Theresia von Avila warnt vor dem Wunsch nach „außergewöhnlichen Gnaden“

Die Ordensreformerin und heiliggesprochene Kirchenlehrerin Theresia von Avila hat eindringlich davor gewarnt, sich nach besonderen Charismen bzw. Gnadengaben Gottes zu sehnen. Das Verlangen danach hält sie für eine gefährliche Versuchung. 

Hierzu folgender Auszug aus ihrem Buch „Innere Burg“  (9. Kap., Abschnitte 14-16; vgl. auch Kap. 8), wobei sie sich vor allem an ihre Ordensschwestern wendet:

„Ich will euch sehr darauf hinweisen, dass ihr Gott niemals darum bitten noch von ihm wünschen solltet, euch auf diesem Weg zu führen, falls ihr erfahrt oder hört, dass Gott den Seelen diese (besonderen) Gnaden erweist.  PAX

Auch wenn dieser Weg euch genau richtig vorkommen mag, und man ihn auch hochachten und in Ehren halten soll, so ist das aus folgenden Gründen doch nicht angebracht:

Erstens, weil es ein Mangel an Demut wäre, wenn ihr wolltet, dass euch gegeben wird, was ihr niemals verdient habt, und von daher glaube ich, dass wer immer sich das wünscht, nicht viel davon hat.(…) Denn wie wird einer, der solche Gedanken hegt, in Wahrheit erkennen, dass ihm eine sehr große Gnade schon dadurch zuteil wird, da er nicht in der Hölle gehalten wird?

Zweitens, weil es ganz sicher ist, dass er sich einem Betrug oder doch großer Gefahr aussetzte, da der Böse nicht mehr braucht als nur eine kleine Tür offen zu sehen, um uns tausenderlei Dinge vorzugaukeln.

Drittens, die eigene Einbildung, also die Person selbst, bringt sich, wenn ein starker Wunsch da ist, in ihrem Erkennen so weit, dass sie sieht und hört, was sie sich wünscht, genauso wie es denen, die tagsüber mit Lust auf etwas umhergehen und viel daran denken, passiert, dass es ihnen im Traum unterkommt.

Viertens ist es eine große Dreistigkeit, wenn ich den Weg wählen wollte, ohne zu wissen, welcher mir mehr zusagt, statt es dem HERRN  – der mich ja kennt  –  zu überlassen, mich auf dem, der zu mir passt, zu führen, damit ich in allem seinen Willen tue.

Meint ihr vielleicht, fünftens, dass diejenigen, denen der HERR solche Gnaden erweist, nur wenige Prüfungen zu erleiden hätten? Nein, riesengroße und von vielerlei Art! Was wisst ihr, ob ihr fähig seid, sie zu ertragen?

Sechstens, dass ihr nicht durch eben das, wodurch ihr zu gewinnen meint, verliert wie Saul, obwohl er König war (1 Sam 15,10f.).

Glaubt mir, Schwestern, dass es am sichersten ist, nur zu wollen, was Gott will, der uns besser kennt als wir selbst und uns liebt. Geben wir uns in seine Hände, damit sein Wille an uns geschehe, und wir werden nicht irren können, wenn wir mit entschlossenem Willen uns immer daran halten.

Ihr solltet auch bedenken, dass man deshalb, weil man viele solcher Gnaden empfangen hat, keine größere Herrlichkeit verdient, denn dafür ist man mehr verpflichtet zu dienen, weil man ja mehr empfängt.“

Quelle http://invenimus.blogspot.de/2014/03/uber-den-wunsch-nach-besonderen-gnaden.html?m=1