Überraschende Ergebnisse zur Sterblichkeit an Thrombosen und Lungenembolien

Eine große internationale Studie zur Bedeutung akuter Lungenembolien als globale Todesursache hat unerwartete Ergebnisse zur Sterblichkeit an Thrombosen und Lungenembolien hervorgebracht.

Das Forscherteam unter der Leitung von Dr. Stefano Barco und Prof. Dr. Stavros Konstantinides vom Centrum für Thrombose und Hämostase (CTH) der Universitätsmedizin Mainz stellten für die Jahre 2000 bis 2017 in Nordamerika eine sinkende Todesrate aufgrund von Lungenembolie fest.

BILD: Altersstandardisierte Lungenarterienembolie-assoziierte Mortalität (Todesrate) pro 100.000 Personen in den USA und Kanada für den Zeitraum 2000-2017. PE = Lungenarterienembolie.  (Foto: Luca Valerio, Universitätsmedizin Mainz)

Zugleich zeigte die Studie zum Erstaunen der Wissenschaftler allerdings auch, dass in den USA seit einigen Jahren wieder mehr Menschen jüngeren und mittleren Alters an Thrombosen und ihren Komplikationen versterben.

Die Studienergebnisse wurden heute im Lancet Respiratory Medicine, der weltweit renommiertesten Zeitschrift für Lungenerkrankungen und Intensivmedizin, veröffentlicht.

Die Autoren der internationalen klinischen Studie, hochrangige europäische, US-amerikanische und kanadische Experten, analysierten Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die gesamte Bevölkerung Kanadas und der USA im Zeitraum 2000-2017 hinsichtlich Thrombosen und Lungenembolien als Todesursachen. Die Untersuchung zeigt, dass insgesamt immer weniger Menschen an einer Lungenembolie sterben.

Bei detaillierterer Betrachtung der Thrombose-Daten gelangten die Wissenschaftler jedoch zu einem unerwarteten Ergebnis: In den USA sterben seit einigen Jahren wieder mehr Menschen jüngeren und mittleren Alters an Thrombosen und ihren Komplikationen. Unter den wohlhabenden Industrienationen des 21. Jahrhunderts ist dieser negative Trend ein Novum. Er ist umso beunruhigender, als dass er mit einer Abnahme der Lebenserwartung in diesem Land einhergeht.

Jahrzehntelang war die Welt Erfolgsmeldungen bei der Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gewöhnt. Dies betraf auch die Lungenembolie, eine der weltweit wichtigsten Ursachen kardiovaskulärer Mortalität.

Bereits vor wenigen Monaten konnte eine weitere Studie des Autorenteams um Dr. Barco zeigen, dass sich die Sterblichkeit an Lungenembolie in den europäischen Ländern einschließlich Deutschlands im Zeitraum 2000 bis 2015 fast halbiert hat. Dies deuteten die Experten bislang als Hinweis auf die immer bessere Diagnostik und Therapie dieser Erkrankung. Wie lassen sich jetzt die aktuellen Ergebnisse der Studie erklären? Und was bedeuten sie für die Patienten und Gesundheitssysteme, auch in Deutschland und Europa?

„Zum jüngsten ungünstigen Trend in den USA können mehrere Faktoren beitragen“, erklärt Dr. Barco, der die Studie als Hauptverantwortlicher geleitet hat. „Soziale Ungleichheiten verbunden mit finanzieller Not können dazu führen, dass ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung keinen Zugang zur medizinischen Versorgung hat. Parallel dazu sind schwerwiegende chronische Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Lungenerkrankungen, die ihrerseits das Risiko für Thrombosen erhöhen, zunehmend verbreitet“.

Professor Konstantinides, Leiter der Professur Multizentrische Klinische Studien und Ärztlicher Direktor des CTH, ergänzt: „Es zeigt sich erneut, dass eine optimale medizinische Versorgung weit mehr voraussetzt als hochmoderne Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Diese nutzen auf Bevölkerungsebene wenig, wenn sie nicht bezahlbar sind oder wegen fehlender Prävention und eines ungesunden Lebensstils zu spät kommen.“

„Epidemiologische Studien verwenden keine experimentellen Verfahren und können daher keinen direkten Beweis für die Ursachen ihrer Ergebnisse liefern“, erläutert Dr. Barco. „Allerdings sind ihre Beobachtungen angesichts der großen Patientenzahlen und der hochkomplexen Statistik zuverlässig und belastbar. Sie können daher dazu beitragen, Gefahren für die Bevölkerung zu erkennen und somit gesundheitspolitische Strategien zu verbessern.“

Quelle: Universitätsmedizin Mainz