Aufbruch und kirchliches Leben im Südosten Europas zwischen den Weltkriegen

Von Stefan P. Teppert

Nach einem anregenden Auftakt im vergangenen Jahr nahm sich in diesem Jahr abermals eine Tagung der Reformen im religiösen Leben in den Nachfolgestaaten der Habsburger-Monarchie im Südosten Europas zwischen den beiden Weltkriegen an.

Während bei der letztjährigen Tagung die Aufbruchsbewegungen im deutschen Katholizismus der Weimarer Republik bei den Deutschen in Südosteuropa im Vordergrund stand, richtete sich der Fokus diesmal auf Erneuerungen als Antwort auf die veränderte politische Situation, auf ethnische Homogenisierungsbestrebungen und daraus resultierende Ambivalenzen und Verfänglichkeiten 100 Jahre nach dem Friedenvertrag von Trianon.

Wie im Vorjahr leitete Prof. Dr. Dr. Rainer Bendel (siehe Foto) auch die Vorträge und Diskussionen am 18. Juli 2020 im „Weltzentrum der Donauschwaben“ in Sindelfingen.

Als Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenorganisationen (AKVO), Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte an der Universität Hohenheim und Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa hatte er das Programm wieder konzipiert und als Kooperationsveranstaltung des St. Gerhardswerks, des Gerhardsforums und des Hauses der Donauschwaben ermöglicht.

Dr. Bettina Reichmann (siehe Foto) vom Katholisch-Theologischen Institut der Universität Koblenz-Landau beschäftigte sich mit Bischof Ottokár Prohászka (* 1858), einem prominenten Vertreter der katholischen Renaissance nach dem Ersten Weltkrieg, den die Frage umtrieb, wie der Katholizismus mit den Gedanken des Fortschritts versöhnt werden kann.

Der Professor für Dogmatik in Gran und Budapest war von 1905 bis zu seinem Tod 1927 Bischof in Stuhlweißenburg und während des ungarischen Kulturkampfes tonangebend an der Gründung der Katholischen Volkspartei sowie von katholischen Arbeiter- und Sozialvereinen zur Hebung des Lebensstandards beteiligt. In der aktuellen historischen Forschung werde Prohászka, so die Referentin, polarisiert dargestellt.

Als Mitglied der ungarischen Nationalversammlung hatte er 1921 das Andersgläubige benachteiligende Numerus-Clausus-Gesetz mit vorbereitet, was ihm von jüdischer Seite den Vorwurf einbrachte, eine führende Figur antisemitischer Ideologie zu sein.

Demgegenüber gilt er aber auch mit seinem christlich-nationalen Kurs als „leuchtende Gestalt“, die einer zerrütteten Gesellschaft nach den Leiden der Kriegs- und Nachkriegsjahre den schmerzlichen Gebietsverlusten durch den Friedensvertrag von Trianon in einer nunmehr republikanischen Verfassung durch die Erneuerung des Katholizismus eine Festigung im Staatsgefüge brachte.

In Abweichung von dem polarisierten Bild, das viele Kirchengeschichtler in Ungarn von Prohászka gezeichnet haben – entweder Praeceptor oder Antisemit – plädierte Reichmann dafür, das eine mit dem anderen ohne Wertung zusammenzudenken. Beides seien nämlich aufeinander bezogene und sich gegenseitig bedingende Facetten derselben Person.

Man müsse ihr theologisches Denken im historischen Kontext studieren und dürfe die erneuernden Impulse nicht getrennt von den Abgrenzungen sehen, die bei den Suchbewegungen nach einem katholischen Profil für unerlässlich galten.

Dr. Andor Lénár (siehe Foto), der seine Dissertation an der Eötvös-Loránd-Universität Budapest über den Vacer Bischof Árpád Hanauer geschrieben hat, sprach über die ungarische Priesterausbildung der Zwischenkriegszeit innerhalb des katholischen Erneuerungsprozesses .

Die Erneuerung sei auch durch Impulse und Regelungen der Weltkirche mit der päpstlichen Enzyklika rerum novarum angeregt worden, besonders von Priestern, die im Ausland Theologie studiert hatten und die Notwendigkeit von Reformen erkannten.

Dabei blieb sie nicht unter Klerikern isoliert, sondern durchdrang viele Bereiche des katholischen Lebens.

Das positive politische Klima der Zwischenkriegszeit brachte eine Entfaltung der religiösen Presse, Orden und Vereine sowie steigenden Einfluss der katholischen Kirche im Unterrichtswesen. Die Orientierung der Priesterausbildung am Josephinismus wurde zurückgedrängt, um den zentralen Regelungen der Weltkirche zu folgen.

Hatten die Bischöfe zuvor als Grundbesitzer eher das Leben zeitgenössischer Magnaten als das eifriger Oberhirten geführt und einfache Geistliche sich eher als Staatsbeamte und nicht als Seelsorger verstanden, sei in der Zwischenkriegszeit  –  so Lénár  –  eine Priestergeneration herangewachsen, für die eine strengere Disziplin, gründlichere theologische Ausbildung, tiefere Spiritualität und gesellschaftliches Pflichtgefühl charakteristisch waren.

In Ungarn gab es zehn Priesterseminare, die meisten Diözesen unterhielten auch Knabenseminare, Budapest bot zusätzlich ein Zentralseminar.

Lénár erläuterte ihre Organisation und finanzielle Lage, die schwankende Anzahl der Seminaristen und ihren gesellschaftlichen Hintergrund (die Hälfte der Kandidaten stammte aus einfachen Familien) sowie die theologische Ausbildung und Erziehung mit ihren Protagonisten Ottokár Prohászka, István Hanauer und József Petró.

Dr. András Grósz (siehe Foto), ein weiterer Gast aus Ungarn, hat seine Dissertation 2014 über den Führer der deutschen Bewegung in Ungarn, Jakob Bleyer, unter besonderer Bezugnahme auf die katholische Kirche ebenfalls an der Eötvös-Loránd-Universität Budapest vorgelegt.

Sein Thema war die deutsche Muttersprache in der katholischen Liturgie im Ungarn der Zwischenkriegszeit, ein sensibler Bereich, weil er Ausdruck für die Autonomie der Religionsausübung und zugleich Schauplatz der politischen Kämpfe in der Nationalitätenfrage war.

Eigentlich ist die Frage der Liturgie eine kirchliche Befugnis, deren Regelung das ausschließliche Recht des Heiligen Stuhls ist, wie im Codex Iuris Canonici(Kirchenrecht) von 1917 klar festgelegt.

Der Verwendung der Muttersprache in der Liturgie widmeten Bischöfe und Priester daher besondere Aufmerksamkeit, denn die Kirche wollte in liturgischen Angelegenheiten ihre eigenen Entscheidungen nach Kirchenrecht treffen und verwehrte Außenstehenden die Mitsprache.

Die Seelsorge in der Muttersprache galt als ein natürliches Recht der Gläubigen, was freilich in mehrsprachigen Gemeinden zu einem heiklen Problem werden konnte.

Der Gebrauch der Muttersprache in der Kirche hing daher von mehreren Faktoren ab: der Anzahl der in den Siedlungen lebenden Nationalitäten, dem Maß ihrer Bedürfnisse, ihren Sprachkenntnissen, dem persönlichen Verhalten des Diözesanbischofs und des örtlichen Pfarrers, aber auch von der Beeinflussung durch die Verwaltungsbehörden und die Lobbykraft der ungarndeutschen Bewegung.

Man könne – so Grósz resümierend – bei allem Konsens hinsichtlich einer notwendigen Stärkung der ungarischen Identität über unterschiedliche Situationen in jeder Siedlung sprechen, wobei die Pfarrer in der Seelsorge die Rechte der Nationalitäten zu konservieren pflegten, im Unterricht meist jedoch der ungarischen Sprache den Vorzug gaben, um Assimilierung und Integration zu befördern.

Peter Krier (siehe Foto) aus Schweinfurt zeichnete – aus eigenem Erleben und in dankbarer Bewunderung – ein Lebensbild von Schwester Hildegardis Wulff, die in der Zeit von 1927 und 1951 im Banat wirkte und dort zur Leitfigur des religiös-kulturellen Lebens und dessen Erneuerung wurde.

Aufgewachsen in Mannheim in einer evangelischen, vom nationalen Liberalismus geprägten Familie, konvertierte sie 1918 zur katholischen Kirche und stellte ihr Leben ganz in den Dienst Gottes.

Sie wurde Mitbegründerin des Benediktinerordens der heiligen Lioba in Freiburg und verstand sich nach innen als Nonne, nach außen als Apostel mit sozialkaritativem und pädagogischem Auftrag.

1927 wurde das Banat zu ihrer neuen Missionsheimat. Mit ihrer Sprachmächtigkeit und ihrer überzeugenden Ausstrahlung fesselte sie ihre Zuhörer. Mit ihren Themen traf sie genau das, was dem Banater Deutschtum zur Selbstfindung half. Sie organisierte die Banater katholische Jugend.

Als Priorin eines neuen Klosters in Temeswar fand sie noch Zeit, um schriftstellerisch und redaktionell tätig zu sein und Beziehungen zu bedeutenden katholischen Persönlichkeiten zu pflegen. Sie brachte eine Volkshochschule, ein Spital, ein Entbindungs- und ein Altenheim auf den Weg.

Den Nöten der Zeit entsprechend, half sie den von Deportation, Verfolgung und Entwurzelung betroffenen Volksdeutschen mit Nahrung, Kleidern und Papieren und rettete vielen das Leben.

Mutig widersetzte sie sich der Kirchenverfolgung der Nazis und Kommunisten, wurde 1945 interniert und 1952 in einem Schauprozess zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. In ihrem neunjährigen Martyrium zeigte sie große Glaubensstärke, bis sie 1959 freikam und in ihr Kloster zurückkehrte.

Obwohl das materielle Werk der 1961 verstorbenen Schwester vernichtet ist, bestehe ihr Vermächtnis fort. „Sie hat dazu beigetragen, dass unsere Volksgruppe aufrecht gehen und den ihr bestimmten schweren Weg in Würde gehen konnte.“

Der Musikhistoriker Dr. Franz Metz (siehe Foto), Geschäftsführer des Gerhardsforums in München, der im Jahr zuvor Kirchenlied und Chorgesang behandelt hatte, sprach diesmal über die Folgen des Friedensvertrags von Trianon für die Kirchenmusik der Donauschwaben, besonders über die Forschungen in diesem Bereich, eine Disziplin, die sich als Fach erst 1905 zu etablieren begann.

Als Paradebeispiel dafür hob er die Publikation „Banater Rhapsodie“ des Temeswarer Domkapellmeisters Desiderius Braun (1894 – 1940) hervor, ein wichtiges Quellenbuch, das mit einer Fülle von Dokumenten auf 500 Seiten zwar lediglich den Schauplatz Temeswar erfasst, was aber, so Metz, schon ausreiche, um dieser 1937 erschienenen „Fundgrube“ einen Spitzenrang zu verleihen.

Obwohl das Buch von Fehlern und Satzungetümen wimmelt, der Fußnoten entbehrt und ein Torso geblieben ist, spiegele es wie kein anderes das selbstverständliche multiethnische Nebeneinander im Musik- und Theatergeschehen der damals deutschsprachigen Stadt und sei bis heute Fundament für musikgeschichtliche Forschungen in Südosteuropa und darüber hinaus geblieben.

Das Multiethnische zeige sich auch an der Gründung der ungarischen Spielzeit am Temeswarer Stadttheater. Der pompöse Auftritt und die Ansprache des populären Dichters Jókai Mór wurden dabei hymnisch von der Presse besprochen. 

Mór propagierte zwar die ungarische Nation, in der alle Nationalitäten unteilbar versammelt seien, verlangte aber auch Respekt vor allem Fremden, nicht zuletzt, weil es zur Inspirationsquelle werden könne.

Bis heute versammelt das Temeswarer Theatergebäude als einziges drei verschiedene Staatstheater unter einem Dach. Metz spielte dann die Aufnahme eines Musikstücks für Violine und Orgel des donauschwäbischen Komponisten Anton Horner vor, der eigentlich aus Franzensbad stammte, aber 1912 mit seinen Kompositionen nach Pantschowa kam und im März 1946 im Vernichtungslager Rudolfsgnad an Hunger starb.

Mit anderen Ave-Maria-Vertonungen von Banater Komponisten soll auch diejenige Horners in Kürze auf CD erscheinen.

BILDER: Auch die Referenten-Fotos stammen von Stefan Teppert

 


Kardinal Müller kritisiert die „Verbannung der Liturgie“ als Beleg für Verweltlichung

Wie das Kölner Domradio berichtet, hat sich Kurienkardinal Gerhard Müller gegen Gottesdienstverbote in der Corona-Pandemie ausgesprochen. Das sei inakzeptabel, zumal die Kirche „keine dem Staat untergeordnete Behörde“ sei, betonte er im Interview mit dem italienischen Portal „Daily Compass“.

Gerade angesichts der jetzigen Nöte vieler Menschen sei die Kirche verpflichtet, eine „Perspektive des ewigen Lebens im Lichte des Glaubens“ anzubieten.
Mit einem Messverbot werde man dieser Aufgabe aber nicht gerecht; die Kirche dürfe nicht zu einer bloßen Abhängigen des Staates gemacht werde, kritisierte der frühere Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation.

Vorsichtsmaßnahmen zur Virus-Eindämmung seien berechtigt, aber die „Verbannung der Liturgie“ betrachte er als Beleg für ein „säkularistisches Denken“, das nun auch inmitten der Kirche angekommen sei. Kein Oberhirte habe das Recht, die Eucharistie derart einzuschränken.

Bischöfe hätten sich nicht als Staatsbeamte zu verhalten, ihr „oberster Hirte“ sei vielmehr Christus selbst.

Foto: Bistum Regensburg

 


Zur Feier der Kar- und Osterliturgie: Wo bleibt der Einsatz unserer Amtsträger?

Von Reinhard Wenner

Bei deutschen katholischen Bischöfen und Priestern ist das Recht auf Glaubensfreiheit (Art. 4 GG) wohl nicht mehr besonders wichtig und das Kirchengebot, an Sonn- und Feiertagen an einer Eucharistiefeier teilzunehmen (can. 1247 f. CIC), ebenfalls nicht – selbst an Ostern, einem christlichen Hochfest, nicht.

Wäre es anders, hätten Bischöfe und Priester wohl nicht ohne eine intensive öffentliche Diskussion die staatlichen Kontakt-Beschränkungen gleichsam 1 zu 1 umgesetzt. Sie hätten längst Wege gefunden wie die religiösen Pflichten der Katholiken trotz der derzeitigen gesundheitlichen Gefahren durch das Corona-Virus erfüllbar sind.

Das Angebot, sich vor der Kirchentür einen geweihten Palmzweig oder das Osterlicht zu holen, ist jedenfalls kein genügender Ersatz.

Der Staat selbst geht bei einigen Gruppen mit seinen Kontakt-Beschränkungen relativ locker um. Ein paar Beispiele:

  • Vor einigen Tagen hat eine Sitzung des deutschen Bundestages stattgefunden, bei der zwar auf genügend Abstand zwischen den einzelnen Abgeordneten geachtet worden ist – aber die Sitzung hat stattgefunden.
  • Pressekonferenzen finden weiterhin statt, so am Montag, 6. April 2020 durch die Bundeskanzlerin.
  • Manche Polizisten und Mitarbeiter von Ordnungsämtern gehen ohne Sicherheitsabstand nebeneinander durch Straßen und Parks um zu kontrollieren, ob andere die staatlich verordneten Kontakt-Beschränkungen einhalten.
  • Der Bundesgesundheitsminister hat erst am 1. April 2020 den Flugzeug-Piloten aus dem Irak, ein Land, das ziemlich stark infiziert sein soll, mit sofortiger Wirkung die Landung in Deutschland untersagt.
  • Im April und im Mai dieses Jahres können jeweils 40.000 ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland kommen, um bei Erntearbeiten zu helfen.

Lebensmittelgeschäfte sind geöffnet, um das leibliche Wohl zu gewährleisten. Und wo bleibt die Sorge um das geistliche Wohl? Das kommt offenbar nicht einmal bei allen katholischen Bischöfen und Priestern in den Blick.

Es ist ja auch schon ca. 2.000 Jahre her, dass jemand gesagt hat: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Lk 4,4).

Dabei gibt es etliche Möglichkeiten, den Katholiken in Deutschland auch in Pandemie-Zeiten weiterhin das „Brot des Lebens“ zu reichen.

  • Es gibt große Dome, Pfarrkirchen, Klosterkirchen. Es wäre einfach, z. B. nur jede dritte Kirchenbank freizugeben und auf den freigegebenen Bänken mit kleinen Zetteln die entsprechenden Sicherheitsabstände zu markieren.
  • Es wäre möglich, jenen, die nicht an einer Eucharistiefeier teilnehmen können oder wollen, eine Stunde vor Beginn oder nach dem Ende der hl. Messe einen sog. Kommunion-Gottesdienst in kleinen Gruppen anzubieten, der ggf. auch von Diakonen, Pastoral- und Gemeindereferenten geleitet werden könnte.
  • Es wäre möglich, dass jeder Priester am Sonntag zweimal zelebriert – morgens und abends. Einige tun das schon.

Wahrscheinlich haben die meisten Kirchen mindestens zwei Türen. Eine Tür könnte als Eingang benutzt werden, die andere nur als Ausgang. Bei den gottesdienstlichen Feiern könnte Nasen- und Mundschutz getragen werden.

Alle Priester könnten ab sofort auch montags zelebrieren und zumindest für einige Monate auf ihren freien Tag verzichten, damit den Gläubigen eine weitere Möglichkeit zur Mitfeier einer hl. Messe in einer kleinen Gruppe geboten wird. Wer unbedingt an seinem freien Montag festhalten will, sollte mal bedenken, was wohl passierte, wenn Eltern ihren kleinen Kindern sagten: Mama und Papa brauchen jede Woche einen kinderfreien Tag. Kinder, seht montags zu, wo ihr bleibt.

Einige Priester und Ordensleute sind bei ihrem seelsorgerlichen Dienst vom Corona-Virus befallen worden und gestorben. Da sich aber Ärzte und Pflegekräfte, Kassierer und Kassiererinnen weitgehend zu schützen vermögen, sollte dieser Selbstschutz auch den Seelsorgern möglich sein.

Wer den Katholiken immer mal wieder sagt, die christliche Gemeinde werde vom Altar her auferbaut, sollte begründen, warum das in Pandemie-Zeiten nicht gilt bzw. nachrangig sein soll.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass die eine und andere staatliche Stelle, der eine und andere Politiker gegen Eucharistiefeiern Einwände erhebt. Aber in den Generalvikariaten/Ordinariaten der 27 deutschen (Erz-)Diözesen dürfte es etwa 100 Juristen geben.

Hinzu kommen die Juristen im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, im Katholischen Büro in Berlin und in den Katholischen Länder-Büros. Falls es noch nicht geschehen ist, dürfte es leicht sein, innerhalb von wenigen Stunden die juristischen Argumente zugunsten der Glaubensfreiheit im Sinne der Teilnahme an gottesdienstlichen Feiern auch in Pandemie-Zeiten zusammenzustellen.

Im übrigen sollte bei jeder Frage nach der Einschränkung von Grundrechten gelten: In dubio pro libertate!

Im vorliegenden Fall besagt das: Im Zweifel zugunsten der Glaubensfreiheit und damit der Freiheit, auch an den Kar- und Ostertagen Gott durch Eucharistiefeiern die Ehre zu geben.

Aber es hat den Anschein, dass staatliche Stellen darauf keinen oder aber nicht allzu viele Gedanken verschwendet haben und insoweit ihrer Prüfpflicht nicht genügend nachgekommen sind.


Wie das Fest der Heiligen Familie entstand

Von Felizitas Küble

Wir feiern am heutigen Sonntag, dem 29. Dezember 2019, das Fest der Heiligen Familie. Dieser kirchliche Feiertag ist einer der jüngsten, denn er ist erst 1921 in seiner jetzigen Form eingeführt worden.

Natürlich gibt es seit jeher eine allgemeine Verehrung der heiligen Familie in Liturgie und Volksfrömmigkeit, meist in direkter Verbindung mit dem Weihnachtsfestkreis.

Nach der Geburt des Erlösers, der Anbetung durch die Hirten und der Weisen aus dem Morgenland folgte die Flucht von Maria und Josef mit dem Jesuskind nach Ägypten.

Eine spezielle, von Weihnachten unabhängige Andacht mit dem Bildmotiv der Heiligen Familie (Jesus im Haus Nazareth usw) entstand erst in der beginnenden Neuzeit und verstärkte sich in der Gegenreformation. Dazu kam die beliebte Darstellung von „Maria Selbdritt“ (Maria, ihre Mutter Anna und Jesus).

Im 19. Jahrhundert wurden mehrere Orden und Kongregationen gegründet, die sich auf die Heilige Familie beriefen. Man wollte damit zugleich das christliche Bild von Ehe und Familie bestärken, denn immerhin lebte Christus dreißig Jahre lang im Hause seiner Eltern und konnte so als familiäres Vorbild dienen.

Papst Leo XIII. reagierte auf diese Entwicklung positiv, zumal sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Verfallstendenzen in der bürgerlichen Familie zeigten, denen er entgegenwirkten wollte. Er nahm das Fest der Hl. Familie in den römischen Generalkalender auf und legte es auf den dritten Sonntag nach Dreikönig. Als jedoch Pius X. den liturgischen Kalender reformierte, setzte er das Fest wieder (r)aus.

Papst Benedikt XV. erkannte jedoch die Bedeutung dieses Feiertags für die christliche Familie und die ganze Gesellschaft von neuem und er führte das Fest im Jahre 1921 wieder ein; er legte es auf den Sonntag nach Dreikönig. Infolge der nachkonziliaren Liturgiereform gelangte das Fest der Hl. Familie in den Sonntag während der Weihnachtsoktav (Oktav = Zeitraum acht Tage danach).

So wie die Kirche erst vor ca. 100 Jahren das Fest der Heiligen Familie in seiner heutigen Stellung einführte, könnte die Kirche auch einen Festtag der Zehn Gebote festlegen.

Seit zwei Jahren sammelt unser Christoferuswerk eifrig Unterschriften für einen solchen Feiertag. So wie damals der Zerfall der bürgerlichen Familie immer deutlicher wurde, erleben wir heute einen Niedergang in der Beachtung der Zehn Gebote in und außerhalb der Kirche.

Umso sinnvoller und notwendiger wäre also ein Fest der Zehn Gebote, zumal uns dies geistig mit dem Judentum verbinden würde, denn für Juden sind die göttlichen Gebote ebenfalls von zentraler Bedeutung, schließlich entstammen sie dem Alten Testament und wurden einst Moses übergeben.

 

 


Hintergründe der Entkirchlichung in den Niederlanden und ihre Auswirkungen

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

„Die Illusion der Homogenität“ überschreibt Dr. Hubert Wissing, der Leiter der Arbeitsgruppe Kirche und Gesellschaft in ZdK-Generalsekretariat seinen Beitrag zur „Pluralisierung im katholischen Milieu“ (vgl. „Salzkörner“, 24. Jg. Nr. 6, Dez. 2018, S. 2/3)

Wissing geht von der Katholischen Kirche in den Niederlanden aus, die er als eine „Versäulung mit streng getrennten Lebenswelten“ schildert. Die Katholiken hatten katholische Schulen, eigene Zeitungen, ein eigenes Radio, Fußballclubs, eine politische Partei und eine eigene Gewerkschaftsvertretung. Das katholische Leben der 50er Jahre blühte in Caritas, Priesterberufungen und hohem Gottesdienstbesuch.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Konkret: Vor dem 2. Vatikanum besuchten rund 85% der Katholiken die Sonntagsmesse. Die Zahl der Priester- und Ordensberufungen lag bei rund 400 pro Jahr (St.-Athanasius Bote, 12/2018, S.5).

Am 2. Vatikanischen Konzil nahmen 66 Missionsbischöfe aus den Niederlanden teil. Insgesamt galt die holländische Kirche in den 50er Jahren als Hochburg des „reichen römischen Lebens“ (righe Romschee leven), ein Stützpfeiler von Papst und Kirche (vgl. Wikipedia)

Das änderte sich in den 60er Jahren. Dr. Wissing dazu: „Die Konfession oder Weltanschauung hatte in den 60er Jahren nicht mehr eine alle Lebensbereiche durchdringende und formatierende Prägekraft“. 

Das lässt sich wieder am niederländischen Beispiel gut demonstrieren: „Die niederländischen Katholiken hatten extrem hohe Erwartungen vom 2. Vatikanischen Konzil. Vor allem progressive Theologen betrachteten die Konzilsdokumente nicht als abschließende Akten, sondern als Startpunkte für eine Weiterentwicklung, die Priester und Laien der niederländischen Kirche aktiv mitgestalten sollten. Tatsächlich wurde in vielen Pfarrgemeinden mit neuen Formen der Liturgie experimentiert“ (Wikipedia).

„Von 1968 bis 1970 fand in Noordwijkerhout das sogenannte Provinzialkonzil statt… die Versammlung wurde als ein großartiges demokratisches Experiment verstanden… die Zölibatspflicht für Priester wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Die progressiven und basisdemokratischen Ideen dieses Pastoralkonzils schlossen lückenlos an die damalige Generaltendenz in der niederländischen Gesellschaft an… Der niederländische Katholizismus transformierte in kürzester Zeit und wurde … der weltoffenste, zügelloseste und vehementeste Kritiker der traditionellen hierarchischen Kirchenordnung“ (Wikipedia).

1983 wurde die Marienburgverenigung ein „Verein kritischer Katholiken“ gegründet, der sich „regelmäßig als Wortführer kritischer Stimmen gegenüber der Kirchenleitung meldete“. Anlässlich des Besuchs von Johannes Paul II. wurde die „Achte Mai-Bewegung“ als „Plattform fortschrittlicher katholischer Gruppen und Institutionen ins Leben“ gerufen.

Als Rom mit Bischofsberufungen wie Simonis (1970), Jo Gijsen, Wim Eijk (1972) Korrekturen versuchte, war es bereits zu spät. Diese Bischöfe fanden kaum noch ein Gehör.

Solche Entwicklungen haben ihren geistigen Hintergrund und ihre Wortführer. Ein solcher war u.a. der Dominikaner Schillebeeckx.

Er war „1958 zum Professor für Dogmatik an die Katholische Universität Nijmegen berufen… Auf dem 2. Vatikanischen Konzil wirkte er als persönlicher Berater des niederländischen Kardinals Bernard Alfrink. Für ihn und die anderen niederländischen Konzilsväter verfasste er Entwürfe für deren Stellungnahmen in den Konzilsdebatten… In den Jahren 1968/69 kam Schillebeeckx in Konflikt mit der Kongregation für die Glaubenslehre“.

Sie rügte Inhalte des von Schillebeeckx mitverfassten Holländischen Katechismus: „Die Umdeutung der Transsubstantion in eine Transsignifikation, die vom Dogma abweichende Lehre über die Erbsünde, seine Haltung zur unbefleckten Empfängnis Mariens, seine Aussagen über Engel und Dämonen. Schillebeeckx verweigerte auch die Zustimmung zur Enzyklika Humanae Vitae und war gegen den verpflichtenden Zölibat für Priester“.

Trotzdem konnte Schillbeecks bis zu seiner Emeritierung 1983 in Nijmegen weiter lehren.

Das Ergebnis der Entsäulung der niederländischen katholischen Kirche lässt sich mit Massenaustritten aus der Kirche, dem Niedergang der Priesterberufungen (1964 271; 1970: 47; 2000 26), dem Rückgang des sonntäglichen Kirchenbesuchs auf 5%, den kirchlichen Eheschließung auf 4% und in der geringen Zahl von 10% Kindertaufen beschreiben.

Der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung ging von 40,5% (1970) auf 23,3% (2014) zurück.

Der geistige Hintergrund der „Entsäulung“ und der sog. Pluralisierung wird von Hubert Wissing für die Niederlande sowie für die deutsche Ortskirche nicht entsprechend gewürdigt. Wissing konstatiert zwar „die Konfession oder Weltanschauung hatte in den 60er Jahren nicht mehr alle Lebensbereiche durchdringende Prägekraft“. Er sieht für die heutige „Pluralität in der Kirche zwei Gründe: Den Rollenwechsel von der Mehrheit zur Minderheit und die innerkirchliche Pluralisierung“.

Bezüglich des Wandels zur Minderheit meint Wissing: „Das hat nicht nur mit dem Schwinden der Plausibilität des Glaubens in einer von wissenschaftlicher Rationalität geprägten Kultur zu tun. Auch die verbreitete Kritik an der Institution Kirche sind noch keine hinreichenden Gründe für das allmähliche Abbröckeln. Soziologisch wiegt in einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) die Rückläufigkeit einer lebenslangen Bindung an Organisationen ebenso schwer“.

Dr. Wissing spricht davon, man könne nicht mehr von „den Katholiken“ reden:

„Längst gibt es eine innerkirchliche Pluralität… Eine wichtige Markierung in diesem Prozess war… die Enzyklika Humane Vitae mit dem päpstlichen Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung… Eine große Mehrheit auch der mit der Institution Kirche verbundenen katholischen Christen steht in dieser und in anderen die Lebensführung betreffenden Fragen in Opposition zu lehramtlichen Festlegungen…

Innerkirchliche Pluralität beschränkt sich nicht auf mehrheitlichen Ungehorsam der katholischen Basis gegenüber der Chefetage… In den großen ethischen Debatten ist… nicht selten zu erfahren, dass die von der Katholischen Kirche vertretene politische Position für den unbedingten Schutz des Lebens von vielen katholischen Christen nur bedingt gelebt wird, zum Beispiel, wenn es um das Ende des Lebens geht…weil von ihnen eine andere politische Haltung als barmherzig und der christlichen Botschaft entsprechend angesehen wird. Die Deutungshoheit der Institution über höchstpersönliche Fragen – was ist ein gutes Leben, wen darf ich lieben? Wie will ich sterben – wird nicht mehr anerkannt. Die Homogenität des katholischen Teils der Bevölkerung ist eine Illusion“.

Das klingt wie eine unumkehrbare Entwicklung, die sich wie von selbst, entsprechend dem gesellschaftlichen Mainstream, so ergeben habe. Tatsächlich wurde sie in heftigen Diskussionen in den Laiengremien und Diözesansynoden herbei getrommelt – unter dem Beifall der Medien und dem beredten Schweigen der meisten Bischöfe.

Wer den Weg zur „innerkirchlichen Pluralität“ in den katholischen Laienräten und Verbänden mitverfolgen mußte, hat auch die Gründe dafür beobachten können: Den Tiefstand des Glaubenswissens, das Verlangen nach Glaubensautonomie, das sich aus den Evangelien das herauspickt, was gefällt, die Anpassung von Bischöfen, Religionslehrern und Priestern an die vorherrschende Meinung.

Die Sprache verrät dich  – so heißt eine bekanntes Sprichwort. Die Kirche ist wesentlich mehr als „Institution“ und „Organisation“, nämlich der Leib Christi. Und wer, als Nachfolger Christi, feststellt, ob Forderungen der „Basis“ der Lehre Christi entsprechen, sitzt nicht in der „Chefetage“ und trifft „Lehramtliche Festlegungen“ um die „Deutungshoheit“ zu behalten.

Wenn sich das oberste Lehramt zum Schutz des Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Ende und zu sonstigen die „Lebensführung betreffenden Fragen“ äußert, dann geht es nicht um „politische Positionen“, sondern darum, ob solche Forderungen dem Evangelium entsprechen oder nicht.

Wer wissen will, warum moralische Grundfragen für eine humane Gesellschaft existenziell und mehr sind als Interessen, sollte bei dem kürzlich verstorbenen Philosophen Robert Spaemann in die Schule gehen, bevor er sich äußert.

Die eigentliche Frage des Lebensschutzes lautet nach Spaemann:  „Wann beginnt der Mensch Person zu sein“?

Die Antwort bestimmt, ob Abtreibung, Stammzellforschung, Praeimplantation, Invitrovertilisation erlaubt sind oder nicht. Robert Spaemann beantwortet die Frage so:

„Das Personsein ist nicht eine Eigenschaft, sondern das Sein des Menschen. Sie beginnt mit der Zeugung. Jemand Person zu nennen, heißt ihm den Status des Selbstzwecks zuzuerkennen. Das ungeborene Kind entwickelt sich nicht zum Menschen sondern als Mensch… Die Abkoppelung der Weitergabe des Lebens vom Zeugungsakt eröffne ein grauenerregendes Feld, das durch Stichworte wie Handel mit Embryonen, Experimente mit Embryonen, Leihmutter usw. gekennzeichnet ist.“

Mit deutlicher Klarheit äußert sich Prof. Spaemann:

„Das Angebot des assisitierten Selbstmordes wäre der infamste und billigste Ausweg, um sich der Solidarität mit den Schwächsten zu entziehen Die richtige Antwort für Schwerkranke und Sterbende ist nicht die Euthanasie, sondern sondern die Hospizbewegung. (vgl. M. Spieker Ad Memoriam – Spaemann)


Die glaubensfrohe Advents-Liturgie der Kirche in der letzten Woche vor Weihnachten

Von Pfarrer Felix Evers

Die letzte Woche vor Weihnachten (17.-23. Dezember) kennt keine Heiligenfeste, sondern ist in der Liturgie der Kirche in besonderer Weise ausgestaltet, sei es durch die Lesungen der Heiligen Messe, sei es durch drei ausgesuchte Antiphonen zu den Psalmen im Stundengebet, die für Laudes und Vesper gleich sind. 

Vor allem sind hier aber die seit Amalar von Metz (775 – 850 n. Chr.) bezeugten altehrwürdigen O-Antiphonen zu nennen, die als Kehrvers zum Magnificat in der Vesper gebetet werden – und in der Kurzfassung auch als Halleluja-Vers in der Heiligen Messe des jeweiligen Tages.

Die Großen Antiphonen enthalten das ganze Mark der Adventsliturgie; Kardinal Newman nannte sie die „Herolde von Weihnachten“.

Die noch heute von uns gesungenen sieben O-Antiphonen weisen einen Acrostichus auf: Die Anfangsbuchstaben der Antiphonen ergeben, von der letzten zur ersten gelesen, als Antwort auf die letzte lateinische Antiphon: „Ero cras!“ („Ich werde morgen da sein!“).

Ich öffne also die Adventstürchen der letzten Werkwoche vor Weihnachten und bete die Fleh- und Sehnsuchtsrufe in der Vorfreude auf die Ankunft meines und unseres Erlösers.

17.12.       O WEISHEIT   (O  Sapientia…)

hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten –
die Welt umspannst du von einem Ende zum anderen,
in Kraft und Milde ordnest du alles:
o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.

18.12.        O ADONAI  (O Adonai…)

Herr und Führer des Hauses Israel –
im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen
und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben:
O komm und befreie uns mit deinem starken Arm.

19.12.          O SPROSS AUS ISAIS WURZEL  (O Radix…)

gesetzt zum Zeichen der Völker   –
 vor dir verstummen die Herrscher der Erde,
dich flehen an die Völker:
o komm und errette uns,

erhebe dich, säume nicht länger.

20.12.       O SCHLÜSSEL DAVIDS   (O Clavis…)

Zepter des Hauses Israel –
du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt,
und keine Macht vermag zu öffnen:
o komm und öffne den Kerker der Finsternis
und die Fessel des Todes.

21.12.       O MORGENSTERN  (O Oriens…)

Glanz des unversehrten Lichtes,
der Gerechtigkeit strahlende Sonne:
o komm und erleuchte,
die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.

22.12.       O KÖNIG ALLER VÖLKER  (O Rex…)

ihre Erwartung und Sehnsucht;
Schlussstein, der den Bau zusammenhält:
O komm und errette den Menschen,
den du aus Erde gebildet
.

23.12.       O IMMANUEL  (O Emmanuel…)

Unser König und Lehrer,
du Hoffnung und Heiland der Völker:
o komm, eile und schaffe uns Hilfe,
du unser Herr und Gott.

Die Anfangsbuchstaben der lateinischen Begriffe ergeben, von hinten nach vorne gelesen, den Satz „Ero cras“ – d. h.: „ Ich werde morgen da sein.“

Am 24. Dezember schließlich greife ich im Alten Testament zum Propheten Zefanija. Genau diese Lesung kommt in den katholischen Gottesdiensten immer am 21. Dezember vor, um die Vorfreude auf Weihnachten auszudrücken:

„Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem! Denn der HERR hat deine Strafe weggenommen und deine Feinde abgewendet. Der HERR, der König Israels, ist bei dir, dass du dich vor keinem Unheil mehr fürchten musst.

Zur selben Zeit wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und jauchzend einen Freudentanz aufführen, weil es dich gibt.“

Ein Gott, der mir vergibt und vor Freude tanzt! Das ist Weihnachten! Oder wie es Paul Gerhardt in seinem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ auf den Punkt bringt – mein Primizspruch übrigens: „Du kommst und machst mich groß.“

 

 

 


Großer katholischer Philosoph und Gelehrter Robert Spaemann verstorben: R.I.P.

Von Dr. David Berger

Im Alter von 91 Jahren verstarb gestern in Stuttgart der weltweit anerkannte katholische Philosoph Robert Spaemann. Er war Berater des hl. Papst Johannes Paul II. und ein Freund von Papst Benedikt XVI.

Vielleicht prädestinierte ihn – weltlich gedacht – bereits seine außergewöhnliche Lebensgeschichte, zu einem der ganz Großen zu werden: Am 5. Mai 1927 geboren, wuchs Spaemann als Kind katholischer Konvertiten auf, die Mutter starb früh, sein Vater ließ sich danach zum Priester weihen.

Spaemann lehrte als Professor Philosophie an den Universitäten Heidelberg, München und Stuttgart. Obgleich als katholischer Denker vor allem auch Ethiker gegen den Zeitgeist schreibend, erhielt er zahlreiche Ehrendoktor-Würden und andere akademische Preise.

CNA schreibt: „Als buchstäblich katholischer Denker sprengte der Intellektuelle die politischen Schubladen, in die ihn kleinere Geister immer wieder stecken wollten, vom „Linkskatholiken“ und „Öko-Philosophen“, der sich für die Schöpfung, besonders auch eine Ethik im Umgang mit Tieren einsetzte, bis hin zum „Rechtskatholiken“, der sich für das Naturrecht, aber zum Beispiel auch die Rede- und Pressefreiheit von Stimmen aussprach, die in der deutschen Gegenwart als konservativ eingeordnet werden.“

Nicht erwähnt ist hier sein unermüdlicher Kampf für die klassische römische Liturgie, der dazu führte, dass ich mehrmals die Gelegenheit hatte, mit ihm privat zusammen zu treffen und ihn als eine echt charismatische Persönlichkeit zu erleben, die das war, was er lehrte: Integere, fromme Authentizität umschreibt vielleicht am besten meinen Eindruck von ihm.

Diese Liebe zur „alten Messe“ war es – neben der gegenseitigen Faszination für die edle Geistigkeit – , die die freundschaftliche Verbindung von Spaemann mit Josef Ratzinger und auch dem späteren Papst Benedikt XVI. prägte.

Dass Benedikt der klassischen Liturgie erneut ein Heimatrecht in der aktuellen Institution katholische Kirche gab, ist sicher auch zu einem großen Anteil Spaemann zu verdanken. 2006 sprach Spaemann auf Einladung Benedikts in Castel Gandolfo für den berühmten Ratzinger Freundeskreis.

Requiescat in Pacem.

Erstveröffentlichung dieses Nachrufs auf Prof. Dr. Robert Spaemann hier: https://philosophia-perennis.com/2018/12/11/konservativer-kaempfer-fuer-meinungsfreiheit-und-katholizismus-robert-spaemann-ist-tot/


Vorkonziliare Vielfalt in der Liturgie – Papst Pius XII. würdigte „religiösen Volksgesang“

Von Felizitas Küble

Zu Beginn der 70er Jahre wurde bekanntlich das neue Meßbuch in der katholischen Kirche eingeführt. Die überlieferte Liturgie – die sog. „alte Messe“  – schien in Vergessenheit geraten, wurde jedoch von einigen traditionellen Gemeinschaften (darunter der Pius- und der Petrusbruderschaft) weiter gefeiert.

Mit dem Indult von Johannes Paul II. und erst recht durch das liturgische Motu proprio von Papst Benedikt hat sich die überlieferte Messe wieder stärker verbreitet und ihr Heimatrecht in der Kirche zurückerhalten.

In der Debatte um die Liturgiereform wird manchmal die frühere erstaunliche Vielfalt in der Liturgie übersehen, wobei neben dem Choralamt bzw. Hochamt zum Beispiel die „stille Messe“, die deutsche Singmesse, die Gemeinschaftsmesse und die Betsingmesse geläufig waren.

Von den Singmessen ist besonders die Haydn- und die Schubert-Messe seit Jahrhunderten bekannt; auch die Betsingmesse war bereits vor 85 Jahren allgemein verbreitet – und somit der Gesang deutscher Lieder in diesen Varianten der Liturgie an der Tagesordnung.

Dieser Formenreichtum der überlieferten heiligen Messe war keine „wilde“ spezialdeutsche Angelegenheit, sondern wurde vom Vatikan gebilligt, zumal unsere Bischöfe sich damals gehorsam an römische Weisungen hielten. 

So sei z. B. an die Enzyklika „Mediator Dei“ vom 20.11.1947 erinnert, worin Pius XII. (siehe Foto) den „religiösen Volksgesang“ ausdrücklich empfiehlt.

In diesem Schreiben an die Bischöfe der Weltkirche würdigt der Papst zunächst den Gregorianischen Choral. Dann heißt es in Nr. 193 weiter, wenn zeitgenössische Musik und Gesänge gediegen seien, „so  müssen ihnen unsere Kirchen ohne weiteres Zutritt gewähren“, denn ihr Beitrag zur „Erhebung des Geistes“ und zur „Erweckung wahrer Andacht“ sei „nicht gering“.

Im nächsten Abschnitt Nr. 194 klingt die päpstliche Sprache noch eindringlicher: „Wir ermahnen euch auch, ehrwürdige Brüder, in eurer Hirtensorge den religiösen Volksgesang zu fördern. Mit Liebe und geziemender Würde gepflegt, vermag er nämlich den Glauben und die Andacht des christlichen Volkes sehr zu stärken und zu entflammen.“

Pius XII. hat damit eine kontinuierliche Entwicklung bestätigt, die schon seit Jahrhunderten ihre Bahnen zog.

Das Bischöfliche Generalvikariat Trier brachte 1892 ein amtliches „Gesangbuch“ heraus, bestehend aus 40 Seiten Choralgesängen und 400 Seiten deutschen Liedern, nicht nur für Andachten dem Kirchenjahr entlang, sondern ausdrücklich auch deutsche „Meßgesänge“ in fünf Varianten. 

Bischof Michael Felix schreibt im Vorwort: „Unsere deutschen Lieder wie unsere Weisen sind aus dem kindlich gläubigen Sinn unserer Vorfahren hervorgegangen. Sie brachten ihnen Trost im Leid, heilige Freude und Begeisterung im Dienste Gottes. Möchten sie dieselben Wirkungen bei uns hervorrufen.“

Ähnlich präsentierte sich das katholische Gebetbuch „Himmelsleiter“ von Ehrendomherr Tappehorn, das 1888 bei Laumanns im Verlag des Hl. Apstolischen Stuhles in Dülmen erschien. Darin wurde neben dem Hochamt ausdrücklich die „Deutsche Singmesse“ nach Haydn ausgebreitet (Eingangslied: „Hier liegt vor Deiner Majestät…“).

Diese im Volksmund als „Deutsches Hochamt“ bezeichnete Messe war schon Jahrzehnte vor der Einführung der Betsingmesse weit verbreitet; danach gab es beide Meßformen nebeneinander. Als Beispiel sei das Gesangbuch „Laudate“ des Bistums Münster von 1950 erwähnt: Darin wurden vier verschiedene Singmessen mit deutschen Liedern präsentiert, die zahlreichen Betsingmessen nehmen sogar über vierzig Seiten ein.

Fotos: Felizitas Küble, Archiv, Piusbruderschaft


Bischof Morlino von Madison verstorben

Der katholische Bischof von Madison im US-Bundesstaat Wisconsin, Robert Morlino, ist gestern Abend im Alter von 71 Jahren verstorben. Er war ein glaubensstarker Oberhirte und erregte vielfach den Widerspruch zeitgeistgelenkter Medien.  Liturgisch stand er der überlieferten Messe nahe und zelebrierte sie öfter.

Morlino (siehe Foto) erblickte am 31.12. 1946 das Licht der Welt. Vor seiner Ernennung zum Bischof von Madison war der Bioethik-Experte bereits Oberhirte in Helena Montana.

Sein Generalvikar James Bartylla veröffentlichte noch gestern Vormittag einen „dringenden Gebetsaufruf“ an die Priester seines Bistums.

Zunächst habe man Hoffnungen auf eine gesundheitliche Besserung beim Bischof haben dürfen, doch dies habe sich zerschlagen und die Dinge hätten sich „zum Schlimmsten“ gewendet. Die Geistlichen wurden aufgefordert, für eine wunderbare Heilung zu beten und auch dafür, daß „unser geliebter Bischof, wenn die Zeit kommt, die Gnade eines glückseligen Todes erhält“.

Am 18. August veröffentlichte der unbeugsame Bischof einen Hirtenbrief an seine Diözesanen, also an die Gläubigen seines Bistums, zur Mißbrauchskrise: https://charismatismus.wordpress.com/2018/08/21/us-amerikanischer-bischof-morlino-warnt-vor-schwul-klerikaler-subkultur-in-der-kirche/

Darin hat er das Problem einer homosexuellen Subkultur unter Klerikern klar beim Namen genannt  – was in Deutschland bislang kein Oberhirte gewagt hat.

Bereits im Vorjahr forderten homosexuelle Organisationen seinen Rücktritt. Unsere deutsch-amerikanische Autorin Dr. Edith Breburda hatte im CHRISTLICHEN FORUM darüber berichtet: https://charismatismus.wordpress.com/2017/10/31/homo-aktivisten-in-den-usa-fordern-den-ruecktritt-von-bischof-morlino/

Beten wir für den Bischof, auf daß der HERR ihn aufnehme in die ewige Seligkeit und ihm seine Mühen und allen Einsatz für das Gottesreich belohne.


Vor 85 Jahren begann der Siegeszug der Betsingmesse in Wien-Schönbrunn

Von Felizitas Küble

Wer den Namen „alte Messe“ hört, denkt vielleicht zunächst an ein sogenanntes Choralamt, also eine komplett vom Gregorianischen Choral geprägte feierliche hl. Messe. Dazu gehört mindestens das Ordinarium (lateinische Grundgesänge wie Kyrie, Gloria, Sanctus etc), meist auch das Proprium (weitere Choräle, etwa zu den Lesungen, als Kommuniongesang usw).
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Aber nicht etwa erst seit den 50er Jahren, sondern schon viel früher begann die Erfolgsgeschichte der Betsingmesse – und zwar vor 85 Jahren in Wien-Schönbrunn auf Veranlassung von Kardinal Innitzer:
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Rund 200.000 Gläubige feierten am 10. September 1933 beim gesamtdeutschen Katholikentag in Wien-Schönbrunn erstmals diese Form der überlieferten Messe, die aus den lateinischen Meßgebeten des Priesters, dem muttersprachlichen Vortrag der biblischen Lesungen und durchgängig deutschsprachigen Kirchenliedern besteht.
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BILD: Überlieferte Liturgie („alte Messe“) in der Kapelle von Schloß Assen mit lateinischen und deutschen Gesängen
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Zwar gab es diese Version vereinzelt schon seit 1922 in deutschen Klöstern und Pfarreien, aber im größeren Rahmen wurde sie erstmals bei diesem Ereignis gefeiert. Der Klosterneuburger Liturgiker und Augustiner-Chorherr Pater Pius Parsch, der die „Liturgische Bewegung“ wesentlich prägte, hatte diese volkstümliche Form der lateinischen Messe entwickelt.
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Kardinal Theodor Innitzer, der damalige Erzbischof von Wien, ging sogar soweit, die Betsingmesse nach dem Katholikentag 1933 allen Pfarrgemeinden seines Bistums vorzuschreiben.
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Nach diesem Durchbruch begann der Siegeszug der Betsingmesse durch die katholische Welt, vor allem in Deutschland. In den meisten Gemeinden wurden am Sonntag am frühen Morgen erst zwei „Stille Messen“ gefeiert, danach zwischen 8 und 10 Uhr ein Hochamt – und hinterher zwei Betsingmessen, so daß die Gläubigen eine große Auswahl hatten und für sich die „passende“ Messe auswählen konnten.
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Freilich war längst vor der Betsingmesse die „deutsche Singmesse“ bekannt, oft in Form der Haydn- oder Schubert-Messe – und dies bereits Anfang des 18. Jahrhunderts. Auch hier gab es nicht nur zu Beginn und zum Abschluß, sondern auch im Ablauf der Messe deutschsprachige Gesänge. Diese Messe wurde auch als „Deutsches Amt“ oder volkstümlich (nicht ganz korrekt) als „Deutsches Hochamt“ bezeichnet.
Die Betsingmesse und die Gemeinschaftsmesse hat diese Singmessen weiterentwickelt. Dabei war die deutsche katholische Jugendbewegung (Quickborn, Bund Neudeutschland etc) mit ihrem Prälaten Ludwig Wolker von großer Bedeutung – ebenso sein seit 1928 in 9 Millionen Auflage verbreitetes „Kirchengebet“(eine Art handliches Kurz-Meßbuch), das über die Jugendverbände hinaus weit verbreitet war.

Papst Pius XII. lobt „religiösen Volksgesang“

Diese liturgische Entwicklung in Deutschland wurde von Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Mediator Dei“ über die Liturgie vom 20. November 1947 berücksichtigt und dabei der „religiöse Volksgesang“ ausdrücklich empfohlen.
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BILD: Diese Briefmarke von 1984 zeigt Papst Pius XII.
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Nachdem in diesem Schreiben an die Bischöfe der katholischen Weltkirche zunächst der Gregorianische Choral gewürdigt wird, heißt es in Nr. 193 und 194 weiter:
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193. Man darf aber nicht meinen, dass moderne Musik und moderner Gesang vom katholischen Gottesdienst gänzlich auszuschalten seien. Im Gegenteil! Finden sich darin keine Anklänge an Profanes, enthalten sie nichts, was der Heiligkeit des Gotteshauses und der liturgischen Handlung unwürdig wäre, und entspringen sie nicht eitlem Haschen nach gesuchten und ungewohnten Effekten, so müssen ihnen unsere Kirchen ohne weiteres Zutritt gewähren; denn nicht gering vermag alsdann ihr Beitrag zu sein zur Verschönerung der heiligen Zeremonien, zur Erhebung des Geistes in höhere Regionen und gleichzeitig zur Erweckung wahrer Andacht des Herzens.
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194. Wir ermahnen euch auch, ehrwürdige Brüder, in eurer Hirtensorge den religiösen Volksgesang zu fördern. Mit Liebe und geziemender Würde gepflegt, vermag er nämlich den Glauben und die Andacht des christlichen Volkes sehr zu stärken und zu entflammen.  Geschlossen und machtvoll dringe das Lied unseres Volkes zum Himmel empor wie das Rauschen von Meereswogen, lege mit laut klingender Stimme Zeugnis ab von dem einen Herzen und der einen Seele, wie es Brüdern und Kindern desselben Vaters ziemt.