Leben wir in einer Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen?

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

„Verteidiger einer untergehenden Kirche?“ lautet die Überschrift eines Artikels von Alois Knoller (Augsburger Allgemeine Zeitung vom 16.5.2019).

Knoller benutzt die Premiere des gleichnamigen Films von Christoph Röhl, um Kardinal Ratzinger als den Verteidiger des Glaubens „einer untergehenden Kirche“ zu zeichnen, in einer Welt, die sich „grundlegend gewandelt“ hat und in der „auch die katholische Kirche von den modernen Zeiten nicht unberührt blieb“.

Die Analyse von Röhl/Knoller ist falsch. Wer die prophetische Klarsicht des Theologen Joseph Ratzinger kennenlernen will, bräuchte nur nachzulesen, was er 1958 (!) über den Zustand der Kirche geschrieben hat:

„Die Statistik täuscht. Das dem Namen nach christliche Europa ist seit langem zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen heraus auszuhöhlen droht. Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst.“

Das heißt, dass die Betroffenen „sich nicht mehr einfach den Glauben zueignen, sondern eine sehr subjektive Auswahl aus dem Bekenntnis der Kirche zu ihrer eigenen Weltanschauung machen…, so dass ein großer Teil von ihnen vom christlichen Standpunkt her nicht mehr eigentlich gläubig genannt werden darf, sondern einer mehr oder weniger aufklärerischer Grundhaltung folgt, die zwar die moralische Verantwortlichkeit des Menschen bejaht, sie aber nach rein rationalen Erwägungen begründet und begrenzt.“ („Die neuen Heiden in der Kirche“, Hochland I/1959)

Knoller hängt seine Bewertung von Kardinal Ratzinger vor allem an den sexuellen Missbrauchsfällen in der Kirche auf. Er charakterisiert Kardinal Ratzinger als einen, „der aus tiefster Überzeugung nicht fassen konnte, dass von geweihten Amtsträgern in der Kirche schrecklichste Verbrechen verübt wurden.“

Knoller zieht dafür als Beleg das Doppelleben des Gründers der Legionäre Christi Marcial Maciel heran und unterstellt: „Warum hatte Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation Untersuchungen darüber hartnäckig unterdrückt?“.

Alois Knoller hätte leicht erfahren können, dass es gerade Kardinal Ratzinger war, der mit Nulltoleranz dagegen vorgegangen ist, als er davon – und auch bei weiteren Fällen – Kenntnis hatte.

Knoller versucht das Verhalten des Glaubenspräfekten wegen des „strengen Durchgreifens des Glaubenshüters gegen jeglichen Abweichler in der Kirche“ als besonders schwerwiegend hinzustellen.

Um seine Story abzurunden, obwohl sie mit der Titelgeschichte nichts zu tun hat, wird der Fall von Doris Wagner, „die als Ordensfrau missbraucht wurde“, herangezogen. Auch hier hätte Knoller erfahren können, dass es sich, wie durch Gerichte festgestellt wurde, um „einvernehmlichen Sex“ gehandelt hat.

Was bezweckt Alois Knoller mit dem Artikel „Verteidigung einer untergehenden Kirche?“

Die katholische Kirche sei durch die Aufdeckung der sexuellen Missbrauchsfälle „in die größte Krise seit Jahrhunderten geraten.“ – Hier verwundert, dass der Journalist, nach dem ca. 98% der Missbrauchsfälle in Familien und Vereinen geschehen, nicht darüber lamentiert, dass die Gesellschaft sich in der größten Krise befindet und nichts dagegen geschieht.

Wenn der Theologe Knoller die Kirchengeschichte besser kennen würde, wüsste er, dass die Kirche sich in den zurückliegenden 2000 Jahren schon mehrfach in einer tiefen Krise befand und sich immer wieder reformiert und verjüngt hat.

Warum zieht die Kritik gegen Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI.?

Etwa auch deswegen, weil Benedikt in seinem bekannten Brief zu den sexuellen Missbrauchsfällen einen Beitrag über die wahren Ursachen der jetzigen Krise brachte und Weg zu Umkehr und Erneuerung aufgezeigt hat, während andere in der Kirche im Bund mit den Medien eine „andere Kirche“ wollen? Ihnen steht Benedikt XVI. dabei im Weg!

Unser Autor Prof. Dr. Hubert Gindert ist Herausgeber der Monatszeitschrift FELS und Vorsitzender des Dachverbands „Forum Deutscher Katholiken“


Kirchenskandal in Münster: Bischöfliche Unklarheiten um Segnung einer „Homo-Ehe“

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 1-2/2018) erschien ein Artikel von Felizitas Küble (siehe Foto), der besonders aktuell ist angesichts der kürzlichen Vorschläge von Bischof Bode (Osnabrück) und Erzbischof Marx (München), in der katholischen Kirche eine Segnung von homosexuellen Paaren generell oder in Einzelfällen einzuführen.

Wir veröffentlichen den Text aus dem „Theologischen“, der sich mit ähnlichen Vorgängen im Bistum Münster befaßt, hier in voller Länge:

Seit dem 1. Oktober 2017 ist in der Bundesrepublik Deutschland die sogenannte „Ehe für alle“ staatlich eingeführt. Damit können bislang schon gesetzlich eingetragene „gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften“ der Ehe zwischen Mann und Frau komplett gleichgestellt werden  –  samt einem uneingeschränkten Adoptionsrecht inklusive.

Das klassische Alleinstellungsmerkmal der herkömmlichen Ehe wird auf diese Weise erstmalig  in der Geschichte der Menschheit von staatlicher Seite her zerstört und damit zugleich die tragenden Fundamente der traditionellen Familie untergraben. Es handelt sich hierbei um einen geradezu irrwitzigen Aufstand gegen die Gesetze der Natur und gegen die Schöpfungsordnung Gottes, welche die menschliche Sexualität mit dem Sinngehalt gegenseitiger Ergänzung und mit der Fortpflanzung verbindet.

Infolge dieser rasanten Entwicklung wächst der Druck auf die Christenheit nach einer Segnung oder gar kirchlichen „Trauung“ homosexueller Beziehungen. In den meisten evangelischen Landeskirchen in Deutschland (nämlich in 16 von 20) wird eine öffentliche Segensfeier erlaubt, in einigen Landeskirchen der EKD ist sogar eine „Eheschließung“ möglich.

Die evangelikalen, also theologisch konservativen Strömungen im Protestantismus lehnen derartige Zeremonien durchweg ab, darunter auch die weltweite Evangelische Allianz. Neben der katholischen Kirche sprechen sich auch die orthodoxen und altorientalischen Konfessionen gegen eine Segnung oder gar Trauung gleichgeschlechtlicher Beziehungen aus.

Als im Jahre 2008 eine kirchliche Segensfeier für eine eingetragene homosexuelle Partnerschaft im Wetzlarer Dom stattfand, wurde der betreffende Priester durch den damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst von seinem Amt als Bezirksdekan abberufen.

Während sich entsprechend der vatikanischen Linie sowohl die Deutsche wie die Schweizer Bischofskonferenz gegen eine Segnung lesbischer oder schwuler Lebensgemeinschaften wendet, fordert das Laiengremium „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ im Mai 2015 die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare  – und dies sogar in einem einstimmigen Beschluss.

Eine derartige Entschließung wirkt von katholischer Seite her noch absonderlicher als von protestantischer, weil die Ehe unter Getauften in der Kirche Christi seit jeher als heiliges Sakrament gewürdigt wird, so dass die Ehe nicht „nur“ zur Schöpfungsordnung Gottes gehört, sondern sogar Bestandteil der Heils- und Erlösungsordnung ist.

Daher sind kirchliche Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare katholischerseits grundsätzlich nicht gestattet.

Umso mehr reibt man sich die Augen, was die Internet-Ausgabe der „Rheinischen Post“ (RP-online) zu berichten weiß. Schon der Titel des Artikels vom 16. September 2017 klingt äußerst gewöhnungsbedürftig: „Emmericher Bürgermeister heiratet  – Männer-Paar feiert Vermählung in Kirche.“ – Und zwar wohlgemerkt in einem katholischen Gotteshaus – genauer: in der Kirche St. Johannes im kleinen Deichdörfchen Bislich, die zur Pfarrgemeinde St. Nikolaus in Wesel gehört.

Selbst die „Rheinische Post“ wundert sich – und das will etwas heißen: „Schon in der Stadt wäre solch ein Gottesdienst ungewöhnlich – auf dem Dorf ist er es erst recht.“

Der Bericht von Sebastian Peters bemerkt einleitend:

„Der Emmericher Bürgermeister Peter Hinze (SPD) heiratet seinen Lebensgefährten Hubertus Pooth aus Wesel-Bislich. Auch in der katholischen Kirche Bislich wird gefeiert. Pfarrer Sühling will „um den Segen Gottes für Menschen bitten, die in Beziehungen leben“.“

Auch wenn jene geplante Segensfeier im Rahmen eines Wortgottesdienstes laut Aussagen von Pfarrer Stefan Sühling selbstverständlich keine gültige bzw. sakramentale „Vermählung“ darstelle, so ist auch eine amtliche Segenshandlung für gleichgeschlechtliche Partner – mögen sie nun zivil „verheiratet“ sein oder nicht –  ein schwerwiegender Verstoß gegen das biblische und moraltheologische Nein zu  gleichgeschlechtlichen Handlungen bzw. entsprechenden sexuellen Beziehungen.

Darüber hinaus ist ein solches Vorgehen auch pastoral unverantwortlich, denn es sorgt für Ärgernis unter Gläubigen, stiftet Verwirrung und begünstigt die verirrte Ansicht, wonach die sog. „Ehe für alle“ eigentlich eine gute oder zumindest akzeptable Angelegenheit sei, die einen kirchlichen Segen wohl verdiene.

Diese ohnehin schon skandalöse Causa erhält dadurch noch eine besondere „Spitze“, dass es sich bei dem betreffenden Geistlichen Stefan Sühling um einen Domkapitular des Bistums Münster handelt:

Dieser Priester war zunächst ab 2004 Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Generalvikariat von Bischof Dr. Felix Genn (siehe Foto).

Ab 2010 kam er als Pfarrer nach Wesel. Im selben Jahr wurde er vom Münsteraner Oberhirten zum nichtresidierenden Domkapitular am Hohen Dom zu Münster ernannt und damit besonders gewürdigt.

Mit anderen Worten: Pfarrer Sühling war und ist ein hochrangiger Würdenträger und gehört als Domkapitular zur obersten kirchlichen Elite des Bistums.

Nachdem der erwähnte Zeitungsbericht sowie WDR-Sendungen und mehrfache „grelle“ Artikel in der BILD-Zeitung in katholischen Kreisen für Unruhe sorgten und z.B. auf diversen Internetseiten zu Protesten führte, zog die Bistumsleitung in Münster gleichsam die Notbremse.

Bischof Dr. Felix Genn untersagte die geplante Segensfeier, wobei Bistumssprecher Stephan Kronenburg gegenüber dem evangelischen epd-Pressedienst zeitgeistbeflissen erklärte: „Es geht dem Bistum nicht darum, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft herabzuwürdigen.“

Es sei aber in der Öffentlichkeit der Eindruck aufgekommen, als werde eine „homosexuelle Hochzeit“ gefeiert. Im bischöflichen Ordinariat habe es kritische Anfragen dazu gegeben. Das Bistum wolle verdeutlichen, dass es „einen Unterschied“ zwischen dem Ehe-Sakrament und einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gebe.

Der Bischof von Münster ist mit dieser Maßnahme immerhin seiner Hirtenpflicht nachgekommen. Die Begründung seines Sprechers wirkt allerdings gewunden und an den Haaren herbeigezogen, zumal von vornherein klar war, dass jene geplante Segnung keine sakramentale Eheschließung sein sollte. Dass dies auf homosexueller Ebene kirchlich ohnehin nicht möglich ist, versteht sich am Rande.

Nicht in erster Linie wegen einer angeblich möglichen „Verwechslungsgefahr“ ist eine Segensfeier für gleichgeschlechtliche Paare unerlaubt, sondern weil praktizierte Homosexualität nicht der göttlichen Schöpfungsordnung entspricht und den Geboten Gottes widerspricht. Dies durch einen kirchlichen Segen zu würdigen, wäre widersinnig.

Nachdem sich der bischöfliche Pressesprecher von Anfang an in diesem Falle nicht eindeutig ausgedrückt hatte, sorgte er einige Tage später für einen weiteren „Knall“:

Laut einem Bericht der „Rheinischen Post“ bzw. RP-online vom 28. September erklärte Kronenberg, der von Pfarrer Sühling geplante Segen für jene homosexuelle Partnerschaft sei an sich völlig korrekt gewesen: „Kronenburg betonte noch einmal, dass Sühling richtig gehandelt habe und die geplante Form für das gleichgeschlechtliche Paar eigentlich angemessen gewesen sei.“

Zudem teilte der Bistumssprecher der Zeitung mit, dass sich „Bischof Felix Genn nach der Berichterstattung dazu gezwungen gesehen habe, den Wortgottesdienst abzusagen“.

Man beachte: Der Oberhirte von Münster sah sich offenbar nicht etwa aufgrund inhaltlicher Gesichtspunkte veranlasst, eine solche Segnung zu unterbinden, sondern lediglich „nach der Berichterstattung“ hierüber. –  Mit anderen Worten: Ohne öffentlichen Druck wäre offenbar kein Verbot erfolgt, glaubt man den Worten des Bischofssprechers. Ein Skandal sondergleichen!

Dies umso mehr, als Bürgermeister Hinze durchaus zu verstehen gab, dass es ihm mit seinem Segenswunsch um ein „politisches“ Signal ging, nicht so sehr um ein religiöses Anliegen. Wollte der SPD-Kommunalpolitiker die Kirche quasi „vorführen“? Falls ja, ist ihm dies leider allzu gut gelungen.

Die „Rheinische Post“ vom 28. September berichtet, er habe den geplanten Wortgottesdienst als „politische Botschaft“ verstanden; sie zitiert ihn zudem wie folgt: „Wenn es nicht möglich ist, Kirche von oben zu ändern, dann ist es ist aber dennoch wichtig, an der Basis ein Zeichen zu setzen, dass wir in anderen Zeiten leben als vor 20 Jahren.“

Dass das bischöfliche Verbot der Segensfeier allein dem wachsenden Druck zu verdanken ist, hat Domkapitular Sühling selber bestätigt. Der vorhin erwähnten Tageszeitung sagte er unumwunden: „Die Öffentlichkeit, die in dieser Sache entstanden ist, hat es mir nicht möglich gemacht, diesen Wortgottesdienst zu begehen. Das bedauere ich.“

Derweil geht die kontroverse Debatte über Emmerich hinaus weiter. Die „Ruhr-Nachrichten“ haben bei einigen Pfarrern in Selm (ebenfalls im Bistum Münster gelegen) nachgefragt und die Ergebnisse am 2. Oktober 2017 in einem Bericht veröffentlicht:

Der katholische Dechant Claus Themann gab sich recht zeitgeistlich: „Würden Paare anfragen, so ist es angemessen mit ihnen über ihren Glauben zu sprechen, ihre Wünsche. Und ich bin mir sicher, dann findet sich auch ein gemeinsamer Weg.“   –  Ähnlich reagierte der evangelische Pfarrer Lothar Sonntag, was wenig erstaunt, zumal protestantische Kirchenleitungen seit langem eine Segnung von Homo-Paaren befürworten.

Pater Gregor Pahl, katholischer Pfarrer in der altehrwürdigen, romanischen Klosterkirche in Cappenberg, zeigt hingegen eine klare, heutzutage schon als mutig einzustufende Haltung: „Ich würde und könnte einer solchen Bitte auch nicht entsprechen.“

Er erinnerte die Zeitung daran, dass die Katholische Bischofskonferenz eine Segnung gleichgeschlechtlicher Partner ablehnt.

Selbst wenn klar sei, dass es sich hierbei nicht um eine eigentliche Eheschließung handle, könne eine Segensfeier zu Verwirrung und Streit unter Gläubigen führen.

Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation am 3. Juni 2003 eine Stellungnahme zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften abgab. Unter dem Titel „Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen“ wird eine kirchliche Akzeptanz eheähnlicher, gleichgeschlechtlicher Partnerschaften abgelehnt.

Die Gläubigen, besonders katholische Politiker, werden zum Widerstand gegen deren Legalisierung aufgerufen. Die vatikanische Klarstellung führte erwartungsgemäß zu Protesten bei Grünen, SPD und FDP.

Der damalige stellv. CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach wies hingegen darauf hin, dass die katholische Kirche lediglich ihre bisherige Lehre bekräftigt habe; er gehe davon aus, dass „jeder katholische Abgeordnete“ die vatikanischen Worte „bei seiner Entscheidungsfindung berücksichtigen“ werde.

In der Erklärung der Glaubenskongregation wird erläutert, dass die christlich geforderte „Achtung gegenüber homosexuellen Personen in keiner Weise zur Billigung des homosexuellen Verhaltens oder zur rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften“ führen dürfe. Es geht hierbei um eine grundsätzliche Unterscheidung von Person und Sache gemäß dem Leitwort des hl. Augustinus: „Hasse den Irrtum, aber liebe den Irrenden.“

Felizitas Küble aus Münster, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks, Mail: felizitas.kueble@web.de

 


Was Papst Benedikt zur „umstrittenen“ Versuchungs-Bitte im Vaterunser sagte

Was sagte Kardinal Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. zur derzeit viel diskutierten sechsten Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“? 

In einem im August 2000 geführten Interview mit Ratzinger, dem damaligen Glaubenspräfekten und späteren Papst Benedikt XVI.,  ging Peter Seewald auch auf das Vaterunser ein.
Auf „Kathnews“ wurden jetzt die diesbezüglichen Passagen aus dem Ratzinger-Buch „Gott und die Welt. Ein Gespräch mit Peter Seewald“ (S. 232) dokumentiert:

Peter Seewald: „Im Vaterunser heißt es an einer Stelle ‚und führe uns nicht in Versuchung‘. Warum soll ein liebender Gott uns in Versuchung führen wollen? Ist das ein Übersetzungsfehler. Frère Roger, der Gründer der Bewegung von Taizé, einer ökumenischen Ordensgemeinschaft in Frankreich, hat vorgeschlagen man möge beten: ‚Und lasse uns nicht in Versuchung.‘“

Kardinal Ratzinger:

„Daran wird ja viel herumgekaut. Ich weiß, das Adenauer den Kardinal Frings bedrängt hat, das könne ja so, wie es da steht, nicht stimmen. Wir kriegen auch immer wieder Briefe in dieser Richtung. Das ‚Führe uns nicht in Versuchung‘ ist in der Tat die wörtliche Übersetzung des Textes. Natürlich entsteht die Frage, was das eigentlich bedeutet?

Der Betende weiß, dass Gott ihn nicht ins Schlechte hineindrängen will. Er bittet Gott sozusagen um sein Geleit in der Versuchung.

Der Jakobus-Brief sagt ausdrücklich, Gott, in dem kein Schatten von Finsternis ist, versucht niemanden. Aber Gott kann uns auf die Probe stellen – denken  wir an Abraham -, um uns reifer zu machen, um uns mit unserer eigenen Tiefe zu konfrontieren, und um uns dann erst wieder vollends zu sich selber zu bringen.

Insofern hat auch das Wort ‚Versuchung‘ verschiedene Schichten. Gott will uns nicht zum Bösen anleiten, das ist klar. Aber sehr wohl kann es sein, dass er die Versuchungen nicht einfach von uns weghält, dass er uns, wie gesagt, durch Prüfung hilft und auch führt.

Wir bitten ihn jedenfalls darum, dass er uns nicht in Versuchungen geraten läßt, die uns ins Böse abgleiten lassen würden; dass er uns nicht Prüfungen auferlegt, die unsere Kräfte überschreiten würden; dass er die Macht nicht aus der Hand gibt, um unsere Schwachheit weißt und uns daher schützt, damit wir ihm nicht verlorengehen.“

Quelle: http://www.kathnews.de/und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung


Papst Benedikt begründet sein NEIN zur Befreiungstheologie

Die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ veröffentlichte am 7. März dieses Jahres ein Interview mit dem emeritierten Papst Benedikt, wobei er auch auf seine frühere Arbeit als Präfekt der Glaubenskongregation zu sprechen kommt.

Die erste große Aufgabe, die sich dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger Anfang der 80er Jahre stellte, war die „Theologie der Befreiung“ mit ihrer zuweilen durchaus marxistischen Einfärbung. Hierzu erläutert der Ruhestands-Papst Folgendes: 1_0_668126

„Die erste große Herausforderung war die Befreiungstheologie, die sich in Lateinamerika ausbreitete. Sowohl in Nordamerika als auch in Europa war es allgemeine Auffassung, daß es sich um die Unterstützung der Armen handele und deshalb eine Sache war, der man uneingeschränkt zustimmen müsse. Aber das war ein Irrtum.

Armut und Arme waren sicher ein Thema der Befreiungstheologie, aber auf eine sehr spezifische Weise (…) Es ging nicht um Hilfe und Reformen sondern um einen großen Umsturz, aus dem eine neue Welt entstehen sollte. Der christliche Glaube wurde als Motor für diese revolutionäre Bewegung benutzt und so in eine typisch politische Kraft verwandelt.(…)

Natürlich wurden diese Ideen in verschiedenen Varianten präsentiert -nicht immer in gleicher Klarheit-aber insgesamt war das die Richtung. Einer solchen Verfälschung des Glaubens mußte man sich entgegenstellen  –  gerade wegen der Liebe zu den Armen und den Dienst an ihnen.

Auf der Basis der Erfahrungen, die er in seiner Heimat Polen gemacht hatte, versorgte uns Papst Johannes Paul II mit den notwendigen Erklärungen. Er hatte die Versklavung gesehen, mit der die marxistische Ideologie sich zur Patin der Befreiungstheologie gemacht hatte.

Aus seiner schmerzlichen Erfahrung ergab sich ganz klar, daß es nötig war dieser Art Befreiung entgegen zu treten. Andererseits  hatte gerade die Situation in seiner Heimat gezeigt, daß die Kirche wirklich für Freiheit und Befreiung handeln mußte- nicht politisch, sondern indem sie in den Menschen durch den Glauben, die Kräfte für eine wahre Befreiung entwickelte.

Der Papst leitete uns an, die Aspekte in der Breite zu behandeln und so eine falsche Befreiungsidee zu demaskieren und andererseits die authentische Berufung der Kirche zur Befreiung des Menschen auszubreiten. Das haben wir in den beiden Instruktionen über die Befreiungstheologie, die während meiner Zeit in der Kongregation entstanden, zu tun versucht.“

Quelle und vollständiger Text hier: http://beiboot-petri.blogspot.de/2014/03/joseph-ratzinger-mein-leben-mit-dem.html


Kirchliche Rechtsvorschriften für „Heilungsgebete“, charismatische Heilungsgottesdienste etc.

In einer Instruktion der päpstlichen Glaubenskongegration vom 14.9.2000 wurden abschließend verbindliche Bestimmungen erlassen, die sog. „Heilungsgebete“ und entsprechende Versammlungen bzw. „Heilungsgottesdienste“ etc. regeln.  Charismatische Großveranstaltung

Nach eingehenden theologischen Ausführungen enthält das vom damaligen Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger und seinem Sekretär Tarcisio Bertone unterzeichnete Dokument präzise kirchenrechtliche (disziplinäre) Bestimmungen zu diesem Themenspektrum, die wir hier vollständig zitieren:

II. DISZIPLINÄRE BESTIMMUNGEN

Art. 1  –  Es ist jedem Gläubigen gestattet, in Gebeten Gott um Heilung zu bitten. Wenn solche Gebete in einer Kirche oder an einem anderen heiligen Ort stattfinden, ist es angemessen, dass ein geweihter Amtsträger sie leitet.

Art. 2  –  Heilungsgebete gelten als liturgische Gebete, wenn sie in den liturgischen Büchern enthalten sind, die von der zuständigen kirchlichen Autorität approbiert sind; andernfalls handelt es sich um nicht liturgische Gebete.

Art. 3  –  § 1. Liturgische Heilungsgebete werden nach dem vorgeschriebe nen Ritus und mit den liturgischen Gewändern gefeiert, die im Ordo benedictionis infirmorum des Rituale Romanum angegeben sind.

§ 2.  Gemäß den Praenotanda desselben Rituale Romanum können die Bischofskonferenzen im Ritus der Krankensegnungen nach vorausge hender Prüfung durch den Heiligen Stuhl die Anpassungen vornehmen, die sie für pastoral angemessen oder eventuell notwendig halten.

Art. 4  –  § 1. Der Diözesanbischof hat das Recht, für die eigene Teilkirche gemäß can. 34 CIC Normen für liturgische Heilungsgottesdienste zu erlassen.

§ 2.  Jene, die für die Vorbereitung solcher liturgischer Feiern zuständig sind, haben sich bei ihrer Durchführung an die genannten Normen zu halten.

§ 3.  Die Erlaubnis für diese Gottesdienste muss ausdrücklich gegeben sein, auch wenn Bischöfe oder Kardinäle sie organisieren oder daran teilnehmen. Wenn ein gerechter und entsprechender Grund vorliegt, hat der Diözesanbischof das Recht, einem anderen Bischof gegenüber ein Verbot auszusprechen.

Art. 5  –  § 1.  Nicht liturgische Heilungsgebete, die auf Grund ihrer Eigenart von liturgischen Feiern unterschieden werden müssen, sind Zusammenkünfte zum Gebet und zur Lesung des Wortes Gottes, über die der Ortsordinarius gemäß can. 839 § 2 CIC wacht.

§ 2.  Es ist sorgfältig zu vermeiden, diese freien, nicht liturgischen Gebete mit liturgischen Gottesdiensten im eigentlichen Sinn zu verwechseln.

§ 3.  Es ist darüber hinaus notwendig, darauf zu achten, dass beim Ablauf solcher Feiern – vor allem von Seiten jener, die sie leiten – nicht auf Formen zurückgegriffen wird, die dem Hysterischen, Künstlichen, Theatralischen oder Sensationellen Raum geben.

Art. 6  –  Über den Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel, vor allem des Fernsehens, während der liturgischen oder nicht liturgischen Heilungsgebete wacht der Diözesanbischof gemäß can. 823 CIC und den Richtlinien, die von der Kongregation für die Glaubenslehre in der Instruktion vom 30. März 1992 erlassen wurden.

Art. 7  –  § 1.  Unter Beibehaltung der oben angeführten Bestimmungen von Art. 3 und mit Ausnahme der Gottesdienste für die Kranken, die in den liturgischen Büchern vorgesehen sind, dürfen in die Feier der heiligen Eucharistie, der Sakramente und des Stundengebetes keine liturgischen oder nicht liturgischen Heilungsgebete eingefügt werden.

§ 2.  Bei den in § 1 erwähnten Feiern besteht die Möglichkeit, in den Fürbitten besondere Gebetsintentionen für die Heilung von Kranken einzufügen, wenn dies vorgesehen ist.

Art. 8  –  § 1.  Der Dienst des Exorzismus muss gemäß can. 1172 CIC, dem Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre vom 29. September 1985 und dem Rituale Romanum(32) unter Weisung des Diözesanbischofs ausgeübt werden.

§ 2.  Die im Rituale Romanum enthaltenen Exorzismusgebete müssen von den liturgischen und nicht liturgischen Heilungsgottesdiensten unterschieden bleiben.

§ 3.  Es ist streng verboten, solche Exorzismusgebete in der Feier der heiligen Messe, der Sakramente oder des Stundengebetes einzufügen.

Art. 9  –  Jene, die liturgische oder nicht liturgische Heilungsgottesdienste leiten, müssen sich bemühen, in der Versammlung ein Klima echter Andacht zu bewahren, und die notwendige Klugheit walten lassen, wenn unter den Anwesenden Heilungen erfolgen; nach Beendigung der Feier sollen sie etwaige Zeugnisse mit Einfachheit und Sorgfalt sammeln und der zuständigen kirchlichen Autorität vorlegen.

Art. 10  –  Der Diözesanbischof hat pflichtgemäß einzugreifen, wenn bei liturgischen oder nicht liturgischen Heilungsgottesdiensten Missbräuche vorkommen und ein offensichtliches Ärgernis für die Gemeinschaft der Gläubigen vorliegt oder wenn schwerwiegend gegen die liturgischen oder disziplinären Normen verstoßen wird.

Papst Johannes Paul II. hat in einer dem unterzeichneten Präfekten gewährten Audienz die vorliegende Instruktion, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 14. September 2000, dem Fest Kreuzerhöhung.

+ Joseph Kardinal Ratzinger,
Präfekt

+ Tarcisio Bertone S.D.B.,
Erzbischof em. von Vercelli,
Sekretär


Papst: „Damit der Mensch erlöst werde, brauchen wir den Erlöser“

Als der Papst noch Kardinal Joseph Ratzinger hieß, hielt er am 9. Mai 2003 eine Rede auf dem Symposium „Johannes Paul II.: 25 Jahre Pontifikat“, wobei er sich auch über den Zusammenhang von Glaube und Vernunft äußerte.

Am Ende seiner Ansprache bezog er sich wie folgt auf  Josef Pieper, einen namhaften kath. Philosophen aus Münster:

„Josef Pieper hat einmal den Gedanken geäußert,
dass in der „letzten Epoche der Geschichte,
unter der Herrschaft von Sophistik und korrupter Pseudophilosophie,
die wahre Philosophie sich in die uranfängliche Einheit mit der Theologie
zurückbegeben könnte“, 
dass also am Ende der Geschichte
„die Wurzel aller Dinge und die äußerste Bedeutung der Existenz 
–  das heißt doch: der spezifische Gegenstand des Philosophierens  –
nur noch von denen in den Blick genommen und bedacht wird,
die glauben“.

Nun, wir stehen  –  so weit wir sehen können  –  nicht am Ende der Geschichte. Aber wir stehen in der Versuchung, der Vernunft ihre wahre Größe zu verweigern.

Und da sieht es der Papst mit Recht als Aufgabe des Glaubens an, die Vernunft neu zum Mut der Wahrheit zu ermutigen.

Ohne Vernunft verfällt der Glaube; ohne Glaube droht die Vernunft zu verkümmern.

Es geht um den Menschen. Aber damit der Mensch erlöst werde, brauchen wir den Erlöser  –  brauchen wir Christus, den Menschen, der Mensch und Gott in einer einzigen Person ist.“


Symposion zur „Diktatur des Relativismus“ am 2./3. Juni 2012 in Heiligenkreuz

Mit der „Diktatur des Relativismus“ beschäftigt sich ein internationales Symposion, das die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz am 2. und 3. Juni 2012 veranstaltet.

Dazu habe man bedeutende Philosophen und Denker der Gegenwart gewinnen können, wie die Hochschule in einer Aussendung mitteilte, darunter den Pariser Philosophen und Inhaber des Guardini-Lehrstuhls in München Remie Brague.

Inhaltlicher Ausgangspunkt der Tagung ist die vielbeachtete Predigt des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger zur Eröffnung des Konklaves 2005, als er den Begriff der „Diktatur des Relativismus“ prägte. Am nächsten Tag wurde er zum Papst gewählt.

Kardinal Ratzinger warnte damals vor einer Diktatur des Relativismus, „die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“

Soweit die Meldung von „Radio Vatikan“  –  und hier unser Grundsatzartikel dazu:

Der Papst und sein Selbstverständnis als „Mitarbeiter der Wahrheit“

Vor über 7 Jahren, am 18. April 2005, schlug eine geistige „Bombe“ in die Medienlandschaft und den Rest der Welt ein: Joseph Ratzinger, damals Kardinal (einen Tag später war er Papst), wandte sich in einer aufsehenerregenden Predigt im Petersdom glasklar gegen die „Diktatur des Relativismus“.

Mit solch unerbittlichen, geradezu „provokativ“ erscheinenden Worten dem Zeitgeist die Stirne zu bieten, das war selbst für den – von linker Seite gern als „Panzerkardinal“ und „Großinquisitor“ diffamierten – Kardinal Joseph Ratzinger durchaus etwas ungewöhnlich.

Diese Überraschung mag für die auf den Punkt gebrachte Deutlichkeit der Aussagen gelten, nicht jedoch für ihre grundsätzliche Ausrichtung, denn das theologische  Zauberwort, gewissermaßen der Zentralbegriff im Denken Joseph Ratzingers kreiste immer schon um die Wahrheit – genauer: die Freude an der Wahrheit.

Dabei konnte sich der geistreiche Denker auf den gewiß noch brillanteren Denker Paulus berufen, denn der Apostel verkündete im vielzitierten Schlußteil seines Briefs an die Korinther: „Die Liebe freut sich an der Wahrheit.“ (1 Kor 13).

Nun kommt der Clou: Die Freude an der Wahrheit letzt logisch voraus, daß es „die Wahrheit“ als solche tatsächlich gibt. Dieses Bestehen auf der „Wahrheit an sich“ stellt ein Gegenprogramm zum modernen Relativismus dar, der jedes Festhalten an einer objektiven, unveränderlichen oder gar „absoluten“ Wahrheit infragestellt oder als „intolerant“ bzw. „fundamentalistisch“ mißdeutet.

„Sollte Gott gesagt haben…?“

Dieser Relativismus ist in Wirklichkeit nicht neu, sondern so alt wie die Menschheit bzw der Sündenfall von Adam und Eva, dem die skeptische Frage der Schlange vorausging: „Sollte Gott gesagt haben?“ – Für diesen Relativismus steht auch der römische Statthalter Pontius Pilatus mit seiner skeptischen Rückfrage an Christus: „Was ist Wahrheit?“

Von diesem kleinen Ausflug in die Heils- bzw Unheils-Geschichte zurück zur kirchlichen Gegenwart:

1990 veröffentlichte Kardinal Ratzinger im Echter-Verlag sein Buch „Mitarbeiter der Wahrheit“ –  dieser Titel kommt nicht von ungefähr, sondern entstammt wörtlich seinem selbstgewählten bischöflichen Wahlspruch „Cooperatores veritatis“ (auf deutsch: „Mitarbeiter der Wahrheit“). Dieses Leitwort wiederum bezieht sich auf den 3. Johannesbrief (3 Joh 8) im Neuen Testament.

Der Paukenschlag gegen die „Diktatur des Relativismus“, den Kardinal Ratzinger am 18. April 2005 vollzog, fand auch auf protestantischer Seite große Beachtung, wenngleich vielfach in ablehnender Hinsicht – anders hingegen in theologisch konservativen evangelischen Kreisen: Dort überwog die Zustimmung zu diesem zeitkritischen „Signalwort“.

Beispielhaft sei auf den namhaften evangelischen Philosophen Günter Rohrmoser verwiesen, der 2007 eine Publikation mit dem Titel „Diktatur des Relativismus“ veröffentlichte: 2 Jahre nach der betreffenden Ratzinger-Ansprache.

Auch die evangelikale KSSB (Kirchliche Sammlung für Bibel und Bekenntnis) engagierte sich in diesem Sinne, denn ihre Jahrestagung vom 11. bis 13. Juli 2008 in Riederau stellte sie unter das Leitwort: „Was ist Wahrheit?“

Einer der Redner war besagter Prof. Dr. Günter Rohrmoser; der Titel seines Vortrags lautete: „Warum wir die Wahrheit nicht mehr ertragen – Über die Diktatur des Relativismus.“ – Nur 2 Monate später, am 15. September 2008, verstarb dieser bekannte schwäbische Philosoph.

Das Ratzinger-Schlüsselwort fand auch in politischen Kreisen Beachtung. Ein Jahr nach der Papstwahl veröffentlichte die Professorin Janne Haaland Matláry ihr Buch „Veruntreute Menschenrechte – Droht eine Diktatur des Relativismus?’ im Augsburger St-Ulrich-Verlag.

In dem 2006 erschienenen Werk wendet sich die norwegische Spitzenpolitikerin gegen eine (un)geistige Gleichschaltung durch die allgegenwärtige „Political Correctness“. Die 1957 geborene Mutter von vier Kindern, die von 1997 bis 2000 als stellv. Außen-ministerin Norwegens amtierte, ist Mitglied des „Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden“.

In ihrem Sachbuch beleuchtet die Politikwissenschaftlerin anhand zahlreicher Beispiele, wie das Schlagwort von den „Menschenrechten“ heute vielfach manipuliert wird, etwa wenn es als Hebel zur politischen Begünstigung von Minderheiten und zur Zerstörung von Ehe und Familie mißbraucht wird. Die Autorin warnt vor einer zunehmenden „Umwertung“ abendländischer Werte und entlarvt dies als „Diktatur des Relativismus“.


„Eine gefährliche Versuchung“

Auch der kath. Publizist Martin Lohmann, mittlerweile Sprecher des AEK (Arbeitskreis engagierter Katholiken in der CDU), verteidigte vehement die „umstrittene“ Ratzinger-Doktrin von der „Diktatur des Relativismus“ und bezeichnete den Relativismus als „gefährliche Versuchung“.

Im Rahmen der Initiative „Europa für Christus“ fragte er: „Gibt es Wahrheit? Gibt es heute noch Wahrheit? Gibt es gar so etwas wie d i e Wahrheit?“

Lohmanns Antwort: „Allen Unkenrufen zum Trotz sucht sie auch der moderne Mensch. Ja, auch und erst recht der aufgeklärte Mensch des dritten Jahrtausends trägt eine Sehnsucht nach der Wahrheit in sich.“

Der Autor unterscheidet dabei den ideologischen Relativismus von der Tugend der Toleranz und weist darauf hin, daß der Relativismus, der alles für „gleich gültig“ hält, letztlich zur Gleichgültigkeit führt. Die Toleranz hingegen bezieht sich nicht auf eine Verwässerung der Inhalte, sondern auf Personen, auf den zwischenmenschlichen Respekt unter Andersdenkenden:

„Und so dehnt sich der Irrtum aus, dass nur der tolerant ist, der alles für gleich gültig hält und hierbei noch seinen eigenen Standpunkt relativiert. Dabei kommt Toleranz vom lateinischen „tolerare“, was so viel heißt wie „tragen, ertragen“. Von „Relativieren“ ist da nicht die Rede. Im Gegenteil: Tolerant ist der, der den Irrtum seines Nächsten erträgt, ihm aber zugleich nicht verschweigt, dass er einem Irrtum erlegen ist.

Wenn aber alles wahr ist, selbst das Gegenteil, dann ist nichts mehr wahr. Dann gibt es nichts mehr, worauf man sich verlassen kann. Der christliche Denker René Girard weiß: „Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, werden alle Wahrheiten gleich behandelt – und das zwingt den Menschen, banal und oberflächlich zu bleiben.“

Konsequenzen für das eigene Leben scheuen, sich nicht festlegen, alles für gültig halten und alles für ungültig – das mag bequem erscheinen. Letztlich ist es aber zutiefst unmenschlich und freiheitsberaubend…. Nur die Verankerung im Guten und Belastbaren öffnet Räume der Freiheit und macht fähig, in allem angstfrei und wirklich tolerant zu sein. Niemand braucht Angst vor Klarheit und Wahrheit zu haben. Wer die Gefahr des Relativismus erkennt, wird erwachsen und im wahrsten Sinn des Wortes aufgeklärt.“

Soviel zur „Wirkungsgeschichte“ des Ratzinger-Wortes von der „Diktatur des Relativismus“ – und nun zur Predigt selbst, jener als sensationell empfundenen Ansprache Ratzingers vor den Kardinälen im Petersdom am 18. April 2005, einen Tag vor seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche:

Vor dem Hochalter stand der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, der 78-jährige deutsche Theologe Joseph Ratzinger. War er auch nicht der jüngste, so doch einer der geistreichsten unter den Versammelten.

Er predigte über die Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser, worin es im 4. Kapitel heißt: „…daß wir nicht unmündig sein sollen, uns nicht umher-treiben und bewegen lassen von jeglichem Wind der Lehre, die durch Bosheit und Täuschungen von Menschen zustande kommen, womit sie uns einfangen und verführen.“

Kardinal Ratzinger bezeichnete diese biblischen Worte als „sehr aktuell“ und erläuterte sodann seine geistesgeschichtliche Sicht von Kirche und Welt:

„Wie viele Winde der Lehre haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt! Wie viele ideologische Strömungen! Wie viele Moden des Denkens… Das Schifflein des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen bewegt worden, umhergeworfen von einem Extrem zum anderen: Vom Marxismus über den Liebe-ralismus bis hin zur Libertinage; vom Kollektivismus zum radikalen Individualis-mus; vom Atheismus zu einer vagen religiösen Mystik; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter.“

Das waren bereits betont zeit(geist)kritische Worte – doch es kam noch glasklarer:

„Jeden Tag entstehen neue Sekten – und es verwirklicht sich, was der hl. Paulus über den Betrug der Menschen sagt: über ihre Bosheit, in den Irrtum zu führen. Einen klaren christlichen Glauben gemäß dem Credo (Glaubensbekenntnis) der Kirche zu vertreten, wird häufig als „Fundamentalismus“ etikettiert.

Dabei erscheint der Relativismus, das Sich-treiben-lassen hierhin und dorthin von jedwedem Wind der Lehre, als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit. Es bildet sich eine Diktatur des Relativismus heraus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Bedürfnisse gelten läßt.“

„Die Herde Christi führen“

Joseph Ratzinger, der Dekan des Kardinals-Kollegiums, setzte diesem weitverbreiteten Relativismus einen anderen, den soliden christlichen Standpunkt entgegen:

„Reif ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt. Erwachsen und reif ist ein Glaube, der zutiefst verwurzelt ist in der Freundschaft mit Christus; sie gibt uns das Kriterium zur Unterscheidung zwischen wahr und falsch, zwischen Betrug und Wahrheit. Diesen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen.“

Diese Worte waren offensichtlich mehr als eine fromme Predigt, sie stellten vielmehr eine klare Kampfansage an den modernen Relativismus dar  –  und sie wurden auch so verstanden und daher vielfach bekämpft.

Für jene, die sich in päpstlicher Wortwahl auskennen, zeigte diese Ansprache sogar manche Anklänge  an die frühere  kirchliche Auseinandersetzung mit dem sog. „Modernismus“:

Dieser Abwehrkampf ist vor allem mit dem Namen des hl. Papst Pius X. verknüpft, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen den theologischen „Modernismus“ wandte.

Dieser Geistesrichtung offenbarte sich in der Leugnung zentraler Glaubenslehren und der aufkommenden „Bibelkritik“, auch mit der Infragestellung der in der Heiligen Schrift bezeugten Wunder.

Mit der Enzyklika (dem päpstlichen Weltrundschreiben) „Pascendi“ vom September 1907 sorgte Pius X. verurteilte Pius X. zahlreiche philosophische und theologische Irrtümer. Die Anfangsworte dieser Enzyklika „Pascendi dominici gregis“ (auf deutsch: „Die Herde des Herrn leiten“) gaben dem päpstlichen Rundschreiben seinen Namen „Pascendi“.

Mit diesen Worten „Die Herde Christi leiten“ beendete Kardinal Joseph Ratzinger seine programmatische Ansprache vor den versammelten Kardinälen, denen die Brisanz seiner Ausführungen kaum entgangen sein dürfte. Am nächsten Tag wurde der Prediger zum Papst gewählt und nannte sich fortan Benedikt XVI.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks und des KOMM-MIT-Verlags in Münster

Foto: Dr. Bernd F. Pelz