Zwischenruf eines deutsch-israelischen Judenchristen zur aktuellen Politik

Von Klaus Moshe Pülz

Deutschland könnte das reichste Land der Erde sein, wenn der „deutsche Michel“ nicht durch seine jeweilige Obrigkeit derart manipuliert werden könnte. Einst war es das Kaisertum, das uns in den Ersten Weltkrieg stürzte; schließlich dann die Verführung durch einen ungebildeten Obdachlosen aus Österreich namens Adolf Hitler, der letzten Endes 60 Millionen gewaltsam getöteter Menschen und sämtliche deutsche Städte zerstört hinterließ.

Und heute regiert seit 16 Jahren eine ehemalige Mitläuferin des letzten Despoten der DDR, Erich Honecker, in Deutschland, eine gewisse Angela Merkel, als gäbe es keine fähigeren Köpfe in Deutschland.

Es ist eine Tragödie, was aus Deutschland seit Ludwig Erhardts Tagen geworden ist. Eingeleitet hat diese desaströse Politik Helmut Kohl mit der Abschaffung der soliden deutschen Währung in Form der „Deutschen Mark“. Es war stets nicht nur den Franzosen ein Dorn im Auge, daß Deutschland niemals seine harte Währung gegenüber den anderen europäischen Währungen abwerten mußte. Selbst Israel deckte seine heimische Währung Schekel zu 20 Prozent mit der DM ab.

Der wirtschaftliche Niedergang war nur möglich, weil Frau Rita Süßmuth  –  auch auf meine Anfrage hin –  Referenden (Volksbefragungen) ablehnte. Und so mauserte sich die deutsche Demokratie zu einer Art Diktatur, wonach der Deutsche seine Möglichkeiten auf den Urnengang beschränkt bekam.

Bereits zu Beginn ihrer Amtszeit erhöhte Frau Merkel die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent, was zur Verteuerung sämtlicher Waren und Dienstleistungen führte. Daher hätte diese Dame kein zweites Mal zur Bundeskanzlerin gewählt werden dürfen.

Dieser Entwicklung folgte die Kreation der unseligen Europäischen Union, deren Zahlmeister mit 26 Prozent in die Brüsseler Kasse Deutschland ist. Damit finanziert der deutsche Steuerzahler das Verwaltungsmonster in Belgien, und ein Italiener regiert wie einst Ludwig XIV. (l’état c’est moi!) ein gewisser Mario Dragi, der kurzum seit vielen Jahren zum ersten Mal in Deutschlands Geschichte die Verzinsung der deutschen Sparguthaben annullierte. Auf einen Protest der Massen warte ich noch heute vergebens.

Ein Land mit der höchsten Besteuerung der Welt lebt sozusagen von seiner Substanz, nämlich was die Nachkriegsgeneration aufgebaut hat.

Heute indes werden Menschen von dieser Regierung präferiert, die gar nicht zum deutschen Volke gehören. Als Nahost-Experte, der ich als Deutsch-Israeli sein darf, der aber seit dem Ableben des Verlegers Axel C. Springer nicht mehr gefragt ist, kenne ich allzu gut die Mentalität der arabischen Menschen im Nahen Osten.

Das Gerücht, wonach man in Deutschland Geldzuwendungen, Sprachunterricht, Unterbringung, medizinische Versorgung sowie sogar universitäre Ausbildung ohne Arbeitseinsatz erhält, ist nicht nur im Munde dieser Leute, sondern auch halb Afrika schließt sich dem Wunsche an, in Deutschland eine Art Scharaffenland zu sehen.

Und wenn „Pro Asyl“ dieses Streben nach Ausbeutung Deutschlands massiv unterstützt, so dient dies dem Niedergang des deutschen Wohlstands. Solchen Institutionen müßte der Status der Gemeinnützigkeit entzogen werden!

Fatal dabei ist der Umstand, daß die christliche Kirchen aller Couleur diesen Influx von antichristlich eingestellten Muslimen offen unterstützt, so daß sie sich dabei selbst das Wasser zu ihrem eigenen Nachteil abgräbt, was auch auf die beiden christlichen Parteien CDU und CSU zutrifft, die sich noch wundern über den enormen Zuwachs der Grünen, da Muslime bekanntlich keine christlichen Parteien wählen (dürfen).

Nein, es gibt nicht nur einen Hans-Georg Maaßen, der geschasst wurde, selbst ein kompetenter Politiker wie Herr Merz war und ist noch Opfer der Frau Merkel!

Nicht zu vergessen die einstigen Kommunisten, die sich als Partei „Die Linke“ plötzlich menschenfreundlich gibt, wobei die „DDR“-Diktatur einst die eigenen Landsleute bei ihrer Republikflucht an der Grenze abknallte wie die Hasen.

Inzwischen verfügt jeder fünfte Deutsche über einen Migrationshintergrund. Damit wird das Lernniveau in den deutschen Ausbildungsstätten derart herabgesenkt, daß Deutschland auf dem internationalen Parkett bald nicht mehr konkurrenzfähig ist. Ich weiß durch meine hebräischen Kenntnisse, wie schwierig es ist, eine orientalische Sprache zu erlernen. Ich kenne auch das Lernniveau in arabischen Universitäten, wo der Professor wichtige Kernaussagen ihres Studienganges in die Feder diktieren muß. Ein freies akademisches Denken und Forschen gibt es nicht!

So ist die Kurzsichtigkeit deutscher Politik geradezu unverantwortlich für ein Land, das seit Jahrhunderten eine christlich-jüdische abendländische Kultur gepflegt hat, auch wenn deren antisemitische Ausrichtung letztendlich den Segen Gottes entzogen erhält!

Es ist ein Gericht Gottes, daß die Anhänger der Kantschen Aufklärung im Zeitalter der Digitalisierung und des Robotertums noch gar nicht gemerkt haben, wie dabei unsere Gesellschaft sukzessive entseelt wird. Wo sind jene deutschen Wissenschaftler, die diesen Mißstand ebenfalls erkannt haben?

Dies geht sogar so weit, daß man die deutsche Sprache für Ausländer sozusagen „mundgerecht“ gemacht hat, indem man das „daß“ wieder abschaffte und zum „das(s)“ veränderte. Weder Franzosen noch Engländer kämen in den Sinn, aus Gründen der Sprachvereinfachung ihre Landessprache zu verändern.

Kaum einem Menschen hierzulande fällt auf, daß neuerdings speziell Migranten unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung dazu mißbrauchen, deutschen Frauen Gewalt anzutun und zudem Messer mit sich führen, von denen sie gegenüber deutschen Bürgern eifrig Gebrauch machen.

Auch das unselige Schengen-Abkommen macht es möglich, daß man heutzutage ohne Gefahr Drogen und Sexsklavinnnen über Landesgrenzen chauffieren kann. Es gibt schlichtweg keine Grenzkontrollen im Raum der Europäischen Union mehr, was naturgemäß die internationale Kriminalität (Mafia) potenziert. „Europol“ ist dabei nur eine Art „Feigenblatt“.

Daher gilt es in summa den Status quo wiederherzustellen, d.h. einen Zustand, wonach jeder europäische Staat seine Integrität und Souveränität sowie seine eigene monetäre Währung zurückerhält. Dazu gehört auch die eigene Gerichtsbarkeit ohne einen luxemburgischen Internationalen Gerichtshof in einem Land, das als „Steuerparadies“ gilt, wo Großkonzerne vor ihrem Fiskus Gewinne hinterziehen. Juncker ist demnach eine völlige Fehlbesetzung als EU-Präsident!

„Denke ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht“, sagte einst der Jude Heinrich Heine. Was würde er erst heute über die Mischkultur dieses heutigen Deutschlands sagen?

Ich bitte um eine möglichst große Verbreitung dieses Statements aus einem tränenreichen Herzen!

Unser judenchristlicher Autor Klaus Mosche Pülz leitet die „Messianische Bekenntnis-gemeinschaft“ und ist Herausgeber der deutschsprachigen Zeitschrift „Bote Neues Israel“, die auch im Internet vertreten ist: http://www.zelem.de


Landesrabbiner Navon im Dom zu Münster: Das Vaterunser verbindet Juden und Christen

Von Felizitas Küble

Es ist das wichtigste Gebet der Christenheit und angesichts von weltweit zwei Milliarden Getauften das bedeutsamste Gebet der Weltgeschichte: Das Vaterunser.

Dabei wurden die jüdischen Wurzeln dieses Gebets von kirchlicher Seite lange zu wenig beachtet.

Jesus Christus war (und ist) der Sohn der jüdischen Jungfrau-Mutter Miriam (Maria) und ER war – wie er eindeutig erklärte – „nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“.

Erst nach seiner Auferstehung weitete ER seine Mission auf alle Völker aus und sandte seine Apostel in alle Welt: „Gehet hin und lehret alle Völker!“

BILD: Landesrabbiner Navon und Dompfarrer Köppen im Altarraum der Bischofskathedrale in Münster

Dieser universale Auftrag ändert aber nichts daran, dass unser Erlöser mit Leib und Seele seinem jüdischen Volke angehörte.

Von daher erstaunt es nicht, dass auch das Vaterunser ganz vom Geist und Glaubensleben der Israeliten geprägt ist, erwachsen aus den Geboten des Ewigen und den Gebeten der Synagoge.

Das Vaterunser enthält keine einzige Bitte, für die es nicht zugleich Entsprechungen in der hebräischen Liturgie, den Psalmen, Prophetenworten und der mündlichen Überlieferung gäbe.

Über die jüdischen Wurzeln des Vaterunsers haben wir im CHRISTLICHEN FORUM bereits im Jahr 2016 informiert: https://charismatismus.wordpress.com/2016/11/09/die-juedischen-wurzeln-des-vaterunser-gebets/

Am Mittwoch, den 3. April 2019, sprach der jüdische Gelehrte Dr. Moshe Navon – 1954 geboren in Sibirien – im Paulus-Dom von Münster, um dort eine Abendandacht zu halten und das Vaterunser aus jüdischer Sicht zu erläutern, vor allem die Anrufung: „Geheiligt werde Dein Name!“

Dr. Navon (siehe Fotos) ist Landesrabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinde in Hamburg. Er arbeitete in vielen internationalen Bildungsprojekten und dozierte an Universitäten in Israel, Russland und den GUS-Staaten.

Der hohe Gast wurde von Dompfarrer Hans-Bernd Köppen um 19,30 Uhr begrüßt und damit dieser geistliche Themenabend über das Vaterunser eröffnet (siehe 3. Foto).

Der katholische Geistliche erläuterte dabei, wie sehr gerade dieses Gebet bei tieferer Betrachtung viele Gemeinsamkeiten von Juden und Christen aufzeigt – dies gilt zumal für die Heiligung des Namens Gottes, die bereits im dritten Gebot Gottes erwähnt wird: „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen!“ – Positiv formuliert bedeutet dies: „Du sollst den Namen Gottes heilig halten.“ 

Der jüdische Gelehrte verdeutlichte sodann, dass diese Heiligung nicht nur in Worten   – etwa durch Gebete und Hymnen  –  geschehen, sondern auch durch Taten vollzogen werden soll. Unser ganzes Glaubensleben im Alltag diene der Ehre Gottes, der Heiligung seines Namens, denn Gottes Name JAHWE ist zugleich Ausdruck seines Wesens: Ich bin der ICH BIN. Der Ewige ist der Schöpfer des Alls und zugleich unser „Vater im Himmel“.

Die Vorstellung mancher Christen, die Anrede „Vater“ sei den damaligen Juden zur Zeit Jesu ganz fremd gewesen, es handle sich dabei um eine völlige Neuheit, trifft durchaus nicht zu. Schließlich ist unser Erlöser nicht isoliert zu sehen, sondern im Kontext seines jüdisches Volkes und Landes. Die Anrufung des himmlischen „Vaters“ findet sich sowohl im Alten Testament (Hebräische Bibel) wie auch im Gebetsleben der Synagoge.

Freilich hat Christus dieser Anrede durch das aramäische Wort „Abba“ (Väterchen, Papa) einen besonders vertrauten Klang verliehen und hierbei das Vatersein des Schöpfers stärker (als bei Juden damals üblich) ins Zentrum gerückt, indem er das Paternoster (Vaterunser) damit eingeleitet hat.

Dompfarrer Köppen und der Landesrabbiner sprachen abwechselnd nacheinander  – wie in einem Dialog  – Betrachtungen und Gebete, die zum Vaterunser passen: entsprechende Psalmen über die Heiligung des göttlichen Namens, Abschnitte aus der Tora (Fünf Büchern Moses), den Propheten und der jüdischen Gebetstradition, besonders der Amida (zentrales Gebet der Synagoge)

BILD: Spruch am Eingang der Synagoge in Münster: „Mein Haus ist ein Bethaus für alle Völker!“

Mehrfach sang der Rabbi zwischen diesen Betrachtungen hebräische Hymnen und Lobpreisungen Gottes.

Zudem wurden Worte Christi aus dem Neuen Testament vorgelesen, so zitierte Dr. Navon etwa folgende Aussage: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Mt 11,30).

Der katholisch-jüdische Abend im Dom, der mit dem priesterlichen Segen Köppens beendet wurde, hat einmal mehr das reiche Fundament theologischer und spiritueller Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Juden verdeutlicht, ohne dass die allgemein bekannten Unterschiede geleugnet worden wären.

Erfreulich war zudem, dass die Besucher der Andacht eine Broschüre mitnehmen konnten, die sich eingehend mit Inhalt und Ablauf des geistlichen Themenabends befaßt. Schade aber, dass darin das Buch nicht erwähnt wird, das Dr. Navon gemeinsam mit dem kath. Theologen Prof. Dr. Thomas  Söding schrieb:  „Gemeinsam zu  Gott beten  –  Eine jüdisch-christliche Auslegung des Vaterunsers.“

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

 


Seltener Fund in Israel: Siegelabdruck und antiker Stempel mit biblischen Namen

Ein Siegelabdruck (siehe Foto) und ein 2600 Jahre alter Stempel mit hebräischen biblischen Namen wurden während der Ausgrabungen des Givati-Parkplatzes im Nationalpark der Davidsstadt gefunden.

Bei dem Ort der Artefakte handelt es sich offenbar um ein antikes öffentliches Verwaltungsgebäude. Dieses wurde anscheinend durch ein Feuer im 6. Jahrh. v. Chr. zerstört – vermutlich im Zuge der babylonischen Eroberung.

Antiker Siegelabdruck

Zu dieser Schlussfolgerung kamen Prof. Yuval Gadot (Universität Tel Aviv) und Dr. Yiftah Shalev (israelische Altertumsbehörde), die Leiter der Ausgrabung, da am Fundort große Mengen Steinreste, verbrannte Holzbalken und zahlreiche verkohlte Keramikscherben entdeckt wurden.

Das Besondere an beiden Funden sind die Namen, die im Siegelabdruck und im Stempel zu lesen sind. Der Siegelabdruck, datiert auf die Zeit des Ersten Tempels, enthält die Wörter „[Eigentum] von Nathan-Melach, Bediensteter des Königs (LeNathan-Melech Eved HaMelech)“. Es handelt sich hierbei um den ersten archäologischen Beweis für den aus dem aus Könige 23:11 bekannten biblischen Namen.

Dem biblischen Text zufolge handelt es sich bei Nathan-Melech um einen Beamten am Hofe von König Josiah. 

Dr. Anat Mendel-Geberovich (Hebräische Universität), welche beide Artefakte entzifferte, erklärt, dass die gefundene Bulla, ein kleines Stück Ton, welches in der Antike verwendet wurde, um Briefe zu versiegeln, um die erste Erwähnung des Namens Ikar handele. Die Siegelinschrift liest sich wie folgt: „[Eigentum] von Ikar Sohn von Matanyahu (Lelkar Ben Matanyahu).“

Die meisten Siegel werden nicht im Laufe von organisierten archäologischen Ausgrabungen gefunden, sondern auf dem Antiquitätenmarkt. Die Tatsache, dass beide Artefakte in einem klaren archäologischen Kontext entdeckt wurden, erleichtert ihre genaue Datierung immens.

Außerdem gibt der Fundort ein klares Indiz für das hoch entwickelte Verwaltungssystems im Königreich Judäa während der Zeit des ersten Tempels. 

Quelle: Außenministerium des Staates Israel – Foto: Eliyahu Yanai / City of David


Warum Deutsch eine jüdische Sprache ist

Von Chaim Noll

In einer Diskussion an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva über die Zukunft der deutsch-jüdischen Literatur ließ die aus Wien stammende, heute in Amerika lebende Schriftstellerin Ruth Klüger den Satz fallen: „Deutsch ist eine jüdische Sprache“.

Niemand widersprach. Als wir vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal eine Konferenz über deutsch-jüdische Literatur an der Ben Gurion Universität veranstalteten, eine Konferenz, auf der zwangsläufig deutsch gesprochen wurde, obwohl die offizielle Konferenzsprache vorsichtshalber Englisch war, kam es zu Unmutsäußerungen der Bevölkerung.

FOTO: Unser Gast-Autor Chaim Noll ist deutsch-jüdischer Schriftsteller und lebt in Israel

Lange haben die deutschen Einwanderer in Israel ihre Sprache verleugnet. Viele haben innerhalb ihrer Familien nicht mehr Deutsch gesprochen, ihren Kindern und Enkeln die frühere Muttersprache vorenthalten, eine Sprache, in der Juden über Jahrhunderte in Deutschland, Österreich-Ungarn, der Schweiz, in Teilen Polens, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern eine Sprachheimat hatten, in der sie ihre Geschäfte machten, an den Universitäten unterrichteten und literarisch brillierten.

In den frühen Kibuzim war es regelrecht verboten, deutsch zu sprechen, obwohl oder gerade weil ihre Erbauer oft zu einem großen Teil aus deutschsprachigen Ländern und Gebieten stammten.

Zum einen sollte die drakonische Maßnahme dem aus alten Büchern wiederbelebten Neu-Hebräisch helfen, sich in der extrem multikulturellen, aus aller Welt eingewanderten, etwa zweihundert Muttersprachen sprechenden jüdischen Bevölkerung des britischen Mandatsgebiets Palästina, später des jungen Staates Israel durchzusetzen.

Zweitens galt der deutschen Sprache die tiefe Aversion der Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland und den besetzten europäischen Ländern – die Sprache wurde absurderweise mit den Nazi-Tätern identifiziert, obwohl diese sie weder liebten noch wirklich beherrschten.

Daher war es in Israel über Jahrzehnte allgemeine Verabredung, die deutsche Sprache zu ignorieren und zu verachten. Trotz der damit verbundenen Einbußen:

So konnte fast niemand mehr – auch kaum ein Fachwissenschaftler – die Werke der Gründerväter des neuen Staates im Original lesen, denn Theodor Herzl, Moses Hess, Nathan Birnbaum und viele führende Zionisten schrieben deutsch. In dieser Sprache verständigte sich die Szene des säkularen Zionismus, deutsch führte sie ihre Debatten und Korrespondenzen, organisierte sie ihre Strukturen und Kongresse.

Deutsch scheint auch die Sprache der gebildeten Juden im Osten gewesen zu sein: Leo Pinsker, geboren in der Wojewodschaft Lublin im östlichsten Polen und russischer Staatsbürger, verfasste 1882 sein zionistisches Grundsatzpapier „Autoemancipation. Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“ auf Deutsch – er sprach Russisch nur mittelmäßig, Hebräisch gar nicht und Jiddisch lehnte er als „Jargonsprache“ ab.

Feststellung des Verlusts

Auch die Gedankenwelt der deutsch-jüdischen Philosophie blieb fast allen Israelis in ihrer sprachlichen Subtilität verschlossen, sei es das Werk von Moses Mendelssohn, von Abraham Geiger, Franz Rosenzweig, Hermann Cohen, oder das Schrifttum eines für Israels religiöse Bevölkerung wegweisenden Rabbiners wie Samson Rafael Hirsch aus Frankfurt, der seinen berühmten, von Hunderttausenden Juden in aller Welt studierten Tora-Kommentar selbstverständlich in seiner deutschen Muttersprache schrieb. 

Sogar ein Sprachwissenschaftler und Islam-Forscher wie Ignaz Goldziher verfasste damals, obwohl er in Budapest lebte und lehrte, seine umfangreichen Bücher in deutscher Sprache.

FOTO: Die Menora  – der siebenarmige Leuchter  – ist neben dem Davidstern ein bekanntes Symbol des Judentums

Schon Mendelssohn hatte im späten achtzehnten Jahrhundert so nachdrücklich auf Deutsch als Sprache philosophischer Theorie und schöngeistiger Literatur insistiert, dass er seinen König, Friedrich den Zweiten von Preußen, für deren Vernachlässigung kritisierte.

In seinen um 1770 erschienen Literaturbriefen bedauert er, dass Friedrichs Gedichtsammlung  Poésies diverses nicht in deutscher, sondern französischer Sprache geschrieben war: „Welcher Verlust für unsere Muttersprache (sic!), dass sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht!“

Israelische Leser, der deutschen Sprache entwöhnt, blieben auf englische oder hebräische Übersetzungen angewiesen, um die Gedanken deutschsprachiger Denker zu rezipieren, obwohl noch die eigenen Eltern oder Großeltern diese Sprache gesprochen und gelesen hatten.

Dabei waren gerade die philosophischen und theologischen Vordenker der jüdischen und israelischen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit ihren an Kant und der deutschen Philosophie-Sprache geschulten Schachtelsätzen, Substantivierungen und kühnen Begriffsschöpfungen oft nicht adäquat übersetzbar.

Texte von Abraham Geiger, Franz Rosenzweig oder Rabbi Samson Raphael Hirsch kann eigentlich nur ein Kenner der deutschen Sprache in all ihren Feinheiten verstehen.

Deutsch-jüdische Literatur

Am stärksten litt die Rezeption der deutsch-jüdischen Literatur. Seit Jahren erbe ich Bücher aus opulenten deutschsprachigen Bibliotheken, deren Besitzer sterben, ohne dass jemand in ihrer Familie mit ihren Schätzen etwas anfangen könnte, mit den berühmten Erstausgaben der jüdischen Verlage der Weimarer Republik und Österreichs, Samuel Fischer, Kurt Wolff, Czolnay, Cassirer, den in Leder gebundenen Kunstbänden von Klemperer und Meyer-Graefe, den Romanen, Novellen, Gedichten von Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Harden, Wassermann, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig, Julius Bab, Kafka, Max Brod, Franz Werfel, Feuchtwanger, Schalom Asch. 

Diese oft hundert Jahre alten Bücher, in einer heute vergessenen Grandezza der Ausstattung, mit kostbaren Einbänden, Vorsatzpapieren, Vignetten und Illustrationen, mit Golddruck und seidenen Lesebändern, fallen mir in den Schoß – einzig aus dem Grund, weil ich  deutsch lesen kann.

Und so sehr mich die unerwarteten Geschenke freuen, die mir manchmal kistenweise ins Haus kommen und wunderbare Lesestunden bescheren, so sehr bedauere ich, dass die eigentlichen Erben, die in Israel geborenen Kinder und Enkel der Verstorbenen, unfreiwillig darauf verzichten müssen.

Die Literatur der Juden in deutschsprachigen Ländern ist ein für das heutige westliche Selbstverständnis bedeutendes Phänomen, indem sie den über Jahrhunderte währenden Prozess der Einwanderung und Akkulturation in diesen Ländern widerspiegelt.

Deutsch-jüdische Literatur reflektiert gesellschaftliche Verhältnisse über einen Zeitraum von fast zwei Jahrtausenden. Die erste bekannte Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland in einem Edikt Kaiser Constantins aus dem Jahre 321 lässt auf noch frühere Existenz von Juden im deutschen Sprachraum schließen, da in diesem Edikt bereits von einer reichen, etablierten Gemeinde in Colonia, dem heutigen Köln, die Rede ist, von deren Repräsentanten der römische Kaiser verlangt, endlich ihrer Bedeutung entsprechende öffentliche Ämter zu bekleiden.

Frühe Gemeinden bestanden vermutlich bereits um die Zeitenwende, in den römischen Gründungen entlang des Rheins, in Garnisonsstädten in Süddeutschland, vor allem in Bayern und Franken, ferner – gleichfalls früh bezeugt – im heutigen Österreich.

Auch Versuche jüdischer Dichter in der deutschen Sprache sind früh belegt, etwa des mysteriösen Süßkind von Trimberg aus Franken. Sein Auftauchen im Codex Manesse dokumentiert ihn als vergleichsweise frühen Autor in der erst relativ spät entstehenden deutschen Literatur.

Die sich im Mittelalter – gegenüber dem Reich Karls des Großen – verschlechternde Situation der Juden findet ihren Niederschlag im Rückgang literarischer Äußerung in deutscher Sprache.

Bekannt werden einige jüdische Disputanten, besonders Josel von Rosheim im späten 15. Jahrhundert, die in den öffentlichen Debatten, ausgelöst durch anti-jüdische Hetzschriften, die Position der Juden verteidigen und bei dieser Gelegenheit ihre Beherrschung der deutschen Hochsprache demonstrieren.

Die aus der deutschen Sprachöffentlichkeit verbannten Juden hinterlassen dafür eine umso tiefere Spur im hebräischen Schrifttum dieser Zeit, sowohl im talmudischen – am bekanntesten Rabbi Shimeon bar Izchak, genannt Raschi, in Mainz und Worms – als als auch in der hebräischen Poesie, wie Yehuda ha Chassid, Meir von Rothenburg, Shimeon bar Isaak und andere. 

Raschi gehört bis heute zu den meist gelesenen jüdischen Autoren weltweit. Eine besondere Entdeckung für deutschsprachige Leser seines berühmten Tora-Kommentars sind die gelegentlich im hebräischen Text auftauchenden deutschen Wörter, allerdings in hebräischen Lettern geschrieben, dort, wo Raschi meinte, das deutsche Wort drücke, was er sagen wollte, am prägnantesten aus.

Sie verraten ausgeprägtes Sprachgefühl im Deutschen, das Raschi perfekt beherrschte, wenn er sich dieser Sprache auch nicht offiziell bediente. Andere deutsch-jüdische Autoren dieser Jahrhunderte schreiben jiddisch wie Glückel von Hameln. Bis ins 18.Jahrhundert bleiben durchweg deutsch schreibende jüdische Autoren eine Ausnahme.

19. Jahrhundert: Emanzipation, Assimiliation und moderner Zionismus

Das änderte sich grundlegend mit der Befreiung der deutschen Juden aus dem Ghetto und ihrer beginnenden bürgerlichen Emanzipation. Ende des 18.Jahrhunderts gelangte die deutsch-jüdische Literatur zu ihrer eigentlichen Ausprägung und  Bedeutung.

Ihre Entfaltung ging einher mit der haskalah-Bewegung, die innerhalb des deutschen Judentums für größere Öffnung gegenüber der deutschsprachigen Kultur und stärkere Assimilation plädierte. Bei einigen deutschsprachigen Autoren dieser Zeit ging die Annäherung bis zum religiösen Übertritt ins Christentum, bei Rahel Varnhagen, Heine und Börne, auch beim jungen Karl Marx.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangten die Juden in Deutschland bis zu einem gewissen Grad die bürgerliche Gleichstellung, stießen jedoch noch immer auf unüberwindliche Barrieren (keine Professuren, Verbeamtungen etc.).

Die Schaffung des Identitätsraums „Jude in Deutschland“ und Probleme im Spannungsfeld „Assimilation – jüdisches Selbstgefühl“ stehen im Mittelpunkt der literarischen Auseinandersetzung der bedeutenden deutsch-jüdischen Autoren dieser Zeit.

Rasch entstand eine jüdische Belletristik in deutscher Sprache mit namhaften, viel gelesenen Romanciers, Poeten und Dramatikern wie Berthold Auerbach, Karl Emil Franzos, Fanny Lewald oder dem frühen Nobelpreisträger Paul Heyse. Andere beteiligten sich als politische Publizisten und Redner aktiv an der Durchsetzung der bürgerlichen Rechte in Deutschland, etwa Johann Jacoby, von dem der berühmte Satz stammen soll: „Es ist  das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen.“

Jüdische Autoren waren maßgeblich an der Entstehung einer kritischen Publizistik beteiligt (die in Deutschland bekanntermaßen sehr viel später als anderswo aufkam), Moritz Saphir, Ernst Dohm oder Julius Rodenberg, vor allem der fulminante Maximilian Harden, der mit Hilfe seiner Zeitschrift Die Zukunft führende Politiker des wilhelminischen Deutschland in große Bedrängnis brachte.

Die Mitwirkung der deutschen Juden am Aufstieg des deutschen Kaiserreichs erreichte ihren Höhepunkt in den sogenannten „Goldenen Jahrzehnten“ der deutschen Juden zwischen der Reichsgründung 1871 und den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Von Anbeginn waren deutsche Juden aktiv am Aufbau des deutschen Reiches beteiligt, auf fast allen Gebieten, darunter auch – für die Öffentlichkeit am meisten spürbar – als Politiker und Parlamentarier, die schriftstellerisch hervortraten.

Auf der anderen Seite beeinflussten jüdische Denker weitgehend das Profil der Opposition, vor allem des deutschen und österreichischen Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Marx, Bernstein, Lassalle oder Rosa Luxemburg. Zur gleichen Zeit entstand die Literatur des modernen Zionismus, dessen bahnbrechende Schriften – politisch, wirtschaftlich oder religiös – wiederum von deutschsprachigen Autoren stammen.

Weimarer Republik: Jüdisch geprägte Kulturblüte

Andere leisteten Wesentliches bei der Errichtung und Profilierung der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, nach Ende des Weltkriegs. Parallele Entwicklungen vollzogen sich in Österreich, wo gleichfalls das Kaiserreich von einer Republik abgelöst wurde, in der wiederum Juden eine große öffentliche Rolle spielten.

Die noch in der Kaiserzeit üblichen Behinderungen für Juden entfielen, das religiöse Bekenntnis nahm keinen Einfluss mehr auf die Vergabe öffentlicher Ämter, so dass Juden in fast allen Bereichen und Rängen der Gesellschaft tätig werden konnten.

Der zunehmenden Integration stand jedoch ein wachsender Antisemitismus gegenüber, der zunächst von politischen Gegnern der Republik ausging, dann auf größere Kreise der Bevölkerung übergriff. Dennoch gelangten die deutschen und österreichischen Juden zu einer öffentlichen Bedeutung wie niemals zuvor.

Jüdische Publizistik gewann immensen Einfluss auf das öffentliche Klima, teilweise mit spektakulären Wirkungen auf deutschsprachige Öffentlichkeiten, Autoren wie Theodor Wolff, Alfred Kerr, Tucholsky oder Karl Kraus, teilweise begünstigt durch Medienkonzerne jüdischer Gründer (Ullstein, Mosse) und jüdische Buch- und Zeitschriftenverleger.

Auch viel gelesene Philosophen wie Hermann Cohen und Edmund Husserl, Sozialwissenschaftler wie Georg Simmel, Psychologen wie Alfred Adler, Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld gelangten zu einem die Epoche prägenden Einfluss.

Zugleich gewann die belletristische Literatur deutsch-jüdischer Autoren eine Breitenwirkung, die den „jüdischen Hintergrund“ der (meist stark assimilierten, gelegentlich zum Christentum konvertierenden) Autoren nicht selten vergessen machte und ihre – wenngleich illusorische – Identifikation mit der deutschen Literatur dieser Tage begünstigte, Schriftsteller von unterschiedlicher literarischer Qualität, doch großer Beliebtheit beim deutschsprachigen Publikum wie Georg Hermann, Joseph Roth, Alfred Döblin, Vicky Baum, Arthur Holitscher, Emil Ludwig, Mascha Kaleko oder Else Ury, Verfasserin der populären „Nesthäkchen“-Romane, die 1943, als fast Siebzigjährige, in Auschwitz vergast wurde.

Vor allem aber bildeten jüdische Autoren die Avantgarde der literarischen Moderne. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die modernen Literaturströmungen in der deutschen Literatur, etwa die expressionistische Lyrik und Dramatik, ihre wesentlichen Impulse von Juden erhielten, von Ernst Blass, Jakob van Hoddis, Paul Kornfeld und Alfred Ehrenstein als Lyriker, Carl Sternheim und Walter Hasenclever als Bühnenautoren.

Andere Autoren erwiesen sich als visionäre Gestalten für die intellektuellen Diskurse kommender Jahrzehnte, sowohl im Literarischen, wie Kafka und Walter Benjamin, als auch in Philosophie und Sozialwissenschaften wie Karl Popper, Hans Jonas oder Norbert Elias. Das moderne deutsche Theater und das junge Medium Film verdankten ihre wesentliche Inspiration jüdischen Künstlern (Otto Brahm, Max Reinhardt, Erich von Strohheim oder Fritz Lang), die aus ihren deutschsprachigen Entstehungsländern bis nach Hollywood übergriff.

Die Jahre der Weimarer Republik stellen ein einzigartiges Phänomen von Kulturdurchdringung dar. Ein solcher Grad jüdischer Akkulturation ist in der langen jüdischen Geschichte fast beispiellos, vergleichbar allenfalls der Integration der Juden in den USA.

Als umso schrecklicher wurde der Absturz in die Katastrophe der Shoa empfunden. Eine englische Historikern beschreibt den beispiellosen Vorgang mit den Worten: „German Jewry, from the proudest, most assimilated, most secure of all European-Jewish communities, now became almost overnight a harried minority, struggling for unity and dignity under almost impossible conditions.”

NS: Jewish brain drain und deutsche Kulturkatastrophe

Judenhass war eins der zentralen Motive der Nationalsozialistischen Bewegung, die 1933 in Deutschland zur Macht kam. Dennoch gründeten in Deutschland verbliebene jüdische Künstler und Intellektuelle 1933 den „Kulturbund deutscher Juden“, um das über Jahrhunderte gewachsene Werk deutsch-jüdischer Kultur fortzusetzen.

Die Nationalsozialisten stimmten unter der Bedingung zu, dass sich der Kulturbund ausschließlich zu „jüdischer Thematik“ und für ein jüdisches Publikum äußerte: an Stelle der bisherigen Assimilation der deutschen Juden trat also zunächst ihre Segregation, dann, mit den 1935 erlassenen Nürnberger Rasse-Gesetzen, ihre Kriminalisierung und Verfolgung.

Allerdings arbeiteten jüdische Verlage und Zeitschriften noch bis weit in die Dreißiger Jahre und hielten sich dabei an ihre früheren editorischen Konzepte. So veröffentlichte der S.Fischer Verlag noch 1936 Thomas Manns biblisch orientierte Josephs-Romane, der Schocken-Verlag noch bis Frühjahr 1939 eine ganze Reihe mit Büchern jüdischer Autoren.

Rund eine Viertelmillion deutscher Juden emigrierte in diesen Jahren ins Ausland, infolgedessen entstand eine über alle Welt verstreute deutsch-jüdische Exil-Literatur mit Vertretern selbst an entlegenen Orten wie Neuseeland (Karl Wolfskehl) oder Mexiko (Anna Seghers), massiert jedoch in Nordamerika (Ernst Toller, Richard Beer-Hofmann, Bruno Frank, Siegfried Kracauer, Hermann Broch, Soma Morgenstern, Moritz Goldstein oder Hans Sahl), Westeuropa (Nelly Sachs, Alfred Wolfenstein, Ernst Sommer, F.B.Steiner, Ludwig Winder, Gabriele Tergit, Arthur Koestler, Manes Sperber, Mynona) und im späteren Israel (Else Lasker-Schüler, Max Brod, Martin Buber, Shalom Ben-Chorin, Ludwig Strauss, Gershom Sholem, Manfred Sturmann, Arnold Zweig, Werner Kraft, Leo Perutz, Anna Maria Jokl).

Aus dem Rückblick gesehen, trug die NS-Zeit eher zur Stärkung der deutsch-jüdischen Literatur als –  wie von den Nazis beabsichtigt – zu ihrer Zerstörung bei. Auch unter „fast unmöglichen Bedingungen“ entstand bedeutende deutsch-jüdische Literatur in Nazi-Deutschland oder Österreich (so wurde etwa der Roman „Weg ohne Ende“ des später nach Palästina emigrierten Gerson Stern überhaupt erst 1934 geschrieben und 1935 von der Jüdischen Rundschau in Deutschland veröffentlicht) und weltweit im Exil. 

Die Exil-Autoren erbrachten den Beweis für die Autonomie der deutsch-jüdischen innerhalb der deutschsprachigen Literatur, da sich während der zwölf Jahre erzwungenen Exils herausstellte, dass deutsch-jüdische Literatur auch außerhalb ihrer Herkunftsländer, in fremden Sprach-Umgebungen, gedeiht und fortbesteht.

Die wenigen Juden, die sich nach 1945 in Deutschland und Österreich befanden oder dorthin zurückkehrten, betraten ruinierte, demoralisierte Länder. (Einzig in der Schweiz gab es keine drastische Milieuveränderung.)

Dabei verlief die Entwicklung jüdischen Lebens unterschiedlich in beiden deutschen Nachkriegsstaaten und in Österreich. Für die jüdischen Intellektuellen, die aus dem Exil zurückkehrten oder in deutschsprachigen Ländern überlebt hatten, war die sich wandelnde öffentliche Stimmung im Zuge der „Vergangenheitsbewältigung“ entscheidend.

Die für eine konsequente „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit eintretende 68er Generation wandte sich den literarischen, philosophischen oder soziologischen Texten deutsch-jüdischer Autoren zu, deren einige, etwa Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Hannah Arendt oder Erich Fromm, zu Ikonen dieser Bewegung wurden.

Auch belletristische Autoren und Dichter gelangten zu einiger Bedeutung in der Literaturszene der jungen Bundesrepublik, Hilde Domin, Rose Ausländer, Wolfgang Hildesheimer, Hermann Kesten und Edgar Hilsenrath.

In der DDR wurde die Notwendigkeit einer jüdischen Kontinuität geleugnet, das Dasein der wenigen Juden marginalisiert und die Literatur jüdischer Autoren ausschließlich im Kontext ihrer Parteinähe geduldet, nur wenige wagten oppositionelle Regungen (Stefan Heym, Jurek Becker).

Im Österreich der Nachkriegszeit blieb die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit lange Zeit halbherzig, dennoch fanden dort etliche jüdische Autoren einen dauerhaften Ort, Hilde Spiel, Ilse Aichinger, Friedrich Torberg, Heinrich Eduard Jacob, Elfriede Jellinek oder Robert Schindel. In allen deutschsprachigen Ländern, auch in der Schweiz (Margarete Susman, Robert Neumann, André Kaminski, Salcia Landmann, Hans Habe), gab es bald nach dem Krieg wieder deutsch-jüdische Autoren, darunter prominente und einflussreiche.

Juden in deutsch-sprachigen Nachkriegsliteraturen

Die deutsch-jüdische Literatur war durch die Jahre der NS-Herrschaft geschädigt worden, aber nicht verstummt. Zu den Überlebenden und Rückkehrern aus dem Exil gesellten sich jüngere Autoren, Kinder von „Remigranten“ oder von den wenigen in Deutschland und Österreich Überlebenden. Zudem wurden Deutschland und Österreich in den folgenden Jahrzehnten Einwanderungsländer für Juden aus Osteuropa und der Sowjetunion, von denen einige literarisch hervortraten, nach erfolgreichem Wechsel aus der früheren Muttersprache ins Deutsche.

Andere deutsch-jüdische Autoren blieben im Exil, veröffentlichen von dort aus in deutschen Verlagen und nehmen Einfluss auf das geistige Leben ihrer deutschsprachigen Lese-Länder. Einige nach dem Krieg geborenen Autoren verließen ihr deutschsprachiges Herkunftsland, leben dauernd im Ausland und veröffentlichen dennoch weiterhin in deutscher Sprache ihre Bücher.

Schon angesichts der stark gestiegenen Zahl von Juden in Deutschland und Österreich wird die Bedeutung der deutsch-jüdischen Literatur weiter zunehmen. Die Zahl deutsch-jüdischer Autoren ist im Steigen, ermutigt von der wachsenden Zahl ihrer Leser. Ihre Veröffentlichungen wirken sich schon jetzt wohltuend auf das geistige Klima, die Dialogkultur und Weltoffenheit Deutschlands aus.

Auch unter jungen Israelis erlebt die deutsche Sprache in diesen Tagen einen enormen Prestigegewinn, Tausende lernen gegenwärtig diese Sprache, um eine Zeit lang in Deutschland zu leben oder zu Zwecken wissenschaftlicher und beruflicher Arbeit  in ihrem Heimatland.

Der Bann scheint gebrochen, der Zugang zu den Schätzen deutsch-jüdischen Denkens und Schreibens von neuem geöffnet. Nach Jahrzehnten der Bedrohung freuen wir uns über die Begegnung kommender Generationen mit dem geistigen Fundus der zweitausendjährigen deutsch-jüdischen Vergangenheit.

Obwohl ich seit zwanzig Jahren in Israel lebe, habe ich mich vor einiger Zeit entschlossen, meine Bücher wieder in deutscher Sprache zu schreiben. Dem war eine Periode der Abwendung vorangegangen, eine Annäherung an andere Sprachen und ihre Ausdrucksmöglichkeiten, über Jahre mochte ich deutsch weder lesen noch schreiben.

Doch nach einigem Nachdenken habe ich verstanden, dass die Vorgeschichte deutsch-jüdischer Literatur und Geistesarbeit zu bedeutsam ist, zu grandios und zu einzigartig, um sie wegen der zwölf Jahre Naziherrschaft für beendet anzusehen oder aufzugeben.

Ein junger Israeli, den ich kürzlich auf dem Flughafen in Tel Aviv beim Einchecken nach Berlin kennenlernte, erzählte mir, er wolle eine Weile in meiner Geburtsstadt leben, um die Sprache zu lernen. Seine Großmutter stamme aus Berlin, hätte aber in Israel niemals mehr Deutsch gesprochen.

Mit der Zeit sei daher in ihm so etwas wie eine Sehnsucht entstanden, eine Sehnsucht nach der deutschen Sprache, wie nach einem Erbe, das man ihm vorenthalten hatte und in dem er – wie immer, wenn etwas verborgen und verschwiegen wird – besondere Geheimnisse und Köstlichkeiten vermutete.

Und da erinnerte ich mich, dass es mir einst mit dem Judentum, dem Land Israel und der hebräischen Sprache ähnlich gegangen war: gerade, weil ich in meiner Jugend fast nichts darüber lernen konnte, wurde die Sehnsucht danach so stark, dass ich ins Land der Juden auswanderte. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Möge es den jungen Israelis, die es heute nach Deutschland und in die deutsche Sprache zieht, genauso ergehen.

Internetpräsenz des Autors: http://chaimnoll.com/


Kulturtage in Halle präsentieren italienisch-jüdische Vokalmusik der Renaissance

Am Donnerstag, dem 26. Oktober 2017, geben Profeti della Quinta ein Konzert im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in Halle. Im Mittelpunkt des Konzerts steht Italienisch-Jüdische Vokalmusik der Renaissance.

Das Konzert mit jüdischer Musik der Renaissance und des Barock ist dem Werk des italienisch-jüdischen Komponisten Salamone Rossi  (1570 – 1630) gewidmet.

Sehr bekannt sind inzwischen seine Psalmvertonungen in hebräischer Sprache. Sie sind von außergewöhnlicher Schönheit und Eleganz und stehen der Kompositionskunst von Rossis Zeitgenossen, Claudio Monteverdi, in nichts nach.

Diesem Repertoire hat sich das weltbekannte Vokal-Ensemble Profeti de la Quinta (siehe Foto), das zuletzt beim A-Cappella-Festival in Leipzig stehende Ovationen erntete, angenommen.

Die größtenteils israelischen Sänger fühlen sich beim Singen in ihrer Muttersprache Hebräisch besonders wohl – und das merkt man ihrer Interpretation der Werke Rossis auch an.

Konzert am Donnerstag, 26. Oktober 2017, 19.30 Uhr
Ulrichskirche, Christian-Wolff-Str. 2 in 06108 Halle

Quelle: Kultur-Newsletter der israelischen Botschaft –  Foto © MEL ET LAC


Lina Barouch spricht am 13. Juli in Hamburg über deutsch-hebräische Sprachwelten

Am Donnerstag, den 13. Juli 2017,  hält Lina Barouch einen Vortrag über das Thema: „Zwischen Deutsch und Hebräisch. Über die „Gegensprachen“ von Gershom Scholem, Werner Kraft und Ludwig Strauss“. – Im Anschluß findet ein Gespräch statt.

Zwei Sprachen, zwei kulturelle Identitäten? So einfach ist es nicht. Es gibt ein „Dazwischen“, eine Zone des Unbenennbaren, des Schweigens zwischen den Sprachen. Umso mehr, wenn ein durch Emigration und Vertreibung erzwungener Sprachwechsel hinzukommt – ein heute wieder sehr aktuelles Thema.

Ausgehend von Paul Celans Rede vom „Gegenwort“ hat Lina Barouch mit dem Begriff einer „Gegensprache“ das Schreiben der drei deutsch-jüdischen Autoren Gershom Scholem, Werner Kraft und Ludwig Strauss  im sprachlichen Spannungsfeld zwischen Deutsch und Hebräisch untersucht.

Alle drei waren – wie Scholem 1923 freiwillig oder wie Kraft und Strauss nach 1933 gezwungenermaßen – aus Deutschland ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert.

Auf die damit verbundene Sprachkrise antworteten die Schriftsteller und Dichter auf jeweils sehr unterschiedliche Weise mit der einzigartigen Entwicklung einer „Gegensprache“, die dazu verhalf, die Erfahrung der eigenen sprachlichen Marginalisierung im spannungsvollen Verhältnis der zwei Sprachen kreativ zu gestalten. Dabei geht es sowohl um kulturelle Kontaktzonen als auch um Unüberbrückbares zwischen diesen Sprachen.

Lina Barouch ist Literaturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Literatur; sie arbeitet im Franz-Rosenzweig-Minerva-Forschungszentrum für deutsch-jüdische Kultur an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Vortrag und Gespräch am Donnerstag, den 13. Juli 2017, um 20 Uhr

Ort: Jüdischer Salon am Grindel e.V.
Grindelhof 59 in 20146 Hamburg

Quelle: Israelische Botschaft in Berlin


Nachdenklicher israelischer Spielfilm „Aviyas Sommer“ am 7.12.2015 in Berlin

Im Montagskino und im Rahmen des Begleitprogramms zur Kabinettausstellung „Im fremden Land“ zeigt das Jüdische Museum Berlin am 7. Dezember den Film „Aviyas Sommer“ von Eli Cohen.
„Aviyas Sommer“ (Ha-Kayitz Shel Aviya), Regie: Eli Cohen, Israel 1988, ca. 95 Min., Hebräisch mit deutschen Untertiteln

In den Sommerferien 1951, kurz nach der Gründung Israels, besucht die zehnjährige Aviya ihre depressive Mutter Henya in einem kleinen Dorf bei Tel Aviv.

Henya hat im Zweiten Weltkrieg in einem KZ die Shoah überlebt und ist nach der Befreiung nach Israel emigriert. Ihre Vergangenheit kann sie, gerade erst aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen, noch immer nicht verarbeiten. Mutter und Tochter stoßen in dem kleinen Dorf auf das Unverständnis der Einheimischen; sie werden verspottet.

Montag, 7. Dezember 2015, 19.30 Uhr
Ort: Jüdisches Museum, Altbau EG Auditorium, Lindenstr. 9 – 14, Berlin
Eintritt frei

Quelle: israelische Botschaft in Berlin