Lucia und Jacinta am 13. Oktober 1917 in Fatima: „Der Krieg geht heute zu Ende“

Von Felizitas Küble

In Europa sind zwei kirchlich genehmigte Marienerscheinungsorte besonders bekannt, nämlich Lourdes und Fatima.

Wenn die Kirche eine Privatoffenbarung approbiert (billigt, gestattet, „anerkennt“), dann bedeutet dies keine Glaubensverpflichtung für Katholiken, sondern lediglich eine Erlaubnis zur Zustimmung. Erscheinungen sind also weder heilsnotwendig noch Bestandteil des Glaubensgutes („depositum fidei“) oder der amtlichen kirchlichen Verkündigung.fatima-von-anfang-an Daher ist den Gläubigen eine sachliche Kritik an Privatoffenbarungen seit jeher erlaubt.

Das 360 Seiten starke Buch „Fatima von Anfang an“ gehört zwar durchaus zur Fatima-begeisterten Literatur, ist aber nicht in allem stromlinienförmig; so wird zB. den Aussagen von Sr. Lucia nicht immer voll zugestimmt und die Erzählweise der Publikation ist insgesamt recht nüchtern.

Dieses Buch von Pater Joao de Marchi schildert u. a. die Befragung von Seherkindern durch Prof. Dr. Formigao am Abend des 13. Oktober 1917, also einige Stunden nach dem spektakulären Sonnenwunder in der Nähe von Fatima.

Dabei wird das damalige Protokoll des portugiesischen Geistlichen zitiert  –  auch das Gespräch mit Jacinta (S. 201):

Der Priester fragte das Seherkind: „Was hat die Dame gesagt?“  – „Sie sagte, wir sollen jeden Tag des Rosenkranz beten, und daß der Krieg heute zu Ende geht.“  – „Zu wem sagte sie das?“ – „Zu Lucia und mir, Francisco hörte nichts.“

Was nun das Interview mit Lucia am selben Abend betrifft, so ist die entsprechende Stelle gestrichen worden. Auf die Frage, was Maria ihr kurz vor dem Beginn des Sonnenwunders mitgeteilt habe, antwortete die Seherin demzufolge (S. 199):

„Sie sagte, wir sollen unser Leben bessern und unseren Herrn  nicht mehr beleidigen, der sei schon so viel beleidigt worden und daß wir täglich den Rosenkranz beten und um Verzeihung unserer Sünden bitten sollen.“

In Wirklichkeit geht es an dieser Stelle in Dr. Formigaos Protokoll wie folgt weiter: „….daß der Krieg heute aufhören werde und daß wir unsere Soldaten sehr bald erwarten sollen.“

„Ernsthafte Zweifel an der Echtheit“

Nachdem der Krieg an diesem Tag des Sonnentanzes keineswegs zu Ende ging (sondern erst im nächsten Jahr), fragte Dr. Formigao die Seherkinder am 19. Oktober 1917 noch einmal. Dieses Protokoll wird in dem erwähnten Buch ab S. 205 wiedergegeben. 0022

Eingangs heißt es: „Am 13. Oktober sagten beide, Lucia wie auch Jacinta, daß sie aus dem Mund der Seligen Junfrau die Worte „Der Krieg wird heute zu Ende gehen“ gehört hatten.“ 

Der Verfasser dieses Pro-Fatima-Buches räumt ein: „Diese Aussage der Seher konnte ernsthafte Zweifel an der Echtheit der Erscheinungen hervorrufen“.

Daher habe sich Dr. Formigao am 19. Oktober erneut zu den Kindern aufgemacht, um sie zu befragen.

Jacinta reagierte zunächst eher ausweichend („sie sagte, der Krieg würde zu Ende gehen“) und verwies auf Lucia, weil diese die Erscheinung besser verstanden habe. Lucia blieb ihrer ursprünglichen Aussage treu und beharrte zweimal darauf („Ich weiß nur, daß ich sie sagen hörte, der Krieg gehe an diesem Tag zu Ende“), wobei bereits klar war, daß diese Ankündigung ein Irrtum war.

Wie aus der wissenschaftlichen Studie „Rosenkranz und Kriegsvisionen“ von Monique Scheer hervorgeht, worin jenes Protokoll ausführlicher abgedruckt ist, hat sich Lucia im weiteren Verlauf des Interviews dann doch noch verunsichert geäußert: „Ich erinnere mich schon nicht mehr gut, was sie (Maria) sagte. (…) Vielleicht habe ich Unsere Liebe Frau nicht gut verstanden.“ – Und Jacinta erklärte auf erneute Nachfrage, wann der Krieg zu Ende gehe: „Ich glaube, er geht am Sonntag zu Ende.“ – Dies war dann freilich auch nicht der Fall (vgl. S. 52).

„Widersprüchliche oder unklare Aussagen“

Abschließend schreibt Pater Joao de Marchi, der Buchautor, trotz seiner sonstigen Fatima-Anhänglichkeit folgendes dazu: „Wie man sieht, handelt es sich bei der Frage, das Ende des Krieges betreffend, um widersprüchliche oder unklare Aussagen.“

Auf S. 211 schildert der Verfasser die kirchenamtliche Befragung der Untersuchungskommission vom 8. Juli 1924. Auch dort habe Lucia  – ca sieben Jahre nach dem Ereignis – daran festgehalten, daß die Madonna betreff des Kriegsendes von „heute“ gesprochen habe. 

Zugleich erwähnte sie damals eine ganz neue Variante hinsichtlich ihrer Cousine Jacinta, denn diese habe ihr „später“ gesagt, die Gottesmutter habe am 13. Oktober 1917 folgendes mitgeteilt: „Die Menschen müssen sich bekehren, der Krieg wird innerhalb eines Jahres zu Ende gehen.“ 

Diese Version taucht allerdings in den drei diesbezüglichen Gesprächen von Dr. Formigao mit Jacinta nicht auf. Dort hat sie beim ersten Mal „heute“ gesagt, dann beim zweiten Interview (wie bereits erwähnt) verunsichert auf Lucia verwiesen, beim dritten Mal (am 2. November 1917) plötzlich wieder eindeutig „heute“ gesagt (vgl. S. 213).   Titel

Vom schwierigen Umgang mit einer Schwierigkeit

Im Fatima-Schrifttum wird das offensichtliche Problem größtenteils auf zweifache Weise umgangen:

Teilweise bleibt diese HEUTE-Aussage einfach unerwähnt, so etwa in dem weitverbreiteten Buch „Rom – Moskau – Fatima“ von Pater Dr. Otto Bohr. Dort werden die Ereignisse des 13. Oktober 1917 zwar auf 14 Seiten breit geschildert, dieser Satz aber ausgelassen.

Neben Kürzungen gibt es unrichtige Darstellungen, die da lauten: „Der Krieg geht seinem Ende entgegen“ (das wäre ohnehin eine banale Aussage des Himmels, zumal jeder Krieg mal seinem Ende entgegengeht)  – oder „Der Krieg geht bald seinem Ende entgegen.“

Eine weitere Variante, diese Schwierigkeiten zu umgehen, besteht darin, sie in eine Wenn-Dann-Prophetie umzuwanden.  So heißt es in dem vom Clarentinerpater Abilio Ribeiro verfaßten Buch „Fatima  – Botschaft und Weihe“ auf S. 22: „Wenn die Menschen sich bessern, wird der Krieg heute noch zu Ende gehen.“  –  Es ist zwar hier zutreffend das Wort „heute“ erwähnt, aber eine ursprünglich nicht vorhandene WENN-Einschränkung vorgenommen: „Wenn die Menschen sich bessern…“Buch

Eine gewisse Glättung der Problematik wird auch darin erkennbar, bei diesem Thema nicht mehr wörtlich zu zitieren, sondern auf eine indirekte Schreibweise umzusteigen, so zB. in dem bekannten Buch „Fatima und Pius XII.“, das der katholische Verlagsleiter Johannes M. Höcht verfaßte. Dort kann man lesen: „Der Krieg gehe dem Ende entgegen.“ (S. 75)

Prof. Fonseca verbannt das Problem in Fußnoten

Das bekannteste Fatima-Buch ist wohl der Klassiker „Maria spricht zur Welt“ von Prof. Dr. Gonzaga de Fonseca.

Er schreibt in der 18. Auflage hierzu auf S. 91 hinsichtlich der Äußerungen Lucias betr. dieser Marienbotschaft: „Sie fügte hinzu, der Krieg gehe dem Ende entgegen und die Soldaten würden bald heimkehren.“Fatima

Allerdings wird immerhin in einer Fußnote erwähnt, Lucia und Jacinta hätten bei verschiedenen Befragungen geäußert, die Madonna habe gesagt: „Der Krieg wird heute zu Ende gehen….“ (Es wird danach versucht, diese Aussagen zu relativieren.)

In dem 1975 erschienenen Buch „Schwester Lucia spricht über Fatima“ berichtet die Seherin selbst auf S. 158 über die Ereignisse des 13. Oktobers. Dort wird die Marienbotschaft von ihr wie folgt zitiert:

„Ich möchte dir sagen, dass hier eine Kapelle zu meiner Ehre gebaut werden soll; ich bin unsere Liebe Frau vom Rosenkranz; man soll weiterhin täglich den Rosenkranz beten. Der Krieg geht zu Ende und die Soldaten werden in Kürze nachhause zurückkehren.“

Auf S. 159 gibt es dazu aber ein „Nachwort“ von ihr, das Sei damals an ihren Bischof sandte. Darin heißt es:

„Ich hatte so viel damit zu tun, mich an die zahllosen Gnaden zu erinnern, um die ich Unsere Liebe Frau bitten sollte, dass mir dadurch möglicherweise ein Irrtum unterlaufen ist, als ich nämlich sagte, der Krieg werde am selben Tag, dem 13., zu Ende gehen.“

Tatsache ist also: Die Hauptseherin Lucia beharrte von 1917 bis 1924 auf dem Wort HEUTE. Wenn dies auch ein objektiver Irrtum war, so wollte sie diesem immerhin persönlich „treu“ bleiben und sich nicht hinterher um ihre Ursprungs-Worte „herummogeln“.

Ende der 30er Jahre, als sie für den damaligen Diözesanbischof eine Niederschrift über die Fatima-Ereignisse anfertigte, kehrte sie diesen Ausdruck zunächst unter den Tisch, um dann in einem Nachwort den damaligen Fehler endgültig einzuräumen.

Abschließend noch eine Bemerkung zur  –  ebenfalls von Lucia erzählten  –  Marienbotschaft vom 13. Oktober 1917, dem Tag des Sonnenwunders: „Sie sagte, wir sollen unser Leben bessern und unseren Herrn  nicht mehr beleidigen, der sei schon so viel beleidigt worden und daß wir täglich den Rosenkranz beten und um Verzeihung unserer Sünden bitten sollen.“ 

Schön und gut, aber warum ist hier nicht von der Beichte die Rede? Wäre das nicht sehr passend?  –  Natürlich ist der Rosenkranz ratsam und die Reue bzw. Bitte um Verzeihung unentbehrlich. Das ändert nichts daran, daß das Sakrament der Buße bei schweren Sünden notwendig und bei läßlichen Sünden sehr empfehlenswert ist.

WEITERE ARTIKEL zum Thema Fatima, Sonnenwunder usw. hier: https://charismatismus.wordpress.com/category/fatima-und-thema-sonnenwunder/

Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.


Die Engelserscheinungen von 1916 und das Schweigen der Seherkinder von Fatima

Von Felizitas Küble

Derzeit wird in katholischen Zeitungen und Zeitschriften, in Sonderblättern und Themenheften vielfach auf das hundertjährige Jubiläum der Engelserscheinungen von Fatima hingewiesen, die dort in Portugal im Jahre 1916 stattgefunden haben sollen  –  also ein Jahr vor den weltbekannten Marienerscheinungen. fatima-ruft-2-2016

In der schwäbischen Gebetsstätte Marienfried findet anläßlich dieser Vorgänge von 1916 sogar ein dreitägiges Symposium mit hochrangiger Besetzung statt, das am Montag, den 18. Juli 2016 beginnt. (Plakat siehe hier: http://www.marienfried.de/new/index_htm_files/Grosser%20Gebetstag%202016%20Plakat__.pdf)

FOTO: Titelbild eines Themenheftes der Zeitschrift „Fatima ruft“ über die Engelserscheinungen von 1916

Was jedoch in fast allen Vorträgen und Veröffentlichungen unerwähnt bleibt (sei es bewußt oder wohl eher doch aus mangelnder Kenntnis der Sachlage), ist die merkwürdige Tatsache, daß die drei Seherkinder von Fatima damals über diese immerhin monatelang andauernden Engelsvisionen komplett geschwiegen haben.

Daß die Phänomene überhaupt stattgefunden haben sollen, erfuhren Welt und Kirche erst mehr als zwei Jahrzehnte später von Sr. Lucia, der einzig noch lebenden Seherin von Fatima.

Die beiden anderen Visionärinnen, nämlich Jacinta und Francesco, waren krankheitsbedingt schon im Kindesalter verstorben. Aber auch sie haben ebenso wie Lucia bei den Befragungen durch Ortspfarrer Manuel Ferreira (der zwar anfangs, aber später nicht mehr an die Fatima-Erscheinungen glaubte und sich daher in eine andere Pfarrei versetzen ließ) oder sonstige Kirchenvertreter kein Wort von jenen Begegnungen mit dem Engel berichtet, der sich den drei kleinen Hirtenkindern als „Schutzengel Portugals“ und als „Engel des Friedens“ vorgestellt hatte.

Unter den drei Hirtenkindern von Fatima spielt Lucia   –  die älteste von ihnen  –  die Hauptrolle; sie allein sprach mit der Marienerscheinung, Jacinta konnte sie nur anschauen und anhören. Francisco hingegen konnte sie nicht einmal hören, sondern nur sehen (und natürlich hören, was Lucia sagte). Somit ist Lucia eindeutig die Hauptseherin. Lucia als Nonne

Als einige Jahre nach den Marienerscheinungen eine bischöfliche Untersuchungs-Kommission eingerichtet wurde, in der Lucia (die anderen beiden Kinder waren schon verstorben) eingehend befragt wurde, hat sie sich mit keiner Silbe über jene Engelserscheinungen geäußert.

Dabei besteht freilich eine strenge Pflicht, die ihr auch bekannt war, gegenüber den kirchlichen Vertretern alle Einzelheiten über die erlebten Kundgaben und Botschaften des Himmels zu berichten. Diese Forderung ist völlig berechtigt und logisch: Wie soll eine Kommission sonst imstande sein, ein vernünftiges, sachgerechtes Urteil über eine „Privatoffenbarung“ zu fällen, wenn ihr wesentliche Merkmale und Vorgänge nicht bekannt sind?

Tatsache ist aber, daß die Visionärin Lucia dos Santos (siehe Foto) erst Jahrzehnte später, als sie längst als Ordensfrau in einem Kloster lebte, erstmals über jene Engelserscheinungen von 1916 Auskunft gab. Daher findet man in der älteren Fatima-Literatur bis Ende der 30er Jahre keinerlei Hinweise darauf, natürlich auch nicht in den Akten der kirchlichen Untersuchungskommission.

Sr. Lucia begann erst in den Jahren 1936 bis 1941, bislang von ihr komplett verschwiegene Vorgänge im Zusammenhang mit den Fatima-Erscheinungen aufzuschreiben und ihrem Diözesanbischof zu übermitteln. Über jene Engelsvisionen berichtet sie in ihrer sog. „Zweiten Erinnerung“, die sie am 21. November 1937 zu Ende schrieb.sievernich

Das bedeutet, daß sie über zwanzig Jahre nach jenen Engelsvisionen erstmalig darüber informiert hat. Die Frage stellt sich, ob sie denn nach so langer Zeit wirklich noch alle Einzelheiten (einschließlich z.T. recht langer Gebete des Engels) wissen konnte? Und mit welcher Berechtigung hat sie diese Vorgänge so lange verschwiegen?

„Nach 20 Jahren schlug diese Enthüllung wie eine Bombe ein“, schreibt Pater J. de Marchi auf S. 8 in seinem Buch „Fatima von Anfang an“.

Warum hat Sr. Lucia gewartet, bis am 13. Mai 1930 die bischöfliche Approbation (Billigung, Erlaubnis) der Fatima-Erscheinungen erfolgte – und erst viele Jahre später Auskunft über jene drei Engelserscheinungen gegeben? (Der zuständige Bischof von Leiria hat den Glauben an Fatima natürlich  – wie kirchlich in solchen Fällen üblich  –  nicht etwa vorgeschrieben, sondern lediglich erlaubt; wörtlich heißt es in seinem Dekret, daß „die öffentliche Verehrung Unserer Lieben Frau von Fátima gestattet“ sei.)

Dazu kommt, daß Lucia die einzige „Zeugin“ dieser Ereignisse ist, nachdem die beiden anderen Seherkinder schon lange verstorben waren. Es hängt somit das gesamte Geschehen von 1916 allein an ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit.

Hier stellt sich aber die Frage, warum sie nicht nur die drei bekannten und vieldiskutierten „Geheimnisse“ von Fatima jahrzehntelang für sich behielt, sondern auch diese Engelsvisionen, obwohl sie doch in keinerlei Zusammenhang mit den sog. Geheimnissen stehen.

Am 13.2.2005 stirbt Lucia dos Santos im Alter von 97 Jahren in ihrem Kloster in Coimra. Der portugiesische Ministerpräsident Pedro S. Lopes ordnete damals eine landesweite Staatstrauer an, war die Verstorbene doch die weltbereit berühmteste Seherin des Landes.

Angeblich soll sie ihren Todestag schon im voraus gewußt und angekündigt haben, wie in einigen Fatima-Zeitschriften zu lesen ist. Freilich fragt man sich nach dem theologischen Sinn eines solchen Mirakels. Zudem hätte man gerne gewußt, warum dies angebliche Vorauswissen des eigenen Sterbe-Tages erst  n a c h  ihrem Tod bekannt wurde. Solche „Nachher-Prognosen“ gibt es öfter in der Causa Fatima!

Weitere Infos zu den Engelserscheinungen: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/09/fatima-fragen-zum-gebet-des-engels/

Hier Nachfragen und Einwände zum Fatima-Zusatz (Rosenkranz): https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/warum-der-fatima-zusatz-nicht-zum-eigentlichen-rosenkranzgebet-gehort/

 


Unklarheiten um den „Fatima-Zusatz“ aus der dritten Erscheinung vom 13.7.1917

Von Felizitas Küble

Wer verschiedene Bücher über den bekannten Marienwallfahrtsort Fatima liest, insbesondere solche Publikationen, die direkt aus dem Portugiesischen übersetzt wurden, wundert sich vielleicht darüber, daß hinsichtlich des Rosenkranz-Zusatzes verschiedene Versionen auftauchen.  vierge_pellevoisin

Es handelt sich um jene Anrufung, die laut der 3. Erscheinung vom 13. Juli 1917 jedem Gesätzchen des Rosenkranzes angefügt werden soll. Zunächst zu dem hierzulande üblichen Wortlaut:

„O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“

Nun scheint die zweite Bitte („bewahre uns…“) womöglich gar nicht niet- und nagelfest übersetzt zu sein, denn es ergeben sich einige Unklarheiten:

1. Die Publikation „Schwester Lucia spricht über Fatima“ (2. Auflage 1976) wurde von Pater Luis Kondor aus den portugiesischen Originalschriften übersetzt. Der Geistliche war Leiter der Seligsprechungsprozesse von Francisco und Jacinta (neben Lucia sind diesdie beiden anderen Visionäre von Fatima).

Wie er in seinem Vorwort erwähnt, wurde die Übersetzung ins Deutsche zusätzlich überprüft von Pater Dr. JoaProdukt-Informationchim Alonso CMF, der auch die Einführung für dieses Buch schrieb, in welchem die Äußerungen von Sr. Lucia zu Fatima ausführlich zitiert werden.

Dort heißt es auf Seite 153 betr. der Erscheinung des 13. Juli bzw. des Rosenkranz-Zusatzes zwar wie üblich „Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle“, doch ab S. 104 wird der Brief von Sr. Lucia an den Bischof von Leira dokumentiert, den sie ihm auf seine Aufforderung vom 26. Juli 1941 hin geschrieben hat. Darin berichtet sie Folgendes von ihrer Mit-Seherin Jacinta:

„Öfters pflückte sie Blumen auf dem Feld und sang dabei nach einer Melodie, die sie aus dem Stegreif erfand: „Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! Unbeflecktes Herz Mariä, bekehre die Sünder, errette die Seelen aus der Hölle.“ (S. 104)

Natürlich ist ein solche Anrufung theologischer Unfug, weil die Seelen aus der Hölle nicht herausgerettet werden können, denn die Verdammnis ist ewig. Aber selbst dann, wenn die Hölle zeitlich begrenzt wäre: Eine Rettung aus der Hölle wäre allein durch GOTT möglich  – und nicht etwa durch das „Unbefleckte Herz Mariä“. Auch die Formel Jacintas „Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung“ klingt theologisch reichlich mißverständlich.

Zumindest unklar erscheint folgende Äußerung Lucias, womit sie die Worte der Marienerscheinung wiedergibt: „Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt begründen.“ (S.153) 131223-stern-von-bethlehem_b87bfae72c

Abgesehen davon, daß die göttliche Offenbarung seit dem Tod des letztes Apostels vollständig und abgeschlossen ist und daher den „armen Sündern“ bereits alle Gnadenmittel offenstehen, um der ewigen Verwerfung zu entgehen, ist an diesem Zitat nicht eindeutig erkennbar, ob es sich um eine Rettung der Seelen „aus“ der Hölle handelt oder um eine Bewahrung derselben „vor“ der Hölle.

2. In dem 1978 erschienenen Buch „Fatima“, für das der Rektor der Wallfahrtskirche Fatima, Pater Luciano Guerra, ein Geleitwort schrieb, heißt es zweimal, nämlich auf den Seiten 26 und 78: „O mein Jesus, vergib uns, erlöse uns von dem Feuer der Hölle…“

Ich fragte vor einigen Jahren einen katholischen Missionar, der gut portugiesisch sprechen konnte, ob es im portugiesischen Text „Erlöse uns“ oder „Bewahre uns“ heiße, worauf er mir erklärte, eine direkte Übersetzung laute „erlöse“ oder „befreie“ uns, im weiteren Sinne könne man auch als „bewahre uns“ übertragen. 0022

Auf einer an Fatima orientierten Webseite wird der Rosenkranz-Zusatz beim Gebetsvorschlag für den Mittwoch folgendermaßen wiedergegeben: „O mein Jesus, vergib uns, rette uns von dem Höllenfeuer. Führe alle Seelen in den Himmel, besonders die, die es am nötigsten haben.“  (Dasselbe hier: http://www.internetgebetskreis.com/gebete/sonstige-gebete/)

Auch hier heißt es nicht „Bewahre uns vor“, sondern „rette uns von…“, was zumindest mißverständlich bis irreführend ist.

Die genaue Übersetzung aus dem portugiesischen Original ist offenbar eine bislang noch nicht voll geklärte Frage.

Fest steht freilich, daß das von Sr. Lucia erwähnte „Lied“ der Seherin Jacinta („errette die Seelen aus der Hölle“) theologisch unzutreffend ist.

Weitere Anfragen zum Rosenkranz-Zusatz lesen Sie hier: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/warum-der-fatima-zusatz-nicht-zum-eigentlichen-rosenkranzgebet-gehort/

Lucia und die Warnungen von Pfarrer Ferreira

Diese Anrufung stammt  – wie bereits erwähnt  – aus der dritten Marienerscheinung vom 13. Juli 1917.

Die Hamedia-FZMqzvujo1V-2uptseherin Lucia wollte der himmlischen Kundgabe zunächst strikt fernbleiben, weil ihr Ortspfarrer Ferreira sehr skeptisch dachte und diese Phänomene als eine Art Trickkiste „von unten“ verdächtigte. Er dachte an die Warnung des hl. Paulus, daß der Satan auch als „Engel des Lichts“ erscheinen könne. (Der Priester blieb weiterhin bei seiner Ablehnung der Ereignisse und ließ sich später in eine andere Pfarrei versetzen.)

Dieser Vorgang wird in vielen Fatima-Büchern ausführlich geschildert; hier folgt eine relativ kurze Fassung aus der Schrift „Jacinta und Francisco“ (Verlag Maria, 1997):

„Der Pfarrer der Gemeinde, Dom Ferreira, meinte: Die Kinder könnten einer List des Teufels zum Opfer gefallen sein, vielleicht stecke dieser hinter den Erscheinungen. Deshalb entschloss sich Lucia, nicht mehr zur Cova da Iria zu gehen.

Jacinta jedoch hatte ein besseres Urteil, als sie erklärte: „Nein, das ist nicht der Teufel, er ist doch hässlich und unter der Erde in der Hölle. Und die Dame war so schön und wir haben sie ja in den Himmel aufsteigen sehen.“

Auch am Abend vor dem 13. Juli blieb Lucia bei ihrem Entschluss, am nächsten Tage nicht zur Cova da Iria zu gehen. Jacinta und Francisco aber wollten hin: „Wenn die Dame nach mir fragen sollte“, trug ihnen Lucia auf, „so sagt ihr nur, ich sei nicht gekommen, weil ich Angst habe, dass es der Teufel ist.“  – Am anderen Morgen jedoch verspürte Lucia eine unerklärliche Macht, die sie zur Cova da Iria trieb.“ (S. 24 f.)https://i1.wp.com/www.gottliebtuns.com/images/fatima_kinder_1.JPG

Dort waren mehrere tausend Menschen versammelt, Gläubige und Neugierige, während die Mutter Lucias auf den Rat des Pfarrers hin zuhause geblieben war.

FOTO: Das erste Bild der drei Fatima-Seherkinder, fotografiert am 13. Juli 1917 (dem Tag der 3. Erscheinung)

Laut dem bereits erwähnten Buch „Fatima“ ist die Erscheinung sogleich auf Lucias neuerliche Skepsis eingegangen, denn sie habe zu Beginn ihres Gespräches gesagt: „Ich bin es und ich komme vom Himmel. In der Hölle gibt es nicht diesen Glanz und soviel Licht.“ (S. 16) 

An diesem bedeutsamen Tag  – dem 13.7.1917 – wurden die sog. „drei Geheimnisse von Fatima“ geoffenbart, wobei vor allem das 3. Geheimnis jahrzehntelang für Spekulationen sorgte. Die beiden ersten Geheimnisse hat Sr. Lucia 1941 in einem Brief an ihren Bischof erstmalig enthüllt.

In dem erwähnten Büchlein heißt es auf S. 27, die Madonna habe den beiden Sehermädchen aufgetragen: „Dieses dürft ihr niemandem sagen; nur Francisco dürft ihr es sagen.“

Der neunjährige Knabe wird deshalb eigens erwähnt, weil er die Erscheinung zwar sehen konnte, aber bis zuletzt kein Wort von den Botschaften zu hören vermochte. Eine Begründung für diese Extrabehandlung des Jungen ist weder aus den Fatima-Botschaften noch aus der einschlägigen Literatur bekannt.

Felizitas Küble leitet ehrenamtlich das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Hier folgt ein Grundsatzartikel des kath. Dogmatikers Prof. Dr. Joseph Schumacher zum theologischen Stellenwert von Privatoffenbarungen in der Kirche: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/27/prof-joseph-schumacher-zur-kirchlichen-approbation-von-privatoffenbarungen/

 


FATIMA: Fragen zum „Gebet des Engels“

Dogmatik ist wichtiger als Privatoffenbarungen

Am 6. März dieses Jahres haben wir über einen visionären Sonder-Rosenkranz „zum einladenden Herzen“ berichtet, der eine theologisch eindeutig unzutreffende Formel enthält, denn dort ist die Rede davon, daß der Betende dem ewigen Vater die „Gottheit“ Christi aufopfert. 0013

Das allerdings ist nicht möglich, denn man kann Gott nicht die Gottheit aufopfern, weil diese unsterblich und zudem nicht leidensfähig ist.

Wir haben ausführlich  –  auch anhand päpstlicher Aussagen und dogmatischer Lehrbücher  –  dargelegt, daß diese Gebetsaussage logisch und theologisch unsinnig ist (siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/korrektur-an-einem-sonder-rosenkranz-die-gottheit-christi-wurde-nicht-geopfert/).

In den Leserkommentaren wurde mehrfach darauf hingewiesen, daß jene Formel von der Aufopferung der „Gottheit“ Christi auch im visionär entstandenen Rosenkranz der hl. Schwester Faustine vorkommt, außerdem im sog. „Engelsgebet“ von Fatima.

Wie wir bereits in unseren dortigen Antworten an jene Leser erläutert haben, hat die Dogmatik im Zweifelsfall den Vorrang vor Privatoffenbarungen, selbst wenn es sich um kirchlich „anerkannte“ Erscheinungen handelt.

„Es ist gestattet, daran zu glauben“

Das geläufige Wort „Anerkennung“ ist eine mißverständliche Übertragung des kirchenamtlichen Ausdrucks „Approbation“, der präziser  mit „Genehmigung“ oder mit „Billigung“ übersetzt würde.

Wenn die Kirche eine Erscheinung approbiert, bestätigt sie damit keineswegs mittels ihrer Lehrautorität eine himmlische Herkunft jener Privatoffenbarung. Vielmehr gestattet sie den Glauben an jene Erscheinung  – es geht also um eine Erlaubnis („Du darfst“), nicht um eine Verpflichtung („Du mußt“), nicht einmal um eine verbindliche Aufforderung („Du sollst“).  – Genaue Beweisführung dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/18/kirchliche-anerkennung-einer-erscheinung-bedeutet-es-ist-gestattet-daran-zu-glauben/ – Zudem: https://charismatismus.wordpress.com/2013/10/29/was-bedeutet-die-kirchliche-approbation-einer-privatoffenbarung-genau/

Zurück zum „Engelsgebet“:

Die drei Engelserscheinungen von Fatima aus dem Jahre 1916 gehören schon rein formal nicht zum kirchlich gebilligten Bereich, da sich die bischöfliche Approbation von 1930 ausdrücklich allein auf die Marienerscheinungen vom Mai bis Oktober 1917 bezog (folglich nicht auf die ein Jahr vorher erfolgten Engelsvisionen).

Aufopferung der „Gottheit“ Christi?

In dem Buch „Schwester Lucia spricht über Fatima“ wird auf S. 58 (sowohl übersetzt wie auch mit ihrer Originalhandschrift) jenes Gebet des Engels wiedergegeben, das die theologisch merkwürdige Formel von der Opferung bzw. Aufopferung der „Gottheit“ Christi enthält.

Hier der volle Wortlaut jener Anrufung:

„Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist,
ich opfere Euch
auf den kostbaren Leib, das Blut,
die Seele und die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus,
gegenwärtig in allen Tabernakeln der Welt,
zur Sühne für die Schmähunge, Sakrilegien
und Gleichgültigkeiten, durch welche Er selbst
beleidigt wird.

Durch die unendlichen Verdienste seines heiligsten Herzens
und die des Unbefleckten Herzens Mariens erflehe ich von Euch

die Bekehrung der armen Sünder.“

Zunächst erstaunt, daß sich die Aufopferung Christi auch an den „Sohn“ wendet (1. Zeile). Kann man denn den Sohn dem Sohne aufopfern? Wie die Kirche lehrt, opfert sich Christus dem himmlischen Vater auf (das gilt für Kreuzesopfer und sakramentales Meßopfer gleichermaßen). Sodann heißt es in der nächsten Zeile: „ich opfere Euch auf…“, womit erneut der irreführende Gedanke wiederholt wird, als ob der Sohn dem Sohne aufgeopfert werde.

Vor allem aber ist bei dieser Opferformel neben Leib und Blut auch die Seele und „Gottheit“ des Erlösers erwähnt. Daß dieses Gebet daher jenen Irrtum enthält, haben einige Theologen eingeräumt, die den Fatima-Ereignissen ansonsten durchaus zugeneigt sind.

So schreibt z.B. der theologisch konservative, lehramtstreue und angesehene Professor Konrad Algermissen in seinem 1949 erschienenen Werk „Fatima und seine Botschaft an die heutige Menschheit“ auf S. 20 hierzu:

„Ein Gebet, das einen dogmatischen Unsinn enthält, kann unmöglich eine Privatoffenbarung Gottes sein.“

„Glaubensunklarheiten und falsches Beten“

Er fügt hinzu: „Unverständlich ist, daß Fatima-Schriften dieses Gebet ohne jede Kritik als Engels-Botschaft nachdrucken und dadurch Anlaß für Glaubensunklarheiten und falsches Beten werden.“

Foto: Paul Badde

Foto: Paul Badde

Zu seiner Beschwerde über jene Fatima-Schriften sei angemerkt:

Inhaltlich hat Prof. Algermissen freilich recht, allerdings geht diese Anrufung auf Aussagen der Seherin Lucia selbst zurück. Als sie auf den Irrtum in jenem „Engels-Gebet“ angesprochen wurde, soll sie ziemlich flapsig geäußert haben, dieser Engel habe ja „vielleicht keine Theologie studiert“.

Das berichtet Prof. Gonzaga da Fonseca in seinem Pro-Fatima-Klassiker „Maria spricht zur Welt“ auf S. 132. Er bestätigt außerdem, daß Lucia noch im Jahre 1946 (also genau 30 Jahre später) gegenüber Pater Jongen ausdrücklich auf jener Formulierung (Aufopferung der „Gottheit“) bestand; dieser Ausdruck sei keineswegs versehentlich in ihren Text gerutscht, sondern wörtlich vom Engel so gesagt worden.

Der Jesuitenpater und Bibelwissenschaftler Dr. da Fonseca hatte zuvor noch mit dem Gedanken gespielt, das Wort „Gottheit“ sei von den Seherkindern selber eingefügt worden, weil ihnen der Ausdruck „Gottheit und Menschheit“ von eucharistischen Gebeten oder Liedern her geläufig war.

Der kath. Bibelübersetzer Dr. Otto Karrer schrieb in seiner Abhandlung „Privatoffenbarungen und Fatima“ (erschienen in „Geist und Leben“ 1947) auf S. 494: Der vom Engel vorgebetete Text enthalte „das theologisch immerhin Seltsame einer „Aufopferung“ auch der Gottheit Christi.

Auch der bekannte Theologe Prof. Karl Rahner SJ schrieb, jene Aufopferungsformel sei „theologisch unmöglich“  – nachzulesen in seinem Buch „Visionen und Prophezeiungen“ von 1958, das Privatoffenbarungen insgesamt recht wohlwollend darstellt.

Auch sein Ordensbruder, der Jesuitenpater Bernward Brenninkmeyer SJ erklärte 1948 in der „Schweizer Rundschau“:

„Einen weiteren Grund, der hier zur Vorsicht mahnt, bietet die Aufopferungsformel, die der Engel die Kinder gelehrt hat und die theologisch nicht ganz einwandfrei ist. Sie enthält nämlich die Aufopferung des Leibes und Blutes, der Seele und der  G o t t h e i t  unseres Herrn Jesus Christus. Die Gottheit Christi aber kann niemals Gegenstand einer menschlichen Aufopferung sein.“fatima-ruft-2-2016

Zur Klarstellung: In jenem Satz („Ich opfere Euch auf…die Gottheit Christi“) geht es ersichtlich um eine Aufopferung der Gottheit Christi   –  und nicht etwa um die eucharistische Realpräsenz, wonach unser HERR selbstverständlich im Altarsakrament mit Leib und Blut, mit Menschsein und Gottheit gegenwärtig ist; es geht in jenem Satz auch nicht um den Opfercharakter der heiligen Messe, der ein Wesenselement der Eucharistie ist.

Überdies ist die Formulierung „in allen Tabernakeln der Erde“ unpräzise; denn Jesus ist realpräsent in jeder heiligen Hostie (wobei sich nicht jede Hostie in einem Tabernakel befindet  –  und auch nicht unbedingt alle Tabernakel der Welt eine hl. Hostie enthalten).

Zudem ist es auch theologisch völlig unzutreffend, von den „unendlichen“ Verdiensten des Unbefleckten Herzen Mariens zu reden, wie dies in jener Engels-Anrufung der Fall ist. Christus allein konnte wegen seines göttlichen Wesens „unendliche“ Verdienste für unser Heil erwerben; für Geschöpfe ist das unmöglich, folglich auch für Maria.

Da es immer wieder heißt, man solle solch ein Gebet auch in seinem Zusammenhang darstellen, wollen wir diesen Kontext aus dem Jahre 1916 (diese Engels-Vision fand ein Jahr vor der ersten Marienerscheinung vom 13.5.1917 statt) hiermit erläutern:

Kommunion-Empfang durch einen Engel?

Wie die Hauptseherin von Fatima, Sr. Lucia, später erklärte, sei ihr und ihren beiden Verwandten, nämlich den Kindern Francesco und Jacinta, ein Engel erschienen und habe ihnen die heilige Eucharistie gereicht.

Nach jenem umstrittenen Gebet geschah – laut dem Bericht der Hauptseherin Lucia  –  folgendes Ereignis (vgl. S. 58):

„Danach erhebt der Engel sich, ergreift den Kelch und die Hostie, reicht mir die hl. Hosie und teilt das Blut im Kelch zwischen Jacinta und Francisco, wobei er spricht: „Empfangt den Leib und trinkt das Blut Jesu Christi, der durch die undankbaren Menschen so furchtbar beleidigt wird. Sühnet ihre Sünden und tröstet Euren Gott.“  –  Er kniete sich von neuem auf die Erde, wiederholte mit uns noch dreimal das gleiche Gebet: „Heiligste Dreifaltigkeit…“ und verschwand.“

Hier stellen sich zusätzlich zur irreführenden Aufopferungs-Formel weitere Fragen, nämlich aus meiner Sicht folgende: 

1. Christus  ist  u n s e r  Trost, der Heilige Geist ist unser Tröster und Beistand. Warum spricht der Engel zu den kleinen Kindern: Tröstet euren Gott?  –  Benötigt der Ewige, der allmächtige und dreieinige Gott, den „Trost“ von zwei kleinen Mädchen und einem Knaben?

Sodann: Warum werden die Kinder kurz vor jener „Kommunion“ dazu aufgefordert, die Sünden der „undankbaren Menschen“ zu „sühnen„?   – Gerade die heiligste Eucharistie erinnert uns doch daran, daß CHRISTUS selber durch seinen Opfertod die Sühne für unsere Sünden ist. Dieses Heilswerk des HERRN kann wohl kaum an drei Seherkinder „delegiert“ werden?

2. Welchen Sinn hat überhaupt jene „Engels-Kommunion“ an die kleinen Hirten? –  Immerhin war es bei Jacinta (6 Jahre alt) und Francesco (8 Jahre alt) eine Art „Erstkommunion“. Lediglich Lucia hatte mit ihren 9 Jahren bereits in ihrer Pfarrkirche die Erstkommunionfeier erlebt. Warum sollte der Himmel die kirchliche Erstkommunion gleichsam „vorwegnehmen“?5d56a7150a

3. Damals war die Erstbeichte vor der Erstkommunion noch eine Selbstverständlichkeit. Diese hatte aber bei Lucias beiden kleinen Verwandten bislang nicht stattgefunden. Welchen Sinn sollte es wohl haben, den beiden Kindern ohne Erstbeichte schon die hl. Eucharistie zu reichen?

4. Engel sind weder Kommunionspender noch Priester. In jener Zeit durften allein die Geistlichen den Leib des HERRN an die Gläubigen austeilen. Der Himmelsbote konnte zudem sicherlich keine heilige Wandlung vollziehen. Woher hat er also die eucharistischen Gestalten (Hostie und Kelch) „geholt“? Etwa von einem Priester aus dessen Meßfeier „einfach so“ weggenommen? 

5. Warum hat der Engel den beiden Kindern Francesco und Jacinta, die noch keine Erstbeichte kannten, vor jener „Kommunion“ nicht wenigstens ein Reuegebet als Ersatz gelehrt? 

Stattdessen sprach der  – wie er sich nannte  –  „Engel des Friedens“ bei seiner vorigen Erscheinung folgende Gebetsformel, die auch zu den bekannten Fatima-Anrufungen gehört:

„Mein Gott, ich glaube an Dich, ich bete Dich an,
ich hoffe auf Dich und ich liebe Dich.

Ich bitte Dich um Verzeihung für jene,
die an Dich nicht glauben, Dich nicht anbeten,
auf Dich nicht hoffen und Dich nicht lieben.“

Warum werden die Seher nicht angeleitet, Gott zunächst für ihre eigenen Sünden und Nachlässigkeiten um Vergebung zu bitten?  – Stattdessen wird der kritische Blick auf andere, nämlich auf „jene“ gelenkt, die „nicht glauben“ usw…

In der Broschüre „Fatima, die Botschaft des Jahrhunderts“ (herausgegeben vom Fatima-Weltapostolat in Deutschland) heißt es auf Seite 4, jene Engelserscheinung habe die Seher aufgefordert: „Betet so!“ 

Danach schildert die Publikation folgendes: „Hingerissen wiederholten die Kinder dreimal, was sie den Engel sagen hörten. Dann entschwand der Engel. Dieses unvergessliche Gebet des Engels beteten sie oft bis zur Erschöpfung.“

6. Weshalb erhielten die sechs- und acht-jährigen Kinder (Jacinta, Francesco) nicht allein die hl. Hostie, sondern auch den Kelch des HERRN? –  Damals war Kelchkommunion für Laien nicht einmal Ausnahmefällen angesagt, schon gar nicht ausgeteilt an kleine Kinder. Warum sollte ein Bote Gottes völlig anders handeln, als es die kirchliche Praxis vorsieht, die sich zudem auch heute bei der Erstkommunionfeier auf das Austeilen der hl. Hostie beschränkt.

7. Wirkt jene „Eucharistie-Szene“ von Fatima nicht eher pseudomystisch?  – Wird hier nicht das Altarsakrament zu einem fast magischen Vorgang degradiert? Warum werden zwei kleine Kinder von einem Engel völlig unvorbereitet mit einer „Erstkommunion“ überrascht? Bedurften sie etwa keiner Hinführung, keiner Katechese (Glaubensunterweisung)?  –  Jene Engelserscheinung hat sie ihnen jedenfalls nicht erteilt.

Abgesehen davon wußte der kleine Francesco ohnehin nicht recht, wie ihm geschah – und es mußte ihm später von Jacinta erst erklärt werden, daß er eine Engelskommunion empfangen habe (nachzulesen in „Sr. Lucia spricht über Fatima“, S. 117).

Islamische Gebetshaltung des Engels

8. Zudem heißt es in der bereits erwähnten Fatima-Broschüre (S. 4) über die 1. Erscheinung eines Engels auf dem „Loca de Cabeco“ im Frühjahr 1916: foto-dcubillas-www_freimages_com_

„Die Kinder erblickten in einiger Entferung über den Bäumen ein Licht in der Gestalt eines Jünglings (…). Niederkniend, die Stirn bis zur Erde gebeugt, sprach er dreimal: „Mein Gott, ich glaube an Dich…“

Warum sollte ein Engel Gottes diese typisch islamische Gebetshaltung einnehmen?  – Niederknien mit der Stirn bis zum Boden ist im Judentum und Christentum nicht geläufig, weder in der hl. Messe noch in der religiösen Kunst, etwa bei Darstellungen von der Anbetung Gottes durch die Engel, Bildern vom himmlischen Jerusalem (siehe Foto ganz oben) etc.

Es gibt zwar die sog. Prostration (vollständiges Niederlegen) im Rahmen einer Priesterweihe, doch auch dies unterscheidet sich deutlich vom islamischen Unterwerfungs-Ritus (Knien, Gesäß nach oben, Stirn nach unten).

Vereinzelt wird zwar im Alten Testament erwähnt, daß sich ein Patriarch oder Prophet vor Gott mit dem Angesicht zur Erde neigte bzw. bis zur Erde beugte.

Freilich wird der Prophet Ezechiel in Ez 1,28b.2.1-5 von Gott selber aufgefordert, sich auf seine Füße zu stellen, denn ER, der HERR, wolle mit ihm, dem „Menschensohn“, reden; dabei solle sich der Prophet in eine aufrechte Haltung begeben, was  – rein menschlich gesehen  –  auch das Zuhören, das Hören auf den Höchsten erleichtert. (Siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2015/07/05/gott-sprach-zum-propheten-ezechiel-stell-dich-auf-die-fuse-menschensohn/)

Die Gebetshaltung des Engels entspricht einer gängigen islamischen Gebetspraxis. (Daran ändert sich nichts, wenn diese Geste bisweilen auch in anderen orientalischen Kulturkreisen vorkommt.) Im Judentum und Christentum ist sie jedenfalls nicht üblich. Welchen Sinn soll dies also letztlich ergeben?

Bereits der Erscheinungsort (Cova da Iria bei Fatima) erinnert an den Islam:

Fatima ist ein arabisches Wort; zugleich ist Fatima die von Muslimen sehr geschätzte und im Koran erwähnte Lieblingstochter Mohammeds. Nach dem Tod Fatimas schrieb Mohammed: „Du sollst die gesegnete aller Frauen im Paradiese sein  –  nach Maria.“ 

Die „Fatima-Hand“ ist geradezu ein Amulett (Zaubermittel, magisches Maskottchen) in islamischen und esoterischen Kreisen, zB. hier: http://www.engelsrufer.de/Rufe-Deine-Engel/Bedeutungen/Bedeutung-Hand-Fatimas

Im streng-islamischen Iran wird der Muttertag nicht wie sonst am 2. Sonntag im Mai gefeiert, sondern am Geburtstag von Fatima nach dem islamischen Mondkalender (meist Ende Februar).

Der bekannte US-amerikanische Bischof Fulton J. Sheen veröffentlichte 1952 das Buch „Mary and the Moslems“ (Maria und die Moslems). Er meint, die himmlische Madonna sei aus besonderer „Weitsicht“ heraus  bewußt in dem „portugiesischen Dörfchen namens Fatima erschienen (das nach der Tochter Mohammeds während der muslimischen Besatzung benannt wurde) und so als Unsere Liebe Frau von Fatima bekannt“ geworden.  

Der Autor fügt hinzu: „Wenn in Afrika, Indien oder sonstwo eine Statue ´Unserer Lieben Frau von Fatima` durch muslimische Gebiete getragen wird, strömen die Muslime tatsächlich zu Hunderten herbei, um sie zu verehren.“

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet ehrenamtlich des Christoferuswerks in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.