Der Drache bekämpft das göttliche Kind und die sternenbekränzte, sonnenumglänzte Frau

Heutige liturgische Festlesung der kath. Kirche: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab:

Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Bundeslade sichtbar.

Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt; sie war schwanger und schrie in Wehen und Schmerzen der Geburt.

Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war.

Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte.

Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten.

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

 


Michael Hesemanns Buch über Fatima

1. Teil der Rezension von Felizitas Küble

Das 330 Seiten starke Sachbuch von Michael Hesemann mit dem Titel „Das Fatima-Geheimnis“ und einem Vorwort von Kardinal Joachim Meisner erschien merkwürdigerweise im esoterischen Kopp-Verlag.

Vielleicht bestehen inhaltliche Überschneidungen zwischen Verlag und Autor wegen der früheren UFO-Schriften Hesemanns (wobei er sich noch im Jahre 2008 öffentlich zu UFO-Überzeugungen bekannte).

Offenbar wurde sein etwas reißerisch aufgemachtes Fatima-Buch nicht schlecht verkauft, denn im Dezember 2009 erreichte es bereits die vierte Auflage.

Der Untertitel deutet an, daß darin außer Fatima auch weitere Privatoffenbarungen thematisiert werden: „Marienerscheinungen, der Papst und die Zukunft der Menschheit.“

Auf S. 89 erklärt der Historiker, sein Buch solle „untersuchen, was damals in Fatima tatsächlich geschah, „sine ira et studio“ (ohne Zorn und Eifer) und ohne Wertung.“

Zweifellos ein hoher Anspruch, dem der Autor nur zum Teil gerecht wurde. Mag das Buch auch ohne Zorn geschrieben sein, so doch nicht ohne Eifer – und schon gar nicht „ohne Wertung“.

Allerdings muß man dem Verfasser zugutehalten, daß er sein Thema stellenweise immerhin differenzierter beleuchtet, als dies sonst in der Fatima-Publizistik üblich ist.

Der „Eifer“ Hesemann nimmt mitunter pathetische Formen an, die das Ereignis Fatima überstark dramatisieren, etwa wenn er davon ausgeht, daß die dortigen Erscheinungen „letztendlich Weltgeschichte machen sollten“ (S. 26) oder wenn er vom Erscheinungsjahr 1917 schreibt, es sei für die drei Seherkinder das Schicksalsjahr geworden „und durch sie das Schicksalsjahr der Menschheit“ (S. 31). Warum nun gleich der „Menschheit“?

Ähnlich heißt es auf S. 13: „Durch Fatima war das große Wunder des 20. Jahrhunderts, die friedliche Öffnung des Eisernen Vorhangs, das Ende des Kalten Krieges, der Fall des atheistischen Kommunimus, erst möglich.“ (S. 13)  Auch wenn, wie der Autor meint, Papst Johannes Paul II. hiervon überzeugt war, so hätte man für diese recht steile These, daß Fatima den Untergang des Kommunismus „erst möglich“ gemacht habe, doch gerne eine einleuchtende Begründung gelesen.

Ebenfalls auf S. 13 schreibt Hesemann zu Fatima: „Keiner himmlischen Manifestation der Neuzeit fühlten sich die Päpste seit Pius XII. so eng verbunden“.  – Diese Behauptung trifft ersichtlich allein auf Johannes Paul II. zu, keineswegs aber allgemein auf „die Päpste seit Pius XII.“.

Es scheint, als ob der Verfasser die Bedeutung des von ihm gewählten Buch-Themas mit solch überzogenen Äußerungen bekräftigen wolle.

Wesentlicher Unterschied zur göttlichen Offenbarung

Auffallend ist, daß er den Ausdruck „Privatoffenbarung“ vermeidet und lieber von „Offenbarung“ oder „Marienoffenbarung“ schreibt. Sein einführender Grundsatzartikel trägt sogar den pauschalen Titel „Die Offenbarung“ (S. 10).P1020947

Die kath. Kirche ordnet aber auch die von ihr anerkannten Erscheinungen als „Privatoffenbarung“ ein, um sie dadurch klar von der göttlichen Offenbarung (auch „öffentliche“ Offenbarung genannt) abzugrenzen. 

Diese „Offenbarung Gottes“ ist uns durch die Hl. Schrift und die apostolische Überlieferung bezeugt; sie gehört daher zum verbindlichen Glaubensgut der Kirche, nicht jedoch Privatoffenbarungen, zumal sich diese von der „öffentlichen Offenbarung“ nicht nur graduell, sondern wesentlich unterscheiden.

(Näheres dazu siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2013/10/29/was-bedeutet-die-kirchliche-approbation-einer-privatoffenbarung-genau/)

In puncto Bibelexegese bietet Hesemann mitunter eine eher oberflächliche Schmalspur-Theologie, garniert mit phantasievollen Legenden aus apokryphen „Evangelien“ (z.B. S. 14 und 15), die bekanntlich nicht zum biblischen Kanon zählen.

So verengt er die bekannten Abschnitte aus der Johannes-Apokalypse (Offb. 12,1 ff) über das „große Zeichen am Himmel“ und über die „Frau, mit der Sonne bekleidet…“ auf seine verkürzte Marien-Deutung: „Johannes wußte, dass diese Frau Maria war.“

Die SONNENFRAU ist vor allem die KIRCHE

Selbst unter betont marianischen Theologen   –  erinnert sei zB. an die mariologischen Schriften des Kardinals und Professors Dr. Leo Scheffczyk   –   ist es unbestritten, daß die primäre, die wesentliche Bedeutung des „großen Zeichens“ sich auf die Kirche bezieht  –  genauer: auf das Gottesvolk des Alten und des Neuen Bundes. bildma1

Die selige Jungfrau ist als Mutter des HERRN und als personifizierte Brücke vom Alten zum Neuen Bund natürlich das edelste Glied des Gottesvolkes, die höchstrangige Tochter der Kirche. Insofern bezieht sich die sekundäre, nachrangige Deutung dieser Bibelstelle tatsächlich auf die Gottesmutter.

Der hl. Kirchenvater und bedeutende Bibelexeget Hippolyt von Rom schrieb am Ende des 2. Jahrhunderts in seiner Schrift „De Antichriste“ (Kapitel 61):

„Mit der Frau, die von der Sonne bekleidet ist, meint Johannes  ohne Zweifel die Kirche. Denn sie ist angetan mit dem Logos (Christus), dem vom Vater gezeugten, der heller leuchtet als die Sonne.“

Auch der „Hirte des Hermas“ (verfaßt von Hermas von Rom um 145 n. Chr.), eine der wichtigsten frühchristlichen Schriften, bezieht das „große Zeichen“ auf die Kirche  – und die „12 Sterne“ deutet er auf die 12 Apostel (wie bei den Kirchenlehrern üblich).

Der bekannte mittelalterliche Mönch Rupert von Deutz erläutert ebenfalls: „Die sonnenumkleidete Frau ist das Symbol der Kirche, deren bester Teil die selige Jungfrau Maria ist, durch die glückselige Frucht ihres eigenen Leibes.“

Daß Hesemann diese primäre Kirchen-Auslegung betr. der „Sonnenfrau“ völlig unerwähnt läßt und stattdessen munter mit apokryphen Legenden fortfährt, erlaubt einige Zweifel an seinem mariologischen Kenntnisstand.

Dort, wo es darauf ankäme, Mariens biblisch bezeugte Vorrangstellung angemessen zu betonen, läßt es der Autor hingegen an Sorgfalt fehlen:

So benennt er auf S. 16 den Gruß des Engels wie folgt: „Sei gegrüßt, Begnadete, der Herr ist mir Dir.“  –  Doch was heißt schon „Begnadete“? –  Begnadet sind alle Christen, alle Getauften! 

Ave Maria: „Sei gegrüßt, du Gnadenvolle!“3068

Mag dieser flache Ausdruck so auch in der ökumenischen Einheitsübersetzung zu lesen sein, so haben orthodoxe und sogar evangelische Bibelausgaben an dieser Stelle das Wort „Hochbegnadete“ verwendet.

In bewährten katholischen Übersetzungen (z.B. in jener von P. Konstantin Rösch oder der Keppler-Bibel) wird zu Recht meist das Wort „Gnadenvolle“ verwendet, zuweilen auch „Gnadenreiche“.

Papst Benedikt zitiert Lk 1,28 (griechischer Urtext: Chaîre kecharitomene) ebenfalls mit „Freue dich, du Gnadenvolle“, z.B. bei seiner Generalaudienz am 19.12.2012 und in seinen Büchern.

Wenn sich Hesemann mit weiteren Erscheinungen befaßt, die er teils im Schnelltempo durchläuft, führt dies manchmal zu mißverständlichen Darstellungen.

So schreibt er betreff La Salette von der „großen apokalyptischen Botschaft“ (S. 18), welche die beiden Hirtenkinder Melanie und Maximin  empfangen haben wollten. Dies klingt deshalb irreführend, weil jene „apokalyptische“ Botschaft (das sog. „Große Geheimnis“), mit dem Melanie erst Jahrzehnte später herausrückte, kirchlich abgelehnt wurde  –  lediglich die bereits 1846 verkündeten Worte Mariens fanden die Zustimmung des zuständigen Bischofs.

Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster

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