Das satirische Gedicht „Sprachverderbnis“ aus dem 17. Jahrhundert bleibt aktuell

Fast jeder Schneider
will jetzt und leider
Der Sprach erfahren sein
und redt Latein,
Welsch und Französisch,
halb Japonesisch,
wann er ist doll und voll
der grobe Knoll.


Der Knecht Matthies
spricht: bonae dies,
wann er guten Morgen sagt
und grüßt die Magd;
die wendt den Kragen,
tut ihm Dank sagen,
spricht: Deo gratias,
Herr Hippocras.


Ihr böse Teutschen,
man sollt euch peutschen,
daß ihr die Muttersprach
so wenig acht.
Ihr liebe Herren,
das heißt nicht mehren,
die Sprach verkehren
und zerstören.

Ihr tut alles mischen
mit faulen Fischen,
Und macht ein Misch-Gewäsch,
ein wüste Wäsch,
ich muß es sagen,
mit Unmut klagen,
ein faulen Hafen Käs,
ein seltzams Gfräß.


Wir hans verstanden
mit Spott und Schanden,
wie man die Sprach verkehrt
und ganz zerstört.
Ihr böse Teutschen,
man sollt euch peutschen.
In unserm Vatterland;
pfui dich, der Schand!

Johann Michael Moscherosch

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Denn betend singen sie, was ewig gilt…

Nachdem Sänger aus Wladimir 1999 im fränkischen Erlangen auftraten, verfaßte Dr. Renate Myketiuk dieses Gedicht und stellte es nun unserer Redaktion zur Verfügung:

Russische Seele

Sie kamen her zu uns und wollen singen;
aus einem fernen Land, verdämmernd weit,
wo Uhren messen eine frühe Zeit,
wo Flüsse ihre Fracht zum Nordpol bringen.

Sie singen uns von der Barmherzigkeit,
die Gott im Abendmahl läßt sichtbar werden;
und singen von der Liebe hier auf Erden,
von Suchen, Finden und von Liebesleid.

Sie lassen ihre Seele voll erklingen:
es ist der dunkle Schmerz der weiten Ferne,
der fromme Kuß auf ein Ikonenbild.

Und unser Herz, sie bringen es zum Schwingen;
wir horchen still, sie strahlen wie die Sterne,
denn beten singen sie, was ewig gilt.

Dr. Renate Myketiuk aus Erlangen

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Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne

Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.

Nun sollen wir loben
den Höchsten dort oben,
dass er uns die Nacht
hat wollen behüten
vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.

Kommt, lasset uns singen,
die Stimmen erschwingen
zu danken dem HERRN.
Ei, bittet und flehet,
dass ER uns beistehet
und weiche nicht fern.

Philipp von Zesen (1619 – 1689)


„Die Welt ist schnöder Katze gleich“

Die Welt ist schnöder Katze gleich:
Streichelst du, krümmt sie sich glatt und weich;

tust du ihr aber nichts zu gefallen,
so enthüllen sich bald ihre scharfen Krallen.

Gottfried Kinkel
(evang. Theologe, Professor für Kulturgeschichte, 1815-1882)

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Joachim Ringelnatz: „Das Samenkorn“

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
die Amsel wollte es zerpicken.

Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.

Das Korn, das auf der Erde lag,
das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

Jetzt ist es schon ein hoher Baum
und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

Die Amsel hat das Nest erbaut;
dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)


Gedicht von Erich Kästner 1931: Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

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Poetisch ins NEUE JAHR mit Eduard Mörike

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In IHM sei’s begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Du lenke und wende!
HERR, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Mörike, Eduard (1804 – 1875)

Naturpoesie: Preislied für die Sonne

Die Sonne

Schwingen der Andacht,
Strebet empor,
Naht euch der Sonne
Goldenem Tor;
Bringet ihr Grüße
Dankender Welt,
Die sie geboren,
Die sie erhält!
Berge und Täler
Schmücket ihr Strahl,
Trauben und Ähren
Reift sie zum Mahl;
Farbiger Blüte
Würzt sie den Saft,
Weckt im Gemüte
Schaffende Kraft:
Mutter des Lebens,
Preisen dein Licht,
Ist uns die erste
Kindliche Pflicht!

Friedrich Julius Krais (1807 – 1877)

Foto: Dr. Bernd F. Pelz


Ein WINTERABEND von Georg Trakl

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
lang die Abendglocke läutet,
vielen ist der Tisch bereitet
und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
auf dem Tische Brot und Wein.

Georg Trakl (verfaßt 1913)


WINTERFREUDEN von Ludwig Eichrodt

Winterfreuden

Nicht nur der Sommer, sondern auch
Der Winter hat sein Schönes,
Wiewohl man friert bei seinem Hauch,
So ist doch dies und jenes
Im Winter wirklich angenehm,
Besonders daß man sich bequem
Kann vor dem Frost bewahren,
Und auch im Schlitten fahren.

Das weite Feld ist kreidenweiß,
Wem machte das nicht Freude?
Die Knaben purzeln auf dem Eis,
Wenn sie zu hurtig gleiten,
Und ist nicht die Bemerkung schön,
Bei Leuten, die zu Fuße geh’n,
Daß sie schier alle springen
Und mit den Händen ringen?

Und wenn man sich versehen hat,
Mit Holz, um einzuheizen,
So muß die Wärme früh und spät
Uns zum Vergnügen reizen,
Man richtet mit zufried’nem Sinn
Den Rücken an den Ofen hin,
Und wärmet sich nach Kräften
Für Haus- und Hofgeschäften.

Ein altes Buch zur Abendzeit
Muß ich zumeist doch lieben,
Wenn man da liest die Albernheit
Der Vorzeit schön beschrieben,
Man sitzt und liest und freuet sich
Und danket Gott herzinniglich
Genügsam und bescheiden
Für uns’re jetzgen Zeiten.

Ludwig Eichrodt

Pseudonym von Rudolf Rodt (1827 – 1892), deutscher Schriftsteller