Der Protestantismus widerspricht sich selbst

Von „Sola scriptura“ und den frühchristlichen Konzilien

Einer der reformatorischen „Sola“-Leitsätze Luthers lautet „Sola scriptura“, allein die Schrift. Nun ist die Heilige Schrift auch für die katholische Kirche unbestreitbar die grundlegende Urkunde des christlichen Glaubens.  

Die weiteren drei Sola-Prinzipien des Protestantismus lauten übrigens: Sola Fide (allein der Glaube), Solus Christus (allein Christus), Sola Gratia (allein die Gnade) – und manchmal wird noch „Soli Deo Gloria“ (allein Gott die Ehre) hinzugefügt.

Nach der Entstehung des Kanons  – der Festlegung der biblischen Bücher, die als amtlich gültig gelten –  stellten sich in der frühen Christenheit einige (Streit-)Fragen ein, die alle von allgemeinen Bischofsversammlungen, sogenannten Konzilien, entschieden wurden, freilich stets auf der Grundlage der Bibel, die aber einer Auslegung bedurfte (andernfalls wären die theologischen Auseinandersetzungen erst gar nicht entstanden).

Nun gibt es allein im Deutschen hunderte Übersetzungen der hebräischen und griechischen Texte der Hl. Schrift. Die bekanntesten und wichtigsten sind die „Einheitsübersetzung“ und die „Lutherbibel“, die aber schon mehrmals revidiert wurde, also in ihrem ursprünglichen Wortlaut offiziell gar nicht mehr verwendet wird.

Daneben erfreuen sich gerade in Freikirchen und in manchen evangelikalen Kreisen freiere Übersetzungen großer Beliebtheit – so etwa „Hoffnung für alle“ oder die „Gute Nachricht  –  Bibel im heutigen Deutsch“.

Allein dieses Schlaglicht zeigt bereits, dass es sehr schwierig ist, den Sinn der hebräischen und griechischen Texte in unsere Sprache zu übersetzen (nebenei: Dorothee Sölle prägte auf dem Hamburger Kirchentag 1995 den  –  von mir sinngemäß wiedergegebenen  –  Satz, dass übersetzen „Üb…ersetzen“ bedeutet).

Schon anhand des ersten Buches der Bibel, der Genesis, lässt sich beim ersten Satz zeigen, wie schwierig es ist, den vollen Sinngehalt auf deutsch wieder zu geben: „Bereschit bara elohim ha schamahim we ha aretz“, normalerweise übersetzt mit: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Nun ist „ha schamajim“ ein Pluralwort  – und tatsächlich übersetzen einige deutsche Bibeln dies so,  wie es wörtlich heissen müsste: „Im Anfang schuf Elohim die Himmel und die Erde“. (Kirchliche Ausleger erkennen hier übrigens einen Hinweis auf die Dreieinigkeit Gottes.) Zudem ist „Himmel“ – „ha schamahim“  –  als die Ansammlung von Wasser gekennzeichnet, denn „majim“ heisst auf deutsch Wasser.

Richtig spannend wurde es in der Spätantike bzw. frühen Kirche dann bei den eigentlichen theologischen Fragen  – etwa nach der Wesensgleicheit des Sohnes mit dem Vater oder dem Person-Sein des Heiligen Geistes und anderen christologischen bzw. trinitarischen Themen.

Diese Glaubensaussagen lassen sich nicht unbedingt unmittelbar für jeden sofort erkennbar aus der Bibel herauslesen. Die genaue Klärung dieser Streitfragen regelten die altkirchlichen Konzilien der ersten Jahrhunderte, die von den meisten christlichen Konfessionen anerkannt werden. Auch Luther und die anderen Reformatoren akzeptierten sie  –  so halten es auch die aus dem späteren Verlauf der Reformation hervorgegangenen Freikirchen (nicht jedoch Sondergruppen bzw. Sekten wie die Zeugen Jehovas).

Nun lehnen es aber diese Konfessionen zugleich ab, dass die Kirche Lehrentscheidungen treffen kann – und eben dies ist ein Widerspruch in sich, denn das Prinzip, dass Glaubensaussagen von „der Kirche“ verbindlich definiert werden, haben sie mit der Annahme der altkirchlichen dogmatischen Aussagen grundsätzlich bereits anerkannt – warum sollte also diese Maxime später nicht mehr gelten?

Der Autor ist kath. Dipl.-Theologe und unserer Redaktion persönlich bekannt

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So half mir die Fürsprache der hl. Rita bei einer Konzelebration in Cascia

Von Pfarrer Dr. hc Hans Stein

Als deutscher Priester schlesischer Herkunft bin ich manchmal mit polnischen Pilgergruppen unterwegs zu katholischen Wallfahrtsstätten.

Als wir im Sancutarium (Heiligtum) der hl. Rita von Cascia in Italien ankamen, wurde ich montags für die Konzelebration bei der hl. Messe eingeteilt. Der Hauptzelebrant war ein katholischer Geistlicher, der zugleich als Theologieprofessor wirkte und im Generalvikariat tätig war.  IMG_0361 (2)

Beim Kanon (Hochgebet) fiel mir kurz vor jenem Abschnitt, der mir zufallen sollte, siedend heiß ein, daß ich meine Brille in der Sakristei liegengelassen hatte. Ich konnte unmöglich in diesen feierlichen Momenten vom Altare weglaufen, um meine Brille zu holen. Andererseits konnte ich ohne sie den polnischen Text im Meßbuch nicht lesen.

BILD: Hier sieht man Pfr. Hans Stein als Hauptzelebranten (zweiter von links) während des Hochgebetes bei einer hl. Messe in Rom

Ich war ganz ratlos und verzweifelt. Daher bat ich die hl.  Rita, an deren Heiligtum wir den Gottesdienst feierten, dringend um ihre Fürbitte.

Da ich rechts neben dem Hauptzelebranten stand, kam ich direkt nach seinen Worten an die Reihe. Ich hatte erst Herzklopfen, doch zu meiner größten Verblüffung und Freude sah ich die Buchstaben plötzlich doppelt so groß vor meinem Auge – und ich konnte den für mich bestimmten Abschnitt des Kanon ohne Brille gut lesen und sprechen. Als nun der Priester links vom Hauptzelebranten seinen Teil weiterbetete, bemerkte ich, daß ich dessen Text nicht mehr lesen konnte. Die unerkärlich vergrößerten Buchstaben bezogen sich allein auf den Abschnitt, den ich selber zu beten hatte.

Ich bin Gott und der hl. Rita überaus dankbar, daß mir diese wunderbare Hilfe zuteil geworden war.


Andreas Theurer: Das Neue Testament entstand aus der lebendigen Tradition der Kirche

„Was war zuerst? Schrift oder Tradition?

Der evangelische Theologe Andreas Theurer sorgte mit seinem Buch „Warum werden wir nicht katholisch?“, das kürzlich im Augsburger Dominus-Verlag erschien, für „ökumenischen Wirbel“, wie man sich vorstellen kann.  (Link zum Buch: Dominus-Verlag)

Die evangelische Landeskirche von Württemberg enthob den katholisierenden Querdenker nach dieser Veröffentlichung kurzerhand seines Amtes als Gemeindepastor von Göttelfingen, zumal er seinen Übertritt in die katholische Kirche angekündigt hatte.

Der lutherische (Ex-)Pfarrer befaßt sich in seiner „provokanten“ Schrift mit jenen Unterscheidungslehren, die eine inhaltliche Trennmauer zwischen der katholischen Kirche und den protestantischen Konfessionen bilden.

Dabei liegt dem Theologen vor allem das Thema „Bibel und Tradition“ am Herzen, gehört es doch zu den wesentlichen Streitpunkten zwischen den christlichen Konfessionen.

Dabei beruft sich die protestantische Seite auf ihr „reformatorisches Prinzip“ ALLEIN DIE SCHRIFT und versteht dies als „Abgrenzung“ zum katholischen Traditionsverständnis. Demnach hat die Heilige Schrift als einzige Glaubensquelle zu gelten.

Allerdings läuft es in der evangelischen Praxis  sehr wohl auf „Schrift und Bekenntnis“ hinaus, wobei dies damit gerechtfertigt und erklärt wird, daß die protestantischen amtlichen „Bekenntnisse“ (etwa die Confessio Augustana, die Schmalkaldischen Artikel oder bei den Reformierten der Heidelberger Katechismus bzw. die calvinistischen „Fünf Punkte“) lediglich eine „Auslegung“ der Bibel darstellen, also durchaus keine eigentliche Ergänzung, geschweige ein Ersatz für die Heilige Schrift.

Freilich will auch die katholische Seite das, was sie „Tradition“ oder „Überlieferung“ nennt, in durchaus ähnlicher Weise als Entfaltung, Auslegung und amtliche Deutung der Heiligen Schrift verstanden wissen.

Allerdings weist die kath. Kirche zudem darauf hin, daß das Neue Testament nicht „vom Himmel fiel“, sondern aus der lebendigen apostolischen Überlieferung der Kirche entstand, quasi aus ihrem Schoß geboren wurde.

Zudem war es das kirchliche Lehramt, das in frühchristlicher Zeit den „Kanon“ der Bibel zusammenstellte, also festlegte, welche der damals vielfältig kursierenden Schriften zur Heiligen Schrift gehören (und welche nicht).

Kurz ausgedrückt: Die Kirche Christi existierte früher als das Neue Testament  –  ein schon rein historisch gesehen eindeutiger Sachverhalt.

Exakt mit diesem „springenden Punkt“ beschäftigt sich auch Andreas Theurer in seinem erwähnten Buch. So schreibt er auf Seite 11:

„Was war zuerst? Schrift oder Tradition?
Meine Antwort dazu ist: Natürlich die Tradition!
Die Bibel, speziell das Neue Testament, und der Kanon der biblischen Bücher
sind das Produkt der kirchlichen Tradition, nicht umgekehrt!“

Sodann erläutert der Autor:

„Wo schlugen die damaligen Gläubigen nach, wie die Gemeinde zu organisieren war? Natürlich fragten sie die Apostel, die mit Jesus vor und nach seiner Auferstehung zusammen gewesen waren. Natürlich feierten sie die Sakramente so, wie es ihnen die Apostel beibrachten.“

Er fügt hinzu:

„Dass die Heilige Schrift nicht alles fasst, was Jesus gesagt und getan hat, und vieles mündlich überliefert wurde – davon gibt das Evangelium selbst Zeugnis: „Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat, Wenn aber eines nach dem anderen aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären“(Joh 21,25). – Die Urkirche lebte von Anfangt an aus der lebendigen Überlieferung.“

An dieser sowohl mündlichen wie schriftlichen Tradition der Apostel orientierten sich die urchristlichen Gemeinden.

Als die damaligen Gläubigen unter Kaiser Nero bereits im 1. Jahrhundert den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden, gab es noch kein Neues Testament  –  und nur wenige Apostelbriefe in einzelnen Gemeinden.

Gleichwohl bewährte sich die junge Christenschar in Rom mit ihren Märtyrern aus der Kraft der apostolischen Überlieferung und aus den Sakramenten der Kirche.

Wäre die Bibel tatsächlich die einzige Quelle des Glaubens, dann wären ausgerechnet die damaligen, oft so heldenhaften Christen  – abgesehen vom AT  – ohne Fundament gewesen. Davon kann aber keine Rede sein: sie standen im direkten Kontakt mit den Aposteln und ihren Mitarbeitern, mit dem also, was die kath. Kirche als „mündliche Tradition“ ansieht.

Somit steht der katholische Glaube auf dem Fundament der „göttlichen Offenbarung“, die gleichsam auf zwei Säulen emporrankt: auf der Heiligen Schrift und der apostolischen Überlieferung. Das kirchliche Lehramt wiederum versteht sich als der von Christus beauftragte „Hüter“ dieser Offenbarung Gottes.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster