WINTERFREUDEN von Ludwig Eichrodt

Winterfreuden

Nicht nur der Sommer, sondern auch
Der Winter hat sein Schönes,
Wiewohl man friert bei seinem Hauch,
So ist doch dies und jenes
Im Winter wirklich angenehm,
Besonders daß man sich bequem
Kann vor dem Frost bewahren,
Und auch im Schlitten fahren.

Das weite Feld ist kreidenweiß,
Wem machte das nicht Freude?
Die Knaben purzeln auf dem Eis,
Wenn sie zu hurtig gleiten,
Und ist nicht die Bemerkung schön,
Bei Leuten, die zu Fuße geh’n,
Daß sie schier alle springen
Und mit den Händen ringen?

Und wenn man sich versehen hat,
Mit Holz, um einzuheizen,
So muß die Wärme früh und spät
Uns zum Vergnügen reizen,
Man richtet mit zufried’nem Sinn
Den Rücken an den Ofen hin,
Und wärmet sich nach Kräften
Für Haus- und Hofgeschäften.

Ein altes Buch zur Abendzeit
Muß ich zumeist doch lieben,
Wenn man da liest die Albernheit
Der Vorzeit schön beschrieben,
Man sitzt und liest und freuet sich
Und danket Gott herzinniglich
Genügsam und bescheiden
Für uns’re jetzgen Zeiten.

Ludwig Eichrodt

Pseudonym von Rudolf Rodt (1827 – 1892), deutscher Schriftsteller


Wir haben eine Quelle, die niemals je versiegt

Wir haben einen Felsen, der unzerstörbar steht.
Wir haben eine Wahrheit, die niemals untergeht.
Wir haben geistige Waffen in jedem Kampf und Streit.
Wir haben eine Wolke von Gottes Herrlichkeit.

Wir haben eine Speise, der Welt hier unbekannt.
Wir haben einen Schatten im heißen Sonnenbrand.
Wir haben eine Quelle, die niemals je versiegt,
wir haben Kraft zum Tragen, die keiner Last erliegt.

Wir haben einen Tröster voll heiliger Geduld,
wir haben einen Helfer von liebevoller Huld.
Wir haben eine Freude, die niemand von uns nimmt,
wir haben eine Harfe, vom Heiland selbst gestimmt.

Wir haben eine Zuflucht in jedem Sturm und Not,
wir haben einen Reichtum, der nie zu schwinden droht.
Wir haben eine Gnade, die alle Morgen neu,
wir haben ein Erbarmen, das mächtig ist und treu.

Wir haben hier die Fülle, seitdem der Retter kam,
wir haben dort ein Erbe so reich und wundersam.
Wir haben Glück, das leuchtend und unbeschreiblich ist,
wir haben alles, alles in dir, HERR Jesus Christ.

Gottlob Lachenmann und Hedwig von Redern

Schönheit und Liebe in des Menschen Seele…

Um die Seele des Menschen
wirbt mit der Liebe die Schönheit.
Welcher die Palme gebührt?
Endlich hab ichs erfaßt.
Wenn sich die Schönheit uns zeigt,
so wirft sich ihr alles zu Füßen.
Doch wenn die Liebe erscheint,
wirft sich ihr alles ans Herz.

Hermann Dechent, evangelischer Theologe (1850-1935)

 


Ihr sollt dem Licht die Bahn bereiten…

Die Ihr – verpflanzt in arge Zeiten –
mit der Gewalt zu kämpfen wagt,
I
hr sollt dem Licht die Bahn bereiten,
Ihr fühlt die Schauer, eh es tagt.

Schaut ernst der Übermacht Triumphe,
wenn höhnisch euch ihr Troß umzischt.
Wißt, daß ihr Irrlicht aus dem Sumpfe
nur trüglich aufglänzt und erlischt.

Denkt, wenn im Kampf für Menschenrechte
Ihr des Erfolges Glanz entbehrt,
daß durch des Mißgeschickes Nächte
der Unschuld Haupt sich still verklärt.

Friedrich von Matthisson


FRÜHLINGsgedicht: „Der goldene Morgen“

Der goldene Morgen

Golden lacht und glüht der Morgen
über maiengrünen Höh’n,
und du, Seele, sinnst voll Sorgen,
und die Welt ist doch so schön!
Vöglein singen, Glocken schlagen,
Blütenlicht durchflammt das Land:
Wirf dein Zagen und dein Klagen,
Herz, in diesen Feuerbrand!

Ludwig Auerbach

Deutscher Heimatdichter und Fabrikant (1840 – 1882)

Gemälde: Evita Gründler


FRÜHLING von Heinrich Seidel (1842 – 1906)

Frühling

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
„Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!“

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
„Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!“

Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
„Der Frühling, der Frühling!“ – da wußt‘ ich genug!

 


WEIHNACHTSLIED von Theodor Storm

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte                       
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre ferne Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm