Warum wir verstiegene Gebete meiden wollen

Von Felizitas Küble

In besonders „frommen“ Kreisen herrscht vielfach die Überzeugung, je „himmelsstürmender“ ein Gebet sei, umso besser. Leider stimmt dies nicht ohne weiteres.

Vermessenheit ist keine christliche Tugend, sondern eine Versuchung. Das gilt auch für verstiegene Anrufungen, bei denen Gott alles Mögliche und Unmögliche „versprochen“ wird, die zudem manchmal einen geradezu beschwörenden Ton annehmen.

Problematisch sind aber auch spirituelle Übergriffe, etwa wenn eine „geistliche Gemeinschaft“ anscheinend auch mit Hilfe eines „Weihegebets“ oder dergleichen versucht, ihre Mitglieder geistlich an sich zu binden. Dies gilt erst recht dann, wenn die Betreffenden diese Anrufung sogar täglich beten sollen – auf daß ihnen ihre vermeintliche „Verpflichtung“ ständig vor Augen steht und eingeschärft wird?

Nehmen wir als Beispiel die Gemeinschaft „Donum Domini“ (= Geschenk Gottes) in Bad Laer, die von Frau Monja Boll geleitet wird (siehe dort unter Rubrik „Gebetsleben“): http://donumdomini.de/

Hier werden die Mitglieder der Kommunität aufgefordert, täglich morgens ein gewisses „Aufopferungsgebet“ zu sprechen, das auf „Offenbarungen“ an Barbara Weigand zurückgeht – also auf die sog. „Seherin von Schippach“ (längst verstorben und zudem kirchlich nicht anerkannt). – Hier folgt der Wortlaut (die Linien zur Hervorhebung stammen von mir):

O Jesus, du Bräutigam meiner Seele, ich opfere dir beim Beginn dieses Tages alle Leiden und Widerwärtigkeiten auf, die mir bei Ausübung

meiner Standes- und Berufspflichten begegnen werden. In Vereinigung mit dir will ich heute wieder das Kreuz meines Berufes tragen, gleich wie du dein schweres Kreuz den Kalvarienberg hinauf getragen hast und ich verspreche dir, mit deiner Gnade auszuharren in diesem meinen Berufe bis zum letzten Atemzuge meines Lebens.

Lass nie mehr zu, dass ich etwas anderes begehre, als eine Braut des Gekreuzigten zu sein. Um diese Gnade bitte ich auch für alle verfolgten und hart bedrängten Christen, die um ihres Glaubens und Berufes willen so vieles Leiden müssen. Indem ich mich mit ihnen verbinde, bitte und beschwöre ich dich, uns als Liebesopfer hinzunehmen, dass wir uns selbst ganz vergessen, unsere Fehler zu bessern und abzulegen suchen und uns einsetzen für die sündige Menschheit, auf dass bald werde eine Herde und Hirte.

Hierzu ergeben sich aus unserer Sicht folgende Fragen:

  1. Warum wird ausgerechnet auf die Anrufungsformel einer Pseudo-Mystikerin zurückgegriffen? (Wobei Barbara Weigands Schriften bei den spirituellen Irrgängen der Anneliese Michel eine verhängnisvolle Rolle spielten, aber dies ist ein weites Feld…)
  2. Was soll das unnötige Versprechen gegenüber Jesus, bis zum letzten Atemzug auszuharren „in meinem Berufe“? Wo existiert ein 11. Gebot oder 6. Kirchengebot, man dürfe den Beruf nicht wechseln oder sonstwie beenden? Zudem gibt es auch noch die Möglichkeit eines Ruhestands…Wird damit möglicherweise versucht, Mitglieder mittels einer solchen „Selbstverpflichtung“ an die Gruppe und eine angeblich damit verbundene „Standes – und Berufspflicht“ zu binden?! – Falls ja (und diese Vermutung liegt nahe), wäre das zumindest seelsorglich übergriffig, ja unter Umständen geistlicher Missbrauch.
  3. Wir haben Christus bzw. Gott grundsätzlich nur zu bitten (!) und nicht zu „beschwören“, denn solches Vorgehen gehört methodisch in den Bereich von Magie und Heidentum. Dort beschwört man die Götter mit allerlei Formeln und Ritualen etc., nicht aber im Christentum! Das Vaterunser enthält auch nur Bitten und keine Beschwörungen. – Zudem ist es verstiegen, zu beten, man wolle „gleich wie Du“ (= Jesus) auf dem Kalvarienberg sein Kreuz trug, auch die eigenen Verpflichtungen ertragen usw.
  4. Der am Schluß erwähnte Einsatz für die „sündige Menschheit“ ist scheinbar rührend, allerdings kann der (un)geistliche Hochmut hier schneller als gedacht um die Ecke schielen, zumal leicht der Eindruck entsteht, als sei die „sündige“ Menschheit eine Angelegenheit, mit der man selber direkt nichts zu tun hat und der man nicht angehört, da man sich Gott ja so (ober)fromm als „Liebesopfer“ geweiht hat.

Im übrigen sieht man die beiden „Nonnen“ – Monja Boll und eine weitere Frau – auf ihrer Homepage im klösterlichen Habit (Ordenstracht). Dies ist jedoch nur erlaubt, wenn eine kirchliche Anerkennung für die eigene (Ordens-)Gemeinschaft vorliegt. Dies ist hier aber nicht der Fall. Somit ist der Habit höchst unangemessen, aber geeignet, bei den Gläubigen einen irreführenden Eindruck zu erwecken.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Der Hang zum Massenmenschen zeigt sich auch in der Mode immer wieder

Von Christa Meves

Der Begriff Herde wird in der Zoologie in Bezug auf Gruppierungen von Säugetieren, Fischen und Vögeln vielfältig verwendet, um die Struktur dieser Zusammenschlüsse zwecks vermehrtem Existenzerhalt zu beschreiben.

Seit dem Erscheinen des  Standardwerkes von Gustave Le Bon „Die Psychologie der Massen“ wird der Begriff der Herde, des Rudels sowohl in der Soziologie als auch in der Psychologie als eine Triebfeder verstanden, die in Resten auch noch auf die Spezies Mensch zutrifft.

Der Ausdruck wird verwendet, um die Lenkbarkeit von Massen zu verdeutlichen. Das ist erkannt und allgemein anerkannt und soll in diesem kleinen Impuls nicht ausführlich wiederholt werden, sondern lediglich zwecks Bewusstseinserhellung auf dieser Grundlage aufgebaut werden.

Ich möchte stattdessen hier nur ein kleines Beispiel dafür bringen, dass die Realität einer Massenbeeinflussung dieser Art in vielen Einzelbereichen unserer Alltagsmentalität wirksam ist. Dafür habe ich ein Detail unserer Frauenmode als Beleg ausgewählt:

Die Mode gehört ohnehin in unserer Zeit zu einer jener weltlichen Mächte, die unversehens als Götze an die Stelle einer Orientierung am allmächtigen Gott geraten ist. Z. B. ist seit mehr als 40 Jahren  die Hose für Frauen ein voll anerkanntes Bekleidungsstück mit der Ausgestaltung einer außerordentlich variablen Vielfalt, gekrönt von den weltweit zu tragenden Blue Jeans. Ob der Mensch kurz oder lang, ob dick oder dünn, ob alt oder jung ist – wer Anerkennung in der Gruppe erwartet, hat sich mit diesem jakobinerhaften Kleidungsstück anzufreunden.

Heute haben die Jeans ihre Kronenstellung in der Frauenmode allerdings hinter sich.

Seit kurzer Zeit erscheint nämlich stattdessen neu der Rock als das einst allgemein übliche Bekleidungsstück für Frauen – der Mottenkiste enthoben – als einfarbiges Kleid in der Szenerie und ist bereits zur ungeschriebenen Massenvorschrift avanciert.

Ohne Rücksicht auf die körperlichen Unterschiedlichkeiten und der zunehmenden Schwierigkeit auch von Frauen, dem Zwang zu jugendlicher Schlankheit lebenslänglich nachzukommen, fühlen sich die Frauen  genötigt, sich in aller Unbewusstheit nun nach diesem ungeschriebenen Bekleidungsdiktat auszurichten, wenn Sie sich als topfit empfinden wollen.

BILDER: Frauen können auch ohne großen Ausschnitt schick aussehen – hier eine Rednerin beim „Tag der Heimat“ in Münster – unten die Präsidentin von Estland (ebenfalls bei einem Vortrag in Münster)

Neuerdings muss ein voller Busen unter  einem stramm sitzenden Stoff erahnbar sein. Dieses Oberteil hat in eine Wespentaille einzumünden, was immer seltener ohne künstliche ärztliche Saugaktionen zu schaffen ist. Voller Busen, dadurch in machtvoller Präsentation verstärkt, erweist sich als Unabdingbarkeit einer modischen weiblichen Identität, um sich gesellschaftlicher Anerkennung hinreichend gewiss zu fühlen.

Damit nicht genug: Ein enger, kurzer Saum hat jetzt zwar unter knappem Stoff  weitere  anziehende Körperteile, die Oberschenkel, erahnbar zu machen, indem er das Knie nicht bedeckt. Das führt natürlich dazu, dass in Sitzhaltung eine Verschiebung nach oben entsteht, die die Damen beim Sitzen zu streng zusammengehaltenen Oberschenkeln nötigt, was sich in den Talkshows einhellig erleben lässt.

Am erstaunlichsten erscheint es mir nun aber, dass die ungeschriebene Verpflichtung, unbedingt mit der Mode zu gehen, noch in einem längst schon installierten Massenmerkmal selbst bei dieser neuen Bekleidungsform, der Rückkehr zum Kleid, anscheinend völlig unbewusst weiter verpflichtend bleibt: dem weit geöffneten Halsausschnitt.

Dieser pflegt zwar eine erhebliche Quantität der Anwendung, aber eine wenig variable Form zu haben. Er trägt grundsätzlich die Form eines auf dem Kopf stehenden spitzen Dreiecks, das in der sichtbar werdenden Busenwölbung endet. Der auf diese Weise befreite nackte Hals hat mit ähnlicher Unabdingbarkeit präsentiert zu werden wie die entblößten Beine.

Hier herrscht bereits schon seit einigen Jahrzehnten eine merkwürdige Einheitlichkeit.

Die Designer dieses Modeartikels hatten vermutlich ein sicheres Gespür für seine beste Verkaufbarkeit. Diese hat grundsätzlich der Stimmung der Bevölkerung in der  jeweiligen Phase des Zeitgeistes zu entsprechen, sonst kommt der Artikel nicht an.

Die Erfinder dieses kultiviert und schön erscheinenden Modestücks haben  lediglich ein Gespür dafür, dass die Zeit der schamlos exhibierten sexuellen Lockungs-Methode vorüber ist. Sie brauchen auch kein biologisches Wissen über die sexuellen Auslöser, sondern eher die Erfahrung, dass zart Verhülltes diese Naturgewalt oft sogar erfolgreicher aktiviert als verderbt schamlose Präsentation…

Und zu bedenken ist heute schließlich darüber hinaus, dass feministischer Fortschritt darin besteht, nun per Gesetz Männer als Sexisten zu verklagen, die auf das Verhüllte einen Blick  (oder gar mehr?) riskieren …

Welche Wirrnis mit verschleierten Absichten wird unserer Gesellschaft in der Zukunft voller Unbewusstheit bevorstehen?

Etwa so: Die Einheitlichkeit im Halsausschnitt  ist zwar z. Zt. ungeschriebenes Gesetz bisher nur bei Frauen, ist aber in zunehmendem Maße durch Verschwinden des Schlipses und der Verschlossenheit des Kragens dahinter sogar bei fortschrittlichen Männern im Kommen.  

Wird Rilkische Befreiungssehnsucht gegen die damalige, in rigiden Normen erstarrte Gesellschaft – „Einmal wieder den Kragen offen tragen“ – heute zu einem unterschwelligen Ausdruck männlicher Unterwerfung unter das Diktat feministischer Machtvollendung?

BILD: Vor Jahrhunderten gehörte ein hochgestellter Kragen, der bis zum Kinn reichte, zur vornehmen Damenmode, doch ein freier Hals ist gesünder

Mode ist nun einmal grundsätzlich ein unbewusster Ausdruck der Massendenkungsart in der zeitbedingten Bevölkerung und  zeigt sich infolgedessen auch in einer obligatorisch zu tragenden Bekleidung. Deshalb lässt diese Form der Rückkehr zum Kleid viel Interessantes, Neues über den Weltgeist 2019 vermuten, vielleicht sogar etwas Positives, ja, sogar eine Rückkehr zu mehr Kultiviertheit erwarten?

Vor allem aber lässt sich allein schon bei Kleinigkeiten unseres Alltags erkennen, in welchem hohen Ausmaß wir unbewusst suggestibel der Vereinheitlichung durch Massentrends unterliegen. Wie stark und mächtig erweist sich also selbst in den hochzivilisierten Gesellschaften unsere Herdennatur! Wie kommt hier überall unser Überlebensbedürfnis als die Machtstruktur der Naturkräfte in uns zum Ausdruck!

Es ist das allgegenwärtige Bedürfnis nach Schutz in der Gruppe, das uns heimlich durchschlagend motiviert! Wir können keineswegs von einer „Instinktreduktion“  bei der Spezies Mensch sprechen, wie Arnold Gehlen das vor 70 Jahren kühn behauptete! Schon bei der Anpassung zum vereinheitlichten Halsausschnitt lässt sich entdecken, dass diese Annahme nicht stimmt!

Ich habe Ihnen unsere Anfälligkeit, einfach unnachdenklich im Strom mitzuschwimmen, einmal verdeutlichen wollen – damit wir uns  bereits an  diesem  so ungewichtigen Teil der Mode, z. B.  dem offenen, spitz endenden Halsausschnitt,  unserer so allgemein großen Beeinflussbarkeit bewusst werden; denn dann kann uns unsere ebenfalls mögliche, massenhafte Verführbarkeit als Gefahr ins Blickfeld kommen und uns zu nachdenklichem Widerstand dagegen anregen.

Was von  dieser vereinheitlichenden  Mode passt eigentlich zu mir  selbst – als einem Unikat unter den Milliarden Wolfs-Rudeln und Schafherden? Unsere persönliche Eigenart zu entfalten – das sollte unser Weg und unser Ziel zu ausgereiftem Menschsein werden, meine ich. Im Grunde ist diese Erkenntnis uralt. Wir finden die Auseinandersetzung mit unserer Schafherde-Natur z. B. ausführlich bei Jesus Christus  im Johannesevangelium:

„Ich bin die Tür der Schafe… Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie (meine Schafe) das Leben haben … Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10, 7-11).