Anmerkungen zu vielfältigen charismatischen „Aufbrüchen“ in der Kirchengeschichte

Von Felizitas Küble

In schwarmgeistigen Bewegungen stehen seit jeher „Zeichen und Wunder“ im Mittelpunkt, außergewöhnliche Phänomene spielen  eine große Rolle. Vergessen wir hierbei nicht, wie kritisch Christus über die vielen Leute aus dem Volke sprach, die ohne „Zeichen und Wunder“ nicht glauben wollten. Auch zum Apostel Thomas sagte er: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ – Und der Völkermissionar Paulus erklärte: „Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen.“ 

2. Christus selbst wurde vom Satan in der Wüste mit der „charismatischen“ Versuchung konfrontiert: ER sollte ein aufsehenerregendes Schauwunder liefern und sich von der hohen Zinne des Tempels stürzen, ohne Schaden zu nehmen. Da hätten die Leute aber gestaunt ohne Ende! ER hätte seine mühsame Verkündigung mit dieser einzigen Tat gleich anfangs abkürzen oder fast ganz einsparen können, weil ein solches tolles Schauwunder mehr „zieht“ als tausend Predigten. Aber Christus hat dies von sich gewiesen. Er ging den anstrengenden, den „soliden“ Weg…

3. Die „charismatische Versuchung“ begann schon in den urchristlichen Gemeinden, zumal bei den Korinthern, denen Paulus immer wieder die Leviten liest und zu mehr Nüchternheit im Glauben anhält, die sich aber für besonders „geisterleuchtet“ halten. Ihnen gilt das bekannte Wort in 1 Kor 13, wonach das, was bleibt, keineswegs die besonderen „Geistesgaben“ bzw. wunderbaren Fähigkeiten sind, sondern „Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei, am größten aber ist die Liebe.“ – Im Leben des Christen sind diese drei göttlichen Tugenden entscheidend, nicht etwa Wundertaten oder außergewöhnliche „Charismen“. Das ist die Quintessenz von 1 Kor 13.

4. Bereits im 2. Jahrhundert verstärkte sich die Charismatische Versuchung in der frühen Christenheit durch das Auftreten schwarmgeistiger Strömungen, insbesondere der Montanisten mit ihrem „Propheten“ Montanus, der sich für eine Art Inkarnation des Hl. Geistes hielt – und seinen zwei ebenfalls „charismatischen“ Visionärinnen Prica und Maximilla im Gefolge. Das Dreierteam hat schon für ihre Zeit die Wiederkunft Christi angekündigt. Obwohl das Ereignis nicht eintraf, konnten sich montanistische Gemeinden noch jahrhundertelang halten.

5. Eine Mischung aus Gnosis und Charismatik vertraten dann im Hochmittelalter die Katharer, auch Albigenser genannt; sie lehnten die kirchlichen Sakramente ab und pflegten stattdessen ihr eigenes Super-Sakrament, das sog. Consolamentum, eine Art Geist-Taufe durch (angebl.) sprituell hochstehende Erleuchtete… Die Katharer waren strenge Asketen, was viele Menschen angesichts der damaligen Verweltlichung vieler Kirchenvertreter beeindruckte, doch sie lehnten die Ehe und vor allem die Zeugung von Nachkommenschaft ab, weil sie den Leib als Gefängnis der Seele ansahen und dualistisch-manichäische Vorstellungen pflegten.

6. Im Spätmittelalter gab es auch innerhalb der katholischen Kirche schwarmgeistige Gruppen, besonders jene, die sich den Endzeit-Thesen des Joachim von Fiore anschlossen, jenes italienischen Abtes, der ein kommendes großartiges „Reich des Hl. Geistes“ ankündigte – und zwar vor der Wiederkunft Christi. Dies entspricht im wesentlichen der in der heutigen charismatischen Bewegung weitverbreiteten Vorstellung von einer künftigen, bald anbrechenden weltweiten Erweckung mit vielen Zeichen und Wundern, einem „zweiten Pfingsten“ etc…
Die Kirche hat Fiores Vorstellungen zurückgewiesen, nicht zuletzt aufgrund der biblischen Aussagen, wonach der Wiederkunft Christi keineswegs ein weltweiter Glaubensaufbruch vorausgeht, sondern das genaue Gegenteil, hat Christus doch selbst die vielsagende Frage gestellt: „Wenn ich wiederkomme, werde ich noch Glauben finden auf Erden?“

7. Die heutige „Charismatische Erneuerung“ geht wurzelhaft aus der protestantischen Pfingstbewegung hervor und zeitigt dieselben Phänomene (z.B. Fixierung auf „Heilungen“, innere und äußere, auf „Befreiungsdienst“, allgemein auf Zeichen und Wunder, auf Zungenreden, Hammersegen bzw. sog. „Ruhen im Geist“, Weissagungen usw.).

8. Die charismatische Versuchung betraf durch die Jahrtausende hindurch und auch in der Gegenwart nicht oder nur selten das „liberale Lager“, sondern natürlich das konservative, glaubensstrenge, das „fromme Spektrum“.

Man kann eben sowohl links wie rechts vom Pferd fallen: am linken Straßengraben befindet sich der theologische Modernismus, das „zu wenig“ an Glauben – am rechten Straßengraben das „zu viel“ an Glauben: das überzogene Asketentum, die Erscheinungssucht, die Wundersucht, der Charismatismus, jede Form der Schwarmgeisterei bzw. die religiöse Verstiegenheit und die Suche und vielfach die Sucht nach MEHR (allein schon der Name MEHR-Konferenz spricht hier Bände!).

Ein „Mehr“ an Nachfolge Christi, an guten Werken, an konsequenter Einhaltung der Gebote Gottes, an täglicher Glaubenstreue und-so-weiter benötigen wir alle – aber hüten wir uns vor der „charismatischen Versuchung“, die schon im „Schauen“ leben möchte, obwohl wir laut Paulus hier auf Erden noch im Glauben leben und uns in diesem bewähren sollen.

Tatsächlich ist genau dies der entscheidende Gedanke: Es führt kein Weg am Kreuz vorbei! – Doch die Charismatik besteht weitgehend in einem Halleluja-Christentum, sie will den Triumph ohne das Kreuz, sie schleicht sich am Kreuzweg vorbei und wähnt sich dabei im „dritten“ oder gar im „siebten“ Himmel beim glorreichen Christus bzw. den außerordentlichen Geistesgaben. Doch die „Früchte des Geistes“ ergeben sich nicht aus Verstiegenheit und Wundersucht, sondern aus der frei geschenkten göttlichen Gnade und der konsequenten, alltagsfesten Nachfolge Christi.

Was die himmlische Paulus-Erfahrung betrifft, so ist es zudem aufschlußreich, daß der Apostel von seinem Erlebnis erst vierzehn Jahre später berichtet, wie er ausdrücklich einleitend schreibt. Zudem formuliert er zurückhaltend in der dritten Person („ein Mensch in Christus“). Wenn in charismatischen Kreisen jemand glaubt, ein übernatürliches Erlebnis gehabt zu haben, dann erfährt das sofort die versammelte Schar – oder es steht kurz darauf im Internet oder wird in Broschüren verbreitet, genauso wie bei den zahlreichen Visionen und Erscheinungen, Botschaften und „Offenbarungen“, mit denen wir zunehmend überschwemmt werden.

Paulus hätte von seiner Erfahrung wohl nicht berichtet, wenn er es nicht bei den Korinthern mit einer schwarmgeistig gefährdeten Gemeinde zu tun gehabt hätte, die sich zum Teil über Paulus erhaben fühlte, weshalb er sie auch immer wieder zur Nüchternheit ermahnt. Den „Stachel im Fleisch“ und die Nichterhörung seiner Gebete um eine Heilung erwähnt er ebenfalls, um den dortigen Gläubigen zu verdeutlichen, daß wir auf Erden den Himmel nicht vorwegnehmen können und dürfen.

„In der Schwachheit liegt die Kraft“ – doch die enthusiastische Bewegung sucht die „Kraft“ in Zeichen und Wundern, in spektakulären „Geistesgaben“ und – ein beliebtes Wort dort – in „Kraftwirkungen“. Typisch sind auch Ausdrücke wie „Power-Evangelism“, „Feuer-Konferenzen“, MEHR-Konferenzen….

Es handelt sich um eine „Theologie der Herrlichkeit“, in der man schwelgen möchte – kein Kreuzweg, der uns in die tägliche Nachfolge Christi zur Bewährung des Glaubens führt.

Weitere Infos dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/09/07/von-links-bis-rechts-endzeitschwaermerische-traeume-von-einem-goldenen-zeitalter/