Pater Lothar Groppe ist seit 70 Jahren Jesuit

Von Hans-Michael Müller

Pater Lothar Groppe, 1927 in Münster / Westfalen geboren, ist der jüngste Sohn des Widerstandskämpfers Generalleutnant Theodor Groppe, der wegen seiner klar-katholischen Ausrichtung auch als der „Schwarze General“ bekannt war.  

Pater Groppe (siehe Foto) feiert am morgigen 7. September 2018 seine 70-jährige Zugehörigkeit zum Jesuitenorden. Aus diesem Anlass wird in der St. Elisabeth-Kirche in Hanau-Kesselstadt eine heilige Messe für den 91-jährigen Geistlichen zelebriert. Sein Vater, General Groppe, lebte mit seiner Familie von 1936 bis 1954 in Hanau am Main.

Pater Groppe ist jener deutsche Jesuit, der wohl die meisten Texte und Publikationen zu religiösen, geschichtlichen und politischen Themen geschrieben hat. Sein letztes Buch, das er mit 89 Jahren verfaßte, trägt den Titel: „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich“.

Groppes mit dem Orden „Pour le Mérite“ ausgezeichneter Vater hat sich nationalsozialistischen Befehlen ständig sehr mutig widersetzt. So hat er z. B. durch einen Schießbefehl gegen Judenmörder viele Juden vor staatlich geplanten Pogromen geschützt. 

Der tapfere General kritisierte zudem scharf Himmlers „Befehl an Angehörige der SS und Polizei in der Heimat“, dass sie „zur Fortpflanzung des deutschen Blutes um zum Ausgleich des Blutzolls an der Front“ außerehelich „mit deutsche Frauen und Mädeln guten Blutes zum Wohl Deutschlands Kinder zeugen“ sollten. Einen solchen Protest hat sonst niemand gewagt.

BILD: Biographie über General Groppe, den Vater des Jesuitenpaters Lothar Groppe

Daraufhin wurde er umgehend unehrenhaft aus dem Heer entfernt und auf Befehl Himmlers 1944 mit dem Ziel der Liquidierung zunächst ins Gestapo-Gefängnis in Darmstadt, Anfang 1945 in Festungshaft in Küstrin gebracht, wo er auf mehrfache Anordnung und mit Zustimmung Hitlers (Himmler: „Was, die Hunde leben noch?!“) hingerichtet werden sollte.

Nur knapp entging Theodor Groppe Dank mutiger Hilfe von Nazigegnern, z. T. aber auch unerklärlicher Hilfe sogar von „gestandenen Nazis“ der Hinrichtung und kam nach abenteuerlicher Flucht vor der Gestapo und nach seiner Rettung durch französische Soldaten am Bodensee 1945 zurück in die zerbombte Stadt Hanau.

1954 zog es ihn dann in seine Geburtsstadt Trier, wo er sich bis zu seinem Tode u. a. intensiv der deutsch-französichen Aussöhnung widmete.

Seinem Sohn Lothar hat Vater Groppe mit auf den Weg gegeben: „Niemals aufgeben, sich nicht mit dem billigen Gerede `Es hat ja doch keinen Zweck´ aus Auftrag und Verantwortung stehlen, sondern alles in der eigenen Kraft Stehende tun und fest auf Gott vertrauen!“

Das hat Pater Lothar Groppe geradlinig befolgt und sich auch dann zu Wort gemeldet, wenn es galt, sich unbequem und deutlich gegen den Zeitgeist zu artikulieren. Sein Vater wurde in Hanau auf einstimmigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung mit einer nach ihm benannten Straße geehrt.

Pater Lothar Groppe  ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus ein besonders in glaubenstreuen Kreisen hochgeschätzter Redner und Autor. Er lebt heute zurückgezogen in einem Jesuiten-Heim in Berlin-Kladow.

Weiterer Artikel zu P. Groppe: https://charismatismus.wordpress.com/2018/07/30/pater-lothar-groppe-wird-heute-91-jahre-alt/


Religionslehrerin Dr. Elisabeth Schmitz als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt: Feierliche Zeremonie in Hanau

„Von meiner Patentante habe ich gelernt, dass man seinen Worten auch Taten folgen lassen muss,“ sagte Peter Loewenberg.  Als die NS-Diktatur sie herausgefordert habe, sei sie ihren Überzeugungen treu geblieben und habe dementsprechend gehandelt: „Auf Jiddisch sagen wir: Sie war ein mentsch.“

Loewenberg war eigens aus den USA angereist, um bei einer feierlichen Zeremonie, die gestern in Schloss Philippsruhe in Hanau stattfand, an seine Patentante Dr. Elisabeth Schmitz zu erinnern, die von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem posthum (nach ihrem Tod) als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt wurde. BRD + Israel

Yad Vashem erinnert mit der Vergabe dieses Ehrentitels im Namen des Staates Israel und des jüdischen Volkes an die Nicht-Juden, die ihr Leben riskierten, um während des Holocaust Juden zu retten, ohne eine Gegenleistung dafür zu erhalten. Dies ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nicht-Juden vergibt.

Aus den Händen des Gesandten Emmanuel Nahshon nahm der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky die Yad Vashem-Medaille und die Urkunde stellvertretend entgegen. Eingerahmt wurden Nahshon und Kaminsky von Schülern der Hanauer Karl-Rehbein-Schule, in der Schmitz von 1946 bis 1958 unterrichtete. In deren „Elisabeth-Schmitz-Bibliothek“ werden die Medaille und Urkunde in Zukunft Teil der dortigen Dokumentation des Wirkens der Geehrten im Widerstand sein. 


Der Gesandte der Botschaft, Emmanuel Nahshon (rechts), überreicht die Medaille an OB Claus Kaminsky (Foto: Medienzentrum Hanau)  

An die Schülerinnen und Schüler gewandt sagte Nahshon: „Sie können stolz darauf sein, dass eine Frau mit einer solchen Vorbildfunktion Bürgerin Ihrer Stadt war. Es ist wichtig, dass Sie, die jungen Menschen, die Erinnerung an Elisabeth Schmitz weiter bewahren.“

Auch Oberbürgermeister Kaminsky betonte: „Für uns in Hanau ist Elisabeth Schmitz ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage.“


Yad Vashem-Urkunde von Elisabeth Schmitz(Foto: Medienzentrum Hanau)

In Yad Vashem sind einige Fälle dokumentiert, die zeigen, wie Elisabeth Schmitz während der NS-Zeit verfolgten Juden zu Hilfe kam. Der am ausführlichsten beschriebene Fall ist der von Liselotte Pereles.

Diese Rettungsgeschichte fand in Berlin statt. Hier unterrichtete Dr. Elisabeth Schmitz seit 1929 als Studienrätin für Deutsch, Geschichte und evangelische Religionslehre am Berliner Luisen-Oberlyzeum. Sie gehörte ab dem Frühjahr 1933 zu einer kleinen Gruppe von Lehrerinnen und Schülerinnen, die sich gegen die nationalsozialistischen Eingriffe in das Schulleben wehrten und sich schützend vor jüdische Schülerinnen stellten. Im Jahr 1935 wurde sie deshalb an eine andere Schule strafversetzt.

Nach der Pogromnacht im November 1938 traf sie die Entscheidung, ihre Tätigkeit als Lehrerin aufzugeben. In ihrem Entlassungsgesuch vom 31.12.1938 schrieb sie: „Es ist mir in steigendem Maße zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen rein weltanschaulichen Fächern Religion, Geschichte und Deutsch so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von mir erwartet und fordert. Nach immer wiederholter eingehender Prüfung bin ich schließlich zu der Überzeugung  gekommen, dass das nicht der Fall ist. Da dieser dauernde Gewissenskonflikt untragbar geworden ist, sehe ich mich genötigt, den obigen Antrag zu stellen.“

Am 1.4.1939 trat sie in den vorzeitigen Ruhestand. Seit 1934 war Elisabeth Schmitz aktives Mitglied der Bekennenden Kirche. In ihrer rund 20-seitigen Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ von 1935/36 forderte sie die Bekennende Kirche auf, öffentlich gegen die Verfolgungen der Menschen jüdischer Herkunft einzutreten.

In einem Nachtrag, den sie nach der Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze 1935 verfasste, schrieb sie: „Es ist keine Übertreibung, wenn von dem Versuch der Ausrottung des Judentums in Deutschland gesprochen werden muss.“  – Ihre anonyme Schrift vervielfältigte sie und verteilte sie in 200 Kopien, doch sie blieb von den kirchlichen Leitungsgremien unbeachtet.

In Deutschland versuchten zwischen 10.000 bis 12.000 Juden, sich durch die Flucht in den Untergrund der Deportation zu entziehen, vermutlich mehr als die Hälfte davon in Berlin. Überlebt haben etwa 5000 Untergetauchte, davon rund 1700 in Berlin. Möglich war ein Leben in der Illegalität nur mit der Unterstützung vieler Helfer. Frau Dr. Elisabeth Schmitz agierte in einem Helfernetzwerk in Berlin, das für verfolgte Juden Verstecke in Berlin, Brandenburg, Ostpreußen und im Elsass organisierte.

Trotz der Gefahren, die ihr Handeln für sie selbst haben konnte, nahm  Elisabeth Schmitz die verfolgte Jüdin Liselotte Pereles im Jahr 1943 in ihrer Wohnung in Berlin auf. Über zwei Jahre lang  –  von Februar 1943 bis zur Befreiung im Mai 1945  –  musste Lieselotte Pereles im Untergrund leben und ihre illegalen Quartiere häufiger wechseln.

Nach dem Krieg gab Pereles folgende Erklärung ab:

„Fräulein Dr. Elisabeth Schmitz hatte mir während meiner Illegalität als jüdischer Flüchtling des öfteren Zuflucht in ihrer Wohnung in Berlin (…) gegeben. (…) Ich hatte im Mai/Juni und im Okt./Nov. 1943 bei ihr gewohnt. Auch zwischendurch an Wochenenden stand mir ihre Wohnung zur Verfügung. Als im Nov. 43 die Wohnung von Frl. Dr. Schmitz durch Bomben zerstört wurde, hatte sie mir weiter geholfen und zwar oft mit Geld und Lebensmittelmarken. Es ist mir bekannt, daß Frl. Dr. Schmitz noch anderen jüdischen Menschen in gleicher Weise wie mir geholfen hat.“


Ehrung für Elisabeth Schmitz (Foto: Medienzentrum Hanau)

Auch mit Hilfe von Elisabeth Schmitz gelang es Lieselotte Pereles zu überleben. Elisabeth Schmitz half auch anderen Verfolgten. So fand der Jugendliche Klaus Mühlfelder im Jahr 1943 für einige Zeit Unterschlupf bei ihr. Auch in ihrem Haus am Wandlitzsee, das sie einem befreundeten jüdischen Ehepaar vor dessen Auswanderung abgekauft hatte, brachte Schmitz während des Krieges verfolgte Juden unter, u.a.  im Jahr 1940 für einige Wochen Margarete Koch-Levy.

Im Frühjahr 1943 vermietete sie das Haus am See an das Ehepaar Dr. Peter und Irma Löwenberg, die als „Mischlinge ersten Grades“ Schwierigkeiten hatten, eine Wohnung zu finden. (Peter und Irma Löwenberg baten Elisabeth Schmitz nach dem Krieg, die Patentante ihres 1946 geborenen Sohnes Peter zu werden.) Im Jahr 1943 verbrachte das fünfjährige jüdische Mädchen Evelyn Goldstein einige Zeit im Haus am Wandlitzsee, bevor es  –  wohl auch mit der organisatorischen Hilfe von Elisabeth Schmitz  –  in ein Versteck in Ostpreußen gebracht werden konnte und dort überlebte.

Außer in Berlin und in Hanau wird an die „stille Heldin“ Elisabeth Schmitz auch in Jerusalem erinnert. Ihr Name wird auf der Erinnerungswand im „Garten der Gerechten unter den Völkern“ in Yad Vashem in Jerusalem verewigt.

Quelle (Text/Fotos): Israelische Botschaft in Bonn