Fachtagung über den Widerstand gegen die NS-Diktatur im Nordosten Deutschlands

Von Stefan P. Teppert

Im Rahmen der von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ausgerichteten, auf drei Veranstaltungen angelegten Reihe zeitgeschichtlicher Fachtagungen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den historischen deutschen Ostprovinzen und Siedlungsgebieten wurde in diesem Jahr der Widerstand in Ostpreußen,  Westpreußen und Pommern untersucht, nachdem im Vorjahr Schlesien und das Sudetenland behandelt worden sind und im nächsten Jahr die Opposition gegen Hitler im Südosten Europas folgen soll.

Der Tagungsraum im Göttinger Hotel Astoria war gut gefüllt, als der Ehrenvorsitzende des Stiftungsrates Hans-Günther Parplies Referenten und Gäste begrüßte.

Er richtete die Grüße von Christine Czaja aus, der Vize-Vorsitzenden der Kulturstiftung. 

Sie war es, die Idee und Anstoß zu dieser Tagungsreihe gegeben und den ersten Teil der Trilogie persönlich zusammen mit Prof. Karl-Joseph Hummel konzipiert und geleitet hatte, während sie diesmal wegen Krankheit ihres Ehemannes nicht anwesend sein konnte, aber vielfältige Anregungen gegeben hatte.

In den bewährten Händen von Geschäftsführer Dr. Ernst Gierlich lag wieder die organisatorische Durchführung.

BILD: Christine Czaja und Dr. Ernst Gierlich auf einer früheren Tagung der Kulturstiftung

Parplies blickte zurück auf eine noch in den 1950er Jahren missbilligende Haltung eines Drittels der bundesdeutschen Bevölkerung gegenüber der Verschwörung des 20. Juli 1944, eine erst in den 1960er Jahren beginnende Veränderung durch Zeitzeugentagungen, eine dann folgende Öffnung der Widerstandbetrachtung und Erweiterung der Perspektiven in der Zeitgeschichtsforschung.

Neben die Erörterung des politisch-militärischen Widerstands trat nun die Diskussion um einen nach Stufen differenzierten Oppositionsbegriff.

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten mussten in lebhaften Diskussionen zwei unterschiedliche Geschichtsrezeptionen zusammengeführt werden, was zur Begriffsklärung beigetragen habe, etwa zur ethisch-moralischen Einordnung des Hochverratsbegriffs in der Diktatur oder zum „Widerstand“ von Gruppierungen wie der „Roten Kapelle“ als Spionage von deutschen Kommunisten für eine ausländische Macht, nämlich die Sowjetunion, mit der Deutschland sich im Krieg befand.

Das derzeit gebremste öffentliche Interesse am Thema Widerstand werde seiner Bedeutung nicht gerecht, zumal das Umfeld des Attentats von Stauffenberg viel größer und weiter verzweigt war als bisher angenommen.

Die Kulturstiftung wolle mit ihrer Tagungstrilogie zum 75. Jahrestag des missglückten Umsturzes einen zusätzlichen und speziellen Blick auf den beträchtlichen Anteil der historisch ostdeutschen Regionen bei Widerstand und Opposition gegen die Nazi-Diktatur ins Gedächtnis der Nation einbringen, der von der einschlägigen Forschung bisher vernachlässigt wurde und für den es keine öffentliche Instanz gibt.

Zugleich mit der Übernahme der Tagungsleitung stellte Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Gilbert H. Gornig von der Universität Marburg die komplizierte Frage nach der Verantwortbarkeit des  Tyrannenmords, die schon in der Antike bei Sokrates, Platon und Aristoteles gestellt und positiv beantwortet wurde, so auch bei Cicero und anderen Philosophen.

Mit einem klaren Nein jedoch beantworten diese Frage die Religionen, etwa das Christentum und der Islam. Ein Konfliktfeld zwischen Religion und Rechtsordnung tut sich auf. Einerseits beinhalte unser Grundgesetz ein Widerstandsrecht, im Völkerrecht gebe es andererseits ein Gewaltverbot, das allerdings nur auf grenzüberschreitende Angelegenheiten anwendbar wird, wie etwa jüngst beim Einmarsch türkischer Truppen nach Nordsyrien. Dagegen bleibe das Völkerrecht ausgeblendet, wenn ein Volk den eigenen Tyrannen beseitigen möchte.

Nicht selten kommt ein späterer Attentäter aus dem früheren Kreis der Bewunderer Hitlers. Diesen Abtrünnigen ist oft gemeinsam, dass sie nicht aus dem niedrigen Volk stammen, sondern aus den Kreisen des Militärs, des Adels, des gehobenen Bürgertums. So verhielt es sich auch bei Hellmuth Stieff, über den der Trierer Historiker Dr. Horst Mühleisen referieren  wollte, aber wegen Krankheit nicht kommen konnte.

Dr. Ernst Gierlich verlas sein Manuskript. Stieff wurde 1901 im westpreußischen Deutsch-Eylau in ein konservativ-liberales Elternhaus geboren, die Mutter stammte aus einer Juristenfamilie, der Vater schlug eine gehobene militärische Laufbahn ein, was auch mit Ehrgeiz und Erfolg der Sohn tat. Dem „nationalen Aufbruch“ Hitlers brachte Stieff zunächst Wohlgefallen, ja Bewunderung entgegen, hielt ihn für den „Begründer einer neuen, unzweifelhaft epochalen Weltanschauung“. Erste Zweifel kamen Stieff mit der Röhm-Affäre und der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dollfuß 1934, es überwog aber wieder die Zustimmung bis zu den Novemberpogromen 1938.

Aber vor allem seine Reise nach Polen im Rang eines Majors im Generalstab im November 1938, als er „die Ruine Warschau“ und die dortigen Ausschreitungen sah, die sein Rechtsgefühl verletzten, brachte den Wendepunkt in seinem Leben. Immer stärker wurde seine Ablehnung des Regimes, 1941/42 schlug sie in „abgrundtiefen Hass“ um. Obwohl er die Bekämpfung des Bolschewismus befürwortete, lehnte er den Feldzug gegen die Sowjetunion aus militärischen Gründen ab.

Er empfand Trauer und Scham angesichts der Deportation der Juden, fühlte sich mitschuldig an ihrem Schicksal und war bereit, dafür zu sühnen. Gegenüber seinen Mitarbeitern bezeichnete er Hitler als „Totengräber des deutschen Volkes“. Im August 1942 war Stieff sowohl aus fachmännischer Einsicht wie aus seinem moralischen Empfinden zum Widerstand bereit. Er gehörte zum engsten Kreis der Verschwörung des 20. Juli 1944, zögerte und schwankte aber trotz leidenschaftlicher Feindschaft gegen das Regime, lehnte die Ausführung des Anschlags ab, weil er akute Gefahren erkannte.

Nach dem missglückten Attentat hatte er die naive Hoffnung, seine Spuren beseitigen zu können, wurde aber wie sein Freund Graf von Stauffenberg und andere Mitverschwörer verhaftet, von Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet. Noch in der Todeszelle war Stieff zum katholischen Glauben übergetreten.

Über das Thema „Im Umfeld der Wolfsschanze – Ost- und westpreußischer Adel im Widerstand“ sprach Dr. Wieslaw-Roman Gogan, Historiker und Archivar beim Kulturzentrum   Ostpreußen in Ellingen. Er nannte zunächst Zahlen für die Mitverschwörer beim Staatsstreich am 20. Juli 1944. Nach einem SS-Bericht seien es über 7.000 Personen gewesen, die nach dem Attentat verhaftet wurden.

Die Zahl der hingerichteten oder zum Selbstmord gezwungenen Verschwörer belief sich, je nach Quellen, zwischen 4.980 und 5.764 Personen allein im Jahr 1944. Gogan zählte zahlreiche Namen von Verschwörern auf, die aus Grafen-, Freiherren und anderen Adelsfamilien stammten. Prägnante Lebensbilder mit ihrer Familiengeschichte zeichnete er mit illustrierenden Fotos von zwei Adligen aus Ostpreußen und einem aus Westpreußen, die alle drei dem Militär angehörten und im Zentrum des Verschwörerkreises mitwirkten.

Oberleutnant Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort, 1909 in Hannover geboren, gehörte zu den größten Grundbesitzern in Ostpreußen. Im Oktober 1941 wurde er zusammen mit anderen Offizieren Augenzeuge eines Massakers der „SD-Einsatzgruppe“ an 7.000 Juden in Borissow. Dieses Ereignis wurde für ihn zum entscheidenden Anlass, sich dem militärischen Widerstand gegen das NS-Regime aktiv anzuschließen. Nach dem gescheiterten Attentat wurde Lehndorff verhaftet und gefoltert, verurteilt und in Berlin-Plötzensee erhängt.

Generalmajor Heinrich Burggraf und Graf zu Dohna-Schlobitten, 1882 in Waldburg-Capustigall bei Königsberg auf dem Landsitz seiner Vorfahren geboren. Zusammen mit seiner Frau beteiligte er sich von Anfang an aktiv an den Umsturzplänen und stellte sich für die Zeit nach dem Attentat als Landesverweser für Ostpreußen zur Verfügung. Er wurde verhaftet, unter Verlust seines Vermögens und Aberkennung seiner Ehrenrechte verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.

Hauptmann Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, geboren 1902 in Kopenhagen. Als Augenzeuge des Hitler-Putsches hatte Schwerin 1923 seine ersten negativen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten gemacht. Seine aktive Widerstandsarbeit begann er 1938 zusammen mit seinem Freund Peter Graf Yorck v. Wartenburg, er gehörte zuletzt zum engsten Kreis der Verschwörer und teilte ihr Schicksal der Hinrichtung.

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten des zivilen Widerstandes gegen Hitler war der 1884 im westpreußischen Schneidemühl in eine Beamtenfamilie geborene Carl Friedrich Goerdeler.

Barbara Kämpfert aus Minden gab einen Überblick über seinen Lebensweg und suchte seine späteren Beweggründe, einen Staatsstreich herbeizuführen, aus seiner konservativen, preußisch-bürgerlichen Herkunft verständlich zu machen. Als zweiter Bürgermeister von Königsberg und OB in Leipzig erwarb er sich mit effizientem Pragmatismus viel Ansehen, wurde in den Vorstand des Deutschen Städtetags gewählt und war sogar als Nachfolger für Reichskanzler Brüning im Gespräch. Zuerst lehnte er die NSDAP nicht völlig ab, vollzog aber eine Wendung angesichts deren Wirtschafts-, Kirchen- und Rassenpolitik, die er deutlich zu kritisieren wagte.

Mit seiner optimistischen Haltung und seinem Glauben an die Vernunft meinte er, Hitler überzeugen zu können. Zum offenen Bruch kam es, als in Leipzig das Mendelssohn-Bartholdy-Denkmal abgerissen wurde, für Goerdeler eine „Kulturschandtat“, die ihn in den Widerstand trieb. Er legte sein Amt nieder und versuchte auf zahlreichen Reisen als Berater für Bosch die Welt vor Hitlers Absichten zu warnen.

Als treibende und führende Kraft der Opposition drängte zum Umsturz, bei dem Hitler verhaftet werden sollte. Goerdeler glaubte daran, dass die Westalliierten dann den Krieg beenden würden. Ein Attentat lehnte er als Christ ab. Für die Zeit danach arbeitete der Kreis um ihn an einer neuen Gesellschaftsordnung, die autoritär und nationalkonservativ sein sollte und in der er als Reichskanzler vorgesehen war.

Warum Goerdeler schon vor dem 20. Juli 1944 verhaftet wurde, ist nicht klar. Von den Attentats-Plänen der Kreisauer und Stauffenbergs ahnte er wohl nichts. Auf der Flucht hielt er seine Jugenderinnerungen fest, im Gefängnis arbeitete er Pläne über einen europäischen Staatenbund aus, der zunächst Wirtschafts-, dann Verteidigungsgemeinschaft und schließlich politische Union sein sollte, damit es in Europa nie wieder Krieg gäbe. Am 8. September 1944 wurde Goerdeler zum Tode verurteilt, aber erst nach monatelangen Verhören und Folterungen am 2. Februar 1945 hingerichtet, sein Bruder Fritz einen Monat später. Die Referentin stellte abschließend fest, das Bild Goerdelers in der Forschung sei umstritten, ein abgewogenes Urteil stehe noch aus.

Im Collegium Albertinum, wo man sich der Pflege des geistigen Erbes der Universität von Königsberg verpflichtet fühlt, hielt der aus Königsberg stammende und dort lehrende Prof. Dr. Wladimir Gilmanov einen Vortrag über die „Theologie des Widerstandes“, besonders am Beispiel von Peter Graf Yorck von Wartenburg, der im Kreisauer Kreis zusammen mit Moltke, Dohna, Schulenburg, Lehndorff und Schwerin den Tyrannenmord plante, obwohl ihn wegen seiner tiefen Religiosität schwere Skrupel plagten.

Es sei schwer, die theologische Eigenart des Glaubens von Yorck zu identifizieren trotz der Tatsache, dass seine enge Freundschaft mit Moltke auf Paul Tillichs Theologie des „Mutes zum Sein“ hinweisen kann, die vor dem Hintergrund von Schellings „Theologie der Offenbarung“ die Gefahr der Entindividualisierung und Verdinglichung des Menschen zu überwinden sucht.

Kenntnisreich schlug Gilmanov einen großen kulturhistorischen Bogen, um die Ursprünge der Theologie des Widerstandes in der Bibel und ihr Fortwirken in der deutschen und russischen Geistesgeschichte anklingen zu lassen. Die deutsch-russischen Beziehungen haben nach Gilmanov eine schicksalhafte Rolle für die Zukunft Europas, wenn nicht sogar der ganzen Menschheit. Ein tragischer Bruch in der Dynamik der deutschen Geistesgeschichte werde exemplarisch in Goethes Faust-Mythos offenbar. Eine seltsame Doppelheit zeichne das Wesen des Deutschen aus zwischen perfektionistischer Vernunft mit blindem Selbstvernichtungspotenzial und heroischer Auflehnung dagegen bei den Vertretern eines wahren, geheimen und protestierenden Deutschland.

Einleuchtend stellte Gilmanov komplizierte geisteswissenschaftliche Zusammenhänge her, nannte wiederholt Kant und Hamann, aber auch Simon Dach und Karl Marx, Oswald Spengler, Stefan George und Ernst Wiechert sowie die Theologen Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann und Martin Niemöller, auf russischer Seite u. a. F. M. Dostojewski, Leo Tolstoi und Nikolaj Berdjajew.

Die offizielle moderne Geschichtsforschung schließe kategorisch die magisch-okkulte Beeinflussung des Weltgeschehens aus und sei deshalb unfähig, den hermeneutischen Schlüssel etwa zu der Massenmordhysterie bei Hitler und Stalin zu finden. Eine überzeugende Antithese zu Nietzsches „Gott ist tot“, ja einen Beweis für Gottes Allgegenwart sogar inmitten der politischen Hölle sieht Gilmanov im Sieg über die Todesangst bei den deutschen Verschwörern. In theologischem Licht sei der zivile und militärisch-politische Widerstand gegen Hitler auch der christliche Widerstand gegen die widerchristliche Dämonisierung der europäischen Zeitgeschichte.

Prof. Dr. Rainer Bendel, der Leiter des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa in Tübingen, beleuchtete die „Widersetzlichkeit“ des Bischofs von Ermland in Ostpreußen Maximilian Kaller, der 1880 als zweites von acht Kindern in eine Kaufmannsfamilie geboren wurde.

Seine Herkunft aus dem oberschlesischen Katholizismus und der Breslauer Theologie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben Kallers Seelsorgeverständnis geprägt. Als zentraler Promotor der ‚Katholischen Aktion’ in Deutschland begegnet er am häufigsten als der „Seelsorgebischof“. Anfangs scheint er von der braunen Bewegung oder zumindest der völkischen Erneuerung fasziniert gewesen zu sein, es gibt Parallelen in seiner Begrifflichkeit und seinen Bildern zur Diktion der Faschisten.

Doch sobald ihm spätestens ab Januar 1934 der totalitäre Anspruch des Staates und seine Übergriffe deutlich wurden, nahm er in Abgrenzung und Widerspruch der kirchlichen Position von den „Irrlehren“ der Gegenwart den Geisteskampf auf. In Predigten, Kirchenblättern und Hirtenbriefen sowie auf Diözesanwallfahrten ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen, warnte vor der weltanschaulichen Zersetzungstätigkeit des Neuheidentums mit dem Mythus des Blutes und der Rasse und verteidigte den Glauben als das Fundament aller Ordnung auf Erden. Es gelang ihm und seinem Klerus im Ermland, einen Großteil der praktizierenden Katholiken den herrschenden ideologischen Einflüssen zu entziehen.

Zudem setzte sich Kaller für die Seelsorge in polnischer Sprache ein, was ihm eine Beschwerde des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch in Berlin einbrachte. Das Misstrauen der Parteistellen ging bald so weit, dass der Bischof und das Bistum unter besondere Gestapokontrolle gestellt wurden, weil man im Ermland einen Herd des Umsturzes vermutete. Im Jahr 1937 wurde Kallers Hirtenwort zur Fastenzeit beschlagnahmt und die Druckerei der Ermländischen Zeitung enteignet. Es kam zu Verhaftungen und Verurteilungen von Geistlichen und Laien des Bistums. Alle katholischen Vereine wurden verboten.

Seit 1939 lässt sich eine Änderung in Kallers Linie bis hin zu regimeaffinen Äußerungen erkennen. 1946 wurde Kaller von Papst Pius XII. als Päpstlicher Beauftragter für die Seelsorge der vertriebenen Katholiken berufen, starb aber schon im Juli 1947 plötzlich an einem Herzinfarkt in Frankfurt am Main. 2003 wurde der Seligsprechungsprozess für Maximilian Kaller eröffnet.

Der Berliner Kirchenhistoriker Pfarrer Mag. theol. Ulrich Hutter-Wolandt untersuchte unter dem Titel „Zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche“ den Kirchenkampf in der pommerschen Evangelischen Kirche und in der Greifswalder Evangelisch-theologischen Fakultät.

Bereits ab 1932 bestand die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, eine den Nationalsozialisten sehr nahe stehende Gruppierung, die 1933 die Kirchenwahlen in der neu geschaffenen einheitlichen Reichskirche gewannen und in fast allen evangelischen Landeskirchen die Bischöfe stellten. Sie verwarfen das Alte Testament als „jüdisch“. Gegen diese Anschauungen richtete sich dann aber der Protest vieler Kirchenmitglieder.

Im September 1933 rief deshalb Pfarrer Martin Niemöller (Berlin) den gegen die Deutschen Christen gerichteten Pfarrernotbund ins Leben. Das Programm der Deutschen Christen mit ihrem Antijudaismus betrachtete er als Verfälschung der christlichen Lehre. Der Pfarrernotbund wurde zu einer der wichtigsten Wurzeln der Bekennenden Kirche, die sich ab 1934 formierte, sich als „rechtmäßige evangelische Kirche“ in Deutschland verstand und ihren Gehorsam gegenüber Reichsbischof Müller aufkündigte.

In den Folgejahren nahm die Verfolgung der Bekennenden Kirche zu, ihre Anhänger wurden mit Gefängnis bestraft, sie wurden bespitzelt, mussten Strafgeldzahlungen leisten oder wurden ins Sammellager gebracht. Hutter-Wolandt erläuterte an ausgewählten Beispielen den Kirchenkampf in Pommern und die Situation an der Greifswalder Ev. Theologischen Fakultät, die nach 1933 wie viele theologische Fakultäten in Preußen im Sinne des Nationalsozialismus umfunktioniert wurde.

Es gab dort nur wenige Professoren, die dem Nationalsozialismus etwas entgegensetzten: dies waren u. a. der Neutestamentler Ernst Lohmeyer und der Kirchenhistoriker und Systematiker Rudolf Hermann. Zur Sprache kam auch die Beteiligung von Mitgliedern der Fakultät beim Eisenacher Entjudungsinstitut, das 1938 von dem Jenaer Neutestamentler Walter Grundmann gegründet wurde. Hutter-Wolandt resümierte, dass man in Pommern trotz aller kirchenpolitischen Auseinandersetzungen von einem gemäßigten Kirchenkampf sprechen muss – etwa im Gegensatz zur schlesischen Provinzialkirche, in der die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen weit radikaler als in Pommern waren.

Bis heute hat man Mühe, jenen Personen gerecht zu werden, die sich sowohl gegen das bolschewistische als auch gegen das faschistische System engagierten. Zumeist sieht man in ihnen einfach Kollaborateure mit einem der Regime, nicht Gegner zweier Totalitarismen.

Zu diesem Personenkreis gehört der deutsche Schriftsteller Edzard Schaper (1908-1984), der von beiden totalitären Systemen verfolgt wurde. Der Germanist und Philosoph Prof. Dr. Karol Sauerland aus Warschau nahm sich seines Werks und Wirkens an.

Schaper wurde 1936 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, ein Jahr nachdem sein Roman „Die sterbende Kirche“ erschienen war. Der Ausschluss zog allerdings kein Publikationsverbot nach sich. Nachdem Schaper vom System der kommunistischen Vernichtungslager erfahren hatte, verstärkten sich seine antisowjetischen Stellungnahmen. Als die Sowjets 1940 Estland besetzten und Zehntausende Esten nach Sibirien deportierten, entging Schaper der Verhaftung durch Flucht nach Helsinki.

Er hatte für die finnische Spionage gearbeitet und war deshalb von den Sowjets zum Tode verurteilt worden. In der finnischen Hauptstadt arbeitete er als deutscher Auslandskorrespondent und Kriegsberichterstatter über den ab Juni 1941 bis 1944 geführten „Fortsetzungskrieg“ zwischen Finnland und der Sowjetunion. Im Dezember 1944 wurde er vom deutschen Volksgerichtshof in Abwesenheit zum Tode verurteilt, weil man ihn für einen sowjetischen Spion hielt. Schaper scheint das nazifaschistische System weniger durchschaut zu haben als das sowjetische.

Eindeutig stand er aber zwischen den Fronten und musste 1944 zunächst in Schweden untertauchen, um 1947 in die Schweiz überzusiedeln, wo er das Bürgerrecht erhielt. 1951 konvertierte er zur römisch-katholischen Kirche. Das Baltikum und Osteuropa sind häufige Schauplätze seiner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielenden Romane. Sein besonderes Interesse gilt Menschen in Grenzsituationen, kleinen Völkern wie den Esten und Finnen, der russisch-orthodoxen Kirche und den verfolgten Christen, den Einsamen, Flüchtlingen, Verlorenen und Vergessenen.

In der Nachkriegszeit kommentierte er das „Martyrium des Schweigens und der Lüge“ im Kommunismus, so u. a. die Verurteilung des ungarischen Kardinals Mindzenty in einem Schauprozess mit offensichtlich erzwungenen Aussagen. Sauerland ging näher auf die Romane „Der letzte Advent“ und „Hinter den Linien“ ein und schloss mit Überlegungen zum einmaligen Fall des Widerstands in Polen.

In einer Schlussbetrachtung umkreiste Prof. Gornig noch einmal die Frage nach der Zulässigkeit des Tyrannenmords und beantwortete sie für sich selbst positiv, sofern es sich tatsächlich um einen Tyrannen handle, was aber nicht leicht zu definieren sei. Die Tagung habe einen großen Erkenntnisgewinn erbracht, lasse aber auch viele Fragen offen. Thema sei zunächst der Tyrannenmord und im zweiten Teil ein erweiterter Widerstandsbegriff gewesen, bilanzierte Hans-Günther Parplies und merkte abschließend an, dass Widerstand durchaus möglich war und durch eine zahlreiche Minderheit auch erfolgt sei.

Text und Porträtfotos: Stefan P. Teppert


Bundestag beschließt Zentrum zur Geschichte der deutschen Minderheit in Oppeln

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat auf der gestrigen Bereinigungssitzung zusätzliche Mittel für die Kulturförderung gemäß Bundesvertriebenengesetz beschlossen.

Dazu erklärt der Sprecher der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckhard Pols:

„Die Union setzt mit ihrem Einsatz für das deutsche Kulturerbe im Osten Europas ein klares politisches Signal: Die Bundesförderung nach dem Kulturparagraphen des Bundesvertriebenengesetzes bleibt ein Kernanliegen deutscher Politik und wird im Bundeshaushalt 2020 um mehr als fünf Millionen Euro erhöht.

  • So werden die deutschen Minderheiten in Polen und Rumänien 2020 mit zusätzlich 3,4 Millionen Euro unterstützt. Besonders hervorzuheben ist dabei die Förderung eines Dokumentations- und Ausstellungszentrums zur Geschichte der deutschen Minderheit in Oppeln. Die Mittel dienen außerdem der Renovierung bestehender Schulgebäude, Bildungsprojekten und Personalkosten in Altenheimen sowie Sozialstationen.
  • Das Schloss Steinort, eines der bedeutendsten noch erhaltenen Schlösser Ostpreußens, wird für die weitere bauliche Sicherung mit 500.000 Euro unterstützt.
  • Das Haus Schlesien in Königswinter, das auch von der Landsmannschaft Schlesien genutzt wird, erhält für die Sanierung und den Umbau 500.00 Euro.
  • Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn wird für das Projekt zur Stärkung der eigenständigen Kulturarbeit der deutschen Heimatvertriebenen mit 500.000 Euro gefördert.
  • Das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg erhält für die Erneuerung der Klimaanlage 280.000 Euro und für die wissenschaftliche Erstellung der geplanten Kant-Ausstellung 178.000 Euro.
  • Die Veröffentlichung der monatlichen Kulturkorrespondenz-Zeitschrift des Deutschen Kulturforums östliches Europa ist mit 80.000 Euro weiter gesichert.
  • Der Museumsverband Niedersachen und Bremen hat in Kooperation mit der niedersächsischen Landesbeauftragten für Heimatvertriebene erstmals ein Pilotprojekt zu den Heimatsammlungen entwickelt, das mit 50.000 Euro gefördert wird.

Die Ergebnisse sind ein wichtiger Erfolg für die Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der in der 19. Legislaturperiode 71 Abgeordnete angehören.

Die Unionsfraktion setzt sich weiter nachhaltig und mit Erfolg für die Anliegen der deutschen Heimatvertriebenen und Heimatverbliebenen ein.“


Göttingen: Fachtagung über Widerstand gegen den NS im Nordosten Deutschlands

Unter dem Titel „Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Nordosten – Persönlichkeiten, Konzepte, Schicksale“ veranstaltet die „Kulturstiftung der deutschen Verstriebenen“ in Göttingen eine Tagung am 10. und 11. Oktober 2019.

Voriges Jahr ging es in dieser Reihe zeitgeschichtlicher Seminare um den Widerstand gegen den Natioinalsozialismus in Schlesien und dem Sudetenland.

Diesmal wird der Widerstand in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern untersucht.

Dabei werden die latent oppositionellen Milieus der „Parallelgesellschaften“ des Landadels, der evang. Bekennenden Kirche und der Katholischen Kirche, des Militärs und des preußischen Bürger- und Beamtentums in den Blick genommen.

Anhand von Lebensbildern herausragender Vertreter wird ihre Entwicklung von der Herkunft, dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld sowie dem beruflichen Werdegang zu ihrer Entscheidung in Richtung aktives Widerstandshandeln nachgezeichnet und veranschaulicht.

Für den Widerstand aus dem Militär steht der aus Deutsch-Eylau in Westpreußen stammende Generalmajor Hellmuth Stieff als einer der Hauptbeteiligten  des 20. Juli 1944.

Zu dem Kreis aus dem preußischen Bürger- und Beamtentum gehört Carl Goerdeler, Kopf des zivilen Widerstands in Deutschland. 

Der Beitrag  aus der Katholischen Kirche wird am Beispiel von Maximilian Kaller, dem letzten deutschen Bischof der ostpreußischen Diözese Ermland, dargestellt,

Netzwerke und Einzelpersönlichkeiten des Widerstandes aus protestantischer Wurzel werden am Beispiel der Evangelischen Kirche Pommerns erörtert.

Den besinnlichen Abschluss bildet ein Blick auf den Schriftsteller Edzard Schaper, den Wanderer zwischen Ost und West und Verfolgten unter zwei Diktaturen.

Das genaue Programm finden Sie hier: https://kulturportal-west-ost.eu/wp-content/uploads/Einladung-zg-2019.pdf

Eine Anmeldung zur Tagung ist auch in den nächsten Tagen noch möglich.  – Mail bitte an: kulturstiftung@t-online.de


Köln: Tagung vom 15. bis 16. Oktober über Widerstand in Schlesien und Sudetenland

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Unter dem Motto „Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Schlesien und im Sudetenland – Persönlichkeiten und Zukunftskonzepte“ veranstaltet die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen eine zeithistorische Fachtagung in Köln (Maternushaus) von Montag, den 15. Oktober, bis Dienstag, den 16. Oktober 2018.
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Die wissenschaftliche Leitung übernimmt Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel, Meckenheim.
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Bei dieser Veranstaltung geht es nicht allein um die Vorstellung von bekannten Persönlichkeiten, die Widerstand gegen die NS-Diktatur geleistet haben (z.B. Graf von Moltke und Graf York von Wartenburg) oder von Geistlichen, die ihren Glaubensmut mit dem Leben bezahlten, sondern auch um den Einfluß von Oppositionellen aus dem Osten auf die Entwicklung in Westdeutschland.

Außerdem befaßt sich die Tagung mit den politischen Konzepten des Widerstands in Ober- und Niederschlesien und im Sudetenland für die „Zeit danach“.

Die Forschung zum Widerstand in diesen Gebieten (die später von der Vertreibung betroffen waren) war bislang eher im Hintergrund geblieben. Durch neuere wissenschaftliche Biographien und Aufarbeitungen gab es Fortschritte in neuerer Zeit. Dabei geht es auch um die Frage, ob bzw. wie der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den östlichen Nachbarländern  wahrgenommen und diskutiert wurde und wird.

Auf der Tagung sprechen zahlreiche angesehene Historiker/innen und Fachleute, darunter auch Geschichtsforscher aus den erwähnten Vertreibungsgebieten.

Das ausführliche Programm lesen Sie hier: https://kulturportal-west-ost.eu/wp-content/uploads/Einladung-ZG-2018.pdf

Die Anmeldung soll bis 7. Oktober erfolgen.

Der Teilnehmerbeitrag beträgt 60 Euro. Darin ist die Verpflegung für beide Tage enthalten. Um die Unterkunft sollen sich die Teilnehmer selber kümmern.

Kontakt-Daten: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Godesberger Allee 72-74 in 53175 Bonn
Telefon: 0228/ 91512-0, E-Mail: kulturstiftung@t-online.de

 


Stralsund: Ausstellungseröffnung am 10. April 2015 in der Marienkirche

Thema: „Backstein-Architektur im Ostseeraum“

Eröffnungsveranstaltung in der Marienkirche: 10. April 2015, 16 Uhrflyerstralsund.

Hierzu lädt die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen herzlich ein!

Inhalt der Ausstellung, die bis 31. Mai dauert:

Bis heute werden die Länder und Regionen an der südlichen Ostsee besonders von der mittelalterlichen Backsteinarchitektur geprägt.

Die Erforschung des südlichen Ostseeraums als europäische Kulturlandschaft macht spätestens seit der Wende von 1989/90 nicht mehr an nationalen Grenzen halt, sondern erweist sich als ein intensives völkerverbindendes Bemühen.

Die Ausstellung möchte einen Einblick in die aktuelle Forschung zur Backsteinarchitektur bieten.

Die wissenschaftliche Leitung obliegt Prof. Dr. Christofer Herrmann (Danziger Universität / Uniwersytet Gdanski, Instytut Historii Sztuki) und Prof. Dr. Matthias Müller (Universität Mainz, Institut für Kunstgeschichte).

Die Wanderausstellung wird an ausgewählten Orten in Deutschland und in einer polnisch-sprachigen Version in Polen präsentiert.

Programm der Eröffnungsveranstaltung:

– Dr. Barbara-D. Loeffke, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen flyerstralsund2
Begrüßung

– Pfarrer Christoph Lehnert, St. Mariengemeinde
Grußwort

– Senator Holger Albrecht, Hansestadt Stralsund (angefragt)
Grußwort

– Prof. Dr. Christofer Herrmann, Danzig
Einführung in die Ausstellung

– Dr. Tilo Schöfbeck, Schwerin
Vortrag: Mittelalterliche Backsteinkirchen auf der Insel Rügen. Einblicke eines Bauforschers

– Prof. Dr. Christofer Herrmann, Danzig
Vortrag: Der rote Backstein – ein königlich-imperiales Baumaterial?
Überlegungen zum symbolischen Gehalt des gebrannten Ziegels im Mittelalter

– Kleiner Empfang

Quelle und Fortsetzung der Einladung HIER: http://kulturportal-west-ost.eu/ausstellung-backsteinarchitektur-im-ostseeraum

 


Tagung zum ostpreußischen Volkslied „Ännchen von Tharau“ am 17. Mai in Kassel

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Die ersten drei Strophen des berühmten Hochzeitsgedichts lauten:
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Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt,
sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!


Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen mit Sitz in Bonn sowie der Akademische Freundschaftskreis Ostpreußen (AFO) veranstalten  –  begleitend zum diesjährigen Ostpreußentreffen   –  eine Soiree:

Ännchen von Tharau  –  ihr Leben, ihr Lied, ihre Kirche  –  gestern und heute

Samstag, 17. Mai 2014, 19 Uhr

im Hotel ‚La Strada‘, Raiffeisenstr. 10, 34121 Kassel

Das „Ännchen von Tharau“ ist eines der beliebtesten deutschen Volkslieder.

Das Hochzeitsgedicht auf das Ännchen, die schöne junge Pfarrerstochter Anna (Anke) Neander aus Tharau in Ostpreußen, wurde 1637 verfaßt vom Barockdichter Simon Dach und später ins Hochdeutsche übertragen von Johann Gottfried Herder; vertont wurde es von Friedrich Silcher.

Der erste Teil derSoiree wird sich mit Vortrag (Betty Römer-Götzelmann) und Gesang (Annette Subroweit) dem Leben des berühmten „Ännchen“ widmen, der zweite Teil in Wort und Bild vom Glanz, Untergang und Wiederauferstehen der Tharauer Kirche berichten.

Der Eintritt ist frei.

Weitere Auskünfte bzw. Anmeldung bei:
Dr. Ernst Gierlich, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Kaiserstr. 113 in 53113 Bonn, Tel. 0228/ 91512-0