Der HERBST als Bild unseres Lebensabends

Du, dieses Jahres Abend, Herbst
Sei meines Lebensabends Bild!
Wie langsam du den Hain entfärbst,
Und deine Sonn‘ ist frühlingsmild:
Es lacht das grünende Gefild
Tief im Oktober ohne Frost,
Und in der Traube reift der Most,
Wie in der Brust Begeisterung schwillt.

Friedrich Rückert


Bestandsaufnahme: Immer noch ein Traum…

Bestandsaufnahme

Urlaubsreise
Immer noch ein Traum
Egal wohin
Nichts wie weg
Andere Länder sehen
Fremde Menschen
ihre Kunst und Lebensweisen
jede/r auf seine/r Art  und Weise.

Es lohnt sich
Bekanntzuwerden
Sich aufzuschließen
Gemeinsam Neues entdecken

Oder auch tiefe Dankbarkeit.
Gott zu begegnen
Wo auch immer
In der Kirche, am Kreuz
Auf dem Friedhof
Und in Dankbarkeit
Seiner großen Zuneigung uns gegenüber.
Ja, da möchte ich singen ..

Waltraud Weiß

Gemälde: Evita Gründler

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HERBST: Wenn des Daseins ganze Fülle….

Wenn des Daseins ganze Fülle
lodert auf in tausend Farben,
und die Mittagssonnenstille
flimmernd zieht durch neue Garben –
fängt der Sommer an zu räumen
und der Herbst liegt noch in Träumen
.

Wenn die Körner hart und heiter
aus den trocknen Spelzen gleiten,
und die Trauben immer weiter
hin zur goldnen Süße leiten –
will der Sommer nicht nicht gehen,
doch der Herbst fängt an zu wehen.

Wenn die Hagebutten reifend
ihre Röte aufpolieren,
und die Käuze so ergreifend
sich in Wehmut ganz verlieren –
ist der Sommer schon im Neigen,
und der Herbst wird stetig steigen.

Wenn sich lange müde Schatten
wieder überm Lande zeigen,
wenn aus einstmals saftig satten
Wiesen Nebelschwaden steigen –
ist der Herbst wohl eingezogen,
und der Sommer ist verflogen.

Dr. Renate Myketiuk (Erlangen)


Das satirische Gedicht „Sprachverderbnis“ aus dem 17. Jahrhundert bleibt aktuell

Fast jeder Schneider
will jetzt und leider
Der Sprach erfahren sein
und redt Latein,
Welsch und Französisch,
halb Japonesisch,
wann er ist doll und voll
der grobe Knoll.


Der Knecht Matthies
spricht: bonae dies,
wann er guten Morgen sagt
und grüßt die Magd;
die wendt den Kragen,
tut ihm Dank sagen,
spricht: Deo gratias,
Herr Hippocras.


Ihr böse Teutschen,
man sollt euch peutschen,
daß ihr die Muttersprach
so wenig acht.
Ihr liebe Herren,
das heißt nicht mehren,
die Sprach verkehren
und zerstören.

Ihr tut alles mischen
mit faulen Fischen,
Und macht ein Misch-Gewäsch,
ein wüste Wäsch,
ich muß es sagen,
mit Unmut klagen,
ein faulen Hafen Käs,
ein seltzams Gfräß.


Wir hans verstanden
mit Spott und Schanden,
wie man die Sprach verkehrt
und ganz zerstört.
Ihr böse Teutschen,
man sollt euch peutschen.
In unserm Vatterland;
pfui dich, der Schand!

Johann Michael Moscherosch

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Denn betend singen sie, was ewig gilt…

Nachdem Sänger aus Wladimir 1999 im fränkischen Erlangen auftraten, verfaßte Dr. Renate Myketiuk dieses Gedicht und stellte es nun unserer Redaktion zur Verfügung:

Russische Seele

Sie kamen her zu uns und wollen singen;
aus einem fernen Land, verdämmernd weit,
wo Uhren messen eine frühe Zeit,
wo Flüsse ihre Fracht zum Nordpol bringen.

Sie singen uns von der Barmherzigkeit,
die Gott im Abendmahl läßt sichtbar werden;
und singen von der Liebe hier auf Erden,
von Suchen, Finden und von Liebesleid.

Sie lassen ihre Seele voll erklingen:
es ist der dunkle Schmerz der weiten Ferne,
der fromme Kuß auf ein Ikonenbild.

Und unser Herz, sie bringen es zum Schwingen;
wir horchen still, sie strahlen wie die Sterne,
denn beten singen sie, was ewig gilt.

Dr. Renate Myketiuk aus Erlangen

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Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne

Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.

Nun sollen wir loben
den Höchsten dort oben,
dass er uns die Nacht
hat wollen behüten
vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.

Kommt, lasset uns singen,
die Stimmen erschwingen
zu danken dem HERRN.
Ei, bittet und flehet,
dass ER uns beistehet
und weiche nicht fern.

Philipp von Zesen (1619 – 1689)


„Die Welt ist schnöder Katze gleich“

Die Welt ist schnöder Katze gleich:
Streichelst du, krümmt sie sich glatt und weich;

tust du ihr aber nichts zu gefallen,
so enthüllen sich bald ihre scharfen Krallen.

Gottfried Kinkel
(evang. Theologe, Professor für Kulturgeschichte, 1815-1882)

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Joachim Ringelnatz: „Das Samenkorn“

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
die Amsel wollte es zerpicken.

Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.

Das Korn, das auf der Erde lag,
das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

Jetzt ist es schon ein hoher Baum
und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

Die Amsel hat das Nest erbaut;
dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)


Gedicht von Erich Kästner 1931: Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

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Poetisch ins NEUE JAHR mit Eduard Mörike

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In IHM sei’s begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Du lenke und wende!
HERR, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Mörike, Eduard (1804 – 1875)