Israel: Yad Vashem bietet Internet-Ausstellung mit jüdischen Familiengeschichten

Zum 80. Jahrestag des Beginn des Zweiten Weltkriegs hat das israelische Gedenkzentrum Yad Vashem eine neue Online-Ausstellung entwickelt mit Geschichten über das jüdische Familienleben in Europa im Jahre 1939.

Die persönlichen Berichte beschreiben das Fortschreiten des Weltkriegs durch Dokumente, Fotografien und Artefakte, die sich im Archiv von Yad Vashem befinden.

FOTO der Majer-Familie: Rivka und Rafael Majer umgeben von ihrer Familie, Belgrad 1935. – 19 von 21 Angehörigen wurden im Holocaust ermordet.

Die Ausstellung präsentiert z.B. die Geschichte der Familie Majer aus Belgrad. Refael und seine Frau Rivka Majer hatten acht Kinder und viele Enkelkinder.

Eins der Bilder (siehe Foto) hält einen glücklichen Moment der Vorkriegszeit fest mit der erweiterten Familie in ihrer schönsten Festtagskleidung. Von den 21 Menschen in dem Familienbild starb eine Person vor dem Krieg, 19 wurden im Holocaust ermordet und nur eine Angehörige überlebte: Isabella Baruch, die Tochter Refaels und Rivkas.

Nach der Besatzung Belgrads durch die Wehrmacht erkannte die Familie Majer nicht, dass sie in Gefahr waren. Die Älteren unter ihnen erinnerten sich noch an das korrekte Verhalten der deutschen Soldaten während des Ersten Weltkriegs und sagten: „Wir werden schon durch diese schwierige Zeit kommen, wie wir es einst auch schafften.”

Weniger als ein Jahr danach waren 90 Prozent der Juden Belgrads vernichtet.

„Sogar 80 Jahre später ist der starke Widerspruch zwischen jüdischem Leben vor dem Krieg und dem tragischen Schicksal des Holocaust schwer zu verstehen,“ erklärt Yona Kobo, die Kuratorin der Online-Ausstellung:

„Wir sehen Familien aus Jugoslawien, Deutschland, Österreich, Polen, Rumänien, Griechenland und der Tschechoslowakei an ihren glücklichsten Tagen – Hochzeiten, Geburtstage und andere schöne Erlebnisse – aber auch zu ihren schweren finanziellen Zeiten, auf der Suche nach Auswegen bei der Verschlechterung des täglichen Lebens  – und am Ende die Massenvernichtung jüdischer Männer, Frauen und Kinder.“

Quelle: Israelische Botschaft – Familienfoto: Yad Vashem


Die Abschieds-Erklärung des israelischen Botschafters in Deutschland

„Deutschland steht heute an der Spitze der westlichen Welt“

Am 27. August 2017 endet nach über fünf Jahren die Amtszeit des israelischen Botschafters in Deutschland, Yakov Hadas Handelsman (siehe Foto). Sein eigener Vater sowie der Vater seiner Frau Ida überlebten jeweils als einzige in ihrer Familie die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen die Juden . In seiner öffentlichen Abschiedserklärung heißt es daher:  

„Wer hätte vor diesem Hintergrund jemals gedacht, dass ich einmal als israelischer Botschafter nach Deutschland kommen würde? Für mich werden jedenfalls die positive Entwicklung und die heutige Dynamik der israelisch-deutschen Zusammenarbeit und Freundschaft niemals zu einer Selbstverständlichkeit werden.“

Danach schreibt der scheidende Diplomat:

„Was nehme ich mit aus Deutschland? Neben dem Wissen, dass unsere Beziehungen heute auf politischer Ebene sowohl einzigartig als auch strategisch sind, auch die Überzeugung, dass sie diesen Status ebenso in der Zukunft behalten werden.

Ich habe den Wandel, den Deutschland in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, aufmerksam verfolgt. Deutschland steht heute an der Spitze der westlichen Welt und übernimmt auch über Europa hinaus immer neue Führungsaufgaben.

Es bleibt nicht aus, dass sich Deutschlands neue außenpolitische Machtposition auch auf die deutsch-israelischen Beziehungen auswirkt. Was jedoch nicht vergessen werden darf, ist, dass sich Deutschland nur eine neue Identität aufbauen und einen Platz in der internationalen Gemeinschaft erarbeiten konnte, indem es sich zu seiner Vergangenheit bekannte und die notwendigen Konsequenzen zog. In andern Worten: Einen „Schlussstrich“ unter die Shoa kann und wird es nicht geben.“

Der israelische Botschafter würdigt besonders das Jubiläumsjahr 2015 (50 Jahre diplomatische Beziehungen Deutschland-Israel); er berichtet zudem, daß er von März 2012 bis August 2017 in so viele Städte und Orte in Deutschland gereist sei, wie er nur konnte:

„Ich habe versucht, auch die Seiten meines Landes zu zeigen, die nicht so bekannt sind und Verbindungen zwischen Akteuren auf beiden Seiten zu knüpfen, die unsere florierenden Beziehungen gemeinsam weiter voranbringen können. Mir werden die vielen Begegnungen mit engagierten Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft in sehr guter Erinnerung bleiben, für die aus der Vergangenheit ganz offensichtlich Verantwortung erwächst.“

Der Abschiedsbrief von Yakov Hadas Handelsman endet mit den Worten:

Heute möchte ich mich nun mit einem herzlichen Dankeschön für die Unterstützung, das Vertrauen, die kreative Zusammenarbeit und die Freundschaft verabschieden. Lehitraot – auf Wiedersehen!“

Quelle: Israelische Botschaft in Deutschland – Foto: Boaz Arad


Hitler und der arabische Großmufti: Löst Netanjahu einen neuen Historikerstreit aus?

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sorgt derzeit für Kritik im In- und Ausland, vor allem auf linker und islamischer Seite, aber auch seitens des amerikanischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin. netanyahu07-14Möglicherweise entsteht aus dieser Kontroverse ein neuer „Historikerstreit“.

Der Anlaß für die Debatte sind jüngste Äußerungen des jüdischen Regierungschefs über die höchst problematische Rolle des arabischen Großmuftis von Jerusalem im Zusammenhang mit der Judenvernichtung der nationalsozialistischen Diktatur.

Bei einer Ansprache vor Delegierten des Internationalen Zionistenkongresses in Jerusalem sagte Netanjahu über Großmufti Mohammed Amin el-Husseini und dessen  –  durchaus längst bekannten  –  Pakt mit Hitler, el-Husseini habe führende Nazis dazu animiert bzw. angestiftet, den Holocaust noch massiver voranzutreiben.

Wie der Nachrichtensender „n-tv“ berichtet, erklärte der israelische Ministerpräsident, Hitler habe zunächst eine Vertreibung und noch keine Massenvernichtung der Juden geplant. Der Großmufti habe sich beschwert: „Wenn Sie sie vertreiben, kommen sie alle hierher.“   –  Auf Hitlers Rückfrage habe al-Husseini zur Verbrennung der Juden aufgefordert.

Natürlich ließ Netanjahu auf kritische Rückfrage hin keinen Zweifel daran, daß der möderischer NS-Judenhaß an sich durchaus keiner Verstärkung von außen bedurfte. Scannen0006

Über den antisemitischen Großmufti von Jerusalem schreibt der deutschjüdische Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn (siehe Foto) folgendes:

„Tatsache ist, dass der damalige politische und geistliche Führer der Palästinenser, Amin el-Husseini, in seinem antizionistischen Kampf von Hitler-Deutschland nicht zuletzt durch Waffenlieferungen unterstützt wurde. Dieser Früh-Islamist zettelte im Mai 1941 mit irakischen Nationalisten einen Aufstand an, dem zahlreiche Juden zum Opfer fielen. Ihr „Verbrechen“: Sie waren Juden.“

Prof. Wolffsohn zur aktuellen Debatte um Netanjahus Äußerungen: https://www.ndr.de/kultur/Netanjahu-hat-Recht-und-Unrecht,journal122.html

Auf Wikipedia heißt es über el-Husseini:

„Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des modernen Antisemitismus im arabischen Raum und der Zusammenarbeit von islamistischen Antisemiten mit den Nationalsozialisten. Er war überzeugter Befürworter der Vernichtung der europäischen Juden im Deutschen Reich.

Er knüpfte Kontakte zu den Nationalsozialisten, gewann die Unterstützung durch deutsche Führungskreise und lebte ab 1941 in Berlin. Al-Husseini war Mitglied der SS und betrieb Propaganda für Deutschland in arabischer Sprache. In der Spätphase des 2. Weltkriegs half al-Husseini auf dem Balkan bei der Mobilisierung von Moslems für die Waffen-SS. Der französische Innenminister erklärte im Mai 1945 rückblickend, al-Husseini sei die „Leitfigur deutscher Spionage in allen muslimischen Ländern“.“

Weiteres Info zu diesem Themenkreis: http://www.ns-archiv.de/verfolgung/antisemitismus/mufti/in_berlin.php

Zudem hier: http://tapferimnirgendwo.com/2015/07/25/der-zweite-holocaust/

Besonders gründlicher Artikel: http://lizaswelt.net/2015/10/29/der-mufti-die-deutschen-und-die-shoa/

Fotos: Israelische Botschaft / Michaela Koller