MORGENLIED von Annette v. Droste-Hülshoff

Der Morgenstrahl                                                                   
Steht auf dem Tal,
Die Nebel ziehen drunter her,
Und auf der Au
Liegt still der Tau
Wie Perlen in dem weißen Meer.
Wie ich nun Alles recht beschaut,
Da wird mir’s rege im Gemüte,
Daß Alles nur ein Wort, ein Laut,
O Gott, von deiner Lieb und Güte!

Die Erd‘ in Pracht
Hast du gemacht 
Für mich, dein ungetreues Kind,
Und den Azur
Der Wolkenflur,
Für mich den frischen Morgenwind.
Ach, alle Worte sind zu schwach,
Um deine Liebe zu verkünden,
Und dennoch läßt mein Streben nach,
Und jeder Tag sieht mich in Sünden.

Herr, steh mir bei, 
Der du aufs Neu
Mir einen jungen Tag verliehn;
Der Geist ist wach,
Das Fleisch ist schwach,
Und ohne Frucht ist mein Bemühn.
Doch deine Hand ist stark und fest,
Will ich nur willig sie umfassen;
Ach, wer nicht selber dich verläßt,
Den hast du nimmermehr verlassen.

O Herr, wenn oft
Und unverhofft
Mich kleine Kränkungen bedrohn,
Sei mein Gesicht
Zu dir gericht‘,
Und mein Gedanke sei: dein Lohn!
Ach, manches Leiden groß und schwer
Gabst du mir Gnade zu besiegen,
Und vor der kleinen Sorgen Heer
Sollt‘ meine Stärke unterliegen?

Herr, mich befrei
Von falscher Scheu,
Von Hoffahrt und von Ungeduld,
Und all mein Sinn
Sich wende hin
Zu deinem Kreuz und meiner Schuld.
Wer diesen Tag mich schmäht und kränkt,
Dem laß mich gern und treu verzeihen,
Und ihn laß, eh die Nacht sich senkt,
Vor dir sein Unrecht still bereuen.

Zu deinem Preis,
Auf dein Geheiß
Will ich an meine Pflichten gehn;
Wie auch die Welt
Sie rings umstellt,
Ich will nur deinen Willen sehn.
Mein Wirken über Haus und Kind,
Das ruht in deinen weisen Händen,
Was sich mit deinem Preis beginnt,
Das muß zu deinem Ruhme enden.

Annette von Droste-Hülshoff

Advertisements

Das MAI-Lied von Goethe

Mailied

Wie herrlich leuchtet 
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb‘, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

Johann Wolfgang von Goethe

Fortsetzung des Gedichts hier: https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/mailied.html


DIE KAPELLE von Ludwig Uhland

Die Kapelle

Droben stehet die Kapelle,
schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies‘ und Quelle
froh und hell der Hirtenknab‘.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
schauerlich der Leichenchor,
stille sind die frohen Lieder,
und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Ludwig Uhland (1787 – 1862),
schwäbischer Dichter und Politiker, Mitglied des Paulsparlaments

 Geschrieben im September 1805 nach einem Spaziergang von Tübingen nach Wurmlingen


Gedicht zur OSTERZEIT von Friedrich Spee

Zur Osterzeit

Die ganze Welt, Herr Jesus Christ,
zur Osterzeit jetzt fröhlich ist.

Jetzt grünet, was nur grünen kann,
die Bäum` zu blühen fangen an.

So singen jetzt die Vögel all.
Jetzt singt und klingt die Nachtigall.

Der Sonnenschein jetzt kommt herein
und gibt der Welt ein` neuen Schein.

Die ganze Welt, Herr Jesus Christ,
zur Osterzeit jetzt fröhlich ist.

Von Pater Friedrich Spee SJ 


AM OSTERMORGEN von Friedrich Rückert

Am Ostermorgen

Am Ostermorgen schwang die Lerche
sich auf aus irdischem Gebiet
und, schwebend überm stillen Pferche
der Hirten, sang sie dieses Lied:
Erwacht! Die Nacht entflieht.
Das Licht zerbricht
die Macht der Nacht;
erwacht ihr Lämmer all, erwacht,
auf feuchtem Rasen kniet!

Es ward von einem Osterlamme
getan für alle Welt genug,
das blutend an dem Kreuzesstamme
die Schuld der ganzen Herde trug.
Des Sieges Stunde schlug!
Das Grab, es gab
den Raub vom Staub
zurück; nun weidet grünes Laub,
ihr Lämmer fromm und klug!

Der Baum des Lebens, fluchbeladen,
stand abgestorben, dürr und tot.
Des Lammes Blut ihn mußte baden;
nun wird es blühend rosenrot.
Gewendet ist die Not!
O seht, her geht
der Hirt, der wird
die Herde weiden unverirrt
im neuen Morgenrot

Friedrich Rückert


Joseph von Eichendorff: OSTER-Gedicht

OSTERN

Vom Münster Trauerglocken klingen,
vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.
Zur Ruh’ sie dort dem Toten singen,
die Lerchen jubeln: Wache auf!
Mit Erde sie ihn still bedecken,

Das Grün aus allen Gräbern bricht,
die Ströme hell durchs Land sich strecken,
der Wald ernst wie in Träumen spricht,
und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern,
so weit ins Land man schauen mag,

Es ist ein tiefes Frühlingsschauern
als wie ein Auferstehungstag.

Joseph von Eichendorff


„Frühlingsglaube“ von Ludwig Uhland

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
sie säuseln und weben Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland