Nebel hat den Wald verschlungen…

HERBST

Schon ins Land der Pyramiden
flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage
streift der Wind das letzte Grün;
und die süßen Sommertage,
ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,
der dein stillstes Glück gesehn;
ganz in Duft und Dämmerungen
will die schöne Welt vergehn.

Nur noch einmal bricht die Sonne
unaufhaltsam durch den Duft,
und ein Strahl der alten Wonne
rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,
daß man sicher glauben mag,
hinter allem Winterleide
lieg‘ ein ferner Frühlingstag.

Theodor Storm (1817 – 1888)


SELIGES LAND: Herbstgedicht von Hölderlin

Seliges Land! Kein Hügel in dir
Wächst ohne den Weinstock,
Nieder ins schwellende Gras
Regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome
Den Fuß die glühende Berge,
Kränze von Zweigen und Moos
Kühlen ihr sonniges Haupt.
Und, wie die Kinder hinauf
Zur Schulter des herrlichen Ahnherrn,
Steigen im dunklen Gebirg
Vesten und Hütten hinauf.
Friedsam geht aus dem Walde
Der Hirsch ans freundliche Tageslicht;
Hoch in heiterer Luft
Siehet der Falke sich um.
Aber unten im Tal,
Wo die Blume sich nährt von der Quelle,
Streckt das Dörfchen vergnügt
Über die Wiese sich aus.

Friedrich Hölderlin


Nun prangt das Feld mit goldnen Garben…

Im Herbst
Nun prangt das Feld mit goldnen Garben,
Der Fruchtbaum hat sich tief gebückt
Und mit des Jahres dunklern Farben
Die Flur noch einmal sich geschmückt.

Doch schauern kalt die Abendwinde,
Die Tonne ward so krank und blaß;
Und leise zittert von der Linde
Das welke Laub ins welke Gras.

Ich ahne schon des Winters Tosen
Und gäbe gern, so karg ich bin,
Für eine Handvoll Frühlingsrosen
Des Herbstes ganzen Reichtum hin.

 Friedrich Wilhelm Weber


Die Natur und der Mensch auf seiner Bahn

Die Blumen schwanden, auch die letzten,

die Mensch und Tier und Flur ergötzten

mit Blütenduft und Farbengold.

Doch alle keimten, wuchsen, blühten,

und ehe sie im Herbst verglühten,

erfüllten sie, was sie gesollt.

Dr. Pelz.

Laß meines Lebens Herbst erst kommen,

o HERR, wenn ich zu Nutz und Frommen

der Welt gewirkt auf meiner Bahn.

Ruf mich zu Dir an jenem Tage,

wo ich mit Zuversicht mir sage:

Was ich gesollt, hab ich getan!

Ludwig Kossarski

Foto: Dr. Bernd F. Pelz


Karl von Gerok: HERBST-Gefühl

Herbst-Gefühl

                                                               Steinbachtalsperre-002-2
Müder Glanz der Sonne!
Blasses Himmelblau!
Von verklungner Wonne
Träumet still die Au.
An der letzten Rose
Löset lebenssatt
Sich das letzte lose,
Bleiche Blumenblatt!
Goldenes Entfärben
Schleicht sich durch den Hain!
Auch Vergehn’n und Sterben
Däucht mir süß zu sein.
 
Karl von Gerok (1815 – 1890)

 Foto: Dr. Bernd F. Pelz