange, bis er auch nur eine „mobile Wache“ am Alexanderplatz einrichten ließ. Und erst als vor kurzem der „Berliner Kurier“ titelte: „Henkel gibt den Alex auf“, wurden mehr Polizeistreifen am Alexanderplatz angekündigt.

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ vom 19. Oktober 2013

Fotos: Michael Leh


Otto Schimek ist weder „Märtyrer des Gewissens“ noch „Symbol der Versöhnung in Polen“

Von Pater Lothar Groppe SJ

In der „Tagespost“ vom 9. März 2013 verfaßte Stephan Baier einen durchaus lesenswerten Artikel: “Österreichs dunkelster Tag“.   –  Leider passierte ihm im letzten Satz ein peinliches Mißgeschick:

“Unter den Laien, die zu Blutzeugen für Christus wurden, sind der Bauer Franz Jägerstätter und der 19-jährige Soldat Otto Schimek, der sich weigerte, polnische Zivilisten zu erschießen  –  und dafür selbst erschossen wurde.“  

P. Lothar Groppe

P. Lothar Groppe

Während Jägerstätter tatsächlich ein Märtyrer des Gewissens ist, handelt es sich bei Schimek um eine Lügenmär. Da ich jahrzehntelang für das Organ der österreichischen katholischen Militärseelsorge „LIES“ verschiedene Artikel verfaßte, bat mich Militärprovikar Gruber, mich mit der Causa Schimek näher zu befassen.

1995 veröffentlichte eine auflagenstarke Wochenzeitung auf der ersten Seite mit Schlagzeile: „Der tote Wehrmachtsoldat, den Polen als Heiligen verehrt. Otto Schimek  –  Symbol der Versöhnung in Polen.“

Zahlreiche Zeitungen überschlugen sich geradezu mit Schlagzeilen: „Das Vorbild Otto Schimek: Mut, einfach anders zu leben.“  – „Otto Schimek wählte den Tod.“  –  „Der Junge, der nicht schießen wollte.“  –  „Soldat wie ein Heiliger verehrt.“   –  „Ganz Polen spricht vom ‚Fall Schimek‘.“  

Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte bereits am 6.7.1972 einen eindrucksvollen Bericht über den jungen österreichischen „Helden“.

Wer war dieser Otto Schimek?

1925 als 13. Kind geboren, mußte er schon mit 7 Jahren die Mutter unterstützen, da der Vater gestorben war. So kam die Schule zu kurz, er war geistig stark zurückgeblieben. Mit 17 Jahren wurde er eingezogen und  mehrfach wegen Disziplinlosigkeit mit Arrest bestraft. Die Mutter hatte ihm noch den Rat gegeben, sich in Sicherheit zu bringen, wenn es brenzlig wurde. Allzu oft hielt sich Otto daran.

Sein Kompanieführer, Leutnant Klein, hatte Mitleid mit ihm und holte ihn mehrfach aus der Etappe zurück, ohne Meldung zu machen, wozu er an sich verpflichtet war. Eines Tages wurde Otto leicht am Ohr verletzt und jammerte so, dass ihn Klein zum Verbandsplatz bringen ließ. Am Abend rief er dort an, was Schimek mache, und erfuhr, dass dieser verschwunden sei.

Nun mußte der Kompanieführer unbedingt Meldung machen. Etwa drei bis vier Wochen später wurde er vom Regiment angerufen, Schimek sei in Zivil aufgefunden worden und von einem Standgericht wegen Fahnenflucht und Feigheit zum Tode verurteilt worden. Nach der Exekution rief Regimentskommandeur Klein an und fragte ihn, warum ein solcher Soldat desertieren könne, der so „tapfer“ mit dem „Deutschen Gruß“ („Heil Hitler!“) gestorben sei.

Nach der Mitteilung von der Hinrichtung ihres Sohnes bekam Schimeks Mutter wohl ein schlechtes Gewissen, hatte er doch ihren Rat befolgt, der zu seinem Tod führte.

So beschloß ihre Tochter, Elfriede Kujal, aus dieser Tragödie eine Heiligenlegende zu stricken: Otto sei ermordet worden, weil er sich geweigert habe, auf unschuldige Zivilisten zu schießen, die allerdings gar nicht vorhanden waren, weil das Kampfgebiet von Zivilisten geräumt war.

Diese Legende veranlaßte Papst Johannes Paul II. zu bewegenden Worten:

„Es existieren Staaten, die in ihrer Reife befähigt sind, andere Formen des Militärdienstes zu akzeptieren. Um diesen Aspekt zu unterstreichen, möchte ich die meinem Volk sehr liebe Person in Erinnerung zu bringen: Er war Österreicher, er hieß Otto Schimek, und bekam während des Krieges den Befehl, auf die Zivilbevölkerung zu schießen. Er widersetzte sich und wurde getötet. Sein Grab ist diesem Volk geblieben, und er hat sich großen Ruhm erworben, dass ich sagen möchte: Den Ruhm eines Dieners Gottes!“

Bei seinem Besuch in Österreich wollte der Papst am 10.9.1983 noch eine Gedenktafel für Otto Schimek an der ehem. Garnisonkirche und jetzigen polnischen Nationalkirche segnen. Diese Tafel unter dem Bild Otto Schimeks hatte folgenden Wortlaut:

Die Seele vermögen sie doch nicht zu töten,
welch eine Hoffnung!

Dann in polnischer und deutscher Sprache:

19-jähriger Wiener wurde hingerichtet
14.XI. 1944 in Lipiny/POLEN
weil er sich weigerte,
polnische Geiseln zu erschießen.
„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt!“ (Joh 15,13)

Sozusagen in letzter Minute wurde Papst Johannes Paul II. darüber aufgeklärt, was es mit dem Fall Otto Schimek auf sich hat. Für die „Freunde“ der Kirche wäre der „Zweckheilige“, wie ihn ein Magazin nannte, Anlaß zu Spott und Hohn gewesen.