Aus der Kreuzweg-Andacht von Kardinal Ratzinger zum Karfreitag im Jahre 2005

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„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12, 24). Der HERR deutet damit seinen ganzen irdischen Weg als Weg des Weizenkorns, der nur durch den Tod hindurch zur Frucht führt.
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ER deutet sein irdisches Leben, sein Sterben und   Auferstehen auf die heiligste Eucharistie hin, in der sein ganzes Geheimnis zusammengefasst erscheint. Weil ER seinen Tod als einen Akt der Hingabe, der Liebe vollzogen hat, darum ist sein Leib in das neue Leben der Auferstehung hinein verwandelt worden. Darum ist ER, das fleischgewordene Wort, nun unsere Nahrung zum wirklichen, zum ewigen Leben hin…
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So wird der Kreuzweg zu einem Weg ins eucharistische Geheimnis hinein: Die Volksfrömmigkeit und die sakramentale Frömmigkeit der Kirche verbinden sich und gehen ineinander.
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Das Beten des Kreuzwegs ist so verstanden als ein Weg in die innere, geistliche Kommunion mit Jesus hinein, ohne die die sakramentale Kommunion leer bliebe. Der Kreuzweg erscheint als „mystagogischer“ Weg.

Glaube ist mehr als Gefühl

Diese Sicht steht einem bloss sentimentalen Verstehen des Kreuzwegs entgegen, deren Gefahr der HERR in der 8. Station den weinenden Frauen von Jerusalem entgegenhält. Blosses Gefühl reicht nicht; der Kreuzweg soll eine Schule des Glaubens sein – jenes Glaubens, der seinem Wesen nach „in der Liebe wirksam“ wird (Gal 5, 6).

Aber das bedeutet doch keinen Ausschluss der Gefühle. Die Väter haben als ein Grundlaster der Heiden ihre Fühllosigkeit angesehen; sie führen damit die Vision Ezechiels weiter, der dem Volk Israel die Verheissung Gottes weitergibt, dass ER das Herz von Stein aus ihrer Brust nehmen und ihnen ein Herz von Fleisch geben werde (Ez 11, 19)…

Der mit-leidende Gott, der Mensch wurde, um unser Kreuz zu tragen, will unser steinernes Herz verwandeln und uns zum Mit-leiden rufen; uns das „Herz von Fleisch“ geben, das nicht an der Not des anderen vorübergehen kann, sondern sich verwunden lässt und zur heilenden und helfenden Liebe führt.

Was NACHFOLGE bedeutet

Damit kehren wir wieder zurück zu Jesu Wort vom Weizenkorn, das er selber in die Grundformel christlicher Existenz übersetzt, die so lautet: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren ins ewige Leben“ (Joh 12, 25  – vgl. Mt 16, 25; Mk 8, 35; Lk 9, 24; 17, 33: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“).

Damit sagt ER uns zugleich, was der Satz bedeutet, der in den synoptischen Evangelien diesem Zentralwort seiner Botschaft vorangeht: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24).

In all diesen Worten zusammen deutet ER uns selber, was „Kreuzweg“ ist – wie wir ihn beten und gehen sollen: Der Kreuzweg ist der Weg des Sichverlierens, das heisst der Weg der wahren Liebe.

Diesen Weg ist ER uns vorangegangen, diesen Weg will uns der gebetete Kreuzweg lehren. Und damit sind wir wieder beim gestorbenen Weizenkorn – bei der heiligsten Eucharistie angelangt, in der immerfort die Frucht von Jesu Sterben und Auferstehen unter uns gegenwärtig wird… 

Quelle und FORTSETZUNG hier: https://www.papstbenediktxvi.ch/?m=7&s=6


Papst Benedikt über die Bedeutung und die Grenzen der Privatoffenbarungen

Von Felizitas Küble

Im Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ (Wort des HERRN) aus dem Jahre 2000 äußert sich Papst Benedikt XVI. im Anschluß an eine römische Bischofssynode im 14. Kapitel auch zur Bedeutung und den Grenzen von „Privatoffenbarungen“. 

Dabei handelt es sich hierbei natürlich ausdrücklich nur um kirchlich approbierte (gebilligten, genehmigten) Erscheinungen, zumal ohnehin klar sein dürfte und sollte, dass Katholiken an kirchlich abgelehnte „Erscheinungen“ gar nicht glauben sollen.

Der in deutschen Landen geläufige Ausdruck „anerkannte“ Privatoffenbarungen ist ungenau und etwa mißverständlich, da er den irreführenden Eindruck erweckt, als verbürge sich die Kirche mit ihrer Approbation (=Genehmigung) lehramtlich für die übernatürlich-himmlische Herkunft einer Erscheinung, was sie aber gerade nicht tut – sie gestattet es lediglich den Gläubigen, den betreffenden Botschaften zuzustimmen.

Wir bringen hier zunächst nacheinander im blauen Druck die Abschnitte aus dem Kapitel 14 von VERBUM DOMINI und danach Quellenhinweise auf Zitate und unsere Erläuterungen:

„Mit all dem bringt die Kirche das Bewußtsein zum Ausdruck, daß sie in Jesus Christus dem endgültigen Wort Gottes gegenübersteht; er ist »der Erste und der Letzte« (Offb 1,17).

ER hat der Schöpfung und der Geschichte ihren endgültigen Sinn gegeben; deshalb sind wir berufen, in diesem eschatologischen Rhythmus des Wortes die Zeit zu leben, die Schöpfung Gottes zu bewohnen; »daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1Tim 6,14 und Tit 2,13)«.“

Das letzte Zitat, wonach „keine neue öffentliche Offenbarung“ vor der Wiederkunft Christi mehr zu erwarten sei, stammt aus der „Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung“ (Dei Verbum, 4. Kapitel) des  Zweiten Vatikanisches Konzils.

Es geht darum, daß Gott sich im Alten Testament durch Moses und die Propheten in Worten und Zeichen selbst mitgeteilt hat. Dies nennt man die „Offenbarung“ Gottes. Diese wurde im neuen Bund weiter entfaltet und endgültig (!) vollendet durch Christus, dem Höhepunkt und Endpunkt der öffentlichen Selbstmitteilung Gottes.

Zwar kann und will Gott sich einzelnen Menschen auch weiterhin „offenbaren“, doch dies ist keine „öffentliche“ oder „allgemeine“ Selbstmitteilung des Ewigen, sondern wird von der Kirche als „Privatoffenbarung“ bezeichnet, da solche Kundgaben für die Kirche und ihre Gläubigen nicht verbindlich sind.

Im protestantischen Bereich bezeichnet man solche nachbiblischen Botschaften und Phänomene als „Neuoffenbarung“, um sie von der Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift abzugrenzen.

Im nächsten Abschnitt wird dieser Grundgedanke von der endgültigen Selbstoffenbarung Gottes in Christus erneut eingeschärft:

„Wie die Väter während der Synode in Erinnerung gerufen haben, »zeigt sich das Besondere des Christentums im Ereignis Jesu Christi, Höhepunkt der Offenbarung, Erfüllung der Verheißungen Gottes und Mittler der Begegnung zwischen dem Menschen und Gott. ER, „der von Gott Kunde gebracht hat“ (vgl. Joh 1,18), ist das einzige und endgültige Wort, das der Menschheit gegeben wurde«.

Der hl. Johannes vom Kreuz hat diese Wahrheit wunderbar ausgedrückt:

»Da Gott uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein einziges und endgültiges Wort ist, hat er uns in diesem einzigen Wort alles auf einmal gesagt und nichts mehr hinzuzufügen … Denn was ER ehedem den Propheten nur teilweise kundgetan hat, das hat ER in seinem Sohn vollständig mitgeteilt, indem ER uns dieses Ganze gab, seinen Sohn.

Wer darum den HERRN jetzt noch befragen oder von ihm Visionen oder Offenbarungen haben wollte, der würde nicht bloß unvernünftig handeln, sondern Gott beleidigen, weil er seine Augen nicht einzig auf Christus richtet, sondern Anderes und Neues sucht«“

Das Zitat des Mystikers (!) und Kirchenlehrers Johannes vom Kreuz stammt aus seinem Buch „Aufstieg auf den Berg Karmel“ (II,22). Der Heilige hat sich darin scharf gegen die Sehnsucht nach „Visionen oder Botschaften“ gewandt, die er als Beleidigung Gottes verurteilte, da uns in Christus bereits „das Ganze“ gegeben wurde. Das päpstliche Schreiben stellt sich uneingeschränkt hinter diese Sichtweise, indem es dort heißt, Johannes vom Kreuz habe diese „Wahrheit wunderbar ausgedrückt“.

Was ergibt sich daraus als Schlußfolgerung?

Die schlichte Tatsache, daß zwischen der Selbstoffenbarung Gottes in Christus und den späteren „Privatoffenbarungen“ nicht etwa nur ein gradueller, sondern einen wesentlicher Unterschied besteht. Dies wird nunmehr ausdrücklich verdeutlicht:

„Folglich hat die Synode empfohlen, »den Gläubigen zu helfen, das Wort Gottes von Privatoffenbarungen zu unterscheiden«. Diese »sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi … zu „vervollständigen“, sondern sollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben«.

Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einer öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns.“

Hier wird zunächst der Weltkatechismus bzw. „Katechismus der Katholischen Kirche“ in Nr. 67 zitiert und klargemacht, dass Botschaften aus Erscheinungen und Visionen die „endgültige“ göttliche Offenbarung nicht „vervollständigen“, sondern lediglich einen Impuls geben können, aus den bereits vorhandenen Glaubenswahrheiten „tiefer“ zu leben.

Die göttliche Offenbarung ist eine „Forderung“, als Gläubige sind wir an Gottes Wort gebunden und ihm verpflichtet, denn wer an Gott glaubt, der stimmt auch seinem Wort zu und insbesondere seiner endgültigen Selbstmitteilung in Christus, die in der Bibel und der verbindlichen kirchlichen Verkündigung (den Dogmen) bezeugt wird.

Daher ist die göttliche Offenbarung der „Maßstab“ für Privatoffenbarungen (und nicht etwa umgekehrt):

„Der Maßstab für die Wahrheit einer Privatoffenbarung ist ihre Hinordnung auf Christus selbst. Wenn sie uns von ihm wegführt, dann kommt sie sicher nicht vom Heiligen Geist, der uns in das Evangelium hinein- und nicht aus ihm herausführt. Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, daß sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist.“

Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, daß die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken.“

Gerade der zweite Abschnitt ist ganz wichtig und vielen Katholiken leider nicht ausreichend bekannt:

Die kirchliche „Approbation“ (Genehmigung, Billigung, Erlaubnis) einer Erscheinung bedeutet lediglich, daß die Inhalte derselben dem „Glauben und den guten Sitten nicht entgegenstehen“. Damit wird also keineswegs ihre übernatürliche Herkunft bestätigt, geschweige wird das Kirchenvolk zum Glauben daran aufgefordert. Den Katholiken ist es nur „gestattet“ (!), solchen Privatoffenbarungen zuzustimmen – und zwar soll dies wohlgemerkt „in kluger Weise“ geschehen.

Was heißt in diesem Zusammenhang „in kluger Weise“? – Aus dem Kontext ergibt sich klar die Lösung: Auch eine kirchlich genehmigte Erscheinung ist kein „fünftes Evangelium“. Auch beispielsweise die Botschaft von Fatima steht nicht nur graduell, sondern  w e s e n t  l i c h   unter dem, was die katholische Kirche als „Offenbarung Gottes“ zu glauben lehrt. Das gilt für alle kirchlich approbierten Privatoffenbarungen.

Nachdem nun die Grundsätze festgelegt und die entscheidenden Maßstäbe betont worden sind, würdigt das päpstliche Schreiben den spirituellen Sinn, den Botschaften aus Erscheinungen für die private Frömmigkeit des einzelnen Christgläubigen haben können (aber nicht müssen):

„Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen. Sie kann einen gewissen prophetischen Charakter besitzen (vgl.1Thess 5,19-21) und eine wertvolle Hilfe sein, das Evangelium in der jeweils gegenwärtigen Stunde besser zu verstehen und zu leben; deshalb soll man sie nicht achtlos beiseite schieben. Sie ist eine Hilfe, die angeboten wird, aber von der man nicht Gebrauch machen muß. Auf jeden Fall muß es darum gehen, daß sie Glaube, Hoffnung und Liebe nährt, die der bleibende Weg des Heils für alle sind.“

Hierbei zitiert „Dei Verbum“ das Dokument der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre über die Die Botschaft von Fatima (26. Juni 2000) Damals hat Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt, sich bereits zur Stellung der Privatoffenbarungen im Gesamtgefüge der kirchlichen Lehre geäußert und bereits die in diesem Schreiben erwähnten Prinzipien verkündet.

Quelle für die Zitate: http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/apost_exhortations/documents/hf_ben-xvi_exh_20100930_verbum-domini.html


Bischof Voderholzer ist Herausgeber eines Sammelbandes zur kirchlichen Ehe-Lehre

Der Oberhirte des Bistums Regensburg, Dr. Rudolf Voderholzer, hat im September dieses Jahres ein Buch im Echter-Verlag herausgebracht, das sich mit der kirchlichen Ehe-Lehre befaßt, insbesondere mit der Debatte um die Zulassung von geschieden „Wiederverheirateten“ zu den Sakramenten.index

Der 116 Seiten umfassende Sammelband enthält eine Einführung von  Papst em Benedikt bzw. Kardinal Joseph Ratzinger, dem früheren Präfekten der Glaubenskongregation.

Es finden sich in dem Taschenbuch eine Reihe entsprechender Beiträge des Lehramtes, wie z. B. das Schreiben der Glaubenskongregation an die Bischöfe der kath. Kirche über den Kommunionempfang von geschieden „wiederverheirateten“ Katholiken. 

Diesen Texten geht eine thematische Einführung voran: Darin werden die kirchlichen Lehraussagen in Thesen zusammenfasst. Zugleich werden die wichtigsten Einwände dagegen erwähnt und beantwortete. 

Es folgen Kommentare zum Schreiben der Glaubenskongregation und Studien zu einzelnen Aspekte des Themas. Das Buch ist bei einem Preis von nur 9,90 Euro für jedermann erschwinglich.

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Vatikan: Haben die Medien eine Deutungshoheit über die Weltbischofssynode?

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Als sich Papst Benedikt nach seinem Rücktritt vom römischen Klerus verabschiedete, sprach er auch über seine Erfahrungen beim Zweiten Vatikanischen Konzil, das er als Berater des Kölner Kardinals in Rom erlebte. fssp-pa00255 - Kopie

Dabei erinnerte er an den Unterschied zwischen dem wirklichen Konzil in der Konzilsaula und dem „Medienkonzil“ draußen, d.h. über das, was in den Medien darüber verbreitet wurde. Die Medieninterpretation hat das Konzilsverständnis ganz wesentlich geprägt.

Heute stehen wir vor den beiden Sitzungen der Weltsynode der Bischöfe mit dem Thema „Pastorale Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“.

Was Ehe und Familie für Kirche und Gesellschaft bedeuten, hat 1998 der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, in seiner Einführung zum Werk „Über die Pastoral der geschiedenen Wiederverheirateten“ („Sulla pastorale dei divorziati risposati“) mit diesen Worten ausgedrückt:

„Ehe und Familie sind für die gesunde Entwicklung von Kirche und Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Zeiten, in denen das Ehe- und Familienleben blüht, sind immer auch Zeiten des Wohlergehens für die Menschen. Geraten Ehe und Familie in eine Krise, hat dies weitreichende Folgen für die Ehegatten und deren Kinder, aber auch für Staat und Kirche“.

Wegen der großen Bedeutung von Ehe und Familie haben die Medien schon vor der Weltsynode der Bischöfe das Thema auf geschiedene Wiederverheiratete einzuengen und die Meinungsführerschaft in der Diskussion an sich zu reißen versucht.

Julius Müller-Meiningen schreibt in der Augsburger Allgemeinen Zeitung (AZ) vom 22. September 2014: 1511

„Bei der in zwei Wochen beginnenden außerordentlichen Synode zum Thema Familienseelsorge steht die Katholische Kirche an einem Scheideweg. In der Diskussion um den Umgang mit Familie, Ehe und Sexualität diskutieren die Beteiligten über eine Frage, von der die künftige Ausrichtung der Kirche mit abhängt: Können geschiedene Katholiken, die ein zweites Mal geheiratet haben unter Umständen wieder zur Kommunion zugelassen werden? Was auf Außenstehende wie eine Marginalie wirkt, ist im Vatikan und in der katholischen Welt zu einer Existenzfrage gereift“.

In der Auseinandersetzung wird die heute weitverbreitete religiöse Unwissenheit der Katholiken über das Ehesakrament ausgenutzt. Das wird besonders in Leserbriefen der Zeitungen deutlich.

Jetzt rächt sich, dass das katholische Ehe- und Familienverständnis jahrzehntelang in Predigt, Katechese und Hirtenschreiben der Bischöfe vernachlässigt wurde, um bei Gläubigen und Medien nicht anzuecken.

Dieses Defizit hat auch damit zu tun, dass die Autorität der Bischöfe in Deutschland schwer angeschlagen ist, seit sie mit ihrer „Königsteiner Erklärung“ auf die Enzyklika „Humane vitae“ Paul VI. die Gläubigen einem autonomen Gewissen ausgeliefert haben.

Das Ansehen der Bischöfe ist noch einmal beschädigt worden, als sie in der Abtreibungsfrage einer rechtswidrigen, aber straffreien Regelung mit dem Beratungsschein zugestimmt haben.

Dieses Verhalten hat Prof. Josef Isensee einmal als die „größte Blamage“ der Bischöfe der Nachkriegszeit bezeichnet.

Die heutige Situation der deutschen Bischöfe in der anstehenden Weltbischofssynode ist auch deswegen schwierig, weil sie sich mehrheitlich in der Themenfrage in die Verengung auf „geschiedene Wiederverheirate“ hineinmanövrieren ließen, obwohl Erzbischof Schick kürzlich zu Recht geäußert hat: „Nicht die geschiedenen Wiederverheirateten sind unser größtes Problem, sondern der Mangel an Eheschließungen und Familiengründungen“. bildma1

Kardinal Marx bezeichnete es als „verheerend“, dass die Frage der Ehe- und Familienpastoral auf den einen Punkt „geschiedene Wiederverheirate“ fixiert worden sei. Kardinal Marx äußerte aber zugleich, dass die „große Mehrheit der deutschen Bischöfe die Position von Kardinal Kasper teile“ (Tagespost, 27.9.14).

Kardinal Kasper vertritt die Auffassung, geschiedene Wiederverheiratete sollten nach einer Bußzeit zur Kommunion zugelassen werden. Die Medien haben das Referat von Kardinal Kasper auf der Kardinalsversammlung im Februar 2014 zur diskutierten Thematik zur „Richtungsentscheidung“ durch Papst Franziskus hochstilisiert.

Nun kommt kurz vor Eröffnung der Synode das Buch „In der Wahrheit Christi bleiben“ von fünf Kardinälen heraus. Zu den Autoren gehört auch der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller.

Dieses Werk fährt den Medienleuten in die Parade, die sich der Deutungshoheit über die Weltbischofssynode schon sicher waren. Sogleich begann ein Gezeter und Lamento, die fünf Kardinäle würden eine ergebnisoffene Debatte auf der Synode verhindern wollen, noch bevor sie begonnen habe.

Foto: Radio Vatikan

Foto: Radio Vatikan

Die gleichen Medienleute, die seit Monaten die Debatte anheizen, geifern nun, weil eine qualifizierte Gegenmeinung auftaucht. Sie sehen ihr Meinungsmonopol gefährdet.

Die Augsburger Zeitung (AZ) titelte entsprechend: „Der Papst wird zur Zielscheibe“ (22.9.14). Die Neue Passauer Presse hatte am 18.9.14 eine Artikelüberschrift „Fünf Kardinäle auf Gegenkurs zum Papst“.

Auch Kardinal Kasper goss Öl ins Feuer mit den Worten: „Zielscheibe der Polemik bin nicht ich, sondern der Papst… einige wollen einen theologischen Krieg bei der nächsten Synode“.

In der AZ (22.9.14) stand: „Schon seit längerem hieß es, dass einflussreiche Konservative im Vatikan gegen den neuen und äußerst beliebten Papst arbeiten würden“.

Obwohl die, die die Lehre der Kirche zu Ehe und Familie verändern wollen, alle, die ihnen im Weg stehen, als „Modernisierungsverweigerer“ abstempeln und Papst Franziskus für ihre Zwecke einspannen wollen, sind sie sich nicht sicher, ob das gelingt.

So schreibt Müller-Meiningen am 22.9.14: „Doch obwohl der Papst oft als Schreck des katholischen Establishments dargestellt wird, hat sich in der Kirche seit seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren programmatisch nichts verändert“.

Kardinal Kurt Koch, der jetzige Präsident des vatikanischen Einheitsrates, äußerte kürzlich in einem Interview: „Ich sehe überhaupt keine Anzeichen, dass er (Papst Franziskus) die Lehre der Kirche ändern will und wird“. (Tagespost, 27.9.14) slider3-640x360

Auf der sog. Dialogkonferenz in Magdeburg (12/13.September 14) wurde wiederholt geäußert, man müsse verstärkt auf Jesus Christus hören. Genau das sagte Kardinal Ratzinger in seiner o.a. Einführung von 1998:

Es geht „einzig um die uneingeschränkte Treue zum Willen Christi, der uns die Unauflöslichkeit der Ehe als Gabe des Schöpfers zurückgegeben und neu anvertraut hat“. Und weiter: „Aufgrund ihrer objektiven Situation dürfen die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen nicht zur heiligen Kommunion zugelassen werden und auch nicht eigenmächtig zum Tisch des Herrn hinzutreten“.

Was wird die „große Mehrheit“ der deutschen Bischöfe, die die Ansichten von Kardinal Kasper vertritt, den Gläubigen sagen, wenn am Ende der Weltsynode der Bischöfe die Ehelehre der Kirche, die auf Jesus Christus zurückgeht, erneut bekräftigt wird und über die Alpen nach Deutschland kommt?

Wie wird das katholische Volk darauf reagieren?

Die Leserbriefe in den Zeitungen zeigen das ganze Ausmaß der Verwirrung, das die Desinformation der Medien und die Aussparung der kirchlichen Ehelehre in Predigt und Katechese angerichtet haben. Es erscheint fraglich, ob bei den Katholiken, die sich ihr eigenes Credo zu Ehe und Familie zurechtgelegt haben und das auch praktizieren, mit einer Klarstellung der kirchlichen Lehre noch Einsicht einzieht. 120505288_BV_July und Mike

Es ist auch denkbar, dass viele ihren autonomen Lebensstil fortsetzen oder auch in großer Zahl aus der Kirche austreten werden. Das würde dann an die Stelle bei Johannes erinnern, als Jesus über das eucharistische Lebensbrot gesprochen hatte. Dort heißt es: „Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und begleiteten ihn nicht mehr auf seinen Wanderungen“. (Joh 6.66)

Wie wird es schließlich Papst Franziskus ergehen, wenn die katholische Ehelehre auf der Weltsynode der Bischöfe erneut bekräftigt wird?

Am Ende der Synode, dem 19. Oktober, wird Papst Paul VI. selig gesprochen. Dieser Papst wurde von den Gläubigen geachtet und auf seinen Reisen begeistert aufgenommen  –  bis er die Enzyklika Humane vitae entgegen dem Rat von Bischöfen und der von ihm eingesetzten Kommission veröffentlichte. Dann schlug die Meinung abrupt um.

Auch Bischöfe ließen ihn im Stich. Am 18.8.1974 äußerte er: „Ich bedaure oder bereue nichts. Ich bin ganz sicher, das getan zu haben, was ich tun musste… es steht… das Leben der Menschheit auf dem Spiel.“

Unser Autor Prof. Dr. Hubert Gindert ist Vorsitzender des „Forums Deutscher Katholiken“, das den jährlichen Kongreß „Freude am Glauben“ organisiert

 


Kontroverse der Boff-Brüder über die „Theologie der Befreiung“

Clodovius Boff widerspricht seinem berühmten Bruder

Unter dem Titel „Befreite Kirche, befreite Kultur“ berichtet die reformkatholisch orientierte Herder-Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ am heutigen 12. Januar online über kontroverse Debatten zur Befreiungstheologie, die in einem Untertitel auch als „Streit unter Brüdern“ bezeichnet werden. 

Einer der führenden Köpfe jener weitgehend marxistisch orientierten und vom Vatikan daher abgelehnten „Theologie der Befreiung“ ist der  –  in deutschen Medien vielgerühmte  –  lateinamerikanische Geistliche Leonardo Boff.

In seinem 1981 erschienenen Buch mit dem Titel „Kirche: Charisma und Macht“ zeichnet der katholische Theologe ein äußerst negatives Bild seiner Kirche und lehnt ihr Amtsverständnis grundsätzlich als angeblich „unbiblisch“ ab. 

Als ihm Joseph Kardinal Ratzinger, damaliger Präfekt der Glaubenskongregation, 1992 zum zweiten Mal ein „Bußschweigen“ auferlegte, trat Boff aus dem Franziskanerorden aus und heiratete ein Jahr später Marcia M. de Silva Miranda.

Befreiungstheologie im Kielwasser des Modernismus

Die bereits erwähnte Freiburger Zeitschrift berichtet nun Folgendes über die theologische Auseinandersetzung zwischen Leonardo Boff und seinem Bruder Clodovis Boff, der anfangs ebenfalls der Befreiungstheologie anhing und diverse Bücher veröffentlichte, sich später aber immer stärker davon distanzierte:

„Im Herbst 2007 hat Leonardos Bruder Clodovis Boff in einem Artikel „Theologie der Befreiung und die Rückkehr zu ihren Fundamenten“ beklagt: Nicht mehr Gott sei das erste Prinzip, sondern der Arme. Er bemängelt den Verlust theologischer Fruchtbarkeit, die Verweltlichung (…) der Kirche, wobei der Glaube auf eine bürgergesellschaftliche Mobilisierungsideologie reduziert werde.

Dazu sei es gekommen, weil die Theologie der Befreiung den „Schock“ der Begegnung mit der Armut nicht verkraftet habe und  –  wie die gesamte Theologie  –  ein Opfer des Modernismus und Anthropozentrismus geworden sei.

HIER unser Grundsatz-Artikel über die Befreiungstheologie: https://charismatismus.wordpress.com/2011/08/01/papst-benedikt-und-die-%E2%80%9Etheologie-der-befreiung%E2%80%9C/


Kardinal Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Papst: „Mir wurde ganz schwindelig zumute…“

„Wir sind nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen.“

Es begann mit einem „Fallbeil“  –  so formulierte es der neue Papst vor 8 Jahren kurz nach seiner Wahl bei einer ersten Audienz für deutsche Pilger:

„Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, dass sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindelig zumute. Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und nun auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. 1_0_668126

Ich habe mit tiefer Überzeugung zum HERRN gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können.“

Doch ein Mit-Kardinal habe ihm in diesem Moment einen kleinen Brief zugeschoben, der dem Zögernden ins Gewissen redete:

„Der Mitbruder schrieb mir: Wenn der HERR nun zu Dir sagen sollte „Folge mir“, dann erinnere Dich, was Du gepredigt hast. Verweigere Dich nicht!  Sei gehorsam, wie Du es vom großen heimgegangenen Papst gesagt hast.  –  Das fiel mir ins Herz. Bequem sind die Wege des HERRN nicht, aber wir sind ja auch nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen.“

Quelle (Text/Foto): Radio Vatikan


Papst Benedikt und seine kritischen Hinweise zum 2. Vatikanischen Konzil

„Das Konzil wollte sich bewußt in einem niedrigeren Rang als Pastoralkonzil ausdrücken“

Am 11. Oktober 2012 begeht die katholische Kirche den 50. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Dabei werden voraussichtlich wieder einige Kontroversen über dieses Thema aufbrechen.

In der seit langem anhaltenden Debatte über das Für und Wider des 2. Vatikanum wird allerdings nicht immer ausreichend unterschieden zwischen Gültigkeit bzw. Rechtmäßigkeit und kirchlicher Verbindlichkeit einerseits –  und dogmatischer Unfehlbarkeit andererseits. 75743_14122011

Außerdem wird mitunter zu wenig beachtet, daß sich das 2. Vatikanum selber als „Pastoralkonzil“ definierte, das vor allem der praktischen Seelsorge dienen sollte   –   und daß es kein Dogma  –  also keinen unfehlbaren Glaubenssatz  – verkündete.

Folglich hat diese Kirchenversammlung insoweit keinen Unfehlbarkeitsanspruch erhoben.

Gleichwohl ist es natürlich auch als Pastoralkonzil gültig, rechtmäßig und im allgemeinen Sinne verbindlich, wenngleich der gläubige Katholik keineswegs verpflichtet ist, etwa jeden dort geäußerten Satz als unfehlbar anzusehen.

Weder hat dieses jüngste Konzil ein „neues Pfingsten“ in der Kirche hervorgebracht, wie manche Enthusiasten vorschnell schwärmten  –  noch sollte man es als „Räubersynode“ verunglimpfen.

Sachkritik an einzelnen Aussagen des 2. Vatikanum ist gläubigen Katholiken freilich durchaus erlaubt.

Darauf hat auch unser Papst, als er noch Kardinal Ratzinger hieß und Glaubenspräfekt in Rom war, mehrfach hingewiesen. Er hat sogar selber eine solche „Sachkritik“ geübt. Er warnte ohnehin ausdrücklich davor, das 2. Vatikanum zu einer Art „Superdogma“ hochzujubeln.

Eine insofern sehr aufschlußreiche Rede von Kardinal Joseph Ratzinger vor chilenischen Bischöfen vom 13.7.1988 befaßte sich mit genau diesem innerkirchlich „heißen“ Themenkomplex.

„Das 2. Vatikanische Konzil ist nicht das Ende der Tradition“

Der damalige Chef der Glaubenskongregation erklärte hierzu:

Das Zweite Vatikanische Konzil gegenüber Msgr. Lefebvre als etwas Wertvolles und Verbindendes der Kirche zu verteidigen, bleibt eine Notwendigkeit.

Aber es gibt eine einengende Haltung, die das Zweite Vatikanum isoliert und die Opposition hervorgerufen hat.

Viele Ausführungen vermitteln den Eindruck, daß nach dem 2. Vatikanum jetzt alles anders ist und das Frühere keine Gültigkeit mehr haben kann oder – in den meisten Fällen – dies nur noch im Lichte des 2. Vatikanum erkennbar sei.

Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt man nicht als Teil der lebendigen Tradition der Kirche, sondern direkt als Ende der Tradition und so, als fange man ganz bei Null an.

Die Wahrheit ist, daß das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewußt in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt.“

Lesen Sie hier die vollständige Ansprache Ratzingers vor den Bischöfen in Chile: http://www.kath-info.de/ratz_13j.html

Sodann muß der unzutreffende Eindruck vermieden werden, als ob das 2 .Vatikanische Konzil quasi   d i e  entscheidende Lehrautorität der Kirche darstelle, als ob frühere Konzilien nur etwas „Vorläufiges“ gewesen seien. Damit würde man gleichsam einen Ast vom Baum abschneiden und ihn isolieren.

„Wir dürfen nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt“

Papst Benedikt hat sich in seinem bekannten Brief an den Weltepiskopat  (alle Bischöfe der Welt) vom 10. März 2009 dazu klar geäußert:

“Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren (…). Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das II. Vatikanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.”

In diesem Schreiben an den Weltepiskopat äußerte sich der Papst zudem sehr klar über die zentrale Aufgabe der Kirche heute:

„In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen.

Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1), im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.

Das eigentliche Problem unserer geschichtlichen Stunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichtes eine Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.

Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit.“

„Die Welt braucht den kritischen Einspruch“

Zurück zum Thema Konzil. Als Kardinal Ratzinger übte der Papst einst selber sachliche Kritik am 2. Vatikanum, so zB. in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt vom 30.5.1988; er erklärte dabei wörtlich:

„Bei dem großen Ja zu dem, was vom Konzil selbst gewollt war, wird man doch über das Problem, was an Einseitigkeiten unterlaufen ist, mit einer neuen Ernsthaftigkeit nachdenken müssen.

Unserem Ja zur Welt müssen wir hinzufügen, daß die Welt Selbstkritik, kritischen Einspruch braucht. Das kritische Potential, das der Christ gegenüber Entwicklungen hat, muß voll zur Wirkung kommen.“

Detailkritik an der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“

Joseph Ratzinger hat jedoch nicht nur allgemeine kritische Hinweise geäußert, sondern auch spezielle Aussagen oder Argumentationslinien in Konzilstexten bemängelt, zB. betreffs der Pastoralkonstitution „Über die Kirche in der Welt von heute“ (Gaudium et spes), zumal hinsichtlich des ersten Kapitels über die Würde des Menschen.

Hier sei einer der Kritikpunkte des Kardinals herausgegriffen:

In der lateinisch-deutschen Ausgabe der Konzilsdokumente   – erschienen 1968  – vermerkt der Theologie und einstige Konzilsberater Joseph Ratzinger auf S. 331, dieses Kapitel erwähne das christologische Zeugnis leider erst am Schluß seiner Ausführungen:

„Die Auslassung der Christologie aus der Lehre von der Gottebenbildlichkeit […] rächt sich; der Versuch, an die christliche Anthropologie von außen heranzuführen und die Glaubensaussage von Christus dabei allmählich zugänglich zu machen, hat […] zu der falschen Konsequenz verleitet, das Eigentliche des christlichen Glaubens als das vermeintlich weniger Dialogfähige vorderhand beiseite zu lassen.

In Wirklichkeit könnte doch der Ansatz des Textes nur dann Sinn haben, wenn er wirklich stufenweise zum Kern der neutestamentlichen Botschaft vorführte, also sie inmitten des Menschlichen aufdecken und damit zusehends die Perspektive auf Christus hin eröffnen würde, nicht aber wenn man möglichst im Vorchristlichen verbleibt und Christus dann unvermittelt erst am Ende in Erscheinung treten lässt.“

Skepsis betreffs Ausweitung der Konzilserklärung „Nostra aetate“

Vier Jahre zuvor –  noch während des Konzils, nämlich 1964  – erschien Dr. Ratzingers Buch „Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode“ (Bachem-Verlag).

Darin äußert sich der Konzilstheologe  auf den Seiten 45 und 46 kritisch darüber, daß das Konzil seine zunächst geplante, separate „Erklärung über das Judentum“ in ihrer Eigenständigkeit fallenließ bzw. diesen Text ledigilch als Teilstück in eine „umfassende Darstellung einer Theologie der Weltreligionen einfügte (gemeint ist die Konzilserklärung NOSTRA AETATE über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen).

„Ob das ein ganz glücklicher Vorgang ist, wird man bezweifeln können“, schreibt Ratzinger.

Er erinnert an die heilsgeschichtliche und theologische Sonderstellung der Juden laut Paulus (Röm 9 f), eine Sonderstellung, die gegenüber den anderen nicht-christlichen Religionen „nicht verwischt werden“ dürfe. 

Schließlich gehört das Alte Testament zur Offenbarung Gottes (aber nicht etwa der Koran). So wurde z.B. der Islam in „Nostra aetate“ zweifellos durch eine betont rosarote Brille betrachtet, die heute eher weltfremd erscheint.

Der Theologie Ratzinger fügte mit Recht hinzu: „Zudem erscheint es fraglich, ob die Situation für eine Theologie der Religionen schon reif ist“.

„Hat das Konzil die Krise der Kirche geschaffen?“

Abschließend ein weiteres Beispiel aus Ratzingers Buch „Dogma und Verkündigung“, das bereits 1973 erschien; dort heißt es auf  S. 433 hinsichtlich der Konzilszeit:

„Damals behauptete im Grunde niemand, daß die Kirche in einer Krise sei,
heute leugnet es niemand, wenn auch die Meinungen über ihre Art und ihre Gründe auseinandergehen.
Was ist geschehen?
Hat etwa das Konzil die Krise geschaffen, da es keine zu überwinden hatte?
Nicht wenige sind dieser Meinung;
sie ist sicher nicht gänzlich falsch,
aber sie trifft doch auch nur einen Teil der Wahrheit.“

Logisches Ergebnis dieser Ausführungen:

Die Ansicht,  daß das 2. Vatikanische Konzil die innerkirchliche Krise „geschaffen“ habe, ist „nicht gänzlich falsch“, sie trifft freilich nur einen „Teil der Wahrheit“, folglich ist dieses Konzil aus Kardinal Ratzingers bzw. des Papstes Sicht durchaus mit-verursachend für die Krise von heute. Dies nüchtern festzustellen bedeutet freilich nicht, die positiven Seiten des Konzils zu bestreiten. 

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster