GOTT sorgt für das Recht, ER hütet seine Schafe und sucht die verrirten unter ihnen

Heutige liturgische Sonntagslesung der kath. Kirche: Ez 34,11-12.15-17:

So spricht Gott, der HERR: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. 

Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück von all den Orten, wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.

Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen – Spruch Gottes, des HERRN.

Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.

Ihr aber, meine Herde – so spricht Gott, der HERR -, ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen, zwischen Widdern und Böcken.

 


Der HERR wird Israel erlösen und hüten wie ein Hirt seine Herde

Heutige liturgische Lesung der kath. Kirche:

Jer 31,10.11-12ab.13.

Hört, ihr Völker, das Wort des HERRN,
verkündet es auf den fernsten Inseln und sagt:
ER, der Israel zerstreut hat, wird es auch sammeln
und hüten wie ein Hirt seine Herde.

Denn der HERR wird Jakob erlösen
und ihn befreien aus der Hand des Stärkeren.
Sie kommen und jubeln auf Zions Höhe,
sie strahlen vor Freude über die Gaben des HERRN.

Dann freut sich das Mädchen beim Reigentanz,
Jung und Alt sind fröhlich.
Ich verwandle ihre Trauer in Jubel,
tröste und erfreue sie nach ihrem Kummer.

 


Zwischen Jubelstimmung und Verriß: Fairneß für Papst Franziskus!

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Theologischen“ (Nr. 3-4/2013) erschien der folgende Beitrag von Felizitas Küble:

Das neue Oberhaupt der katholischen Weltkirche   –  sie umfaßt ca. 1,2 Milliarden Mitglieder  –  wurde erst kürzlich gewählt, doch vielfach scheint das Urteil innerhalb des konservativen bis traditionsorientierten Spektrums über ihn schon „fertig“, geschlossen und endgültig zu sein:

Auf der einen Seite finden wir begeisterte Jubler  (etwa vertreten durch die österreichische Webseite „kath.net“), auf der anderen Seite wurde der neue Papst schon kurz nach seiner Wahl als „Feind der Tradition“ bezeichnet (z.B. in einer Nachrichtensendung von „Gloria-TV“).

Foto: Radio Vatikan

Foto: Radio Vatikan

Allein der Ausdruck „Feind der Tradition“ zeugt bereits von einer Engführung des Denkens, denn die Begründung für diesen Vorwurf bezog sich allein auf den liturgischen Bereich. Ist aber die kirchliche Überlieferung nicht viel breiter gefächert; umfaßt sie nicht z.B. auch die Dogmatik, Moraltheologie, Pastoral und Volksfrömmigkeit?

Bislang hat sich der Papst   –  auch während seines Wirkens als Erzbischof von Buenos Aires  –  jedenfalls in wesentlichen moraltheologischen Fragen als konservativ erwiesen  –  einschliesslich solcher Reizthemen wie Abtreibung, Homosexualität, künstliche Verhütung und Zölibat. Zudem ist er kein Anhänger einer „Theologie der Befreiung“, geschweige einer solchen „der Revolution“.

Beispiele für einen „Verriss“

Bereits kurz nach Amtsantritt des neuen Pontifex wurde in diversen traditionalistischen Blogs ein Anti-Franziskus-Verriss veröffentlicht, der schon mit den Worten „Schrecken!“ beginnt und durchgehend entsprechend „getönt“ ist.  Seriöse Sachkritik sieht anders aus, sie besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von Vorwürfen und Gerüchten.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Fairneß  –  gewiß auch der Papst!

Ein Beispiel: in jenem „Verriss“ wurde behauptet, Franziskus habe sich als Erzbischof von Buenos Aires nur „schwach“ gegen die Einführung der Homo-Ehe eingesetzt. In Wirklichkeit hat er dieses staatliche Vorhaben als „Schachzug des Teufels“ verurteilt und sich deutlich dagegen gestellt. Nicht ohne Grund gab es schon am ersten Abend der Papstwahl aus Kreisen der Homolobby scharfe Kritik an Franziskus im Internet.

Überdies wurden innerhalb der „Tradi-Szene“ vielfache Beschwerden laut, angeblich habe Franziskus in den Jahren zuvor nirgendwo die „alte Messe“ erlaubt. Auch dies müsste erst belegt werden, zumal auch anderslautende Meldungen zu lesen waren, wonach es in der argentinischen Hauptstadt bereits kurz nach dem „Motu proprio“ von Papst Benedikt zur überlieferten Liturgie eine regelmäßige Feier der „alten Messe“ gab.

Außerdem war er als Erzbischof von Buenos Aires zugleich zuständig für die Gläubigen des orientalischen Ritus, die wohl kaum  zu modernistischen Exzessen in der Liturgie neigen.

Gerüchte über Zank mit Prälat Marini

Zudem sind viele Internetseiten innerhalb der „Tradi-Szene“ voll mit jenen unbewiesenen Geschichten, wonach der Papst sich vor seinem Erscheinen auf der Loggia kurz nach der Papstwahl und/oder vor seiner ersten hl. Messe im Kardinalskreis angeblich „lautstark“ mit Prälat Marini gezankt habe, weil der Zeremonienmeister ihm die päpstliche Mozetta und Stola bzw. feierliche Messgewänder habe anlegen wollen.

Es wird in diesen Blogs mitunter darauf verwiesen, dass diese Erzählung sich aus „mehreren“ Quellen speise   –  als ob das die Glaubwürdigkeit eines Gerüchtes erhöhen würde. Solange eine Behauptung nicht bewiesen ist, bleibt sie ein Gerücht und sollte auch als solches dargestellt werden: es kann stimmen, es kann auch falsch sein, aber wie eine Tatsache darf dies eben nicht präsentiert werden. Das gilt auch dann, wenn der Papst seinen Zeremoniar bald entlassen würde, wie vielfach gemunkelt wird: auch dies kann  – falls es wirklich einträfe  –   verschiedene Gründe haben und bestätigt nicht automatisch jene Storys.

Diese Beschwerden mancher Tradi-Webseiten wirken freilich eher noch harmlos im Vergleich zu jenen Attacken, die aus dem Fanclub der irrgeistigen Botschaften namens „Die Warnung“ kommen:  Von jener erscheinungsfixierten und oftmals fanatischen Schar wird der neue Papst ohne Umschweife als „falscher Prophet“ tituliert und kein gutes Haar an ihm gelassen; ihm wird unterstellt, er wolle dem Antichristen sozusagen den Weg bereiten und dergleichen Verschwörungstheorien mehr.

Hintergrund dafür sind jene seit langem verbreitete „Offenbarungen“ einer anonymen (!) Seherin, die sich selbst pseudonym als „Maria von der göttlichen Barmherzigkeit“ bezeichnet. Diese „verborgene“ Visionärin kündigte vor circa einem Jahr in einer ihrer zahlreichen „Botschaften“ an, Papst Benedikt werde aus dem Vatikan „vertrieben“ und „vernichtet“  – und danach trete eben ein „falscher Prophet“ dieses Amt an, dem man nicht gehorchen dürfe. 

Als Benedikt seinen Rücktritt bekanntgab, fühlten sich jene Erscheinungsgläubigen sogleich bestätigt, ohne zu berücksichtigen, dass der Papst mehrfach die Freiwilligkeit seiner Entscheidung betonte und auch keinesfalls „vertrieben“ oder gar „vernichtet“ wurde.

Positive Aspekte

Zwischen solchem Unfug einerseits und einer naiv-euphorischen Bejubelung andererseits sollten glaubenstreue Katholiken sich um Gerechtigkeit und Ausgewogenheit bemühen, was skeptische Nachfragen oder sachliche Kritik keineswegs ausschließt. Doch zur Fairneß gehört, dass man „Pro und Contra“ sorgfältig abwägt und die positiven Seiten ebenfalls berücksichtigt.

So ist es zum Beispiel tatsächlich erfreulich, daß Franziskus in seiner Zeit als argentinischer Erzbischof einen bescheidenen, bewusst einfachen Lebenswandel praktizierte, wovon sich mancher „Kirchenfürst“ in Deutschland eine Scheibe abschneiden könnte. Wenn Franziskus das programmatische Stichwort Benedikts von der „Entweltlichung“ weiter aufgreift und aus diesem verheißungsvollen Motto vielleicht auch klare Entscheidungen folgen (etwa hinsichtlich des vielfachen modernistischen Mißbrauchs der Kirchensteuer in Deutschland), dann wäre dies jedenfalls zu begrüßen.

Positiv zu erwähnen ist auch die Wertschätzung der Volksfrömmigkeit und die schlichte Marienverehrung  des neuen Pontifex. Bereits am Vormittag nach seiner Papstwahl begab sich Franziskus in eine römische Marienkirche und bedankte sich bei der Gottesmutter. Zudem besuchte er bei dieser Gelegenheit das Grab des hl. Pius V., der uns als glaubensstarker Reformpapst des Konzils von Trient in bester Erinnerung ist.

Mutige Erwähnung des Teufels

In seiner ersten Ansprache vor den Kardinälen erwähnte der neue Papst zudem mehrfach den Teufel, wobei er den französischen Schriftsteller Leon Bloy zitierte: „Wer den HERRN nicht anbetet, der betet den Teufel an“.  –  Normalerweise kommen Stichworte wie Teufel, Hölle, Finsternismächte etc in heutigen Predigten äußerst selten vor; derlei heiße Themen werden vielmehr sorgsam gemieden, um keinen Anstoß auf der liberalen Seite zu erwecken.

Eben dieser Klartext hat Franziskus jedenfalls sogleich herbe Kritik von Atheisten und Skeptikern eingetragen. Natürlich beten die Ungläubigen in der Regel nicht etwa bewusst den Satan an, das sollte mit jener Äußerung aber auch gar nicht persönlich unterstellt werden. Es geht vielmehr darum, dass es aus christlicher Sicht letztlich keine „neutrale“ Zone gibt: Wer sich nicht für GOTT entscheidet, begibt sich  – rein objektiv  –  auf die Seite seines Widersachers, ob ihm dies subjektiv klar ist oder nicht.

Kreuzestheologie auf katholisch

Außerdem ist es erfreulich, dass der Papst in dieser Ansprache das Kreuz unseres HERRN in den Mittelpunkt rückte und ausdrücklich das Bekenntnis zu Christus „dem Gekreuzigten“ betonte. Dies wirkt durchaus engagiert und couragiert in einer Zeit, die den Opfertod Jesu oft eher an den Rand drängt, in welcher der Sühnegedanke mitunter auch innerhalb der Kirche ein Schattendasein fristet. Eine satte Wohlstandsgesellschaft mag mit Begriffen wie „Sühne“ und „Opfer“ nun einmal ungern konfrontiert werden.

Es ist mithin durchaus sinnvoll, ja notwendig, in unserer Ära eines oftmals flachen „christlichen Humanismus“ wieder glasklar an den Wesenskern unseres Glaubens zu erinnern und gleichsam eine Art „Kreuzestheologie auf katholisch“ zu verkünden. Nicht der Mensch steht nämlich im Mittelpunkt der christlichen Botschaft, wenngleich er ihr Adressat ist, sondern die Ehre Gottes, sein Anspruch an den Menschen, aber auch sein Zuspruch für den Menschen  –  ein Zuspruch allerdings auf dem Fundament des erlösenden Opfers Christi, gebunden an das Kreuz des Herrn.

Kritische Punkte

Neben der Erwähnung dieser positiven Aspekte ist es selbstverständlich durchaus erlaubt, auch kritische Punkte anzumelden, sofern diese nicht auf Gerüchten basieren und zudem sachlich vorgetragen werden. So fragen sich beispielsweise viele Gläubige, ob es wirklich angebracht ist, wenn der Pontifex seine schlichte Lebensweise, die er als Erzbischof vorbildlich praktiziert hat, nun quasi in Form von Symbolhandlungen auch als Papst fortzusetzen versucht.

Kann dies sinnvoll sein, nachdem diese Gesten nun „vor den Augen der Weltöffentlichkeit“ geschehen und damit allzu leicht „inszeniert“ wirken, selbst wenn sie von Franziskus ganz aufrichtig  – ohne Schielen auf Beifall  –  gemeint sind?  Eine Bescheidenheit, die zur Schau gestellt wird, kann allzu leicht als Eitelkeit empfunden und ausgelegt werden.

Dazu kommt, daß Franziskus mit ostentativen „Demuts-Gesten“  – ob er will oder nicht  –   seinen späteren Nachfolger quasi „festlegt“ –  und indirekt auch seinen Vorgänger Benedikt.

Natürlich kann der Papst gerne auf sein Frühstücksei verzichten, persönliche Fastenübungen vornehmen oder unter feierlichen Gewändern ggf. ein härenes Bußgewand tragen. Anders sieht es aber mit seiner Amtsführung aus, zumal im Bereich der Liturgie, denn an Gott selbst darf nicht gespart werden; die Ehre Gottes bedarf auch nach außen hin einer glaubensfrohen Würdigung und Verherrlichung.

Auch das Amt eines Nachfolgers Petri und Statthalters Christi auf Erden ist keine private Spielwiese des jeweiligen Pontifex; dieser höchste kirchliche Dienst ist ihm keineswegs ohne weiteres zur „freien Gestaltung“ überlassen, auch nur begrenzt in der Außendarstellung.  Ein „Sparprogramm“ am öffentlichen Kult bzw. der päpstlichen Liturgie sowie an der angemessenen Repräsentation des obersten Lehr- und Hirtenamtes wäre ein verhängnisvolles Signal in einer Welt, die gerade das Sakrale und „Hierarchische“ ohnehin zu verdrängen versucht.

Sicherlich sollte diese Repräsentation nicht in einem übertriebenen Prunk oder gar in einem sentimentalen Personenkult ausarten. Aus meiner Sicht hat Papst em. Benedikt hier sehr gute und edle Maßstäbe gesetzt, die der Nachfolger natürlich nicht haargenau übernehmen muss, die gleichwohl eine ernste Berücksichtigung verdienen.

Segensverweigerung beim Pressetreffen

Unter vielen Journalisten gab es überdies Irritationen, als der Papst beim römischen Presse-Treffen am 16. März abschließend nicht den hierbei üblichen feierlichen Segen erteilte bzw. lediglich ein Segensgebet im Stillen ankündigte. Franziskus begründete seine „Segensverweigerung“ zum Abschluss seiner Audienz für die Vatikankorrespondenten wie folgt:

„Ich habe gesagt, dass ich Ihnen von Herzen meinen Segen erteilen würde. Da aber viele von Ihnen nicht der katholischen Kirche angehören, andere nicht gläubig sind, erteile ich von Herzen diesen Segen in Stille jedem von Ihnen mit Respekt vor dem Gewissen jedes einzelnen, aber im Wissen, dass jeder von Ihnen ein Kind Gottes ist. Gott segne Sie“.

Der Hinweis auf den Respekt vor dem „Gewissen“ erscheint in diesem Kontext fehl am Platze, zumindest überzogen, zumal jene Medienvertreter ohnehin mit dem päpstlichen Segen gerechnet haben.  Theologisch unrichtig ist  –  genau genommen  –  auch die Ansage, „dass jeder von Ihnen ein Kind Gottes ist“.  

Sicher ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und ein „Ebenbild“ des Höchsten (das freilich durch den Sündenfall sehr geschwächt ist); doch die KINDSCHAFT vor Gott empfangen wir durch die Taufe; sie ist nicht etwa unsere Leistung (auch nicht unsere „Glaubensleistung“), sondern ein Gnadengeschenk des Ewigen selbst.

Dass wir durch das Sakrament der Taufe zu „Kindern Gottes“ werden, lehrt auch der Katholische Katechismus (KKK 1270), das Kirchenrecht (can. 849 CIC)  – und auch das  2.Vatikanum stellt diesen Punkt klar (Lumen Gentium 11).

Daß sich auch ungläubige Journalisten in der Regel durch einen päpstlichen Segen keineswegs „gestört“ fühlen, liegt auf der Hand, denn sie empfinden dieses Sakramentale einfach als freundliche Geste eines religiösen Oberhauptes. Typisch für diese Haltung erscheint mir folgender Leserkommentar in der österreichischen Zeitung „Der Standard“ vom 19. März:

„Insofern habe ich als Ungläubiger es durchaus als befremdlich empfunden, dass der neue Papst, wie berichtet wird, ‚aus Respekt vor den anwesenden Agnostikern unter den Journalisten den Segen nur im Stillen gespendet habe‘. Ist doch völlig lächerlich! Wenn mich als Ungläubigen irgend ein Religiöser segnet, dann soll er ruhig – ich glaube nicht an die spirituelle  Seite des Segens, aber ich habe kein Problem mit dem Segen an sich – ist halt … seine Art und Weise, mir alles Gute zu wünschen“.

Allerdings sollte man diese Franziskusworte nicht als „hochamtlichen Vorgang“ betrachten, sondern eher als spontane Äußerung am Rande einer Presseaudienz   – und daher nicht überbewerten.

Das Hüten des Glaubens ist entscheidend!

Auch die Amtseinführungsfeier in Rom am 19. März sorgte in konservativen bis traditionellen Kreisen für zahlreiche Debatten  – von den Messgewändern bis zur „fehlenden Kniebeuge“ des Papstes bei der Elevation der hl. Hostie und des Kelches. Doch unser Pontifex ist nicht mehr der Jüngste; er könnte durchaus Beschwerden am Knie haben.

Jedenfalls hat der neue Pontifex erfreulicherweise das 1. Hochgebet bzw. den sog. „römischen Kanon“ verwendet, was zu Zeiten von Johannes Paul II. durchaus nicht selbstverständlich war, sondern erst durch Benedikt XVI. bei Papstmessen geläufig wurde. 

Die Predigt von Papst Franziskus enthielt eine gediegene biblische und katechetische Würdigung des hl. Josef (der 19. März ist der Festtag dieses Heiligen und Patrons der Kirche). Das Leitwort und die Betonung des „Hütens“ in seinen vielfachen Dimensionen ist ebenfalls gut durchdacht. Sicher hätte man sich wünschen können, dass bei der sorgfältigen Betrachtung dessen, was wir „hüten“ sollen, zwei wichtige Aspekte mitberücksichtigt werden, vor allem das Hüten und Behüten des Glaubensgutes (depositum fidei); eine ganz wesentliche Aufgabe von Papst und Kirche.

Naheliegend wäre es zudem gewesen, bei der mehrfachen Erwähnung der Schwachen, Armen, Kinder etc. auch an die bedrohten Babys im Mutterleib zu erinnern. Gewiss muss die erste öffentliche Predigt kein „Donnerwetter“ gegen Abtreibung enthalten, doch ein Hinweis auf die ungeborenen Kinder wäre ein guter Dienst am Lebensrecht gewesen. Sicher gibt es in Zukunft noch passende Gelegenheiten, um die Unantastbarkeit und Heiligkeit des menschlichen Lebens unzweideutig zu verkünden.

 


Vollständiger Wortlaut: PREDIGT des Papstes zur Amtseinführung am 19. März 2013

„Hüten wir mit Liebe, was Gott uns geschenkt hat!“

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich danke dem HERRN, dass ich diese heilige Messe zum feierlichen Beginn meines Petrusdienstes am Hochfest des heiligen Josef, des Bräutigams der Jungfrau Maria und Patrons der Weltkirche feiern kann: Es ist ein ganz bedeutungsreiches Zusammentreffen, und es ist auch der Namenstag meines verehrten Vorgängers  –  wir sind ihm nahe mit dem Gebet voller Liebe und Dankbarkeit.     papst_letzter_tag_01

Herzlich begrüße ich meine Mitbrüder, die Kardinäle und Bischöfe, die Priester, Diakone, Ordensleute und alle gläubigen Laien. Ich danke den Vertretern der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wie auch den Vertretern der jüdischen Gemeinde und anderer Religionsgemeinschaften für ihre Anwesenheit. Meinen herzlichen Gruß richte ich an die Staats- und Regierungschefs, an die offiziellen Delegationen vieler Länder der Welt und an das diplomatische Korps.

Wir haben im Evangelium gehört, dass Josef „tat, was der Engel des HERRN ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich“ (Mt 1,24). In diesen Worten ist schon die Aufgabe enthalten, die Gott dem Josef anvertraut, nämlich custos  –  Hüter  –  zu sein.

Der hl. Josef als Hüter der Kirche

Hüter von wem?  –  Von Maria und Jesus; aber es ist eine Obhut, die sich dann auf die Kirche ausweitet: Der selige Johannes Paul II. hat hervorgehoben, dass „der hl. Josef so, wie er für Maria liebevoll Sorge trug und sich voll Freude und Eifer der Erziehung Jesu Christi widmete, seinen mystischen Leib, die Kirche, deren Gestalt und Vorbild die heilige Jungfrau ist, hütet und beschützt“ (Apostolisches Schreiben Redemptoris Custos, 1).

Wie führt Josef diese Hüter-Tätigkeit aus?  –  Rücksichtsvoll, demütig, im Stillen, aber beständig gegenwärtig und in absoluter Treue, auch dann, wenn er nicht versteht. Von der Heimholung Marias bis zur Episode des zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem begleitet er fürsorglich und liebevoll jeden Moment.

Er steht Maria, seiner Braut, in den unbeschwerten wie in den schwierigen Momenten des Lebens zur Seite, auf der Reise nach Bethlehem zur Volkszählung und in den bangen und frohen Stunden der Geburt; im dramatischen Moment der Flucht nach Ägypten und bei der sorgenvollen Suche des Sohnes, der im Tempel geblieben war; und dann im Alltag des Hauses in Nazaret, in der Werkstatt, wo er Jesus das Handwerk gelehrt hat.

Gott wünscht sich unsere Treue  

Wie lebt Josef seine Berufung als Hüter von Maria, Jesus und der Kirche?   –  In der ständigen Aufmerksamkeit gegenüber Gott, offen für dessen Zeichen, verfügbar für dessen Plan, dem er den eigenen unterordnet. Es ist das, was Gott von David verlangt, wie wir in der ersten Lesung gehört haben: Gott will nicht ein vom Menschen gebautes Haus, sondern er wünscht sich die Treue zu seinem Wort, zu seinem Plan. Und Gott selbst ist es dann, der das Haus baut, aber aus lebendigen, von seinem Geist gekennzeichneten Steinen. media-374638-2

Und Josef ist „Hüter“, weil er auf Gott zu hören versteht, sich von seinem Willen leiten lässt. Und gerade deshalb ist er noch einfühlsamer für die ihm anvertrauten Menschen, weiß mit Realismus die Ereignisse zu deuten, ist aufmerksam auf seine Umgebung und versteht die klügsten Entscheidungen zu treffen. An ihm sehen wir, liebe Freunde, wie man auf den Ruf Gottes antwortet: verfügbar und unverzüglich; aber wir sehen auch, welches die Mitte der christlichen Berufung ist: Christus! Hüten wir Christus in unserem Leben, um die anderen zu behüten, um die Schöpfung zu bewahren!

Die Berufung zum Hüten geht jedoch nicht nur uns Christen an; sie hat eine Dimension, die vorausgeht und die einfach menschlich ist, die alle betrifft. Sie besteht darin, die gesamte Schöpfung, die Schönheit der Schöpfung zu bewahren, wie uns im Buch Genesis gesagt wird und wie es uns der heilige Franziskus von Assisi gezeigt hat: Sie besteht darin, Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor der Umwelt, in der wir leben.

Die Menschen zu hüten, sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, mit Liebe, besonders um die Kinder, die alten Menschen, um die, welche schwächer sind und oft in unserem Herzen an den Rand gedrängt werden. Sie besteht darin, in der Familie aufeinander zu achten: Die Eheleute behüten sich gegenseitig, als Eltern kümmern sie sich dann um die Kinder, und mit der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Sie besteht darin, die Freundschaften in Aufrichtigkeit zu leben; sie sind ein Einander-Behüten in Vertrautheit, gegenseitiger Achtung und im Guten.

Seid Hüter der Gaben Gottes!

Im Grunde ist alles der Obhut des Menschen anvertraut, und das ist eine Verantwortung, die alle betrifft. Seid Hüter der Gaben Gottes!Und wenn der Mensch dieser Verantwortung nicht nachkommt, wenn wir uns nicht um die Schöpfung und um die Mitmenschen kümmern, dann gewinnt die Zerstörung Raum, und das Herz verdorrt. In jeder Epoche der Geschichte gibt es leider solche „Herodes“, die Pläne des Todes schmieden, das Gesicht des Menschen zerstören und entstellen.

Alle Verantwortungsträger auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem Gebiet, alle Männer und Frauen guten Willens möchte ich herzlich bitten: Lasst uns „Hüter“ der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes sein, Hüter des anderen, der Umwelt; lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten! Doch um zu „behüten“, müssen wir auch auf uns selber Acht geben! Erinnern wir uns daran, dass Hass, Neid und Hochmut das Leben verunreinigen!

Hüten bedeutet also, über unsere Gefühle, über unser Herz zu wachen, denn von dort gehen unsere guten und bösen Absichten aus: die, welche aufbauen, und die, welche zerstören! Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit!

Und hier füge ich noch eine letzte Anmerkung hinzu: Das sich Kümmern, das Hüten verlangt Güte, es verlangt, mit Zärtlichkeit gelebt zu werden. In den Evangelien erscheint Josef als ein starker, mutiger, arbeitsamer Mann, aber in seinem Innern zeigt sich eine große Zärtlichkeit, die nicht etwa die Tugend des Schwachen ist, nein, im Gegenteil: Sie deutet auf eine Seelenstärke hin und auf die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit, zu Mitleid, zu wahrer Öffnung für den anderen, zu Liebe. Wir dürfen uns nicht fürchten vor Güte, vor Zärtlichkeit!

Heute feiern wir zusammen mit dem Fest des heiligen Josef die Amtseinführung des neuen Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri – ein Amt, das auch Macht beinhaltet. Gewiss, Jesus Christus hat Petrus Macht verliehen, aber um was für eine Macht handelt es sich? Auf die dreifache Frage Jesu an Petrus über die Liebe folgt die dreifache Aufforderung: Weide meine Lämmer, weide meine Schafe.

Vergessen wir nie, dass die wahre Macht der Dienst ist und dass auch der Papst, um seine Macht auszuüben, immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz hat; dass er auf den demütigen, konkreten, von Glauben erfüllten Dienst des heiligen Josef schauen und wie er die Arme ausbreiten muss, um das ganze Volk Gottes zu hüten und mit Liebe und Zärtlichkeit die gesamte Menschheit anzunehmen, besonders die Ärmsten, die Schwächsten, die Geringsten, diejenigen, die Matthäus im Letzten Gericht über die Liebe beschreibt: die Hungernden, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen (vgl. Mt 25, 31-46).

Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten!

In der zweiten Lesung spricht der heilige Paulus von Abraham, der „gegen alle Hoffnung … voll Hoffnung geglaubt“ hat (Röm 4,18). Gegen alle Hoffnung voll Hoffnung! Auch heute, angesichts so vieler Wegstrecken mit grauem Himmel, haben wir es nötig, das Licht der Hoffnung zu sehen, selber Hoffnung zu geben.

Die Schöpfung zu bewahren, jeden Mann und jede Frau zu behüten mit einem Blick voller Zärtlichkeit und Liebe, bedeutet, den Horizont der Hoffnung zu öffnen, bedeutet, all die Wolken aufzureißen für einen Lichtstrahl, bedeutet, die Wärme der Hoffnung zu bringen! Und für den Glaubenden, für uns Christen  –  wie schon für Abraham und für den heiligen Josef  –  hat die Hoffnung, die wir bringen, den Horizont Gottes, der uns in Christus aufgetan ist; ist die Hoffnung auf den Felsen gegründet, der Gott ist.

Jesus mit Maria zu behüten, die gesamte Schöpfung zu behüten, jeden Menschen zu behüten, besonders den Ärmsten, uns selber zu behüten: das ist ein Dienst, den zu erfüllen der Bischof von Rom berufen ist, zu dem wir aber alle berufen sind, um den Stern der Hoffnung leuchten zu lassen:

Hüten wir mit Liebe, was Gott uns geschenkt hat!Ich bitte um die Fürsprache der Jungfrau Maria, des heiligen Josef, der heiligen Petrus und Paulus, des heiligen Franziskus, dass der Heilige Geist meinen Dienst begleite, und zu euch allen sage ich: Betet für mich! Amen.

Quelle: Radio Vatikan