Evangelikales Aufklärungsbuch über Machtmenschen und geistlichen Missbrauch

Besprechung von Felizitas Küble

Seit gut zwei Jahren ist in amtlichen katholischen Kreisen das Wort vom „Geistlichen“ oder „Spirituellen“ Missbrauch in aller Munde. Entsprechende Veröffentlichungen der ehem. Ordensfrau Doris Wagner-Reisinger und des Jesuiten Klaus Mertes sorgten dafür.

Dabei entstand vielfach der Eindruck, als hätten diese beiden Autoren aus dem reformkatholischen Spektrum ein besonderes, vorher verborgenes oder totgeschwiegenes Thema ganz neu „entdeckt“ und endlich zur Sprache und in die Öffentlichkeit gebracht.

Das ist insofern richtig, als katholische Kirchenobere das Problem lange kaum zur Kenntnis nahmen, geschweige wirksam dagegen vorgegangen sind.

Allerdings kümmert sich nicht nur unser CHRISTLICHES FORUM inzwischen seit fast 10 Jahren um diese Problematikund dies z.B. mit dutzenden von Sach-Analysen sowie Erlebnisberichten von Betroffenen oftmals aus der charismatischen Szene.

Auch auf dem evangelikalen Buchmarkt gibt es seit Jahrzehnten ein breites Feld der Aufklärung vor seelsorglichem bzw. pastoralem Missbrauch. (Siehe unsere Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/07/evangelikale-buecher-warnten-schon-vor-lange-vor-dem-geistlichem-missbrauch/ und hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/06/12/warnung-vor-geistlichem-seelsorglichem-missbrauch-durch-scheinheilige/)

Diese theologisch konservativen evangelischen Autoren haben sich dabei häufig vor allem charismatische und neo-pfingstlerische Gruppen vorgeknöpft – und dies deshalb, weil dort die Anfälligkeit für „Machtmenschen“ besonders stark ist, wenngleich nicht hierauf begrenzt. Freilich hat der Protestantismus mit dieser Schwarmgeisterei auch schon viel länger ein Problem – nämlich seit Anfang des 20. Jahunderts, die kath. Kirche erst seit 1968 – von daher auch die schnelleren Abwehr-Reaktionen.

Der pietistische Prediger und in Skandinavien vielgelesene Schriftsteller Edin Lovas aus Norwegen veröffentlichte bereits 1996 – also vor einem Vierteljahrhundert – im pietistischen Brendow-Verlag seine warnende Schrift über „Wölfe in Schafspelzen“.

Dabei ging es ihm nicht etwa um die „böse Welt“, sondern – so der Untertitel – um „Machtmenschen in der Gemeinde“, also innerhalb der Christenheit.

Seine Aufklärungsschrift entstand nach vierzig Jahren Seelsorgsarbeit, wobei er „entsetzt“ darüber sei, „welches Ausmaß von Leiden durch Machtmenschen“ einzelnen Gläubigen, aber auch ganzen Gemeinden und Gemeinschaften zugefügt worden sei, schreibt er im Vorwort und fügt hinzu:

„Ich bin zugleich bestürzt darüber, daß in christlichen Kreisen und selbst unter sachkundigen Fachleuten über diese Dinge nicht offen und ehrlich geredet wird.“

Der Verfasser, der im norwegischen Sandom eine Jesus-Meditations-Bewegung gründete, die den Ignatianischen Exerzitien der katholischen Jesuiten ähnelt, stellt besorgt fest: „Soweit ich Einblick habe, scheinen die Opfer von Machtmenschen selten ernst genommen zu werden.“

Diesen Befund kann ich aus meiner eigenen jahrzehntelangen Erfahrung mit Aussteigern nur bestätigen. Vielfach zeigt sich dies auch hier bei uns in Leserkommentaren von charismatischen Eiferern:

Wenn ein Geschädigter über seine negativen Erfahrungen in schwarmgeistigen Zirkeln berichtet, kommt sofort die Selber-schuld-Keule von dieser Seite: Die Betroffenen seien psychisch angeknackst, wollten sich jetzt nur „rächen“, hätten die „Sünde gegen den Heiligen Geist“ begangen, die Strafe des Himmels folge auf dem Fuße – und dergleichen Unfug mehr. Natürlich werde auch ich ständig mit solchen „Keulen“ konfrontiert so z.B. seit vielen Jahren auf erscheinungsbewegten Seiten von Gloria-TV und früher auch auf „Kathnet“, was mich aber nicht aus dem kritischen Konzept bringt, sondern vielmehr darin bestätigt.

Der deutsche Buch-Herausgeber Andreas Ebert bezeichnet derlei Verirrungen in seinem Vorwort mit Recht als einen „wunden Punkt“, auf den man den Finger legen müsse (S. 11), denn „schlimme Formen des Machtmißbrauchs“ gäbe es eben nicht nur in der Politik, sondern auch in christlichen Kreisen und Gemeinden.

Er erwähnt auf derselben Seite „neopfingstlerische Strömungen“aus den USA sowie die charismatische „Glaubensbewegung“, die sich auch als „Herrlichkeitstheologie“ bezeichnet – gemeint ist das sog. „Wohlstandsevangelium“. Dort werde gelehrt, „daß Kinder Gottes das Anrecht auf irdischen Wohlstand und diesseitiges Wohlergehen“ hätten.

Weiter heißt es, daß auf „diesem Boden“ Gruppen und Gemeinden ohne Kontrolle und Ordnung entstehen: „Sie sammeln sich um starke, angeblich direkt von Gott berufene Führergestalten“.

Und genau dies ist der springende Punkt!

Eine FORTSETZUNG unserer Buchbesprechung folgt demnächst.


Geistlicher Missbrauch: Bischöfliche Visitation von „Totus Tuus“ im Bistum Münster

Bei der Visitation der Gemeinschaft Totus Tuus sind „noch nicht alle Fragen geklärt“: Das hat der Münsteraner Bischof Felix Genn am Rande einer Online-Tagung zum Thema „Gefährliche Seelenführer? Geistiger und geistlicher Missbrauch“ erklärt.

Seit drei Jahren läuft im Bistum Münster eine kirchliche Visitation (Untersuchung) der charismatischen Jugendgruppe „Totus Tuus“, die durch ihre Medjugorje-Begeisterung entstanden ist und 1994 gegründet wurde. 10 Jahre später wurde sie im Bistum Münster kirchlich anerkannt bzw. bischöflich approbiert.

Nachdem ehemalige Mitglieder aber von (un)geistlichem Missbrauch und autoritärem Machtgebaren durch führende Personen berichtet hatten, begann 2017 die erwähnte Visitation. Im Mai dieses Jahres meldeten sich weitere Aussteiger in der Herder-Korrespondenz und beklagten den psychischen Druck, den sie erlebt hätten.

„Die Leitung von ‚Totus Tuus‘ hat es verpasst, ihre Mitglieder zu freien und mündigen Christen zu machen“, berichtete eine weitere Betroffene in einem Beitrag des „Deutschlandfunk“. Darin wurde auch der Führungsstil des Gründers Leon Dolenec kritisiert.

Das Ergebnis der Visitation soll noch Ende dieses Jahres bekannt gegeben werden.

Quelle (auszugsweise): https://de.catholicnewsagency.com/story/geistlicher-missbrauch-noch-nicht-alle-fragen-geklart-bei-untersuchung-von-totus-tuus-7288

Info-HINWEIS: Wir haben uns im CHRISTLICHEN FORUM bereits vor neun Jahren kritisch mit der Gruppe „Totus tuus“ befaßt – und auch danach mehrfach: https://charismatismus.wordpress.com/category/visionen-und-charismatik-kritik/totus-tuus-medju-charismatisch/


Die „Integrierte Gemeinde“ wurde aufgelöst

Geistlicher Missbrauch war strukturell begünstigt

Kardinal Reinhard Marx hat die Katholische Integrierte Gemeinde in seinem Erzbistum München aufgelöst, wie Vatican-News berichtet: https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2020-11/muenchen-kardinal-marx-katholisch-integrierte-gemeinde-aufloesen.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NewsletterVN-DE

Der 1986 errichtete Verein besaß zuletzt weder Leitungsorgane noch Mitglieder.

Die vom Erzbischof beauftragten Visitatoren haben unter www.erzbistum-muenchen.de/bericht-kig einen Bericht über ihre Arbeit veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund prüft die Erzdiözese weitere Schritte zur Aufarbeitung der Geschichte und Arbeit der Integrierten Gemeinde.

Kardinal Marx zeigt Verständnis für Menschen, die sich von dieser Initiative enttäuscht fühlen: „Ich bedaure sehr, dass ehemalige Mitglieder… Leid erfahren mussten und die Verantwortlichen sich gegenüber den Visitatoren nicht als kooperationsbereit erwiesen haben.“

Der Bericht der Visitatoren verdeutlicht nach Einschätzung von Marx, „dass nicht mangelnder Glaube oder einzelnes persönliches Versagen den Verein problematisch machten, sondern dass hier manche negativen Erfahrungen im Anspruch und in der Struktur der Katholischen Integrierten Gemeinde grundgelegt waren“.

HIER zwei Artikel im CHRISTLICHEN FORUM zur Integrierten Gemeinde und zur öffentlichen Distanzierung von Papst em. Benedikt, der diese Bewegung jahrzehntelang unterstützt hatte und dies schlußendlich bedauert hat: https://charismatismus.wordpress.com/?s=integrierte+gemeinde


Schöner Schein: Wenn Strukturen des geistlichen Missbrauchs undurchsichtig sind

Von Felizitas Küble

Die Versuchungen, von denen wir Christen bedrängt werden, sind nicht alle auf den ersten Blick als negativ zu erkennen. Bisweilen verbirgt sich eine manipulative Struktur unter dem Schein des Guten, ja sogar des Rechtgläubigen. Wie sollen Katholiken dann aber die inneren Gefahren erkennen?

In den letzten Tagen war in kirchlichen Kreisen viel von der öffentlichen Distanzierung die Rede, die Papst Benedikt gegenüber der „Integrierten Gemeinde“ vorgenommen hat. Er sei über die negativen Hintergründe – es geht vor allem um Vorwürfe des geistlichen Missbrauchs – nicht informiert gewesen bzw. getäuscht worden, gab er zu erkennen.

Mancher wird sich fragen: Wie konnte dies bei einer gelehrten Persönlichkeit wie Kardinal Joseph Ratzinger, einem solch hochrangigen Theologen und Kirchenmann passieren?Aber Bildung schützt vor Torheit nicht – auch Rechtgläubigkeit nicht immer.

Es gibt nämlich durchaus Gemeinschaften, denen man inhaltlich bzw. von ihrer Verkündigung her keine nennenswerten Vorwürfe machen kann, die sogar in mancher Hinsicht besonders gute Ansätze zu vertreten scheinen – und in denen dennoch seelsorgliche Manipulationen und Übergriffe nicht nur vereinzelt vorkommen, sondern strukturell begünstigt werden, also gleichsam „system-immanent“ sind.

Nehmen wir diese „Integrierte Gemeinde“ als aktuelles Beispiel. Was mag den einstigen Erzbischof von München und späteren Kardinal Ratzinger bzw. Papst Benedikt vor über vierzig Jahren zu dieser Bewegung hingezogen haben, so daß er ihr jahrzehntelang weiter verbunden blieb?

Hierfür gab es durchaus Anziehungspunkte, die seine Sympathie verständlich erscheinen lassen:

  1. Die Integrierte Gemeinde (IG) betonte – durchaus zu Recht – stark die heilsgeschichtliche Bedeutung des christlichen Glaubens, was der theologischen Ausrichtung Ratzingers entsprach. Es geht hierbei um das Wirken Gottes in der Geschichte, in Schöpfung und Erlösung, in dem Bund mit Israel, seinen rettenden Taten, der Menschwerdung Christi und seinem Heilswerk etc.
  2. Damit verbunden ist die Betonung der Kirche als des „Volkes Gottes“: So wie das erwählte Israel als Gottes Bundesvolk wirkte, so ist auch die Gemeinschaft der Kirche gläubig unterwegs als „Pilgerndes Gottesvolk“. (Gelehrte sprechen hier von der Volk-Gottes-Theologie – und die Integrierte Gemeinde errichtete sogar eine entsprechende Akademie für dieses Anliegen.)
  3. Angesichts dieser heilsgeschichtlichen Zusammenschau von Altem und Neuem Bund ergab sich von selber eine Hinneigung zum Judentum als der „Wurzel“, der Mutterreligion des Christentums. So pflegte man in der IG seit langem intensiv den theologischen Dialog mit jüdischen Vertretern – auch mit Persönlichkeiten aus Israel.

Kardinal Ratzinger hat vor seiner Wahl zum Papst ein einziges Marienbuch verfaßt, das den bezeichnenden Titel trägt: „Tochter Zion“ – er beschreibt darin die Madonna als edelste Frucht aus dem Stamme des jüdischen Volkes, von Gott-Vater erwählt als Mutter seines Sohnes.

Diese Gesichtspunkte sind nicht nur „nicht falsch“, sie sind ausgesprochen richtig und sie waren auch wichtig. Kein Wunder also, daß Papst Benedikt sich der IG zugehörig fühlte – und dies umso mehr, als diese Gemeinschaft angesehene Theologen in ihren Reihen aufweisen konnte (vor allem die Gebrüder Lohfink oder auch die Professoren Weimer und Pesch).

Was lernen wir daraus?

Vor allem dies: Daß eine rechte (rechtgläubige) Lehre noch lange nicht automatisch dazu führt, daß eine Bewegung auch vom richtigen Geist geprägt ist, sonst wäre ein systematischer geistl. Missbrauch gar nicht möglich gewesen. Es gab in der Kirchengeschichte durchaus Fälle, in denen die Rechtgläubigkeit stimmig schien, doch der Geist der Sondergruppe dennoch in die Irre führte, z.B. bei den schwärmerischen Montanisten im 2. Jahrhundert.

Dazu kommt, daß mancher Grundgedanke zwar einerseits gut sein kann, andererseits aber leicht ins Einseitige abgleitet, wenn nicht genau aufgepaßt wird.

So wurde z.B. in der IG gerne von der katholischen Gemeinde als einem „Kontrastprogramm“ zur Gesellschaft gesprochen. Das ist nicht falsch, denn als Gläubige sind wir zwar „in“ in der Welt, aber nicht „von“ der Welt. Wir sollen uns ihr nicht anpassen, geschweige unterwerfen, sondern das ganz „Eigene“ des christlichen Glaubens praktizieren.

Doch dieser an sich berechtigte Ansatz kann leicht ins Elitäre (ver)führen, in die Neigung, eine Art „besseres“ Christentum zu vertreten, somit zu einer gewissen Verachtung der „normalen“ Volkskirche verlocken. Elitäre Anmaßung und Verstiegenheit sind jedoch ein gefährlicher Nährboden für sektiererische Tendenzen, Manipulation und seelsorgliche Übergriffe.

Deshalb sollten Gläubige, wenn sie sich „geistlichen Gemeinschaften“ anschließen, nicht nur auf die „rechte LEHRE“ achten, sondern auch auf den richtigen GEIST. Wachsamkeit, Nüchternheit und Besonnenheit sind hierbei unerläßlichmit anderen Worten: Es geht um die biblisch geforderte „Unterscheidung der GEISTER“(nicht nur der LEHREN).

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Geistlicher Missbrauch durch öffentliche „Beichte“ nicht nur in „Integrierter Gemeinde“

Von Felizitas Küble

Die Katholisch Integrierte Gemeinde (IG), die vor allem in München jahrzehntelang gewirkt hat und großes Ansehen in kirchlichen Kreisen bis hinauf in den Vatikan genoß, ist jetzt ins Gerede gekommen.

Sogar Benedikt XVI. hat sich nunmehr öffentlich von der IG distanziert und seine frühere Unterstützung bedauert, die sich über dreißig Jahre erstreckte. (Vgl. hier: https://www.amazon.de/Wegbegleitung-Ratzinger-Benedikt-Katholische-Integrierte/dp/3932857402)

Die Vorwürfe gegen die intellektuell und theologisch durchaus anspruchsvolle Gemeinschaft beziehen sich auf überzogene Kontrolle der Mitglieder, Manipulation des Privatlebens, seelsorgliche Mißstände – kurzum: es geht um geistlichen Missbrauch.

Dr. Benjamin Leven hat sich ausführlich mit dieser Causa befaßt und auf CNA über seine Recherchen über die IG informiert, die von Frau Traudl Wallbrecher in München gegründet wurde: https://de.catholicnewsagency.com/story/die-katholische-integrierte-gemeinde-und-papst-benedikt-ein-interview-7170

Ein besonders schwerwiegender Kritikpunkt ist aus meiner Sicht jener, wonach in der IG „die ordentliche Beichte in der Gemeinde durch öffentliche Bußgespräche im Rahmen von Versammlungen ersetzt“ worden sein soll. Dies wäre tatsächlich – das sagt Dr. Leven zu Recht – ein „schwerwiegender Missbrauch des Sakraments“.

Allerdings sollte in der jetzigen Debatte um die IG nicht übersehen werden, daß es genau diese Problematik auch in anderen „neuen geistlichen Bewegungen“ gibt – und zwar schon lange, vor allem im „Neokatechumenat“ und etwas abgemildert in einigen charismatischen Gruppen wie z.B. der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“.

In unserem CHRISTLICHEN FORUM berichten wir seit langem über solche strukturellen Fehlentwicklungen, die den geistlichen Missbrauch geradezu begünstigen, so daß man sich über seelsorgliche Übergriffe und gruppendynamische Manipulationen nicht zu wundern braucht.

Siehe hierzu als Beispiel unsere folgenden drei Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/30/oeffentliche-beichten-eine-sumpfbluete-die-pastoralen-missbrauch-beguenstigt/

https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/29/religioeser-missbrauch-durch-die-laienbeichte/

https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/10/meine-erfahrungen-bei-der-gemeinschaft-der-seligspreisungen-in-warstein/

HIER v i e r z i g Beiträge über geistlichen Missbrauch (darunter sowohl Grundsatzartikel wie Erlebnisberichte von Aussteigern): https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/


Warum wir verstiegene Gebete meiden wollen

Von Felizitas Küble

In besonders „frommen“ Kreisen herrscht vielfach die Überzeugung, je „himmelsstürmender“ ein Gebet sei, umso besser. Leider stimmt dies nicht ohne weiteres.

Vermessenheit ist keine christliche Tugend, sondern eine Versuchung. Das gilt auch für verstiegene Anrufungen, bei denen Gott alles Mögliche und Unmögliche „versprochen“ wird, die zudem manchmal einen geradezu beschwörenden Ton annehmen.

Problematisch sind aber auch spirituelle Übergriffe, etwa wenn eine „geistliche Gemeinschaft“ anscheinend auch mit Hilfe eines „Weihegebets“ oder dergleichen versucht, ihre Mitglieder geistlich an sich zu binden. Dies gilt erst recht dann, wenn die Betreffenden diese Anrufung sogar täglich beten sollen – auf daß ihnen ihre vermeintliche „Verpflichtung“ ständig vor Augen steht und eingeschärft wird?

Nehmen wir als Beispiel die Gemeinschaft „Donum Domini“ (= Geschenk Gottes) in Bad Laer, die von Frau Monja Boll geleitet wird (siehe dort unter Rubrik „Gebetsleben“): http://donumdomini.de/

Hier werden die Mitglieder der Kommunität aufgefordert, täglich morgens ein gewisses „Aufopferungsgebet“ zu sprechen, das auf „Offenbarungen“ an Barbara Weigand zurückgeht – also auf die sog. „Seherin von Schippach“ (längst verstorben und zudem kirchlich nicht anerkannt). – Hier folgt der Wortlaut (die Linien zur Hervorhebung stammen von mir):

O Jesus, du Bräutigam meiner Seele, ich opfere dir beim Beginn dieses Tages alle Leiden und Widerwärtigkeiten auf, die mir bei Ausübung

meiner Standes- und Berufspflichten begegnen werden. In Vereinigung mit dir will ich heute wieder das Kreuz meines Berufes tragen, gleich wie du dein schweres Kreuz den Kalvarienberg hinauf getragen hast und ich verspreche dir, mit deiner Gnade auszuharren in diesem meinen Berufe bis zum letzten Atemzuge meines Lebens.

Lass nie mehr zu, dass ich etwas anderes begehre, als eine Braut des Gekreuzigten zu sein. Um diese Gnade bitte ich auch für alle verfolgten und hart bedrängten Christen, die um ihres Glaubens und Berufes willen so vieles Leiden müssen. Indem ich mich mit ihnen verbinde, bitte und beschwöre ich dich, uns als Liebesopfer hinzunehmen, dass wir uns selbst ganz vergessen, unsere Fehler zu bessern und abzulegen suchen und uns einsetzen für die sündige Menschheit, auf dass bald werde eine Herde und Hirte.

Hierzu ergeben sich aus unserer Sicht folgende Fragen:

  1. Warum wird ausgerechnet auf die Anrufungsformel einer Pseudo-Mystikerin zurückgegriffen? (Wobei Barbara Weigands Schriften bei den spirituellen Irrgängen der Anneliese Michel eine verhängnisvolle Rolle spielten, aber dies ist ein weites Feld…)
  2. Was soll das unnötige Versprechen gegenüber Jesus, bis zum letzten Atemzug auszuharren „in meinem Berufe“? Wo existiert ein 11. Gebot oder 6. Kirchengebot, man dürfe den Beruf nicht wechseln oder sonstwie beenden? Zudem gibt es auch noch die Möglichkeit eines Ruhestands…Wird damit möglicherweise versucht, Mitglieder mittels einer solchen „Selbstverpflichtung“ an die Gruppe und eine angeblich damit verbundene „Standes – und Berufspflicht“ zu binden?! – Falls ja (und diese Vermutung liegt nahe), wäre das zumindest seelsorglich übergriffig, ja unter Umständen geistlicher Missbrauch.
  3. Wir haben Christus bzw. Gott grundsätzlich nur zu bitten (!) und nicht zu „beschwören“, denn solches Vorgehen gehört methodisch in den Bereich von Magie und Heidentum. Dort beschwört man die Götter mit allerlei Formeln und Ritualen etc., nicht aber im Christentum! Das Vaterunser enthält auch nur Bitten und keine Beschwörungen. – Zudem ist es verstiegen, zu beten, man wolle „gleich wie Du“ (= Jesus) auf dem Kalvarienberg sein Kreuz trug, auch die eigenen Verpflichtungen ertragen usw.
  4. Der am Schluß erwähnte Einsatz für die „sündige Menschheit“ ist scheinbar rührend, allerdings kann der (un)geistliche Hochmut hier schneller als gedacht um die Ecke schielen, zumal leicht der Eindruck entsteht, als sei die „sündige“ Menschheit eine Angelegenheit, mit der man selber direkt nichts zu tun hat und der man nicht angehört, da man sich Gott ja so (ober)fromm als „Liebesopfer“ geweiht hat.

Im übrigen sieht man die beiden „Nonnen“ – Monja Boll und eine weitere Frau – auf ihrer Homepage im klösterlichen Habit (Ordenstracht). Dies ist jedoch nur erlaubt, wenn eine kirchliche Anerkennung für die eigene (Ordens-)Gemeinschaft vorliegt. Dies ist hier aber nicht der Fall. Somit ist der Habit höchst unangemessen, aber geeignet, bei den Gläubigen einen irreführenden Eindruck zu erwecken.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Seelsorge auf Abwegen: Pfr. Albert Franck und das charismatische „Binden und Lösen“

Von Felizitas Küble

Der Priester Albert Franck leitet in Luxemburg die „Charismatische Erneuerung“ (CE). Dieser halbamtliche Teil der katholischen Pfingstbewegten umgibt sich nach außen mit einem relativ gemäßigten Mäntelchen, ist aber in ihrer Substanz schwarmgeistig geprägt  –  einschließlich der in dieser Szene üblichen Phänomene (Fixierung auf Prophetie, Zeichen und Wunder, Rückwärtsfallen in Trance, „Heilung und Befreiung“ etc).

Pfarrer Franck betreibt seit längerem im  katholischen Privatrundfunk „Radio Horeb“ seine Seelsorgsstunden – meist an einem Samstagnachmittag.

Auf der Homepage seiner CE-Luxemburg wird der nächste Termin „Gebete um Heilung mit Pfarrer A. Franck“ für morgen angekündigt: Samstag, 25. Juli von 15 bis 16 Uhr: https://www.aubergededieu.lu/de/radio_horeb.html

Dabei scheint der Geistliche in diesen „Sprechstunden“ zwischen den Anrufen von gläubigen Ratsuchenden plötzlich höhere Einsprechungen bzw. besondere Ahnungen  zu erhalten oder bezieht sich auf kürzlich erlebte visionäre Eindrücke. Wenn Anrufer/innen von ihren Ängsten oder Depressionen erzählen, erklärt Pfr. Franck mitunter an Ort und Stelle, sie seien jetzt davon „gelöst“ und „freigesetzt“.

In diesem typisch charismatischen Sinne und Unsinne sind auch einige seiner schriftlichen Stellungnahmen abgehalten.

BILD: Buchtitel „Briefe an Dich“ von Pfr. Albert Franck

Der zweitletzte Absatz dieses Schreibens ist aufschlußreich: https://www.horeb.org/fileadmin/eigene_dateien/Neue_Seite/Downloads/Inhalte__Hab_keine_Angst_/Brief_von_Albert_Franck.pdf

Darin berichtet der Geistliche z.B. von einer Eingebung (oder Vision?), die er von oben erhalten haben will:
„Wo sind die Menschen“, sagt der Herr, ,,die stehenbleiben, erste Hilfe tun, eine Unterkunft besorgen, die Tür öffnen zu einem neuen Anfang?… Wo sind die Menschen, die an die vordere Schiffseite gehen, und Stürmen und Wellen Stille gebieten; die selbst dem Teufel und den Dämonen gebieten ,Verschwinde! Genug ist genug‘? Wo sind die Menschen, die den Kranken und Behinderten sagen ,Steh auf und geh‘?

Solche euphorischen Verstiegenheiten kennt man aus diesem Spektrum zur Genüge  – aber hier geht Pfr. Franck sogar soweit, reihenweise nach Christen zu rufen, die mit Exorzieren und Heilungswundern loslegen.

Dabei wendet er sich allgemein an Gläubige – und nicht etwa speziell an Priester (aber auch diese könnten Kranken nicht einfach sagen: Steh auf! – und ohne bischöfliche Erlaubnis dürfen sie zudem keinen einzigen Exorzismus vornehmen).

Hier werden also vermessentliche und irrgeistige Erwartungen im Kirchenvolk geweckt, was zu fatalen Enttäuschungen führen kann.

Gerade das unbiblische und unkirchliche „Binden und Lösen“ oder auch „Freisetzen“, das in der protestantischen Pfingstbewegung seit langem stark verbreitet ist, aber von katholischen Charismatikern zunehmend „kopiert“ wird, ist seelsorglich und theologisch höchst bedenklich.

Seit Jahrzehnten melden sich bei mir immer mehr Geschädigte (heute auch wieder zwei Betroffene!), die durch derartige Praktiken geistlich und seelisch (manchmal auch psychosomatisch und physisch) beeinträchtigt und in Verwirrung gestürzt worden sind.

Dies ist nichts anderes als geistlicher Missbrauch und seelsorgliche Manipulation!

Bisweilen ging es den Betreffenden zwar nach solchen Pseudo-Exorzismen („Befreiungsgebeten“) kurzfristig scheinbar besser, doch danach folgt der Fall ins Bodenlose, in Depressionen, Angstzustände und tiefgreifende Verunsicherungen. 

Wenn sich Aussteiger bei charismatischen Leitern darüber beschweren, bekommen sie nicht selten zu hören, das läge an ihrem mangelndem „Glauben“, sie sollten nicht soviel „grübeln“  – oder es wird ihnen gleich ein weiteres Befreiungsgebet aufgedrängt und ihrer Angst „befohlen“, zu  „weichen“ usw.

Zurück zu Pfarrer Franck und seinen charismatischen Anwandlungen, erkennbar z.B. auch in diesem Rundbrief: http://begeistert.info/erneuerung/wp-content/uploads/2017/05/K-ANDACHT-A-brief-April-2019.pdf

Darin heißt es (Hervorhebungen von mir):

„So haben wir auch Deiner gedacht im März bei der Wallfahrt nach Medjugorje…. Gott lässt Deine Situation nicht, wie sie ist, er verwandelt Deine Umstände, Dein Leben, Deine Familie, Deine Arbeit, Deine Gesundheit. Er ist stärker als die Finsternis, stärker als Krankheit und Behinderung, als Teufel und Dämonen, als Stein, Grab und Tod. Bei Gott ist nichts unmöglich!“

Auch das paßt  – neben der Anfälligkeit für Medjugorje-„Erscheinungen“  –  in die bekannte schwarmgeistige Mentalität: Nach „Krankheit/Behinderung“ werden gleich „Teufel und Dämonen“ erwähnt – und somit ein äußerst problematischer Zusammenhang hergestellt.

Sodann schreibt Pfr. Franck weiter an seine Leser:
„Wir erwarten einen Strom von Freude und Liebe, von Barmherzigkeit und Bekehrung, von Heilung und Befreiung in der Gegenwart unseres Heilandes… Es werden Tage der Rettung, der Erlösung, Tage der Heilung und Befreiung, Tage des neuen Anfangs in Glauben, Gebet und Eucharistie sein.“

Hier werden erneut sehr hohe Erwartungen geweckt – und was geschieht, wenn diese enttäuscht werden? Wer kümmert sich dann um die Desillusionierten?

Danach folgt erneut eine enthusiastische Ansage von angeblichen Verheißungen Gottes, auf die man sich proklamatorisch berufen solle: 

„Glaube wie Abraham: „Was Gott versprochen hat, das kann er tun“.
Glaube wie Maria: „Was Gott versprochen hat, das kann er tun“.
Glaube wie Petrus und Paulus: „Was Gott versprochen hat, das kann er tun“.“

Was hat Gott denn diesen heiligen Persönlichkeiten konkret „versprochen“?! Das teilt uns Pfarrer Franck keineswegs mit.

Zum Schluß wird dieses Gebet empfohlen:
„….Komm und führe mich, heile und befreie mich, reinige mich durch dein heiliges Blut von jeder Sünde und Schuld; heile mich durch deine Kraft von jeder Krankheit und Behinderung.

Geschädigte Menschen, deren Hoffnungen nach derartigen Zusagen enttäuscht wurden, melden sich seit Jahrzehnten bei mir; mit einigen von ihnen stehe ich seit vielen Jahren im Kontakt. Oft dauert es sehr lange, bis die Betroffenen die (un)geistlichen Folgen solch verstiegener Praktiken überwinden können, wenn es ihnen denn überhaupt gelingt.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM ehrenamtlich betreibt


Medjugorje: Charismatisches „Totus Tuus“ erwartet eine „neue Gnadendekade“

Von Felizitas Küble

Seit dem 24. Juni 1981 soll es in Medjugorje (Bosnien-Herzegowina) zu regelmäßigen Marienerscheinungen gekommen sein, die bei einigen Visionären bis heute anhalten. Sechs Kinder und Jugendliche – damals zwischen 10 und 17 Jahre alt – sprachen damals von täglichen Besuchen der „Gospa“ (Madonna, Gottesmutter).

Der zuständige Bischof Zanic äußerte sich zunächst positiv über die Phänomene, wurde aber immer kritischer, nachdem er Lebenswandel und Lügen der Seherschar genauer unter die Lupe nahm und eine Untersuchungskommission einrichtete. Auch sein Nachfolger Peric hat sich bis heute eindeutig ablehnend gegenüber den „Offenbarungen“ von Medjugorje positioniert.

Die Erscheinungs-Maria stellt sich ihren Seher/innen als „Königin des Friedens“ vor, wobei sich ihre Kundgaben endlos im Kreise drehen und fast immer aus Banalitäten bestehen. 

Neuestes Beispiel hierfür ist die Medju-Botschaft vom 25. Februar dieses Jahres:

Liebe Kinder! In dieser Zeit der Gnade möchte ich eure Gesichter im Gebet verwandelt sehen. Ihr seid so überschwemmt von irdischen Sorgen und ihr spürt nicht, dass der Frühling vor der Tür steht. Meine lieben Kinder, ihr seid zur Buße und zum Gebet aufgerufen. So wie die Natur in der Stille um neues Leben kämpft, seid auch ihr aufgerufen, euch im Gebet Gott zu öffnen, in dem ihr den Frieden und die Wärme der Frühlingssonne in euren Herzen finden werdet. Danke, dass ihr meinem Ruf gefolgt seid.

Statt dass diese „Gospa“ das Corona-Virus vorausgesagt und damit Menschenleben gerettet hätte, statt dass sie wenigstens im Frühstadium der Epidemie wirksame Maßnahmen empfohlen hätte, bleibt dieses Erscheinungsphantom bei ihrem Frühlingssonnen-Geplapper, wofür es bestimmt keiner himmlischen Offenbarungen bedarf.

Diese Schwarmgeistereien werden noch getoppt durch den neuesten Einfall von „Totus Tuus“.

Diese aus der Medjugorje-Verehrung entstandene Jugendgruppierung versteht sich ausdrücklich als charismatisch und praktiziert bei euphorischen Veranstaltungen fleißig den „Hammersegen“, also das tranceartige „Ruhen im Geist“ bzw. Rückwärtskippen, das ursprünglich aus der protestantischen Pfingstler-Szene stammt. (Deren Selbstdarstellung siehe hier: http://www.totus-tuus.de/site/totus-tuus/spiritualitat/charismatisch/)

In ihrem Monatsrundbrief vom Februar 2020 ruft die in Rheinbreitbach ansässige Organisation nichts weniger als eine „neue Gnadendekade“ aus.

Da die Gospa schon fast vierzig Jahre in Medjugorje erscheine, heißt es in dem Schreiben, erhoffe man sich vom „gerade begonnenen Jahrzehnte“ eine „weitere Gnadendekade“, also quasi fortgesetzten „Gnadenfluß“ von oben durch die Erscheinungen usw.

In der Stellungnahme heißt es weiter: „Den Wert ihrer Botschaften werden wir vermutlich erst im Nachhinein so richtig begreifen“.

Mir scheint, daß bei soviel überflüssigem Blabla nach keine Nachbetrachtungen zu substantiellen Erkenntnissen führen.

Danach wird zu weiteren Medju-Wallfahrten eingeladen, natürlich auch zum unvermeidlichen charismatischen „Lobpreis“, auf daß man „der Muttergottes erneut die Möglichkeit“ gebe, „uns an der Hand zu nehmen“.

Anscheinend brauchen diese jungen Gläubigen hierfür eigens Wunder, Zeichen und Erscheinungen!

Daß es bei soviel Schwärmertum auch zu geistlichem Missbrauch in den eigenen Reihen kommt, erstaunt Kenner dieses Spektrums überhaupt nicht. Auch ich kenne seit Jahren Betroffene und Aussteiger. Im Bistum Münster läuft wegen spiritueller Übergriffe in Totus-tuus-Reihen seit Jahren eine kirchliche Untersuchung bzw. Visitation.

Wir haben hierüber bereits im Frühjahr 2019 berichtet: https://charismatismus.wordpress.com/2019/05/29/spiritueller-missbrauch-in-der-charismatischen-jugend-gemeinschaft-totus-tuus/

 


Der ARCHE-Skandal um die Missbrauchstäter Jean Vanier und P. Thomas Philippe

Von Felizitas Küble

Er gilt als „Pionier der Inklusion“, als Vorreiter eines gemeinsamen Lebens von Behinderten und Gesunden „auf gleicher Augenhöhe“: Jean Vanier.

Die vielfach bewunderte „Lichtgestalt“ war Gründer der weltweit ausgebreiteten ARCHE-Kommunitäten, der im Vorjahr verstarb – und der jetzt wegen sexueller Übergriffe allseits kritisiert wird, auch von der eigenen Bewegung: https://www.arche-deutschland.de/uebergreifende-inhalte-und-funktionen/newsletter/news-detail/wir-sind-tief-erschuettert/

Die ARCHE gehört zu jenen „geistlichen Gemeinschaften“, wie sie in den 70er Jahren vor allem in Frankreich in zahlreichen Varianten aus dem Boden schossen, teils motiviert durch eher mystisch-spirituelle, teils durch charismatische Anführer und Ereignisse (bisweilen wirkten auch beide – ohnehin geistesverwandten – Faktoren gemeinsam).

Zugleich gründete Vanier in Frankreich gemeinsam mit der Gleichgesinnten Marie-Hélène Mathieu die internationale ökumenische Bewegung „Glaube und Licht“.

Es fällt auf, daß gerade diese „neueren Gemeinschaften“ stark vom Problem des geistlichen und des sexuellen Missbrauchs betroffen sind.

Erinnert sei an die gerichtfeste Verurteilung von Gründern/Leitern der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“. Ähnlich erging es der etwas intellektueller geprägten „Gemeinschaft vom Hl. Johannes“, die von dem Dominikanerpater und Missbrauchstäter Marie-Dominique Philippe geführt wurde. (Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/03/07/die-st-johannes-gemeinschaft-ist-mit-sexaffaeren-ihres-gruendervaters-belastet/)

Sowohl dieser Geistliche wie auch sein leiblicher Bruder, P. Thomas Philippe (ebenfalls Ordenspriester), haben sich sexueller Nötigungen an erwachsenen Frauen schuldig gemacht.

Jener Pater Thomas Philippe war zugleich geistlicher Begleiter der ARCHE und Mentor bzw. jahrzehntelanger Seelenführer des Arche-Gründers Jean Vanier, wobei Vanier selbst kein Priester, sondern „Laie“ war, allerdings Dozent und Doktor der Theologie.

Vanier „deckte“ die Taten bzw. Untaten seines Mentors Philippe und beging auch selbst Übergriffigkeiten an Frauen bzw. Nonnen seiner geistlichen Gemeinschaft.

Wir wollen uns aber nicht in biograpische oder sonstige Details verzetteln, die man auch woanders nachlesen kann. Es geht hier eher um ein paar grundsätzliche Überlegungen:

Seit über dreißig Jahren schreibe ich kritisch über schwärmerische und pseudomystische Vorstellungen und Geschehnisse im religiösen „Lager“, auch und gerade im katholischen.

Infolgedessen melden sich bei mir seit langem immer mehr Geschädigte von spirituellen Missbrauch bzw. seelsorglichen Übergriffen (so z.B. allein gestern zwei Aussteiger aus dem Fankreis der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“).

Angesichts jahrzehntelanger Kontakte mit Betroffenen beider christlicher Konfessionen  – meist Frauen mittleren Alters –  entsteht ein immer klareres Bild von jenen „religiösen“ Gesichtspunkten, die den geistlichen Missbrauch begünstigen und die jedwede Kontrolle und Aufklärung erschweren.

Zu den Negativ-Faktoren gehört häufig eine „inspirierende“ Gründergestalt, die von den Anhängern wie ein Heiliger (oder eine Heilige) verehrt wird, vielfach verbunden mit Visionen, „übernatürlichen“ Einsprechungen, besonderen „Geistesgaben“ usw.

Damit verfügt diese „Lichtgestalt“ –  so scheint es  –  über einen direkten Draht nach oben, wird als „gottgesandt“ und „geist-erleuchtet“ gewürdigt und schon zu Lebzeiten angehimmelt.

Je stärker der Gründer/Leiter charismatisch „begnadet“ ist, um unantastbarer festigt sich sein Ruf. Gerne wird in diesen Kreisen ein Wort aus dem Alten Testament vereinnahmt und missbraucht, das da lautet: „Tastet mir meine Gesalbten nicht an und tut meinen Propheten kein Leid an!“ (1 Chro 16,22).

Vor allem in schwärmerischen Gruppen eignet sich diese Bibelstelle bestens, um jede Kritik an den selbsternannten „Propheten“ im Keime zu ersticken.

Ich weiß von mehreren Betroffenen – vor allem aus der protestantischen Pfingstler-Szene  – wie sie in ihrer Gruppe mit diesem Wort als Übeltäter angeprangert wurden, sobald sie eine kritische Haltung einnehmen wollten.

In katholischen Kreisen werden Skeptiker in den eigenen Reihen hingegen gerne mit dem Vorwurf einer „Sünde gegen den Heiligen Geist“ eingeschüchtert, die sie angeblich auf sich laden, wenn sie „begnadete“ Personen und himmlisch „erwählte“ Seher/innen nicht als glaubwürdig betrachten.

Wichtig ist daher, daß sich Christen grundsätzlich von der irrigen Vorstellung lösen, unser Glaube beruhe auf außergewöhnlichen Phänomenen, Visionen, Erscheinungen, „Sühneseelen“ und vermeintlichen „Botschaften“ von oben.

Vielmehr gründet der katholische Glaube auf der Heiligen Schrift und der apostolischen Überlieferung, die nicht von „Seher/innen“ und Sonder-Begnadeten ausgelegt wird, sondern seit jeher vom Lehramt der Kirche.

Wer dies grundsätzlich erkennt, anerkennt und ernst nimmt, ist weitaus besser gewappnet gegenüber (un)geistlichen  – und auch sexuellen  –  Übergriffen. Zwischen dem spirituellen und dem sexuellen Missbrauch gibt es ohnehin fließende Übergänge.

Dies wird beispielhaft bei diesem Erlebnisbericht von Cordula Mohr deutlich, die nach erschütternden Erfahrungen aus der katholisch-charismatischen Szene ausgestiegen ist: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/31/missbrauch-der-beichte-was-ich-einst-im-zimmer-eines-indischen-paters-erlebte/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Geistliche Irreführung durch „Die letzte Reformation“ des Torben Søndergaard

Von Felizitas Küble

Bevor die Pfingstbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA begann und sich wenig später von Nordeuropa aus auch in Deutschland ausbreitete, existierte die Heiligungsbewegung als Vorläufer der Charismatik. 

Diese protestantisch-pietistische Strömung stellte die „Heiligung“ in den Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit.

Damit korrigierte sie indirekt die lutherische Rechtfertigungslehre, wonach der Glaube „allein“ selig mache. Die sittlich ernsten Vertreter der Heiligungsbewegung hingegen betonten, daß auch der Gehorsam und die Nachfolge Christi für unser Heil unentbehrlich seien, vor allem die Einhaltung der göttlichen Gebote und die „Früchte des Geistes“.

Diese durchaus berechtigte Einsicht, die der katholischen Lehre sehr nahesteht, ist nach einiger Zeit allerdings über ihr Ziel hinausgeschossen:

Wichtige Wortführer der Heiligungsbewegung, die sich vor allem in den USA und Großbritannien ausbreitete, verkündeten die Lehre vom „reinen Herzen“, womit ein komplett sündenfreier Zustand des Menschen gemeint war, den er erreichen könne, wenn er die „Geisttaufe“ erfahre.

Damit wurde das Aufkommen der Pfingstbewegung theologisch vorbereitet und spirituell begünstigt. Dort steht zwar die Heiligung weniger im Vordergrund, allerdings die „Geistesgaben“ – vor allem die außergewöhnlichen – umso mehr.

Im Laufe der Zeit gab es innerhalb der Charismatik immer wieder Strömungen, die beide Richtung verknüpfen wollen, also verstärkt das Anliegen der Heiligungsbewegung aufgegriffen haben.

Dazu gehört auch die neupfingstlerische Gruppierung „Die letzte Reformation“, die schon durch den Titel ihre eigene Anmaßung und Verstiegenheit aufzeigt. (Siehe hier deren eigene Webseite: http://dieletztereformation.de/)

Der dänische Gründer Torben Søndergaard bietet neben zahlreichen Youtube-Videos auch Seminare und Kickstart-Wochenenden  in Kanada, den USA, europäischen Ländern und seit einiger Zeit auch in Deutschland an.

Wie so häufig wurde ich auch in diesem Falle durch eine kritische Christin auf diese Bewegung aufmerksam gemacht. Betroffene berichten von geistlichen Übergriffen und psychischen Manipulationen auf Kursen der Gruppierung. Belege dazu werden hier aufgezeigt: https://rationalwiki.org/wiki/Torben_S%C3%B8ndergaard

Wie so oft in enthusiastischen Kreisen, hat auch hier der Gründer ein „Erweckungserlebnis“ gehabt, begleitet von Zeichen, Wundern und prophetischen Eingebungen.

Das berechtigt diese „Geisterfüllten“ dann allzu leicht, gleichsam im „Namen Gottes“ – genauer: seines Heiligen Geistes – „vollmächtig“ zu sprechen und zu handeln. 

Daß dieser Schwärmer seine Geisterfahrung nach längerer Fastenzeit erlebt hat, ist auch nicht selten. Fasten ist grundsätzlich gewiß gut, sollte aber nicht in der Absicht vollzogen werden, Gott dadurch quasi zu einer Art Belohnung im Sinne besonderer religiöser Erfahrungen zu drängen.

Der Geist Gottes ist souverän und unverfügbar; er läßt sich nicht für unsere Interessen und Wünsche vereinnahmen, selbst wenn diese sich „geistlich“ tarnen.

Natürlich hat er auch sein Buch „Die letzte Reformation“ im direkten Auftrag Gottes geschrieben, wobei der Höchste es ihm sozusagen diktiert haben soll.

Ihm zufolge läßt sich die urchristliche Zeit der Apostelgeschichte mit ihren „Zeichen und Wundern“ wieder neu beleben; es handelt sich um die alte pfingstlerische Idee vom „neuen Pfingsten“  – in diesen Kreisen auch als „zweiter Segen“ bezeichnet (der erste Segen wäre demnach die Taufe oder der Glaubensbeginn).

Für Søndergaard ist die Voraussetzung für massenhafte Bekehrungen, Erweckungen und Erfolge ein sittlich strenges „Heiligungsleben“ der Christen. Daher betont er die Heiligkeit Gottes, den Abscheu vor der Sünde und er spart nicht mit „himmlischen“ Gerichtsdrohungen.

Wie die Zeugen Jehovas lehnt er Bluttransfusionen ab – und ganz entschieden auch die Kindertaufe, so daß Teilnehmer seiner Seminare zur Wiedertaufe gedrängt werden.

Somit verbindet dieser dänische Pfingstler einige Anliegen der früheren Heiligungsbewegung und eigene „Ticks“ mit denen der heutigen Charismatik.

HIER eine kritische Betrachtung von amtlicher evangelischer Seite: https://www.ezw-berlin.de/html/15_8796.php

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt