Erzbistum Freiburg: „Bußfeier“ bietet statt Buße reichliche Trostpflaster fürs eigene Ich

Von Felizitas Küble

Seit der allgemeinen Verbreitung von „Bußgottesdiensten“ in den 70er Jahren hört man viele Beschwerden von Gläubigen zu diesem Thema. Teils wird dadurch in der Praxis die persönliche Beichte verdrängt (wenngleich es kirchenamtlich wohl heißt, die Bußfeier sei bei schweren Sünden kein Ersatz für das Bußsakrament), teils wirken die Texte dieser Gottesdienste ziemlich flach und theologisch wenig gehaltvoll.
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Doch was die Erzdiözese Freiburg den Pfarrgemeinden offiziell als „Bußfeier“ anbietet bzw. zumutet, übertrifft alle bisherigen Mißstände.
Das Seelsorgsamt des Bischöflichen Ordinariats hat sich als“Bußfeier in der Adventszeit 2018″ etwas ganz Besonderes einfallen lassen: https://www.seelsorgeamt-freiburg.de/html/media/dl.html?i=799325
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Der Clou in diesem Fall: Es geht hierbei nicht mehr um die eigenen Sünden, für die Gott um Vergebung angerufen wird, sondern vielmehr um das glatte Gegenteil: nämlich emotionale Streicheleinheiten für das eigene Ego, wobei der christliche Glaube für diese psychologische Trostveranstaltung lediglich als Verstärker und „spirituelles“ Sahnehäubchen eingesetzt wird.
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Da muß man nicht die Flöhe husten hören, um einen solchen pseudo-therapeutischen Stuhlkreis im religiösen Gewande für absonderlich zu halten  – genauer: komplett das Thema verfehlt, ja sogar in sein Gegenteil verkehrt.
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Dabei ist die flapsig-kitschige Bezeichnung „Herzbube“ und „Kreuzbube“ für den Sohn Gottes zwar sprachlich unangemessen, aber noch lange nicht das Ende vom Lied bzw. Seelentrip.
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In dieser Bußfeier steht das eigene Ich  – das nach seelischem Trost und der „Heilung“ von oben lechzt – ganz im Zentrum des Geschehens. Allerdings nicht in Form selbstkritischer innerer Einkehr und Sündenerkenntnis, sondern unter Verabreichung ständiger Streicheleinheiten für eigenes Seelenleid, Seelenschmerz, „innere Verletzungen“, Trostbedürftigkeiten usw.
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Passenderweise lautet das Motto dieses kuriosen Gottesdienstes: „Sich mit dem inneren verletzten Kind versöhnen“  – auf normaldeutsch gesagt: Es geht also um das sog. „Innere Kind“ (eine bekannte Formel aus der Vulgär-Psychologie), das natürlich „verletzt“ ist   – aber nicht etwa durch eigene Sünden, sondern durch schmerzvolle Erfahrungen, zumal in der Kindheit, ist also somit durch  a n d e r e  beeinträchtigt (wohl nicht zuletzt durch die Eltern?!).
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Das Wort „Sünde“ kommt folglich in dieser Bußfeier kein einziges Mal vor, „Schuld“ ist auch nicht von Interesse, die göttlichen „Gebote“ werden sowieso nirgends erwähnt.
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Daher wird der Allmächtige logischerweise nie um Vergebung und Verzeihung, sondern immer allein um „Heilung“ gebeten.
Heilung und Versöhnung sind bekanntlich zwei entscheidende Kernbegriffe aus der charismatischen Bewegung. Tatsächlich klingt vieles in diesem „Gottesdienst“ (der letztlich ein Menschendienst ist) wie eine Mischung aus schwarmgeistiger Heilungsveranstaltung und dem selbstwehleidigen Psycho-Stuhlkreis einer Selbsterfahrungsgruppe oder gruppendynamischen Sitzung.
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Wenig erstaunlich erscheint es dann, daß Palottinerpater Jörg Müller zum dreiköpfigen Redaktionsteam dieser Bußfeier gehört. Der Geistliche, Autor und Psychotherapeut ist nicht nur Medjugorje-Anhänger, sondern schreibt seit langem positiv über weitere „Marienerscheinungen“ inklusive solcher Privatoffenbarungen (wie z.B. Marpingen), von denen sich die zuständige Kirchenleitung ausdrücklich distanziert hat.
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Die Autoren dieser Psycho-Veranstaltung gehen davon aus, daß eine sogenannte „Leitungsperson (LP)“ der Bußfeier vorsteht, wobei das kein Priester oder Diakon sein muß. Vielmehr scheint die Leitung durch Laien als Regelfall vorgesehen. Bei den Eingangs-Hinweisen heißt es jedenfalls:
„Wir unterscheiden nicht zwischen Priester, Diakon oder Leiter/Leiterin. Es wird die Formulierung für die Leitung durch Laien aufgeführt. Priester und Diakone werden gebeten, die jeweiligen Text auf sich hin anzupassen.“ 
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In der programmatischen Einführung zu dieser „Bußfeier“ des Erzbistums Freiburg geht es gleich eingangs entsprechend larmoyant zu, denn dieser Gottesdienst lade dazu ein, „das innere verletzte Kind … bewusst zu trösten und den Vater um Heilung zu bitten….Es geht in dieser Bußfeier um die Frage, wie mir mit Verletzungen, die unser Leben geprägt haben, „versöhnt“ umgehen. Manch innere Verletzung prägt das Handeln unbewusst sehr.“
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Unentwegt steht das zu streichelnde ICH im Mittelpunkt, dem es aber gar nicht gut geht, ist es doch (von anderen natürlich!) „verletzt“ worden, weshalb es himmlischer „Heilung“ bedarf (nicht etwa der göttlichen Vergebung).
In der wenig bußfertigen Adventsfeier ist sodann auch mal von Jesus die Rede, „der unserer Überlieferung  nach in einem Stall geboren wurde“. – Nur „unserer Überlieferung nach“ – oder auch wirklich?
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Während biblisch bezeugte Tatsachen indirekt infrage gestellt werden, steht eines unbeirrbar fest: Unser „inneres Kind“ ist schmerzlich verletzt und „bedarf immer wieder der Heilung“ – und der Versöhnung – mit uns selber nämlich!
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Der Gottesdienst beinhaltet sodann eine Bild-Meditation, ausgehend von einer modernen Marienstatue mit Christkind, der als „Herzbube“ der Madonna bezeichnet wird, wenig später aber zum „Kreuzbuben“ hinaufgeadelt wird.
Dabei geht es selbst beim Stichwort „Kreuz“ erneut nicht um Erlösung  u n s e r e r  Schuld; vielmehr wird gut kitschpsychologisch erläutert: „Dieser Kreuzbube ist ein Bild des Urvertrauens“. 
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In den weiteren Fragen zur Selbstsuche, Ichfindung und-so-weiter heißt es:
„Wo habe ich in meiner Kindheit den Mut zum Sein empfangen?…Wo bin ich vielleicht tief verletzt worden? Welches Erlebnis, welche Prägung oder Begegnung hat schmerzliche Spuren hinterlassen, die ich bis heute spüre?…Durfte ich als Kind meine Gefühle zum Ausdruck bringen, auch meinen Zorn, meinen Schmerz? Oder trage ich bis heute ein zorniges Kind in mir?“
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Nicht genug mit dem Blick zurück im Zorn, auch die Gegenwart verliert sich im endlosen Kreisen um sich selbst:
.„In vielen Alltagssituationen kann ich fragen:
Was hat mich verletzt?
Was macht mich zornig?
Was braucht das innere Kind in mir?
Wonach sehne ich mich wirklich?
Was möchte ich tun?
Wie möchte ich mich zeigen?“
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Es geht hier erkennbar um das, was in der Ideologie der sog. Humanistischen Psychologie (die bitte nicht mit der wissenschaftlichen Fachpsychologie zu verwechseln ist) als „Selbstverwirklichung“ und Bedürfnisbefriedigung verstanden wird.
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Wenn es dann nach dieser wehleidigen Litanei zur Sache bzw. „Zeichenhandlung“ übergeht, nimmt das Klagelied weitere Fahrt auf:
Die Gläubigen werden aufgefordert, aufzustehen und ein Kreuzzeichen auf ihren Kopf zu zeichnen:
.„Beten wir gemeinsam: Vater, ich bitte dich  um Heilung.  –  Unsere Schultern tragen viel. Einiges wird uns auferlegt, anderes bürden wir uns selber auf. Wir sind Lastenträger.“
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Es geschehen freilich noch Zeichen und Wunder, denn diesmal weitet sich der Blick ausnahmsweise mit einem einzigen Satz in Richtung der lieben Mitmenschen: „Aber manchmal werden wir auch anderen zur Last.“  – Das ist der Höhepunkt dessen, was man vielleicht als „Schuldbekenntnis“ im allerweitesten Sinne auffassen könnte.
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Abgesehen von der theologischen Zielverfehlung dieser „Bußfeier“ ist diese sentimentale Jammerseligkeit auch rein psychologisch ein durchsichtiger Irrweg:
Hier wird nämlich eine innere Flucht angetreten von der Eigenverantwortung und einer ehrlichen Selbsterkenntnis hin zum vorpupertären Wehklagen, zum kindischen Selbstmitleid. Ein mutiger und zugleich demütiger Blick auf sich selbst sieht anders aus!
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So werden also die katholischen Christen im Erzbistum Freiburg zur „Buße“ (oder zum Hobby-Psychologen?) geführt: Schlimmer gehts nimmer!
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Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

Erschien die Himmelskönigin in Marpingen?

Von Felizitas Küble

Zu jenen „Botschaften“, die in der erscheinungsbewegten Szene hierzulande oft und gern zitiert werden, gehören auch die Worte der „Madonna“ zu Marpingen.

In jener saarländischen Gemeinde, in der schon einst zur Bismarckzeit angebliche (kirchlich nicht anerkannte) „Erscheinungen“ stattgefunden haben,  soll sich die Gottesmutter Ende der 90er Jahre erneut einigen Mädchen im Erwachsenenalter gezeigt und ihnen „Botschaften“ übermittelt haben. Diese Privatoffenbarungen aus dem vorigen Jahrhundert wurden kirchlich ebenfalls nicht bestätigt. 1069810

Doch das ficht die Schar der Getreuen nicht an, unter denen sich auffallend viele Medjugorje-Anhänger befinden, zumal hinsichtlich des Schrifttums über Marpingen, darunter zB. Pater Jörg Müller oder Pfarrer Albrecht von Raab-Straube.

Ein immer wiederkehrendes Plädoyer für die Marpingen-Visionen findet sich in einem Buch, das den rational klingenden Titel trägt: „Visionen und die Frage ihrer Echtheit“.

Diesen Sammelband mit sechs Autoren hat der erscheinungsgeneigte Oros-Verlag in Münster-Altenberge herausgebracht.

Wer nun aufgrund des Buchtitels ein eher distanziertes, zumindest wissenschaftlich zurückhaltendes Werk erwartet, sieht sich weitgehend enttäuscht, geht es doch vor allem um Empfehlungen für Medjugorje und Marpingen, stellenweise sogar um Zustimmung für Heroldsbach.

Diese „Marienerscheinung“ (Bistum Bamberg) aus dem 50er Jahren des 20. Jahrh. wurde kirchlich strikt abgelehnt  –  und dieses Nein des zuständigen Bischofs und der vatikanischen Glaubenskongregation damals sogar von Papst Pius XII. (siehe Abbildung) persönlich bestätigt. pabst-pius-xii-

So gibt Pater Jörg Müller in seinem Beitrag (S. 11 ff) schon nach wenigen Einleitungssätzen zu verstehen, daß die „Gottesmutter“ auch in Heroldsbach „Botschaften“ verkündet habe, darunter der „Gehorsam dem Papst gegenüber“  – was gerade im Zusammenhang mit Heroldsbach wohl etwas drollig wirkt.

Reichlich merkwürdig überdies die Behauptung Müllers schon auf der nächsten Seite, angeblich hätten sich die „Behörden und der Bischof“ gegen die Seherkinder von Medjugorje gestellt, „drohen mit Gefängnis und streuen Lügen unters Volk.“  –  Der haltlose Lügen-Vorwurf gegen den Bischof wird freilich ebenso wenig belegt wie die angebliche Gefängnisdrohung.

„Die Sonne verwandelte sich in ein Herz“

Natürlich ist auch Pater Müller ein begeisterter Anhänger der Erscheinungen zu Marpingen, schrieb er doch ein eigenes Buch hierüber mit dem nicht leicht nachvollziehbaren Titel: „Von Maria zu reden ist gefährlich“.

Für den Autor ist gleichwohl alles klar, zumal es in dieser saarländischen Gemeinde ein phänomenales „Sonnenwunder“ zur Bestätigung der Erscheinungen gab:

„In Marpingen zeigte das französische Fernsehen das halbstündige Drehen der Sonne mit dem Sprühen kleiner Sternchen und der Verwandlung der Sonne in ein Herz.“   media-372515-2

Herz, was will man mehr?!  – Die Frage nach der theologischen Bedeutung derartiger Mirakel wird verständlicherweise gleich gar nicht gestellt. Oder wie sollte eine einleuchtende Antwort aussehen?

Die „Botschaften“ von Marpingen sind mit den weichgespülten Dauersprüchen von Medjugorje eng verwandt bzw. kompatibel.

So läßt uns Pater Müller erfreut wissen, daß es keinen 3. Weltkrieg geben wird, weil das „Jesus“ der Marpinger Seherfrau Marion am 6.9.1991 offenbarte: „Hab keine Angst, es wird keinen dritten Weltkrieg geben…Ich bin kein strafender Gott.“

Zweifellos ein merkwürdiger Zusammenhang: Gott ist sehr wohl laut biblischem Zeugnis und kirchlicher Lehre auch ein strafender Gott (der das Gute belohnt und das Böse bestraft) –  und zwar unabhängig von der Frage nach einem 3. Weltkrieg.

Freilich vergißt der Verfasser nicht zu erwähnen, daß auch die Madonna zu Medjugorje am 12.7.1982 verkündet habe: „Es wird keinen dritten Weltkrieg geben.“

Wohlgemerkt: Unsererseits wird nicht das Gegenteil behauptet, sondern diese Frage vielmehr offen gelassen.

Immer dasselbe: Zuckerbrot oder Peitsche?

Es fällt freilich bei der Betrachtung der immer zahlreicher werdenden „Erscheinungen“ auf, daß die meisten davon entweder nach Zuckerbrot („Gott straft nicht…“) oder nach Peitsche (Drohbotschaften) klingen  –  es fehlt der gediegene, bodenständige Glaube jenseits von Panikmache und Süßholzgeraspel.

Ebenfalls auf S. 14 zitiert Pater Müller folgende Medju-Botschaft vom 12.10.1981: „Rußland verehrt Gott am meisten.“  – Abgesehen davon, daß der Allmächtige (im Unterschied zu den Heiligen) nicht nur „verehrt“, sondern angebetet wird, ist dieser Superlativ für Rußland angesichts der Realitäten nicht nachvollziehbar: Die Kirchenbesucherzahlen sind dort auch Jahrzehnte nach dem Ende der kommunistischen Diktatur sehr niedrig, die Faszination des Aberglaubens, der Scharlatanerie und der Esoterik aber umso stärker.

Natürlich hadert der Autor wie so viele Erscheinungsbegeisterte mit den „kirchlichen Behörden“, weil diese sich in aller Regel gegenüber außergewöhnlichen „mystischen“ Vorkommnissen reserviert geben.

Wenngleich er ihre grundsätzliche Berechtigung bejaht, beanstandet er, daß viele  Untersuchungskommissionen von vornherein „von Ablehnung und Widerstand geprägt“ seien: „Hier zeigt sich aber regelmäßgi das Unvermögen der Geistlichkeit im Umgang mit Mystik und Prophetie.

Der Geistliche ist davon überzeugt: „Das Volk hat die bessere Nase“   – und er zitiert den früheren israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion mit seinem bekannten Spruch: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Weder Wundersucht noch Wunderflucht

Offenbar ist dem Verfasser nicht klar, daß es zwischen Wundersucht und Wunderflucht eine gediegene Grundhaltung gibt, welche sehr wohl die biblisch bezeugten Wunder bejaht, aber gleichwohl nicht bald jeder nachbiblischen Privatoffenbarung oder Vision hinterherläuft.

Sodann befaßt sich Pfarrer Albrecht von Raab-Straube ebenfalls mit der kirchlichen Einordnung von Erscheinungen unter dem sachlich-nüchternen Titel „Kriterien der Unterscheidung“ (S. 18 ff). 023_20A

Viele Passagen seines Beitrags, vor allem seine einleitenden Ausführungen sind  –  soweit sie das Thema allgemein beleuchten  –  größtenteils zutreffend. 

Immerhin wird Kardinal Prosper Lambertini (siehe Abbildung) zitiert, der spätere Papst Benedikt XIV., der bekanntlich auf klassische Weise die kirchliche Stellung gegenüber Privatoffenbarungen festlegte.  

Dabei stellte Lambertini schon vor vielen Jahrhunderten klar, daß auch kirchlich genehmigte Erscheinungen durchaus nicht verbindlich für die Gläubigen sind:

„Eine Zustimmung des katholischen Glaubens wird anerkannten Privatoffenbarungen in diesem Sinne nicht geschuldet und sie ist auch nicht möglich.“

Natürlich gilt dieses Prinzip erst recht für kirchlich nicht-anerkannte Erscheinungen.

Warum ist nun ein katholischer verpflichtender Glaube auch bei „anerkannten“ (gebilligten, genehmigten) Privatoffenbarungen weder nötig noch „möglich“? 

Weil die Kirche jene Privatoffenbarungen nicht mit ihrer übernatürlichen bzw. unfehlbaren Autorität bestätigt, sondern lediglich aufgrund von sog. „Regeln der Klugheit“, welche jene Erscheinungen als glaubwürdig und „wahrscheinlich“ darstellen, wie Lambertini erläuterte.

Kann Maria die Welt „retten“?

Ab S. 68 zitiert der Autor  eine Reihe „Botschaften“ von Marpingen, wobei er sicherlich jene Worte des „Himmels“ auswählte, die ihm theologisch besonders gut und ansprechend erscheinen.  media-443490-2

So soll Maria z.B. am 26.5.1999 der jungen Seherin Judith gesagt haben, daß der Rosenkranz ihr (der Madonna) „viel Macht in die Hand gebe“ – und zwar „um die Welt zu retten, um die Welt dem Vater zurückzugeben“.  

Maria ist aber keine „Retterin“, sondern als Königin der Heiligen unsere größte Fürsprecherin. Die Welt „gerettet“ hat allein Christus, der HERR, durch seinen Opfertod am Kreuz.

Sodann erfolgt die häufige Aufforderung, für die „Bekehrung der Sünder“ zu beten, wobei sich die Frage stellt: Sind wir etwa nicht alle „Sünder“? – Wäre daher nicht besser von einer Bekehrung der „Ungläubigen“ die Rede?!

Am 5.9. desselben Jahres soll die Himmelsmutter gesagt haben: „Ihr habt zwei sehr schlimme Kriege erlebt. Ich habe dies zugelassen, um zu zeigen, was geschieht, wenn ihr euch euch selbst überlaßt.“  – Etwas „zulassen“ (oder nicht zulassen) kann allein der allmächtige Gott, nicht jedoch ein Geschöpf wie die selige Jungfrau, selbst wenn sie das am meisten begnadete Geschöpf ist.

Am 8.8.1999 wendet sich die Erscheinungsmadonna von Marpingen wie folgt an die Seherin Judith: „Ich kenne auch jede Einzelheit eures Lebens, jeden Augenblick, jeden Herzschlag, jeden Atemzug, alles, alles was ihr tut, um all das weiß ich.“  –  Hierbei ist aber daran zu erinnern, daß die Gottesmutter als Geschöpf nicht allwissend ist, denn diese Eigenschaft ist allein göttlicher Natur.

Keine Angst mehr vor dem Tod?

Während Christus seinen Aposteln wirklichkeitsgetreu gesagt hat: In dieser Welt habt ihr Angst, aber siehe: Ich habe die Welt überwunden“  –  womit ER die kreatürliche (geschöpfliche) Angst bestätigt  – klingt dieser Punkt in Marpingen ganz anders, noch dazu ausgerechnet hinsichtlich der stärksten, einer existentiellen Furcht des Menschen: seiner Angst vor dem Tod.

Hierzu heißt es ganz locker durch die Visionärin Marion: „Man braucht keine Angst vor dem Tod zu haben, das ist so schön! Wir brauchen nichts zu fürchten.“

Die ebenfalls noch junge Seherin Judith bläst in dasselbe Horn mit folgender „Botschaft“ vom 17.10.1999: „Vor dem Tod braucht man keine Angst zu haben. Der Tod ist nur ein Übergang, ein Hinübergehen… Es gibt einen Himmel und es gibt eine Hölle, nur die Entscheidung, wo jeder einmal sein wird, trifft jeder Mensch selbst, Gott verdammt niemanden.“   0018

Abgesehen davon, daß es vor dem Endgericht neben Himmel und Hölle auch noch ein Fegefeuer gibt,  heißt es in der Heiligen Schrift ganz realistisch, daß der Tod ein großer Feind des Menschen ist. So stehen die Aktien! 

Und in 1. Kor 15,26 ist hinsichtlich der Wiederkunft Christi davon die Rede, daß „der letzte Feind, der vernichtet wird, der Tod ist“.   –  Es handelt sich also sehr wohl um einen „Feind“  – und vor einem solchen hat die Kreatur (dsa Geschöpf) eine ganz natürliche Furcht, Christen nicht ausgenommen, wenngleich sie durchaus von zuversichtlicher Himmelshoffnung geprägt sein dürfen und sollen. Das hebt aber die „existentielle“ Angst vor dem Tod nicht einfach auf.

Damit soll keineswegs Panik erzeugt, sondern nur die Lebenswirklichkeit der Menschen (auch der Gläubigen) nüchtern zur Sprache kommen.

Endzeitlicher Chiliasmus läßt grüßen!slider3-640x360

Typisch für diese weichgespülte Erscheinungtheologie ist dann auch die Irrlehre vom christlichen Paradies auf Erden, von einem universalen irdischen Friedensreich noch vor der Wiederkunft Christi.

Auch dieser  – von der Kirche seit jeher abgelehnte  –  Millenarismus bzw. Chiliasmus wird in Marpingen am 8.9.1999 verkündet:

„Ihr dürft euch dann auf die „neue“ alte Welt freuen. Dann nämlich wird es keine Gottlosen mehr geben. Alles wird im Einklang mit den 10 Geboten sein und das Böse wird es eine Zeitlang nicht mehr geben. Habt keine Angst.“

Abschließend kommt das viel strapazierte Wort von den „Früchten“ der Erscheinungen, wobei es aufschlußreich ist, was der Autor hauptsächlich unter „Früchten“ versteht, nämlich auffallende Phänomene und Schauwunder, die kirchlicherseits zu prüfen seien, wie er schreibt: „….oft behauptete Wunder, Heilungen und Sensationen wie Veränderungen an der Sonne, tränende Figuren, Düfte usw.“

Schon die bisherige Auswahl an Erscheinungs-Zitaten (die noch dazu allesamt von der Pro-Marpingen-Seite ausgewählt wurden!) zeigt zur Genüge, daß diese „Botschaften“ nicht vom Himmel kommen können, weshalb dort auch keine Madonna erschienen ist.

Felizitas Küble leitet den katholischen KOMM-MiT-Jugend-Verlag und das Christoferuswerk in Münster

 


Pater Jörg Müller zwischen Mystik und Magie

Buchkritik von Felizitas Küble

Der Münchner Priester und Psychotherapeut Jörg Müller steht in der „frommen“, zumal in der charismatischen Szene seit langem im hohem Ansehen. Im erscheinungsmarianischen Spektrum ist er ebenfalls gern gesehener Autor oder Referent.

Der Ordensgeistliche schreibt Bücher und gibt Interviews, in denen er sich auch für solche „Erscheinungen“ einsetzt, die kirchlich nicht anerkannt sind, darunter Medjugorje und Marpingen. 51PPKZWPTJL__

Im Mittelpunkt charismatischen Wirkens stehen seit jeher zwei Begriffe: „Heilung“ und „Befreiung“.

Das Zauberwort „Heilung“ bezieht sich teils auf Krankenheilungen, die man besonderen charismatischen Kräften von „Begnadeten“ zuschreibt, teils auch auf die sog. „Innere Heilung“, die angeblich dadurch geschieht, daß man seelische Verletzungen ans Licht bringt und mittels „Phantasiereisen“, Imaginationen oder gar einer „Geist-Taufe“ bzw sonstiger charismatischer Praktiken aufarbeitet und dadurch „heilt“.

Mit dem Ausdruck „Befreiung“ meint das charismatische Lager eine Heilung von dämonischen „Belastungen“ bis hin zur Besessenheit durch sog. „Befreiungsgebete“, wobei nicht selten auch der eigentliche Exorzismus angewandt wird, der in Befehlsform gehalten ist und den Dämonen direkt „gebietet“. Daß Priester für den Exorzismus eine bischöfliche Genehmigung benötigen, wird hierbei oft verschwiegen.

P. Jörg Müller empfiehlt Priestern zur Befreiung von „Besessenen“ einen sog. „Kleinen Exorzismus“, den er Papst Leo XII. zuschreibt – und behauptet, dieser bedürfe keiner bischöflichen Erlaubnis, zumal die „Trennung“ von „Befreiungsdienst“ und „Exorzismus“ aus seiner Sicht ohnehin „künstlich“ sei, wie er auf S. 18 seines Buches “Verwünscht, verhext, verrückt oder was?“ mitteilt.prolifeusa

Dieses im Betulius-Verlag (Stuttgart) mehrfach aufgelegte Werk bietet ohnehin eine merkwürdige Mischung aus Mystik und Magie, aus Charismatik und Erscheinungsgläubigkeit.

Die Kirche unterscheidet bei der seelsorglichen Hilfe für dämonisch Belastete klar zwischen liturgischen bzw. privaten Gebeten, Fürbitten und Litaneien, die sich an Gott wenden und ihn um Hilfe und Befreiung anrufen  –  und andererseits dem „amtlichen“ Exorzismus, der dem Dämon in kirchlicher Vollmacht direkt befiehlt, die besessene Person zu verlassen.

Das Kirchenrecht regelt, wie ein Bischof diese heiklen Eisen behandeln soll. In Canon 1172 (§ 1) heißt es: „Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aus-sprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.“

Sodann heißt es (§ 2): „Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.“

Dem gültigen römischen „Rituale“ von 1999 liegen dieselben Bestimmungen zugrunde, wonach der Exorzismus grundsätzlich nur mit bischöflicher Genehmigung zulässig ist. Eine Unterscheidung von „Kleinem“ oder „Großem“ Exorzismus wird weder im Kirchenrecht noch im Rituale vorgenommen. 

Anders in Jörg Müllers vermeintlichem Sachbuch. Der Autor veröffentlicht im Anhang eine Reihe Gebete und erklärt auf S. 16, daß das „Gebet um Befreiung jeder Christ, insbesondere jeder Priester sprechen kann“, wobei er auf die „Gebete im Anhang“ verweist. images (2)

Dort befindet sich jedoch ein seitenlanger Exorzismus in Befehlsform („…gebiete ich dir, unreiner Geist….Du listige Schlange…Ich gebiete Dir, du verfluchter Drache…“), den P. Jörg Müller ausdrücklich für den „stillen und privaten Gebrauch“ empfiehlt. Diese eigenwillige Vorgangsweise widerspricht dem Kirchenrecht und dem römischen Rituale. Eine Dämonenaustreibung an kirchlichen Bestimmungen vorbei ist jedoch äußerst problematisch.

Im wesentlichen besteht das wirklich verflixte und „verhexte“ Problem heutzutage darin, daß man sich von zwei Extrempositionen gleichzeitig abgrenzen muß: Im modernistischen Lager herrscht meist ein pseudowissenschaftlicher Rationalismus, der die Existenz von Dämonen grundsätzlich leugnet.

Man denke etwa an den progressiven Theologen Herbert Haag aus Tübingen der Anfang der 70er Jahre als Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks das Buch „Abschied vom Teufel“ veröffentlichte.

Andererseits neigt man im charismatischen Spektrum dazu, überall den Teufel zu wittern und ihn dann auf eigene Faust und in vermeintlicher charismatischer „Vollmacht“ zu bekämpfen, sich also für diesen „Befreiungsdienste“ berufen zu sehen, wobei die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien meist unbeachtet bleibt. Dieser hochmütige Irrationalismus ist mindestens genauso verheerend wie der modernistische Rationalismus, zumal er gerade das „fromme Lager“ infiziert und verwirrt.

Natürlich muß man einem Charismatiker wie Jörg Müller zugutehalten, daß er „immerhin“ öffentlich an der kirchlichen Lehre über Satan und Dämonen festhält, heutzutage gewiß nicht selbstverständlich. Doch dies allein ist noch kein Erweis für Rechtgläubigkeit, zumal es solche Positionen auch im protestantischen Raum gibt, von der schwarmgeistigen Pfingstbewegung ganz zu schweigen, die sowieso überall den Teufel an die Wand malt.Duccio

Zurück zu Pater Müllers Buch, in dem mehrfach positiv auf die „Marienerscheinungen“ in Medjugorje hingewiesen wird.  –  Auf S. 24 wird hierzu Folgendes berichtet:

„Die Seherin Mirjana hatte am 14. April 1982 eine dämonische Erscheinung: Der Teufel kam in der Gestalt der Gottesmutter. Mirjana durchschaute die Täuschung und bekam dann von der anschließend erscheinenden echten Gospa zu hören: „…Du mußt wissen, daß Satan existiert. Dieses Jahrhundert steht unter seiner Macht. Doch bald wird seine Macht gebrochen.“

Dies ist theologisch falsch und kann daher nicht von der echten Gottesmutter stammen:

1. Mirjana muß keineswegs „wissen“, daß Satan existiert, sie „muß“ es lediglich glauben, also für wahr halten. Jener Glaube, der aufgrund einer vermeintlichen oder tatsächlichen „Schau“ (also mit Hilfe von „Zeichen und Wundern“) zustande kommt, ist weniger wert als der Glaube, der sich auf Bibel und Dogma, also auf die göttliche Offenbarung stützt. Christus selbst erklärte dem skeptischen Apostel Thomas: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“

2. Die „Gospa“ sagt weiterhin, daß die Macht Satans „bald“ gebrochen werde. Dies ist gefährlicher Unfug, der den Leuten Sand in die Augen streut. In der Heiligen Schrift steht das genaue Gegenteil, nämlich daß in den letzten Zeiten falsche Propheten und dämonisch inspirierte Irrlehren in die Christenheit eindringen und einen großer Glaubensabfall herbeiführen, der dem Antichristen den Weg bereitet (vgl. 1 Tim 4,1 – Mt 24,10 – Mk 13,22 und 2 Thess 2).

Daher wird die Macht Satans keineswegs „bald gebrochen“, sondern sich noch steigern, bis der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ vom wiederkommenden Christus besiegt wird. Erst dann ist Satan in seinem Wirken durch Gott selber „gebunden“.

Zwei Seiten weiter sowie mehrfach danach (etwa S. 59) erwähnt der Verfasser „sehr gläubige“ Damen und Herren, die „charismatisch“ begabt seien und die ihm bei seinem „Befreiungsdienst“ hilfreich zur Seite stünden, weil sie offenbar eine negative Herzensschau besitzen, indem sie Sünden und dämonische Belastungen erkennen bzw „feinfühlen“. Pater Müller setzt diese Hellseher also wie ein Diagnosemedium ein, um zu erfahren, ob ein Hilfesuchender lediglich krank oder dämonisch „belastet“ ist.

Fast möchte man sagen: Fehlt dem selbsternannten Dämonenbefreier auch die bischöfliche Erlaubnis, so hat er „Besseres“ zu bieten, nämlich charismatisch „Begnadete“, die auf angebliche Weisung des Himmels ein „Wort der Erkenntnis“ liefern. Dieser vom Autor selbst gewählte Ausdruck ist im charismatischen Bereich seit Jahrzehnten ein stehender Begriff für die sog. „Prophetengabe“, die sich viele Personen dort zuschreiben.

P. Jörg Müller verweist in seinem Buch mehrfach auf die erstaunliche Treffsicherheit dieser hellsichtigen Personen, die er für seine „Befreiungsdienste“ zu Rate zieht. Eben deshalb handelt es sich aus meiner Sicht um Hellseherei, also um Magie und Spiritismus im „frommen“, im charismatischen Gewand. Noch merkwürdiger ist, daß P. Jörg Müller auf S. 52 selber erwähnt, „Hellsichtigkeit“ sei ein dämonisch bewirktes Phänomen, das ein Kennzeichen von „Besessenheit“ darstelle.

Sodann schreibt er trefflich, kurz nachdem er seine „Geistbegabten“ rühmte, auf S. 26: „Der Teufel steckt vielmehr im Detail; dort, wo ihn die meisten Menschen aufgrund ihrer mangelnden Unterscheidungsgabe oder geistlichen Blindheit gar nicht vermuten.“ – Wie wahr! Kreuzkuppel

Doch warum wendet der Autor diese Aussage nicht auch dort an, wo sich bei ihm offenbar ein „blinder Fleck“ befindet, nämlich bei seiner Fixierung auf „charismatische Begabungen“ und falschmystische Phänomene und „Erscheinungen“ (Medjugorje, Marpingen etc).

Apropos Marpingen: Was der umtriebige Palottinerpater in dieser Causa geboten hat, sucht seinesgleichen und spricht nicht gerade für seine „Unterscheidungsgabe“:

Er verfaßte nicht nur ein Werbebuch pro Marpingen (Titel „Von Maria zu reden ist gefährlich“), sondern betätigte sich auch als Ratgeber und Gutachter der drei „Seherinnen“, die Ende der 90er Jahre jahrelangen Wirbel verursachten, so daß bei der letzten „Erscheinung“ am 17. Oktober 1999 sage und schreibe 35.000 Menschen ins kleine Marpingen schwärmten, 5000 mehr als zum Papstbesuch in Mariazell.

Während P. Jörg Müller öffentlich beteuerte, er sei sicher, daß die Gottesmutter in Marpingen erschienen sei, schließlich habe er die Seherfrauen ausführlich befragt und beob-achtet, erklärte der zuständige Trierer Bischof Marx 6 Jahre später über die Marpinger Phänomene: „Es bestehen schwerwiegende Gründe, die es nicht erlauben, sie als übernatürliches Geschehen anzuerkennen.“

Dieses Urteil wird dem Bischof vermutlich nicht schwergefallen sein, wenn man sich einige „Botschaften“ von Marpingen vor Augen führt, so etwa folgende vom 6. September 1999: mtcarmelpic1

Eine der „Seherinnen“ auf die Frage „Was siehst Du denn?“:
„Die Mutter Gottes, die ist ganz lieb. Die ist heut so ganz so bißchen lustig und der Pater Pio ist so ganz lustig. Die sind richtig gut drauf, richtig lustig.“

Mit solchen Weisheiten wird sogar das Kindergarten-Niveau von Medjugorje noch unterboten, was der Bischof vermutlich weniger „lustig“ fand.

Das Buch von Pater Jörg enthält weitere „charismatische“ Spezialitäten, so auch die Be-hauptung auf S. 29 in Bezug auf die Zukunft der Kirche, es werde „ganz plötzlich der Umschwung und der Untergang ihrer Gegner kommen“. Hierbei verweist der Autor auf die „Träume“ Don Boscos.

Es kommt jedoch nicht auf Träume und Visionen von wem auch immer an, sondern auf Bibel und Dogma. Die Heilige Schrift lehrt, daß die Christenheit in der Endzeit verfolgt wird, somit der „Sieg der Kirche“ nicht im äußeren Triumph, auch nicht im „Untergang ihrer Gegner“ bestehen wird, sondern wie zu Anfang ihrer Existenz im Sieg des Glaubens durch Märtyrer. Erst danach kommt es zum endgültigen Triumph Christi über den Antichristen.

Es ist freilich typisch für Charismatiker, von äußeren Siegen und der Niederlage von Gegnern zu fabulieren. Ob dies etwas mit Leidensscheu zu tun hat? Mit dem Wunsch, ohne Kreuz zur Herrlichkeit zu gelangen? Wird damit nicht letzten Endes die wahre Nachfolge Christi verweigert?

Übrigens hat die Kirche schon im Hochmittelalter die charismatischen Endzeitschwärmereien eines Joachim von Fiore verurteilt, der öffentlich von einem „Dritten Reich des Hl. Geistes“ träumte, das auf das Erste Reich (AT) und das Zweite Reich (NT) folgen werde.Sayn-Abteikirche-DSC_0195-2

Was der selbsternannte Teufelsbanner dann aber auf S. 43 empfiehlt, ist selbst für cha-rismatische Verhältnisse recht ungewöhnlich. So befürwortet er ausdrücklich das Pendeln als Mittel der „Diagnose“ und lehnt es lediglich zu Zwecken der „Prognose“ ab. Damit verneint er zwar die Zukunftsdeutung, nicht jedoch die Hellseherei mittels dieser magi-schen Methode.

Überdies würdigt der Verfasser auf S. 64 f. das Autogene Training sowie die fernöstlich-heidnische Akupunkturmethode. Er berichtet, daß er selber seit langem „Kurse in Autogenem Training“ durchführt.

Hinsichtlich gewisser „Heilmethoden“ wie Akupunktur stellt er fest, man müsse „keineswegs für unchristlich erklären, was nachweislich heilt, auch wenn die Schulmedizin davon nichts hält“ (S.67). – Soll dies nun bedeuten, daß der Zweck die Mittel heiligt nach der Devise „Hauptsache, es hilft“ oder „Wer heilt, hat recht!“

Diese Haltung ist erkennbar „charismatisch“, um nicht zu sagen magisch, aber keineswegs christlich. Echte Gläubige denken stattdessen: „Alles, was Gottes Willen entspricht, ist gut, ob Krankheit oder Gesundheit, ob Freuden oder Leiden.“ – Christen orientieren sich am Vaterunser: „Dein Wille geschehe!“  –  nicht: „Mein Wille geschehe!’

Äußerst bedenklich ist es auch, daß der Palottinerpater sogar die Hypnose als Heilmittel bzw Therapie ansieht (S. 65). Offenbar ist dem jahrzehntelang tätigem Psychotherapeuten entgangen, daß die Hypnose inzwischen auch in seinem Fachbereich weitgehend abgelehnt wird (u.a. weil die „Übertragung“ und evtl. „Gegenübertragung“ von Patient und Therapeut nicht zur Sprache kommt).

Zudem wird Hypnose als Fremdsuggestion auch im Spiritismus, der Magie und in heidnischen Religionen eingesetzt. Durch die hypnotisch hervorgerufene Passivität des Verstandes entsteht ein Vakuum, in das leicht falschgeistige Einflüsse eindringen können, darunter auch dämonische Kräfte. Zudem besteht ohnehin die Gefahr einer Manipulation durch den Hypnotiseur bzw einer ungesunden mentalen Abhängigkeit von diesem.

Doch damit nicht genug. Charismatikerpater Müller erwähnt die als „Arme-Seelen-Mutter“ bekannte Maria Simma mehrfach positiv (S.62 und 104)). Wenig erstaunlich, war diese vermeintlich „Begnadete“ mit ihrer jahrzehntelangen Totenbefragung (eine spiritistische Methode, die von der Heiligen Schrift streng untersagt wird) doch zu Lebzeiten eine „gläubige“ Medjugorje-Anhängerin.

Sicherlich kann man Erscheinungen von „Armen Seelen“ nicht vorn vornherein ausschließen. Wenn jedoch jenseitige Wesen systematisch ausgefragt werden, hat dies mit

spontanen Phänomenen nichts mehr zu tun. Das Fegfeuer ist kein Auskunftsbüro und die Seelen im Läuterungszustand keine Ansammlung von Schwatzgeistern, sondern intensiv damit befaßt, ihre Seelen durch Leiden und Sehnsucht nach Gott zu reinigen, damit sie innerlich reif für den Himmel werden. Vermutlich handelt es sich bei Maria Simmas „Erlebnissen mit Armen Seelen“ entweder um Einbildung oder um Schwarzgeister.

Die Oberkrönung der Ver(w)irrungen dürfte auf S. 86 geboten werden, wobei man erfährt, daß Pater Jörg Müller „Erzbischof Milingo sehr schätzt“. weisselberg_memoriam

Das Buch aus dem Jahr 1998 ist geschrieben zu einem Zeitpunkt, als Milingo seine spektakulären Massenexorzismen in Rom veranstaltete, wobei er den Ungeist, den er zu bannen vorgab, wohl überhaupt erst herbeigerufen hat. Jedenfalls kam es dabei häufig zum Phänomen des ohnmächtigen „Rückwärts-kippens“, von Charismatikern als „Ruhen im Geist“ verherrlicht, in Wirklichkeit wohl eher ein Erschlagensein im Ungeist, denn der Heilige Geist tötet den Verstand nicht, er legt ihn (und den Menschen) nicht flach, sondern hält ihn wach und lebendig.

Noch im Mai 2001 traten Jörg Müller und Erzbischof Milingo nacheinander als Referenten im österreichischen Seminarhaus „Sonntagsberg“ auf, wobei der Pallotinerpater Priesterexerzitien hielt und der „Exorzist“ aus Rom Einkehrtage zum Thema „Heilung aus dem Leben mit Christus“.

Auch bei Pater Müller ist der charismatische „Heilungs“-Begriff fast allgegenwärtig, hat er doch ihn doch in mehreren Buchtiteln aufgeführt (zB. „Gott heilt auch dich“, „Heilung durch Versöhnung“, „Und heilt alle deine Gebrechen“). Er sieht sich auch selbst als „Leiter der Heilenden Gemeinschaft“ im Palottihaus München-Freising.

Der von ihm so sehr geschätzte Exorzist und „Heiler“ Milingo hat wenig später nicht nur den Zölibat, sondern auch den Katholischen Glauben verlassen und sich der falschpro-phetischen Mun-Sekte zugewandt, womit endgültig klar sein dürfte, daß er schon vorher von vielen guten Geistern verlassen war. Das kommt davon, wenn man sich zahlreicher „charismatischer“ Gaben rühmt, aber die notwendige Unterscheidung der Geister unterläßt.

Angesichts dieser Sachlage reibt man sich erstaunt die Augen und liest das Vorwort des Buches, stammt es doch aus der Feder von Weihbischof Franziskus Eisenbach aus Mainz, der sich gern in charismatischen Kreisen tummelte, was ihm nicht nur Freude brachte, sondern leider auch Skandale, denkt man an die Affäre mit einer Dame aus diesem Spektrum, die erst durch die Medien und dann durch die Gerichtssäle ging.

Obwohl der Weihbischof in seinem Vorwort betont, es bedürfe der „nüchternen Klarheit“ hinsichtlich der biblischen und kirchlichen Lehre „über den Dienst der Heilung und Be-freiung“, scheint ihm diese Nüchternheit abhanden zu kommen, sonst würde er nicht die „reiche Erfahrung“ würdigen, die Pater Jörg Müller „in diesem Bereich des kirchlichen Dienstes der Heilung und Befreiung“ gesammelt habe.

Dieses charismatische Zauberwort der „Heilung und Befreiung“ wiederholt der Weihbischof wie ein Mantra, wobei er die „innere Heilung“ nicht unerwähnt läßt, ja sogar von einer „nachkonziliaren Erneuerung der Kirche“ fabuliert, die darin bestände, daß man sich wieder auf „Heilung und Befreiung“ als Auftrag des Herrn zurückbesinne.

Fast entsteht der Eindruck, als sei das pastorale Rad nach 2000 Jahren neu erfunden worden, nicht zuletzt dank Psycho-Heiler Jörg Müller und seinem „Propheten“ Franziskus Eisenbach.

Felizitas Küble aus Münster leitet das Christoferuswerk in Münster

Mail-Kontakt: felizitas.kueble@web.de

Fotos: Archiv, Dr. Bernd F. Pelz