Fulda: Bischof Algermissen betont kirchliche Positionen zu Ehe und Familie

PREDIGT von Bischof Heinz Josef Algermissen zur Eröffnung des Kongresses „Freude am Glauben“ am Freitag, den 31. Juli 2015, im Fuldaer Dom

Biblische Bezugstexte: Lesung: 1 Joh 4, 9-16, Evangelium: Mk 10, 1-12

In den letzten Jahren sind die katholischen Positionen zu Ehe und Familie verstärkt in eine kontroverse gesellschaftliche Diskussion geraten. Oft tauchen dabei polemisch geprägte Argumente auf, die in zunehmend aggressivem Ton vorgebracht werden. Foto Leupolt - Bistum Fulda

Als Stichwort nenne ich eine Ideologie, die der Wirklichkeit und der Integrität der menschlichen Natur völlig entgegensteht: das sogenannte „Gender-Mainstreaming“. Laut dieser Ideologie kann der Mensch je nach eigenem Belieben definieren, ob er Mann oder Frau ist, und er kann auch seine sexuelle Ausrichtung frei wählen.

BILD: Bischof Heinz Josef Algermissen (Foto: Leupolt/Bistum Fulda)

Bis vor einiger Zeit dachte ich, ein solch absurder Ansatz würde sich bald selbst überholen und entlarven. Offensichtlich ist dem nicht so, ich habe mich getäuscht.

Die Gender-Strategen unter den Politikern lassen nicht locker, wollen den substanziellen Geschlechterunterschied auflösen. Das christlich-jüdische Werte- und Menschenbild wird dadurch auf dramatische Weise bedroht. Wer dagegen aufbegehrt, wird als „Reaktionär“ bezeichnet.

„Gefährdung der sakramentalen Ehe und christlichen Familie“

Angesichts der Gefährdung, der in solcher gesellschaftlicher Großwetterlage die sakramentale Ehe und die christliche Familie ausgesetzt sind, halte ich es für dringend und notwendig, dass sich unser Kongress 2015 mit diesem Thema beschäftigt, um Stellung zu beziehen und die Fundamente eines katholischen Verständnisses von Ehe und Familie in positiver Weise neu zu verdeutlichen. b (8) - Kopie

Und das umso dringender, als sich die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 9. Mai dieses Jahres für die kirchliche Lehre über Ehe und Familie als destruktiv erwiesen hat, obgleich sie vorgibt, „zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen“ zu wollen.

Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, die Grundprinzipien zu beachten, die ich in den Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola kennengelernt habe, dessen Fest wir heute feiern: nämlich die Schwächen und Schatten ehrlich feststellen und die „Unterscheidung der Geister“ erreichen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Am 22. November 1981 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein bedeutendes Apostolisches Lehrschreiben „Familiaris Consortio – Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“.

Die Lage der Familien sei, so schrieb der Hl. Vater damals, von „Licht und Schatten“ gekennzeichnet, sie weise positive und negative Aspekte auf. „Die einen sind Zeichen für das in der Welt wirksame Heil in Christus, die anderen für die Ablehnung, mit der der Mensch der Liebe Gottes begegnet“ (Nr. 6).Radio Vatikan

Wer in der Rezeption der theologischen Grundaussagen von „Familiaris Consortio“ von vornherein einen Gegensatz von theologischer Idealvorstellung und konkreter Lebenswirklichkeit hineindeutet, wie häufig geschehen, konstruiert damit einen Widerspruch, der zwangsläufig in argumentative Sackgassen führt, weil nämlich dann nicht nur ein Ideal gegen die Realität ausgespielt, sondern als theoretischer Überbau und Projektion abqualifiziert wird.

„Ehe und Familie sind in der Schöpfungsordnung Gottes angelegt“

Eine Auflösung dieser Gegensätze gelingt nur, wenn man die theologischen Aussagen des Lehrschreibens als umfassende heilsgeschichtliche Argumentation begreift, in welcher Ehe und Familie bereits in der Schöpfungsinitiative Gottes angelegt sind, im Erlösungswerk Jesu ihre definitive Bedeutung erhalten und im Leben von Kirche und Welt eine konstitutive Aufgabe einnehmen.

Papst Benedikt XVI. erweitert in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ die heilsgeschichtliche Perspektive um einen interessanten Aspekt, wenn er hervorhebt:

„Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt; die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe“.BILD0289

Nur im Kontext dieses profunden Ansatzes können wir einstimmen in das Wort Jesu im Markus-Evangelium (10, 9): „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ und ist zu verstehen, was der erste Johannesbrief meint: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (4, 16).

Getragen von dieser bleibenden, vorbehaltlosen Verbundenheit erbringen Familien heute vielfältige Leistungen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte. Eltern verzichten auf Einkommen und Freizeit, um ihren Kindern eine optimale Betreuung und Erziehung zukommen zu lassen. Sie begleiten ihre Kinder unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Einschränkungen durch Schule und Berufsausbildung.

Eheleute stehen einander in Krisensituationen bei, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie gehen dabei mitunter bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, nicht selten sogar darüber hinaus.

„Familien gebührt Dank und Anerkennung“

Unsere Gesellschaft nimmt diesen Einsatz für den anderen wie selbstverständlich hin. Er ist aber nicht selbstverständlich. Und deshalb gebührt den Familien Dank und Anerkennung durch Kirche und Gesellschaft.

In der heutigen Zeit verbreiten die Familien also viel Licht. jesus in der synagoge von nazareth

Aber auch die Schattenseiten sind unübersehbar. Ich denke an die deutlichen Fiebersymptome einer kranken Gesellschaft: Verwahrloste Elternhäuser, überforderte Mütter und Väter, Kinderarmut. Und die Tatsache macht mir große Sorgen, dass die Form des Zusammenlebens der Eltern zunehmend vergleichgültigt und dem liberalen Zeitgeist der Gesellschaft geopfert wurde.

Für die katholische Kirche bilden hingegen grundsätzlich Ehe und Familie eine unauflösliche Einheit. Die rein funktional verstandene Definition von Partnerschaft, wonach Familie überall da wäre, wo Kinder sind, ist eine schlimme Umbeugung des Familienbegriffs.

In der intakten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Ehe finden Kinder den Ort, an dem sie zu gefestigten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen können.

Zwar kann und darf die Kirche ihre Augen nicht angesichts der besonderen Belastungen verschließen, die Getrenntlebende und Alleinerziehende zu bewältigen haben.

Den Stellenwert der Ehe nicht in Frage stellen

Mit Nachdruck haben die letzten Päpste dazu aufgefordert, den Geschiedenen und Wiederverheirateten in ihrer Lebens- und Glaubenssituation beizustehen und sie am Leben der Gemeinde zu beteiligen. Aber das darf nicht dazu führen, den Stellenwert der in Freiheit auf Dauer geschlossenen Ehe zu relativieren oder gar in Frage zu stellen. BILD0235

Ein weiterer Grund zur Sorge ist die Tatsache, dass sich viele junge Menschen bewusst gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Sie sehen in der Elternschaft nicht mehr die höchste Sinnerfüllung ihres Lebens. Andere Werte wie der Wunsch nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit treten gleichrangig hinzu.

In der Gesellschaft sind es vor allem die Schwierigkeiten, Familie und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, die junge Menschen davon abhalten, eine Familie zu gründen. Viele Ältere stehen dem verständnislos gegenüber, da sie doch selbst unter wesentlich schwierigeren Bedingungen und weitgehend ohne staatliche Hilfen Familien gegründet und Kinder erzogen haben.

Die auf die Ehe gegründete Familie würdigen

Aber wir alle müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Belastungen, die Familien tragen, heute andere sind als früher. Auf diese veränderte Situation müssen wir antworten.

Es ist Aufgabe unserer Kirchengemeinden, junge Menschen unterstützend zu begleiten, damit sie sich in der Lage sehen, den vorhandenen Kinderwunsch tatsächlich zu realisieren. Dabei muss aber stets die auf die Ehe gegründete Familie im Zentrum unserer Bemühungen stehen.  Scannen0006 - Kopie

Die Familien sind die Keimzelle jeder Gesellschaft, und damit auch der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Nur in einer Familie, in der der Glaube einen festen Stellenwert hat, können junge Menschen in einem gefestigten Glauben heranwachsen, ihn leben und später selbst weitergeben.

Die Erziehung zu Glaube und Gebet hat Papst Johannes Paul II. als eine „priesterliche Aufgabe“ bezeichnet, zu der die Familie berufen ist (Familiaris Consortio Nr. 55).

Ehe und Familie gehören zu den kostbarsten Gütern der Menschheit. Es ist unsere Aufgabe, dieses hohe Gut im christlichen Verständnis zu leben, weiterzugeben und sich für dessen Erhalt mit allem Nachdruck einzusetzen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Auf diesem Hintergrund und im Spiegel einer sich mehr und mehr in Formlosigkeit auflösenden Gesellschaft bin ich so dankbar für die Sammlungsbewegung des „Forums deutscher Katholiken“, in der sich glaubenstreue Frauen und Männer aus verschiedenen Generationen zusammengeschlossen haben, denen die Verbindung zu Jesus Christus und seiner Kirche Quelle zur Hoffnung und Freude ist. Was wir in dieser konfusen Zeit brauchen, sind tief Überzeugte. Denn nur sie können andere überzeugen.

Bitte helfen Sie mit, dass wir das kostbare Gut glaubenstreuer Ehen und Familien nicht verlieren. Dazu möge uns dieser Kongress einen kräftigen Impuls und Gottes Segen geben! Amen.

Der Abdruck dieser Predigt erfolgt mit freundlicher Genehmigung der bischöflichen Pressestelle in Fulda

 


Mathias von Gersdorff über die verhängnisvolle Utopie des Genderismus

In dem folgenden Interview mit der liberal-konservativen Webseite „Freie Welt“ äußert sich unser langjähriger Autor, der katholische Publizist Mathias von Gersdorff (siehe Foto) über den Genderismus. Zunächst warnt er davor, dem bisweilen wohlklingenden Etikettenschwindel dieser Ideologie auf den Leim zu gehen: 0653a-bildungsplan-demo-1-2-1448b12b252812529

Aufgrund der Proteste gegen die Bildungspläne in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern ist glücklicherweise einer größeren Anzahl von Menschen inzwischen bekannt, dass die „Gender-Ideologie“ überhaupt existiert.

Doch immer noch wenige wissen, worum es da überhaupt geht. Das wird von den Befürwortern von „Gender“ ausgenutzt, um eine verharmlosende Version zu verbreiten.

Oft sagen sie, es ginge bloß um „Gleichstellung“ bzw. Gleichberechtigung der Frauen bzw. darum, Gewalt gegen Homosexuelle, Transsexuelle usw. vorzubeugen. Doch das ist Augenwischerei: In Wahrheit wird versucht, durch die Einführung einer radikalen Ideologie eine Gesellschaftsrevolution durchzuführen.

Auf die Frage „Übertreiben Sie nicht etwas?“ antwortet der Leiter der Frankfurter Initiative „Kinder in Gefahr“ folgendermaßen:

Gender geht davon aus, dass die Geschlechter Mann und Frau gesellschaftliche bzw. kulturelle „Konstrukte“ sind. Diese vermeintlichen Konstruktionen sollen demontiert werden. Die Genderisten – ich nenne die mal so – verwenden dafür das Wort „Dekonstruktion“. Das ist harter Tobak, aber eigentlich geht diese „Dekonstruktion“ noch viel tiefer, denn „Gender“ stellt in Frage, dass es überhaupt so was wie „Identität“ gibt. Weil sie die Existenz einer individuellen Identität ablehnen, verneinen sie auch die Geschlechtsidentitäten Mann und Frau.

Die Genderisten postulieren das nicht bloß in theoretischen Büchern, sondern gehen mit großem Tatendrang daran, ihre Ideologie der Gesellschaft überzustülpen, auch über den Weg der Schulen – siehe Bildungspläne. Aus diesem Grund ist es nicht übertrieben, von einer „Revolution“ zu sprechen.Gender-Buch

Dazu hat der Autor auch ein Buch mit dem Titel „Gender – was steckt dahinter“ verfaßt, das soeben erschienen ist:

Der Verlag „Media Maria“ will mit diesem Buch eine Reihe von Publikationen zu aktuellen Themen beginnen, die sich an das allgemeine Publikum wendet. Ich habe deshalb versucht, klar und deutlich das Thema zu beschreiben.

Tatsächlich ist Gender eine wirre Ideologie. Wissenschaftlich lassen sich ihre Thesen nicht begründen. Im Grunde ist Gender blanker Fanatismus und deshalb werden die Kritiker dieser Doktrin nicht selten mit Hetze und Verleumdung bekämpf. Eine Diskussion über das Thema, was in einer Demokratie normal wäre, findet kaum statt.

Das „Gender Mainstreaming“ – in etwa die praktische Implementierung der Gender-Ideologie – wurde überall per Dekret eingeführt, parlamentarische Debatten fanden nicht statt.

Zu der Frage „Wie kam es dann in letzter Zeit zu den scharfen öffentlichen Auseinandersetzungen?“ erläutert Mathias v. Gersdorff:

Solange Gender an Universitäten behandelt oder in staatlichen Behörden angewendet wurde, führte das Thema kaum zu hitzigen Debatten. Doch als klar wurde, dass man im Rahmen von staatlichen Projekten wie dem „Bildungsplan 2015“ die Kinder in den Schulen ab dem ersten Grundschuljahr – und manchmal auch schon in den Kindergärten – indoktrinieren wollte, regte sich der natürliche Instinkt der Eltern. 20140501 Demo für Alle Banner WordPress

In Baden-Württemberg kommt es nicht zur Ruhe, nachdem die Absichten der grün-roten Landesregierung unter der Führung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann bekannt wurden.

Ende 2013 startete der Realschullehrer Gabriel Stängle eine Petition gegen die Einführung dieses Bildungsplans, die über 192.000 Unterschriften sammeln konnte. Außerdem finden regelmäßig Straßendemonstrationen unter dem Namen „Demo für Alle“ statt sowie Postkartenaktionen, Unterschriftensammlungen usw.

Weitere Frage: „Wer steckt dahinter, wer ist an der Durchsetzung von „Gender“ interessiert? Woher kommt diese Denkrichtung?“

Das sind verschiedene Interessengruppen. Im Falle der Bildungspläne ist nachgewiesen, dass die entsprechenden Stellen von LSBTIQ-Lobbygruppen erarbeitet wurden. Ansonsten gibt es eine verwirrend große Zahl von Organisationen, die diese Agenda vorantreiben. „Gender“ ist sozusagen das jüngste Fabrikat der Emanzipationsbewegungen vom Ende der 1960er Jahre – Stichwort 1968er. 20f88-demo1-03

Somit befinden sich die ideologischen Wurzeln von Gender im Marxismus, in den Doktrinen der 1968er, vor allem Marcuse, im radikalen Feminismus und in der sog. Queer-Theorie, dessen bekannteste Vertreterin die Sprachwissenschaftlerin Judith Butler ist.

Alle diese Doktrinen haben zwei gemeinsame Merkmale: Sie sind radikal egalitär und vertreten eine äußerst pessimistische Sicht des Menschen und der Kultur. Deshalb akzeptiert der Genderismus den Menschen nicht, wie er ist, als Mann und Frau, sondern fühlt das Bedürfnis, ein ganz anderes, aus einer utopistischen Phantasie hervorgebrachtes Menschenbild in der Gesellschaft durchsetzen zu müssen. Gender hat durchaus etwas Totalitäres an sich.

Manche fragen sich jedoch angesichts dieser utopischen Ideologie: „Kann es aber nicht sein, dass Gender so schnell wieder verschwindet, wie es gekommen?“

Die Anstrengungen, die unternommen werden, um Gender durchzusetzen, sind gewaltig. Und die Methoden geradezu diktatorisch, wie ich schon angemerkt habe. Aus diesem Grunde wird man die Durchsetzung von Gender nur verhindern können, wenn man die Menschen aufklärt, was da auf sie zukommt.

Würde die Mehrheit der Menschen wissen, worum es da wirklich geht, wäre die Implementierung von Gender nicht möglich. Deshalb bin ich der Meinung, wir müssen große Aufklärungsarbeit leisten und uns in den Projekten einsetzen, die gegen diese Implementierung Widerstand leisten.

Ich erlaube mir, meine Aktion „Kinder in Gefahr“ der „Dt. Vereinigung für eine christliche Kultur“ zu nennen, die Postkartenaktionen und Unterschriftensammlungen organisiert – sowie die „Demo für Alle“, ein Aktionsbündnis unter Führung der Freifrau Hedwig von Beverfoerde, das regelmäßig Straßendemonstrationen in Stuttgart und in anderen Städten organisiert.

BUCH-Infos: Mathias von Gersdorff beschreibt in der Neuerscheinung „Gender – was steckt dahinter?“ die Hintergründe und Entstehung dieser Ideologie in verständlicher Weise und führt kompetent in die Materie ein. Erläutert werden die Auswirkungen aus Sicht der Kinder, der Eltern, der Gesellschaft. – Verlag Media Maria, 128 Seiten, gebunden, 14,95 €, ISBN 978-3-9454011-4-9


Hirtenwort von Bischof Gregor M. Hanke (Eichstätt) zum Advent 2014 im Wortlaut

Liebe Schwestern und Brüder!bildma1

Vorfreude auf die Geburt
Ein Ehepaar, das ein Kind erwartet, bereitet sich auf das Ereignis vor. Die schwangere Frau nimmt auf ärztliche Empfehlungen so mancherlei Verzicht auf sich. Die Kliniktasche steht lange vor dem Entbindungstermin griffbereit gepackt. Es ist die Freude, die alles leitet. Auch Verwandte und Freunde sind voller Erwartung.

Mit dem ersten Advent am nächsten Sonntag beginnt auch für uns die Zeit dieser freudigen Erwartung. Dann bereiten wir uns auf das Fest der Geburt des Herrn vor. Gott wird Mensch in Jesus Christus!

Menschwerdung Gottes ist bleibende Einladung
Die Menschwerdung Gottes ist nicht einfach Vergangenheit, sondern bleibende Einladung Gottes an uns hier und heute, seinen Weg der Menschwerdung einzuschlagen. Das Zweite Vatikanische Konzil erklärt in der Konstitution über die Kirche in der Welt die Bedeutung der Menschwerdung des Gottessohnes für unser Menschsein:  011_7A

Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt. (…) Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf.(1)

Menschsein als Personsein in der Krise
Der Blick auf den Mensch gewordenen Gottessohn und seinen Weg als Mensch tut not für den Weg meiner Menschwerdung. Es scheint, als sei sich der Mensch von heute selbst zur Frage geworden, als sei die Anerkennung des Menschen als Person mit Würde in die Krise geraten.

Weltweite Krise der Menschseins
Trotz Fortschritt, Wissensmehrung und eines global gewachsenen Bewusstseins der Zusammengehörigkeit der Menschheit wird die Menschenwürde in vielen Bereichen der Welt mit Füßen getreten. Ökonomische und machtpolitische Interessen oder auch eine fanatisierte Religion werden sich zum Selbstzweck. Der Mensch in seiner Würde bleibt auf der Strecke. baby_hand_abtreibg_cdl11_a4357ad790

Wir erleben dies gegenwärtig dramatisch an den Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, Minderheiten sind bedroht. Denken wir vor allem an Syrien und den Irak, wo gerade unsere christlichen Schwestern und Brüder Bedrängnisse bis hin zur Verfolgung erleiden.

Doch auch in unserer Umgebung zeigt sich die Krise des Menschseins:

Krise der Menschenwürde: Debatte um den assistierten Suizid
Wir stehen mitten in der Debatte um den assistierten Suizid. Hier wird mit den Ängsten vor unerträglichen Schmerzen, der finanziellen Belastung der Angehörigen und der Einsamkeit argumentiert, um letztlich die Beihilfe zum Selbstmord zu legalisieren.

Auch wer „religiös unmusikalisch“ ist und daher die in der Gottebenbildlichkeit wurzelnde Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens nicht mehr nachzuvollziehen vermag, kann die darin liegende Gefahr erkennen. Die gesetzliche Erlaubnis einer Tötung auf Verlangen könnte dazu führen, dass kranke Menschen subtil oder offen dazu gedrängt werden, endlich sterben zu wollen.

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: E. Gründler

Diese Tendenz ist bereits jetzt deutlich erkennbar, wenn immer unverblümter darauf hingewiesen wird, wie hoch die Kosten für die Pflege Sterbender sind. In Wirklichkeit ist die Palliativmedizin mittlerweile schon so weit fortgeschritten, dass sie auf die vorhandenen Ängste reagieren kann, ohne Beihilfe zum Suizid zu leisten: Auch in schweren Fällen können die Ärzte ein Sterben ohne Schmerzen gewährleisten.(2)

Identitätskrise des Menschen: Theorie des Genderismus
Auch auf einem zweiten Feld zeigt sich die Krise des Menschseins. Die Ideen des Genderismus stellen sich gegen unser biblisch-christliches Menschenbild. Dieses Theoriegebäude postuliert, Mann und Frau seien in allen Lebensbereichen auswechselbar. Es seien primär Erziehung und kulturelle Bedingungen, welche die Geschlechterrollen von Mann und Frau prägen. Diese gelte es als kulturelle Klischees zu überwinden.

Unter dem sanft klingenden Begriff Geschlechtervielfalt verbreiten manche, es gebe überhaupt kein objektives Geschlecht als Mann und Frau. Stattdessen propagieren sie eine Geschlechtervielfalt mit weiteren geschlechtlichen Identitäten. Der Einzelne könne sich sein Geschlecht selbst auswählen.BILD0222

Diese Sicht auf den Menschen verwundert in einer Zeit, in der sich viele für die Bewahrung der Schöpfung engagieren. Sie übernehmen die Anwaltschaft für den Erhalt des ökologischen Gleichgewichtes, was nur zu begrüßen ist. Denn sie sind überzeugt, dass die in der Schöpfung vorgegebene Ordnungsstruktur dem Wohle dient.

Hingegen herrscht bei vielen in der Gesellschaft Desorientierung und Verwirrung, wenn es um die Natur des Menschen und die Bedeutung der menschlichen Person geht.

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau
Am Beginn der Heiligen Schrift lesen wir: Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (…) Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Es war sehr gut. (Gen 1, 27.31)

Lassen wir uns als Getaufte in unserem Zeugnis für das Menschsein nicht entmutigen. Machen wir uns Gottes Wort und die Wegbegleitung der Kirche zu eigen. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat uns als kostbares Vermächtnis die Botschaft von der Schönheit des Menschseins hinterlassen, das der Schöpfer als Mannsein und Frausein gewollt hat.DSC05485

In seinen als „Theologie des Leibes“ bekanntgewordenen Katechesen deutet er die Schöpfungsordnung als Ausdruck der Liebe des Schöpfers, denn der Mensch ist um seiner selbst willen von Gott gewollt und geliebt.

Die leibliche Unterschiedlichkeit offenbart bereits, dass Mann und Frau aufeinander verwiesen sind. Diese gegenseitige Verwiesenheit wiederum lässt erkennen, dass wir zum Menschsein in Fülle die Gemeinschaft mit einem personalen Gegenüber benötigen. Die höchste Form dieser personalen Gemeinschaft ist die gegenseitige Hingabe, das wechselseitige Sich-Verschenken von Mann und Frau im Liebesbund der Ehe.(3)

Die gegenseitige Hingabe ist gleichzeitig natürlich auch ein wechselseitiges Empfangen und Annehmen des anderen. Wenn der jeweilige Partner dabei um seiner selbst willen angenommen wird, dann findet er sich selbst durch seine Hingabe. Aus dieser Selbstfindung heraus ist er wiederum in der Lage, sich selbst erneut und tiefer zu verschenken: Die Selbsthingabe wird zur neuen Quelle des Gebens.(4)

Von der Krippe strahlt das Licht des wahren Menschseins
Liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten rührt auch heute viele Menschen an. Der tiefste Grund liegt doch darin, weil Gott in der Menschwerdung des Sohnes diese Ordnung der Liebe bestätigt und erneuert hat. Von der Krippe und aus dem Leben Jesu strahlt das Licht des wahren Menschseins. Offensichtlich spüren das selbst noch viele, die nicht mehr tief in der religiösen Praxis verwurzelt sind.DSC_0062

Lassen wir uns von Christus einladen auf seinen Weg der Menschwerdung, um selbst Mensch zu werden. Wir Getaufte können so dafür Zeugnis geben, wie erfüllend der Weg der Menschwerdung nach Gottes Schöpfungsordnung und im Geiste Jesu ist.

Begegnung als Schlüssel zu Menschwerdung
Der Schlüssel zu unserer eigenen Menschwerdung liegt in der Begegnung. Erst im Du des Gegenübers erkenne ich mich selbst und kann zu dem Menschen werden, der Gottes Plan von mir entspricht. In der Reaktion des anderen spiegelt sich sozusagen mein Ich, das ich sonst nicht zu sehen vermag. Deswegen kommt es wesentlich auf die Begegnung an.

Drei Ausformungen der menschlichen Begegnung können auf unserem Weg zur Menschwerdung eine besondere Rolle spielen. In gewisser Weise können sie auch als Antwort auf die oben skizzierten drei Symptome der Krise des Personseins verstanden werden.

Menschwerdung in der Gastfreundschaft
Schon das Gespräch mit Familienmitgliedern und Freunden, für das ich mir Zeit nehme, ist eine solche Begegnung, die zur Formung meines Ichs, zu meiner eigenen Menschwerdung beitragen kann. header_buch

Aufgrund der Wechselseitigkeit der Begegnung gilt dasselbe natürlich für den, der mir begegnet. Dort, wo wir Gastfreundschaft üben und den Fremden in christlicher Nächstenliebe aufnehmen, kommt ein zusätzlicher Aspekt hinzu. In der Begegnung mit dem Fremden können mir Elemente offenbar werden, die im Austausch mit mir schon bekannten Menschen verborgen bleiben. Die Gastfreundschaft etwa gegenüber Flüchtlingen als Schritt der eigenen Menschwerdung kann so auch eine erste Antwort auf die Unmenschlichkeit in der Welt sein, die sich in Verfolgung und Unterdrückung äußert.

Menschwerdung in der Freundschaft
Eine zweite Weise der personalen Begegnung ist die Freundschaft. Das wesentliche Merkmal der Freundschaft als menschlicher Begegnung ist die personale Bindung an ein Du.

Gerade die Freundschaft mit Christus gibt uns die Kraft für eine solche tiefe personale Verbundenheit. In der Freundschaft lernen wir, uns selbst zu überschreiten und über unser Drängen nach Selbstverwirklichung hinauszugehen. Die Annahme des Freundes um seiner selbst willen macht den Kern der Freundschaft aus. Echte und dauerhafte Freundschaften sind auch ein Heilmittel gegen den Wunsch nach legalem Suizid, der im Grunde ja nichts anderes als ein Ruf der Verzweiflung ist.

Menschwerdung in der Ehe
IMG_1468 - KopieDie gegenseitige Annahme des anderen um seiner selbst willen findet seine höchste Ausformung in der gelingenden Ehe.

Die personale Bindung der Freundschaft findet sich in der Ehe zwischen Mann und Frau noch einmal exklusiv auf einen einzigen Partner hin ausgerichtet. Durch ihre wechselseitige Hingabe und gleichzeitige Annahme des anderen um seiner selbst willen fördern sich die Partner in ihrer Selbstfindung und Menschwerdung.

Die Ehepartner, die in gegenseitiger Liebe und Hingabe leben, stärken sich nicht nur gegenseitig, sondern geben in der umsichgreifenden Identitätskrise des Menschen zugleich auch denen Orientierung, die noch auf der Suche sind nach dem Menschsein in Fülle.

Sie alle, die Sie als Weggemeinschaften zur Krippe hin unterwegs sind, als Familie, Freundeskreise, Gemeinschaften, Pfarreien und Verbände, segne der Dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Eichstätt, am Gedenktag der hl. Elisabeth von Thüringen, dem 19. November 2014

Ihr Gregor Maria Hanke OSB
Bischof von Eichstätt


(1) Gaudium et spes 22.
(2) Vgl. Gisela Klinkhammer, Mit großer Sorgfalt und klinischer Erfahrung, in: Deutsches Ärzteblatt 111 (38) , 19. September 2014, 1552f.
(3) Vgl. Theology of the Body (TOB) 14,4; zitiert nach: Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Eine Theologie des Leibes (herausgegeben v. Norbert und Renate Martin), 2. überarbeitete Auflage Kisslegg 2008, 161.
(4) Vgl. TOB 17,6.

Quelle: http://www.bistum-eichstaett.de/bischof/wortlaut/hirtenwort-adventsszeit-2014/


Papst: Als Christen machen wir uns den „Blickwinkel Gottes“ zu eigen!

Ja zum christlichen Menschenbild, Nein zu neuen Ideologien  –  das war der Tenor einer großen Rede des Papstes am heutigen Samstag. Im Vatikan empfing er die Vollversammlung des Päpstlichen Hilfswerks Cor Unum (siehe Foto). – Der Pontifex erklärte in seiner Ansprache:

„Der Glaube an das Evangelium gibt der Caritas eine typisch christliche Form  –  sie wird zum Unterscheidungsmerkmal des Christlichen. Ein Christ, der im karitativen Bereich tätig ist, muss sich an den Prinzipien des Glaubens orientieren, wir machen uns durch sie den Blickwinkel Gottes zu eigen. Diesen neuen Blick auf die Welt und auf den Menschen bietet der Glaube.“ 1_0_657103

Nur so ließen sich auch Verirrungen im Bereich Caritas und Entwicklungshilfe korrigieren, führte der Papst aus. Zu allen Zeiten sei der Mensch „Opfer kultureller Versuchungen geworden, die ihn letztlich zum Sklaven gemacht haben“:

„In den letzten Jahrhunderten haben sich die Ideologien, die den Kult der Nation, der Rasse oder der sozialen Klasse pflegten, als wahre Götzendienste erwiesen  – und dasselbe läßt sich vom wilden Kapitalismus mit seinem Kult des Profits sagen, aus dem sich Krisen, Ungleichheit und Elend ergeben haben.

Zu den Schatten, die heute den Heilsplan Gottes verdunkeln, zähle ich vor allem die tragische Verkürzung des Menschenbildes, die den alten, hedonistischen Materialismus wiederbelebt. Zu ihm gesellt sich ein technologischer Prometheismus.“

(Prometheus war in der griechischen Sage jener Titan, der den Göttern das Feuer raubte, um es den Menschen zu bringen.)

Leben ohne Gott endet in „dramatischer Einsamkeit“

Das Schlimmste sei, dass dieses gottlose Menschenbild de facto dazu führe, dass sich der Mensch absolut setze. Das sei „eine radikale Verneinung der Geschöpflichkeit und Kindschaft des Menschen“ und könne nur in „dramatischer Einsamkeit“ enden, so Benedikt XVI.; er fügte hinzu:

„Die Hirten der Kirche haben die Pflicht, nicht nur die Katholiken, sondern alle Menschen guten Willens und gesunder Vernunft vor diesen Verirrungen zu warnen! Es handelt sich nämlich um eine negative Verirrung des Menschen, selbst wenn sie sich mit guten Gefühlen tarnt und das Banner des angeblichen Fortschritts, angeblicher Rechte oder eines vorgeblichen Humanismus schwenkt.

Mit Sicherheit müssen wir eine kritische Kontrolle walten lassen und manchmal Geldmittel und Zusammenarbeit auch verweigern, wenn sie  –  direkt oder indirekt  –  Taten oder Projekte fördern, die dem christlichen Menschenbild widersprechen.“

Der Kirche gehe es um ein Ja zum Menschen, so der Papst, jedoch dem Heilsplan Gottes entsprechend, „um seine ganze Würde, um den Respekt sowohl seiner natürlichen wie seiner übernatürlichen Dimension“.

Zugleich betonte das Oberhaupt der katholischen Kirche, daß gerade der Gottesglaube die Menschenwürde begründe   – und daß vor allem die „Ehe zwischen Mann und Frau“ zur guten Schöpfungsordnung Gottes gehört:

JA zum Menschen   –  JA zur Ehe zwischen Mann und Frau

„Das christliche Bild vom Menschen ist ein großes Ja zur Würde der Person, die zur intimen Gemeinschaft mit Gott gerufen ist, einer familiären, vertrauensvollen Gemeinschaft.

Das menschliche Wesen ist nicht auf sich selbst gestellt und geht auch nicht anonym in der Masse auf, sondern es ist einmalige und unwiederholbare Person.

Darum betont die Kirche auch ihr großes Ja zur Würde und Schönheit der Ehe als Ausdruck eines treuen und fruchtbringenden Bundes zwischen Mann und Frau. Ihr Nein zur „Gender“-Philosophie rührt von der Tatsache her, dass die Gegenseitigkeit des Männlichen und des Weiblichen Ausdruck der Schönheit der Natur ist, wie der Schöpfer sie gewollt hat.“

Quelle (Text/Foto): Radio Vatikan