Warum Christus kein „uneheliches“ Kind war…

Von Felizitas Küble

Alle Jahre wieder hören wir zu Weihnachten die ergreifende Mär, die auch durch Wiederholung nicht richtiger wird, wonach Maria bei ihrer Schwangerschaft „nicht verheiratet“ gewesen sei und daher unser göttlicher Erlöser „unehelich“ geboren wurde, was die inneren und äußeren Probleme für die Madonna noch vergrößert hätte, zumal in der strengen jüdischen Gesellschaft und-so-weiter.

Auch diesmal wurden wir in Münster-Hiltrup am Christfest vom Geistlichen mit dieser alt-neuen Weisheit beglückt.

Aber stimmt das etwa nicht? Heißt es nicht im Lukas-Evangelium, Maria sei  – als der Engel Gabriel sie besuchte –  mit Josef nur „verlobt“ gewesen?

Ja, so können wir es in vielen Bibeln lesen, allerdings ist diese Übersetzung ungenau und für die heutige Zeit mißverständlich, denn die damalige „Angelobung“ (!) war bereits der Beginn der gesetzlichen Ehe (sowohl staatlich wie religiös gesehen). An diesem Tag wurde die Heiratsurkunde unterschrieben, somit begann bereits die Ehe – wenngleich das „anverlobte“ Paar noch nicht sofort unter ein Dach zog.

Die familiäre „Heirat“ mit der Gründung eines gemeinsamen Hausstandes wurde in der Regel ein Jahr später vollzogen. Das war dann innerhalb der Ehe die zweite entscheidende Etappe. Es wurde von dem jungen Paar zwar erwartet (aber nicht gefordert), daß es die intime Vereinigung bis die Heirat aufschiebt. Geschah dies aber vorher (also zur Zeit der Angelobung), so hatte dies keine strafbaren Folgen.

In einigen früheren Bibelübersetzungen war präziser davon die Rede, Maria sei dem hl. Josef „anverlobt“ oder „angetraut“ gewesen, so daß man sich eher denken konnte, daß es sich hierbei nicht nur um eine mehr oder weniger unverbindliche Verlobung im heutigen Sinne handelt.

Als Maria den göttlichen Erlöser vom Heiligen Geist empfing, befand sie sich also bereits in einer gesetzlichen Ehe mit Josef – und somit war ihre Schwangerschaft nach damaligem jüdischen Recht keineswegs „unehelich“.