Münster: Moisei Boroda erinnert an die europäische Schuldverkettung im Holocaust

Von Felizitas Küble

Zum Gedenken an die Reichsprogromnacht 1938 veranstaltete die Kirchengemeinde St. Clemens in Münster-Hiltrup am 10. November in ihrem Pfarrzentrum einen Literatur- und Musik-Abend mit dem deutsch-jüdischen Schriftsteller und Komponisten Dr. Moisei Boroda.

Der kompetente Referent und die aufmerksamen Zuhörer wurden von Pfarrer i.R. Ewald Spieker begrüßt, der zugleich den Bernhard-Poether-Kreis leitet. (Kaplan Poether starb im KZ Dachau.)

Der Geistliche erinnerte daran, daß Dr. Boroda in derselben Gemeinde bereits im Vorjahr einen Märtyrer-Gedenkabend in der Kirche geleitet hatte.  (Siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/11/26/muenster-juedischer-kuenstler-dr-mosei-boroda-wuerdigt-christliche-maertyrer-der-ns-diktatur/)

Zu den Teilnehmern im Pfarrsaal gehörte z.B. das Ehepaar Rieke-Benninghaus (verwandt mit dem Dachau-Märtyrerpater August Benninghaus SJ aus Münster) sowie Monika Kaiser-Haas, Vizepräsidentin des Internationalen Karl-Leisner-Kreises (und Nichte des seliggesprochenen Priesters und NS-Opfers Leisner).

Der aus Georgien stammende, seit über 30 Jahren in Nordrhein-Westfalen lebende Autor Boroda, der kürzlich erneut einen Literaturpreis erhalten hat, erinnert seit vielen Jahren durch Vorträge und Diashows an die christlichen Märtyrer in der NS-Zeit, vor allem an die insgesamt viertausend katholischen Priester, die ihren Bekennermut mit dem Leben bezahlen mußten. 

Unter dem Titel „Erinnerung ist der Weg zur Erlösung“ informierte Dr. Boroda vor einem vollbesetzten Pfarrsaal über die Zerstörung zahlreicher Synagogen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch nationalsozialistische Fanatiker.

Dabei zeigte er in einer Dia-Vorführung, die von seinen selbstkomponierten Musikstücken untermalt war, einige Beispiele brennender jüdischer Gebetshäuser, z.B. die große Synagoge in Hannover (siehe Foto).

In der Fotoshow wurden sodann einige Zitate führender NS-Ideologen vorgestellt, aus denen der systematische Plan einer Vernichtung des jüdischen Volkes hervorgeht.

Hitler selbst kündigte in seiner Rede am 30. Januar 1939 die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ an, falls das „internationale Finanzjudentum“  – so seine Wahnidee  –  die Völker in einen „Weltkrieg stürzen“ werde.

Nach der Dia-Vorführung folgten einige grundsätzliche Anmerkungen des jüdischen Musikwissenschaftlers. Dabei erinnerte er an die besondere Bedeutung der deutschen Juden für die Kultur und Literatur unseres Landes, bevor das nationalsozialistische Zerstörungswerk begann.

Er beklagte zugleich eine „Verrohung der Moral“ auch in anderen europäischen Ländern und nicht zuletzt in den USA, wie dies z.B. bei der Evian-Konferenz sichtbar wurde, als fast alle Regierungen sich weigerten, bedrohte Juden aufzunehmen.

In Politik und Medien säße Deutschland hinsichtlich der NS-Zeit oft allein auf der Anklagebank, erklärte der Schriftsteller. Dabei würden die systematischen Verbrechen und Massaker an Juden – keineswegs Einzelfälle  – ignoriert oder verdrängt, die damals von nichtdeutschen Tätern in Europa begangen wurden, etwa in Polen, Ukraine, Litauen, Jugoslawien – aber z.B. auch in Frankreich.

Diese innereuropäische Schuldverkettung ändere zwar nichts an der Hauptverantwortung seitens der Nationalsozialisten, sei aber andererseits kein Randthema, das man übersehen dürfe.

Hitler habe eine in vielen Ländern verbreitete judenfeindliche Haltung zynisch in seine Strategie einbeziehen können.

So erinnerte eine Dia-Tafeln daran, dass 76.000 Juden von der französischen Polizei verhaftet und in Vernichtungslager geschickt wurden. Der letzte „Judentransport“ sei am 17.8.1944 nach Buchenwald abgefahren, als die Alliierten bereits in der Normandie gelandet waren.

Zudem habe die französische Verwaltung 4000 jüdische Kinder unter 16 Jahren den Gestapo-Schergen geradezu „aufgedrängt“, obwohl diese deren Auslieferung gar nicht angeordnet hatten.

Die „große Kulturnation Frankreich“ habe aber fünfzig Jahre gebraucht, um die eigene Mitverantwortung an der Judenvernichtung amtlich zuzugeben.

Auch in anderen Ländern  – etwa in Litauen – habe ein Teil der Bevölkerung auf den NS-Holocaust reagiert, als ob sie nur darauf gewartet hätten, sich hieran beteiligen zu können.

FOTO: Dr. Boroda im Gespräch mit einigen Teilnehmerinnen nach dem Gedenkabend

Die erste Lesung Borodas trug den Titel „Der Opa“. Es ging in dieser Erzählung um einen litauischen Täter, der einer Hilfspolizei bzw. Miliz angehörte und hierbei hunderte jüdischer Kinder ermordete. Im Gespräch mit einem jungen Juden versucht seine Enkelin, ihren Großvater zu verteidigen und seine Untaten zu verharmlosen.

Dabei kommt es auch zu dem Stereotyp der „reichen Juden“ und „Bolschewisten“; eine in antisemitischen Kreisen bekannte Verallgemeinerung. Deutlich werden Neidkomplexe, Mißtrauen gegen Juden als vermeintlich „fremdes“ Volk und abstruse Verschwörungstheorien. 

Nach dem Musikstück „Av Harachamim“ von Dr. Boroda folgte seine zweite Lesung, die sich mit einem französischen Täter befaßte. Die ebenfalls erschütternde Erzählung  – sie wurde in der aktuellen Ausgabe der „Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung“ veröffentlicht  –  trägt den Titel „Brody…Mstow…Kurszina“.

Es geht um das Streitgespräch eines betroffenen Juden mit einem früheren NS-Polizisten, der seine Eltern verhaftete. Dies war kein Einzelfall; vielmehr wurden „staatenlose Juden“ (die aus NS-Deutschland geflüchtet waren), systematisch festgenommen und deportiert. Der jüdische Junge konnte sich unter abenteuerlichen Umständen retten, mußte aber zuvor mitansehen, wie jener Mörder hochschwangere Frauen und Kinder erschossen hatte. 

Dr. Boroda war bei seiner Lesung mehrfach den Tränen nahe und sprach mit ergriffener Stimme.

In der nachfolgenden Fragerunde ging es um die Einordnung dieser ausländischen Mitverantwortung in das Gesamtbild der Shoa, um den mangelnden kirchlichen Widerstand, um Luthers judenfeindliche Schriften, auch um das Wie und Warum einer Singularität (Einzigartigkeit) des Holocaust.

Eine Teilnehmerin erinnerte daran, dass die Judenverfolgung der NS-Diktatur zugleich eine selbstzerstörerische Dimension besitzt, denn die deutschen Juden waren insgesamt bestens integriert, leisteten viel für Kultur, Literatur und Wissenschaft und sie fühlten sich größtenteils als „Deutsche jüdischen Glaubens“. Somit habe sich unser Land mit der Vernichtung seines jüdischen Bevölkerungsteils auch noch selbst ins eigene Fleisch geschnitten.

Die Zuhörerin erinnerte daran, dass die meisten Juden auch in Osteuropa entweder deutsch oder „jiddisch“ sprachen – wobei es sich dabei ebenfalls um eine germanische Sprache (mit hebräischen und slawischen Einsprengeln) handelt. Dies zeigt die tiefe Verbundenheit zwischen der jüdischen und der deutschen Kultur. In der Literaturgeschichte wird diesbezüglich von der Ära einer „deutsch-jüdischen Symbiose“ gesprochen.

Dr. Boroda bestätigte dies und betonte, die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Vergangenheit sei hierzulande außergewöhnlich intensiv und gründlich. Andere Nationen seien weitaus weniger bereit, sich mit den Schattenseiten ihrer Historie zu befassen.

Die NS-Ideologie und Hitler-Diktatur sei letztlich ein „Aufstand gegen Gott“ und seine Gebote gewesen. Niedere Instinkte seien erwacht und hätten eine breite Spur des Verderbens hinterlassen.

Es gehe aber bei dem Gedenken an jene Zeit nicht um Rache und Vergeltung, sondern um Besinnung auf Gerechtigkeit und das zeitlose Ethos der Zehn Gebote.

WEITERER ARTIKEL zu Dr. Boroda: https://charismatismus.wordpress.com/2019/07/24/ankum-juedischer-autor-moisei-boroda-erhielt-den-christlichen-august-benninghaus-preis/

Hinweis: Dr. Moisei Boroda hat diesem Bericht ausdrücklich zugestimmt.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Jugendverlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

 

 


Jüdischer Komponist Boroda erhielt hohe literarische Auszeichnung in Georgien

Von Felizitas Küble

Der jüdische Komponist und Schriftsteller Dr. Moisei Boroda aus Georgien, der seit langem in Herne lebt, erhielt im Sommer dieses Jahres eine Auszeichnung des katholischen August-Benninghaus-Kreises, weil er sich seit Jahrzehnten   –  vor allem durch bewegende Gedenkveranstaltungen  – aktiv für die Würdigung christlicher Märtyrer in der NS-Diktatur einsetzt.
.
Besondere Wertschätzung erfahren bei ihm katholische Priester wie z.B. Karl Leisner oder der Jesuitenpater August Benninghaus, die beide aus Nordrhein-Westfalen stammen und in der NS-Zeit mutig mit ihr Leben wagten. (Näheres über jene Preisverleihung hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/07/24/ankum-juedischer-autor-moisei-boroda-erhielt-den-christlichen-august-benninghaus-preis/)
.
Am 10. Oktober 2019 erhielt der Musikwissenschaftler erneut einen Preis, diesmal in Georgien – und zwar eine angesehene Literatur-Auszeichnung (nicht die erste):
.
Der Ivane-Machabeli-Preis wurde ihm in Tbilisi (Tiflis) vom kreativen Verband georgischer Schriftsteller verliehen. Gewürdigt wurde seine erfolgreiche und ehrenamtliche Wirksamkeit für die georgisch-deutschen Literaturbeziehungen.
.
Der jüdische Autor, der mit einer orthodoxen Christin verheiratet ist (siehe 2. Foto), engagiert sich nicht nur für deutsch-georgische Kontakte, sondern auch für die jüdisch-christliche Verständigung.
.
Die Preisverleihung fand im Rahmen eines feierlichen Literatur-Musikabends im Jüdischen Museum statt. Dabei ging es um seine Übersetzung eines Poems von Vazha Pschavela   –  einem großen Dichter des 20. Jahrhunderts  –  ins Hebräische.
.
BILD: Dr. Boroda mit seiner Frau Sofia und Pater Adam
.
Für Dr. Boroda kam diese Würdigung völlig überraschend. Er und seine Frau waren zu der Veranstaltung als „normale“ Teilnehmer eingeladen worden.
Als er sich innerlich ergriffen für die Auszeichnung bedankte, konnte er die Tränen kaum zurückhalten.

Der orthodoxe Dichter und Archimandrit (Klostervorsteher bzw. Abt) Adam las aus seinen Gedichten vor (siehe 2. Foto rechts).

Ebenso erklangen Kompositionen und Prosatexte in georgischer Sprache von Dr. Boroda. Zu den vorgetragenen Musikstücken gehörte „Avharachamim“, „Schön ist die Welt“, „Glöckchen-Walzer“ (aus dem Zyklus „Sieben georgische Variationen über ein deutsches Thema“), „Sephardisches Lied“ und „Arioso dolente“.

Beide Vorführungen fanden beim Publikum ein „überaus positives Echo“, wie es in einem Zeitungsbericht heißt.

Der Abend wurde eröffnet von Museumsdirektor Prof. Givi Ghambashidze, vom Vorsitzenden des Museumsrates, Jamlet Khukhashvili, und von der Präsidentin der Internationalen Vereinigung georgisch-jüdischer Frauen, Eva Babalashvili (siehe 1. Foto).

Unser Autorin Felizitas Küble leitet hauptamtlich den KOMM-MIT-Jugendverlag in Münster und ehrenamtlich das Christoferuswerk, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Münster: Gedenkabend für Märtyrer der NS-Diktatur mit Dr. Moisei Boroda am 25. Nov.

Von Felizitas Küble

Der christenfreundliche jüdische Literat und Komponist Dr. Moisei Borada (siehe Foto) hält demnächst wieder eine eine geistlich-musikalischen Lesung im Gedenken an christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts.

Dabei soll vor allem an katholische Priester erinnert werden, die während der NS-Diktatur für ihren Glauben starben.

Die Gedenkveranstaltung beginnt am kommenden Sonntag, dem 25. November, um 17 Uhr in der Kirche St. Clemens in Münster-Hiltrup (Hohe Geest in 48165 Münster). Danach gibt es für alle Interessierten einen Empfang im Pfarrheim.

Der Anlaß für diese Andacht ist das zehnjährige Bestehen des Arbeitskreises Bernhard Poether. Dieser katholische Kaplan hatte sich während der NS-Diktatur für eine polnische Familie eingesetzt, um sie aus den Fängen der Polizei zu holen. Am Tag darauf wurde er verhaftet und starb später im KZ Dachau. (Näheres hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/08/26/pfarrfest-in-muenster-hiltrup-zeigte-kelch-des-priesters-und-kz-opfers-bernhard-poether/)

Die Veranstaltung beginnt mit einer Diashow und Musik. Der Hiltruper Pfarrer Nike Netzler begrüßt die Gläubigen. Die erste Lesung erinnert an Kaplan Poether, die zweite an den seligen Karl Leiser. Auch dieser Geistliche starb  – wie tausende weiterer Priester – als Opfer der NS-Tyrannei im KZ.

Monika Kaiser-Haas, die Vizepräsidentin des Internationalen Karl-Leisner-Kreises, hält diese Gedenkansprache.  (Ein Lebensbild des Seligen hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/06/17/der-selige-karl-leisner-priester-bekenner-und-maertyrer-in-schwer-bedraengter-zeit/)

Es folgen weitere Lesungen, die an christliche Blutzeugen erinnern, wozu auch die bekannten vier Lübecker Märtyrer gehören.

Nach jeder Lesung erfolgt eine Diashow und klassische Musik (z.B. Bach, altgeorgische Choräle).

BILD: Buchtitel über Kaplan Bernhard Poether

Zum Abschluß sprechen Dr. Moisei Boroda und Pfarrer em. Ewald Spieker aus Hiltrup.

Die Gesamtkomposition des Abends liegt bei dem jüdischen Schriftsteller und Musikwissenschaftler Dr. Boroda aus Georgien. Er lebt seit vielen Jahren in Herne (Westfalen) und setzt sich unermüdlich für das Andenken von Menschen – zumal Geistlichen – ein, die in der NS-Diktatur wegen ihres Glaubens bzw. ihrer Nächstenliebe ermordet wurden.

Dem Autor wurde 2016 der Ehrentitel „Botschafter georgischer Kultur“ verliehen; zudem erhielt er Literaturpreise und das Ehrendiplom der „Gesellschaft für die Renaissance jüdischer Kultur“.