Die Familien-Synode in Rom ist mit den Folgen der „Sexuellen Revolution“ konfrontiert

Mathias von Gersdorff

Vom 5. bis zum 19. Oktober 2014 wird im Vatikan eine Bischofssynode unter dem Thema „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“ stattfinden. Solche Synoden sind nicht ganz außergewöhnlich, und so nimmt die große Öffentlichkeit meist wenig Notiz von ihnen. Bildungsplan-Demo-1.2.1448b

Diesmal ist es anders: Der deutsche Kardinal Walter Kasper hielt vor der Versammlung der Kardinäle (Konsistorium) am 20. und 21. Februar 2014 in Rom eine Ansprache, die den Diskussionsrahmen abstecken sollte.

Er regte an, darüber nachzudenken, ob man wiederverheiratete Geschiedene zum Empfang der Kommunion zulassen sollte. Seitdem ist eine hitzige Diskussion im Gange. Es haben sich mehrere Meinungsströmungen gebildet, die völlig konträre Ansichten vertreten.

Für einen Nicht-Katholiken mag diese Debatte schwer verständlich sein, doch für Katholiken geht es um einen essentiellen und seit vielen Jahrhunderten und in vielen gewichtigen kirchlichen Dokumenten eigentlich geklärten Punkt der katholischen Lehre.

Wiederverheiratete Geschiedene leben nämlich entsprechend der katholischen Morallehre in fortlaufendem Ehebruch und somit in einem öffentlichen Zustand der schweren Sünde. Dieser Umstand schließt sie vom Empfang der Kommunion aus. Eine Änderung dieser Praxis würde einen schwerwiegenden Bruch mit der traditionellen Lehre bedeuten.

Nicht Kirche, sondern Popkultur ist bestimmend

In der Synode geht es aber nicht nur um die Frage der Kommunion. In diesem Aspekt verdichtet sich im Grunde eine viel umfassendere Problemstellung: Wie soll die katholische Kirche mit der Tatsache umgehen, daß eine große Zahl der Gläubigen die Ehe- und Familienlehre der Kirche nicht kennt oder zumindest nicht verinnerlicht hat? DSC05485

In kaum einem anderen Bereich läßt sich so deutlich feststellen, wie stark der Einfluß, die moralische Autorität und die Gestaltungskraft der katholischen Kirche abgenommen haben.

Selbst viele Katholiken lassen sich nicht mehr von der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie orientieren, sondern vom Ehebild, das Spielfilme, Fernsehserien, Pop-Stars usw. vermitteln. Kurz: Sie lassen sich von einem Zeitgeist orientieren, der stark von der „Sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre geprägt ist.

Mit der Folge, daß immer weniger Ehen überhaupt zustande kommen und viele der geschlossenen nicht mehr christlich geführt werden und zerbrechen. Die Synode soll sich nun Gedanken machen, wie man mit diesem Riesenproblem fertig wird.

Prophetische Sorge der Päpste des 20. Jahrhunderts

Im Oktober dieses Jahres wird sich die Kirche natürlich nicht zum ersten Mal mit diesem so wichtigen Thema beschäftigen. Die Krise der Familie, wie wir sie heute sehen, begann allerspätestens nach dem 1. Weltkrieg mit dem definitiven Ende der Agrargesellschaft und dem Anbruch einer säkularen Kultur, die die christlichen Werte immer mehr in Frage stellte.

Auf diese Situation machte Papst Pius XI. im Jahr 1930 in seiner Enzyklika „Casti connubi“ aufmerksam und schilderte die vielen Angriffe auf die moralischen Grundlagen für die Existenz stabiler Ehen: Pornographie, sittenlose Schauspiele und Spielfilme, unzüchtige literarische Werke, aber auch Abtreibung und Euthanasie.

Im Jahr 1968 erschien die Enzyklika „Humanae Vitae“ von Papst Paul VI. Diese ist insbesondere für die Verurteilung der künstlichen Empfängnisregelung bekannt, doch ihr inhaltlicher Gegenstand sind Ehe und Familie und die Angriffe auf sie.

Angriffe auf Ehe und Familie

Papst Johannes Paul II. befaßte sich mehrmals mit den Schwierigkeiten der Familie in der modernen Welt. Sein wichtigstes Dokument ist „Familiaris Consortio“ aus dem Jahr 1981. Auch das Oberhaupt aus Polen schilderte die Gefahren, die von der modernen Kultur auf die Familie ausgehen:

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: E.Gründler

„Es gibt Anzeichen einer besorgniserregenden Verkümmerung fundamentaler Werte: eine irrige theoretische und praktische Auffassung von der gegenseitigen Unabhängigkeit der Eheleute; die schwerwiegenden Mißverständnisse hinsichtlich der Autoritätsbeziehung zwischen Eltern und Kindern; die häufigen konkreten Schwierigkeiten der Familie in der Vermittlung der Werte; die steigende Zahl der Ehescheidungen; das weit verbreitete Übel der Abtreibung; die immer häufigere Sterilisierung; das Aufkommen einer regelrechten empfängnisfeindlichen Mentalität.“

Die päpstlichen Texte stießen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Insbesondere in Deutschland versuchte man immer, einen „Sonderweg“ zu finden, der im Grunde daraus bestand, zu resignieren und vor der „Sexuellen Revolution“ einzuknicken.

So gab der deutsche Episkopat als Reaktion auf „Humane Vitae“ am 30. August 1968 die „Königsteiner Erklärung“ heraus, in der man den Gläubigen die Entscheidung überließ, ob sie künstliche Verhütungsmittel verwenden wollen oder nicht. Das österreichische Pendant zur „Königsteiner Erklärung“ ist die „Maria Troster Erklärung“.

Um liberale Positionen nicht verlegen

Am 10. Juli 1993 erschien ein vielbeachteter Hirtenbrief der Bischöfe von Freiburg (Oskar Saier), Stuttgart-Rottenburg (Walter Kasper) und Mainz (Karl Lehmann), in welchem ein geänderter Umgang mit den geschiedenen Wiederverheirateten gefordert wurde, auch hinsichtlich des Empfangs der Kommunion.

Der Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI., Joseph Kardinal Ratzinger, lehnte jeden Kompromiß in dieser Hinsicht ab.

Auch bei der laufenden, von Kardinal Kasper angestoßenen Diskussion sind die Deutschen nicht um liberale Positionen verlegen. Herder, immerhin der größte katholische Verlag hierzulande, veröffentlichte das Buch „Keine Christen zweiter Klasse“ des Theologen Hermann Häring.

Dieser hält die katholische Lehre über die Ehe schlicht für mittelalterlich und überholt. Die katholische Kirche solle sich endlich an die geänderten Ansichten des Kirchenvolkes anpassen und den heutigen Wissenstand über Natur, Mensch und zwischenmenschliche Beziehungen zur Kenntnis nehmen. 120505184_B_July und Mike draussen

Nicht viel anders denkt die reformkatholische Initiative „Wir sind Kirche“, die eine „katastrophale Weltferne und Unbeweglichkeit der kirchlichen Lehre“ bedauert.

Eines der wichtigsten Presseorgane des liberalen Lagers  –  sie selber nennen sich Reformkatholiken  –  ist erstaunlicherweise die FAZ. Vor allem Daniel Deckers ergreift offen Position und weiß schon jetzt, wie Papst Franziskus zum Thema „Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete“ steht. Am 4. September 2014 schrieb er: „Der Kampf um Rom hat begonnen: Wie Papst Franziskus und einige Gleichgesinnte die Irrwege der kirchlichen Lehre von Ehe und Familie nach dem II. Vatikanischen Konzil korrigieren wollen.“

Kardinäle veröffentlichen Buch über die Ehe

Die Verteidiger der traditionellen Lehre über Ehe und Familie sind unterdessen nicht untätig geblieben. So wird unmittelbar vor der Synode das Buch „Remaining in the Truth of Christ“ (Verbleiben in der Wahrheit Christi) der Kardinäle Walter Brandmüller, Raymond Leo Burke, Carlo Caffarra, Velasio De Paolis und Gerhard L. Müller auf englisch und italienisch erscheinen.

Auf deutsch wird am 3. Oktober „Das wahre Evangelium der Familie: Die Unauflöslichkeit der Ehe: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ des Professors für Pastoraltheologie in Rom, Juan José Pérez-Soba, herauskommen. Das Buch mit einem Vorwort von George Kardinal Pell wurde aus dem Spanischen übersetzt und wird im Verlag Media Maria erscheinen. Es zeigt akribisch die Unhaltbarkeit von Kaspers Vorschlag.

Das Thema wird uns noch länger begleiten, denn die außerordentliche Synode, die nächste Woche beginnt, ist nur eine Vorbereitung für eine größere Synode, die im Oktober 2015 stattfinden soll.

Jedoch ist schon jetzt abzusehen, daß die „Reformkatholiken“ alles in ihrer Macht stehende nutzen werden, um die katholische Ehe- und Sexualmoral zu demolieren.

Unser Autor Mathias von Gersdorff leitet die Frankfurter Aktion „Kinder in Gefahr“ und betreibt das Webmagazin „Kultur und Medien online“

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“


Kardinal Müllers Vorstoß zur Familiensynode: Schreibt der „Spiegel“ naiv oder gezielt am Thema vorbei?

Von Felizitas Küble

Auch „Spiegel“-online veröffentlichte am heutigen Nachmittag (17. September) die Sensationsmeldung, wonach Glaubenspräfekt Gerhard Müller nebst weiteren Kardinälen und hochrangigen Würdenträgern ein Buch zur kirchlichen Ehelehre AL-0005herausbringen wird, das noch rechtzeitig vor der vatikanischen Familiensynode erscheint.

Der Sammelband wird von modernistischer und linkskatholischer Seite bereits jetzt als eine Art Kampfansage verstanden, obwohl er noch gar nicht auf dem Markt ist. 

(Das CHRISTLICHE FORUM hat ebenfalls  –  schon vor dem „Spiegel“  –  über diese „heiße“ Causa berichtet.)

Allerdings fällt bei Müller-Gegnern nicht zum ersten Mal ein grundlegender „Denkfehler“ auf, wobei offen bleiben mag, ob es sich um mangelnde Sachkenntnis oder um einen gezielten Versuch handelt, den Standpunkt des Kardinals verzerrt darzustellen, um damit seiner inhaltlichen Position und seinem Ansehen zu schaden.

Bereits jetzt wird der vatikanische Glaubenspräfekt vielfach als „erzkonservativer Panzerkardinal“ bezeichnet  –  für ihn vermutlich eine Ehre, ebenso wie seinerzeit für seinen Vor-Vorgänger im Amte: Joseph Kardinal Ratzinger, der ähnliche Titulierungen gewohnt war.

Nun zu jenem erwähnten „Zerrbild“, das der „Spiegel“ bereits in seinem Titel präsentiert: „Kardinäle gegen Öffnung der Kirche für Geschiedene„.

Thema verfehlt, denn die Forderung nach einer „Öffnung für Geschiedene“ erinnert an das Einrennen offener Türen. Warum?  – Weil eine Trennung als solche, selbst wenn sie dauerhaft ist und zivilrechtlich als Scheidung durchgezogen wird, niemanden vom Tisch des HERRDSC05485N ausschließt.

Die hl. Kommunion ist erst bei einer „Wiederheirat“ nicht mehr erlaubt, denn auch im Falle einer Trennung/Scheidung bleibt das unauflösliche Eheband bestehen (es sei denn, die Ehe erweist sich als ungültig, somit kirchlich betrachtet als nicht existent).

Daher ist bei einer gültigen und vollzogenen Ehe zu Lebzeiten beider Partner keine weitere kirchliche H0chzeit möglich.

Eine zivilrechtliche Heirat von Partnern, bei denen einer oder beide geschieden sind, ist hingegen keine Ehe auf christlicher Basis. Diese „Wiederverheirateten“ dürfen nur bei sexueller Enthaltsamkeit zu den Sakramenten gehen.

Alles andere würde der von Christus verkündeten Unauflöslichkeit der Ehe widersprechen, die in der katholischen Kirche als ein heiliges Sakrament angesehen wird.

Dies bedeutet, daß die Ehe nicht „nur“ als Stiftung Gottes zur Schöpfungsordnung gehört, sondern sogar zur Heilsordnung, zum Erlösungswerk des HERRN selbst.

Die Ehe unter Getauften ist ein wirksames Abbild der Liebe Christi zu seiner Kirche; sie schenkt den Vermählten die helfende Kraft von oben bzw. die besonderen Gnaden des Ehesakramentes.

Eine noch höhere Würdigung der Ehe ist religiös und kulturell nicht denkbar.

Bereits nach wenigen Sätzen heißt es in dem erwähnten „Spiegel“-Artikel übrigens erneut über das demnächst erscheinende Müller-Buch:

„In ihren Beiträgen wenden sich die Kardinäle sowie weitere Theologen dagegen, die Kommunion in der katholischen Meßfeier an Geschiedene zu verteilen.“

Falsch, setzen!  – Richtig müßte es heißen: „…an geschieden Wiederverheiratete zu verteilen.“

Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

1. Foto: Bistum Regensburg

 


Heilsgeschichte des Ewigen: die Kirche und die Bibel Israels

Kardinal Ratzingers Grundsatzartikel über die christliche Sicht des Alten Testaments

Die Päpstliche Bibelkommission veröffentlichte am 24. Mai 2001 das Grundlagenwerk: „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“

Papst Benedikt XVI. bzw. der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, verfaßte das Vorwort hierzu.

Darin zeigt er die Einheit des Neuen und des Alten Testaments (der Bibel Israels) in Christus auf: im AT wird ER verheißen, im NT wird ER verkündet. Der Alte Bund ist für das Christentum unverzichtbar. Zahlreiche Aussagen im NT verweisen auf die Bibel Israels, auf die Verheißungen an Abraham, die Patriarchen und Propheten.

Hier folgt nun das erwähnte Vorwort des Papstes im vollen Wortlaut:

„In der Theologie der Kirchenväter war die Frage der inneren Einheit der aus Altem und Neuem Testament bestehenden einen Bibel der Kirche ein zentrales Thema.

Dass dies bei weitem nicht nur ein theoretisches Problem war, kann man am geistigen Weg eines der größten Lehrer der Christenheit – des heiligen Augustinus von Hippo – sozusagen handgreiflich wahrnehmen.

Augustin hatte als 19-jähriger im Jahr 373 ein erstes einschneidendes Bekehrungserlebnis erfahren. Die Lektüre eines Buches von Cicero  –  des verloren gegangenen Hortensius  –  hatte in ihm eine tiefe Wandlung bewirkt, die er selbst aus der Rückschau so beschreibt:

»Zu dir, Herr, wandte es meine Gebete … Ich begann mich zu erheben, um zu dir zurückzukehren … Wie glühte ich, mein Gott, wie glühte ich, vom Irdischen mich zu erheben zu dir« (conf III 4,81).

Für den jungen Afrikaner, der als Kind das Salz empfangen hatte, das ihn zum Katechumenen machte, war klar, dass die Wendung zu Gott eine Wendung zu Christus sein musste, dass er ohne Christus Gott nicht wirklich finden konnte.

So ging er von Cicero zur Bibel und erlebte eine furchtbare Enttäuschung: In den schwierigen Gesetzesbestimmungen des Alten Testaments, in seinen verschlungenen und manchmal auch grausamen Geschichten konnte er die Weisheit nicht erkennen, zu der er sich aufmachen wollte.

Auf seiner Suche stieß er auf Menschen, die ein neues geistiges Christentum verkündeten –  ein Christentum, in dem man das Alte Testament als ungeistlich und widerwärtig verachtete; ein Christentum, dessen Christus das Zeugnis der hebräischen Propheten nicht brauchte. Diese Leute versprachen ein Christentum der einfachen und reinen Vernunft, ein Christentum, in dem Christus der große Erleuchter war, der die Menschen zu einer wahren Selbsterkenntnis führte. Es waren die Manichäer.

Die große Verheißung der Manichäer erwies sich als trügerisch, aber das Problem war damit nicht gelöst. Zum Christentum der katholischen Kirche konnte Augustin sich erst bekehren, als er durch Ambrosius eine Auslegung des Alten Testaments kennen gelernt hatte, die die Bibel Israels transparent werden ließ auf Christus hin und so das Licht der gesuchten Weisheit in ihr sichtbar machte.

Nun wurde nicht nur der äußere Anstoß der unbefriedigenden literarischen Form der altlateinischen Bibel, sondern vor allem der innere Anstoß eines Buches überwunden, das eher als Dokument der Glaubensgeschichte eines bestimmten Volkes mit all seinen Wirrungen und Irrungen denn als Stimme einer alle angehenden, von Gott her kommenden Weisheit erschienen war.

Eine solche Lektüre der Bibel Israels, die in deren geschichtlichen Wegen die Transparenz auf Christus und damit die Transparenz auf den Logos, die ewige Weisheit selbst erkannte, war nicht nur für Augustins Glaubensentscheidung grundlegend: Sie war und ist die Grundlage des Glaubensentscheids der Kirche im Ganzen.

Aber ist sie wahr? Ist sie auch heute noch begründbar und vollziehbar? Aus der Perspektive der historisch-kritischen Exegese scheint  –  jedenfalls für den ersten Blick  –  alles dagegen zu sprechen.

So hat denn 1920 der führende liberale Theologe Adolf von Harnack die These formuliert:

»Das AT im zweiten Jahrhundert zu verwerfen (er spielt auf Markion an), war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische, dem NT gleichwertige Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung«.

Hat Harnack Recht? Zunächst scheint vieles dafür zu sprechen. Wenn die Exegese des Ambrosius für Augustin den Weg zur Kirche eröffnete und  –  im Einzelnen natürlich durchaus variierbar –  in ihrer Grundrichtung zum Fundament des Glaubens an das zweiteilige und doch eine Gotteswort der Bibel wurde, so kann man sofort dagegen sagen:

Ambrosius hatte diese Exegese in der Schule des Origenes gelernt, der sie als erster konsequent durchgeführt hat. Origenes aber  –  so sagt man  –  habe dabei nur die in der griechischen Welt den religiösen Schriften des Altertums – besonders Homer – gegenüber geübte Methode allegorischer Auslegung auf die Bibel übertragen, also nicht nur eine dem biblischen Wort von innen her fremde Hellenisierung vollzogen, sondern sich einer Methode bedient, die in sich selbst unglaubwürdig war, weil sie letztlich darauf angelegt war, als sakral zu konservieren, was in Wirklichkeit das Zeugnis einer nicht mehr vergegenwärtigungsfähigen Kultur darstellte.

Aber so einfach ist es nicht. Origenes konnte mehr noch als auf der Homer-Exegese der Griechen auf der Auslegung des Alten Testaments aufbauen, die im jüdischen Milieu, besonders in Alexandrien und mit Philo als führendem Kopf, entstanden war und auf eine durchaus eigene Weise die Bibel Israels den Griechen zu erschließen versuchte, die längst über die Götter hinaus nach dem einen Gott fragten, den sie in der Bibel finden konnten. Und er hat bei den Rabbinen gelernt.

Schließlich hat er durchaus eigene christliche Prinzipien erarbeitet: die innere Einheit der Bibel als Auslegungsmaßstab, Christus als Bezugspunkt aller Wege des Alten Testaments.

Aber wie immer man die Exegese des Origenes und des Ambrosius im Einzelnen beurteilen mag, ihre letzte Grundlage war weder die griechische Allegorese noch Philo noch die rabbinischen Methoden.

Ihre eigentliche Grundlage  –  jenseits der Details der Interpretation – war das Neue Testament selbst.

Jesus von Nazaret hat den Anspruch erhoben, der wahre Erbe des Alten Testaments – der »Schrift« – zu sein und ihm die gültige Auslegung zu geben, Auslegung freilich nicht in der Art der Gelehrten, sondern aus der Autorität des Autors selbst: »Er lehrte wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten« (Mk 1,22).

Die Emmausgeschichte fasst diesen Anspruch nochmals zusammen: »Er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht« (Lk 24,27).

Die neutestamentlichen Schriftsteller haben diesen Anspruch im Einzelnen zu begründen versucht, am nachdrücklichsten Matthäus, aber nicht minder Paulus, der dabei die rabbinischen Interpretationsmethoden nutzte und zu zeigen versuchte, dass gerade diese von den Schriftgelehrten entwickelte Auslegungsform auf Christus als Schlüssel der »Schriften« hinführte.

Für die Verfasser und Begründer des Neuen Testaments ist das Alte Testament ja ganz einfach die »Schrift«; erst die werdende Kirche konnte allmählich einen neutestamentlichen Kanon formen, der nun ebenfalls Heilige Schrift bildete, aber doch immer in der Weise, dass er die Bibel Israels, die Bibel der Apostel und ihrer Schüler, die nun erst den Namen Altes Testament empfängt, als solche voraussetzt und den Deutungsschlüssel für sie liefert.

Insofern haben die Kirchenväter mit ihrer christologischen Deutung des Alten Testaments nichts Neues geschaffen, sondern nur entwickelt und systematisiert, was sie im Neuen Testament selbst vorfanden.

Diese für den christlichen Glauben grundlegende Synthese musste in dem Augenblick fragwürdig werden, in dem das historische Bewusstsein Auslegungsmaßstäbe entwickelte, von denen her die Exegese der Väter als unhistorisch und daher als sachlich unhaltbar erscheinen musste.

Luther hat im Kontext des Humanismus und seines neuen historischen Bewusstseins, vor allem aber im Kontext seiner Rechtfertigungslehre, eine neue Formel für das Zueinander der beiden Teile der christlichen Bibel entwickelt, die nicht mehr auf der inneren Harmonie von Altem und Neuem Testament beruht, sondern auf ihrer heilsgeschichtlich und existentiell wesentlich dialektischen Antithese von Gesetz und Evangelium.

Bultmann hat diesen Grundansatz modern in der Formel ausgedrückt, das Alte Testament habe sich in Christus in seinem Scheitern erfüllt.

Radikaler ist der eben erwähnte Vorschlag Harnacks, der zwar – so weit ich sehen kann – kaum von jemand aufgegriffen wurde, aber durchaus logisch war von einer Exegese her, für die Texte der Vergangenheit nur jeweils den Sinn haben können, den ihre Autoren ihnen in ihrem historischen Augenblick mit auf den Weg geben wollten.

Dass aber die Schriftsteller der vorchristlichen Jahrhunderte, die in den alttestamentlichen Büchern zu Worte kommen, auf Christus und auf den Glauben des Neuen Testaments voraus verweisen wollten, erscheint dem modernen historischen Bewusstsein mehr als unwahrscheinlich. Insofern schien mit dem Sieg der historisch-kritischen Exegese die vom Neuen Testament selbst initiierte christliche Auslegung des Alten Testaments gescheitert.

Dies ist, wie wir sahen, nicht eine historische Einzelfrage, sondern die Grundlagen des Christentums selbst stehen dabei zur Debatte.

So wird auch klar, warum niemand Harnacks Vorschlag folgen wollte, nun endlich den von Markion lediglich zu früh eingeschlagenen Abschied vom Alten Testament zu vollziehen. Was man dabei übrig ließe, unser Neues Testament, wäre in sich sinnlos.

Das hier vorzustellende Dokument der Päpstlichen Bibelkommission sagt darüber: »Sans l’Ancien Testament, le Nouveau Testament serait un livre indéchiffrable, une plante privée de ses racines et destinée à se dessécher«[4] (Nr. 84).

An dieser Stelle wird die Größe der Aufgabe sichtbar, vor die sich die Päpstliche Bibelkommission gestellt sah, als sie sich entschied, das Thema des Verhältnisses von Altem und Neuem Testament anzugehen.

Wenn es einen Ausweg aus der von Harnack beschriebenen Sackgasse geben soll, muss der Begriff einer heute verantwortbaren Auslegung von historischen Texten, besonders aber von dem als Wort Gottes geglaubten Text der Bibel gegenüber der Sicht der liberalen Gelehrten erweitert und vertieft werden. In dieser Richtung ist in den letzten Jahrzehnten Wichtiges geschehen.

Die Päpstliche Bibelkommission hat den wesentlichen Ertrag dieser Erkenntnisse in ihrem 1993 veröffentlichten Dokument »Die Interpretation der Bibel in der Kirche« dargestellt.

Die Einsicht in die Mehrdimensionalität menschlicher Rede, die nicht an einem historischen Punkt fixiert ist, sondern in die Zukunft vorausgreift, war eine Hilfe, um besser zu verstehen, wie Gottes Wort sich des Menschenwortes bedienen kann, um einer fortschreitenden Geschichte einen Sinn einzustiften, der über den jeweiligen Augenblick hinausweist, und doch gerade so die Einheit des Ganzen bewirkt.

Die Bibelkommission hat unter Aufnahme dieses ihres früheren Dokuments und auf der Basis sorgsamer methodischer Überlegungen die einzelnen großen inhaltlichen Komplexe der beiden Testamente auf ihre Beziehung hin untersucht und zusammenfassend sagen können, dass die christliche Hermeneutik des Alten Testaments, die zweifellos von derjenigen des Judentums unterschieden ist, »correspond cependant à une potentialité de sens effectivement présente dans les textes«[5] (Nr. 64).

Dies ist ein Ergebnis, das mir für den Fortgang des Gesprächs, aber vor allem auch für die Grundlegung des christlichen Glaubens von hoher Bedeutung zu sein scheint.

Die Bibelkommission konnte aber bei ihrer Arbeit nicht von dem Kontext unserer Gegenwart absehen, in der der Schock der Schoa die ganze Frage in ein anderes Licht getaucht hat.

Zwei Hauptprobleme stellten sich: Können die Christen nach allem Geschehenen noch ruhig Anspruch darauf erheben, rechtmäßige Erben der Bibel Israels zu sein? Dürfen sie mit einer christlichen Auslegung dieser Bibel fortfahren, oder sollten sie nicht lieber respektvoll und demütig auf einen Anspruch verzichten, der im Licht des Geschehenen als Anmaßung erscheinen muss?

Damit hängt die zweite Frage zusammen: Hat nicht die Darstellung der Juden und des jüdischen Volkes im Neuen Testament selbst dazu beigetragen, eine Feindseligkeit dem jüdischen Volk gegenüber zu schaffen, die der Ideologie derer Vorschub leistete, die Israel auslöschen wollten?

Die Kommission hat sich beiden Fragen gestellt.

Es ist klar, dass ein Abschied der Christen vom Alten Testament nicht nur, wie vorhin angedeutet, das Christentums selbst aufheben müsste, sondern auch dem positiven Verhältnis zwischen Christen und Juden nicht dienen könnte, weil ihnen eben das gemeinsame Fundament entrissen würde.

Was aber aus dem Geschehenen folgen muss, ist ein neuer Respekt für die jüdische Auslegung des Alten Testaments. Das Dokument sagt dazu zweierlei. Zunächst stellt es fest, dass die jüdische Lektüre der Bibel »eine mögliche Lektüre ist, die in Kontinuität mit den heiligen Schriften der Juden aus der Zeit des zweiten Tempels steht und analog ist der christlichen Lektüre, die sich parallel dazu entwickelt hat« (Nr. 22).

Sie fügt hinzu, dass die Christen viel lernen können von der 2000 Jahre hindurch praktizierten jüdischen Exegese; umgekehrt können die Christen hoffen, dass die Juden aus den Forschungen christlicher Exegese Nutzen ziehen können (ebd.). Ich denke, das diese Analysen für den Fortgang des christlich-jüdischen Dialogs, aber auch für die innere Formung des christlichen Bewusstseins hilfreich sein werden.

Der Frage nach der Darstellung der Juden im Neuen Testament gilt der letzte Teil des Dokuments, in dem sorgsam die »antijüdischen« Texte ausgeleuchtet werden.

Hier möchte ich nur eine mir besonders wichtig erscheinende Einsicht herausheben. Das Dokument zeigt, dass die im Neuen Testament an die Juden gerichteten Vorwürfe nicht häufiger und nicht schärfer sind als die Anklagen gegen Israel im Gesetz und bei den Propheten, also innerhalb des Alten Testaments selbst (Nr. 87). Sie gehören der prophetischen Sprache des Alten Testaments zu und sind daher wie die Prophetenworte zu interpretieren: Sie warnen vor gegenwärtigen Fehlwegen, aber sie sind ihrem Wesen nach immer temporär und setzen so auch immer neue Möglichkeiten des Heils voraus.

Den Mitgliedern der Bibelkommission möchte ich Dank und Anerkennung für ihre Mühen aussprechen. Aus ihrem mehrere Jahre hindurch geduldig geführten Disput ist dieses Dokument gewachsen, das meiner Überzeugung nach für eine zentrale Frage des christlichen Glaubens und für die so wichtige Suche nach einem neuen Verstehen zwischen Christen und Juden eine wichtige Hilfe bieten kann.

Rom, am Fest Christ Himmelfahrt 2001
Joseph Kardinal Ratzinger

 

Quelle des Vorworts sowie das erwähnte Dokument der Bibelkommission:

http://www.nostra-aetate.uni-bonn.de/kirchliche-dokumente/das-juedische-volk-und-seine-heilige-schrift/das-juedische-volk-und-seine-heilige-schrift-in-der-christlichen-bibel