Gedenktag des sel. Berthold von Regensburg

Anlässlich des Gedenktags des seligen Berthold von Regensburg hat Bischof Dr. Rudolf Voderholzer am Montagabend im Dom St. Peter ein Pontifikalamt gefeiert.

In den vergangenen Jahren war der Gottesdienst in der Minoritenkirche gefeiert worden, in der der Selige gewirkt hatte und auch zunächst bestattet worden war. Aufgrund der Situation fand der Gottesdienst in diesem Jahr im Dom statt.

Auch diese Verlegung ist eine Verwirklichung des bereits sprichwörtlichen „Wir lassen nichts ausfallen, wir lassen uns etwas einfallen“.

Bischof Dr. Gerhard L. Müller hatte als Oberhirte von Regensburg die Tradition begründet, in der seit rund 200 Jahren profanierten Kirche wieder die heilige Messe zu Ehren des Seligen zu feiern.

Berthold von Regensburg war weit über die Mauern der Stadt hinaus als kräftiger Prediger bekannt. Bischof Rudolf nannte ihn „einen der großen Prediger und besonders auch Bußprediger“. Er gratulierte allen, die den Namen des Seligen tragen, so z.B. Diakon Berthold Schwarzer, der an diesem Abend am Altar assistierte.

Die Reliquien des seligen Berthold waren eigens aus der Bischofsgruft empor getragen worden. Der Holzschrein, der die sterblichen Überreste des Seligen enthält, wurde nur vom Schein zahlreicher Kerzen erleuchtet.

In seiner Predigt verwies der Bischof auf die sehr dunkle Zeit, in der der Text des Adventsliedes „O Heiland reiß die Himmel auf“ aus der Feder des Jesuiten Friedrich von Spee (1591 – 1635) entstanden war. Von Spee hatte ihn während des grausamen Dreißigjährigen Krieges getextet. Schwierige Zeiten: Er hatte sich gegen das Phänomen des Hexenwahns gestellt, das in der Neuzeit wiederholt aufgetreten war.

Überhaupt gelte es, die christliche Hoffnung, auch und gerade in schweren Zeiten nicht aufzugeben, sagte der Bischof von Regensburg.

Zur Vita des seligen Berthold: Wohl um 1210 in Regensburg geboren, trat Berthold im Jahre 1226 in die Gemeinschaft der Minderbrüder, der Franziskaner, ein. Hunderte, gar tausende Zuhörer nennen die Chronisten bei den Predigten des seligen Berthold von Regensburg, der sich als wortgewaltiger und weitgereister Prediger einen Namen machte. Von ihm sind rund 400 lateinische und 70 mittelhochdeutsche Mitschriften von Predigten in ganz Europa überliefert. Die Volkspredigt war in Zeiten, in denen nur wenige Menschen des Lesens und Schreibens mächtig waren, ein Massenmedium.

Berthold verstarb wohl am 13. oder 14. Dezember 1272 in Regensburg und wurde zunächst in der Minoritenkirche im südlichen Seitenschiff beigesetzt. Im Zuge der Klosterauflösung vor gut 200 Jahren im Rahmen der Säkularisation wurde seine Grabplatte in einem Privathaus verbaut, 1862 wiederentdeckt und dann im Domkreuzgang platziert. Bertholds Grabplatte hat heute ihren Platz wieder zentral im Chorraum der Minoritenkirche.

Quelle (Text / Fotos): Bistum Regensburg


Das herausragende Wirken katholischer Kleriker in Kunst, Wissenschaft und Kultur

Von Prälat Ulrich KüchlPrälat Küchl

Das Versagen der kirchlichen Hierarchie, wenn es um die Beurteilung des Verhältnisses zwischen Kultur und Religion ging, ist sozusagen ein Dauerbrenner für die Kritiker der Kirche.

Vergleichsweise unbeachtet geblieben sind dagegen die das europäische Kulturleben prägenden Verdienste des Klerus auf den Gebieten von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Auch der Versuch des Autors Sebastian Brunner, durch sein 1863 in Wien erschienenes Buch „Die Kunstgenossen in der Klosterzelle“ die Verdienste des Klerus zu würdigen, hatte in dieser Hinsicht wenig Erfolg.

Mit einem kurzen und bei weitem unvollständigen Überblick möchte ich versuchen, die Verdienste einiger bedeutender Priester und Kleriker entsprechend zu würdigen:

Niklas Koppernigk (lateinisiert Nikolaus Kopernikus) lebte von 1473 bis 1543 im Ermland, einem heute nicht mehr bestehenden Kleinstaat (nunmehr als „Warmia“ Bestandteil der Republik Polen) und war Domherr bei seinem Onkel, dem Fürstbischof Lucas von Watzenrode. Mit seinem astronomischen Werk „De revolutionibus orbium coelestium“ schuf er ein neues Weltbild, das heliozentrische, noch vor Galilei und Kepler. Ein gedrucktes Exemplar seines Werkes konnte er kurz vor seinem Tod erhalten.

Friedrich Spee SJ, ein Rheinländer, lebte von 1591 bis 1635. Er war Priester und Jesuit  –  und als solcher ein hingebungsvoller Seelsorger. Mit seinem epochemachenden Buch „Cautio criminalis“ bekämpfte er die damaligen Wahnideen der Hexenverfolgung. Darüber hinaus war er einer der bedeutendsten Lyriker der Barockzeit. Nur Wenige wissen, dass zB. die Lieder „O Heiland reiß die Himmel auf“ und „Zu Bethlehem geboren“ aus seiner Feder stammen. flyerstralsund2

Andrea Pozzo SJ aus Trient, lebte von 1642 bis 1709. Er  war Jesuit, aber kein Priester. Seine perspektivischen Deckenmalereien in Sant Ignazio in Rom und in der Jesuitenkirche in Wien zählen zu den großartigsten Kunstwerken des Barock. Sein Lehrbuch „Perspectivae pictorum atque architectorum“ wird heute noch geschätzt.

Antonio Vivaldi, ein venezianischer Priester, lebte von 1678 bis 1741. Er zählt zu den bedeutendsten Komponisten des Barock. Selbst Johann Sebastian Bach hat seine Werke bewundert, die heute noch weit verbreitet sind. Zu seinen bekanntesten Kompositionen zählen seine Violinkonzerte und das Orchesterwerk „Die 4 Jahreszeiten“.

Franz Liszt (ungar. Liszt Ferenc) wurde 1811 in Raiding (Deutsch-Westungarn) geboren und starb 1886 in Bayreuth. Er ist einer der größten Pianisten und Komponisten des 19. Jahrhunderts, sein Werk umfasst 702 Titel. Nach einem sehr bewegten Leben wurde er 1865 ein Kleriker durch den Empfang der Niederen Weihen, führte den Titel Abbe und trug fortan stets geistliche Kleidung.

Gregor Mendel, 1822 in Österreichisch-Schlesien geboren und gestorben 1884 in Brünn (Brno), war Priester und Abt von St. Thomas in Brünn. Als Naturforscher entdeckte er die nach ihm benannten Erbgesetze. Obwohl zu seiner Zeit kaum beachtet, war er doch der Begründer der epochemachenden Genforschung und gilt als „Vater der Genetik“.

Pierre Teilhard de Chardin SJ, lebte von 1881 bis 1955. Er war Priester und Jesuit. Berühmt wurde er durch sein Wirken als Paläontologe, Archäologe, Philosoph und Schriftsteller. Seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse verarbeitete er philosophisch-theologisch zu einem grandiosen, aber auch umstrittenen Weltbild der Zukunft.media-FZMqzvujo1V-2

Georges Lemaitre, lebte von 1894 bis 1966 in Belgien. Er war Priester und Physiker, Prälat und Univ.-Professor sowie Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften; er wurde von Albert Einstein als Kollege sehr geschätzt. Seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung stellt die „Urknall-Theorie“ vom Beginn des Weltalls dar. Noch kurz vor seinem Tod erfuhr er von der Bestätigung seiner Theorie, die bis heute von der Mehrheit der Physiker und Astronomen anerkannt wird.

Johann Pretzenberger, geboren 1897, gestorben 1973, stammt aus Niederösterreich. Er war Priester, Prälat, Komponist und Domkappellmeister in St. Pölten. Einige seiner kirchenmusikalischen Werke sind noch heute Bestandteil des Repertoires vieler Kirchenchöre.

Josef Elter, ein in Kernei (heute serbisch) geborener Donauschwabe, lebte von 1926 bis 1997. Er war Priester, Pfarrer und Dechant im niederösterreichischen Traunstein und zugleich Graphiker und Bildhauer. Zahlreiche Ausstellungen seiner Werke in ganz Europa machten ihn zu einem international bekannten Künstler.

Augustinus Franz Kropfreiter war nicht Priester, aber Augustiner-Chorherr im oberösterreichischen Stift St. Florian. Er lebte von 1936 bis 2003 und wirkte als Stiftsorganist und Komponist. Er zählt zu den bedeutendsten Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts und schrieb neben 3 Symphonien auch zahlreiche Werke für Kammermusik und Chöre.


Aufgeklärtes Mittelalter: Der „Kanon Episcopi“ warnte eindringlich vor dem Hexenwahn

Von Felizitas Küble

Oft wird im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung vom „finsteren Mittelalter“ besprochen, was aber historisch unsinnig ist, denn die systematische Ermordung der vermeintlichen Hexen begann erst Anfang des 16. Jahrhunderts und damit in der frühen Neuzeit. Von Julia Kesenheimer geschickt

Hingegen erwies sich das Mittelalter (vor allem das frühe Mittelalter und weitgehend auch das Hochmittelalter) nicht nur als immun gegenüber dem Hexenwahn, sondern bekämpfte ihn ausdrücklich  –  und zwar amtskirchlich-offiziell.

Erst im Spätmittelalter begann die Situation zu „kippen“. Die päpstliche „Hexenbulle“ von 1484, auf die sich der berüchtigte Hexenjäger Heinrich Kramer in Innsbruck (teilweise zu Unrecht) berief, vertrat zwar eine Bestrafung (Verhaftung) von Hexenmeistern und Zauberinnen, nicht jedoch ihre Ermordung.

Der Dominikanerpater Kramer  –  merkwürdigerweise ein glühender „Marienverehrer“  –  ging in seinem Fanatismus sehr viel weiter, zumal er vor allem das weibliche Geschlecht als hexenhaft verdächtigte; von diesem Inquisitor stammt jenes verhängnisvolle Buch mit dem Titel „Hexenhammer“, das den Hexenprozessen zugrundelag.

Dabei entstand dieses Buch als Rechtfertigungsschrift des Autors, denn zuvor hatte ihn der Bischof von Brixen, Georg Golser († 1489), des Landes verwiesen, weil er ihn und seine Hexenverfolgungen für verrückt hielt. Um sich gegen den kirchlichen Widerstand zu verteiden, schrieb Heinrich Kramer  – genannt „Insistoris“  –  also den „Hexenhammer“.

Ausgerechnet diese Erfahrung einer Niederlage führte also den Hexenmörder zum Verfassen seiner fatalen Schrift, die übrigens niemals kirchlich anerkannt wurde.

Der verirrte Geistliche hätte sich besser an der wahren, biblisch bezeugten Madonna orientieren sollen, die auf der Hochzeit zu Kana im Hinblick auf ihren göttlichen Sohn erklärte: „Was ER euch sagt, das tut!“  –   Jener merkwürdige Marienkult, der sich nicht an Christus und seinen Geboten orientiert, geht unfehlbar in die Irre.

Rein kirchenrechtlich gesehen war die „Hexenbulle“ allerdings nicht von Bedeutung (ganz zu schweigen vom absurden „Hexenhammer“). Das Schreiben von Papst Innozenz VIII. war ohnehin keine lehramtliche Erklärung, geschweige ein Dogma (sondern der Tendenz nach eine Verwaltungsverordnung)  –  und sie gelangte nicht in die Sammlung kirchlicher Rechtsvorschriften  –  sehr im Unterschied zum positiven „Canon episcopi“ aus dem Frühmittelalter, der sich eindeutig gegen den Hexenwahn ausspricht und diesen kirchlich bestraft sehen will. 038_35

Der Glaube an Hexen wird hier als unsinnige Einbildung und als ein vom Teufel verursachtes Wahngebilde abgelehnt, inbesondere der sog. „Hexensabbat“, wonach angeblich Frauen nachts mit dämonischer Kraft durch die Lüfte fliegen.

Diese Kirchenordnung war bis 1918 (also über tausend Jahre lang) Bestandteil des Kirchenrechts. (Bei der Kirchenrechtsreform 1918 hatte sich das Thema längst erübrigt.) Hingegen taucht die „Hexenbulle“ in keinem einzigen kanonischen Verzeichnis auf. (Gleichwohl ist ihre Wirkungsgeschichte natürlich äußerst schlimm und  verhängnisvoll.)

Zurück zum Kanon Episcopi bzw. „Canon episcopi“:

Diese kirchlichen Rechtsvorschriften aus dem 10. Jahrhundert fordern die Bischöfe und Priester auf, jene irrgläubigen Personen zurechtzuweisen und in hartnäckigen Fällen durch Ausschluß aus der Kirchengemeinschaft zu bestrafen, die den Glauben an Hexen verbreiten. Es werden darin „frevelhafte Frauen“ erwähnt, die sich einbilden (!) würden, „zusammen mit einer großen Anzahl anderer Frauen im Gefolge der heidnischen Göttin Diana auf Tieren nächtliche Flüge über große Strecken hinweg unternommen zu haben.“ bischof

Dieses frühmittelalterliche Werk verurteilt also den Hexenglauben und bezeichnet ihn sogar als teuflisch (er sei durch dämonisch inspirierte Einbildungen und Traumgesichte entstanden). Durch heidnische Vorstellungen und Wahngebilde würde, so wird in dem Dokument beklagt, dem Unglauben und Aberglauben im Volke Vorschub geleistet. 

Das ausgesprochen feministische und zudem sehr kirchenkritische Buch „Hexen“ von Erika Wisselinck würdigt diesen Kanon Episcopi als eine „für Jahrhunderte verbindliche kirchliche Rechtssprechung“ (S. 19). Dämonenangst und Zauberei-Wahnvorstellungen hätten daher als „heidnischer Aberglaube“ gegolten: „Sie hatten keinen Platz in der christlichen Lehre“. Insofern sei die „Haltung der mittelalterlichen Kirche eindeutig“ gewesen, stellt die Autorin positiv fest.

Im  Internetlexikon Wikipedia heißt es zum Stichwort „Hexenverfolgung“ ebenfalls: „Die alte Kirche war an Verfolgungen nicht beteiligt und lehnte die mit Hexerei verbundenen Ansichten und Praktiken als Aberglaube ab.“   – Es wird hinzugefügt: „Im karolingischen Frühmittelalter gab es keine Hexenverfolgung.“ 

Hingegen kannten bereits die heidnischen Germanen eine Verbrennung von angeblichen „Schadenszauberern“. Das Christentum bzw. die mittelalterliche Kirche hat dann mit derartigen Irrlehren und Praktiken aufgeräumt.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung)

Thomas von Aquin befand sich hierbei auf Abwegen

Leider ist der sonst meist lobenswerte Kirchenlehrer Thomas von Aquin an der späteren Kehrtwende hin zum Hexenwahn nicht ganz unschuldig. Viele Hexenverfolger beriefen sich auf seine Äußerungen über Hexenluftfahrt, Schadenszauber, über Incubi und Succubi (also angeblichen Sex zwischen Menschen und männlichen/weiblichen Dämonen). Dabei orientierte sich der Philosoph zum Teil an einigen Vorstellungen des antiken Kirchenvaters Augustinus.

Zudem wurde im Mittelalter bisweilen nicht genügend zwischen Psycho-Krankheit und Besessenheit unterschieden. Wenn geistig verirrte oder hysterische Personen fabulierten, sie hätten Sexkontakt mit dem Teufel, wurde dies von manchen als ein vermeintliches „Selbstbekenntnis“ für bare Münze genommen. 

Noch hundert Jahre vor dem hl. Thomas waren Kirchenführer hier oftmals nüchterner: So hatte z.B. Bischof Burkard von Worms Kirchenstrafen für jene angedroht, welche dem Hexenwahn verfallen sind  –  und Bischof Johannes von Salisbury, der Oberhirte von Chartres im 12. Jahrhundert, warnte vor irrgeistigen Einflüssen des Satans, der die Genarrten zu heidnischem Aberglauben verführe: „Das erste Heilmitteln gegen solche Krankheit ist, daß man sich recht fest an den Glauben hält, seinen Lügen kein Gehör schenkt und solche jammervollen Torheiten in keiner Weise der Aufmerksamkeit würdigt.“

Diese Mahnung ist auch heute noch sehr aktuell: mögen sich die äußeren Formen wahngläubiger Vorstellungen auch geändert haben, so leider nicht die bleibende Faszination magischer, abergläubischer und falschmystischer Ideen und Praktiken.

Ergänzender Beitrag von Dr. Josef Bordat: https://charismatismus.wordpress.com/2013/03/29/dauerbrenner-hexenverfolgung-fakten-statt-legenden/

 


Buch-TIP: Fünf Gründe, warum die Inquisition ein echter Fortschritt war

Rezension von Dr. Dr. Wolfgang Rothe

Buch-Daten: Zander, Hans Conrad: Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, Gütersloher Verlagshaus 2007, 192 Seiten, ISBN 978-3-579-06952-4, Preis 14,95 €.

Einmal angenommen, ein katholischer Theologe oder Bischof würde sich erdreisten, allen Ernstes öffentlich die Meinung zu vertreten, die Inquisition sei fortschrittlich und effizient gewesen, hätte Recht gehabt und sei mit gutem Grund heilig zu nennen  –  die Folgen wären wohl ähnlich denen der von Papst Benedikt XVI. in Regensburg zitierten Aussagen eines byzantinischen Kaisers über den Islam oder der Thesen der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann zu Ehe und Familie.  Rothe_Benedikt_Lit_Vers

Heutzutage scheint es  –  auch und gerade in der Kirche  –  einzig dem Satiriker (noch?) erlaubt zu sein, an Tatsachen zu erinnern und Meinungen zu äußern, die nicht der zeitgeistbestimmten political correctness entsprechen.

FOTO: Dr. W. Rothe überreicht sein Buch „Liturgische Versöhnung“ an Papst Benedikt

Hans Conrad Zander, ein vielfach ausgezeichneter Schweizer Journalist, der in jungen Jahren vom Calvinismus zum Katholizismus konvertiert ist, hat genau diesen Weg beschritten und sich an ein Thema herangewagt, das ansonsten in Theologie und Kirche allenfalls noch im Rahmen wortreicher Entschuldigungen für die Sünden der Vergangenheit zur Sprache kommt.

Im Rückgriff auf Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasov“ lässt der Verfasser einen fiktiven Großinquisitor auftreten, der einem ebenso fiktiven Publikum in fünf großen Reden darlegt, warum die Heilige Inquisition erstens „jung und fortschrittlich“ (S. 6 – 42), zweitens „frauenfreundlich“ (43 – 72), drittens „effizient“ (73 – 116), viertens im Recht (117 – 153) und fünftens – wie ihr Name schon sagt – „heilig“ (154 – 192) gewesen ist.

Er tut dies ebenso selbstkritisch wie  – „Fassungslosigkeit im Publikum“ (67)  –  selbstbewusst.

„Inquisition heißt Wahrheitsfindung“

Allein schon der Name „Inquisition“ (lateinisch „inquisitio“), so der Großinquisitor in seiner ersten Rede, sei ein geradezu „revolutionäres Programm“ gewesen; meist werde er „mit ‚Nachforschung’ übersetzt. Doch es gibt einen modernen deutschen Rechtsbegriff, der ihm besser entspricht“, lässt der Großinquisitor nicht nur den Juristen aufhorchen: „Inquisition heißt ‚Wahrheitsfindung’“ (20)!

Im Gegensatz zu den hysterischen Ketzerpogromen und der korrupten bischöflichen Gerichtsbarkeit entstand mit der 1231 von Papst Gregor IX. ins Leben gerufenen Inquisition „zum ersten Mal in der europäischen Geschichte eine Justiz“, die „unabhängig wirken konnte. So hat das Gesetz über die Willkür triumphiert, die Unbestechlichkeit über die Korruption, der Fortschritt über die Vergangenheit“ (42).

Inquisition contra Hexenwahn

Frauenfreundlich war die Inquisition  –  wie der Großinquisitor in seiner zweiten Rede darlegt  –  insbesondere deshalb, weil sie dem mittelalterlichen Hexenwahn zumindest eine zeitlang Einhalt gebieten konnte. Gemäß dem Decretum Gratiani etwa, der bedeutendsten kirchlichen Rechtssammlung jener Zeit, waren schließlich nicht die vermeintlichen Hexen zu verurteilen, sondern deren offenkundig dem Aberglauben verfallene Verfolger!

Leider sei ein mangels echter Ketzer „arbeitsloser Strassburger Inquisitor“ (56) namens Heinrich Kramer irgendwann auf die verhängnisvolle Idee verfallen, unter dem kampagnentauglichen Titel „Hexenhammer“ ein Handbuch der Hexenkunde- und Hexenverfolgung herauszugeben. An den bekannten Folgen dieses Meisterwerks der Demagogie gibt es auch nach Auffassung des sichtlich zerknirschten Großinquisitors nichts zu beschönigen.

Nicht einmal die „ökumenische Harmonie“ (68) in der Hexenverfolgung vermag ihm Trost zu spenden, denn schließlich haben „dieselben Protestanten, welche die Spanische Inquisition verteufeln, als wäre sie eine Ausgeburt der Hölle, […] sich bei der Hexenverfolgung so genau an das Handbuch des Strassburger Inquisitors“ gehalten, „als wär’s – ich sag’s jetzt mal evangelisch – das reine Evangelium“ (68).

Der Inquisition Effizienz bescheinigen zu wollen, das klingt nach menschenverachtendem Zynismus. „Schaudern im Publikum“ (74), als sich der Großinquisitor in seiner dritten Rede just diesem Thema zuwendet. Was er mit Effizienz meint, illustriert er an einem einfachen Beispiel:

„Bedenkt doch, dass der Vatikan noch unter den Pius-Päpsten […] mit knapp 300 Beamten die gesamte Weltkirche fest im Griff hatte. Danach sind es – durch die ‚Konzilsreformen’ – mehr als 3000 Beamte im Vatikan geworden. Und die haben die Weltkirche, weiß Gott, nicht mehr im Griff“ (77).

Anders die Inquisition: Jahrhunderte lang ist es ihr mit der wohl dosiertem Verbreitung von „shock and awe“ (80)  –  auf deutsch: Angst und Schrecken  – gelungen, Europa vor dem zu bewahren, was die beinahe logische Folge der so genannten Reformation war: ein immerhin Dreißigjähriger Krieg!

„Wie hoch immer ihr das reine Wort aus Wittenberg schätzt, war es einen Bürgerkrieg wert, in dem Deutschland in Trümmer sank und ein Drittel der Deutschen ums Leben kam“ (165)?

Galilei hinkte Kopernikus nach

„Das stärkste Argument meiner Gegner heisst Galileo Galilei“ (117), bekennt der Großinquisitor freimütig zu Beginn seiner vierten Rede, deren Quintessenz lautet: Die Inquisition hatte Recht  –  auch und gerade was Galilei betrifft!

Dabei hatte dieser nichts anderes gelehrt als vor ihm  –  immerhin 67 Jahre vor ihm  –  ein frommer Domherr aus Frauenburg in Preußen namens Nikolaus Kopernikus: Nicht die Erde ist der Mittelpunkt der Welt, sondern die Sonne. Der Unterschied zwischen beiden Gelehrten könnte, so der Großinquisitor, dennoch kaum größer sein:

Während Kopernikus seine Erkenntnis als wissenschaftliche Hypothese verstanden wissen wollte und überhaupt nur auf Drängen hin der Öffentlichkeit zur Kenntnis brachte, verhieß Galilei schon auf dem Titelblatt seiner einschlägigen Druckschrift  –  ganz im Stil der modernen Boulevardpresse  –  „magna, longeque admirabilia spectacula“ – „auf deutsch: ‚grosse Sensationen’“ (123).

Man mag darüber streiten, ob die Inquisition dem Glauben und der Kirche mit der Verurteilung Galileis einen Gefallen getan hat. Eines aber ist  –  zumindest aus heutiger Perspektive betrachtet  –  sicher: Von der Sache her hatte sie Recht! Zwar befindet sich die Erde tatsächlich nicht im Mittelpunkt der unendlichen Weiten des Weltraums  –  die Sonne aber auch nicht.

Dass sich die Inquisition zu Recht als heilig bezeichnet hat, illustriert der Großinquisitor am Beispiel eines seiner historischen Vorgänger: des hl. Papstes Pius V.

„Ich hoffe so zu regieren“, soll der vormalige Großinquisitor Michele Ghislieri nach seiner Wahl gesagt haben, „dass die Trauer bei meinem Tod grösser sein wird als bei meiner Erhebung“.

Vom hl. Pius V. zu Benedikt XVI.

Ähnliches wird sich wohl auch ein gewisser Kardinal Joseph Ratzinger gedacht haben, als sich am 19. April 2005 wider Erwarten mehr als zwei Drittel der Wählerstimmen im Konklave auf ihn vereinigten. Gleich Pius V. hatte auch er vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri das wenig populäre Amt des Großinquisitors  –  auf neuvatikanisch: des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre  –  inne.

Gleich Pius V. scheut Benedikt XVI. nicht die Konfrontation mit dem Islam  –  man denke an Lepanto (1571) und Regensburg (2006). Gleich Pius V. schließlich sieht Benedikt XVI. eines seiner wichtigsten Anliegen darin, „den lateinischen Kult in seiner antiken Schönheit und Ursprünglichkeit wiederherzustellen“ (176).

Leider ging, wie der Großinquisitor bedauernd feststellt, bei der Liturgiereform Pius’ V. „auch vieles daneben. Allerdings lange nicht so viel wie bei der vielgepriesenen Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils“ (177). Mit seinem Motu Proprio „Summorum Pontificum“ hat sich Papst Benedikt – sehr zum Ärger der außerhalb wie innerhalb der Kirche agierenden Irrlehrer unserer Tage – darangemacht, den Schaden zu beheben. Allein dafür dürfte ihm, wie vor ihm Pius V., die Heiligsprechung gewiss sein.

Bedauerlicherweise zieht sich der Großinquisitor nach seiner fünften Rede „schweigend zurück“ (192)  –  bedauerlich deswegen, weil mit ihm endlich einmal jemand vieles von dem zur Sprache gebracht hat, was viel zu lange schon verschwiegen wurde.

Zu hoffen bleibt, dass sein Beispiel  –  die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie konzilskritisch, unökumenisch oder einfach nur katholisch klingt  – Schule macht.

Insofern kann die Lektüre der „Kurzgefasste[n] Verteidigung der Heiligen Inquisition“ Rechtgläubigen wie Ketzern, Traditionalisten wie Progressisten, Moralisten wie Modernisten nur dringend empfohlen werden:

Den jeweils Ersteren  –  ganz im Sinn der einst von der Heiligen Inquisition so meisterhaft inszenierten Autodafés  –  zur Erbauung, Letzteren zur Warnung vor dem Scheiterhaufen  –  dem jenseitigen, versteht sich. Beiden Gruppen vermag das geistreiche Büchlein zu lehren, was den nachkonziliaren Flügelkämpfen durchweg als Erstes zum Opfer gefallen ist: das zu Selbsterkenntnis und Selbstkritik erforderliche Quäntchen Humor.

Unser Autor Dr. Dr. Wolfgang Rothe ist katholischer Priester, Pfarrvikar in München und promovierter Kirchenrechtler

Erstveröffentlichung dieser Buchbesprechung in der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 11-12/2007)

Foto des Buchtitels aus Amazon


Papua-Neuguinea: Hexenjagd mit Lynchjustiz durch eine brutale Meute immer häufiger

Auf der Inselgruppe Papua-Neuguinea im südlichen Pazifik werden immer wieder angebliche Hexen ermordet. Drei Tage lang sind zwei ältere Frauen in ein Dorf verschleppt und dort gefoltert und dann geköpft worden  –  weil sie durch Hexerei den Tod eines Lehrers verursacht haben sollen.

Dies berichtet die Tageszeitung „Post-Courier“ am heutigen Montag. Die Frauen seien mit Messern und Äxten verletzt worden. Hinter ihrer Verschleppung stecken demnach Verwandte des Lehrers.

Ein ähnlicher Vorfall wurde bereits Anfang Februar gemeldet: Eine 20-jährige Frau wurde gefoltert und als angebliche Hexe verbrannt. Sie wurde beschuldigt, einen achtjährigen Jungen verhext und getötet zu haben. Eine wütende Menschenmenge in der Stadt Mount Hagen hatte dem Opfer die Kleider vom Leib gerissen, die Frau mit Benzin überschüttet und auf einen Scheiterhaufen aus brennenden Autoreifen geworfen.

Zuvor war die junge Frau mit heißen Schüreisen gefoltert worden. Feuerwehrmänner, die das Feuer löschen wollten, wurden von dem Mob vertrieben. Auch Schulkinder sollen sich unter den Schaulustigen befunden haben.

Den Zeitungsberichten zufolge war das Opfer verheiratet und hatte eine acht Monate alte Tochter.

Quellen: Wochenmagazin Focus/AFP

Dauerbrenner Hexenverfolgung: Fakten statt Legenden

Von Dr. Josef Bordat

„Es gibt wohl kein Thema, über das soviel Unfug geschrieben wird wie über die Hexenverfolgung.“ (Claudia Sperlich)

Geschichtsbilder werden gemacht. Anders geht es ja auch gar nicht, schließlich kann niemand die Zeit zurückdrehen, um sich persönlich von historischen Gegebenheiten ein eigenes Bild zu machen. Rekonstruktionen (vor allem räumliche) prägen also unser Bild vom Vergangenen.

Wenn diese falsch sind, weil sie auf fehlerhaften Annahmen basieren, ist das Bild, das wir haben, ein falsches. Besonders bei Themen, die bis heute emotional aufgeladen sind, setzen sich die Bilder durch, die das Befinden der Mehrheit bedienen. Ob sie wahr sind, ist zweitrangig.

Die fehlerhaften Darstellungen in populärwissenschaftlichen Medienberichten und die daraus folgenden Fehlurteile basieren dabei zum Teil auf waschechten Fälschungen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Thema „Hexen“. 

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: Evita Gründler

Oft ist zu hören und zu lesen, die (katholische) Kirche habe im Mittelalter Millionen von Frauen in Europa als Hexen verbrannt, bevor die Aufklärung kam und dem Spuk ein Ende bereitete.

In dieser Aussage stecken fünf Fehler:

Erster Fehler: Die Zeit.  –  Die meisten Hexenverbrennungen gab es in Europa nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit; die letzte Hexe wurde in Deutschland 1775 verbrannt  –  die Aufklärung war da schon ein Jahrhundert lang der Hauptstrom europäischer Geistesgeschichte.

Zweiter Fehler: Die Opfer.  –  Es waren nicht „8 oder 9 Millionen Opfer“, wie die NS-Propaganda vermutete, sondern  –  nach derzeitigem Forschungsstand  –  etwa 50.000: in 350 Jahren europäischer Hexenverfolgung (1430-1780).

Die Christenverfolgung führt übrigens jedes Jahr zu mehr als doppelt so vielen Opfern. Es wundert daher schon, dass man als katholischer Christ wesentlich häufiger auf die Hexenverfolgung angesprochen wird, die seit einem Vierteljahrtausend der Vergangenheit angehört (jedenfalls soweit es eine europäische, „christlich“ motivierte war) als auf die Christenverfolgung, die jetzt stattfindet.

Auch Männer waren Opfer des Hexenwahns

Die Opfer waren darüber hinaus nur in Deutschland mehrheitlich Frauen, sonst war das Geschlechterverhältnis zahlenmäßig mindestens ausgeglichen, z. T. waren die Männer in der Mehrzahl; in Island waren 90 Prozent, in Estland 60 Prozent der Opfer Männer.

Dritter Fehler: Die Täter.  –  Rund die Hälfte der 50.000 Opfer lebte auf dem Gebiet des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation. Wenn man davon ausgeht (und davon darf man aufgrund der Quellenlage wohl ausgehen), dass die Opfer zahlenmäßig zwischen protestantischen und katholischen Gebieten des Reichs ungleich verteilt waren  –  zu Lasten der protestantischen Gebiete  – , dann hat die Katholische Kirche die Verantwortung für etwa 10.000 Todesopfer.

Interessant ist auch der Zusammenhang von Inquisition und Hexenverbrennungen:

Nur an einigen hundert der über drei Millionen Hexenprozesse (Schuldspruchquote: 1,5 Prozent) war die Inquisition beteiligt. Die Hexenprozesse fanden in der Tat vor weltlichen Gerichten statt. Die Inquisition interessierte sich nämlich hauptsächlich für Ketzer, nicht für Hexen.

Im katholischen Spanien hat es keine Hexenverfolgung gegeben  –  wegen der Inquisition. Auch in Italien sorgte die Inquisition dafür, dass so gut wie keine Hexe verbrannt wurde. In Rom  –  dem vermeintlichen Zentrum des Grauens  –  wurde nie eine Hexe oder ein Zauberer verbrannt. Die Katholische Kirche hat die Hexenverfolgung niemals offiziell bejaht.

„Ja, aber der ,Hexenhammer’!“   –  Oft wird unterschlagen, wie es eigentlich zu dem berüchtigten „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum, 1486) kam:

Heinrich Kramer (Institoris) schrieb ihn, weil er in Innsbruck erfolglos einen Hexenprozess angestrengt und kurz darauf des Landes verwiesen wurde. Von wem?  – Von Bischof Georg Golser. Der „Hexenhammer“ ist eine Reaktion darauf gewesen.

Quelle und FORTSETZUNG dieses Beitrags von Dr. Bordat siehe hier: Hexen-Artikel

Weiterer INFO-ARTIKEL zum Thema: http://nondracositmihidux.blogspot.de/2013/07/hexenverfolgungen-und-die-katholische.html