„Geistiges Heilen“: Reiki und Therapeutic-Touch mit „heilenden Händen“

Von Felizitas Küble

Hermann Büsken aus Borken ist ein älterer Herr, der von sich berichtet, er habe „heilende Hände“, mit denen er sozusagen die „Selbstheilungskräfte“ des Kranken aktiviert:  http://www.hermann-buesken.de/kirchen-brief.htm

Er praktiziert das fernöstliche „Reiki“, hat eigenen Angaben zufolge den ersten Reiki-„Weihegrad“ erreicht – und praktiziert Fernheilungen, die normalerweise (so betont er) erst mit dem zweiten Reiki-Grad möglich seien. Da Büsken weiß, daß Reiki in kirchlichen Kreisen zumindest umstritten ist, bezeichnet er seine „heilenden Hände“ einfach als „Therapeutic-Touch“, was aber dasselbe in grün ist, wie er auch selber verdeutlicht:

„Meine Internetseite war ursprünglich Reiki gewidmet. Im Glauben, dass Reiki eine ablehnende Wirkung auf die Kirche hat, habe ich die Hauptseite in Therapeutic Touch geändert, was leider die Entscheidung zu meinen Gunsten nicht geändert hat. Egal ob man das Handauflegen Reiki oder Therapeutic Touch nennt, es kommt doch nur auf die Wirkung des Heilens an.“

Der esoterische Autor, der sich weder dem amtlichen Christentum noch der katholischen Kirche verbunden fühlt, hat gleichwohl jahrelang versucht, in katholischen Krankenhäusern und Pflegeheimen seine „energetischen“ Kräfte anzubieten, ist aber bei amtlichen kirchlichen Stellen auf weitgehende Zurückhaltung bis hin zu deutlicher Skepsis gestoßen.

Dabei ist es durchaus zweitrangig, daß er seinen „Dienst“  kostenlos anbietet; der springende Punkt ist vielmehr die Beurteilung solcher „Heilenergien“. Den Gläubigen kann es nämlich durchaus nicht gleichgültig sein, aus welcher Quelle diese Kräfte fließen. Demgegenüber schreibt Herr Büsken:

„Dem Heiler ist es egal, woher die Energie kommt, die er überträgt. Er kann sie sich nicht aussuchen. Wenn ich meine Hände auflege, spüre ich sofort, wie die Energie fließt. Wer will kontrollieren, woran der Heiler  beim Handauflegen zu denken hat?

Er beruft sich nebst einigen Bibelstellen, die er in seinem Sinne auslegt, auch auf den pseudo-christlichen Esoteriker Jakob Lorber, der angebliche Einsprachen „von oben“ erlebt haben will. Dabei habe der Vielschreiber Lorber u.a. folgende „Jesus-Lehre“ empfangen:  

“Wer aber in Meiner Lehre wandelt und glaubt, dass Ich der wahre Christ bin, der mag einem Kranken in Meinem Namen die Hände auflegen, und es wird besser mit ihm werden. Und so ein Kranker auch in der Ferne ist, und du betest in Meinem Namen über ihn und streckst nach ihm deine Hände aus, so soll er gesund werden, so es zu seinem Heile gereicht.”

Gläubige halten sich hingegen an die bewährte Regel, die da lautet: Bittgebet und Sakramente, vor allem die Krankensalbung, wie sie der Kirche im Jakobus-Brief aufgetragen wurde. Entscheidend ist die geistige Grundhaltung, die sich vertrauensvoll an Gott wendet, ohne IHN vereinnahmen zu wollen, ohne über sein Heilen und Walten „verfügen“ zu wollen. Christus selbst hat uns dies in seinem Vaterunser-Gebet gelehrt: „Dein Wille geschehe!“

Der Autor schreibt sodann in seiner Rubrik „Heilende Hände“ (http://www.hermann-buesken.de/heilende_haende.htm) folgendes:

„Spirituelles Heilen ist eine Methode des Handauflegens zur Stärkung und Regenerierung von Körper, Geist und Seele. Es ist eine einfache und wirksame Methode, zur Übertragung dieser Energie….Durch Auflegen der Hände kommt ein Energiefluss zustande, der als Wärme und Kribbeln oder auch als Pulsieren wahrgenommen werden kann (aber nicht muss). Das Universum ist gefüllt von einer unerschöpflichen, endlosen Energie.“

Zunächst handelt es sich hier um die übliche esoterische Mentalität. Aufschlußreich ist aber die  beschriebene Wirkung der „energetischen“ Handauflegung: Der „Energiefluss“ könne als „Wärme, Kribbeln oder auch als Pulsieren wahrgenommen“ werden.

Interessanterweise entspricht dies genau den Beschreibungen, die wir aus den Wirkungen charismatischer Handauflegungen kennen, wobei es oftmals zum sog. „Ruhen im Geist“ kommt, also einem trance-artigen Rückwärtskippen der „Gesegneten“, angeblich vom Heiligen Geist „berührten“ Personen.

Welcher „Geist“ hierbei wohl am Werke ist?

Jedenfalls sind die psychisch-seelischen Wirkungen sowohl beim esoterischen „Geistheilen“ wie beim charismatischen Geist-Ruhen zum Verwechseln ähnlich, ja sogar die methodische Vorgangsweise   – nämlich Handauflegung beim „Sender“ und Heilungserwartung beim Empfänger  –  ist so gut wie identisch.

Das ergibt sich direkt aus den Schilderungen begeisterter Charismatiker, die ihre „spirituellen“ Erlebnisse beim Rückwärtsfallen beschreiben. Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2017/09/08/ruhen-im-geist-phaenomen-jenseits-des-verstandes-wirkt-wie-elektrischer-strom/


Volkskundliche Erforschung der „Geistheilung“: Schamanismus im deutsch-belgischen Grenzgebiet

Pressemeldung der Gutenberg-Universität in Mainz:

Der Schamanismus wird gemeinhin als Praxis verstanden, bei der Menschen mit einer Geisterwelt in Kontakt treten. Er gilt nicht eigentlich als Religion, sondern wird eher als die Auseinandersetzung mit einem Jenseits beschrieben, um heilende Kräfte zu mobilisieren. „Auf jeden Fall aber herrscht ein starker Seelenglaube vor, auch bei unterschiedlichen Ausprägungen des Schamanismus“, erklärt Volkskundler Uhlig:

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

„Ursprüngliche Verbreitungsgebiete sind Sibirien und Südamerika. Erste Kenntnisse davon kamen verstärkt zum Ende des 17. Jahrhunderts mit Reiseberichten aus Sibirien nach Europa und schon bald rückte die ambivalente Figur des Schamanen ins Bewusstsein der westeuropäischen Bildungsschichten.

Der Volkskundler untersucht in dem DFG-Projekt „Sinnentwürfe in prekären Lebenslagen der Gegenwart: Eine transnationale Ethnographie geistigen Heilens im ländlichen Raum (Eifel)“ insbesondere, was die Menschen eigentlich dazu bewegt, einen Schamanen aufzusuchen.

Unzufriedenheit mit dem bestehenden Gesundheitssystem und die Suche nach alternativen Heilungsansätzen mögen eine Ursache sein, weshalb sich Menschen dem Schamanismus mit seinen Praktiken wie Schwitzhütten-Zeremonie, schamanischer Reise oder Hopi-Herzheilung zuwenden.

Aufgrund der bisher geführten Interviews steht für den Volkskundler fest, dass es sich beim modernen Schamanismus um ein vielschichtiges Phänomen handelt, das Klienten aus allen Bildungsschichten anspricht, keineswegs nur abergläubische Außenseiter.

Im Rahmen seiner Dissertation wird Uhlig weitere Interviews mit schamanisch Praktizierenden führen und auswerten. Durch die mikroskopische Analyse versucht das Vorhaben, u.a. einen lebensnahen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Deutung von Spiritualität zu liefern und auf diesem Wege einen Beitrag zur Erforschung individueller Gegenwartsreligiosität zu leisten.