Buch-TIP: „Leitstern am geistigen Firmament“ – Erinnerungen an Gerd-Klaus Kaltenbrunner

Von Inge M. Thürkauf

Buchdaten: Magdalena S. Gmehling: „Leitstern am geistigen Firmament“ – Erinnerungen an Gerd-Klaus Kaltenbrunner  –  mit einem Epilog von Pfr. Georg A. Oblinger, 128 Seiten, Christiana-Verlag im Fe-Medienverlag, erschienen 2012, Preis 9,95 €.

„Der Lärm ist eine der schrecklichsten Plagen unseres Daseins. Er ist akustischer Müll, eine besondere Form von Stress…Er ruiniert die Kultur und lässt auch die elementarsten Voraussetzungen aller höheren Kultur – von Religion, Kunst, und Philosophie – absterben…Alles Große wächst in der Stille“.   

Gerd-Klaus Kaltenbrunners Reflektionen in einer Glosse anfangs der 1980er Jahre über die „Todsünde Lärm“ könnten als Vorboten für jene Zeit der selbstgewählten Zurückgezogenheit in seinen späteren Jahren gesehen werden, die ihn eine „erfüllte Stille“ finden ließen.

Die Schriftstellerin und Lyrikerin Magdalena S. Gmehling enthüllt uns  –  ein Jahr nach seinem Tod (1939-2011)  –  in ihren Erinnerungen die Lebensarbeit dieses ungemein belesenen, außergewöhnlichen Denkers und Gelehrten von internationaler Bedeutung, die uns in ihrem Umfang gänzlich überdimensional erscheint und nur erahnen lässt, mit welcher Antriebskraft seine Werke entstanden sind.

Ihre in acht Kapitel aufgeteilte Schilderung der persönlichen Begegnungen im beschaulich malerischen Schwarzwaldstädtchen Kandern, das dem in Wien Geborenen zur Wahlheimat geworden ist, die Zitate aus seinen Werken und aus dem jahrelangen regen Briefwechsel fesseln und vermitteln einen unmittelbaren lebendigen Bezug zu diesem wortgewaltigen Essayisten, wobei Stil und Klang der Sprache jenen Kaltenbrunners auf eine originelle und kongeniale Weise nahekommt.

Ein Begriff, der sich prägend mit Gerd-Klaus Kaltenbrunner verbindet, ist der des Konservatismus als geistig-politische Strömung. Historisch geht der Konservatismus davon aus, dass es eine göttliche Ordnung gibt, deren Grundzüge sich im Naturrecht ausdrücken.

Dieser Geistesrichtung sah sich Kaltenbrunner in der Auseinandersetzung um die kulturrevolutionären Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Kirche der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verpflichtet.

Mit seinen beiden Sammelwerken „Rekonstruktion des Konservatismus“ (1972) und „Konservatismus international“ (1973), sowie dem Buch „Der schwierige Konservatismus – Definitionen-Theorien-Portraits (1975), ebenso mit seinen 75 Bänden im Taschenbuch-Magazin der Herderbücherei Initiative (1974-1988) vermochte er, inmitten der Turbulenzen des Kulturkampfes, dem zum Schimpfwort verkommenden Etikett „konservativ“ eine intellektuelle Rehabilitierung im modernen europäischen Konservatismus zu verschaffen.

Zu den politischen Veröffentlichungen der 1980er Jahre gehören u. a. „Elite  – Erziehung für den Ernstfall“ (1984, Neuauflage Edition Antaios 2008) und „Was ist Deutsch? – Die Unvermeidlichkeit, eine Nation zu sein“ (MUT-Verlag 1988).

Konservativ – bleibend – bewahrend bedeutet für Kaltenbrunner kein nostalgischer Blick zurück. In „Wege der Weltbewahrung – Sieben konservative Gedankengänge“ (MUT-Verlag 1985) beschreibt er sich selbst als einen „evolutionären Traditionalisten oder  –  umgekehrt  –  traditionsbewussten Evolutionisten österreichischer Herkunft auf deutscher, auf europäischer Grundlage“, daher klingt manches, was er in seinen Werken festgehalten hat, revolutionär, für nicht wenige anstößig.

Kaltenbrunner  –  mit namhaften Preisen ausgezeichnet, darunter 1986 mit dem Konrad-Adenauer-Preis für Literatur  – begriff Europa nicht als eine Konstruktion des Staatenbundes der EU, dessen Bedeutung sich am Bruttoinlandprodukt und am „größten gemeinsamen Markt“ orientiert.

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Für ihn war der kleinste Kontinent die geistige Grundlage unseres Planeten, im Bewusstsein, dass Europa nicht nur vom Christentum geprägt wurde, sondern erst durch das Christentum entstanden ist. Mit seinen ideengeschichtlichen, biographischen Essays hat er diesem Europa ein Denkmal gesetzt.

„Ich bin immer wieder darauf aus, Ehrenrettungen in die Wege zu leiten; allmählich entwickle ich mich zum Anwalt einer ganzen Schar von verschollenen oder verdrängten Geistern“, schrieb er im August 1981 in einem Brief an Max Thürkauf, selbst Mitautor in zwei der Initiativ-Bände.

Diese „Geister“ fasste er mit erzählerischer Brillanz als monumentale Essay-Anthologie in zwei Trilogien zusammen unter den Titeln „Europa – Seine geistigen Quellen in Portraits aus zwei Jahrtausenden“ (Glock & Lutz) und „Vom Geist Europas(MUT-Verlag).

Europa, das wird bei der Lektüre dieser biographischen Sammlung abendländischer Repräsentanten augenscheinlich, ist größer als die in Brüssel vertretenen Länder im Ringen um adäquate „Rettungsschirme“. Wir spüren darin die weltgeschichtliche Größe des alten Kontinents, der uns immer mehr zu entschwinden droht.

Wie sehr „konservativ“ dem Zeitgeist diametral gegenübersteht, zeigt die Autorin im Kapitel „Wir sind Hierarchisten“ anhand eines kritischen – nach dem heutigen Sprachgebrauch einem politisch nicht korrekten – Essay, den Kaltenbrunner ihr im April 1995 als Manuskript schenkte. „Keine namhafte Publikation“ schien sich dafür zu interessieren.

Durch ein persönliches Bekehrungserlebnis in seinem katholischen Glauben neu gefestigt, erkannte dieser universelle Denker und Mystiker immer klarer die „bestürzenden Folgen der progressiven Entchristlichung Deutschlands“, wozu das „Totschweigen, die gnadenlose Austilgung und Bannung weiter Bereiche des europäischen Geistes, insbesondere des katholischen Geistes“ gehören.

Auch hier wie in seinen Europa-Bänden nennt er eine Fülle vergessener „einst hochberühmter und vielgelesener“ Namen von Theologen, Philosophen, Wissenschaftler und Autoren, die zu „Unpersonen“ geworden sind, so als hätten „sie nie gelebt, geforscht und geschaffen.“

Mit Hugo Ball teilte er jedoch die Auffassung, dass es nur eine Macht gibt, „die der auflösenden Tradition gewachsen ist: den Katholizismus“, aber nur jener, „…der die Interessen verachtet, der den Satan kennt und die Rechte verteidigt, koste es, was es wolle.“

Die Erosion des abendländischen Geisteslebens, sein drohender Zerfall, die Verwirrung in der Kirche einhergehend mit der bedrückenden Tatsache der Entwürdigung des Menschenbildes durch neue Ideologien waren für den nach dem Wesentlichen Strebenden ein Leiden, das er nur mit dem „Mysterium des Schweigens“ glaubte noch ertragen zu können.

Sein Rückzug in das Refugium der  –  wie Frau Gmehling es beschreibt  –  „geistesgeschichtlich-literarisch-religionshistorischen Fülle seiner herrlichen Bibliothek“, umgeben von kleinen Hausaltären aus vorkonziliarer Zeit, in die Stille seiner „Eigenkirche“, der kleinen St. Anna-Kapelle, am Ende des Gartens, gab vielen seiner Leser Anlass zu Fragen. Doch, so seine Antwort, alles, was er noch zu sagen habe, stehe in seinen Büchern.

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Zwei Bände entstanden noch, beide Publikationen der Grauen Edition, sie besiegelten sein an Universalität und meisterhaften Ideen so reiches Werk: „Johannes ist sein Name“ – Priesterkönig-Gralshüter-Traumgestalt, (1993), das die geschichtlichen wie auch transzendenten Ursprünge der Legende vom Priesterkönig Johannes behandelt und  sein opus magnum „Dionysius vom Areopag  – Das Unergründliche, die Engel und das Eine“ (1996), mit dem er aus heutiger Sicht das Unmögliche erstrebt: die Wiederherstellung einer geistigen, einer philosophischen und einer theologisch-mystischen Tradition.

Wenn ein Mensch alles erfüllt hat, wozu er von Gott berufen wurde, dann holt er ihn zu sich, so die sinngemäße Aussage der hl. Hildegard. Die Stunde der Heimholung schlug für den Mann in seiner Eremitage am 12. April 2011.

Der Tod überraschte ihn  –  jedoch nicht unvorbereitet. Der „Schatten des Todes“ war ihm ein vertrauter Begleiter, von dem er sich nun in das vollendete Schweigen führen ließ: „Gelassen, dankbar und im Frieden.“

Pfarrer Georg Alois Oblinger, Gesprächspartner und priesterlicher Freund der letzten Jahre, hielt anlässlich der Trauerfeier in der Hilariuskirche in Sitzenkirch-Kandern eine beeindruckende, von seinen eigenen Erlebnissen mit dem Heimgegangenen geprägte Predigt. Sie wurde als Epilog in diese einfühlsamen und sprachlich so feinsinnigen „Erinnerungen“ aufgenommen.

Was Gerd-Klaus Kaltenbrunner uns hinterlassen hat, behält seinen Platz in der Weltgeschichte. Eine Generation von Nachdenklichen wird eines Tages auf die Suche gehen und seine luziden Geistesblitze wieder neu entdecken – vorausgesetzt „der Lärm der Lebenden übertönt nicht das Flüstern der Toten.“

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