Plädoyer für ein Europa der Vaterländer und für die Vielfalt der Völker

Von Jörgen Bauer

Dieser Tage sah ich eine in Deutsch unterlegte Sequenz eines japanischen Fernsehsenders, in der ein Japaner, der sich längere Zeit in Deutschland aufhielt, interviewt wurde. Der Japaner konnte sich über die Deutschen nur wundern, weil diese – aus seiner Sicht – den kollektiven Selbstmord planen.
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Auch die Moderatorin konnte das kaum fassen. Der kollektive – oder richtiger “nationale” –  Selbstmord werde hauptsächlich durch die Überfremdung durch Flüchtlinge und Migranten bewirkt, denen man weitgehend – unter Zurückstellung eigener Interessen – entgegenkommt, wobei die eigenen Bürger vernachlässigt werden.
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Als Grund für diese selbstzerstörerische Haltung wurden Schuldgefühle wegen eines “Herrn Hitler” genannt, weshalb man weiterhin glaubt, immer noch etwas gut machen zu müssen, was überhaupt nicht verstanden wurde, zumal auch Japan Schuld auf sich geladen hatten. Aber irgendwann muss es genug sein. 
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Hierzulande gibt es seit 2012 die “Identitäre Bewegung” (IB), der es darum geht, dass nicht nur Deutschland, sondern ebenso auch die Völker Europas ihre individuellen und kulturellen Eigenheiten, also ihre Identität bewahren, und diese nicht durch fremde Kulturen überlagert, ersetzt und abgelöst werden.
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Und eine IB ist in einem Land wie dem unseren, in dem die Meinungsfreiheit durch “betreutes Denken” eingeschränkt ist und “betreute Quasselrunden” den Medienkonsumenten klar machen, wie sie die Welt zu sehen haben, natürlich höchst verdächtig.
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Deshalb werden die Identitären auch als Nazis, Rassisten, Fremdenfeinde usw., also als ganz besonders Schlimme und deshalb als bekämpfenswert eingeordnet und bezeichnet.
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Der JUNGEN FREIHEIT ist es zu verdanken, dass sie sich in ihrer Ausgabe Nr. 19 vom 3. Mai 2019 ausführlich mit dieser Thematik befasst, womit ein realistisches Bild gezeichnet wird.
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Es geht der IB um Ethnopluralismus. Darunter versteht sich eine gesellschaftliche Ordnung mit ethnisch und kulturell homogenen Staaten. Multikulturalismus wird abgelehnt. Zuwanderung soll nach abstammungsmäßigen Kriterien gesteuert werden. Sie setzt sich für einen Stopp der Zuwanderung und konsequente Abschiebung ein, damit die Deutschen nicht zu einer Minderheit im eigenen Land werden.
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Die IB ist gegen Rassismus und Chauvinismus und lehnt Gewalt ab. Ihre Aktionen sind eher mit der von Green-Peace vergleichbar.
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Wer Mitglied werden will, muss sich einem mehrstufigen Auswahlverfahren unterziehen. Die IB hat rund 500 Mitglieder, die sich in 17 Regionalgruppen und über 100 Ortsgruppen verteilen. Rechtsextreme werden nicht geduldet.
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Wie ist das zu bewerten?
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Stellen wir uns eine Ortschaft vor, in der zahlreiche Familien in ihren eigenen Häusern oder Wohnungen leben, wobei sich alle auf irgendeine Weise am Leben in der örtlichen Gemeinschaft beteiligen. Sei es in Vereinen oder bei gemeinsamen Veranstaltungen, bei Entscheidungen, welche die Gemeinde betreffen oder bei Aktionen im Dienste der Gemeinschaft.
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Jede Familie zieht sich aber immer wieder in ihren häuslichen Bereich zurück, um dort, entsprechend ihren jeweiligen Gewohnheiten und ihrer familiären Lebensart zu leben.
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Das entspräche dem ursprünglichen Modell eines Europas der Vaterländer, in dem verschiedene Völker ihren kulturellen und sonstigen Eigenheiten entsprechend leben, wo man sich aber zusammenschließt, um Probleme, die alle betreffen, gemeinsam zu lösen.
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Jetzt könnten ja ein paar ganz Schlaue kommen, die den Bewohnern besagter Ortschaft raten, ihre individuellen Haushalte aufzugeben und stattdessen in ein Gemeinschaftshaus zu ziehen, um dort nicht nur all ihren Besitz einzubringen und sich einer wenig attraktiven, fremdbestimmten Hausordnung zu unterwerfen, sondern auch noch die Türe für Wanderer und Vorüberziehende offen zu halten, damit diese zu Lasten der Bewohner in das Gemeinschaftshaus aufgenommen werden können, was als besonders erstrebenswert anzusehen ist.
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Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass das nicht gutgehen könnte.
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Nun muss man leider feststellen, dass es bei den Kandidaten für die Wahlen zum EU-Parlament zahlreiche Phantasten und vaterlandslose Gesellen gibt, die ein Faible für solche hirnrissigen Ideen haben und von einer Auflösung der Nationalstaaten faseln, die angeblich nicht mehr zeitgemäß, sondern überholt sind.
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Solche Töne klangen selbst bei einem CSU-Kandidaten Manfred Weber an, der wohl von den “Vereinigten Staaten von Europa” angetan ist, dem wohl die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) als Vorbild dienen.
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Aber wie sind die USA entstanden? Zuwanderer aus aller Welt – heute würde man Migranten dazu sagen – haben das Land unter Verdrängung der indianischen Urbevölkerung, mit denen sie absolut keine Gemeinsamkeiten hatten, mehr oder weniger gewaltsam in Besitz genommen.
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Übrigens haben die Zuwanderer aus aller Welt in Amerika ihre nationalen Identitäten nicht aufgegeben, sondern Vereine gegründet und sich in national geprägten Stadtvierteln – wie z.B. “China Town” – angesiedelt, in denen die Erinnerung an die gemeinsame Herkunft lebendig gehalten wird.
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Das gibt es auch bei uns. Angefangen von Vertriebenenorganisationen bis jetzt zu Stadtteilen, in denen überwiegend Menschen mit ausländischen Wurzeln – vor allem Muslime – leben, die sich zum Teil zu “No-go-Areas” entwickeln.  
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Wenn ich immer wieder von Hochrechnungen höre, wonach bei uns noch Platz für hunderte Millionen Migranten wäre, beschleicht mich das Gefühl, dass es politisch Kriminelle gibt, die wollen, dass sich bei uns die Geschichte –  in Anlehnung an die Entstehung der USA – wiederholt. Und da habe ich den Verdacht, dass die eurokratischen Ideologen in globalistischen Phantastereien befangen sind.
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Die europäischen Staaten und ihre Völker haben ihre jeweils eigenen Sprachen, ihre eigene Geschichte, ihre eigenen, gewachsenen und spezifischen Kulturen, die erhaltenswert sind und die sich nicht querbeet durchmischen lassen, was letztlich zu einer kulturellen Verarmung führen müsste. Es geht hier um die Identität eines Volkes, das Heimat und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermittelt.
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Der Verlust der Identität führt zur Entwurzelung. Es ist lebensnotwendig, sich irgendwo zugehörig zu fühlen, eine Heimat und ein Zuhause zu haben. Ist es erstrebenswert, heimatlos und ein Blatt im Wind zu sein? 
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Grenzen sind ein unverzichtbarer Ordnungsfaktor der vorgegebenen Natur- und Schöpfungsordnung, erkennbar an den Naturgesetzen und den Abläufen in der Natur. Bereits ein lebendiger Organismus besteht aus unterschiedlichen, voneinander abgegrenzten Organsystemen und ist nur so überlebensfähig.
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Das setzt sich dann im Alltag in organisatorischen Strukturen und im Zusammenleben der Völker fort, in dem geregelt wird, was, wann, wo und für wen gilt. Andernfalls hätte man das totale Chaos.
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Und wer die totale Freiheit und Menschenliebe propagiert und Grenzen ablehnt, sollte gefragt werden, ob er wirklich ernstlich bereit ist, seine Türschlösser auszubauen bzw. Haus- und Wohnungstüren auszuhängen, Zündschlüssel nicht mehr abzuziehen, sondern jedem Vorübergehenden den Zutritt zu seiner Wohnung und den Gebrauch seines Autos zu gestatten.
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Deshalb ist es absolut unverständlich, wenn der Begriff “Grenze” bevorzugt im negativen Sinn, nämlich als “Ausgrenzung” und damit “Ablehnung” verstanden wird.
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Ich glaube nicht, dass unsere Mitbürger gegen ein Vereintes Europa sind. Der Widerwille richtet sich gegen die Europäische Union (EU) mit ihren undurchschaubaren Strukturen, die von niemanden gewählt wurde, aber die Funktion eines “Überstaates” hat und damit den Mitgliedstaaten vorschreiben kann, welche Gesetze diese zu beschließen haben.
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Auch wenn das Europaparlament mehr oder weniger Alibifunktion und nichts wirklich zu sagen hat, ist es trotzdem wichtig, zur Wahl zum EU-Parlament zu gehen, damit nicht solche Leute das Sagen bekommen, die nach der Bundesrepublik jetzt auch noch Europa an die Wand fahren wollen.
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Was kann vom Wort Gottes dazu gesagt werden?
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Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.  1. Kor 14,33
Dass Unordnung und Unfrieden ebenso wie Ordnung und Frieden in einem inneren Zusammenhang stehen, entspricht einer alltäglichen Erfahrung: Schlampereien bewirken Ärger und Verdruss, während Ordnung und Zuverlässigkeit wertgeschätzt sind und anerkannt werden.
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Das Wort Gottes, die Bibel, rühmt und preist das Tun Gottes, der alles auf so wunderbare Weise geschaffen und geordnet hat, so dass es möglich wäre, in absolut vollkommenen paradiesischen Verhältnissen zu leben – wenn, ja wenn die Menschen keine Sünder wären, die sich ständig gegen Gottes Ordnungen auflehnen und damit für Streit, Unordnung und Gewalt sorgen.
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Die Menschen wissen das im Grund und entwickeln deshalb ständig neue Ideen und Ideologien, von denen sie glauben, die Welt damit verbessern zu können. Das funktioniert aber deshalb nie, weil wir Menschen unseren Hang zum Unfrieden und zur Unordnung nicht ablegen können, sondern das bestenfalls auf eine “höhere Ebene” verlagern.
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Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht geschaffen hat – das gilt auch für die EU. Deshalb wurde in das Grundgesetz ein Gottesbezug aufgenommen, um zu verdeutlichen, dass es etwas Höheres gibt, das die Welt in der Hand hält.
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Im Vertrag über eine EU-Verfassung, die bislang nur deklaratorischen Charakter hat, weil sie nicht in Kraft getreten ist, fehlt ein solcher Hinweis. An die Stelle Gottes tritt hier das “gemeinsame europäische Erbe” und das ist ein sehr vieldeutiges Fundament.
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Neuorganisationen sind –  wie Umzüge – immer solange mit Unordnung verbunden, bis alles seinen Platz gefunden hat. Und da ist in Europa noch vieles nicht an seinem Platz.
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Das führt dann zu dem von den EU-Funktionären beklagten “(Rechts)Populismus in der Mitte der Gesellschaft”, was eigentlich ein Grund zur Hoffnung ist, denn der “Populist” ist in der Regel ein geistig gesunder Mensch, der allen Umerziehungsversuchen des gleichgerichteten politisch-medialen Komplexes widerstanden hat.
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Die Idee eines vereinten Europas ist positiv, wenn dieses in erster Linie den Europäern und denen, die wirklich dazugehören wollen und sich einordnen, dient.
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Unser Gast-Autor Jörgen Bauer ist evangelischer Christ und lebt in Heidenheim

Warum Patriotismus ein christlicher Wert ist

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Die Wähler zur Europawahl sind wie nie zuvor unentschieden. In Bayern sagen beispielsweise nach einer Umfrage (vgl. AZ, 10.5.19) nur 24% der Befragten, dass sie zur Wahl gehen und wissen, welche Partei sie wählen werden.

Die traditionelle Stammwählerschaft schrumpft überall. Die Wahlplakate benennen Allerweltsprobleme. Sie sind für die Wahlentscheidung nicht hilfreich. Die Unsicherheit hat auch damit zu tun, dass man den europäischen Institutionen und den Europapolitikern nicht mehr zutraut, die aktuellen Krisen und die ungelösten existentiellen Zukunftsprobleme zu lösen.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Mittlerweile erkennen die Menschen, dass sie von Fehlentwicklungen der Vergangenheit eingeholt werden. So spüren die Kranken, Behinderten und alten Menschen, die Betreuung brauchen, dass Pflegekräfte überall fehlen. Hier machen sich die demographische Entwicklung und die Überalterung der Bevölkerung besonders bemerkbar.

Kein Wunder: Seit 1976 sind nach offiziellen Zahlen mindestens 5,5 Mio. ungeborener Kinder abgetrieben worden. Nach anderen Quellen sind es über 10 Mio..

Zwei Professoren, nämlich Paul Collier (Sozialer Kapitalismus! – Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft) und Jahn Zielonka (Konterrevolution – Der Rückzug des liberalen Europa) analysieren ungelöste existentielle Zukunftsfragen und ihre Ursachen (vgl. AZ, 10.5.19).

Sie weisen auf die „sozialen Spannungen durch wachsende Ungleichheit, die nationalen Erhebungen gegen offene Grenzen, den Rückfall auf sozialistische Ideen zur Regelung der Wirtschaft“, hin. Diese seien „Symptome einer ungelösten äußeren und inneren Verfasstheit“. Es gehe um Grundsätzliches:

Der Liberalismus der „offenen Gesellschaft“ wende sich gegen sich selbst. „Die Liberalen in Politik, Kultur und Journalismus“ hätten sich in einer „selbstgefälligen liberalen Oligarchie“ eingerichtet, würden „die Bürger bevormunden und im Namen einer höheren Moral mit dem Öffnen der äußeren Grenzen den inneren Zusammenhalt und die Bedeutung von Heimat und Identität beschädigen“. Diese Diskussionen werden europaweit geführt.

Die instabile innere Verfasstheit artikuliert sich auch im Dauerthema „Überfremdung“ durch Massenzuwanderung aus anderen Kulturkreisen mit einem anderen religiösen Hintergrund.

Papst Franziskus wurde am 6. April 2019 im Kolleg San Marcos in Mailand bei einem Treffen mit den Lehrkräften mit dieser Problematik konfrontiert.

Papst Franziskus kritisiert den Verlust des Patriotismus

Auf die Frage, wie man an die Studenten Werte, die in der christlichen Kultur verwurzelt sind weitergeben könne, sagte Franziskus:

„Der Schlüsselbegriff ist Verwurzelung. Die Verwurzelung braucht Festigkeit. Das ist der Boden mit den Wurzeln in der Erde. Die Jungen sind ohne Festigkeit. Sie sind entwurzelt. ‚Das Fließende‘ entsteht, wenn jemand seine Identität nicht finden kann, d.h. seine Wurzeln nicht entdeckt, weil er ohne Erinnerung an seine Geschichte, die Geschichte seines Volkes, die Geschichte des Christentums nicht weit gehen kann. Das sind die Werte.

Das bedeutet nicht, dass man sich in der Gegenwart und in der Vergangenheit aus Angst einsperren soll. Die Jugend soll zu den Wurzeln zurückkehren und mit den Wurzeln wachsen. Deswegen rate ich, mit den Alten zu sprechen. Sie sind das Gedächtnis des Volkes, der Familie, der Geschichte.

Aber die heutige mittlere Generation ist nicht mehr in der Lage, die Wurzeln weiterzugeben.

Eine zweite Sache ist die eigene Identität. Wir können keine Kultur des Dialogs pflegen, wenn wir keine Identität haben. Es ist wichtig, identitätsbewusst zu sein und zu wissen, wer ich bin und was mich von den Anderen trennt. Man muss seine Identität, seine Geschichte und seine Zugehörigkeit zu einem Volk kennen.

Wir sind in eine Familie, in ein Volk hineingeboren. Ich möchte das Fehlen von Patriotismus kritisieren. Der Patriotismus ist die Zugehörigkeit zu einem Land, zu einer Geschichte und einer Kultur. Identität bedeutet Zugehörigkeit“. (L‘Osservatore Romano, Nr. 15, 14. April 2019, spanische Ausgabe)

Papst Franziskus fordert also Patriotismus, etwas, was heute im Zeichen der Globalisierung als „überholt“ verpönt oder gar als „nationalistisch“ diskreditiert wird.

Die Kritiker verkennen, dass die Menschen gerade in europa- und weltweiten Zusammenschlüssen die vertraute und überschaubare Nähe brauchen, die ihnen ein Mindestmaß an Geborgenheit und Sicherheit gibt.

Die Bürger wollen wissen, wofür sie noch zuständig und eigenverantwortlich sind. Die Menschen ahnen, dass sie, dort wo die Letztverantwortung nicht mehr gegeben ist, Gefahren ausgesetzt sind.

Der fehlende Gottesbezug in der Europäischen Verfassung hätte eine Bremse gegen eine übermächtige und nicht mehr überschaubare Bürokratie sein können.

Drei Grundsätze: Lebensschutz – Ehe/Familie – Elternrecht

Benedikt XVI. hat drei Prinzipien konzipiert, die für die Kirche „nicht verhandelbar sind“. Sie bilden auch die Richtschnur im Bereich des politischen und öffentlichen Lebens. Das sind:

  • Schutz des Lebens in all seinen Formen vom Anfang bis zum Ende
  • Anerkennung und Förderung der natürlichen Struktur von Ehe und Familie
  • Schutz des Primärrechtes der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder.

Die christlichen Wähler sehen sich vor der Europawahl ratlos um, welche Parteien diese Prinzipien garantieren.

Papst Franziskus äußerte in Mailand „Identität bedeutet Zugehörigkeit zu einem Land, zur eigenen Geschichte und Kultur“.

Es gibt in Europa Länder, die sich mit dieser Zugehörigkeit weniger schwer tun als die Deutschen. Die polnische Bischofskonferenz hat beispielsweise 2017 erklärt: „Der Patriotismus ist eine Verpflichtung und verbindet uns mit dem vierten Gebot.“

Der polnische Papst Johannes Paul II. äußerte: „Für einen Christen bleibt der Dienst für das irdische Vaterland – ähnlich der Liebe zur eigenen Familie – Pflicht.

Diese Aussagen haben eine gute Grundlage: Thomas von Aquin, einer der größten Kirchenlehrer spricht von einem notwendig abgestuften Liebesgebot, da wir nicht alles und alle in gleicher Weise lieben können. Für Thomas steht „Gott an der Spitze. In zweiter Linie kommen die Eltern und das Vaterland, von denen wir erzeugt und genährt worden sind.“

Auch im Nachbarland Frankreich gibt es Persönlichkeiten, die zum Patriotismus stehen, so Pierre de Villiers. Er ist der ehemalige Generalsstabschef Frankreichs.

De Villiers ist im Juli 2017 wegen Macron zurückgetreten. Er sagt ungeniert, was er für richtig hält. Die Einheit und die Hoffnung seiner Landsleute sind ihm „angesichts der Brüche, des Zerfalls der Gesellschaft und des wachsenden Egozentrismus“ besonders wichtig.

Die Hoffnung speist sich „aus dem Vertrauen in den Menschen und seine Fähigkeiten und Werte. De Villiers gehört zur „stillen Reserve Frankreichs“ (so Jürgen Liminski). Der Wahlspruch des Ex-Generals „Meine Seele für Gott, mein Leib für das Vaterland, mein Herz für die Familie“ ist ein Programm, das Vertrauen einflößt  –  über Frankreich hinaus.


Regensburger Bischof Voderholzer: „Es gibt kein Europa ohne die Zehn Gebote“

Der Bischof von Regensburg, Dr. Rudolf Voderholzer (siehe Foto), hat in einem Festvortrag beim Neujahrsempfangs der Aktionsgruppe Altmühl-Jura in Mindelstetten am 16. Januar 2019 erklärt:

„Die Seele Europas ist das Christentum und deshalb ist es auch historisch exakt und verantwortbar, vom ‚christlichen Abendland‘ zu sprechen. Ich halte es nicht für vernünftig, diesen Begriff und die Deutungshoheit darüber anderen zu überlassen, die nationalistische Interessen damit verbinden, die zutiefst einer katholischen Universalität widersprechen.“

Mit Blick auf die Europawahl im Mai dieses Jahres ging Bischof Voderholzer der Frage nach, was die Seele Europas sei, worin sie bestehe.

Dieser Kontinent sei Europa geworden durch den christlichen Glauben. Er trage das Erbe Israels in sich, er habe das Beste des griechischen und des römischen Geistes in sich aufgenommen und damit alle Wesensbereiche Europas geprägt.

Deshalb konnte Europa zum Ursprungsort der wissenschaftlichen Welterklärung mit den Mitteln der menschlichen Vernunft werden. Deshalb konnte Europa Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit entwickeln. Deshalb konnte Europa eine Kultur der Menschenwürde entwickeln.

Der Regensburger Oberhirte veranschaulichte die Prägekraft des Christentums mit einer Fülle an Beispielen, die auch immer wieder die Gefährdungen der Wesenskraft europäischer Identität aufzeigten.

BILD: Denkmal mit den Zehn Geboten auf einem Kirchplatz im Bistum Regensburg

Zum Beispiel die 10 Gebote, die zum jüdischen Erbe des Christentums gehören. Bischof Voderholzer dazu:

„Es gibt kein Europa ohne die Zehn Gebote: Schutz der Unversehrtheit des Lebens, Schutz der Ehe und Schutz des Familienzusammenhangs, Schutz des Eigentums, Schutz des guten Rufes eines Menschen. Wo die Zehn Gebote nicht geachtet werden, ist die Menschlichkeit in Gefahr.

Wo die Zehn Gebote nicht geachtet werden, ist auch Europa in Gefahr. Wer die Gebote Gottes nicht beachtet,…schadet sich selbst. Um es in einem Bild zu sagen: Wer zum Himmel spuckt, trifft sich selbst.“

Zum Beispiel der Gottesbezug in den Verfassungen, die sich damit zu den christlichen Fundamenten bekennen, die unser Wertesystem begründen. Der säkulare Staat mache damit deutlich, dass er auf Fundamenten steht, die keine freiheitliche Rechtsgemeinschaft aus sich selbst erschaffen kann, ohne sich selbst zu vergötzen.

Bischof Voderholzer: „Deswegen (…) habe ich auch für den Kreuz-Erlass des bayerischen Ministerpräsidenten vom April letzten Jahres meine Stimme erhoben zusammen mit dem evangelischen Regionalbischof Hans-Martin Weiss.“

Da aktuell der Begriff des „christlichen Abendlandes“ in politischen Debatten auftaucht, ging der Regensburger Bischof auch auf die Stimmen derjenigen ein, die die Gefährdung unseres Kulturraumes hervorheben.

Er gehöre zu denen, „die diese Sorgen nicht einfach von der Hand weisen. Ich wiederhole aber auch hier, was Peter Scholl-Latour, einer der besten Kenner des Orients und des Islam schon vor etlichen Jahren gesagt hat: ‚Sorgen muss sich Europa nicht machen wegen der Stärke des Islam, sondern wegen seiner eigenen geistigen Schwäche.‘ Ganz ähnlich hat Papst Franziskus etwa anlässlich der Verleihung des Karls-Preises eine gewisse ‚Müdigkeit‘ und ‚Kraftlosigkeit‘ Europas beklagt.“

Lesen Sie den Vortrag in voller Länge nach.

Quelle und Fortsetzung der Meldung hier: https://www.bistum-regensburg.de/news/vom-christlichen-abendland-zu-sprechen-ist-richtig-6525/


Warum Deutsch eine jüdische Sprache ist

Von Chaim Noll

In einer Diskussion an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva über die Zukunft der deutsch-jüdischen Literatur ließ die aus Wien stammende, heute in Amerika lebende Schriftstellerin Ruth Klüger den Satz fallen: „Deutsch ist eine jüdische Sprache“.

Niemand widersprach. Als wir vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal eine Konferenz über deutsch-jüdische Literatur an der Ben Gurion Universität veranstalteten, eine Konferenz, auf der zwangsläufig deutsch gesprochen wurde, obwohl die offizielle Konferenzsprache vorsichtshalber Englisch war, kam es zu Unmutsäußerungen der Bevölkerung.

FOTO: Unser Gast-Autor Chaim Noll ist deutsch-jüdischer Schriftsteller und lebt in Israel

Lange haben die deutschen Einwanderer in Israel ihre Sprache verleugnet. Viele haben innerhalb ihrer Familien nicht mehr Deutsch gesprochen, ihren Kindern und Enkeln die frühere Muttersprache vorenthalten, eine Sprache, in der Juden über Jahrhunderte in Deutschland, Österreich-Ungarn, der Schweiz, in Teilen Polens, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern eine Sprachheimat hatten, in der sie ihre Geschäfte machten, an den Universitäten unterrichteten und literarisch brillierten.

In den frühen Kibuzim war es regelrecht verboten, deutsch zu sprechen, obwohl oder gerade weil ihre Erbauer oft zu einem großen Teil aus deutschsprachigen Ländern und Gebieten stammten.

Zum einen sollte die drakonische Maßnahme dem aus alten Büchern wiederbelebten Neu-Hebräisch helfen, sich in der extrem multikulturellen, aus aller Welt eingewanderten, etwa zweihundert Muttersprachen sprechenden jüdischen Bevölkerung des britischen Mandatsgebiets Palästina, später des jungen Staates Israel durchzusetzen.

Zweitens galt der deutschen Sprache die tiefe Aversion der Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland und den besetzten europäischen Ländern – die Sprache wurde absurderweise mit den Nazi-Tätern identifiziert, obwohl diese sie weder liebten noch wirklich beherrschten.

Daher war es in Israel über Jahrzehnte allgemeine Verabredung, die deutsche Sprache zu ignorieren und zu verachten. Trotz der damit verbundenen Einbußen:

So konnte fast niemand mehr – auch kaum ein Fachwissenschaftler – die Werke der Gründerväter des neuen Staates im Original lesen, denn Theodor Herzl, Moses Hess, Nathan Birnbaum und viele führende Zionisten schrieben deutsch. In dieser Sprache verständigte sich die Szene des säkularen Zionismus, deutsch führte sie ihre Debatten und Korrespondenzen, organisierte sie ihre Strukturen und Kongresse.

Deutsch scheint auch die Sprache der gebildeten Juden im Osten gewesen zu sein: Leo Pinsker, geboren in der Wojewodschaft Lublin im östlichsten Polen und russischer Staatsbürger, verfasste 1882 sein zionistisches Grundsatzpapier „Autoemancipation. Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“ auf Deutsch – er sprach Russisch nur mittelmäßig, Hebräisch gar nicht und Jiddisch lehnte er als „Jargonsprache“ ab.

Feststellung des Verlusts

Auch die Gedankenwelt der deutsch-jüdischen Philosophie blieb fast allen Israelis in ihrer sprachlichen Subtilität verschlossen, sei es das Werk von Moses Mendelssohn, von Abraham Geiger, Franz Rosenzweig, Hermann Cohen, oder das Schrifttum eines für Israels religiöse Bevölkerung wegweisenden Rabbiners wie Samson Rafael Hirsch aus Frankfurt, der seinen berühmten, von Hunderttausenden Juden in aller Welt studierten Tora-Kommentar selbstverständlich in seiner deutschen Muttersprache schrieb. 

Sogar ein Sprachwissenschaftler und Islam-Forscher wie Ignaz Goldziher verfasste damals, obwohl er in Budapest lebte und lehrte, seine umfangreichen Bücher in deutscher Sprache.

FOTO: Die Menora  – der siebenarmige Leuchter  – ist neben dem Davidstern ein bekanntes Symbol des Judentums

Schon Mendelssohn hatte im späten achtzehnten Jahrhundert so nachdrücklich auf Deutsch als Sprache philosophischer Theorie und schöngeistiger Literatur insistiert, dass er seinen König, Friedrich den Zweiten von Preußen, für deren Vernachlässigung kritisierte.

In seinen um 1770 erschienen Literaturbriefen bedauert er, dass Friedrichs Gedichtsammlung  Poésies diverses nicht in deutscher, sondern französischer Sprache geschrieben war: „Welcher Verlust für unsere Muttersprache (sic!), dass sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht!“

Israelische Leser, der deutschen Sprache entwöhnt, blieben auf englische oder hebräische Übersetzungen angewiesen, um die Gedanken deutschsprachiger Denker zu rezipieren, obwohl noch die eigenen Eltern oder Großeltern diese Sprache gesprochen und gelesen hatten.

Dabei waren gerade die philosophischen und theologischen Vordenker der jüdischen und israelischen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit ihren an Kant und der deutschen Philosophie-Sprache geschulten Schachtelsätzen, Substantivierungen und kühnen Begriffsschöpfungen oft nicht adäquat übersetzbar.

Texte von Abraham Geiger, Franz Rosenzweig oder Rabbi Samson Raphael Hirsch kann eigentlich nur ein Kenner der deutschen Sprache in all ihren Feinheiten verstehen.

Deutsch-jüdische Literatur

Am stärksten litt die Rezeption der deutsch-jüdischen Literatur. Seit Jahren erbe ich Bücher aus opulenten deutschsprachigen Bibliotheken, deren Besitzer sterben, ohne dass jemand in ihrer Familie mit ihren Schätzen etwas anfangen könnte, mit den berühmten Erstausgaben der jüdischen Verlage der Weimarer Republik und Österreichs, Samuel Fischer, Kurt Wolff, Czolnay, Cassirer, den in Leder gebundenen Kunstbänden von Klemperer und Meyer-Graefe, den Romanen, Novellen, Gedichten von Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Harden, Wassermann, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig, Julius Bab, Kafka, Max Brod, Franz Werfel, Feuchtwanger, Schalom Asch. 

Diese oft hundert Jahre alten Bücher, in einer heute vergessenen Grandezza der Ausstattung, mit kostbaren Einbänden, Vorsatzpapieren, Vignetten und Illustrationen, mit Golddruck und seidenen Lesebändern, fallen mir in den Schoß – einzig aus dem Grund, weil ich  deutsch lesen kann.

Und so sehr mich die unerwarteten Geschenke freuen, die mir manchmal kistenweise ins Haus kommen und wunderbare Lesestunden bescheren, so sehr bedauere ich, dass die eigentlichen Erben, die in Israel geborenen Kinder und Enkel der Verstorbenen, unfreiwillig darauf verzichten müssen.

Die Literatur der Juden in deutschsprachigen Ländern ist ein für das heutige westliche Selbstverständnis bedeutendes Phänomen, indem sie den über Jahrhunderte währenden Prozess der Einwanderung und Akkulturation in diesen Ländern widerspiegelt.

Deutsch-jüdische Literatur reflektiert gesellschaftliche Verhältnisse über einen Zeitraum von fast zwei Jahrtausenden. Die erste bekannte Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland in einem Edikt Kaiser Constantins aus dem Jahre 321 lässt auf noch frühere Existenz von Juden im deutschen Sprachraum schließen, da in diesem Edikt bereits von einer reichen, etablierten Gemeinde in Colonia, dem heutigen Köln, die Rede ist, von deren Repräsentanten der römische Kaiser verlangt, endlich ihrer Bedeutung entsprechende öffentliche Ämter zu bekleiden.

Frühe Gemeinden bestanden vermutlich bereits um die Zeitenwende, in den römischen Gründungen entlang des Rheins, in Garnisonsstädten in Süddeutschland, vor allem in Bayern und Franken, ferner – gleichfalls früh bezeugt – im heutigen Österreich.

Auch Versuche jüdischer Dichter in der deutschen Sprache sind früh belegt, etwa des mysteriösen Süßkind von Trimberg aus Franken. Sein Auftauchen im Codex Manesse dokumentiert ihn als vergleichsweise frühen Autor in der erst relativ spät entstehenden deutschen Literatur.

Die sich im Mittelalter – gegenüber dem Reich Karls des Großen – verschlechternde Situation der Juden findet ihren Niederschlag im Rückgang literarischer Äußerung in deutscher Sprache.

Bekannt werden einige jüdische Disputanten, besonders Josel von Rosheim im späten 15. Jahrhundert, die in den öffentlichen Debatten, ausgelöst durch anti-jüdische Hetzschriften, die Position der Juden verteidigen und bei dieser Gelegenheit ihre Beherrschung der deutschen Hochsprache demonstrieren.

Die aus der deutschen Sprachöffentlichkeit verbannten Juden hinterlassen dafür eine umso tiefere Spur im hebräischen Schrifttum dieser Zeit, sowohl im talmudischen – am bekanntesten Rabbi Shimeon bar Izchak, genannt Raschi, in Mainz und Worms – als als auch in der hebräischen Poesie, wie Yehuda ha Chassid, Meir von Rothenburg, Shimeon bar Isaak und andere. 

Raschi gehört bis heute zu den meist gelesenen jüdischen Autoren weltweit. Eine besondere Entdeckung für deutschsprachige Leser seines berühmten Tora-Kommentars sind die gelegentlich im hebräischen Text auftauchenden deutschen Wörter, allerdings in hebräischen Lettern geschrieben, dort, wo Raschi meinte, das deutsche Wort drücke, was er sagen wollte, am prägnantesten aus.

Sie verraten ausgeprägtes Sprachgefühl im Deutschen, das Raschi perfekt beherrschte, wenn er sich dieser Sprache auch nicht offiziell bediente. Andere deutsch-jüdische Autoren dieser Jahrhunderte schreiben jiddisch wie Glückel von Hameln. Bis ins 18.Jahrhundert bleiben durchweg deutsch schreibende jüdische Autoren eine Ausnahme.

19. Jahrhundert: Emanzipation, Assimiliation und moderner Zionismus

Das änderte sich grundlegend mit der Befreiung der deutschen Juden aus dem Ghetto und ihrer beginnenden bürgerlichen Emanzipation. Ende des 18.Jahrhunderts gelangte die deutsch-jüdische Literatur zu ihrer eigentlichen Ausprägung und  Bedeutung.

Ihre Entfaltung ging einher mit der haskalah-Bewegung, die innerhalb des deutschen Judentums für größere Öffnung gegenüber der deutschsprachigen Kultur und stärkere Assimilation plädierte. Bei einigen deutschsprachigen Autoren dieser Zeit ging die Annäherung bis zum religiösen Übertritt ins Christentum, bei Rahel Varnhagen, Heine und Börne, auch beim jungen Karl Marx.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangten die Juden in Deutschland bis zu einem gewissen Grad die bürgerliche Gleichstellung, stießen jedoch noch immer auf unüberwindliche Barrieren (keine Professuren, Verbeamtungen etc.).

Die Schaffung des Identitätsraums „Jude in Deutschland“ und Probleme im Spannungsfeld „Assimilation – jüdisches Selbstgefühl“ stehen im Mittelpunkt der literarischen Auseinandersetzung der bedeutenden deutsch-jüdischen Autoren dieser Zeit.

Rasch entstand eine jüdische Belletristik in deutscher Sprache mit namhaften, viel gelesenen Romanciers, Poeten und Dramatikern wie Berthold Auerbach, Karl Emil Franzos, Fanny Lewald oder dem frühen Nobelpreisträger Paul Heyse. Andere beteiligten sich als politische Publizisten und Redner aktiv an der Durchsetzung der bürgerlichen Rechte in Deutschland, etwa Johann Jacoby, von dem der berühmte Satz stammen soll: „Es ist  das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen.“

Jüdische Autoren waren maßgeblich an der Entstehung einer kritischen Publizistik beteiligt (die in Deutschland bekanntermaßen sehr viel später als anderswo aufkam), Moritz Saphir, Ernst Dohm oder Julius Rodenberg, vor allem der fulminante Maximilian Harden, der mit Hilfe seiner Zeitschrift Die Zukunft führende Politiker des wilhelminischen Deutschland in große Bedrängnis brachte.

Die Mitwirkung der deutschen Juden am Aufstieg des deutschen Kaiserreichs erreichte ihren Höhepunkt in den sogenannten „Goldenen Jahrzehnten“ der deutschen Juden zwischen der Reichsgründung 1871 und den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Von Anbeginn waren deutsche Juden aktiv am Aufbau des deutschen Reiches beteiligt, auf fast allen Gebieten, darunter auch – für die Öffentlichkeit am meisten spürbar – als Politiker und Parlamentarier, die schriftstellerisch hervortraten.

Auf der anderen Seite beeinflussten jüdische Denker weitgehend das Profil der Opposition, vor allem des deutschen und österreichischen Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Marx, Bernstein, Lassalle oder Rosa Luxemburg. Zur gleichen Zeit entstand die Literatur des modernen Zionismus, dessen bahnbrechende Schriften – politisch, wirtschaftlich oder religiös – wiederum von deutschsprachigen Autoren stammen.

Weimarer Republik: Jüdisch geprägte Kulturblüte

Andere leisteten Wesentliches bei der Errichtung und Profilierung der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, nach Ende des Weltkriegs. Parallele Entwicklungen vollzogen sich in Österreich, wo gleichfalls das Kaiserreich von einer Republik abgelöst wurde, in der wiederum Juden eine große öffentliche Rolle spielten.

Die noch in der Kaiserzeit üblichen Behinderungen für Juden entfielen, das religiöse Bekenntnis nahm keinen Einfluss mehr auf die Vergabe öffentlicher Ämter, so dass Juden in fast allen Bereichen und Rängen der Gesellschaft tätig werden konnten.

Der zunehmenden Integration stand jedoch ein wachsender Antisemitismus gegenüber, der zunächst von politischen Gegnern der Republik ausging, dann auf größere Kreise der Bevölkerung übergriff. Dennoch gelangten die deutschen und österreichischen Juden zu einer öffentlichen Bedeutung wie niemals zuvor.

Jüdische Publizistik gewann immensen Einfluss auf das öffentliche Klima, teilweise mit spektakulären Wirkungen auf deutschsprachige Öffentlichkeiten, Autoren wie Theodor Wolff, Alfred Kerr, Tucholsky oder Karl Kraus, teilweise begünstigt durch Medienkonzerne jüdischer Gründer (Ullstein, Mosse) und jüdische Buch- und Zeitschriftenverleger.

Auch viel gelesene Philosophen wie Hermann Cohen und Edmund Husserl, Sozialwissenschaftler wie Georg Simmel, Psychologen wie Alfred Adler, Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld gelangten zu einem die Epoche prägenden Einfluss.

Zugleich gewann die belletristische Literatur deutsch-jüdischer Autoren eine Breitenwirkung, die den „jüdischen Hintergrund“ der (meist stark assimilierten, gelegentlich zum Christentum konvertierenden) Autoren nicht selten vergessen machte und ihre – wenngleich illusorische – Identifikation mit der deutschen Literatur dieser Tage begünstigte, Schriftsteller von unterschiedlicher literarischer Qualität, doch großer Beliebtheit beim deutschsprachigen Publikum wie Georg Hermann, Joseph Roth, Alfred Döblin, Vicky Baum, Arthur Holitscher, Emil Ludwig, Mascha Kaleko oder Else Ury, Verfasserin der populären „Nesthäkchen“-Romane, die 1943, als fast Siebzigjährige, in Auschwitz vergast wurde.

Vor allem aber bildeten jüdische Autoren die Avantgarde der literarischen Moderne. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die modernen Literaturströmungen in der deutschen Literatur, etwa die expressionistische Lyrik und Dramatik, ihre wesentlichen Impulse von Juden erhielten, von Ernst Blass, Jakob van Hoddis, Paul Kornfeld und Alfred Ehrenstein als Lyriker, Carl Sternheim und Walter Hasenclever als Bühnenautoren.

Andere Autoren erwiesen sich als visionäre Gestalten für die intellektuellen Diskurse kommender Jahrzehnte, sowohl im Literarischen, wie Kafka und Walter Benjamin, als auch in Philosophie und Sozialwissenschaften wie Karl Popper, Hans Jonas oder Norbert Elias. Das moderne deutsche Theater und das junge Medium Film verdankten ihre wesentliche Inspiration jüdischen Künstlern (Otto Brahm, Max Reinhardt, Erich von Strohheim oder Fritz Lang), die aus ihren deutschsprachigen Entstehungsländern bis nach Hollywood übergriff.

Die Jahre der Weimarer Republik stellen ein einzigartiges Phänomen von Kulturdurchdringung dar. Ein solcher Grad jüdischer Akkulturation ist in der langen jüdischen Geschichte fast beispiellos, vergleichbar allenfalls der Integration der Juden in den USA.

Als umso schrecklicher wurde der Absturz in die Katastrophe der Shoa empfunden. Eine englische Historikern beschreibt den beispiellosen Vorgang mit den Worten: „German Jewry, from the proudest, most assimilated, most secure of all European-Jewish communities, now became almost overnight a harried minority, struggling for unity and dignity under almost impossible conditions.”

NS: Jewish brain drain und deutsche Kulturkatastrophe

Judenhass war eins der zentralen Motive der Nationalsozialistischen Bewegung, die 1933 in Deutschland zur Macht kam. Dennoch gründeten in Deutschland verbliebene jüdische Künstler und Intellektuelle 1933 den „Kulturbund deutscher Juden“, um das über Jahrhunderte gewachsene Werk deutsch-jüdischer Kultur fortzusetzen.

Die Nationalsozialisten stimmten unter der Bedingung zu, dass sich der Kulturbund ausschließlich zu „jüdischer Thematik“ und für ein jüdisches Publikum äußerte: an Stelle der bisherigen Assimilation der deutschen Juden trat also zunächst ihre Segregation, dann, mit den 1935 erlassenen Nürnberger Rasse-Gesetzen, ihre Kriminalisierung und Verfolgung.

Allerdings arbeiteten jüdische Verlage und Zeitschriften noch bis weit in die Dreißiger Jahre und hielten sich dabei an ihre früheren editorischen Konzepte. So veröffentlichte der S.Fischer Verlag noch 1936 Thomas Manns biblisch orientierte Josephs-Romane, der Schocken-Verlag noch bis Frühjahr 1939 eine ganze Reihe mit Büchern jüdischer Autoren.

Rund eine Viertelmillion deutscher Juden emigrierte in diesen Jahren ins Ausland, infolgedessen entstand eine über alle Welt verstreute deutsch-jüdische Exil-Literatur mit Vertretern selbst an entlegenen Orten wie Neuseeland (Karl Wolfskehl) oder Mexiko (Anna Seghers), massiert jedoch in Nordamerika (Ernst Toller, Richard Beer-Hofmann, Bruno Frank, Siegfried Kracauer, Hermann Broch, Soma Morgenstern, Moritz Goldstein oder Hans Sahl), Westeuropa (Nelly Sachs, Alfred Wolfenstein, Ernst Sommer, F.B.Steiner, Ludwig Winder, Gabriele Tergit, Arthur Koestler, Manes Sperber, Mynona) und im späteren Israel (Else Lasker-Schüler, Max Brod, Martin Buber, Shalom Ben-Chorin, Ludwig Strauss, Gershom Sholem, Manfred Sturmann, Arnold Zweig, Werner Kraft, Leo Perutz, Anna Maria Jokl).

Aus dem Rückblick gesehen, trug die NS-Zeit eher zur Stärkung der deutsch-jüdischen Literatur als –  wie von den Nazis beabsichtigt – zu ihrer Zerstörung bei. Auch unter „fast unmöglichen Bedingungen“ entstand bedeutende deutsch-jüdische Literatur in Nazi-Deutschland oder Österreich (so wurde etwa der Roman „Weg ohne Ende“ des später nach Palästina emigrierten Gerson Stern überhaupt erst 1934 geschrieben und 1935 von der Jüdischen Rundschau in Deutschland veröffentlicht) und weltweit im Exil. 

Die Exil-Autoren erbrachten den Beweis für die Autonomie der deutsch-jüdischen innerhalb der deutschsprachigen Literatur, da sich während der zwölf Jahre erzwungenen Exils herausstellte, dass deutsch-jüdische Literatur auch außerhalb ihrer Herkunftsländer, in fremden Sprach-Umgebungen, gedeiht und fortbesteht.

Die wenigen Juden, die sich nach 1945 in Deutschland und Österreich befanden oder dorthin zurückkehrten, betraten ruinierte, demoralisierte Länder. (Einzig in der Schweiz gab es keine drastische Milieuveränderung.)

Dabei verlief die Entwicklung jüdischen Lebens unterschiedlich in beiden deutschen Nachkriegsstaaten und in Österreich. Für die jüdischen Intellektuellen, die aus dem Exil zurückkehrten oder in deutschsprachigen Ländern überlebt hatten, war die sich wandelnde öffentliche Stimmung im Zuge der „Vergangenheitsbewältigung“ entscheidend.

Die für eine konsequente „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit eintretende 68er Generation wandte sich den literarischen, philosophischen oder soziologischen Texten deutsch-jüdischer Autoren zu, deren einige, etwa Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Hannah Arendt oder Erich Fromm, zu Ikonen dieser Bewegung wurden.

Auch belletristische Autoren und Dichter gelangten zu einiger Bedeutung in der Literaturszene der jungen Bundesrepublik, Hilde Domin, Rose Ausländer, Wolfgang Hildesheimer, Hermann Kesten und Edgar Hilsenrath.

In der DDR wurde die Notwendigkeit einer jüdischen Kontinuität geleugnet, das Dasein der wenigen Juden marginalisiert und die Literatur jüdischer Autoren ausschließlich im Kontext ihrer Parteinähe geduldet, nur wenige wagten oppositionelle Regungen (Stefan Heym, Jurek Becker).

Im Österreich der Nachkriegszeit blieb die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit lange Zeit halbherzig, dennoch fanden dort etliche jüdische Autoren einen dauerhaften Ort, Hilde Spiel, Ilse Aichinger, Friedrich Torberg, Heinrich Eduard Jacob, Elfriede Jellinek oder Robert Schindel. In allen deutschsprachigen Ländern, auch in der Schweiz (Margarete Susman, Robert Neumann, André Kaminski, Salcia Landmann, Hans Habe), gab es bald nach dem Krieg wieder deutsch-jüdische Autoren, darunter prominente und einflussreiche.

Juden in deutsch-sprachigen Nachkriegsliteraturen

Die deutsch-jüdische Literatur war durch die Jahre der NS-Herrschaft geschädigt worden, aber nicht verstummt. Zu den Überlebenden und Rückkehrern aus dem Exil gesellten sich jüngere Autoren, Kinder von „Remigranten“ oder von den wenigen in Deutschland und Österreich Überlebenden. Zudem wurden Deutschland und Österreich in den folgenden Jahrzehnten Einwanderungsländer für Juden aus Osteuropa und der Sowjetunion, von denen einige literarisch hervortraten, nach erfolgreichem Wechsel aus der früheren Muttersprache ins Deutsche.

Andere deutsch-jüdische Autoren blieben im Exil, veröffentlichen von dort aus in deutschen Verlagen und nehmen Einfluss auf das geistige Leben ihrer deutschsprachigen Lese-Länder. Einige nach dem Krieg geborenen Autoren verließen ihr deutschsprachiges Herkunftsland, leben dauernd im Ausland und veröffentlichen dennoch weiterhin in deutscher Sprache ihre Bücher.

Schon angesichts der stark gestiegenen Zahl von Juden in Deutschland und Österreich wird die Bedeutung der deutsch-jüdischen Literatur weiter zunehmen. Die Zahl deutsch-jüdischer Autoren ist im Steigen, ermutigt von der wachsenden Zahl ihrer Leser. Ihre Veröffentlichungen wirken sich schon jetzt wohltuend auf das geistige Klima, die Dialogkultur und Weltoffenheit Deutschlands aus.

Auch unter jungen Israelis erlebt die deutsche Sprache in diesen Tagen einen enormen Prestigegewinn, Tausende lernen gegenwärtig diese Sprache, um eine Zeit lang in Deutschland zu leben oder zu Zwecken wissenschaftlicher und beruflicher Arbeit  in ihrem Heimatland.

Der Bann scheint gebrochen, der Zugang zu den Schätzen deutsch-jüdischen Denkens und Schreibens von neuem geöffnet. Nach Jahrzehnten der Bedrohung freuen wir uns über die Begegnung kommender Generationen mit dem geistigen Fundus der zweitausendjährigen deutsch-jüdischen Vergangenheit.

Obwohl ich seit zwanzig Jahren in Israel lebe, habe ich mich vor einiger Zeit entschlossen, meine Bücher wieder in deutscher Sprache zu schreiben. Dem war eine Periode der Abwendung vorangegangen, eine Annäherung an andere Sprachen und ihre Ausdrucksmöglichkeiten, über Jahre mochte ich deutsch weder lesen noch schreiben.

Doch nach einigem Nachdenken habe ich verstanden, dass die Vorgeschichte deutsch-jüdischer Literatur und Geistesarbeit zu bedeutsam ist, zu grandios und zu einzigartig, um sie wegen der zwölf Jahre Naziherrschaft für beendet anzusehen oder aufzugeben.

Ein junger Israeli, den ich kürzlich auf dem Flughafen in Tel Aviv beim Einchecken nach Berlin kennenlernte, erzählte mir, er wolle eine Weile in meiner Geburtsstadt leben, um die Sprache zu lernen. Seine Großmutter stamme aus Berlin, hätte aber in Israel niemals mehr Deutsch gesprochen.

Mit der Zeit sei daher in ihm so etwas wie eine Sehnsucht entstanden, eine Sehnsucht nach der deutschen Sprache, wie nach einem Erbe, das man ihm vorenthalten hatte und in dem er – wie immer, wenn etwas verborgen und verschwiegen wird – besondere Geheimnisse und Köstlichkeiten vermutete.

Und da erinnerte ich mich, dass es mir einst mit dem Judentum, dem Land Israel und der hebräischen Sprache ähnlich gegangen war: gerade, weil ich in meiner Jugend fast nichts darüber lernen konnte, wurde die Sehnsucht danach so stark, dass ich ins Land der Juden auswanderte. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Möge es den jungen Israelis, die es heute nach Deutschland und in die deutsche Sprache zieht, genauso ergehen.

Internetpräsenz des Autors: http://chaimnoll.com/


Sachsen: Innenminister fordert Festnahme abgelehnter Asylanten mit unklarer Identität

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hat gefordert, abgelehnte Asylbewerber mit unklarer Identität inhaftieren zu können. „Wir brauchen die Regelung im Bundesgesetz, um in Fragen der Identifizierung abgelehnter Asylbewerber voranzukommen“, sagte Wöller der dpa-Nachrichtenagentur. Sachsen prüfe derzeit eine entsprechende Bundesratsinitiative.

Ende voriger Woche hatte sich Wöller dafür ausgesprochen, Asylbewerber mit unklarer Identität für den Zeitraum der Überprüfung festhalten zu können. „Wir brauchen dieses Mittel, um konsequent und effektiv gegen Täuschung beim Asylverfahren vorgehen zu können“, erläuterte er in der Freien Presse den Vorstoß.

Der CDU-Politiker forderte die Bundesregierung auf, eine entsprechende Gesetzesgrundlage zu schaffen: „Der Bund darf die Länder hier nicht alleinlassen.“

Die Europäische Aufnahmerichtlinie sehe bereits jetzt eine derartige Regelung vor. Allerdings habe Deutschland diese Möglichkeit nicht in nationales Recht umgesetzt, heißt es dem Bericht zufolge aus dem sächsischen Innenministerium.

Viele Abschiebungen verzögerten sich aufgrund der aufwendigen Identifizierungsverfahren. Zudem tauchten Betroffene immer wieder während des Verfahrens unter. Wöller nahm bei seiner Forderung auch Bezug auf die tödliche Messerattacke in Chemnitz.

Quelle und Fortsetzung der Meldung hier: https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2018/sachsen-will-asylbewerber-ohne-pass-inhaftieren-koennen/


Polizeigewerkschaft lobt „Asylplan“ Bayerns

Als „richtig und notwendig“ hat Rainer Wendt gegenüber dem Nachrichtensender WELT die Pläne der bayerischen Staatsregierung zur Neuordnung der Asylpolitik bezeichnet.

Die Einrichtung von Ankerzentren und die rasche und rechtssichere Entscheidung über Asylbegehren sind notwendiger Bestandteil einer erforderlichen Steuerung und Begrenzung von Migration, so der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Ausdrücklich begrüßte er auch die bayerischen Pläne zur beschleunigten Abschiebung abgelehnter Asylbewerber: „Wir dürfen nicht immer nur nach Gründen suchen, warum etwas nicht klappen soll und vor allem jetzt keine Zuständigkeitsdebatten führen, sonst lösen wir die Probleme nie.“ 

Mit Nachdruck forderte Rainer Wendt einen besseren Schutz der europäischen Außengrenzen an, den die österreichische Ratspräsidentschaft zum Schwerpunkt machen will. Außerdem sollten Menschen, die erkennbar keine Berechtigung zur Einreise nach Deutschland haben, bereits an der Grenze zurückgewiesen werden.

Bild: Titel eines Buches von Rainer Wendt: „Deutschland in Gefahr“ (wie wahr!)

Rainer Wendt weiter: „Nur aus der Kombination all dieser Maßnahmen werden wir die Migrationskrise in den Griff bekommen. Viele Menschen sind verunsichert, enttäuscht und haben das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit unserer Parlamente und Regierungen verloren. Jetzt müssen die richtigen Konzepte auch rasch umgesetzt werden, wenn dieses Vertrauen wiedererlangt werden soll.“

Rainer Wendt begrüßte auch die von Innenminister Seehofer im Deutschen Bundestag angekündigten Neureglungen zum Familiennachzug für subsidiär Schutzsuchende, merkte aber deutlich an, dass die Identität derjenigen, die dieses Begehren vortragen, fest stehen müsse.

Quelle: https://www.dpolg.de/aktuelles/news/dpolg-lobt-asylplan-des-bayerischen-ministerpraesidenten/


Kreuz-Debatte: Jüdischer Historiker fordert christliche Kirchen zu mehr Selbstachtung auf

„Sind Juden wie ich sozusagen die letzten Christen?“

Unter dem Titel „Das Kreuz mit dem Kreuz“ veröffentlichte die Online-Ausgabe der BILD-Zeitung am 10. Mai eine Stellungnahme des deutsch-jüdischen Historikers Dr. Michael Wolffsohn zur Debatte um den bayerischen Kreuz-Erlaß. 

Professor Wolffsohn hat sich bereits im Herbst 2016 kritisch über Kardinal Marx und den evangelischen Landesbischof Bedford-Strohm geäußert, weil die beiden kirchlichen Würdenträger auf dem Tempelberg und an der Klagemauer in Jerusalem jeweils ihre Amtskreuze abgelegt hatten – angeblich, um weder Muslime noch Juden zu provozieren; freilich stellte sich bald heraus, daß von jüdischer Seite überhaupt kein entsprechender Wunsch geäußert worden war.                             (Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2016/11/09/prof-wolffsohn-kritisiert-kreuz-verzicht-von-kardinal-marx-und-bischof-bedford-strohm/)

Der Historiker und Autor zahlreicher Bücher aus München schreibt, das Problem beider Kirchen in Deutschland bestehe nicht zuletzt darin, „dass sie ihren inneren Frieden als Christen verloren oder nicht gefunden haben.“

Wolffsohn sieht dies auch angesichts der jetzigen Kreuz-Diskussion bestätigt, hatte sich doch besonders der Münchner Erzbischof Reinhard Marx gegen den Söder-Entschluß geäußert, Kreuze in bayerischen Landesbehörden aufzuhängen.

Hierzu stellt der Geschichtsprofessor klar:Das Kreuz ist DAS christliche Zeichen schlechthin. Wie jedes Symbol beinhaltet es eine Fülle von Bedeutungen, sozusagen ein ganzes Inhaltspaket. Jede einzelne Bedeutung, die das Kreuz beinhaltet, signalisiert dem Betrachter: Hier hast du es mit Christlichem zu tun – religiös, kulturell, politisch, rechtlich.“

Es könne auf Dauer „nicht gutgehen“, wenn den Christen ihre eigene Identität verlorengeht: Wer keine Identität hat, denkt heute dies und morgen das – und kann leicht verführt werden.“

Prof. Wolffsohn fährt fort, unser Land sei trotz verschiedener Einflüsse „in erster Linie christlich geprägt“  –  selbst wenn das den Deutschen nicht mehr klar bewußt sei.

Zur Nächstenliebe gehöre auch die Selbstliebe der Christen – ihre Achtung vor der eigenen Identität und Überzeugung  – gemäß dem göttlichen Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Dazu sollten die Kirchen ihre Gläubigen erziehen, stellt der jüdische Historiker fest. Doch stattdessen werde Söders Kreuz-Entscheid ausgerechnet von Amtsträgern kritisiert. 

Wolffsohns klarsichtige Stellungnahme endet mit folgenden Worten:

Wie steht es um die Kirchen, wenn Juden wie ich sozusagen die letzten Christen sind?
Hoffentlich suchen – und finden! – Christen nicht nur auf Katholiken- und Kirchentagen sich selbst und dann den Frieden. Frieden mit sich selbst und in der Welt.“