Von der Jugendbewegung bis zu Papst Benedikt: „Die Kirche erwacht in den Seelen“

Von Felizitas Küble

Papst em. Benedikt ist offensichtlich geradezu fasziniert von einem berühmten Satz des großen Theologen und Priesters Romano Guardini: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“

Er hat diese Aussage an entscheidenden Stellen öffentlich zitiert:

Zunächst in seiner Abschieds-Ansprache an die Kardinäle vom 28.2.2013, dem letzten Tag seiner Amtszeit  – ein höchst trauriger Anlaß freilich, was gerade bei den Irrungen und Wirrungen im Pontifikat des jetzigen Papstes Franziskus immer deutlicher wird.

Die Vatikanzeitung Osservatore Romano hat diesen Satz Guardinis damals sogar als Titel ausgewählt:  http://www.osservatoreromano.va/de/news/die-kirche-erwacht-in-den-seelen

Benedikt sagte in dieser Rede, die Kirche sei „keine erfundene Institution…, sondern eine lebendige Wirklichkeit… Die Kirche lebt durch die Zeit weiter …und ihr Herz ist Christus.“ – Der Heilige Geist belebt die Kirche, so daß sie „wirklich aus der Kraft Gottes lebt“.

Die Kirche sei „in der Welt, aber nicht von der Welt“. Er fügte hinzu: „Deshalb ist auch die andere Formulierung von Guardini wahr und beredt: ‚Die Kirche erwacht in den Seelen.‘“ 

Stirbt die Kirche in den Seelen?

Der ehemalige Pontifex erwähnte diesen Leitsatz Guardinis auch in seinem kürzlich veröffentlichten Grundsatzartikel zur Missbrauchskrise: https://charismatismus.wordpress.com/2019/04/13/papst-benedikt-zu-ursachen-des-missbrauchs/

Darin heißt es über das Geheimnis der Kirche:

„Unvergessen bleibt der Satz, mit dem vor beinahe 100 Jahren Romano Guardini die freudige Hoffnung ausgesprochen hat, die sich ihm und vielen anderen damals aufdrängte: „Ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite hat begonnen; die Kirche erwacht in den Seelen.“

Er wollte damit sagen, daß Kirche nicht mehr bloß wie vorher ein von außen auf uns zutretender Apparat, als eine Art Behörde erlebt und empfunden wurde, sondern anfing, in den Herzen selbst als gegenwärtig empfunden zu werden – als etwas nicht nur Äußerliches, sondern inwendig uns berührend.

Etwa ein halbes Jahrhundert später fühlte ich mich beim Wiederbedenken dieses Vorgangs und beim Blick auf das, was eben geschah, versucht, den Satz umzukehren: „Die Kirche stirbt in den Seelen.“

In der Tat wird die Kirche heute weithin nur noch als eine Art von politischem Apparat betrachtet. Man spricht über sie praktisch fast ausschließlich mit politischen Kategorien, und dies gilt hin bis zu Bischöfen, die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren.“

Damit hat Benedikt XVI. seine große Sorge um die Kirche zum Ausdruck gebracht: Stirbt sie in den Seelen?

Zugleich kritisiert er Tendenzen „bis hin zu Bischöfen“, die Kirche als „eine Art von politischem Apparat“ zu betrachten. Wenn diese oberflächliche Mentalität, die Kirche nicht als Werk des HERRN zu sehen, sondern eher als weltliche Einrichtung mit religiösem Anstrich, nicht überwunden wird, dann erstirbt die Kirche tatsächlich immer mehr in den Seelen.

Jugendbewegung und liturgische Erneuerung

Dabei waren die Zeiten auch nicht rosig, als der katholische Religionsphilosoph Guardini diesen berühmt gewordenen Satz formulierte. Die Phase nach dem 1. Weltkrieg war z.B. von wirtschaftlichen Nöten und politischen Turbulenzen geprägt.

Auch in der Kirche gab es gewisse Auflösungstendenzen infolge des theologischen Modernismus, der vielfach nur formal überwunden wurde. Zugleich gab es auf der anderen innerkirchlichen Seite manche Erstarrungen in äußere Formen und Gewohnheiten.

Die katholische Jugendbewegung versuchte eine Verinnerlichung und Durchgeistigung des kirchlichen Glaubens und Lebens. Führend war dabei der Schülerbund „Neudeutschland“ und die stark von Guardini geprägten „Quickborn“-Gruppen.

Auch der seliggesprochene Karl Leisner  –  ein junger Priester und Märtyrer der NS-Zeit  – lebte aus dem Geist der Jugendbewegung und dem damit verbundenen „Erwachen der Kirche in den Seelen“: http://www.karl-leisner.de/karl-leisners-beschaftigung-mit-dem-grosen-religionsphilosophen-romano-guardini/

Zugleich strebte die „Liturgische Erneuerung“ eine Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit an; sie betonte die „liturgische Haltung“, womit vor allem die bewußte innere und äußere Wertschätzung und Teilnahme an der hl. Messe gemeint war. Die kirchliche Liturgie sollte das Zentrum der persönlichen Spiritualität bilden.

Professor Romano Guardini bildete eine lebendige Brücke zwischen der Liturgischen Erneuerung und der kath. Jugendbewegung.

In seinem 1922 erschienenen Buch „Vom Sinn der Kirche“ heißt es daher gleich eingangs: „Ein religiöser Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat eingesetzt: Die Kirche erwacht in den Seelen.“

 


Historiker Weißmann wurde 60 Jahre alt

Für Außenstehende immer wieder faszinierend ist die immense Produktivität des Historikers Dr. Weißmann (siehe Foto).

Daß ihm diese Schaffenskraft noch sehr lange erhalten bleibe, darf man Karlheinz Weißmann wünschen, der am 13. Januar seinen 60. Geburtstag beging.  

Nation, das betonte Weißmann stets, ist weder – wie von links behauptet – etwas bloß Erfundenes, kein künstliches Konstrukt, noch ist es etwas quasi in der Natur des Menschen Veranlagtes – wie in manchen rechten Kreisen verbreitet wird.

Nationen waren weder immer schon da, noch entstanden sie beliebig, aus dem Nichts; sie bildeten sich langsam und durchaus basierend auf einer geistigen Bewegung (eine Nation sein zu wollen), aber eben doch auch auf der Basis einer historisch gewachsenen Gemeinschaft.

Daß sich Deutschland wieder als politisches Subjekt zu restituieren habe und in die Lage versetzt werden müsse, „seine Lebensfragen zu lösen“, gehörte schon vor den glücklichen Umwälzungen des Jahres 1989 zu den Forderungen Weißmanns.

Geprägt von der Jugendbewegung war der Gildenschafter einer von denen, die fest daran glaubten: „Die Deutsche Einheit kommt bestimmt!“ (Wolfgang Venohr)

Ebenso leuchten in seinen frühen Texten, etwa für Caspar von Schrenck-Notzings Zeitschrift Criticón, bereits jene schnörkel- wie schonungslosen Analysen der Lage des deutschen Konservatismus auf, die sich ab da durch unzählige Weißmann-Texte ziehen.

Quelle und vollständiger Text von Christian Vollradt in der JF hier: https://jungefreiheit.de/kultur/2019/das-denken-mit-dem-handeln-verbinden/

Noch vor zwei Tagen berichtete unser CHRISTLICHES FORUM ausführlich über einen Vortrag von Dr.  Weißmann im Düsseldorfer Landtag: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/12/historiker-karlheinz-weissmann-sprach-beim-afd-neujahrsempfang-in-duesseldorf/


Der kath. Jugendschriftsteller Günter Stiff wäre heute 100 Jahre alt geworden

Gründer des KOMM-MIT-Verlags und Christoferuswerks

Der heutige Tag ist für mich und viele unserer Freunde ein besonderes Datum  – nicht nur, weil heute der „Tag des Grundgesetzes“ ist: Am 23. Mai 2016 wäre unser Verlagsgründer Günter Stiff 100 Jahre alt geworden, wenn er noch irdisch unter uns leben würde.  Scannen0007

Zudem hat Günter vor genau 70 Jahren seinen KOMM-MIT-Jugend-Verlag gegründet, vor 45 Jahren unser gemeinnütziges Christoferuswerk, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt  und auch den ECCLESIA-Plakatdienst gibt es jetzt schon im 70. Jahrgang: alle zwei Wochen ein neues Poster  – vor allem für die Schaukästen der Pfarrgemeinden. Bislang sind über 1600 verschiedene Plakate im Großformat (60 x 40 cm) erschienen.

BILD: Günter als begeisterter Jugendschriftsteller mit seiner alten manuellen Schreibmaschine

Günter Stiff wurde am 23. Mai 1916 in Köln als zweitältester Sohn des Juristen Dr. Max Stiff und seiner Frau Katharina geboren. Später folgte eine Tochter, die hochbetagt in Münster lebt: Dr. Ursula Stiff. Wir stehen mir ihr seit vielen Jahren im guten Dauerkontakt.

Ende der 20er Jahre wurde Vater Stiff zum Landrat des Landkreises Münster ernannt, doch die gute Zeit währte nicht lange. Kurz nach der Machtergreifung wurde er von der NS-Diktatur wegen seiner klar katholischen, ZENTRUMS-orientierten Haltung aus dem Amt gejagt; er mußte sich während der Kriegsjahre zeitweise verstecken. Nach 1945 wurde er vom Kreistag einstimmig zum neuen Landrat gewählt; später wirkte er als Oberstadtdirektor von Münster. Scannen0009

Sein Sohn Günter Stiff gründete bereits 1946 den KOMM-MIT-Verlag, den er zunächst als „Deutscher Jugend-Verlag“ bezeichnete. Zudem startete er mit der ersten deutschen Jugendbuchhandlung „Junge Welt“ und betrieb in Münsters Innenstadt ein Geschäfts- und Versandhaus „Universum“.

Außerdem war er der Gründer des „Katholischen Filmdienstes“, den er später abgab  –  diese Organisation besteht heute noch und bringt das bekannte „Lexikon des Internationalen Films“ heraus.

Die KOMM-MIT-Kalender Stiffs erreichten von 1947 bis 2001 eine mehrfache Millionenauflage. Zudem brachte er weitere Bücher heraus, zB. das Große Fahrt- und Lager-Handbuch, das Waldläuferhandbuch, das meistverkaufte Spielhandbuch „1000 Jugendspiele“ (400.000 Auflage). Über 30 Jahre lang erschien monatlich seine KOMM-MIT-Zeitschrift, zudem zahlreiche katechetische Broschüren, Themenhefte usw.

Günter Stiff sah sich in der Tradition der deutschen Jugendbewegung, zumal er aus dem katholischen Schülerbund „Neudeutschland“ kam, der von Jesuitenpatres geleitet wurde  – dieser Jungenbund kombinierte bodenständige katholische Gläubigkeit mit jugendbewegten Schwung. Scannen0012

Der Verlagsgründer und Familienvater Günter Stiff (3 Kinder) starb nach einem glaubensfrohen, bescheidenen, idealistischen und einsatzfreudigen Leben am 10. September 2002 im Alter von 86 Jahren in Münster.

Näheres über sein herausragendes Wirken und seinen bewegten Lebenslauf lesen wir hier auf Kathpedia: http://www.kathpedia.com/index.php?title=G%C3%BCnter_Stiff

BILD: Günter in seinem letzten Lebensjahr im Krankenhaus  – er war ein echter „Bruder Immerfroh“, stets gut gelaunt und kreativ bis zuletzt

Da ich (Felizitas Küble) schon seit 1979  mit großer Freude in seinem Verlag wirke, nachdem mit 18 Jahren von meiner oberschwäbischen Heimat nach Münster zog, übernahm ich gemäß Günters Willen sein Lebenswerk, führe den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk weiter  – und betreibe zudem im Rahmen des Christoferuswerks ehrenamtlich seit Juni 2011 dieses CHRISTLICHE FORUM.

Heute erinnern wir uns mit vielen Freunden besonders an unseren Günter Stiff, der in den Herzen vieler Menschen unvergeßlich bleibt. Möge der HERR ihm die ewige Freude schenken  – ihm, der so vielen Menschen große Freude bereitet und der unermüdlich für Gottes Reich gewirkt hat.

 


Jugendbewegtes 100-Jahre-Jubiläum auf dem Hohen Meißner

Anfang Oktober 2013 beging die deutsche Jugendbewegung, die um die vorige Jahrhundertwende mit dem „Wandervogel“ in Berlin entstand, das 100-jährige Jubiläum des 1. Freideutschen Jugendtages, der am 11. und 12. Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner in Nordhessen stattfand.

Volkstanz-Jugend

Volkstanz-Jugend in Bergatreute

Mit diesem Treffen brachten jugendbewegte bzw. bündische Gruppen, die sich aus dem Wandervogel entwickelt hatten, vor 100 Jahren ihr Verständnis von innerer Freiheit und eigener Verantwortung zum Ausdruck, wobei der geistig hochstehende Patriotismus der Jugendbewegten sich deutlich unterschied vom damals üblichen Hurra-Patriotismus der Wilhelminischen Ära.

Bündische Gruppen und „Wandervögel“ brachten eine eigene schriftstellerische Welt hervor, sie erweckten Volkslieder, Volksdichtung und den Volkstanz wieder zum Leben, sangen Fahrtenlieder mit der „Klampfe“ und brachten zahlreiche jugendbewegte Liederbücher heraus.

Die während des Jugendtages 1913 entstandene  „Meißnerformel“ wurde vor allem für die „Bündische Jugend“ zum prägenden Wort und Ereignis. 

100 Jahre später fand nun wieder ein Fest der Jugend am Hohen Meißner statt, das Pfadfinder, Wandervögel und Jungenschaftler gemeinsam gestaltet haben. Ca. 3500 Jugendbewegte trafen sich am vergangenen Wochenende auf dem Hohen Meißner zur 100-Jahr-Feier des Freideutschen Jugendtags.

Die „Meißnerformel“ von 1913 lautet:

„Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“  

Zu diesem Leitwort gesellte sich folgender Zusatz  – auch hier in Abgrenzung zu damaligen –  und heutigen  –  (spieß)bürgerlichen Gewohnheiten:

„Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.“

Zu jenen Verlagen und Initiativen, die sich stets dem Geist der Jugendbewegung eng verbunden fühlen, gehört der 1946 von Günter Stiff gegründete KOMM-MIT-Jugendverlag in Münster. Der vor 13 Jahren verstorbene Jugendschriftsteller Stiff war zugleich Gründer des Christoferuswerks, das dieses Webmagazin CHRISTLICHES FORUM betreibt.

Foto: http://www.albverein-bergatreute.de/volkstanz/


Faszination Jugendbewegung: „Zelte sah ich, Pferde, Fahnen, roten Rauch am Horizont…“

Von Hans Martin Schmidt

Nach einem regenreichen Tag ist der Abend überraschend mild und lädt zu einem Spaziergang ein. Ich bin am Hohen Meißner, dem höchsten Berg Nordhessens.

Von irgendwo höre ich Stimmen, Klampfenklang, ein leises Lied: „Wir wollen zu Land ausfahren …“  –  Auf einer Waldlichtung zeltet eine Jugendgruppe. Sie tragen Kluft, haben schwarze Jurten aufgebaut, ihre Heimat auf Zeit.

Ich komme mit den jungen Leuten ins Gespräch. Es sind Pfadfinder, bündisch geprägt, eine kleine, muntere Schar.

Foto: H.M.Schmidt

Foto: H.M.Schmidt

Sie verbindet der Geist der deutschen Jugendbewegung. Das wissen sie, darauf sind sie stolz. Trotz aller Tragik, die sich mit der Geschichte der Wandervögel, Burschenschaftler und Pfadfinder verbindet.

Um 1900: In Deutschland schreitet die Industrialisierung in Windeseile voran. Fabrikschlote wachsen in den Himmel und machen den Kirchtürmen Konkurrenz, in den Randbezirken der Städte, unweit mächtiger Fabrikanlagen, werden spartanische Arbeitersiedlungen gebaut.

Teile der „bürgerlichen Jugend“ (die meist weder religiös noch sozialistisch ist und auch über keine eigenen Werte verfügt) zeigen sich verstört. Die Enge des Großbürgertums, die keine persönliche Empfindungen, keine Eigenentwicklung zulässt, und die Brachialgewalt, mit der nun das technische Zeitalter über sie hineinbricht, lässt sie in die Natur entfliehen.

Romantische Alternative WANDERVOGEL

Der Wandervogel wird zu einer romantischen Alternative, die anscheinend alle Sinne beansprucht und ein erfülltes Leben erwarten lässt. Der Wandervogel raucht nicht, meidet den Alkohol (nicht immer werden diese Regeln konsequent befolgt). Er ist ein Freund der schönen Künste und er schließt Freundschaften, die mitunter von inniger Zuneigung bestimmt sind.

Nächtliche Streifzüge durch Wald und Feld sind ebenso beliebt wie Tänze im Mondenschein und das Singen verschollen geglaubter Volkslieder.

Eine politische Gegenfront entsteht daraus aber nicht nicht, doch die Jugend will ein Zeichen setzen. Während das kaiserliche Deutschland Säbelrasselnd die 100-Jahr-Feier der Leipziger Völkerschlacht angeht, setzen sich zur gleichen Zeit, am 13. Oktober 1913, Jugendführer auf dem Hanstein im Werraland zusammen, um das „Freideutsche Bekenntnis“ zu formulieren, die sogenannte „Meißner-Formel“.

Meißner-Formel: JA zur inneren FREIHEIT

Einen Tag später wird sie beim „Ersten Freideutschen Jugendtag“ auf dem Hohen Meißner (siehe Foto) offiziell verkündet:

„Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung,
vor eigener Verantwortung, image
in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten.
Für diese innere Freiheit
tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“

Einer der Verfasser ist der Arzt Dr. Knud Ahlborn, der später auf Sylt wirkt (1919, mit Mitteln des Hamburger Staates: Gründung des Nordseelagers Ouan Klent und des Jugendlagers Klappholtal, heute „Akademie am Meer“).

Doch der 1. Weltkrieg zerstört alle Träume von einem selbstbestimmten „Jugendreich“. Von 15.000 Wandervögeln ließen 9000 auf den Schlachtfeldern ihr junges Leben. Eine bittere Zäsur, von der sich der Wandervogel nicht wieder erholte.

Die alten Wandervogel-Ideale erlebten, in einem eng begrenzten Rahmen, eine Renaissance, als die Zwillingsbrüder Robert (starb im KZ) und Karl Oelbermann, die aus dem Bonner „Bibelkränzchen“ (BK) kamen, 1921 den „Nerother Wandervogel  –  Bund zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg e.V.“ ins Leben riefen  –  die Nerother gibt es heute noch.

Auch Pfadfinder und bündische Jugendgruppen sehen sich in der Tradition der „Freideutschen Jugend“ und wollen den Meißnertag 2013, das Jubiläum, mit einem Lager (1. bis 6. Oktober am Hohen Meißner) und einer Gedenkfeier würdig begehen.

Doch eine Welle der Begeisterung, an vergangene gute Zeiten zu erinnern, gibt es wohl eher nicht. Und jene eigenartige Atmosphäre, in der die jungen Menschen um 1900 gelebt haben, wird wohl kaum mehr einzufangen sein…

Der Autor ist Journalist in Frankfurt und betreibt die Webseite FFM-direkt: http://www.ffmdirekt.de/


Auftakt-Meldung zum Jubiläum: 100 Jahre Freideutscher Jugendtag!

Tausende Jugendbewegte treffen sich im Oktober 2013 auf dem Hohen Meißner 

Pressemitteilung der Meißner-Initiative:

Mit einer groß angelegten Begegnung der Jugend wollen Pfadfinder, Wandervögel und Jungenschaftler an das historische Treffen der Deutschen Jugendbewegung vor 100 Jahren auf dem Hohen Meißner bei Göttingen erinnern. image

Eine Initiative von über 60 aktiven Bünden hat sich zur Vorbereitung eines Zeltlagers vom 1. bis zum 6. Oktober 2013 zusammengefunden.

Diese jugendbewegten Menschen sind davon überzeugt, daß es heute auch heute noch lohnt, an den Impuls des Meißner-Treffens von 1913 zu erinnern.

Die „Meißner-Formel“ ist lebendig geblieben

Die seinerzeit gefundene gemeinsame Idee „Die Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten…“ hat sich als Meißner-Formel in den Bünden lebendig erhalten.

Anders als vor 100 Jahren hat die heutige Jugend diese Freiheiten. Lehrer, Eltern, die „Obrigkeit“ sind keine unfehlbaren Autoritäten mehr. Dennoch gibt es auch in unserer Zeit eine ganze Reihe von Zwängen, denen die Jugend unterworfen ist.

Die heutige Jugendbewegung steht für Wertegebundenheit, präsentiert eigene Lebensentwürfe und begibt sich mit dem Treffen auf dem Hohen Meißner auf die Suche nach Antworten auf ihre Zukunftsfragen.

Wie schon zu früheren Meißner-Treffen werden die Teilnehmer auch zum 100-jährigen Jubiläum eine Meißner- Erklärung abgeben, die während des Lagers veröffentlicht wird. 085

Insgesamt werden auf dem Lager über 3000 Teilnehmer aus den Bünden der Pfadfinder, Wandervögel und Jungenschaften erwartet sowie viele weitere, die sich in der Tradition der Jugendbewegung verstehen. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, eigene Lebensformen und Ideen, eigene Symbole, Ziele und Visionen.

Um diese Vielfalt kennenzulernen, laden wir Sie herzlich ein, im Oktober einen Lagertag gemeinsam mit uns zu verbringen.

Die Internetseite http://www.meissner-2013.de ist freigeschaltet. Mit wenigen Klicks können Sie sich ein Bild von den teilnehmenden Bünden, von der Historie der Meißner-Treffen und vom aktuellen Stand der Vorbereitung machen.

Unter dem Menüpunkt „Presse“ steht Ihnen unsere Pressemappe zum Download zur Verfügung. Sie finden sie in der Anlage. Gerne senden wir Ihnen die Mappe auch per Post zu.

Für weitere Infos steht Ihnen als Ansprechpartnerin für den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung: Juliane Palm, presse@meissner-2013.de

Quelle (Text/Fotos): http://www.meissner-2013.de


Buch-TIP: „Steffens letzte Ferien“ – Jungenleben anno 1970 zwischen Susi und Franziska

Buch-Daten: Steffens letzte Ferien, Günter Mayer, Paperback, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2011,124 Seiten, 12,50 €, ISBN 978-3-8448-7237-8

Eine kenntnisreiche Erzählung über die „sexuelle Revolution“ im Alltag der Jugend

Dieses im Herbst 2011 erschienene Taschenbuch „Steffens letzte Ferien“ von Günter Mayer ist eine packend geschriebene, lebensnahe Geschichte: mag sie formal weitgehend einem Roman ähnlich sein, so ist sie doch nicht komplett frei erfunden.   

Vielmehr ist es dem Autor eindrucksvoll gelungen, jene Erkenntnisse und Erlebnisse, die ihm viele Jungen seiner Gruppe in den 70er Jahren schilderten, nunmehr in eine lebendig wirkende Erzählung zu verweben, die zudem unaufdringlich und scheinbar „nebenbei“ wichtige historische Kenntnisse vermittelt.

Vor allem aber eignet sich das anschaulich geschriebene Buch als eine Art Zeitdokument über das spezifische Lebensgefühl von Jungen und Mädchen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, als die  –  im Grunde kulturfeindlichen   –  Ausläufer der 68er „Kulturrevolution“ wirksam wurden und zunehmend von den Universitäten abwärts in die „Basis“ gelangten   –  und vor allem viele jungen Leute beeinflußten, auch Teenager ab 13 Jahren aufwärts.

Diese Teenis standen in dieser bewegten Zeit des Umbruchs, der vermeintlich fortschrittlichen Reformen  und eines tiefgreifenden Wertewandels oft verwirrt zwischen dem „konservativen“ Einfluß von Elternhaus und Kirche auf der einen Seite  –  und der angeblichen sexuellen Befreiung andererseits.

Viele Jugendliche waren von diesem Zwiespalt verunsichert und überfordert, sie überließen sich dem hedonistischen „Zeitgeist“ und oft auch verfrühten sexuellen Erlebnissen.

Diese von der Pubertät geprägten Jugendlichen zwischen 13 und 16 standen in einem zermürbenden Spannungsfeld zwischen bürgerlich-herkömmlicher Sexualmoral und einer neuen Freizügigkeit bis hin zur Hemmungslosigkeit. In dieser unausgegorenen Situation entstand allzu leicht der Wunsch, nunmehr all das auszuprobieren, was zwar durch Kirche und Elternhaus verboten war, aber neuerdings normal und durchaus erlaubt erschien,  wie freizügige Jugendillustrierte  – darunter vor allem die „Bravo“  –  suggerierten.

In seinem  Vorwort verdeutlicht Günter Mayer, der Verfasser, wie die Ideen der revolutionären 68er-Bewegung von den Universitäten aus ihren Siegeszug in bürgerliche Wohnzimmer antreten konnten  –  und dies vor allem mit Hilfe zeitgeistbeflissener Medien und Politiker. Eine radikale Abkehr von bisher geltenden Denkweisen und die Verteufelung jeglicher Autorität bewirkten bei Heranwachsenden eine zunehmende Orientierungslosigkeit, was durch eine Werte-Verunsicherung vieler Erwachsener noch verstärkt wurde.

Vom einführenden Vorwort zurück zur spannenden Erzählung: Der aus gutbürgerlichem Hause kommende Steffen ist zwar nicht in allem Situationen der große „Held“, aber gleichwohl Mittelpunkt dieser Erzählung, die mit Steffens Schulentlassung und seiner intensiven Suche nach einer Lehrstelle als KfZ-Mechaniker beginnt.

Um das Erfreuliche gleich vorwegzunehmen: Am Schluß hat der geistig aufgeschlossene Junge, der sich durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch seine sittlichen Ideale nicht nehmen läßt, sowohl eine gute Lehrstelle wie auch ein solides, jugendfrisches und aufrichtiges Mädchen namens Franziska an der Hand, mit der er eine gemeinsame Zukunft plant, wenngleich die Hochzeitsglocken schon aus Altersgründen noch nicht läuten können.

Dieses sachte angedeutete „Happy End“, das einerseits in einer nüchtern-realistischen Sprache geschildert wird, andererseits einen leichten Hauch Romantik enthält, ist sicher  wohlverdient, denn obwohl sich Steffen nicht immer und überall glänzend wie ein „Ritter ohne Furcht und Tadel“ bewährt, wenngleich auch er aus Fehlern lernen muß und einigen Irrtümern aufsitzt, so ist er trotzdem  –  oder eben deswegen  –  eine positive Identifikationsfigur, dem man gerne ein erfolgreiches Meistergeschäft und vor allem eine glückliche Ehe, gesegnet mit einer frohen Kinderschar, wünschen möchte.

Freilich gibt es in dem  – gottlob völlig kitschfrei formulierten, vielmehr sehr lebensnah und plastisch geschriebenen  – Buch nicht nur edle Franziskas, sondern auch eher liederliche „Susis“, die sich aufdringlich an Jungs heranmachen und sie zu frühen Sexerlebnissen verleiten wollen.

Infolgedessen sind Jungen im typischen Alter zwischen Schulabschluß und Lehrstelle hin und hergerissen zwischen oberflächlichem Sex und aufkeimender Liebe, die sich ernsthaft für das „Gegenüber“ interessiert und nicht nur auf egoistische Lustbefriedigung abzielt.

Zugleich handelt die bewegende, oftmals geradezu mitreißende Erzählung von entstehenden Kameradschaften zwischen Jungen, von der freundlichen, aber nicht immer ganz harmonischen Beziehung zwischen Steffen und seinem jüngeren Bruder Micha, der ebenfalls vom Strudel hemmungsloser Sexeinflüsse nicht ganz frei bleibt, aber doch wie sein älterer Bruder im Grunde nach dem Guten und wirklich Wertvollen im Leben  – und in der Liebe  –  sucht.

Dabei gerät auch die Kirche positiv in den Blick, weil sie durch die christliche Botschaft für Sinn und Halt im Leben sorgt, zumal in der „unreifen“ Zeit des Heranwachsens. Auch Steffen, dessen Elternhaus zwar bürgerlich, aber nicht religiös ist, interessiert sich zunehmend für die Antworten, die der christliche Glaube und seine Ideale für die bohrenden, tiefgründigen Fragen junger Leute geben kann, wobei ein sympathischer Kaplan für ihn zum menschlichen und sittlichen Vorbild wird.

Ein weiterer Wert dieses Buches, das wirklichkeitsnah und fesselnd die Alltagswelt der Teenager in der Spätphase der 68er Bewegung schildert, liegt in seinen geschichtspolitischen Informationen, die knapp und sachlich in die Erzählung hineinfließen  – und zugleich im Anhang des Buches übersichtlich erläutert werden.

Zudem finden sich vielfach erklärende Fußnoten auf der jeweiligen Seite unten, wobei historische Vorgänge ebenso erklärt werden wie praktische Alltagsthemen aus den 70er Jahren oder damals aktuelle politische Ereignisse.

So vermittelt dieses Buch für die Jugend sowohl spannende Dialoge und Erlebnisse wie auch lehrreiche Kenntnisse und aufschlußreiche Hintergründe über das Zeitgeschehen und geschichtliche Zusammenhänge, vor allem hinsichtlich der europäischen „Freiheitskriege“ gegen Napoleon oder dem deutsch-französischen Krieg 1870, aber auch zu Vorgängen des 20. Jahrhunderts, etwa der Situation in der Weimarer Republik, der Lage der Sudetendeutschen, der beginnenden NS-Diktatur, der Adenauer-Republik usw.

Der Verfasser konnte immer wieder erleben, daß junge Leute an historischen Ereignissen sehr interessiert waren und ein entsprechendes Defizit des Geschichtsunterrichts beklagten. Es ist ihm deshalb wichtig, in seiner Geschichte wieder wesentliche Inhalte der “Geschichte”  in Erinnerung zu rufen.

Wer das Buch gelesen hat, wird Verständnis für eine Jugend gewinnen, die nach tragenden Maßstäben und Werten sucht, die sich in einer weitgehend orientierungslosen Welt zurechtfinden muß, einer Welt überdies, die dem antibürgerlichen und linkslastigen Zeitgeist der 68er Bewegung vielfach anheimgefallen ist, was der Autor in Form einer spannenden, mitunter auch humorvollen Erzählung kritisch und realitätsnah beleuchtet.

Man spürt bei der Lektüre dieser frisch geschriebenen Erzählung schnell, daß sich der Verfasser im praktischen Kontakt mit Jugendlichen befand: er war tatsächlich 30 Jahre lang ehrenamtlicher Leiter in einem großen katholischen Jugendverband.

Bei seinen zahlreichen Wanderungen, Fahrten und Freizeiten wurde er handfest mit Erfahrungen, Problemen und Herausforderungen vieler Jungen konfrontiert. Auch bei späteren Treffen wurde ihm oft aus dem damaligen Denken und Erleben berichtet. Dieser vielfältige „Stoff“  ist in diese „erfundene“ und doch so lebensnah wirkende Geschichte eingeflossen.

Zugleich macht sich  –  angesichts der Informationsdichte und breiten Wissensvermittlung dieses Buches  –  bemerkbar, daß der Autor als Rechtspfleger und Dozent an der Fachhochschule Schwetzingen tätig war.

Berufliche Sachkenntnis und ehrenamtlicher Einsatz für die Jugend bilden die beiden wesentlichen „Säulen“ für die schriftstellerische Tätigkeit von Günter Mayer, die er nach seiner Pensionierung begonnen hat; dies führte zu einer Reihe juristischer Fachbücher sowie Ratgebern für Laien, aber auch zu drei Kinder- und Jugendbüchern, wobei die Erzählung „Steffens letzte Ferien“ das vierte im Bunde sein könnte  – freilich ist es eher für ältere Jugendliche und Erwachsene verfaßt.

Dieses „Buch für die Jugend“ ist ansprechend gestaltet und übersichtlich aufgebaut; zugleich bietet es eine reiche Fundgrube wissenswerter Informationen,  wozu auch die vielen Erläuterungen, Zitate und Buchhinweise im Anhang beitragen.

Das 124 Seiten umfassende Werk eignet sich für ältere Teenis ab 16 Jahren  –  und für alle erwachsenen Leser, die sich für die Welt der Jugendlichen interessieren und sich ein „Herz für die Jugend“ bewahrt haben.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Jugendverlags und des Christoferuswerks in Münster

Das Buch kann für 12,50 € portofrei auch bei uns bestellt werden: Tel. 0251-616768 /Mail: felizitas.kueble@web.de

Erstveröffentlichung  dieser Besprechung in der Zeitschrift „Theologisches“ (Mai/Juni 2012)