Indien: Kerala als „Wiege“ der Charismatik

Von Felizitas Küble

In Indien sind die Christen eine minimale Minderheit von nur 2%; die Mehrheit davon ist katholisch. Lediglich in Kerala – einem süd-indischen Bundesstaat – gehen die Uhren anders, denn dort beträgt der christliche Anteil an der Bevölkerung das Zehnfache, nämlich 20%.

Die Katholiken dort bezeichnen sich auch als „Thomas-Christen“, denn sie berufen sich auf den Apostel Thomas, der ihnen das Evangelium verkündet haben soll. Die meisten Inder sind Hindus, sodann gibt es eine buddhistische und islamische Minderheit.

Allerdings ist gerade die Provinz Kerala besonders stark von der protestantischen Pfingstbewegung und der katholischen Charismatik geprägt; von dort aus verbreiten sich zahlreiche „Heilungsprediger“ über Indien und vor allem über Europa.

Anfang der 70er Jahre begann die Ausbreitung der pentekostalen Bewegung in Südindien – und zwar meist durch Katholiken, die in den USA an protestantischen Pfingstler-Seminaren teilnahmen, dort die „Geisttaufe“ empfingen und nun ihre Euphorie weitertrugen. Am bekanntesten ist hierbei Pater Rufus Pereira, der die Charismatik von Bombay aus verbreitete.

In den 80er Jahren wurden die ersten großen Seminarhäuser für charismatische Exerzitien gebaut, wofür sich Pater Mathew Naikomparambil besonders einsetzte. Inzwischen gibt es über dreißig solcher Exerzitienzentren in Kerala.

Ab Mitte der 90er Jahre zog es schwarmgeistige Heilungsprediger vermehrt nach Europa, besonders in die deutschsprachigen Länder. 

Zu den bekanntesten Ordenspriestern dieser Art zählen James Manjackal, Joseph Vaddakel, James Mariakumar, Josef Bill (+), Zacharias Thudippara; sodann die indisch-deutschen Nonnen Margaritha Valappila (Bad Soden-Salmünster) und ihre Kollegin Schwester Usha.

Während die protestantische Pfingstbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA entstand, dauerte es bei der katholischen Kirche 60 Jahre länger und war erst nach dem 2. Vatikanischen Konzil möglich, von dem viele Leute als einem „zweiten Pfingsten“ schwärmten.

Am 17. Februar 1967 nahm die katholische Charismatik ihren Anfang an der Duquesne-University in Pittsburgh, wo kath. Studenten einige Pfingst-Protestanten darum gebeten hatten, ihnen die Hände aufzulegen und sie dann von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt wurden, z. T. in Zungen redeten und sangen oder „im Geiste ruhten“ (Rückwärtskippen in Trance, Hammersegen).

Danach gab es mehrere Konferenzen der Charismatischen Erneuerung; der 3. Internationale Kongreß wurde sogar in Rom abgehalten, wobei der belgische Kardinal Suenens die hl. Messe im Petersdom zelebrierte. Auch in Deutschland fand die Bewegung unter Katholiken seit 1972 eine gewisse Basis, blieb aber zunächst ohne größere Bedeutung.

Erst durch den – kirchlich nicht anerkannten –  Erscheinungsort Medjugorje und durch das verstärkte Eindringen indischer Heilungsprediger gewann die Charismatik unter Katholiken hierzulande erheblich an Boden.


Pater James Mariakumar SVD und sein charismatisches „Befreiungsgebet“

Von Felizitas Küble

Jede kirchliche und weltliche Bewegung hat in der Regel einen „harten“ bzw. extremen und zugleich einen gemäßigten Flügel  – so ist es auch im Spektrum der katholischen Charismatik.

Zu jenen, die sich zunächst den Anschein des halbwegs „Nüchternen“ geben, gehört der indische Pater James Mariakumar SVD.

Dieser Ordensmann der Steyler Missionare (SVD) ist seit langem im sog. „Heilungs- und Befreiungsdienst“ tätig, zumal in puncto „Innere Heilung“, aber auch im Bereich sog. „Befreiungsgebete“, womit angebliche oder tatsächliche dämonische Belastungen besiegt werden sollen.

Bekanntlich handelt es sich bei „Heilung und Befreiung“ um zentrale charismatische Lieblingsbegriffe.

Pater Mariakumar vermeidet in seinem Buch „Okkultismus und geistiger Kampf“ (siehe Foto) zwar auf den ersten Blick gewisse schwärmerische Ausuferungen, wie man sie sonst in dieser Szene kennt, zumal bei etlichen seinen indischen „Kollegen“.

Doch das vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, daß einige typisch spirituelleVerirrungen an ihm nicht spurlos vorübergingen.

Dies läßt sich zB. in seinem erkennen, das er gemeinsam mit der Nonne Mary Pereira verfaßte.

Dort bejubelt er ein „neues Pfingsten“, das angeblich durch die „Charismatische Erneuerung“ in der Kirche ermöglicht worden sei.

Zudem verweist er mehrfach auf eine sog. „Taufe im Heiligen Geist“, womit aber nicht das katholische Sakrament der Firmung gemeint ist, sondern eine euphorische Sondererfahrung als Folge einer „Geistausgießung“.

Auf S. 151 wird ein quasi-exorzistisches „Befreiungsgebet“ präsentiert. Es ist von Pater Mariakumar verfaßt und wird als tägliches (!) Gebet empfohlen, vorzugsweise vor dem Tabernakel.

Nun weiß man, daß die katholische Meßliturgie, zumal das Hochgebet, keine Erwähnung, geschweige ein Anreden des Satans und der Dämonen kennt – und dies nicht etwa, um den Glauben an die Existenz der bösen Geister zu verdrängen, sondern weil man dem Widersacher  im Gottesdienst nicht die Ehre einer Erwähnung oder gar „Ansprache“ gewähren will, auch nicht durch negative Benennung.

Mit welcher Logik empfiehlt also dieser Geistliche, daß man ein anti-dämonisches „Befreiungsgebet“ ausgerechnet „vor dem eucharistischen Herrn im Tabernakel“ sprechen soll („dies ist nur von Nutzen“)  – und dies noch dazu „täglich“?!

Zudem sind an den Inhalt dieser Absage-Formeln eine Menge Fragezeichen zu setzen, zum Beispiel folgende:

1. Es heißt gleich eingangs: „Im Namen Jesu, durch die Macht des kostbaren Blutes Jesu (…), kraft der Autorität, die mir von Jesus durch durch die Macht seines kostbaren Blutes gegeben wurde, widersage ich allen Kräften des Bösen, die mir schaden wollen und weise sie ab. Unterwerft euch dem Herrn Jesus und kehrt nie mehr zu mir zurück.“

Die Formel („Unterwerft euch…“) kommt in diesem „Befreiungsgebet“ sage und schreibe fünfzehn-mal vor.

Welchen Sinn hat es, die bösen Geister zur „Unterwerfung“ unter Christus aufzufordern? Die Teufel als gefallene Engel befinden sich ja gerade   d e s h a l b   in diesem verlorenen Zustand, weil sie sich Gott  n i c h t  unterwerfen wollen  – und zwar in alle Ewigkeit nicht, sonst wäre ja die Hölle nicht ewig!

2. Sodann heißt es dort weiter: „Deshalb hast Du, Satan, keine Rechte über mich, über meine Familie und mein Haus.“

Soll man die Gläubigen wirklich täglich auffordern, den Satan   d i r e k t  anzusprechen, noch dazu vor dem Tabernakel?!  –  Dergleichen wird in den (selten vorkommenden) kirchlichen Absagegebeten (Taufe, Firmung) sprachlich nur in dritter Person praktiziert („Ich widersage dem Satan…“)  – er wird also nicht direkt angesprochen, was auch seine guten Gründe hat!

3. Der nächste Satz in des Paters „Befreiungsgebet“ ist noch irriger:

„Ich bitte den Herrn um Verzeihung für alle Sünden meiner Vorfahren.“

Während also der Satan direkt angesprochen wird, ist dies hier bei Gott nicht der Fall.

Zudem ergibt es keinen Sinn, für „alle Sünden der Vorfahren“ um Verzeihung zu bitten, abgesehen davon, daß man sich dadurch  – zumindest indirekt – einen Blickwinkel anlegt, der bedenklich ist, weil man seine Vorfahren im Hinblick auf ihre „Sünden“ in die eigene Erinnerung ruft. Dient dies etwa der Nächstenliebe und eigenen Demut?

Es gibt zudem in der amtlichen und liturgischen Gebetstradition der Kirche kein einziges Beispiel für eine derartige Vergebungsbitte zugunsten von Vorfahren.

4. In den folgenden Abschnitten kommen allerlei unnötige oder merkwürdige Formeln vor, so wenn es etwa heißt: „Ich widersage dem Geist der Angst…der Schüchternheit…des Frustes…der Minderwertigkeitskomplexe…der Nervosität.“

„Schüchternheit“  oder „Nervösität“ und dergl. sind keine Sünden, sie haben nichts mit dem Satan zu tun. Vielmehr hängen derlei Gemütsstimmungen mit dem angeborenen Temperament zusammen  – oder auch mit den Lebenserfahrungen, die jemand zu bewältigen hat usw.

5. Reichlich komisch bis „schräg“ für ein Gebet, noch dazu vor dem Tabernakel, wirkt die detaillierte Aufzählung leiblicher Glieder:

„Ich widersage dem Geist der Wollust, die zu mir kommt durch Gedanken, „orte und Handlungen, durch meine Augen, Nase und Zunge, durch den Tastsinn, durch Hände, Füße und die Geschlechtsorgane.  – Weiche von mir…“ 

In einem weiteren Abschnitt heißt es ähnlich absonderlich:

„Herr Jesus, wasche mich mit Deinem kostbaren Blut. Wasche mein Gehirn, mein Nervensystemj, das blut in meinen Adern, mein Fleisch, meine Knochen und meine inneren Organe….meinen Mund, meine Hände, Füße und meine Geschlechtsorgane.“

6. Sodann wird in einem Gebet, das sich an Christus richtet, folgende Bitte geäußert: „Sende mir vom Vater den Heiligen Geist…“

Wie die katholische Kirche (im Unterschied zur Orthodoxie)  lehrt, geht der Hl. Geist vom Vater und vom Sohne aus (vgl. Großes Credo).  Warum wird dann die Bitte um den Hl. Geist nicht direkt an Christus  gerichtet?

7. Im letzten Abschnitt dieses „Befreiungsgebets“ geht es ans charismatische Eingemachte, denn dort finden sich folgende Aufforderungen an Christus:

„Salbe mich mit den charismatischen Gaben – dem Wort der Wahrheit, der Erkenntnis und der Prophetie, der Unterscheidung der Geister, der Gabe, Kranke zu heilen, der Gabe der Wunderkräfte (…), der Gabe der Zungenrede…“

Hier wird ein enthusiastischer, gefühlsorientierter und letzten Endes sensationsgieriger „Glaube“ angepriesen, der sich an „Zeichen und Wundern“ orientiert, der gewisse außergewöhnliche (!) „Geistesgaben“ sucht, wie man dies aus der Schwärmerszene seit Jahrhunderten zur Genüge kennt.

In Wirklichkeit beruht unser Glaube auf der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und dem Lehramt der Kirche, also auf objektiven Maßstäben, nicht etwa auf subjektiven Gefühlen und „Erleuchtungen“.

Daher ist von diesem „Befreiungsgebet“ des Pater Mariakumar aus meiner Sicht deutlich abzuraten.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

Foto: Dr. Bernd F. Pelz