Peter Seewald über Papst Benedikt, seine Theologie, Amtszeit und Persönlichkeit

Papst em. Benedikt wird am kommenden Sonntag 90 Jahre alt. Der Band „Letzte Gespräche“ mit dem Journalisten Peter Seewald (siehe Foto) stellt eine Bilanz seiner Amtszeit dar: Die darin verarbeiteten Interviews wurden kurz vor und nach Benedikts Rücktritt für die Arbeit an einer Biografie geführt.

Im folgenden Gespräch mit ZENIT-Korrespondentin Michaela Koller (siehe Foto) zeichnet Peter Seewald das Bild eines modernen Wahrheitssuchers und „Knotenlösers mit Kopf und Herz“, das er sich in vielen intensiven Begegnungen von ihm machen konnte.

Herr Seewald, Papst Benedikt XVI. wird am Sonntag 90 Jahre alt; er hat, was wohl nur wenige in der Geschichte von sich behaupten konnten, sein eigenes Pontifikat überlebt. Was wissen Sie aus eigener Anschauung, wie es ihm aktuell geht?
 
Seewald: Ich habe ihn im Dezember das letzte Mal gesehen und besuche ihn jetzt im Mai. Ich weiß, dass es ihm gut geht, natürlich dem Alter von 90 Jahren entsprechend. Er ist in allem etwas langsamer geworden. Er hat mit dem Gehen Probleme, spricht langsamer und hört auch schlechter. 
Natürlich leidet er auch unter der gewaltigen Glaubenskrise, die selbst viele Verantwortliche in der Kirche noch nicht richtig erkannt haben. Er ist ja kein Pensionist, der sich zum Rosenzüchten zurückgezogen hat. Er hat bei seinem Rücktritt erklärt, dass er die Last dieser Kirche im Gebet mitträgt.
Auch als Papa emeritus nimmt er regen Anteil daran, was in der Kirche und in der Welt passiert. Ansonsten freut er sich darüber, dass er in der Ruhe seines Klosters sonnige Tage mit Freunden erleben kann.
 
Öffentlich wurden mehrfach sehr unterschiedliche Bilder vom Menschen Joseph Ratzinger gezeichnet. Sie kennen ihn aus drei Lebensphasen persönlich, als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation, als Papst und schließlich als „Papa emerito“. Was zeichnet ihn denn wirklich aus?
 
Seewald: Ich habe ihn jetzt ein Vierteljahrhundert als Journalist begleitet und habe unter seinen vielen Wegbegleitern, die ich gesprochen habe, außer Hans Küng noch niemanden getroffen, der das Bild des finsteren, machtbeflissenen, harten, einsamen und rückwärtsgewandten Mannes, das ja von Ratzinger in manchen Medien noch immer gepflegt wird, teilen würde. 
Ich habe ihn als wirklichen Mann Gottes, als beispiellosen Intellektuellen kennengelernt, der durch seine brillanten Analysen, durch die Nachhaltigkeit seiner Prognosen besticht, und als Theologen des Volkes, der nie vergessen hat, woher er gekommen ist, der immer bemüht war, den Glauben vor allem auch den einfachen Menschen zu vermitteln.
In der persönlichen Begegnung ist er ein sehr herzlicher Mensch, mit dem man auch viel lachen kann, mit dem es immer spannend ist, und der es einem leicht macht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er ist alles andere als kontaktscheu und besticht durch seine Demut.
Ich habe mich immer um journalistische Distanz bemüht, und natürlich ist auch ein Joseph Ratzinger nicht frei von Fehlern. Aber es ist eigentlich unmöglich, wenn man sich mit Person und Werk beschäftigt, nicht auch Sympathie für diese Person und dieses Werk zu empfinden.
 
Vom persönlichen Eindruck zum Urteil der Geschichte: Was wird, Ihrer Prognose zufolge, seine bleibende Bedeutung prägen?
Seewald: Noch nie stand jemand so lange wie Joseph Ratzinger  –  mehr als drei Jahrzehnte lang  –  an der Spitze der größten und ältesten Institution der Welt.
Er ist durch seine Beiträge zum Konzil, die Wiederentdeckung der Väter und die Verlebendigung der Lehre als ein Erneuerer des Glaubens, der Kirchenlehre zu sehen.
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BILD: Michaela Koller überreicht Papst Benedikt eines ihrer Bücher
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Was Benedikt XVI. von anderen Päpsten unterscheidet, ist ein Werk, das ganz unabhängig vom Pontifikat bereits groß und bedeutend ist. Ich denke, der Tag ist nicht mehr fern, an dem man von Papst Benedikt allgemein als den Kirchenlehrer der Moderne sprechen wird.
Ich schließe mich da den Worten von Papst Franziskus an, der sagte: „Sein Geist wird von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten.“
 
Sein Nachfolger Papst Franziskus hat ein katholisches Selbstbewusstsein neu gestärkt. Dies gab es auch unter Benedikt XVI., zusammengefasst in der Schlagzeile „Wir sind Papst“. Warum ist dies so schnell eingebrochen?
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Seewald: Von „schnell eingebrochen“ kann nicht die Rede sein. Wir vergessen allzu leicht, wie die ersten vier Jahre des Pontifikats ausgesehen haben. Man hat von einem „Benedetto-Fieber“ gesprochen, das man nicht für möglich hielt. Er hat Millionen von Menschen mit seinen Schriften bewegt, Millionen von Menschen versammelt.
Es war eine Zeit, in der seine Kritiker fast nicht mehr wagten, ein kritisches Wort zu sagen, wenn alle Welt so voller Begeisterung ist. Dann gab es den Bruch durch die Williamson-Affäre. Diese Schnittstelle hat das Pontifikat in zwei Teile geteilt. Nach dem Hosianna in der ersten Hälfte wurde es nun mühsam.
Er hat aber nie einen Holocaust-Leugner wieder zum Bischof der katholischen Kirche gemacht. Diese Überschrift hat dem Pontifikat einen Schlag versetzt, aber sie ist falsch.
Dann kam der Missbrauchsskandal, der nun ausgerechnet dem Papst angelastet wurde. Dabei hat Ratzinger schon als Präfekt soviel wie möglich getan, um solchen Verbrechen nicht nur vorzubeugen, sondern die Fälle aufzuarbeiten, die Täter zu bestrafen und die Opfer zu würdigen.
Diese Linie hat er als Papst konsequent fortgeführt. Selbst seine Kritiker mussten anerkennen, dass Benedikts Management maßgeblich dazu beitrug, dass sich eine der gewaltigsten Krise der Kirchengeschichte nicht zu einem Fanal für die ganze katholische Kirche auswirkte.
Wenn wir durch den zunehmenden zeitlichen Abstand auf das Pontifikat und die Diskussion darum wieder einen freieren Blick auf Person und Werk bekommen, wird man auch die gewaltige Leistung erkennen können, die sich damit verbindet. 
Wir haben im deutschen Papst nicht nur eine Jahrhundertbiografie, sondern auch eine echte Jahrhundertgestalt, einen der brillantesten und charismatischsten Figuren unserer Zeit.
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Viele Anzeichen, etwa die neue Auseinandersetzung mit seiner Lehre, die vielen Titel, die dazu erscheinen, die Symposien, die nach ihm benannten Studiengänge und Institute, die weltweite enorme Nachfrage nach seinen Texten etc. lassen erkennen, dass eine Renaissance des Werkes von Joseph Ratzinger bereits begonnen hat.
 
Von einem seiner Schüler wurde der emeritierte Papst Benedikt einmal als Dissident bezeichnet. Sie arbeiten ja an seiner Biographie: Können Sie sich vorstellen, inwiefern diese Bezeichnung passend ist?
 
Seewald: Er hat sich immer mutig eingemischt, gegen Tendenzen gestellt, von denen er überzeugt war, dass sie den Menschen, der Welt oder der Kirche schaden. Ratzinger ist immer auch eine Art Widerstandskämpfer gewesen: Aus der Erfahrung der atheistischen Diktatur heraus hat er dafür eine besondere Sensibilität.
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Er hat es aber nie beim Widerspruch belassen, sondern immer auch Lösungen angeboten. Er hat sich in schwierigen Situationen als Knotenlöser erwiesen, der mit Kopf und Herz den Menschen Orientierung geben kann.
Joseph Ratzinger träumte davon, als Professor ein theologisches Werk zu schaffen, das unserer Zeit wieder Christus zeigen kann. Aber er hat sein Lebensglück ganz dem Dienst für die Kirche geopfert. Die Berufungen zum Erzbischof und zum Präfekten waren alles andere als seine persönlichen Sternstunden.
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Radio Vatikan im Interview mit Erzbischof Gänswein über Papst Benedikt

Im April wird er 90 Jahre alt, doch nach wie vor gilt: „Papst Benedikt ist guter Dinge!“  – Das sagt sein Sekretär, Kurien-Erzbischof Georg Gänswein, in einem Interview mit Radio Vatikan. Der emeritierte Papst gehe täglich spazieren, lese die Zeitung, bete, höre Musik und empfange Besucher.

Prälat Gänswein weiter:  

„Was ihm etwas Sorgen bereitet, sind die Füße, die Beine. Er hat Schwierigkeiten mit dem Gehen, darum nimmt er den Rollator zu Hilfe, und damit kommt er ganz gut zurecht.

Sonst: ganz klar im Kopf, ganz hell. Nimmt Anteil an allem. Er liest, er betet, er hört Musik, er hat Besuch; jeden Tag ist auch ein kleiner Spaziergang mit Rosenkranz angesagt, also – das, was er am Anfang seiner Zeit als Papa emeritus gemacht hat, das macht er auch jetzt.“

Frage: Schaut er italienische oder deutsche Fernsehnachrichten? Liest er den „Osservatore Romano“ (Vatikanzeitung), italienisch oder deutsch?

Wenn der Bruder da ist, sind deutsche Nachrichten angesagt. Wenn der Bruder nicht da ist, sieht er – da er ja in Italien lebt – italienische Nachrichten. Der (italienische) „Osservatore Romano“ ist selbstverständlich eine Lektüre, Tag für Tag, und er liest darüber hinaus auch anderes, um sich zu informieren und zu wissen, was in der Welt los ist.

Frage: Hat er einen sehr geregelten Tagesablauf oder bleibt er einfach mal länger im Bett?

Nein – die Regelmäßigkeit des Ablaufs, die konkrete Einteilung des Tages ist seit eh und je eindeutig. Es ist nicht so, dass er mal ausschläft, und dann fängt der Tag eben später an, sondern der Tag beginnt mit der heiligen Messe, jeden Tag zur gleichen Zeit.

Frage: Und hält er da auch eine kleine Predigt oder Betrachtung? Bereitet er sich darauf vor?

Jeden Sonntag, ja. Am Sonntag hält er immer eine schöne Predigt für uns, die „Memores“ und mich. Ab und zu ist auch ein Besuch da.

Frage: Schreiben Sie sich eigentlich auf, was der emeritierte Papst predigt  –  oder geht das einfach so verloren?

Wir halten es fest, was er predigt, denn er spricht frei. Er hat wohl ein Predigtheft, in das er Notizen macht, aber er predigt frei. Und wir versuchen schon, festzuhalten, was er sagt.

Quelle und vollständiger Text hier: http://de.radiovaticana.va/news/2017/03/19/wie_geht_es_benedikt_xvi_fragen_an_georg_g%C3%A4nswein/1299704


Interview mit dem Philosophen Dr. Robert Rolle über Thomas von Aquin

Der heilige Thomas von Aquin gilt als großer Kirchenlehrer. Wer war dieser Mann, was insbesondere kennzeichnet seine wissenschaftliche Methodik?

Dr. Robert Rolle (siehe Foto): rolle-robert-2Thomas ist sicherlich die zentrale Figur der mittelalterlichen Theologie und Philosophie. Sehr abstrakt könnte man sagen, im Werk des hl. Thomas haben sich für einen kurzen Moment diverse Gegensätze zu einer großen Synthese vereint, die sowohl vor Thomas wie auch nach ihm wieder in unterschiedliche und oft gegenläufige Richtungen liefen.

In seinem Hauptwerk, der „Summe der Theologie“, gelingt ihm die Synthese einerseits von widerstreitenden philosophischen Denkrichtungen, vor allem aber von Glaube und Vernunft. Zu Thomas‘ Zeit galten diese beiden Pole oft als unvereinbare Gegensätze.

Thomas verbindet den Offenbarungsglauben der Heiligen Schrift mit den Lehren des Aristoteles. Aristoteles galt damals als die uneingeschränkte Autorität in philosophischen Fragen – wir würden heute im weitesten Sinn von wissenschaftlichen Fragen sprechen. Dieses Spannungsfeld zwischen Offenbarungsglauben und wissenschaftlicher Erkenntnis beschäftigt uns ja auch heute noch vielfältig.

Zu Thomas‘ Methode lässt sich sagen: Man bezeichnet das Mittelalter auch als Scholastik – wobei der Begriff „Scholastik“ nun aber eine Methode der theologisch-philosophischen Auseinandersetzung mit einem Thema oder einer bestehenden Lehrmeinung bezeichnet. Bei der scholastischen Methode gliedert sich eine Abhandlung in einzelne Artikel oder Fragen (Questiones), wobei der  Autor zunächst die These nennt, Argumente dafür und dagegen aufführt und darauf jeweils eigene Antworten formuliert. Und Thomas gilt als der unbestrittene Meister dieser Methode.

Ein Merkmal der thomistischen Werke, welches für sich selbst spricht: Wenn Thomas theologische oder philosophische Argumente seiner „Gegner“ erörtert, so führt er gerade nicht deren schwächste Argumente an, um sie zu widerlegen – wie dies damals üblich war und uns auch heute noch nicht fremd ist. Nein, Thomas wählt als Ausgangspunkt der Diskussion stets die stärksten Argumente seines Widersachers, welche er dann erörtert.

Nach über 800 Jahren wird Thomas immer noch verehrt. Speziell seine Morallehre hat die christliche Lehre stark geprägt – was sind die Grundzüge der thomistischen Ethik, was unterscheidet seine Sicht von anderen?

Dr. Robert Rolle: Von Moral, Sitte oder Tugend ist heute wenig zu lesen und zu hören. Fast scheint es, als meiden Autoren diese Begriffe. Zu intim und anmaßend erscheint der Gebrauch. Wir rechnen das, was hier angesprochen sein soll, der Privatsphäre zu. Und wir erwarten, dass hier in erster Linie von  Verbotenem zu reden ist, von Pflicht, von Verzicht, von Verfehlungen und deren Konsequenzen.

Thomas aber spricht zu uns vom Menschen wie er sein kann und soll. Es geht gar nicht so sehr darum, was nicht erlaubt ist. Die Verwirklichung der Tugenden macht den Menschen nach Thomas erst zum Menschen. Und Thomas insistiert darauf, dass darin die eigentliche Natur des Menschen liege: durch ein tugendhaftes Leben erfüllt der Mensch sein Potential hin in Richtung auf seine wirkliche Natur – die Gottebenbildlichkeit.  christus

Thomas stellt den drei theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung zur Seite. Diese sieben Tugenden in ihrer Gänze bilden die Eckpfeiler des christlichen Menschenbildes.

Von Aristoteles übernimmt Thomas dabei die Auffassung, dass sich tugendhaftes Verhalten als ausgewogene Mitte zwischen zwei Extremen findet. In der Sphäre der Mäßigung wie der Gerechtigkeit beispielsweise ist weder der Geizige tugendhaft zu nennen noch der Verschwender. Tugendhaft wäre ein freigiebiges Verhalten zu nennen – allerdings nur, insofern die Freigiebigkeit mit Klugheit geschieht.

Die Klugheit oder Vernunft nimmt in der Lehre des Thomas eine ganz hervorragende Stellung im Kanon der Kardinaltugenden ein: ohne die Klugheit gibt es nach Thomas kein tugendhaftes Verhalten. Tugend muss sich immer mit der Klugheit verbinden. Der Gerechte wie der Tapfere sind nur in dem Maße gerecht und tapfer, als ihr Handeln mit der Klugheit einhergeht. Ansonsten bleibt es sinnleer.

Und dies gilt freilich ebenso für die Tugend des Maßhaltens, welche ja teilweise als die christliche Tugend schlechthin hochstilisiert wird. Das entspricht aber weder ihrer Stellung innerhalb der Tugendlehre des heiligen Lehrers, noch trifft es den Kern der Sache, sofern nicht die wesensnotwendige Hinordnung einer jeden Tugend auf die Vernunft unterstrichen wird. Wer fastet, wer seine Unbeherrschtheit zügelt, wer keusch lebt und dies nur um der Entbehrung willen tut, der verfehlt nach Thomas die Tugend.  Heiliger

Die Tugend des Maßhaltens wird ja oft falschverstanden als „strenger Verzicht“. Es geht aber gar nicht darum, den Verzicht zu einem Maximum zu treiben, sondern es soll das vernünftige Maß gefunden werden. Ganz ausdrücklich sagt Thomas, das Wesen der Tugend bestehe nicht so sehr im Schweren als im Guten – und das heißt für Thomas: im Vernunftgemäßen.  

Die Vernunft entfernt den Menschen also nicht von seiner Natur, sondern führt die Natur des Menschen erst zu ihrer Vollendung. Dass der Tugendhafte dabei auf mancherlei verzichtet, ergibt sich hier als Konsequenz aus vernünftiger Überlegung.

Dabei wird Thomas in seinen Ausführungen niemals moralisierend, seine Sittenlehre gerät nie zur Ideologie: Immer steht der konkrete Mensch im Hier und Jetzt im Mittelpunkt. Für Thomas spielt eine große Rolle, unter welchen Umstände ein Mensch konkret handelt.

Thomas kennt den Menschen sehr gut: Den konkreten, mit all seinen Alltagssorgen, eingebunden in widrige Umstände, den von falschen Idealen Fehlgeleiteten. Mitunter lesen sich die Ausführungen des großen Heiligen eher wie ein freundschaftlicher Ratgeber, ganz im Gegensatz zu den weitverbreiteten mittelalterlichen Lasterkatalogen. Einer von Thomas Ehrentiteln ist der „doctor humanitatis“, der Lehrer der Menschlichkeit.

Was heißt es denn heute „thomistisch“ zu denken – wie lässt sich die Ethik des Thomas auf Alltagsthemen der unserer Zeit anwenden?

Dr. Robert Rolle: Zunächst muss man feststellen, dass sich die Morallehre des heiligen Thomas nicht 1:1 auf unsere heutige Zeit aufsetzen lässt. Die großen Prinzipien gelten weiterhin – ohne Frage. Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass Thomas ein Mensch des 13. Jahrhunderts war.

Er hatte Restriktionen zu achten, die uns heute eher fremd sind. Andererseits sehen wir uns heute mit Problemen konfrontiert, die Thomas so noch nicht kannte. Denken Sie an die Globalisierung der Arbeits-, Güter- und Finanzmärkte, an Umweltverschmutzung, an die atomare Gefährdung  und vieles andere mehr.  ???????

Sicherlich wäre Thomas irritiert darüber, dass sich das Reden vom Menschen heute in eine Vielzahl von Einzeldisziplinen ausdifferenziert hat, die sich aber in keiner Gesamtschau mehr vereinen lassen. Man spricht heute nicht mehr vom ganzen Menschen, von seinen wesensbildenden Tugenden, von seiner Bestimmung. Sofern heute doch noch von Ethik und Moral die Rede ist, so differenziert sie sich aus bis zur Unkenntlichkeit: wir haben für jeden Lebensbereich ein isoliertes Menschenbild und die hierfür adäquate Ethik: eine Wirtschaftsethik, eine Umweltethik, eine Ethik der Politik, eine Ethik des Sports, eine Wissenschaftsethik, eine Medizinethik usw.

Freilich stoßen wir bei solcher fraktalen Sichtweise an keine „natürliche“ Grenze. So differenziert sich die Wirtschaftsethik dann aus in eine Unternehmensethik, eine Arbeitsethik, eine Konsumentenethik, eine Finanzmarktethik usw.

Vom Menschen „an sich“ zu sprechen in seiner ganzen Wesens- und Lebenswirklichkeit passt in solches Denken dann freilich nicht mehr hinein.

Solches Denken kommt freilich nicht ohne den Menschen aus – aber er ist hier reduziert auf eine „Arbeitshypothese“. Auch das Reden von Ethik und Moral besitzt heute den Status einer wissenschaftlichen Disziplin und orientiert sich als solche an dem neuzeitlich (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnisideal, nämlich nur die vermeintlich relevanten Phänomene in den Blick zu nehmen und gegen das Übrige abzugrenzen.jesus

In den Wirtschaftswissenschaften sprechen wir heute vom Menschen als einem Eigennutz-Maximierer. Die Maximierung des eigenen Nutzens gilt dabei sowohl individuell wie auch gesamtwirtschaftlich als wünschenswert, ja tugendhaft.  Dahinter steht die Annahme, sofern jeder seinen eigenen Nutzen maximiert, so wird die Gesellschaft hiervon in höchstem Maße profitierten. Dieses Denken geht zurück auf Bernard Mandeville und Adam Smith.

Anders Thomas von Aquin: Ganz selbstverständlich behandelt er die Thematik des guten Wirtschaftens im Kontext der Tugend der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit im Tausch erfolgt für Thomas im Raum des sozialen Miteinanders und ist bei kluger Ausgestaltung beider/aller Tauschpartner der Garant für den sozialen Frieden.

Und da wir am Beginn der Fastenzeit stehen und die Tugend des Maßhaltens in dieser Zeit eine besondere Rolle spielt, sei noch ein letzter Gedanke des „heiligen Lehrers“ angesprochen, welcher in seiner Tugendlehre eine wichtige Rolle spielt und der so aktuell und lehrreich ist wie vor rund 800 Jahren, als er ausgesprochen wurde:

Dass sich die Tugendhaftigkeit einer Tat in erster Linie am Guten bemisst, das bewirkt wird – und nicht daran, wie groß die Entbehrungen sind, die einer auf sich nimmt. „Das Wesen der Tugend“, sagt Thomas, „liegt mehr im Guten als im Schweren. Die Größe einer Tugend ist daher mehr zu bemessen nach dem Begriff des Guten als nach dem des Schweren“.

Das Interview führte Jakob Schötz von der Bischöflichen Pressestelle in Regensburg

Dr. Robert Rolle hat Betriebswirtschaftslehre in Augsburg studiert, anschließend Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften in Regensburg.  Er promovierte an der Uni Regensburg  zu einem wirtschaftsphilosophischen Thema bei Prof. Dr. Rolf Schönberger. Rolle lebt in Regensburg und leitet heute die Akademie Handel e.V., eine Institution der Beruflichen Bildung.

Für jene, die sich näher mit Thomas von Aquin beschäftigen wollen, gibt Dr. Robert Rolle folgende Literaturtips:

Pieper, Josef: „Das Viergespann: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß“, Kösel Verlag, München
Guardini, Romano: „Tugenden – Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens“, Werkbundverlag, Würzburg
Chesterson, Gilbert: „Thomas von Aquin“, F.H. Kerle Verlag, Heidelberg


Was unsere Kinder seelisch stark macht

Im Web-Magazin „Das Milieu“ führte Bele Krüger ein Interview mit dem bekannten Erziehungswissenschaftler und Eheberater Prof. Dr. Albert Wunsch. albert_wunsch

Unter dem Titel „Der instabile Mensch ist Quelle der Konflikte“ beantwortet der Psychologe vor allem Fragen über die nötige Ich-Stärke unserer Kinder und die ungünstigen Folgen einer Überbehütung oder Vernachlässigung in der Erziehung.

Hier folgen einige Auszüge aus dem aufschlußreichen Interview:

DAS MILIEU: In ihrem Buch „Mit mehr Selbst zum stabilen ICH!“ erwähnen Sie an einer Stelle den fiktiven Charakter Pippi Langstrumpf: Was hat Pippi Langstrumpf, was deutschen Kindern fehlt? 

Dr. Wunsch: Bei Pippi Langstrumpf muss ein sehr wohlwollendes und ermutigendes Elternhaus existiert haben, welches zu einer ‚Das Leben meint es gut mit mir Weltsicht’ führte. Ein solch positiver Blickwinkel ist sicher auch bei etlichen deutschen Kindern vorhanden, aber zu viele wuchsen bzw. wachsen ohne eine altersgemäße – durch Fördern und Fordern – geprägte Zuwendung in guter Begleitung auf.

Entweder werden Sie verwöhnt, indem möglichst viele Unannehmlichkeiten bzw. Herausforderungen von ihnen fern gehalten werden, oder sie werden vernachlässigt, weil sie zu umfangreich sich selbst – vor allem emotional – überlassen werden. So kann keinesfalls das wichtige Urvertrauen als Basis einer soliden Selbstwirksamkeit wachsen. 

Eine normale Kindheit in Deutschland ist heutzutage vermehrt von Distanz und Ansporn, etwa für gute schulische Leistungen, gekennzeichnet. Anders ausgedrückt: Ausbildung statt Herzensbildung, wie es bereits Götz Werner, Gründer und Aufsichtsratsmitglied der dm-Drogeriemarktkette anmerkt. Was sind die Folgen? 

Wenn zu stark auf die Ausbildung Wert gelegt wird, bleibt meist die Seele der Kinder als Basis eines guten sozialen Miteinanders auf der Strecke. Anstelle von Empathie wächst dann eine Mischung aus Apathie und Egoismus. Der Druck auf die Kinder wird dann unerträglich. So nehmen in meiner Beratungspraxis die Fälle von überforderten 13 – 18 jährigen (Mädchen) zu. Mutter-Kind

Wenn eine Gesellschaft auch ihre Kinder dem Leistungsbegriff zu stark unterwirft, wird die Situation unerträglich. Diese Entwicklung hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in seinem Buch (2015) „Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert“ aufgegriffen: „Sie kommen aus der Schule und lernen. Sie sagen Treffen mit Freunden ab und lernen. Für sie zählt nur die Note Eins in jedem Test und ein sehr gutes Abitur. Spielen? Spaß? Gute Laune? Selten. Was auf den ersten Blick nach vorbildlichen Schülern klingt, bereitet vielen Eltern Sorgen.“

Bedeutet das für mich als berufstätige Frau folgelogisch, dass meine Kinder keine Resilienz in ihrem Charakter aufnehmen werden? 

Diese Frage muss differenziert beantwortet werden. Wenn ein Baby bzw. Kleinkind zu viel Zeit in einer Krippe verbringt, fehlt ihm zu umfangreich die mütterlich/elterliche Geborgenheit. So wurde über Speicheltests festgestellt, dass Krippenkindern eine so hohe Stressreaktion zeigten, wie diese bei Managern häufig üblich ist. Das müsste bei den Eltern alle Warnsirenen schrillen lassen.  

Weiterhin kommt es auf die Art der Berufstätigkeit an. Denn je stärker diese  –  was die Zeiten und Tätigkeitsorte angeht  –  fremdbestimmt ist, je weniger wird dies den emotionalen Bedürfnissen des Kindes nach Nähe entsprechen. Ein 6-jähriges Mädchen: „Mama, jetzt möchte ich mit dir schmusen, nicht übermorgen.“ Natürlich kann sich auch bei Kindern berufstätiger Eltern Resilienz entwickeln, aber die Rahmenbedingungen sind meist ungünstiger. 

Können Sie konkrete Beispiele nennen, in denen sich eine fehlende Stabilität des Ichs bemerkbar macht?

Foto: Mechthild Löhr, CDLWenn Kinder laut eigener Einschätzung als überbehütete Prinzen oder Prinzessinnen in die Welt hineingeboren wurden, dann fehlt diesen in der Schule der umsorgende Hofstaat. In einer kleinen Auseinandersetzung mit anderen Kindern fühlen sie sich sofort angegriffen und bei kleinen Leistungsanforderungen überfordert, weil ihre Ich-Stärke unterentwickelt ist.

Auch beim ‚Koma-Saufen‘ wird ein fehlendes Rückgrat deutlich, wenn die Instabilen laut „Weiter, weiter“ grölen, wo ein klares STOPP erforderlich wäre. Im Beruf z.B. führt fehlende Ich-Stärke häufig zum Wegducken, wenn klare Reaktionen einzubringen wären. Ein Kurz-Fazit: ‚Der instabile Mensch ist die Quelle fast aller Konflikte’! 

Die FORTSETZUNG des Interviews lesen Sie hier: http://www.dasmili.eu/art/dr-albert-wunsch-der-instabile-mensch-ist-quelle-der-konflikte/#.WIW5sbnGC9Z

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern.

Seine Bücher: “Die Verwöhnungsfalle” (auch in Korea und China erschienen), “Abschied von der Spaßpädagogik”, “Boxenstopp für Paare” sowie “Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung” lösten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.

Weitere Infos: www.albert-wunsch.de  


Abdel-Samad: Schafft Europa sich selber ab?

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad hat vor einer Selbstabschaffung Europas gewarnt. „Ich habe Angst davor, daß sich Europa selbst aufgibt – durch Gleichgültigkeit, Opportunismus und Relativismus“, sagte Abdel-Samad in einem Interview mit der Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT. Facebook-Zitat-Stein

„Es gibt etwa in Deutschland die Tendenz, daß je mehr Einwanderer kommen, je ‘bunter’ und vielfältiger die Gesellschaft wird, desto einfältiger und gleichförmiger die Meinungen werden“, mahnte der in Ägypten geborene Publizist. Teile der Medien würden die Meinungsvielfalt freiwillig einschränken.

Eine Gefahr sei auch, „daß wir im öffentlichen Raum ein Wertevakuum zulassen, das dann gewisse islamische Kräfte besetzen“. Es gebe den islamistischen Traum, „Europa durch die Geburtenrate zu erobern“. Zudem verfolgten einige Islamverbände „die einstige Strategie der Grünen vom ‘Marsch durch die Institutionen’“.

Der AfD mahnte er eine „Selbstreinigung“ an, sonst könne sie „eines Tages kippen und die legitime Islamkritik denen zum Opfer fallen, denen es nur um Haß gegen Moslems geht“.

Abdel-Samads politische Heimat sei nicht die AfD, „gleichwohl ist die Partei legitim, und man sollte sich fair und inhaltlich mit ihr auseinandersetzen“.

Quelle: https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2016/je-bunter-die-gesellschaft-desto-einfaeltiger-die-meinungen/


Robert Spaemann zu den „Dubia“: Die vier Kardinäle haben korrekten Weg eingehalten

Kürzlich gab der bekannte katholische Philosoph Prof. Dr. Robert Spaemann ein Interview zum umstrittenen päpstlichen  Schreiben „Amoris Laetitia“. Das Gespräch wurde in Italien und im englischen Sprachraum veröffentlicht. Die traditionsorientierte Initiative PMT (Pro Missa Tridentina) hat den Text im Originalwortlaut zur Verfügung gestellt:Foto Michaela Koller

1) Was denken Sie über die Entscheidung von vier Kardinälen, zuerst ihre “Dubia” dem Papst zu unterbreiten und danach den Brief bekannt zu geben?

Mit den vier Dubia erfüllen die Kardinäle ihre Pflicht, als „Senatoren“ der Kirche dem Heiligen Vater mit Rat beizustehen. Es handelt sich hier um einen wirklichen Notfall, in dem eine Spaltung der Kirche droht.

Der oberste Schlichter in der Kirche ist der Papst. Zu bedauern ist es, dass nur vier Kardinäle in dieser Sache initiativ geworden sind. Die Weigerung des Papstes, auf den Appell der vier Kardinäle zu antworten, erfüllt mich mit großer Sorge, weil das oberste Lehramt abtaucht.

Natürlich ist es schwer, eine Doppelrolle zu spielen, einerseits als Partei, andererseits als Richter. Und die Rollen dürfen nicht vermischt werden. Und niemand kann dem Papst diese Doppelverantwortung abnehmen.

Die vier Kardinäle haben den korrekten Weg eingehalten. Der Papst ist der erste Adressat der Dubia. Meines Erachtens hätte das Schreiben zwar über die Glaubenskongregation laufen müssen. Aber jedenfalls haben die Absender keinen „öffentlichen Brief“ geschrieben, sondern sich unmittelbar an den Heiligen Vater gewandt. Die Öffentlichkeit haben sie erst aufgesucht, nachdem der Papst sich weigerte, zu antworten.

„Tiefe Abneigung des Papstes zu JA-oder-NEIN-Entscheidungen“papst_letzter_tag_01

2) Wie interpretieren Sie die Stille Papst Franziskus‘ gegenüber Bedürfnissen, die von einer objektiven Situation der Verwirrung der Gläubigen motiviert sind? Wenn auch nur wegen der verstärkten Desorientierung der Massenmedien?

Der Papst hat offenbar eine tiefe Abneigung gegenüber Ja-oder-Nein-Entscheidungen. Aber Christus, der HERR der Kirche, stellt seine Jünger oft vor solche Entscheidungen. Gerade in der Frage bezüglich des Ehebruchs schockiert er die Apostel durch die Einfachheit und Klarheit seiner Lehre.

3) Vielleicht besteht die tückischste Rechtfertigung, um in einigen Fällen die Kommunion für geschieden Wiederverheiratete zu öffnen, in dem Hinweis, dass diese Personen nicht der Sakramente beraubt werden dürften, da es nicht möglich sei, ihre subjektive Situation zu bestimmen. Die Objektivität solle nicht auf Kosten der Subjektivität gehen. Was können Sie uns in dieser Hinsicht sagen?

Es ist ein großer Irrtum, zu denken, die Subjektivität sei der letzte Maßstab für die Spendung der Sakramente. Zwar ist jedes Handeln gegen das Gewissen schlecht, aber Handeln aufgrund eines irrenden Gewissens ist es ebenfalls. Das lehrt ganz eindeutig der heilige Thomas von Aquin. Auf diese Weise kann ein „casus perplexus“ entstehen. Gelöst werden kann die Perplexität nur durch „Bekehrung“, durch Öffnung des Gewissens für die objektive Wahrheit. Der Ort der Auffindung der Wahrheit ist einerseits die Vernunft, andererseits die Offenbarung Gottes.

4) In den Dubia Nr. 2,4,5 wird der Heilige Vater gefragt, ob man einige Lehren «die auf der Hl. Schrift und der Tradition der Kirche beruhen», noch für gültig halten müsse. Ist es nicht schockierend, dass man sich fragen muss, ob man den Quellen der Offenbarung noch vertrauen solle?

„Wollt auch ihr gehen?“, diese Frage stellt Jesus seinen Jüngern, als die Menge vor den Worten Jesu die Flucht ergreift. Petrus argumentiert nicht, sondern fragt nur: „Wohin sollen wir denn gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

Quelle (englischsprachig): http://www.onepeterfive.com/robert-spaemann-it-is-deplorable-that-only-four-cardinals-have-taken-the-initiative/

Fotos: Michaela Koller, Radio Vatikan

 


Glaubenspräfekt Müller über Migration und Moral, Kinderehen und Sittengesetz

Im September dieses Jahres erschien im Herder-Verlag das programmatische Buch „Die Botschaft der Hoffnung“ mit dem Untertitel: „Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft“.

Darin antwortet Kurienkardinal Gerhard Müller (siehe Foto) auf die Fragen des Theologen Prof. Dr. Carlos Granados, einem spanischen Alttestamentler. 

Dabei beklagt der Glaubenspräfekt z.B. den Niedergang der westlichen Kultur und Größe:

„Diese westliche Kultur, die sich auf der Grundlage falscher philosophischer und theologischer Ansätze eingeredet hat, sie bräuchte Gott nicht als Fundament des Seins und des Menschen, hat nicht nur den Glauben, sondern auch die Hoffnung und damit ihre Größe verloren.“

Redakteur Clemens Fütterer von der Medienplattform „O-Netz“ aus der Oberpfalz nahm die Neuerscheinung zum Anlaß, ein Interview mit dem Präfekten der Glaubenskongregation zu führen und ihm einige Fragen hinsichtlich der Buchthemen zu stellen.

Das Bistum Regensburg gehört in die bayerische Region Oberpfalz. Kardinal Müller war Bischof von Regensburg, bevor der von Papst Benedikt nach Rom berufen wurde, um dort sein Amt als „Hüter des Glaubens“ wahrzunehmen.

Das erwähnte Interview erschien am heutigen 2. Dezember 2016 auf O-Netz unter dem Titel: Gerhard Kardinal Müller für den „mühsamen Weg“.

Derzeit sehr aktuell wirkt die Stellungnahme des Glaubenspräfekten zur Asyl- und Einwanderungspolitik. Er erklärt, daß wir heute vor der Herausforderung ständen, zwei jeweils berechtigte Prinzipien miteinander in Einklang zu bringen:

„Einerseits müssen wir aus christlichen und humanitären Gründen offen sein für Menschen, die als Flüchtlinge unsere Hilfe suchen und brauchen. Andrerseits gibt es das Anliegen, die gewachsene kulturelle Identität eines Landes und Volkes zu bewahren. Es können fremde Kulturen auch kreativ integriert werden, ohne dass die eigene Sprache und Lebensweise an den Rand gedrängt werden.“ mueller-cover

Hinsichtlich der osteuropäischen Staaten, die von westlichen Politikern und Medien wegen ihrer restriktiven Asylpolitik vielfach harsch kritisiert werden, erklärt Kardinal Müller:

„Wir müssen bedenken, wie unseren östlichen Nachbarn die schreckliche Erfahrung präsent ist, dass z.B. ein Stalin durch einen radikalen Bevölkerungsaustausch ganze Kulturen und Staaten ausgelöscht hat. Bei der Kritik an unseren osteuropäischen Nachbarn sollten wir in Westeuropa zurückhaltender sein.“

Sodann unterscheidet der Glaubenspräfekt zwischen Hilfeleistung bei akuter Notlage und einer „gezielten Politik der Einwanderung von Menschen in unsere klassischen Nationalstaaten“. Er erwähnt, daß das „enge Zusammenleben von Deutschen, Polen, Italienern, Spaniern, Franzosen in einem einzelnen europäischen Land kaum noch als Problem empfunden“ werde.

Anders sieht es allerdings aus, so Müller weiter, „wenn es sich um Zuwanderer handelt, die sich in Religion, Kultur, Mentalität und dem moralischen Wertekanon erheblich von uns nicht nur unterscheiden, sondern die uns nicht verstehen können.“

Er erwähnt dabei als Beispiel, daß Kinderehen nicht nur „unserer Kultur“ widersprechen, sondern nach christlicher Auffassung „auch dem natürlichen Sittengesetz“ widerstreiten  – und dieses Sittengesetz gehe „der staatlichen Gesetzgebung voraus“, sei also fundamental gültig und bindend.

Zudem warnt der Kardinal davor, die vielzitierte Religionsfreiheit nur interessengeleitet zu vereinnahmen, sie aber nicht wirklich zu respektieren:

„Man soll von der Religionsfreiheit nicht nur dann reden, wenn man sich in einer Minderheit befindet, sondern auch dann, wenn man einmal einer Mehrheit angehören sollte. Die grundlegenden Menschenrechte darf niemand nur funktional anerkennen, wenn sie einem gerade einen Vorteil bringen, sondern man muss sie prinzipiell sich zu eigen machen als moralische Maximen unter allen Bedingungen.“

Quelle für die Interview-Zitate aus O-Netz: https://www.onetz.de/amberg-in-der-oberpfalz/vermischtes/interview-mit-dem-praefekten-der-glaubenskongregation-gerhard-kardinal-mueller-fuer-den-muehsamen-weg-d1714224.htm

Erstes Foto: Bistum Regensburg