München: Ausstellung eines böhmischen Künstlers über den hl. Nepomuk

Von Susanne Habel

In München zeigt der in Amerika tätige böhmische Künstler Prof. Dr. Walter Gaudnek (siehe Foto) eine religiöse Bilderserie. „Teutonis et Bohemis amabiles Johannes Welflin Nepomuk“ im Sudetendeutschen Haus widmet sich  Sankt Nepomuk. Gaudnek-kl

Walter Gaudnek gehört zu den Vertretern der „Pop-Art“, setzte sich in seinen Kunstwerken jedoch auch immer wieder mit religiösen Themen auseinander.

In einer 2006 in München präsentierten Ausstellung ging es beispielsweise um Engel, 2007 in Ingolstadt im Münster um die „Zehn Gebote“. Die Ausstellung „Im Schatten der Ikone – Das Heilige im Bild“ im Jahr 2011 widmete sich einem ähnlichen Thema.

Derzeit wird auch in Gaudneks eigenem Museum in Altomünster eine Schau zum Thema „Kreuze und Glyphs“ gezeigt.

Die neue Ausstellung im Sudetendeutschen Haus in München stellt eine Bilderserie vor, die 2007 in der Library Special Collection der University of Central Florida in Orlando unter dem Konzept „Homeland dedicated to Saint Nepomuk” ihren Anfang nahm.

Der Heilige mit der brennenden Zunge

Leitmotiv ist Nepomuk mit der brennenden Zunge. Der Künstler erläutert zu der neuen Schau: „Meine Nepomuk-Serie umrahmt Facetten der Angst vor Folter und Tod.“ Nepo-kl

Sankt Nepomuk wurde der Legende zufolge gemartert und von König Wenzel IV. getötet , da er als Beichtvater die Geheimnisse der böhmischen Königin, der Wittelsbacher-Prinzessin Sophie, nicht verraten wollte.

Auf den eindrucksvollen Nepomuk-Werken Gaudneks ist das verzerrte Antlitz des Heiligen und Szenen aus seinem Leben zu sehen, diesmal nicht in den für Gaudnek typischen leuchtenden Farben, sondern in schlichtem Schwarzweiß und Brauntönen.

Die hochformatigen Bilder sind oft mit Rollen versehen wie mittelalterliche Schriften. Sie führen in eine vergangene Welt der Glaubenskämpfe, die heute angesichts der Bedrohung durch terroristische Islamisten wieder sehr aktuell ist.

Mit dem Heiligen Nepomuk bewegt Walter Gaudnek sich auch wieder auf die Überlieferungswelt seiner böhmischen Heimat zu, denn er wurde 1931 in Fleyh im Kreis Dux im böhmischen Erzgebirge geboren.

Als 13jähriger Schüler wurde der Sohn eines streng katholischen Lehrers und Chorleiters 1944 von der Hitlerjugend ins Wehrertüchtigungslager Rothenhausen eingezogen; sein NS-kritischer Vater von der Gestapo erschlagen. Nepomuk-P3010143

1946 wurden die Mutter und die Kinder Walter und Ilse vertrieben und kamen in ein Lager bei Dachau nördlich von München.1951 fand die Familie im nahegelegenen Altomünster eine „neue“ Heimat.

Gaudnek erhielt nach seinem Kunststudium 1957 ein Stipendium an der University of California in Los Angeles und entschied sich, in den USA zu bleiben. Er ging nach New York und promovierte an der New York University 1968 zum Dr. phil. mit der kunstwissenschaftlichen Arbeit „Die symbolische Bedeutung des Kreuzes in der amerikanischen Malerei der Gegenwart“.

Seit 1970 ist Gaudnek Professor an der University of Central Florida in Orlando. Oft kam er in den vergangenen Jahren nach Eu­ropa zu Vortragsreisen und Ausstellungseröffnungen, meist nach München, Dachau oder Altomünster. Dort hatte Gaudnek 1999 das Gaudnek European Museum (GEM) gegründet.

Daten: Bis Donnerstag, 2. April 2015 „Walter Gaudnek Teutonis et Bohemis amabiles Johannes Welflin Nepomuk“ in München, Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8. Montag bis Freitag 9 – 19  Uhr. Bis Donnerstag, 30. April 2015: „Walter Gaudnek: Kreuze und Glyphs“ in Altomünster/Obb., Gaudnek European Museum (GEM), Sandizellergasse 3.

Unsere Autorin Susanne Habel ist Redakteurin und Journalistin in München; auch die Fotos stammen von ihr; die beiden letzten Bilder zeigen Ansichten aus der Ausstellung mit Gemälden aus der Nepomuk-Serie.


Biblische Kunstwerke im Grenzgebiet: Marc trifft Mark in Markt Eisenstein

Von Susanne Habel

„Marc trifft Mark“ könnte man die aktuelle Doppelausstellung in den „Kuns(t)räumen“ in Markt Eisenstein betiteln.

Mit Marc Chagall und Mark Angus ist Weltkunst zu Gast in dem direkt an der deutsch-tschechischen Grenze gelegenen Ausstellungshaus, das sich derzeit biblischer Kunst widmet.  4 Mark Angus Jakob ringt mit dem Engel2

Marc Chagall (1887–1985) zählt zu den weltweit bekanntesten und beliebtesten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Immer wieder beschäftigte er sich in seinem Werk mit der Bibel und mit biblischen Themen. Bis heute berührt er mit diesen Arbeiten die Menschen.

BILD: Gemälde von Mark Angus: Der Patriarch Jakob ringt mit dem Engel

Die Galerie „Kuns(t)räume“ zeigt seine 1956 und 1960 als Farblithographien entstandenen Illustrationen zur Bibel, die zu seinen populärsten Werken zählen. Inspiriert durch seinen jüdischen Glauben und angeregt von der Mythen seiner weißrussischen Heimat schuf sich Chagall in Frankreich einen eigenen Zugang zur biblischen Bildwelt.

Die strahlenden Farben und schwerelos schwebende Figuren und Formen schaffen eine faszinierende Optik, die die emotionale Tiefe der biblischen Erzählungen betont. Auch einige von Chagalls Darstellungen aus der griechischen Mythologie werden gezeigt.2 Chagall - David u Betsabe_kl

Passend zu seinen Bibel-Motiven gibt es einen Ausblick auf eine der kommenden Ausstellungen, die sich dem Thema der Bibel in der Kunst widmen wird, setzten sich doch zahlreiche bedeutende Künstler mit der Heiligen Schrift auseinander.

BILD: Gemälde von M. Chagall: König David und Bethsabe (Batseba)

Einen Vorgeschmack auf diese Sonderschau geben Original-Werke von Albrecht Dürer und Rembrandt.

Harmonisch ergänzt wird die aktuelle Ausstellung mit Arbeiten des 1949 in Südengland geborenen Mark Angus, der sich ebenfalls oft biblischen Themen widmet. Der Künstler beschäftigt sich mit Vorliebe mit der Ausgestaltung von Kirchenräumen mit farbigen Fenstern.

Gleichermaßen beeindruckend sind seine hinterleuchteten Glasbilder und seine Malerei auf Papier, die er in den „Kuns(t)räumen“ unter dem Titel „Der Sprung“ zeigt.

Ausstellung bis 12. April: „Marc Chagall – Die Bibel und andere Illustrationen“ in „Kuns(t)räume grenzenlos“, Bahnhofstraße 52 in 94252 Bayerisch Eisenstein. Telefon 09925/18297-52.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10.30 – 17.30 Uhr. Führungen durch die Ausstellung jeden Samstag und Sonntag um 14.15 Uhr.

Text: Susanne Habel (Redakteurin aus München) / Fotos: Sven Bauer

 


Regensburg: Ausstellung “Formen in Bewegung” zeigt Werke von Leo Grewenig

„Formen in Bewegung“: Bis 28. November zeigt die aktuelle Ausstellung im Museum Obermünster einen Ausschnitt aus dem Gesamtschaffen des Malers Leo Grewenig (1898-1991).

Grewenig ist zu Unrecht über Jahrzehnte nur wenig vom Kunstbetrieb aufgenommen worden. Man begegnet einem Œuvre, das seine Wurzeln im Bauhaus in Weimar hat, wo er von Moholy-Nagy, Albers, Kandinsky und Klee unterrichtet wurde.

Die Zeit seiner größten künstlerischen Entfaltung setzte erst in den späten fünfziger Jahren ein. Es entstand ein weitgehend abstraktes Werk, das die Anfänge am Bauhaus ebenso reflektiert wie spätere Strömungen der europäischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Charakteristisch für das Werk Leo Grewenigs sind konsequent aus formalen Überlegungen entwickelte, kleinteilige Kompositionen, die sich einer größeren Umrissfigur unterordnen.

Die Farben sind überwiegend gedämpft und mit ornamentalen Strukturen belebt und entfalten eine märchenhafte Wirkung.

Die Schau mit einer Begleitausstellung mit phantasiereichen Arbeiten von Schülerinnen und Ehemaligen des St. Marien-Gymnasiums zum Thema ist geöffnet täglich (außer Montag) von 12 bis 17 Uhr. Weitere Infos: www.bistumsmuseen-regensburg.de

Quelle: http://www.bistum-regensburg.de/news/leo-grewenig-formen-in-bewegung-ausstellung-im-museum-obermuenster-am-freitag-symposium-prolog-architektur-material-und-medien-3389/


Die STILLE NACHT: künstlerisch wertvoll und zugleich das Weihnachtslied einfacher Menschen

Von Lucia Tentrop

Warum haben  kluge Leute in unserem Land nicht selten eine Abneigung gegen das beliebteste Weihnachtslied  der  Welt?

Das Lied „Stille Nacht“, das in über 300 Sprachen aus dem Deutschen übersetzt und  sogar international als immaterielles Kulturerbe anerkannt worden ist, wird auch von manchen Gottesdienst-Besuchern  als Zugeständnis empfunden, für das man sich fast schon entschuldigt. afc127c26a

Warum?  Was ist daran nicht gut genug  oder sogar „kitschig“?   –  Handelt es sich bei dieser Abwehrhaltung  nur um eine deutsche Selbstablehnung des Volkstümlichen, des Volkslieds bzw. des eigenen Gemüts?

Oder fühlt man sich  als intelligenter Mensch über Gefühls-Seligkeit erhaben? Warum hat man es nötig,  über etwas,  was nicht  auf wissenschaftlichen Stelzen geht,  die Nase zu rümpfen?

Als geborene Sängerin hat mich dieses  Lied seit meiner frühesten Kindheit berührt und durch mein Leben begleitet. In unserer Familie wurde es alljährlich unter dem Weihnachtsbaum gesungen.

Für mich ist das Lied ein Wurf.  Und der musikalische Leiter der Bayerischen Staatsoper, Professor Meinhard von Zallinger-Thurn, mit dem ich noch Jahre nach meiner Opernzeit in Verbindung blieb, schrieb mir zu dem Lied sogar: „Nicht mal Mozart hätte sich dazu eine bessere Melodie einfallen lassen können!“ 

Bild: Evita Gründler

Bild: Evita Gründler

Allerdings wies er mich darauf hin, dass  das Lied ursprünglich im 6/8-Takt steht und die Wiederholung des letzten Verses jeder Strophe eine zusätzlich auflockernde Verzierung enthält. Im  Unterschied zu unserer meist getragenen Singweise ist das Lied „Stille Nacht“ also eigentlich ein heiter beschwingtes Weihnachtslied, wie es für die Volksmusik  des  süddeutschen bzw. österreichischen Raumes, vielleicht  aber auch für Joseph Haydn,  typisch ist.

Diesem  anrührenden und zugleich beschwingten Duktus fehlt  die zusätzliche melodische „Träne“ der langsameren hochdeutschen Singweise, die einerseits als besonders schön empfunden, andererseits aber auch sentimental werden kann  –  zumal in einer Zeit, in der es sich gehört,  „cool“ zu sein und Gefühle der Innerlichkeit bereits vor dem Entstehen zu unterdrücken.

Ob unsere Gemüts-Prüderie  auf die Dauer gesund ist? Für die Kunst jedenfalls nicht. Denn immerhin  ist  das eigentlich Musische, der Melos, zunächst und vor allem eine emotionale Ausströmung.  Die Orgien der Musen  sind die sinnliche  Basis gesanglicher  Äußerung  –  und werden  erst durch das Hinzutreten der apollinischen Gestaltungskraft  bis in höchste Ebenen hinauf zur Kunst,  nicht nur in der Musik.

Was  wäre unsere Kunst ohne  ihre emotionale Substanz?  Welche seelische Wirkung  haben theologisch perfekte Liedtexte,  wenn sie nicht über  Poesie und Melodie zu Herzen gehen? Welchen Wert haben so manche von jeglicher Innigkeit  sterilisierte künstlerische Produktionen der Gegenwart  für uns Menschen   –  abgesehen von Ihrem Diskussions- und Marktwert?

Für mein Empfinden erfüllt das Lied „Stille Nacht“ die Kriterien für Kunst im Sinne unserer kulturellen Tradition:  Ein normalerweise unaussprechlicher seelischer Zustand der Rührung und des tiefsten Vertrauens wird  in eine bildhafte Poesie gefasst  und in eine klare musikalische Form gebracht, um den  Menschen sinnlich erfahrbar über Bild, Sprache und Melodie aus seiner alltäglichen Realität heraus zu gesteigertem Erleben seiner Innerlichkeit zu führen  und in eine höhere Welt des Friedens und der Liebe zu erheben.

Eigentlich eine heilsame Sache  –  was kann man nur dagegen haben?

Lucia Tentrop, Wundtstraße 40-44 in 14057 Berlin 

HIER unser Beitrag über die ENTSTEHUNG dieses Liedes: https://charismatismus.wordpress.com/2011/12/19/ein-lied-geht-um-die-welt/


Atheistische Theaterchefs betonen die einzigartige Bedeutung der Bibel

KUNST stellt letzte Fragen, KIRCHE gibt Antworten auf “letzte Dinge”

Hat Gott einen Platz im Theater?  – Darüber wurde am 27. November im Deutschen Theater in Berlin bei der Veranstaltung «Vorhof der Völker» diskutiert. Sie wird von der Deutschen Bischofskonferenz, dem Erzbistum Berlin und dem Päpstlichen Rat für die Kultur durchgeführt. thumb_gemeinde

Nach Ansicht des Intendanten des Theaters «Schauspiel Köln», Stefan Bachmann, gehört Religion auf die Bühne. Bachmann ist Regisseur der fünfstündigen Inszenierung «Genesis».

Das 1. Buch Mose sei «ein unglaublich spannendes Erzählwerk, in dem nichts ausgelassen wird». Die Bibel sei «das Füllhorn, aus dem alles stammt, was uns ausmacht». Er sei neugierig darauf, Unbekanntes kennenzulernen. Am liebsten würde er die gesamte Bibel inszenieren, so der Atheist Bachmann.

Der Theater- und Opernregisseur Florian Lutz bezeichnete die Bibel als «Grundlage guten Geschichtenerzählens». Dies gelte auch für Menschen, die  –  wie er selbst – nicht religiös seien.

Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Prof. Heinrich Detering erklärte, daß Kunst und Religion um die Deutung der Welt konkurrieren. Wie die Religion wolle die Kunst der Welt Sinn geben und etwas über das Wesen des Menschen erzählen, so der Katholik. Die Kunst stelle die letzten Fragen, die letzten Antworten seien jedoch in der Kirche zu erwarten.

Quelle: http://www.jesus.ch/n.php?nid=246018


Papst Franziskus würdigt die Kunst: “Schönheit, Harmonie und Friede”

In der Kunst zeige sich die geistliche Sehnsucht der Menschen. Das sagte der Papst am Samstag im Vatikan. In der Kunst könne sich außerdem die „befreiende Botschaft“ des Evangeliums zum Ausdruck bringen. Franziskus sprach bei einer Audienz für Mitglieder der Stiftung „The Patrons of the Arts“. 1_0_738707

Die vor 30 Jahren gegründete Stiftung unterstützt die Arbeit der Vatikanischen Museen finanziell. Der Papst erklärte bei seiner Begrüßungsansprache:

„Die Vatikanischen Museen sind ein herausragender Vermittler der christlichen Botschaft. Durch sie erhielten unzählige Rom-Besucher die Möglichkeit, dieser Botschaft durch Kunstwerke zu begegnen, die die geistlichen Hoffnungen der Menschheit und die großen Mysterien des christlichen Glaubens zum Ausdruck bringen.“

Zudem sagte der Pontifex zu den Mäzenen, daß sie einen guten Beitrag für die Erhaltung wichtiger Kunstschätze leisten:

„Zu allen Zeiten hat die Kirche Künstler aufgerufen, die Schönheit des eigenen Glaubens zum Ausdruck zu bringen und die Frohe Botschaft dadurch zu verbreiten. Diese ist geprägt von der Vollendung der Schöpfung Gottes, aber auch von der Achtung der Würde des Menschen, der das Ebenbild Gottes ist.

Die Kunst hat den Menschen immer wieder den Tod und die Auferstehung Christi gezeigt, und so auf die Rettung und Wiedergeburt der Welt hingewiesen, die von der Tragik der Sünde und des Todes gekennzeichnet ist.“

Wer die Vatikanischen Museen unterstütze, so der Papst weiter, erweise auch der Allgemeinheit einen Gefallen:

„Denn durch die Ausstellung der Kunstwerke in den Vatikanischen Museen werden auch unsere Hoffnungen der Ankunft jenes Reiches gezeigt, in der Schönheit, Harmonie und Friede herrschen. Diese Hoffnung ist in den Herzen eines jeden Menschen verborgen und die Antriebskraft der Menschheit, um sich in der Kunst ausdrücken zu können.“

Mit zuletzt mehr als fünf Millionen Besuchern im Jahr zählen die Vatikanischen Museen zu den meistbesuchten Kunstsammlungen der Welt.

Quelle für Text und Foto: http://de.radiovaticana.va/news/2013/10/19/papst:_%E2%80%9Emensch_kann_auch_durch_kunst_gerettet_werden%E2%80%9C/ted-738707


Gespräch mit dem jüdischen Star-Architekten Daniel Libeskind: Die Kunst soll dem Schönen, Wahren und Guten dienen!

Er erschafft Gebäude, in denen man seekrank wird, zB. das Jüdische Museum in Berlin, in dessen Untergeschoß die Flure so gebaut sind, daß man die von geflohenen Juden erlebte Heimatlosigkeit gleichsam körperlich nachempfinden kann. Die Rede ist vom jüdischen Architekten Daniel Libeskind (siehe Foto). 1_0_695476

Libeskind ist der wohl berühmteste Gedenk-Architekt; er wird vor allem mit solchen Projekten verbunden: Neben Berlin vor allem mit Ground Zero in New York, mit dem Umbau eines ehem. Gefängnisses für die IRA in Irland, dem Imperial War Museum in Manchester oder dem Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück.

Libeskind reiste vor kurzem nach Rom zu einer vom Vatikan  mitveranstalteten Konferenz, auf der es vor allem um Religionsfreiheit ging. Das Thema liegt ihm am Herzen, die Einladung hat ihn gleichwohl überrascht, wie er Radio Vatikan in einem Interview mitteilt:

„Ich fühle mich geehrt; ich denke, dass diese Konferenz sich mit einem der wichtigsten Themen heute beschäftigt, der Religionsfreiheit. Das ist die Fähigkeit, tolerant zu sein, die Welt als nicht nur von Gewalt und der Unterdrückung Einzelner beherrscht zu sehen, sondern sie als von Freiheit bestimmt zu sehen. Was gibt es heute wichtigeres als genau dieses Thema?“

“Freiheit ist für mich nichts Selbstverständliches”

Es ist auch Libeskinds eigene Geschichte, die sein Engagement mitbestimmt. Als Kind jüdischer Polen bringt er die Geschichte von Vernichtung und Unterdrückung mit:

„Meine Eltern waren beide Überlebende des Holocaust, ich selber bin unter dem Kommunismus in Polen aufgewachsen, bis wir dann ausreisen konnten. Das ist für mich nicht abstrakt, keine Geschichte, die man in einem Buch liest und studiert. Es ist etwas, bei dem ich erfahren habe, was Totalitarismus bedeutet. Freiheit ist für mich nichts Selbstverständliches. Ich denke, dass wir uns dafür jeden Tag einsetzen müssen.“

Diese Haltung prägt auch sein berufliches und künstlerisches Wirken:

„Jeder Architekt muss ein Brückenbauer zwischen Völkern und Menschen sein. In der Architektur geht es um gemeinsam genutzten sozialen Raum, es geht um das Erschaffen von Räumen, wo Menschen zusammenkommen  – und damit ist sie das beste Mittel zu zeigen, dass die Menschheit eine einzige ist.

Jedes einzelne Stück Architektur muss sich damit befassen, dass es um etwas Positives gehen muss. Wie ich schon oft gesagt habe: Architekt ist der einzige Beruf, wo man Pessimisten nicht gebrauchen kann. In fast allen anderen Bereichen kann man Pessimist sein, als Politiker, in der Wirtschaft, als General, sogar Komponisten oder Schriftsteller können das.

Aber als Architekt kann man kein Pessimist sein, denn Architektur legt immer die Fundamente für eine bessere Zukunft. Deswegen geht es bei Architektur auch immer um Glauben, du musst an etwas glauben, um es bauen zu können.“

Sakralbauten sind die “Kunstsprache des Glaubens”

Es geht immer auch um Glauben: Für Libeskind spielt diese Dimension des Lebens immer mit, wenn er zu Reißbrett und Bleistift greift. Manchmal wird es für ihn sogar explizit, so hat er zum Beispiel Olivier Messiens Oper „Franz von Assisi“ 2002 in Berlin inszeniert.

Vorbilder sind für den Architekten Libeskind deswegen u.a. auch Sakralbauten, Kirchen, Kapellen, die Kunstsprache des Glaubens der Vergangenheit und Gegenwart:

Foto: Bistum Regensburg

Foto: Bistum Regensburg

„Absolut. Ich würde sogar sagen, dass es schwer ist, ‚säkular’ von ‚heilig’ zu trennen, denn die Göttlichkeit zum Beispiel von Licht ist nicht einfach nur eine materielle Sache. Wir sind alle an etwas beteiligt, das größer ist als wir selber.

Immer in der Geschichte haben Architekten versucht, über die Welt des Funktionierens und der Nützlichkeit hinaus zu gehen, über unsere eigene Welt hinaus. Licht und Proportion, das sind Dinge, die uns lehren: Was ist das, das Materielle? Was sind die Fragen, die die Welt an uns stellt und an unsere Weise, zu leben?“

“Nicht den Sinn für das Wunderbare verlieren”

Die Wirklichkeit und das Transzendente: Für Libeskind sind das keine Gegensätze. Man kann einfach das Schöne und das Wunderbare nicht vom Realen, Anfaßbaren trennen:

„Nein, wenn wir den Sinn für das Wunderbare verlieren, baut man nur noch Massenwaren und Dinge, die innen leer sind. Wir müssen in jedem Projekt, wie klein und bescheiden es auch sei, die wunderbare Natur der Welt einfangen. Es um das Wunderbare, wo wir sind und warum es und gibt und wohin wir sehen und es geht um unsere Horizonte. Das ist alles wirklich inspirierend.“

2009 hatte Papst Benedikt viele Künstler in die Sixtinische Kapelle eingeladen: Filmemacher, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Schauspieler  –  und mit Daniel Libeskind auch die Architektur. Benedikt XVI. zitiert dabei seinen Vorgänger, Papst Paul VI:

„’Wir brauchen euch’, sagte er damals. ‚Wir brauchen eure Mitarbeit, um unseren Dienst ausüben zu können, ein Dienst, der, wie ihr wisst, darin besteht, die geistlichen Dinge, das Unsichtbare, Unaussprechliche, die Dinge Gottes, zu verkünden, zugänglich und verstehbar zu machen für den Geist und die Herzen der Menschen.(…)

Eure Kunst besteht darin, Schätze aus dem himmlischen Bereich des Geistes zu ergreifen und sie in Worte, Farben, Formen zu kleiden, sie zugänglich zu machen’. (…)

Diese Welt, in der wir leben, braucht Schönheit, um nicht in Verzweiflung zu versinken.  Schönheit und Wahrheit bringen  Freude ins menschliche Herz   –  und es ist diese kostbare Frucht, die dem Zahn der Zeit widersteht, die Generationen vereint und sie befähigt, in Bewunderung miteinander verbunden zu sein (…) Vergesst nicht, dass ihr die Hüter des Schönen in der Welt seid.“

“Wir sollen Bewahrer des Schönen sein”

„Das ist ein großartiger Auftrag”, bestätigt Libeskind: „Das stimmt, wir sollen Bewahrer des Schönen sein, denn diese Worte, Schönheit, Wahrheit und das Gute sind keine leeren Begriffe.“

Für viele sei das zum Klischee geworden, die ‚Schönheit’, aber er glaube an sie. Es gäbe schöne Räume und Plätze. Architektur ohne das Schöne sei keine Architektur, so Libeskind. Ohne Wahrheit und Güte und diese edlen Ziele sei der Mensch ein Nichts: Das ist eine Dimension seines Arbeitens als Architekt:

„Architektur ist trotz aller Schwere und trotz der Tatsache, dass sie sich mit schweren Materialien auseinander setzen muss, eine spirituelle Kunst. Zu Bauen bedeutet, etwas Geistliches zum Ausdruck zu bringen: Was ist die Welt, was geht über die Welt hinaus? Das ist beides geistlich.

Es gibt heute keine Trennlinie zwischen dem Säkularen und dem Heiligen mehr, denn jeder Arbeiter, jeder, der an einer Stadt und dem gemeinsamen Raum mitbaut, ist an etwas beteiligt, was größer als er selbst ist.

Ich halte die Städte selbst für die größten Kunstwerke, denn sie sind von so vielen Menschen erschaffen worden, die meisten von ihnen namenlos. Und sie sind über so lange Zeiträume entstanden, nicht erst heute. Wir stehen auf den Schultern der Großen aus der Vergangenheit. Wir sind bei etwas dabei, das viel großartiger ist, als dies den meisten Menschen bewusst ist.“

Das gilt sicher auch für Rom. Man kann nicht über Architektur sprechen, ohne auf die Stadt selber einzugehen. Für Libeskinds Sicht auf Architektur ist gerade Rom mit ihren unendlich vielen Gebäuden, die aus dem Glauben heraus entstanden sind, ein inspirierender Ort.

Rom ist ein Regenbogen der Architektur”

Umso schwieriger aber ist es, ein Lieblingsgebäude zu benennen, selbst für den Kenner Libeskind.

„Ein Lieblingsgebäude in Rom zu nennen wäre wie die Frage, was deine Lieblingsfarbe ist. Da würde ich ‚der Regenbogen’ sagen. Das gleiche gilt für Rom. Rom ist ein Regenbogen der Architektur, Rom hat wunderbare Räume und Plätze für Menschen: Die Piazza Navona gleich hier in der Nähe bis zur Pizza di Spagna, großartige Brunnen, wunderbare Straßenzüge, bis hin zu den Gebäuden, die von einer Würde zeugen, die auf menschlichem Maß genommen sind.

Das alles verbindet uns mit etwas Jenseitigem, über das es sich lohnt, nachzudenken und nachzusinnen.

Hier in der Nähe ist zumindest eines meiner Lieblingsgebäude von Borromini, Sankt Ivo, eines wunderbarsten Beispiele dafür, wie es gelingt, ein geometrisches Pendant für die geistliche Welt zu schaffen  –  und dass aus ganz prosaischen Materialien. Diese Kirche zeigt eine Art zu berechnen, die selbst über die Mathematik hinausgeht, bei ihr geht es um das Licht selber. Es ist ein transzendentes Gebäude.“

Durch Rom wandernd könne man weitere Werke der Architektur sehen, die von erster Qualität seien, zum Beispiel das Pantheon, ein wahres Wunderwerk:

„Wo immer man so eine solche Kühnheit hat wie bei diesem Gebäude, das für so viele andere Pate gestanden hat, sieht man Wunderwerke. Rom ist so glücklich, denn über die Gebäude selbst hinaus hat Papst Sixtus die Stadt auch noch organisiert und mit Obelisken markiert –  und zwar nach Gesichtspunkten der Perspektive und des Rituals. Rom ist eine einzige Unterrichtsstunde in Architektur.“

“Sehr gerne würde ich Kirchen bauen”

Aber fertig ist auch Rom nicht. Gefragt, ob er einen Auftrag für einen Kirchenbau zum Beispiel im Vatikan annehmen würde, zeigt sich Libeskind begeistert: „Sehr gerne würde ich das tun.”

Bekannt geworden ist Libeskind durch viele Gedenkorte an den Holocaust. Aber der in der öffentlichen Wahrnehmung bedeutendste Raum ist sicherlich Ground Zero, der Ort in New York, wo das World Trade Center stand, bis die Terroranschläge vom 11. September 2001 sie zum Einsturz brachten. Auch für diesen Gedenkort hat Libeskind den Entwurf geliefert, auch wenn dort andere letztlich das Bauen selbst übernehmen.

Was kann er selbst nach so einem Projekt noch bauen? Was bleibt an Idealismus oder auch Ehrgeiz übrig?

„Mein neuestes Projekt habe ich hier vorgestellt, es ist das ‚Gebäude des Friedens’, ein Konferenzzentrum und Zentrum für Konfliktlösung im Maze-Gefängnis in Belfast in Nordirland, wo wir in den katholisch-protestantischen Auseinandersetzungen so viel Schmerz gesehen haben. Dort etwas zu bauen, was Menschen und die individuellen Geschichten zusammenbringt und ihnen etwas gibt, wo vorher Dunkelheit und Schmerz war: Das ist ein wirklich großartiges Projekt.“

Was also treibt Libeskind an? Das Gedenken, der Schmerz der Menschen und der Seele, für den er Denkmäler schafft  –  oder doch die Schönheit, die ihn anzieht?

“Bilder für die tieferen Sinne des Herzens”

„Ich glaube nicht, dass man den Schmerz der Seele von Schönheit trennen kann. Ich denke, dass die Seele etwas sehr komplexes ist. Wir bauen nicht nur für die Augen, wir errichten Bilder nicht nur für die äußerlichen Sinne, sondern für die tieferen Sinne des Herzens.

Schönheit ist nicht nur eine intellektuelle, sondern eine zutiefst spirituelle Erfahrung. Deswegen muss alles einbezogen werden, was mit dem Menschen zu tun hat, einschließlich Schmerz und Leid und der Abgrund, der durch katastrophale Morde entstanden ist. Das ist alles Teil der Seele.“

Der Blick in die Vergangenheit und der Blick nach innen  – und zugleich der Blick um ihn herum: Einflüsse von anderen Künstlern wie George Braque zum Beispiel. Die Liste derer, von denen Libeskind sich gerne beeinflussen lässt, ist lang und sie wächst:

„Wir sind glückliche Menschen, dass wir heute einen so einfachen Zugang zur Welt haben und so viel von den außerordentlichen Arbeiten von Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Komponisten, Filmemachern, Dichtern, Mathematikern und Astronomen lernen können. Es ist eine so wunderbare Welt.“

Quelle: Radio Vatikan siehe hier


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