Münster: Moisei Boroda erinnert an die europäische Schuldverkettung im Holocaust

Von Felizitas Küble

Zum Gedenken an die Reichsprogromnacht 1938 veranstaltete die Kirchengemeinde St. Clemens in Münster-Hiltrup am 10. November in ihrem Pfarrzentrum einen Literatur- und Musik-Abend mit dem deutsch-jüdischen Schriftsteller und Komponisten Dr. Moisei Boroda.

Der kompetente Referent und die aufmerksamen Zuhörer wurden von Pfarrer i.R. Ewald Spieker begrüßt, der zugleich den Bernhard-Poether-Kreis leitet. (Kaplan Poether starb im KZ Dachau.)

Der Geistliche erinnerte daran, daß Dr. Boroda in derselben Gemeinde bereits im Vorjahr einen Märtyrer-Gedenkabend in der Kirche geleitet hatte.  (Siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/11/26/muenster-juedischer-kuenstler-dr-mosei-boroda-wuerdigt-christliche-maertyrer-der-ns-diktatur/)

Zu den Teilnehmern im Pfarrsaal gehörte z.B. das Ehepaar Rieke-Benninghaus (verwandt mit dem Dachau-Märtyrerpater August Benninghaus SJ aus Münster) sowie Monika Kaiser-Haas, Vizepräsidentin des Internationalen Karl-Leisner-Kreises (und Nichte des seliggesprochenen Priesters und NS-Opfers Leisner).

Der aus Georgien stammende, seit über 30 Jahren in Nordrhein-Westfalen lebende Autor Boroda, der kürzlich erneut einen Literaturpreis erhalten hat, erinnert seit vielen Jahren durch Vorträge und Diashows an die christlichen Märtyrer in der NS-Zeit, vor allem an die insgesamt viertausend katholischen Priester, die ihren Bekennermut mit dem Leben bezahlen mußten. 

Unter dem Titel „Erinnerung ist der Weg zur Erlösung“ informierte Dr. Boroda vor einem vollbesetzten Pfarrsaal über die Zerstörung zahlreicher Synagogen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch nationalsozialistische Fanatiker.

Dabei zeigte er in einer Dia-Vorführung, die von teils selbstkomponierten Musikstücken untermalt war, einige Beispiele brennender jüdischer Gebetshäuser, z.B. die große Synagoge in Hannover (siehe Foto).

In der Fotoshow wurden sodann einige Zitate führender NS-Ideologen vorgestellt, aus denen der systematische Plan einer Vernichtung des jüdischen Volkes hervorgeht.

Hitler selbst kündigte in seiner Rede am 30. Januar 1939 die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ an, falls das „internationale Finanzjudentum“  – so seine Wahnidee  –  die Völker in einen „Weltkrieg stürzen“ werde.

Nach der Dia-Vorführung folgten einige grundsätzliche Anmerkungen des jüdischen Musikwissenschaftlers. Dabei erinnerte er an die besondere Bedeutung der deutschen Juden für die Kultur und Literatur unseres Landes, bevor das nationalsozialistische Zerstörungswerk begann.

Er beklagte zugleich eine „Verrohung der Moral“ auch in anderen europäischen Ländern und nicht zuletzt in den USA, wie dies z.B. bei der Evian-Konferenz sichtbar wurde, als fast alle Regierungen sich weigerten, bedrohte Juden aufzunehmen.

In Politik und Medien säßen Deutsche hinsichtlich der NS-Zeit oft allein auf der Anklagebank, erklärte der Schriftsteller. Dabei würden die systematischen Verbrechen und Massaker an Juden – keineswegs Einzelfälle  – ignoriert oder verdrängt, die damals von nichtdeutschen Tätern in Europa begangen wurden, etwa in Polen, Ukraine, Litauen, Jugoslawien – aber z.B. auch in Frankreich.

Diese innereuropäische Schuldverkettung ändere zwar nichts an der Hauptverantwortung seitens der Nationalsozialisten, sei aber andererseits kein Randthema, das man übersehen dürfe.

Hitler habe eine in vielen Ländern verbreitete judenfeindliche Haltung zynisch in seine Strategie einbeziehen können.

So erinnerte eine Dia-Tafeln daran, dass 76.000 Juden von der französischen Polizei verhaftet und in Vernichtungslager geschickt wurden. Der letzte „Judentransport“ sei am 17.8.1944 nach Buchenwald abgefahren, als die Alliierten bereits in der Normandie gelandet waren.

Zudem habe die französische Verwaltung 4000 jüdische Kinder unter 16 Jahren den Gestapo-Schergen geradezu „aufgedrängt“, obwohl diese deren Auslieferung gar nicht angeordnet hatten.

Die „große Kulturnation Frankreich“ habe aber fünfzig Jahre gebraucht, um die eigene Mitverantwortung an der Judenvernichtung amtlich zuzugeben.

Auch in anderen Ländern  – etwa in Litauen – habe ein Teil der Bevölkerung auf den NS-Holocaust reagiert, als ob sie nur darauf gewartet hätten, sich hieran beteiligen zu können.

FOTO: Dr. Boroda im Gespräch mit einigen Teilnehmerinnen nach dem Gedenkabend

Die erste Lesung Borodas trug den Titel „Der Opa“. Es ging in dieser Erzählung um einen litauischen Täter, der einer Hilfspolizei bzw. Miliz angehörte und hierbei hunderte jüdischer Kinder ermordete. Im Gespräch mit einem jungen Juden versucht seine Enkelin, ihren Großvater zu verteidigen und seine Untaten zu verharmlosen.

Dabei kommt es auch zu dem Stereotyp der „reichen Juden“ und „Bolschewisten“; eine in antisemitischen Kreisen bekannte Verallgemeinerung. Deutlich werden Neidkomplexe, Mißtrauen gegen Juden als vermeintlich „fremdes“ Volk und abstruse Verschwörungstheorien. 

Nach weiteren herbräischsprachigen Musikeinlagen folgte die zweite Lesung, die sich mit einem französischen Täter befaßte. Die ebenfalls erschütternde Erzählung  – sie wurde in der aktuellen Ausgabe der „Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung“ veröffentlicht  –  trägt den Titel „Brody…Mstow…Kurszina“.

Es geht um das Streitgespräch eines betroffenen Juden mit einem früheren NS-Polizisten, der seine Eltern verhaftete. Dies war kein Einzelfall; vielmehr wurden „staatenlose Juden“ (die aus NS-Deutschland geflüchtet waren), systematisch festgenommen und deportiert. Der jüdische Junge konnte sich unter abenteuerlichen Umständen retten, mußte aber zuvor mitansehen, wie jener Mörder hochschwangere Frauen und Kinder erschossen hatte. 

Dr. Boroda war bei seiner Lesung mehrfach den Tränen nahe und sprach mit ergriffener Stimme.

In der nachfolgenden Fragerunde ging es um die Einordnung dieser ausländischen Mitverantwortung in das Gesamtbild der Shoa, um den mangelnden kirchlichen Widerstand, um Luthers judenfeindliche Schriften, auch um das Wie und Warum einer Singularität (Einzigartigkeit) des Holocaust.

Eine Teilnehmerin erinnerte daran, dass die Judenverfolgung der NS-Diktatur zugleich eine selbstzerstörerische Dimension besitzt, denn die deutschen Juden waren insgesamt bestens integriert, leisteten viel für Kultur, Literatur und Wissenschaft und sie fühlten sich größtenteils als „Deutsche jüdischen Glaubens“. Somit habe sich unser Land mit der Vernichtung seines jüdischen Bevölkerungsteils auch noch selbst ins eigene Fleisch geschnitten.

Die Zuhörerin erinnerte daran, dass die meisten Juden auch in Osteuropa entweder deutsch oder „jiddisch“ sprachen – wobei es sich dabei ebenfalls um eine germanische Sprache (mit hebräischen und slawischen Einsprengeln) handelt. Dies zeigt die tiefe Verbundenheit zwischen der jüdischen und der deutschen Kultur. In der Literaturgeschichte wird diesbezüglich von der Ära einer „deutsch-jüdischen Symbiose“ gesprochen.

Dr. Boroda bestätigte dies und betonte, die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Vergangenheit sei hierzulande außergewöhnlich intensiv und gründlich. Andere Nationen seien weitaus weniger bereit, sich mit den Schattenseiten ihrer Historie zu befassen.

Die NS-Ideologie und Hitler-Diktatur sei letztlich ein „Aufstand gegen Gott“ und seine Gebote gewesen. Niedere Instinkte seien erwacht und hätten eine breite Spur des Verderbens hinterlassen.

Es gehe aber bei dem Gedenken an jene Zeit nicht um Rache und Vergeltung, sondern um Besinnung auf Gerechtigkeit und das zeitlose Ethos der Zehn Gebote.

WEITERER Artikel zu Dr. Boroda: https://charismatismus.wordpress.com/2019/07/24/ankum-juedischer-autor-moisei-boroda-erhielt-den-christlichen-august-benninghaus-preis/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Jugendverlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

 

 


Israel und Litauen rücken zusammen – trotz der Schatten aus der Vergangenheit

Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu ist am Dienstagabend (29.1.) in Jerusalem mit seinem litauischen Amtskollegen Saulius Skvernelis zusammengetroffen.

Der litauische Premierminister Skvernelis und Regierungschef Netanyahu

Beide hatten sich zuletzt im August vergangenen Jahres in Litauen getroffen. An dem Treffen nahmen auch Wirtschafts- und Industrieminister Eli Cohen und der litauische Minister für Wirtschaft und Innovation Virginijus Sinkevicius teil.

Vor Beginn des Treffens erklärte Ministerpräsident Netanyahu:

„Dies ist Ihr erster Besuch in Israel als Premierminister Litauens. Ich erinnere mich an Ihren letzten Besuch 2015 als Innenminister. Während dieses Besuchs haben Sie sich mit der Führung der Israelischen Behörde für Nationale Cyber-Sicherheit getroffen und Interesse an der Vertiefung unserer Zusammenarbeit auf diesem Bereich geäußert…

Wir waren uns sehr vertraut und haben viele gemeinsame Interessen, die wir bei diesem Termin besprechen möchte: Wirtschaft, Handel, Tourismus und Technologie.

Bei meinem Besuch habe ich herausgefunden, dass Litauen eine Weltmacht in Lasertechnologie ist. Ich glaube, 10% aller Laser weltweit werden in Litauen produziert…Wir haben, so glaube ich, eine glänzende Zukunft in gemeinsamer Kooperation.

Ich glaube aber auch, dass wir genauso die Tragödien der Vergangenheit kennen. Vor 70 Jahren entstand Israel. Davor hat war das jüdische Volk vollständig hilflos, wie es auch in Litauen geschehen ist. Fünfundneunzig Prozent der jüdischen Gemeinde dort, eine unglaubliche jüdische Gemeinde, wurde von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet.

Dies hat sich geändert. Israel ist jetzt, wie Sie wissen, ein sicheres, mächtiges Land. Es ist nicht so, dass es uns an Feinden mangelt. Iran hat gestern erst wieder zu unserer Vernichtung aufgerufen. Wir stehen diesen Drohungen nicht gleichgültig gegenüber, aber wir sind von ihnen auch nicht beeindruckt, weil wir unsere Verteidigungsstärke und unsere Angriffsstärke kennen, und diese dazu ausgestattet sind, nicht nur unser Land, sondern unsere gemeinsame Zivilisation zu schützen, unsere gemeinsamen Freiheiten, unsere gemeinsamen Werte.

Und in diesem Sinne dient unsere Kooperation einem tiefergehenden Zweck, glaube ich.

Ich möchte Sie in diesem Geist der Freundschaft hier willkommen heißen. Ich möchte Ihnen versichern, dass es großartige Sympathien und einen großen Wunsch danach gibt, unsere Beziehungen weiter auszubauen. Es gibt viele Israelis litauischer Herkunft, Sie sprechen zu einem von ihnen, doch dies ist eine Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft.

Und ich heiße Sie hier in Jerusalem willkommen und sage: Auch nächstes Jahr in Jerusalem.“

Quelle: Israelische Botschaft – Foto: GPO / Amos Ben Gershom


Was der estnische Präsident Lennart Meri den Deutschen 1995 ins Stammbuch schrieb

Von Felizitas Küble

Am Samstag, den 14. Juli, erhielten die drei baltischen Staaten  – darunter Estland –  in Münster unter dem fröhlichen Jubel vieler Bürger den Preis des Westfälischen Friedens.

Die estnische Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid (siehe Foto) nahm die Auszeichnung für ihr Volk und Land im Friedenssaal entgegen. Danach zeigten sich die drei Staatsoberhäupter auf dem Balkon des historischen Rathauses und wurden begeistert gefeiert. Auch der deutsche Bundespräsident Steinmeier war zu diesem Fest erschienen. (Näheres dazu in unserem Bericht: https://charismatismus.wordpress.com/2018/07/14/baltische-staaten-und-pfadfinder-erhielten-in-muenster-den-preis-des-westfaelischen-friedens/)

Estland hat sich ab 1989 mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ aus der sowjetischen Besatzung und Diktatur befreit – ohne Schuß und Gewalt, man spricht von einer „singenden Revolution“, ähnlich der deutschen „Revolution der Kerzen“, die den Fall der innerdeutschen Mauer einleitete.

Als erster Außenminister des unabhängigen Estland amtierte der Historiker Lennart Meri, ab 1992 war er langjähriger Staatspräsident bis 2001. Er verstarb am 14. März 2006, sein Grab liegt in der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Lennart Meri war nicht „nur“ Politiker, sondern zuvor auch Autor, Künstler, Schauspiel-Dramatiker, Filmproduzent und Intellektueller.

In der Zeit der sowjetischen Besatzung wurde er – wie viele andere Landsleute-  schon als Kind mit seiner Herkunftsfamilie nach Sibirien zu Schwerstarbeit deportiert.

Der Staatspräsident betonte stets seine Wertschätzung für Deutschland und die Deutschen. Besonders die deutschen Heimatvertriebenen aus dem Baltikum wußte er sehr zu würdigen  – aber nicht nur dies, er lud sie auch zur Rückkehr ein.

BILD: Biographie über Lennart Meri: „Leben für Estland“

Als der BdV (Bund der Vertriebenen) im Jahre 1999 den „Tag der Heimat“ beging, wandte sich Präsident Meri an die Deutsch-Balten und rief sie zur Rückkehr nach Estland auf: „Ihnen allen, die Sie ihre Wurzeln in Estland haben, sage ich aufrichtig: Von ganzem Herzen willkommen!“  – Im selben Jahr erhielt das estnische Staatsoberhaupt die Ehrenplakette des BdV.

Bereits am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober 1995, hielt Lennart Meri in Berlin eine aufsehenerregende Rede im Deutschen Bundestag.

Meris Mahnung: „Wenn man die Moral zur Schau stellt….“

Darin rief er die Deutschen zu mehr Selbstachtung auf; sie zeigten – so Meri – zu wenig Respekt vor sich selbst. Deutschland sei „eine Art Canossa-Republik“ geworden, eine Republik der Reue: Aber wenn man die Moral zur Schau stellt, riskiert man, nicht ernst genommen zu werden.“

Man könne einem Volk letzlich nicht trauen, das ständig mit einer intellektueller Selbstverachtung befaßt sei. Seine Ausführungen gipfelten in dem Satz:

„Für mich als Este ist es kaum nachzuvollziehen, warum die Deutschen ihre eigene Geschichte so tabuisieren, daß es enorm schwierig ist, über das Unrecht zu publizieren und zu diskutieren, das Deutschen angetan wurde, ohne schief angesehen zu werden – aber nicht von Esten und Finnen, sondern von Deutschen selbst.“

Der Sender Phönix hat damals die Übertragung dieser deutschfreundlichen Ansprache Meris abgebrochen  – ob absichtlich oder wegen technischer Probleme sei dahingestellt. (Hier der volle Wortlaut: http://www.deutschlandjournal.de/Deutschland_Journal_-_Jahresau/Deutschland_Journal_-_Jahresau/Festrede_von_Lennart_Meri.pdf)

Zu dieser Rede schrieb der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hornung in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ folgendes:

„Es verwunderte nicht, daß Meris Berliner Rede vom deutschen Establishment kühl aufgenommen wurde, denn dieser kluge Freund der Deutschen legte die Finger in die geistigen Wunden des großen Volkes in Mitteleuropa, das 1945 die schwerste Katastrophe seiner Geschichte erlitten hatte: sein so häufiges politisches Unvermögen, von dem seine Geschichte immer wieder berichtet, und seine kompensatorische Neigung zur Flucht in hypermoralische Praxis und lautstarke moralische Betroffenheit.

Dagegen postulierte Meri, daß gute und erfolgreiche Politik nur mit Selbstachtung betrieben werden kann, ohne Tabuisierung der eigenen Geschichte und Tradition.“

 


Baltische Staaten und Pfadfinder erhielten in Münster den Preis des Westfälischen Friedens

Von Felizitas Küble

Am heutigen Samstag, dem 14. Juli, wurde bei strahlendem Wetter zur Mittagszeit in Münster ein besonderes Fest begangen: Auf dem Fensterplatz des historischen Rathauses erschienen die drei ausgezeichneten Persönlichkeiten, die kurz zuvor den Preis des Westfälischen Friedens erhalten haben, der mit insgesamt 100.000 Euro dotiert ist.

Die Staatsoberhäupter bekamen die Auszeichnung stellvertretend für ihre Länder, nämlich Estland, Lettland und Litauen. Die Präsidenten dieser baltischen Staaten erschienen kurz vor 13 Uhr auf dem Balkon unter dem Jubel von Münsteranern und Touristen in der Innenstadt zwischen Dom und Lambertikirche.

Den Preis stiftet alle zwei Jahre die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen-Lippe (WWL), ein Zusammenschluß von Unternehmern. Diesmal geht es der WWL darum, die besondere Bedeutung der baltischen Staaten für Europa zu verdeutlichen und ihr Freiheitsstreben zu würdigen.

Die ersten Preisträgerin, die sich dem Volk zeigte, war Estlands Präsidentin Kersti Kaljulait (siehe 1. Foto). Wir haben über diese kompetente Politikerin gestern einen ausführlichen Bericht veröffentlicht: https://charismatismus.wordpress.com/2018/07/13/estnische-praesidentin-sprach-heute-in-muenster/

Zudem erhielt auch die Pfadfinderbewegung – hier drei jugendliche Vertreter – die Auszeichnung wegen ihres Einsatzes für die Völkerverständigung. Links von den Pfadis klatscht Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) von NRW.

Der Westfälische Friede beendete 1648 den 30-jährigen Krieg, dem Millionen Menschen (vor allem Deutsche) zum Opfer fielen. Es war der erste durch einen Vertrag geschlossene Friede in Europa. Vor genau 400 Jahren   – nämlich 1618  –  begann dieser schreckliche Krieg, der infolge der Glaubensspaltung und den damit verbundenen Konflikten zwischen Ländern und Konfessionen ausgelöst wurde.

Zur Preisverleihung am heutigen Samstag erschien auch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier auf dem Rathausbalkon. Auch er lobte den Freiheitswillen der baltischen Völker, die sich ab 1989 zunehmend von der sowjetischen Diktatur und Besatzung befreit hatten.

Links von Steinmeier steht die estnische Präsidentin, rechts von ihm die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite, rechts von ihr sehen wir den lettischen Präsidenten Raimonds Vējonis. Es waren also vier Staatsoberhäupter beieinander und wurden von der Menschenmenge begeistert bejubelt.

Text und Fotos: Felizitas Küble

 

 

 


Estlands Präsidentin sprach heute in Münster

Von Felizitas Küble

Zum Thema „Digitalisierung: Von Estland lernen“ sprach am heutigen Freitagnachmittag (13.7.) die Staatspräsidentin des kleinen Baltikum-Staates vor Unternehmern, Politikern und Diplomaten in der IHK (Industrie- und Handelskammer) in Münster.

Auch der CDU-Europa-Abgeordnete Dr. Markus Pieper war unter den Teilnehmern (siehe 2. Foto) und reagierte positiv auf ihre Rede.

BILD: Die estnische Präsidentin inmitten ihrer Delegation
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Die im Jahr 2016 gewählte Kersti Kaljulaid ist das erste weibliche Staatsoberhaupt Estlands; sie war zuvor als Wirtschaftswissenschaftlerin tätig.
Die nicht nur adrett, sondern auch kompetent und sehr natürlich wirkende Präsidentin erklärte – umgeben von ihrer estnischen Delegation, darunter auch dem Botschafter  – in ihrer Rede, wie erfolgreich ihr Land mit der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft vorangekommen ist, z.B. durch die elektronische Identitätskarte für ihre Bürger, wobei viel Wert auf „Cyber-Hygiene“  und Information der Bürger über Chancen und Risiken der Datensicherheit gelegt wird.
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Estland machte – so scheint es – aus der Not eine Tugend: Der Staat mußte nach dem ersehnten Ende der sowjetischen Besatzung in vielen Punkten von vorne anfangen, nachdem der kommunistische Staatssozialismus den Mittelstand ruiniert und die Wirtschaft weitgehend zum Erlahmen brachte.
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Bei diesem Neubeginn wurden die Ärmel aufgekrempelt – und damit viele Menschen in ländlichen Regionen auch von zuhause aus arbeiten können, wurde stark in Computer und Internet investiert, Informatik früh in der Schule gelehrt und an Universitäten gefördert –  anders als hierzulande, wo diese wissenschaftl. Disziplinen vor allem in der Bildungspolitik rotgrüner Bundesländer vernachlässigt werden.
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Die Präsidentin betonte in ihrer englisch und frei gesprochenen Rede vor etwa 60 Teilnehmern, daß die Europäische Union auch in ihrer Digitalisierungs-Politik die jeweiligen Entwicklungsschritte der einzelnen EU-Länder berücksichtigen und ihre Selbständigkeit beachten sollte. Auch die Wertschätzung Deutschlands  – nicht nur als Handelspartner – ging aus ihrer Ansprache hervor.
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Die deutsche Sprache ist in Estland weit verbreitet, in der älteren Generation teils von früheren Kontakten (etwa mit Ostpreußen), teils durch das Erlernen von Deutsch als Fremdsprache – teils nicht in der Schule, sondern durch deutsche Privatsender.
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In Estland wurde der Ostblock durch eine „singende Revolution“ besiegt – ohne daß ein einziger Schuß fiel. Aber fast das ganze Volk stand auf den Beinen, als die Kommunisten den Versuch unternahmen, das Land nach seiner Unabhängigkeitserklärung wieder „heim ins Reich“ (Sowjet-Reich) zu holen. Es gibt ca 25% Russen in Estland, die sich insgesamt gut in die Mehrheitsbevölkerung integriert haben.
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Die Präsidentin betont in Interviews das positive Verhältnis zwischen Estland und den USA; sie nimmt Präsident Trump gegen Vorurteile in Schutz. Zudem erinnert sie die NATO-Partner an die 2% Verteidigungsausgaben, die dem westlichen Bündnis versprochen wurden, woran sich die Mitgliedsstaaten auch halten sollten. (Näheres dazu hier: https://www.deutschlandfunk.de/interview-mit-der-estnischen-staatspraesidentin-die.868.de.html?dram:article_id=402857)
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Bevor Frau Kaljulaid nach Münster kam, wurde sie  – ebenso wie der lettische Präsident Vējonis –  vom nordhrein-westfälischen Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) im Düsseldorfer Landeshaus empfangen. 
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Auch er betonte, daß „wir viel von Estland lernen können“, vor allem in puncto schnelles Netz und Digitalisierung. Von den circa 30.000 Letten in Deutschland lebt jeder vierte in Nordrhein-Westfalen.
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Die beiden baltischen Präsidenten sind anlässlich der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises in NRW.
Am morgigen Samstag, den 14. Juli, werden die drei Staatsoberhäupter der baltischen Republiken  – also auch die litauische Präsidentin Grybauskaitė  –  in Münster wegen ihrer außergewöhnlichen Bemühungen um Integration in Europa und ihres besonderen Einsatzes für ein friedliches Miteinander ausgezeichnet.
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Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.
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Fotos: Felizitas Küble

Ostpreußische „Wolfskinder“ sollen endlich symbolische Wiedergutmachung erhalten

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) begrüßt es, dass ostpreußische Wolfskinder jetzt die Chance auf eine symbolische Wiedergutmachung erhalten sollen.

„Das ist seit langem überfällig“, erklärte die Menschenrechtsorganisation am gestrigen Dienstag in Göttingen:

„Die Überlebenden der Hungerkatastrophe in Ostpreußen 1945 bis 1947 ringen seit Jahrzehnten um ideelle und politische Anerkennung ihres schweren Schicksals. Als deutsche Kinder sind sie durch alle Raster bislang beschlossener Entschädigungsgesetze gefallen. Das war eine sehr bittere Erfahrung für diese Menschen, die sich in der Nachkriegszeit in sowjetischen Kinderhäusern wiederfanden oder sich ganz allein und dem Hungertod nahe aus Ostpreußen nach Litauen durchschlagen mussten, wo sie von fremden Familien oft als willkommene Arbeitskraft aufgenommen wurden.“

Viele Wolfskinder hatten nach der Eroberung Königsbergs durch die Rote Armee 1945 ihre Eltern durch Mord, Vergewaltigung und Verschleppung verloren. Mehr als 100.000 Menschen starben an Seuchen oder verhungerten.

Wie der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, der GfbV jetzt mitteilte, sollen die Wolfskinder und ehemaligen Kinderhausinsassen auf Empfehlung des im Bundesinnenministerium angesiedelten „Beirates zur Anerkennungsleistung an ehemalige deutsche Zwangsarbeiter“ bis Ende 2017 beim Bundesverwaltungsamt einen Antrag auf Entschädigung stellen können.

Darin müssen sie nachweisen, dass sie Zwangsarbeit leisten mussten. Die GfbV hatte dem Beirat eine aktuelle wissenschaftliche Stellungnahme des Historikers Christopher Spatz vorgelegt. Darin wird der Nachweis geführt, dass viele Wolfskinder zur Arbeit gezwungen wurden. So mussten sie auf Sowchosen mitarbeiten, Leichen beseitigen oder für die Besatzungsmacht aus Häusern und Wohnungen systematisch alle noch brauchbaren Gegenstände holen.

Die GfbV setzt sich seit Jahren für eine Entschädigung der Wolfskinder ein und appelliert an die Verwaltungsbehörden, ihren Prüfungsspielraum großzügig auszuschöpfen.

In Litauen leben noch rund 55 Wolfskinder, für die sich auch der baden-württembergische Honorarkonsul für Litauen, Wolfgang Freiherr von Stetten, schon lange engagiert. In Deutschland gibt es noch einige hundert einschließlich der ehemaligen Kinderhausinsassen.

In einem 86-seitigen Report hat die GfbV viele Wolfskinder-Schicksale sowie die bisher ablehnenden Reaktionen der Politik auf Bitten um Entschädigung dokumentiert. Im April 2017 hatte die Menschenrechtsorganisation einen Appell an die Bundesregierung gerichtet, den Betroffenen wenigstens eine symbolische Wiedergutmachung zu gewähren. Dieser Appell wurde bisher unterzeichnet von:

Tatiana Friesen (Übersetzerin) und Walther Friesen (Buchautor), Ulla Lachauer (Dokumentarfilmerin und Autorin), Vytautas Landsbergis (erstes Staatsoberhaupt Litauens nach Erlangung der Unabhängigkeit 1991), Wolf von Lojewski (Fernsehjournalist und Nachrichtenredakteur), Joachim Mähnert (Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums), Uwe Neumärker (Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas), Alexander von Plato (Philosoph und Historiker), Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma), Wolfgang Freiherr von Stetten (Honorarkonsul Litauens), Rainer Schulze (Historiker), Günter F. Toepfer (Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin a.D.) , Martin Walser (Schriftsteller) und Tilman Zülch (GfbV-Gründer). Das Anliegen der GfbV wird auch von Bundespräsident a.D. Christian Wulff unterstützt.

Quelle: https://www.gfbv.de/de/news/seit-langem-ueberfaelligostpreussische-wolfskinder-erhalten-chance-auf-symbolische-wiedergutmachung-8686/


Litauen und Israel würdigen jetzt 25 Jahre diplomatische Beziehungen

Israel und Litauen begehen in diesem Jahr den 25. Jahrestag der Aufnahme ihrer diplomatischen Beziehungen. Hierzu sagten der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin und die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaité in einer gemeinsamen Erklärung unter anderem:

„Während unsere Länder lediglich 25 Jahre diplomatischer Beziehungen als unabhängige Staaten teilen, haben das litauische und das israelische Volk eine jahrhundertealte gemeinsame Geschichte.

Trotz der Meinungsverschiedenheiten und Spannungen zwischen Religionen ist das jüdische Leben in Litauen über viele Jahre erblüht.

In Vilnius und anderen litauischen Städten und Gemeinden konnte man jüdische Gebete und Lernen in Synagogen und Akademien hören, die Kultur des modernen Jiddisch und Hebräisch erblühte, und viele Juden und Christen haben daran gearbeitet, für sich selbst ein besseres und friedlicheres Leben zu führen.

Nach der sowjetischen Besatzung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, die tragischerweise die Unabhängigkeit Litauens beendete, brachte die darauffolgende Besatzung durch die Nazis großes Leid und riesige Verluste über die jüdische Gemeinde. In diese Zeit fallen die schrecklichsten Kapitel der langen Geschichte des jüdischen Volkes in Litauen.

Es ist unsere dringlichste Pflicht, durch Gedenken und Erziehung sicherzustellen, dass die unvergleichliche Tragödie des Holocaust, die Shoa, sich niemals wiederholt. Wir müssen der Vergangenheit gedenken, indem wir die unschuldigen Opfer und die Gerechten ehren, ebenso wie wir bilaterale Beziehungen aufbauen sollen, die auf Freundschaft und gegenseitigem Respekt beruhen.“

Quelle: Israelische Botschaft in Berlin  –  Foto: GPO