Meine Erfahrungen bei der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ in Warstein

Von „Laienbeichte“ bis Zungenreden war alles dabei

Als ich mich noch in meiner charismatischen Phase befand  – sie dauerte von 1996 bis 2002  – bin ich einmal pro Monat zur katholischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ nach Warstein gefahren. Viele Besucher kamen jeden Samstag, was ich aber meiner Familie nicht zumuten wollte.

In Warstein gab es eine Niederlassung dieser „neuen geistlichen Gemeinschaft“ in einem klosterähnlichen alten Gebäude. Die Kommunität bestand aus ehelosen Brüdern und Schwestern sowie aus Familien. (Der Vatikan hat später dieses „gemischte“ Gemeinschaftsleben verboten, nachdem führende Personen des Werkes sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatten.)

Zu den Treffen am frühen Samstagabend kamen meistens ungefähr 50 bis 60 Personen in die Hauskapelle. Es begann mit Lobpreisliedern, die vor allem junge Leute anziehen, zumal diese Musik starke Elemente von Pop und Rock enthält. Ich weiß aus Erfahrung und auch durch Beobachtung bei anderen Gläubigen, dass der Lobpreis so eine Art „Türöffner“ ist, ein geschicktes Lockmittel für das Hineinwachsen in die charismatische Szene. Er kommt nicht nur bei Gottesdiensten und Festivals zum Einsatz, sondern auch ständig bei Wallfahrten  – und das teils schon morgens kurz nach 6 Uhr.

Außerdem erlebten wir in Warstein regelmäßig Zungenreden und Zungensingen, weniger von den Besuchern, vor allem von den führenden Mitgliedern der Seligpreisungen. Einerseits konnte ich mit diesem unverständlichen Lallen (das auch keiner ausgelegt oder erklärt hat) nichts anfangen, fand es aber als neue Erfahrung doch interessant, wobei ich selber diese damals begehrenswerte „Geistesgabe“ nie erhielt (was mir im nachhinein nur recht ist). Nach der Feier gab es manchmal noch Tänze aus Israel für Interessierte.

Die Predigten, die ich dort hörte, zeigten viel Gefühl, waren aber theologisch nicht gerade gehaltvoll. Es wurde zudem viel von Medjugorje und den „Marienerscheinungen“ geredet und geschwärmt, Wallfahrten nach dorthin organisiert, wobei ich zweimal selber dabei war (mich aber inzwischen davon völlig entfernt habe und die „Botschaften“ für banal bis irrig halte).

Bei den Seligpreisungen wurde der jeweilige Hausleiter als „Hirte“ bezeichnet. In Warstein war es ein verheirateter Diakon namens Karl.

Dieser gab vor, Einsprechungen von oben zu erhalten, ein „Wort der Erkenntnis“ für die Situation einzelner Gläubiger. Während der Lobpreis-Andachten sagte er z.B.: „Jemand mit Rückenschmerzen ist jetzt geheilt“ oder „Unter uns ist gerade jemand von seiner Drogensucht frei geworden“ usw. Man wußte zwar nicht, ob es stimmte (weil sich keine Leute meldeten), glaubte aber wohl „irgendwie“ daran.

Zu den Treffen kamen deutlich mehr Frauen als Männer, die Altersgruppen waren jedoch gemischt. Das Leitungsteam der Lobpreisfeier war teils ledig, teils verheiratet.

Was ich im nachhinein auch skeptisch sehe, sind die „Problemgespräche“, fast so etwas wie eine Laienbeichte, die dort regelmäßig stattfand.

Es wurde gesagt, auch als Christen hätten wir ja so unsere Sorgen und Schwierigkeiten und das Bedürfnis, uns auszusprechen und Fürbitte durch Glaubensgeschwister zu erhalten, die Trost und Segen spenden.

Das lief so ab, daß man nach vorne kam, dort standen acht Mitglieder der Seligpreisungen parat. Zwei von denen umringten dann einen Besucher beim Seelsorgsgespräch, sie nahmen ihn oft in den Arm. Wenn vier Gäste damit fertig waren, kamen die  nächsten vier an die Reihe usw.

Fast alle Teilnehmer gingen nach vorne, auch ich machte dabei mit. Im nachhinein denke ich mir, dass zwei Gründe ausschlaggebend waren: Erstens fast so etwas wie eine Gruppendynamik, ein indirekter Sog durch die anderen, man wollte „dazugehören“, sich gemeinschaftsfähig und offenherzig zeigen, sich nicht ausgrenzen, kein „Spielverderber“ sein.

Zweitens war das Angebot des Fürbittgebetes verlockend, auch die Chance, einige Sorgen „loswerden“ zu können, vielleicht auch familiäre Schwierigkeiten und Konflikte aller Art auszusprechen. Das konnte psychologisch entlastend wirken. Zudem suchte man gerade bei solchen Problemen „Trost“ durch diese Gemeinschaft, auch eine Bestätigung, auf dem richtigen (charismatischen) Weg zu sein, zumal wenn man damit zuhause auf wenig Gegenliebe stieß.

Ich sehe heute im Rückblick zwei Kehrseiten dieser Problemgespräche: Auch wenn es dort zusätzlich die Möglichkeit gab, das Bußsakrament zu empfangen, so war diese „Laienbeichte“ doch ganz klar der einfachere Weg. Ich denke, daß viele dann die Beichte – zumindest die Andachtsbeichte   – vernachlässigt haben, auch weil sie sich sagten: Es wurde ja von diesen „Ordensleuten“ oder dem Diakon für mich gebetet, sie gaben mir ihren Segen etc.

Zu dieser schleichenden Verdrängung der Beichte kam eine weitere „Grauzone“:

Die Seligpreisungs-Gemeinschaft erhielt durch diese Gespräche einen Einblick in das Seelenleben der Neulinge oder sonstiger Teilnehmer; sie konnten also leicht „sortieren“, wer wohl dauerhaft zu ihnen passen könnte oder nicht, wie die psychische, gesundheitliche und familiäre Situation des Betreffenden aussieht, der sich in diesem Gebetsgespräch geöffnet hat. Ich selber hatte nach einiger Zeit dort in Warstein ein bestimmtes verblüffendes Erlebnis, das mir eine solche Vermutung nahelegt.

Trotz  jahrelangem Verbleib in der charismatischen Bewegung kam allmählich ein leiser Zweifel bei mir auf. Ich koppelte mich schrittweise ab und suchte zunehmend den Kontakt zu traditionelleren, konservativen Gruppen, lernte auch die „alte Messe“ schätzen und bemerkte, daß die Vorträge und Predigten in diesem Milieu mehr Hand und Fuß hatten, die Priester oder sonstige führende Leute viel nüchterner waren.

Als ich im Jahre 2003 mit meinem dritten Kind schwanger wurde, verstärkte sich diese Entwicklung bei mir noch mehr. Ich war jetzt voll in der „Alltagsrealität“ angekommen, zudem waren weite Fahrten nach Warstein schon praktisch kaum noch möglich. Mit den weltfremden Halleluja-Sprüchen und dieser euphorischen Stimmung konnte ich nicht mehr viel anfangen. Ich wollte von der „Wolke“ runter und wieder auf dem Boden des wirklichen Lebens ankommen.

Deshalb bin ich aus der charismatischen Bewegung komplett ausgestiegen. Zwei Dinge waren dabei für mich entscheidend: Ich hatte auch in meiner „Schwärmerzeit“ meinen Restverstand und eine gewisse Bodenständigkeit noch behalten, was sich dann immer stärker bemerkbar machte. Es ist entscheidend, dass man den Verstand nie ganz ausschaltet. Zudem hörte ich auch auf kritische Stimmen in meiner Familie und meinem Freundeskreis, zumindest ließ  ich sie ein bißchen an mich heran und dachte darüber nach.

In den charismatischen Gruppen ist zwar viel und ständig von „Heilung“ die Rede – aber meine eigene Heilung erlebte ich, weil mir die befreiende Wirkung eines „nüchternen“ Glaubens klar geworden ist, der dem Gefühl auch sein Recht gibt, aber mehr Vernunft und Besonnenheit walten läßt. Gerade dies habe ich als wirkliche Befreiung aus der vorherigen „Achterbahn der Gefühle“ erfahren!

Unsere Autorin ist katholische Familienmutter und lebt im Münsterland; sie ist unserer Redaktion seit über 15 Jahren persönlich bekannt

WEITERFÜHRENDER ARTIKEL zum Thema „Laienbeichte“ hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/29/religioeser-missbrauch-durch-die-laienbeichte/

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Carl Rogers Gruppendynamik unter der Lupe

Der bekannte Gründer der Encounter-Gruppen „therapierte“ jenseits moralischer Prinzipien

Zu jenen „Ikonen“ moderner Psychotherapie und Gruppendynamik, die auch und gerade im kirchlichen Beratungsmilieu Eingang gefunden haben, gehört vor allem Carl R. Rogers, Begründer der sog. „klientenzentrierten Gesprächs-Psychotherapie“ und der „Encounter-Gruppen“, die auch als „Begegnungs-Gruppen“ bezeichnet werden.

Zugleich ist Rogers  – neben Jakob Morenos Psychodrama und Fritz Perls Gestalttherapie  –  einer der bekanntesten Vertreter der sog. Humanistischen Psychologie.

Diese etwas schillernde, in sich vielfältige Richtung strebt eine Art „stille Revolution“ an, die auf einen radikalen Bruch mit der ethischen Tradition und bürgerlichen Normen hinzielt und einen „neuen Menschen“ schaffen will, der die „Selbstverwirklichung“ und „Selbstbestimmung“ des Einzelnen zur obersten Maxime erhebt.

Damit wurde ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Psychologie eingeleitet, wodurch die klassische Psychoanalyse nach Freud gewissermaßen „links überholt“ wurde.

Der 1902 in Oak Park USA geborene Carl Rogers war ein Schüler des Freud-Schülers Otto Rank. Die in viele Sprachen übersetzten Bücher Prof. Rogers wurden internationale Longseller und dienen in zahlreichen weltlichen und kirchlichen Beratungsstellen, Psycho-Seminaren, Sozialakademien, Ausbildungsstätten und Fortbildungsmaßnahmen als programmatische Grundlage und Richtschnur.

Rogers Gesprächsmodell wird auch als „nicht-direktive Therapie“ bezeichnet, weil sie bewußt darauf verzichtet, dem psychisch belasteten „Klienten“ Verhaltensmaßstäbe zu vermitteln oder auch nur eine Empfehlung zu geben, geschweige sich kritisch zu äußern.

Der problemgeplagte „Ratsuchende“ darf demnach im Grunde keiner sein – zumindest soll der Berater nach Rogers keinen Rat erteilen, sondern die Gefühle und die innere „Befindlichkeit“ des „Klienten“ voll akzeptieren und ihm so das Gefühl des Angenommenseins vermitteln. Durch diese wohlwollende Atmosphäre eröffne sich dann im „Klienten“ von selber die für ihn geeignete Lösung seiner Schwierigkeiten.

Dies geschieht laut Rogers dadurch, daß der Therapeut die Gefühle des Patienten „spiegelt“, also durch Worte, Mimik und Gestik zum Ausdruck bringt, so daß der Patient seine eigenen Empfindungen quasi „vor Augen hat“ und somit in seinen „gespiegelten“ Gefühlen die Problemlösungen allmählich selber entdeckt.

Kritiker weisen darauf hin, daß der seelisch kranke Patient mit diesem  –  auf den ersten Blick wohlklingenden  –  Konzept quasi auf sich selber zurückgeworfen wird.

Beanstandet wird auch, daß man mit dieser Psycho-Methode den Schwierigkeiten nicht auf den Grund geht und die Ursachen seelischer Störungen nicht fachmännisch analysiert. Stattdessen erhält der „Klient“ das „Bonbon“ einer freundlichen emotionalen Beziehung zum Therapeuten, was ihn vielleicht stimmungsmäßig einige Zeit „erheben“ kann, ohne jedoch die zugrundeliegenden Konflikte zu beleuchten, geschweige zu lösen.

Von christlicher Seite wird überdies der Einwand erhoben, daß Rogers Therapie auf einem unbiblischen und unrealistischen Menschenbild aufbaut, daß Sünde, Schuld und persönliches Versagen ausgeklammert werden, daß die menschliche Willensfreiheit kaum zum Tragen kommt und daß tatsächliche Schuld aus dem Blickfeld gerät oder durch psychologische Floskeln und eine ausufernde Akzeptanz-Ideologie verdrängt und verbrämt wird.

Daß diese Kritik durchaus berechtigt ist, mag folgendes Beispiel demonstrieren, das angesichts der monatelangen deutschen Debatte um Kindesmißbrauch und sexuelle Gewalt nicht „nur“ aufschlußreich, sondern überdies auch aktuell ist:

In seinem 1987 im Frankfurter Fischer-Verlag erschienenen, gruppendynamisch orientierten Buch „Encounter-Gruppen  –  Das Erlebnis der menschlichen Begegnung“ entfaltet Rogers seine „Gesprächstherapie“ auf der Gruppenebene und erläutert, wie wichtig die „Begegnungs-Gruppe“ für das Erlernen von „Akzeptanz“ sei.

Auf der Buch-Rückseite gibt sich der Fischer-Verlag euphorisch:
„Die Encounter-Gruppe ist eine der aufregendsten Erfahrungen unseres
Jahrhunderts, ein bedeutender Schritt vorwärts auf dem Wege zu einer humaneren, freieren und demokratischeren Gesellschaft; ihr zum Durchbruch verholfen zu haben, ist das große Verdienst Carl R. Rogers.“

Zum „Durchbruch“ kam hierbei allerdings auch der Abbruch dessen, was unter Begriffen wie „Sittlichkeit“, „Ethos“ oder „Naturrecht“ geläufig ist.
Das bürgerliche Sittengesetz von christlichen Prinzipien ganz zu schweigen wird bei Rogers völlig seiner Verbindlichkeit beraubt, denn objektive Maßstäbe gibt es nicht, alles muß schließlich „akzeptiert“ werden – selbstverständlich auch Inzest und Vergewaltigung bzw. beides zusammen in einer Handlung.

Selbst bei perversen Verbrechen diese sind bei den Betreffenden ein „wichtiger Aspekt seiner selbst“ gibt Rogers seine verstiegene und fehlgeleitete Ideologie einer allumfassenden „Akzeptanz“ nicht auf.

Nach Inzest-Vergewaltigung: Schuldgefühle abtrainieren…

Hierzu sei folgendes Beispiel aufgezeigt:
In Rogers Buch „Encounter-Gruppen“ heißt es auf den Seiten 27 und 28 wörtlich:

„Der Prozeß der Exploration ist nicht immer einfach und nicht immer ist die ganze Gruppe empfänglich für derartige Selbstenthüllungen.

In einer Gruppe von jugendlichen Heimbewohnern, die alle in der einen oder anderen Weise in Schwierigkeiten geraten waren, eröffnet ein Junge einen wichtigen Aspekt seiner selbst und trifft damit sofort und gleichzeitig auf Akzeptierung und scharfe Ablehnung bei den übrigen Gruppenmitgliedern.

George: Die Sache ist die, ich habe zu Hause zu viele Probleme. Ich glaube, ein paar von euch wissen, warum ich hier bin und weshalb ich verurteilt wurde.
Mary: Ich nicht.
Leiter: Willst du darüber reden?
George: Naja – es ist irgendwie peinlich.
Carl: Komm schon, so schlimm kann es nicht sein.
George: Also, ich habe meine Schwester vergewaltigt. Das ist das einzige Problem, das ich zu Hause habe – und ich glaube, das habe ich bewältigt. Ziemlich lange Pause.
Freda: Das ist ja grausam.
Mary: Jeder hat seine Schwierigkeiten, Freda. Ich meine, du weißt doch schließlich….
Freda: Ja, natürlich, aber trotzdem!!!
Leiter zu Freda: Du kennst solche Probleme, aber trotzdem erscheinen sie dir grausam.
George: Ich habs ja gesagt. Es ist peinlich, darüber zu reden.
Mary: Ja, aber es ist gut so.
George: Es tut weh, darüber zu reden, aber ich weiß, daß ich es tun muß, wenn ich nicht für den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen herumlaufen will.“

Soweit diese Darstellung einer Gruppensitzung. Letztlich steht nicht der Übeltäter und seine Untat am Pranger, sondern Freda, da sie sich weigert, hierzu eine „akzeptierende“ Haltung einzunehmen.

Hingegen hat George sein „einziges Problem“ – eigenen Angaben zufolge – wohl durchaus „bewältigt“. Ob seine vergewaltigte Schwester „es“ bewältigt hat, spielt offenbar keine Rolle – weder für ihn noch für die anderen Gruppenteilnehmer: mit Ausnahme Fredas.

Sowohl der Leiter wie die Dame Mary versuchen, auf Freda einzuwirken, damit sie ihre moralisch geschockte Haltung überwindet und sich in den verständnisvollen Kreis der „Akzeptierenden“ begibt. Schließlich will George durchaus nicht, wie er abschließend selber erklärt, „für den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen herum-laufen“ – das wäre doch zuviel verlangt….

Eben dieser Meinung ist offensichtlich auch Rogers, der große Therapeut der unbe-dingten und umfassenden Akzeptanz von allem und jedem Verbrechen.

Direkt nach dem vorhin zitierten Gruppen-Dialog würdigt er Mary, die ein „besonders tiefes Akzeptieren“ zeige, wogegen George von Freda „psychologisch ganz offensichtlich ausgeschlossen wird“:
“Freda schließt ihn psychologisch ganz offensichtlich völlig aus, während Mary ein besonders tiefes Akzeptieren zeigt. George ist eindeutig entschlossen, das Risiko einzugehen.“

Wie „fortschrittlich“ also, daß es Encounter-Gruppen gibt, damit die therapeutisch unbedarften Fredas dieser Welt ihren moralischen „Tick“ abbauen – und Untaten aller Arten und Abarten sich einer „besonders tiefen Akzeptanz“ erfreuen dürfen.

Zugleich wird an diesem Beispiel anschaulich klar, daß Encounter-Gruppen und die gruppendynamische Bewegung insgesamt einen psychologischen „Religionsersatz“ darstellen:

Der Täter sucht nicht den Beichtvater auf, sondern die „Begegnungs-Gruppe“: was er von ihr will, ist im Grunde eine Absolution „ich will nicht für den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen herumlaufen“. Die Gruppe soll ihm vermitteln: „Du bist o.k. so, wie Du bist.“

Erinnert dies nicht an christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit, gar an die Beichte?

Dies ist nur auf den ersten Blick der Fall, denn es handelt sich um einen Freispruch ohne Buße: Tugenden und sittliche Herausforderungen wie klare Selbsterkenntnis, wahrheitsgemäße Selbstanklage, Umkehr und Versuch einer Wiedergutmachung kommen nicht vor.

Vielmehr werden unbußfertige Sünder durch die Akzeptanz der Gruppe „absolviert“, furchtbare Verbrechen zu „Problemen“ verniedlicht, die der Betreffende angeblich bereits „bewältigt“ hat – oder wohl doch nicht ganz, da er offensichtlich die „Absolution“ der Gruppe herbeisehnt.

Zugleich wird es von der Gruppe her problematisiert, wenn jemand Untaten zutref-fend beim Namen nennt Freda: „Das ist ja grausam!“ und sich nicht mit dem Täter, sondern mit dem Opfer identifiziert und solidarisiert.

Abgesehen davon, daß weder eine „Encounter-Gruppe“ noch sonst eine irdische Einrichtung als gültige „Instanz“ für eine moralische „Absolution“ fungieren kann, ist das „Freispruch-Verfahren“ frei nach Rogers „klientenzentrierter Gesprächstherapie“ samt uferloser „Akzeptanz“ selbst unter rein psychologischen Gesichtspunkten völlig verfehlt  –  dies vor allem deshalb, weil es notwendigerweise „täter-zentriert“ ist, statt den Täter zum Guten hin zu therapieren, was ohne Reue und Umkehr nicht möglich ist.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster


„Lumen Christi“ und KEM (Maihingen): Charismatik, Psychotechniken und Gruppendynamik gehen Hand in Hand

In den letzten fünfzig Jahren wurden auch christliche Kreise sowie kirchliche Bildungswerke zunehmend vom Einfluß der atheistisch geprägten Psychoanalyse und der noch bedenklicheren sog. „Humanistischen Psychologie“ erfaßt.

Dazu gehörten auch die „Gesprächstherapie“ bzw. die Encounter-Gruppen nach Carl Rogers, zudem diverse Formen der Gruppendynamik, der „Gestalttherapie“ nach Fritz Perl und weiterer Psychotechniken (darunter NLP), die alle  eine „Heilung“ des Menschen ohne Gott anstreben  –  oft unter gezielter Ausschaltung von Intellekt und sittlichen Normen (dem angeblichen „Über-Ich“).

Dabei wird Siegmund Freud zuweilen noch links überholt, denn dieser „Vater der Psychoanalyse“ hatte neben dem „Lustprinzip“ immerhin noch das „Realitätsprinzip“ zur Beachtung empfohlen und durchaus keine schrankenlose „Selbstverwirklichung“ angepriesen  – bei aller sonstigen Kritik, die man aus christlicher Sicht an Freuds Thesen vorbringen kann.

Die meist aus den USA stammenden Psychotechniken und gruppendynamischen „Therapien“ hatten bislang vor allem die eher liberalen kirchlichen Kreise erfaßt, die sich ohnehin dem Konzept der „Selbstverwirklichung“ verschrieben haben oder einfach auf den Zug der Zeit aufspringen wollten.

Zuweilen treten diese Therapieformen in einem religiösen Gewand auf, etwa das sog. „Bibliodrama“, das in Wirklichkeit glaubenszersetzend wirkt und eine spezielle Variante des Psychodramas darstellt, das der Gruppendynamik entstammt.

Die geistliche Gemeinschaft „Lumen Christi“ in Maihingen, die aus Ehelosen und Verheirateten besteht, liefert allerdings ein Beispiel dafür, daß die „Humanistische Psychologie“ und ihre zahlreichen Verästelungen auch die katholisch-charismatische Szene im hohen Maße zu durchdringen vermag  –  was auf den ersten Blick erstaunt, zumal sich die Charismatik gerne mit einem eher konservativen Mäntelchen präsentiert.

Lumen Christi ist der Träger des „Katholischen Evangelisationszentrum Maihingen“ (KEM); dort werden bereits seit Jahrzehnten charismatische Seminare und Exerzitien veranstaltet, wobei es mitunter auch zu extrem-schwarmgeistigen Phänomenen kommt (zB. dem „Ruhen im Geist“, einem plötzlichen Rückwärtskippen in Trance).

Gegründet wurde KEM von der Benediktinerin Lucida Schmieder, die zugleich zur Gemeinschaft „Lumen Christi“ gehört. Die Ordensfrau promovierte beim Paderborner Theologen Heribert Mühlen, dem früheren Leiter der „Charismatischen Erneuerung“ in Deutschland. Das KEM ist das Hauptwirkungsfeld dieser inzwischen 85-jährigen Nonne,  die vor allem als Exerzitienleiterin eingesetzt wird.

Dr. Karl Renner ist derzeit Leiter von „Lumen Christi“. Der verheiratete Erziehungswissenschaftler ist zugleich stellv. Sprecher der „Charismatischen Erneuerung“ in Deutschland. Gelegentlich werden seine Vorträge in Radio Horeb übertragen.

Die Gemeinschaft will vor allem aus der Auferstehungsfreude leben, wie sie auf ihrer Webseite mitteilt. Daher auch der Name Lumen Christi (Licht Christi) aus der Liturgie der Osternacht.

Die Betonung  –  oder gar Überbetonung?  –  von Ostern ist durchaus typisch für die charismatische Glaubenslandschaft, denn man bewegt sich dort gerne in einer eher triumphalistisch geprägten Halleluja-Theologie.  Dabei kann die „Theologie des Kreuzes“ leicht an den Rand geraten, was dann zu einem inhaltlichen und spirituellen Ungleichgewicht führt.

Merkwürdig wirkt es beispielsweise, daß Lumen Christi über den „Inneren Kreis“ der Gemeinschaft Folgendes mitteilt:

„Jedes Mitglied sucht sich selbstverantwortlich eine Geistliche Begleitung in Rückbindung an den Leiter der Gemeinschaft.“

Diese Äußerung erscheint widersprüchlich wie ein rundes Viereck: wenn „selbstverantwortlich“, warum dann zugleich in „Rückbindung“ an einen Leiter, der zudem kein Priester ist?

Auf der Homepage der Gemeinschaft werden deren Referenten einzeln mit Foto und Lebenslauf vorgestellt, wobei diese auffallend häufig  – und vielfach sogar beruflich  –  eng mit Psychoanalyse oder Gruppendynamik, Gestaltpädagogik und weiteren Abzweigungen der „Humanistischen Psychologie“ verbunden sind.

(Die manchmal recht hochtrabend klingenden Titel der Psychoszene erwecken leicht den Eindruck strikter wissenschaftlicher  Bildung, die aber beileibe nicht immer gegeben ist; oft werden diverse Therapie-Zertifikate lediglich in nicht-akademischen Kursen erworben.)

Hier folgen einige Beispiele aus dem Referentenkreis von Lumen Christi:

Rebekka-Chiara Hengge ist Gestalttrainerin, Supervisorin und Psychotherapeutin, hat zudem den NLP-Master (!) und ist Bibliodrama-Leiterin.

Pfr. Thaddäus Posielek ist neben der Gemeindeleitung als systemischer Familientherapeut tätig.

Irmgard Scholz vertritt die Transaktionanalyse.

Anita Sieber ist aktiv in Bibliodrama und Gestaltpädagogik.

Ansgar van Olfen betreibt Schulungen in personenzentrierter Gesprächsführung nach Carl Rogers.

Gabriele Rehenmacher ist Gestaltpädagogin und aktiv im „meditativen“ bzw. „sakralen“ Tanz.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerk in Münster

Beleg-Link: http://www.lumenchristi.de/Referenten/