Petition pro Pacelli-Allee in Berlin

.

Wir protestieren entschieden gegen den Vorschlag, die Pacelli-Allee in Berlin Dahlem umzubenennen.

Eugenio Pacelli, Apostolischer Nuntius in Berlin von 1925-29 und Papst Pius XII. von 1939 bis 1958 hat schon früh vor Adolf Hitler gewarnt, den er als „nicht vertrauenswürdigen Halunken“ und „abgrundtief bösen Menschen“ bezeichnete und den Nationalsozialismus als „die gefährlichste Irrlehre unserer Zeit“ bezeichnet.

Auch als Papst Pius XI. ihn nach Rom zurückholte und zum Kardinalstaatssekretär ernannte, koordinierte Pacelli „den jüngsten päpstlichen Widerstand gegen verderbliche Rassentheorien“, wie die jüdische „Palestine Post“ am 3. März 1939 vermeldete. In Berlin positionierte er den engagierten Hitler-Gegner Konrad Graf von Preysing als neuen Bischof der Reichshauptstadt und Gegenpol zu den brauen Machthabern.

Nach Kriegsausbruch kollaborierte Pacelli, zwischenzeitlich zum Papst gewählt, mit der deutschen Militäropposition und unterstützte ihren Plan, Hitler zu stürzen und den Krieg zu beenden durch direkte Kontaktaufnahme mit den Briten. Dabei war er auch über das geplante Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 informiert und billigte es als legitimen „Tyrannenmord“, wie deutsche und amerikanische Geheimdienstberichte sowie das Zeugnis des Vermittlers, des deutschen Rechtsanwalts und CSU-Mitbegründers Josef Müller, bestätigen.

Er war gewissermaßen der Pate, „Feldkaplan“ und „Beichtvater“ des deutschen Widerstandes und nach dem Krieg der erste Fürsprecher für ein freies, demokratisches Deutschland in einem Vereinten Europa. Wer also hätte es mehr verdient als Eugenio Pacelli, dass nach ihm in Berlin eine Straße benannt wird?

Daher wehren wir uns gegen die jüngsten linkspopulistischen Forderungen nach einer Umbenennung der Pacelli-Allee in Golda-Meir-Allee.

Golda Meir hat es sicher verdient, dass in Berlin nach ihr eine Straße benannt wird, aber nicht auf Kosten eines Mannes, den sie verehrt und bewundert hat, weil er sich während des Holocaust wie kein anderer hinter den Kulissen für die verfolgten Juden einsetzte.

So erklärte sie anlässlich seines Todes am 9. Oktober 1958:

„Als unser Volk im Jahrzehnt des Naziterrors ein fürchterliches Martyrium erlitt, hat sich die Stimme des Papstes erhoben, um die Henker zu verurteilen und um Mitgefühl für die Opfer zum Ausdruck zu bringen. Unsere Epoche ist durch diese Stimme bereichert worden, die sich im Namen der großen sittlichen Werte über dem Tumult und den täglichen Konflikten erhob.“

FORTSETZUNG und Unterzeichnung der Petition hier: https://www.change.org/p/regierender-b%C3%BCrgermeister-der-stadt-berlin-erhaltung-der-pacelli-allee-in-berlin-dahlem


Der ev. Kirchenhistoriker Wilhelm Rahe und sein aufrechter Gang auch in schwerer Zeit

Von Felizitas Küble

Buch-Daten: Wilhelm Rahe (1896 – 1976), westfälischer Pfarrer und Kirchenhistoriker. Ein Leben für Bekenntnis und Menschlichkeit. Autor: Hans-Wilhelm Rahe. Lit-Verlag Berlin/Münster, Bd. 44, 2019, 96 S., 19.90 EUR, ISBN 978-3-643-14124-8

Diese Monographie beschreibt und beleuchtet Leben und Werk des evangelischen Pfarrers Wilhelm Rahe, der zugleich jahrzehntelang als Lehrbeauftragter für westfälische Kirchengeschichte an der Universität Münster tätig war.

Doch er war nicht nur ein sachkundiger Theologe und pflichteifriger Pastor für seine Gemeinde(n). Für diesen aufrechten Mann war sein Christsein zugleich Auftrag und Bekenntnis in schwerer Zeit, zumal während der nationalsozialistischen Diktatur, wobei seine Sorge und Seelsorge nicht zuletzt den bedrohten Christen jüdischer Herkunft galt.

Der im anspruchsvollen Lit-Verlag (Berlin/Münster) erschienene Band beschreibt auf 63 Seiten das Leben und Wirken des Kirchenhistorikers von 1896 bis 1976. Danach folgen 22 Seiten Abkürzungserklärungen, eine Bibliographie, Literatur über Rahe sowie Bildnachweise. Die jeweiligen Anmerkungen sind als Fußnoten vermerkt.

Verfasser dieser Biographie ist der emeritierte Pfarrer Dr. Hans-Wilhelm Rahe aus Münster, der Sohn des Porträtierten. Mit Recht gibt er seinem Buch den Untertitel: „Ein Leben für Bekenntnis und Menschlichkeit.“

Mit „Bekenntnis“ ist dabei nicht allein die Bejahung lutherischer Bekenntnisschriften gemeint, sondern vielmehr eine Haltung der Bekenntnisfreudigkeit und eine Unerschrockenheit in der Verteidigung des Glaubens auch dann, wenn dies starke Nerven und Mut erfordert. Eben diese charakterliche Tapferkeit hat Rahe vor allem während der NS-Herrschaft unter Beweis gestellt.

Zugleich zeigt sein Wirken – so schreibt der Autor im Vorwort – „wie praktische Gemeindearbeit und historische Forschung miteinander verbunden werden kann“. Der Verfasser bedankt sich bei seiner Frau Dr. med. Marlis Rahe für ihre Mitwirkung am Zustandekommen der Bibliographie.

Der am 14.7.1896 geborene Wilhelm Rahe stammt aus der Gegend Minden-Ravensberg in Ostwestfalen. Sein Vater war auf einem Bauernhof aufgewachsen und wurde Postbeamter; im Elternhaus herrschte keine Not, aber bescheidene Verhältnisse und ein fester Glaube.

BILD: Stammhof der Familie Rahe in Kirchlengern

Doch nach seiner Konfirmation geriet Wilhelm Rahe in innere spirituelle Schwierigkeiten und entwickelte skeptische Neigungen. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zum Wehrdienst, wurde Leutnant und erhielt das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse. War ihm auch der Glaube weitgehend abhandengekommen, so doch nicht die „preußische Disziplin“ und männliche Tapferkeit.

Gleichwohl zeigten ihm die Schützengräben des Ersten Weltkriegs die Schrecken und Tragik des Krieges, so dass er „fast zum Pazifisten“ (S. 5) wurde.

Im Zweiten Weltkrieg ließ er sich nicht mehr zum Militär einziehen. Er wurde im Ersten Weltkrieg verwundet, was ihn Zeit seines Lebens beim Gehen behinderte. Der Abiturient lernte die „innere Not“ vieler Soldatenkameraden kennen und war mit der „ständigen Gefahr des Todes“ (S. 7) konfrontiert, so dass er ganz neu Wert und Wahrheit des Gottesglaubens erkannte.

Im Winter 1918 begann er aus Überzeugung mit dem Theologiestudium in Münster, wobei Martin Niemöller zu seinen Kommilitonen gehörte. Der spätere NS-Gegner teilte zwar mit Rahe die Vorliebe für Kirchengeschichte, war aber damals betont deutschnational eingestellt und „die Studentenverbindung, zu der Niemöller gehörte, war so nationalistisch, dass sie Rahe nicht bei sich aufnahm“ (S.10).

Nach dem 1. Theologischen Examen lernte Rahe 1921 als Synodal-Vikar des Kirchenkreises Hamm zunächst die seelsorgliche Praxis kennen und trat sieben Monate später ins Predigerseminar Soest ein. Direktor war damals kein Geringerer als Otto Zänker, der nicht „nur“ später sein Schwiegervater wurde, sondern auch evangelischer Bischof von Gesamtschlesien, der sich durch seine unbeugsame Haltung in Bekenntnisfragen den Zorn von NS-Instanzen und „Deutschen Christen“ zuzog.

Auch der bekannte „Prediger von Buchenwald“, der Pfarrer und Märtyrer Paul Schneider, gehörte damals zu Rahes Kandidaten-Jahrgang im Soester Seminar, was auch durch ein Gruppenfoto dokumentiert wird (S.11).

BILD aus dem Soester Predigerseminar: Wilhelm Rahe ist zweiter von rechts, Paul Schneider unten rechts.

Bald nach seiner Ordination wurde Rahe 2. Pfarrer der Deutschen Evangelische Gemeinde in Kopenhagen und Malmö und war dort zugleich Lehrer für Deutsch, Geschichte und Religion. „Zu seinen Schülern gehörten u.a. die Kinder des damaligen deutschen Botschafters in Kopenhagen, Ernst v. Weizsäcker, darunter Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident“ (S. 13).

Am 27. Juli 1926 promovierte Rahe in Theologie und wurde bald danach Pfarrer in Bönen-Altenbögge, einer Bergarbeitergemeinde, die ihm ans Herz wuchs. Doch das dortige Klima vertrug er nicht. Deshalb kehrte er schon nach zwei Jahren in seine Heimatregion zurück. Von der Mariengemeinde in die 1. Pfarrstelle gewählt, blieb er dort zwanzig Jahre.

1929 heiratete er Ilse Zänker, die älteste Tochter des bereits erwähnten Bischofs Otto Zänker. Die Ehe wurde mit fünf Kindern und gemeinsamer Einsatzfreude für die Gemeinde gesegnet. 1946 erhielt er an der Ev.-Theol. Fakultät der Universität Münster einen Lehrauftrag für Westfälische Kirchengeschichte, „der ihm 1935 von der NSDAP vorenthalten worden war“ (S. 17).

Kampf zwischen Bekennender Kirche (BK) und Deutschen Christen (DC)

Während manche evangelische Pastoren sich anfänglich von der NS-Propaganda beeindrucken ließen und erst später zur Bekennenden Kirche (BK) oder zum ebenfalls NS-kritischen Pfarrernotbund fanden, stand Rahe von Anfang an in Opposition zur NSDAP.

Als entschiedener Anhänger der BK geriet er schon früh in Konflikt mit dem Regime. 1935 wurde ihm ein Lehrauftrag für Westfälische Kirchengeschichte in Münster verweigert, denn er war kein Pg (Parteigenosse), weshalb ihm ein Mitglied der Deutschen Christen (DC) vorgezogen wurde. Sodann wurde Pfarrer Rahe der weitere Hebräisch-Unterricht am staatlichen Gymnasium in Minden untersagt. Außerdem schreibt der Verfasser: „Bis 1940 brachte er als Schriftleiter das Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte heraus, was ihm danach von der Partei unmöglich gemacht wurde (S.20).

An führender Stelle der Bekennenden Kirche stand D. Karl Koch, bis 1933 deutschnationaler Landtags- und Reichstagsabgeordneter.

BILD: Haus-Eingang von Präses Koch, führender Mann der Bekennenden Kirche

Von 1934 bis 1936 war er Präses sämtlicher Bekenntnissynoden in Westfalen, Preußen und im Reich. Nach dem Krieg nahm er an den Beratungen zum Grundgesetz teil. Auf Kochs Bitte hin beteiligte sich  Rahe von 1935 bis 1939 an den theologischen Prüfungen der BK, die von Staats wegen verboten wurden und daher oft an wechselnden Orten im Geheimen stattfanden, vielfach auf der Flucht vor der Gestapo.

Rahe vermied zwar „unbedachte provozierende Äußerungen auf der Kanzel“ (S.22), um sich nicht leichtfertig ins KZ zu bringen, blieb aber standhaft bei grundsätzlichen Entscheidungen und Amtshandlungen, etwa indem er besondere Fürbittengottesdienste für verhaftete oder strafversetzte BK-Pfarrer durchführte: „Durch die Gestapo in Bielefeld wurde Rahe am 8. März 1938 „das besondere Läuten für Pfarrer Niemöller-Dahlem untersagt“ (ebd).

Das Register der gegen ihn verhängten Strafmaßnahmen von Staat, Partei und Gestapo wurde immer länger: „Hausdurchsuchungen, ca. 20 Vernehmungen und Verwarnungen durch die Gestapo oder durch Sondergerichte, staatsanwaltliche und gerichtliche Verfahren, eine Polizeihaft – und das alles wegen seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche“ (S.23/24).

BILD: Die evang. Marienkirche in Minden mit Pfarrhaus

In Minden, zumal in seiner Mariengemeinde, standen sämtliche Amtsbrüder auf Seiten der BK, so dass Rahe die nötige Rückendeckung erhielt. Auch das Presbyterium von St. Marien war bekenntnisbewegt, von zwei Ausnahmen abgesehen, wobei diese beiden radikalen DC-Anhänger sogar vor Denunziationen bei Polizei und Gestapo nicht zurückscheuten.

Partei, SS und DC-Protestanten empörten sich darüber, dass sich Rahe auch der Christen jüdischer Herkunft annahm, Taufen und Beerdigungen durchführte oder sie in die Gemeinde aufnahm. Jakobine Schweickhardt, eine getaufte Jüdin, musste er 1944 gezwungenermaßen zwischen russischen Soldaten bestatten. Insgesamt lässt sich festhalten: „Rahe suchte Christen jüdischer Herkunft möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit zu betreuen“ (S.25).

Verweigerung der Marienkirche für eine DC-Hochzeit

Die „Causa Bentz“ hielt die Stadt Minden sowie die weitere Umgebung fast ein Jahr lang – von Oktober 1937 bis Sommer 1938 – in Atem. Es ging darum, dass Melitta Bentz, „Erfinderin des gleichnamigen Kaffeefilters und Inhaberin der Melitta-Werke“ (S. 26), für ihre Tochter Hertha eine Hochzeit in der Marienkirche erbat, die aber durch den Bielefelder DC-Pfarrer Friedrich Buschtöns erfolgen sollte (der bereits für die widerrechtliche Ausweisung von zwei BK-Pfarrern gesorgt hatte). Die einflussreiche und finanzstarke Firmenchefin wünschte Rahe aus politischen Gründen nicht als Traupfarrer.

Rahe erlaubte zwar die Trauung durch einen auswärtigen Pastor, verwies hinsichtlich einer Freigabe der Marienkirche an sein Presbyterium. Dieses billigte das von Rahe erteilte Dimissoriale, verweigerte aber die Marienkirche für die Bentz-Hochzeit und verwies auf andere Räumlichkeiten wie z.B. die Aula der Mittelschule. Dieser Beschluss war der Startschuss für einen Dauerkonflikt zwischen den bekenntnistreuen Pfarrern und Presbyterien in Minden auf der einen Seite und dem NS-Staat auf der anderen, wobei sich das Konsistorium in Münster – die oberste evangelisch-kirchliche Verwaltungsbehörde für die Provinz Westfalen – auch in dieser Hinsicht als Gegner der Bekennenden Kirche erwies, zumal sie personell stark von „Deutschen Christen“ besetzt war.

Die Trauung der Bentz-Tochter mit dem Braunschweiger Kaufmann Eberhard Zillmer fand zwar am vorgesehenen Termin des 15. Oktober 1936 in der Marienkirche statt, allerdings nur durch massiven Einsatz von Staatsbeamten und Polizei, denn das Presbyterium hatte die Öffnung der Kirche verweigert, für das Brautpaar waren keine Stühle aufgestellt, die Schlüssel für die Orgel wurden nicht herausgerückt. „Auch weigerte sich der Küster so lange, die Kerzen auf dem Altar anzuzünden, bis ihm die Durchführung vom anwesenden Kriminalkommissar befohlen wurde“ (S.30).

Diese aufsehenerregende Hochzeit, an der 700 Personen teilnahmen (darunter die Belegschaft der Firma Bentz), führte zu verschärften Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Bekennender Kirche in Minden. Die evangelischen Pfarrer und Presbyterien der Stadt unterzeichneten gemeinsam eine Kanzelabkündigung, in der sie beklagten, die „Marienkirche sei zum ersten Mal in ihrer Geschichte durch die Polizei gewaltsam geöffnet worden“ (S.30). Man habe sie dem Brautpaar nicht zur Verfügung gestellt, weil man sich „für eine schrift- und bekenntnisgemäße Verkündigung des Evangeliums verantwortlich“ wisse. Die Deutschen Christen ständen aber „nicht auf dem Boden von Schrift und Bekenntnis“ (ebd.).

Der einflussreiche Oberregierungsrat Karl Wentz war vor 1933 Führer der Liberalen im Ravensberger Land, ab 1933 leitete er die westfälischen Deutschen Christen. Gegenüber dem Regierungspräsidenten von Westfalen beschwerte er sich brieflich über die „widerspenstigen Elemente“, womit Pastoren und Presbyterium der Mindener Mariengemeinde gemeint waren (S.32). Als Rahe am 8. Dezember 1937 von Gestapobeamten verhört wurde, setzte sich ein ebenfalls festgenommener Amtsbruder energisch für ihn ein und erklärte, wenn Rahe nicht aus der U-Haft entlassen werde, würde es „in der Mariengemeinde einen Aufstand geben. Auf diese Drohung hin wurde Rahe freigelassen“ (S.35).

So entschieden der bekenntnistreue Pfarrer und seine Frau in der Sache waren, so freundlich zugleich im Umgang mit Menschen, auch mit Gegnern: Die Firmenchefin Melitta Bentz wurde 1945 von Engländern aus ihrem Haus vertrieben. Wie es der „Zufall“ wollte, fand sie in genau demselben Hause Zuflucht wie Familie Rahe nach ihrer Ausbombung, nur ein Stockwerk höher: „Es entspann sich dort zwischen ihr und Familie Rahe ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis mit dieser liebenswürdigen Dame. So sangen die vier älteren Rahekinder mehrfach dreistimmig zu ihrem Geburtstag“ (Fußnote S. 37).

Zweiter Weltkrieg: Überlastung und Bombardierungen

Als der 2. Weltkrieg näher rückte, lehnte Rahe aus Überzeugung einen erneuten Militärdienst ab, wobei er sich dem staatlichen Drängen durch Verweis auf seine Verwundung im Ersten Weltkrieg entziehen konnte. Da die meisten Pfarrer in die Wehrmacht eingezogen wurden, blieb er zusammen mit dem schwer kriegsbeschädigten Amtsbruder Martin Lohmann in Minden zurück, was die beiden Geistlichen ständig überbeanspruchte: „Wegen der Tiefflieger begann er mit den Beerdigungen schon am frühen Morgen“ (S.39).

Im Bereich der Mariengemeinde kamen bei Luftangriffen ab Dezember 1943 hunderte Menschen ums Leben, darunter Mütter mit kleinen Kindern. Als die alliierten Bombardierungen immer schlimmer wurden, blieb er selber bei seiner Gemeinde in Minden, brachte aber seine Familie auf dem Lande in Sicherheit.

Er schrieb seinen Kindern am 5.12.1944 einen bewegenden Abschiedsbrief, worin es heißt, man müsse mit allem rechnen, „auch damit, dass ich vielleicht bald abgerufen werde“. Er bat seine Kinder, der Mutter zu helfen, ihr das Herz nicht schwer zu machen „und sucht Menschen zu werden, auf die man sich in jeder Hinsicht verlassen kann, weil sie von Herzen an den Herrn Jesus glauben“. – Er beendet seine Zeilen damit, dass er „auch in der Ewigkeit Euer gedenken wird und Euch stets mit seinen Gebeten begleitet“ (S. 41).Einen Tag später wurde sein Pfarrhaus von einer Bombe getroffen.

BILD: Das zerstörte Pfarrhaus in Minden

Rahe, seine Frau, die im Pfarrhaus nach dem Rechten sehen wollte, und eine Haushaltshilfe wurden unter den Trümmern verschüttet. Ein Gemeindeamtsleiter im Nachbarhaus rief eilig Soldaten herbei, denen es gelang, alle drei Personen lebend zu befreien. Rahes Frau ging zu ihren Kindern aufs Land, er selber erlebte einen erneuten Luftangriff und kam schließlich bei seinem Amtsbruder Lohmann unter.

Nach Kriegsende kümmerte Rahe sich um seine eigene große Familie, zudem Schwiegereltern, Schwägerin und Schwager, denen er Unterkünfte besorgte. Seine Frau schaffte für diese 13 Personen mit Radfahrten zu Bauern das Nötigste an Lebensmitteln herbei.

Entnazifizierung auf Abwegen

Die „Entnazifizierung“ durch die britische Militärregierung mag grundsätzlich berechtigt gewesen sein, traf aber nicht selten die Falschen – so auch im Fall Rahe. Wegen geringer Spenden an den Opferring der SS zu Beginn der NS-Zeit, die Rahe als Jugendpfarrer des Kirchenkreises Minden nur deshalb einzahlte, um den Kontakt zu den Jugendlichen des CVJM nicht zu verlieren, zog die britische Militärverwaltung ausgerechnet bei diesem unbeugsamen Nazi-Gegner im Frühjahr 1946 alle denkbaren Register: Entzug des Lehrauftrags an der Uni Münster, komplette Sperrung seines Vermögens und sogar Suspendierung vom Pfarramt.

BILD: An der Universität in Münster (in der linken Seite des Schlosses) lehrte Prof. Rahe Westfälische Kirchengeschichte 

Alle 28 Pfarrer des Kirchenkreises Minden, die Kirchenleitung der EKvW (Evangelischen Kirche von Westfalen) und natürlich sein Marien-Presbyterium protestierten gegen diese absurden Maßnahmen. Auch die Ev.-Theol. Fakultät der Universität Münster beschwerte sich empört bei der Militärregierung. Die Eingaben mussten monatelang wiederholt werden, bis die Besatzer ihre Strafen schrittweise zurücknahmen, zuletzt am 3. Dezember 1946 durch die Gestattung seines Lehrauftrags.

Ein halbes Jahr später wurde Rahe zum „geistlichen Landeskirchenrat“ ernannt und von Minden nach Bielefeld berufen. Das neue Amt war kein Zuckerschlecken: „Rahe selbst musste wegen der großen Wohnungsnot anfangs in seinem Dienstzimmer nächtigen“ (S.47). Seine Familie war dreieinhalb Jahre von ihm getrennt, er konnte sie nur am Wochenende besuchen. Als Landeskirchenrat war er zuständig für viele Kirchenkreise, die Äußere Mission, die Frauenhilfe und für das Archiv- und Bibliothekswesen, wobei er vieles am Nullpunkt aufbaute. Seine Gesundheit, die im Krieg durch eine Diphtherie mit schwerem Herzschaden stark gelitten hatte, wurde durch das Übermaß an Arbeit noch weiter strapaziert.

Dazu kam seine Tätigkeit als Lehrbeauftragter und Honorar-Professor an der Universität Münster, sein 32 Jahre andauernder Vorsitz des Vereins für Westfälische Kirchengeschichte samt Herausgabe von dessen Jahrbücher (von 1941 bis 1945 verboten) sowie seine Leitung der Westfälischen Missionskonferenz von 1961 bis 1966. Das „Institut für Westfälische Kirchengeschichte“ wurde wesentlich von ihm aufgebaut. Als  Dozent wie als Kirchengeschichts-Forscher war er trotz seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung noch weit über seinen Ruhestand hinaus aktiv. Er zog von Bielefeld nach Münster, um seinen Lehrauftrag fortzuführen. Kein Wunder, dass er von vielen „als Verkörperung der westfälischen Kirchengeschichte“ angesehen wurde (S.63).

BILD: Grabstein von Prof. Wilhelm Rahe und seiner Frau Ilse in Bethel

Der aufrechte Gelehrte, der charakterstark seiner Überzeugung und seinem Gewissen folgte, starb am 16. Oktober 1976. Sein Sohn und zwei Schwiegersöhne waren inzwischen als Pfarrer tätig. Sein Grab und das seiner zwanzig Jahre später verstorbenen Frau befindet sich auf dem Neuen Friedhof in Bethel, wo auch seine Schwiegereltern, Bischof Zänker und dessen Frau, bestattet worden waren.

Das Buch über Leben und Werk dieses bedeutenden Kirchenhistorikers beeindruckt durch Sachlichkeit und Eindringlichkeit zugleich, zudem durch seine kompakte, gehaltvolle Darstellung und die wissenschaftliche Gründlichkeit der Darlegungen.

Die Erstveröffentlichung dieser Rezension erschien zunächst in der katholischen Zeitschrift „Theologischen“ und danach im evangelischen Magazin „Diakrisis“


Heute wird die Kirche von innen gefährdet

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

In der Nazizeit gab es den Reichsbischof Müller, genannt „Reibi“. Er versuchte, die evangelische Kirche an das vorherrschende Regime anzupassen und in eine „Reichskirche“ zu verwandeln.

Diese Reichskirche trug die Forderungen der Nazis mit, z B. die absurden Thesen vom Vorrang der „nordischen Rasse“, den Antisemitismus etc. Dagegen regte sich der Widerstand der „Bekennenden Kirche“.

Die katholische Kirche in Deutschland zeigte sich gegen Anbiederungen an das Regime gefestigter. Nicht jeder Bischof war ein Löwe wie Graf Galen von Münster oder Bischof Graf Preysing von Berlin. Aber die Einbindung in die Universalkirche hat eine Anpassung an die Hitlerdiktatur verhindert.

Es gibt in der Corona-Pandemie Vorwürfe gegen die Kirche und gegen Bischöfe, sie hätten sich gegenüber dem staatlichen Versammlungsverbot in Kirchen zu unterwürfig gezeigt. Dass mit diesem Verbot grundlegende Menschenrechte wie das Gebot der Religionsfreiheit tangiert wird, steht außer Zweifel.

Deswegen ist dieses Verbot ständig zu überprüfen, ob und in welchem Umfang es auch im Vergleich zu anderen Bereichen der Gesellschaft noch gerechtfertigt ist. 

Man kann aber dem säkularen Staat nicht vorhalten, er würde damit versuchen, Glaubensinhalte zu verändern, wie das die Nationalsozialisten versucht haben.

Heute gibt es solche Gefährdungen aus dem Inneren der Kirche. Man denke z.B. an den „Synodalen Weg“. Hier hat eine deutliche Mehrheit beschlossen, auch Glaubenswahrheiten zur Disposition zu stellen und damit dem Druck der „Reformer“ in der Kirche und dem Druck der Medien nachzugeben.

Aber nun auch die fünf Bischöfe, die sich gegen den Beschluss gestemmt haben, in diese Art von „Reibi-Vergleich“ miteinzubeziehen, selbst wenn sie aus Sorge um die Gesundheit der Bevölkerung den staatlichen Vorgaben zunächst zugestimmt haben, ist ungerecht.

Unser Autor leitet den Dachverband „Forum deutscher Katholiken“ und die Monatszeitschrift DER FELS


Fachtagung über den Widerstand gegen die NS-Diktatur im Nordosten Deutschlands

Von Stefan P. Teppert

Im Rahmen der von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ausgerichteten, auf drei Veranstaltungen angelegten Reihe zeitgeschichtlicher Fachtagungen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den historischen deutschen Ostprovinzen und Siedlungsgebieten wurde in diesem Jahr der Widerstand in Ostpreußen,  Westpreußen und Pommern untersucht, nachdem im Vorjahr Schlesien und das Sudetenland behandelt worden sind und im nächsten Jahr die Opposition gegen Hitler im Südosten Europas folgen soll.

Der Tagungsraum im Göttinger Hotel Astoria war gut gefüllt, als der Ehrenvorsitzende des Stiftungsrates Hans-Günther Parplies Referenten und Gäste begrüßte.

Er richtete die Grüße von Christine Czaja aus, der Vize-Vorsitzenden der Kulturstiftung. 

Sie war es, die Idee und Anstoß zu dieser Tagungsreihe gegeben und den ersten Teil der Trilogie persönlich zusammen mit Prof. Karl-Joseph Hummel konzipiert und geleitet hatte, während sie diesmal wegen Krankheit ihres Ehemannes nicht anwesend sein konnte, aber vielfältige Anregungen gegeben hatte.

In den bewährten Händen von Geschäftsführer Dr. Ernst Gierlich lag wieder die organisatorische Durchführung.

BILD: Christine Czaja und Dr. Ernst Gierlich auf einer früheren Tagung der Kulturstiftung

Parplies blickte zurück auf eine noch in den 1950er Jahren missbilligende Haltung eines Drittels der bundesdeutschen Bevölkerung gegenüber der Verschwörung des 20. Juli 1944, eine erst in den 1960er Jahren beginnende Veränderung durch Zeitzeugentagungen, eine dann folgende Öffnung der Widerstandbetrachtung und Erweiterung der Perspektiven in der Zeitgeschichtsforschung.

Neben die Erörterung des politisch-militärischen Widerstands trat nun die Diskussion um einen nach Stufen differenzierten Oppositionsbegriff.

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten mussten in lebhaften Diskussionen zwei unterschiedliche Geschichtsrezeptionen zusammengeführt werden, was zur Begriffsklärung beigetragen habe, etwa zur ethisch-moralischen Einordnung des Hochverratsbegriffs in der Diktatur oder zum „Widerstand“ von Gruppierungen wie der „Roten Kapelle“ als Spionage von deutschen Kommunisten für eine ausländische Macht, nämlich die Sowjetunion, mit der Deutschland sich im Krieg befand.

Das derzeit gebremste öffentliche Interesse am Thema Widerstand werde seiner Bedeutung nicht gerecht, zumal das Umfeld des Attentats von Stauffenberg viel größer und weiter verzweigt war als bisher angenommen.

Die Kulturstiftung wolle mit ihrer Tagungstrilogie zum 75. Jahrestag des missglückten Umsturzes einen zusätzlichen und speziellen Blick auf den beträchtlichen Anteil der historisch ostdeutschen Regionen bei Widerstand und Opposition gegen die Nazi-Diktatur ins Gedächtnis der Nation einbringen, der von der einschlägigen Forschung bisher vernachlässigt wurde und für den es keine öffentliche Instanz gibt.

Zugleich mit der Übernahme der Tagungsleitung stellte Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Gilbert H. Gornig von der Universität Marburg die komplizierte Frage nach der Verantwortbarkeit des  Tyrannenmords, die schon in der Antike bei Sokrates, Platon und Aristoteles gestellt und positiv beantwortet wurde, so auch bei Cicero und anderen Philosophen.

Mit einem klaren Nein jedoch beantworten diese Frage die Religionen, etwa das Christentum und der Islam. Ein Konfliktfeld zwischen Religion und Rechtsordnung tut sich auf. Einerseits beinhalte unser Grundgesetz ein Widerstandsrecht, im Völkerrecht gebe es andererseits ein Gewaltverbot, das allerdings nur auf grenzüberschreitende Angelegenheiten anwendbar wird, wie etwa jüngst beim Einmarsch türkischer Truppen nach Nordsyrien. Dagegen bleibe das Völkerrecht ausgeblendet, wenn ein Volk den eigenen Tyrannen beseitigen möchte.

Nicht selten kommt ein späterer Attentäter aus dem früheren Kreis der Bewunderer Hitlers. Diesen Abtrünnigen ist oft gemeinsam, dass sie nicht aus dem niedrigen Volk stammen, sondern aus den Kreisen des Militärs, des Adels, des gehobenen Bürgertums. So verhielt es sich auch bei Hellmuth Stieff, über den der Trierer Historiker Dr. Horst Mühleisen referieren  wollte, aber wegen Krankheit nicht kommen konnte.

Dr. Ernst Gierlich verlas sein Manuskript. Stieff wurde 1901 im westpreußischen Deutsch-Eylau in ein konservativ-liberales Elternhaus geboren, die Mutter stammte aus einer Juristenfamilie, der Vater schlug eine gehobene militärische Laufbahn ein, was auch mit Ehrgeiz und Erfolg der Sohn tat. Dem „nationalen Aufbruch“ Hitlers brachte Stieff zunächst Wohlgefallen, ja Bewunderung entgegen, hielt ihn für den „Begründer einer neuen, unzweifelhaft epochalen Weltanschauung“. Erste Zweifel kamen Stieff mit der Röhm-Affäre und der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dollfuß 1934, es überwog aber wieder die Zustimmung bis zu den Novemberpogromen 1938.

Aber vor allem seine Reise nach Polen im Rang eines Majors im Generalstab im November 1938, als er „die Ruine Warschau“ und die dortigen Ausschreitungen sah, die sein Rechtsgefühl verletzten, brachte den Wendepunkt in seinem Leben. Immer stärker wurde seine Ablehnung des Regimes, 1941/42 schlug sie in „abgrundtiefen Hass“ um. Obwohl er die Bekämpfung des Bolschewismus befürwortete, lehnte er den Feldzug gegen die Sowjetunion aus militärischen Gründen ab.

Er empfand Trauer und Scham angesichts der Deportation der Juden, fühlte sich mitschuldig an ihrem Schicksal und war bereit, dafür zu sühnen. Gegenüber seinen Mitarbeitern bezeichnete er Hitler als „Totengräber des deutschen Volkes“. Im August 1942 war Stieff sowohl aus fachmännischer Einsicht wie aus seinem moralischen Empfinden zum Widerstand bereit. Er gehörte zum engsten Kreis der Verschwörung des 20. Juli 1944, zögerte und schwankte aber trotz leidenschaftlicher Feindschaft gegen das Regime, lehnte die Ausführung des Anschlags ab, weil er akute Gefahren erkannte.

Nach dem missglückten Attentat hatte er die naive Hoffnung, seine Spuren beseitigen zu können, wurde aber wie sein Freund Graf von Stauffenberg und andere Mitverschwörer verhaftet, von Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet. Noch in der Todeszelle war Stieff zum katholischen Glauben übergetreten.

Über das Thema „Im Umfeld der Wolfsschanze – Ost- und westpreußischer Adel im Widerstand“ sprach Dr. Wieslaw-Roman Gogan, Historiker und Archivar beim Kulturzentrum   Ostpreußen in Ellingen. Er nannte zunächst Zahlen für die Mitverschwörer beim Staatsstreich am 20. Juli 1944. Nach einem SS-Bericht seien es über 7.000 Personen gewesen, die nach dem Attentat verhaftet wurden.

Die Zahl der hingerichteten oder zum Selbstmord gezwungenen Verschwörer belief sich, je nach Quellen, zwischen 4.980 und 5.764 Personen allein im Jahr 1944. Gogan zählte zahlreiche Namen von Verschwörern auf, die aus Grafen-, Freiherren und anderen Adelsfamilien stammten. Prägnante Lebensbilder mit ihrer Familiengeschichte zeichnete er mit illustrierenden Fotos von zwei Adligen aus Ostpreußen und einem aus Westpreußen, die alle drei dem Militär angehörten und im Zentrum des Verschwörerkreises mitwirkten.

Oberleutnant Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort, 1909 in Hannover geboren, gehörte zu den größten Grundbesitzern in Ostpreußen. Im Oktober 1941 wurde er zusammen mit anderen Offizieren Augenzeuge eines Massakers der „SD-Einsatzgruppe“ an 7.000 Juden in Borissow. Dieses Ereignis wurde für ihn zum entscheidenden Anlass, sich dem militärischen Widerstand gegen das NS-Regime aktiv anzuschließen. Nach dem gescheiterten Attentat wurde Lehndorff verhaftet und gefoltert, verurteilt und in Berlin-Plötzensee erhängt.

Generalmajor Heinrich Burggraf und Graf zu Dohna-Schlobitten, 1882 in Waldburg-Capustigall bei Königsberg auf dem Landsitz seiner Vorfahren geboren. Zusammen mit seiner Frau beteiligte er sich von Anfang an aktiv an den Umsturzplänen und stellte sich für die Zeit nach dem Attentat als Landesverweser für Ostpreußen zur Verfügung. Er wurde verhaftet, unter Verlust seines Vermögens und Aberkennung seiner Ehrenrechte verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.

Hauptmann Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, geboren 1902 in Kopenhagen. Als Augenzeuge des Hitler-Putsches hatte Schwerin 1923 seine ersten negativen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten gemacht. Seine aktive Widerstandsarbeit begann er 1938 zusammen mit seinem Freund Peter Graf Yorck v. Wartenburg, er gehörte zuletzt zum engsten Kreis der Verschwörer und teilte ihr Schicksal der Hinrichtung.

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten des zivilen Widerstandes gegen Hitler war der 1884 im westpreußischen Schneidemühl in eine Beamtenfamilie geborene Carl Friedrich Goerdeler.

Barbara Kämpfert aus Minden gab einen Überblick über seinen Lebensweg und suchte seine späteren Beweggründe, einen Staatsstreich herbeizuführen, aus seiner konservativen, preußisch-bürgerlichen Herkunft verständlich zu machen. Als zweiter Bürgermeister von Königsberg und OB in Leipzig erwarb er sich mit effizientem Pragmatismus viel Ansehen, wurde in den Vorstand des Deutschen Städtetags gewählt und war sogar als Nachfolger für Reichskanzler Brüning im Gespräch. Zuerst lehnte er die NSDAP nicht völlig ab, vollzog aber eine Wendung angesichts deren Wirtschafts-, Kirchen- und Rassenpolitik, die er deutlich zu kritisieren wagte.

Mit seiner optimistischen Haltung und seinem Glauben an die Vernunft meinte er, Hitler überzeugen zu können. Zum offenen Bruch kam es, als in Leipzig das Mendelssohn-Bartholdy-Denkmal abgerissen wurde, für Goerdeler eine „Kulturschandtat“, die ihn in den Widerstand trieb. Er legte sein Amt nieder und versuchte auf zahlreichen Reisen als Berater für Bosch die Welt vor Hitlers Absichten zu warnen.

Als treibende und führende Kraft der Opposition drängte zum Umsturz, bei dem Hitler verhaftet werden sollte. Goerdeler glaubte daran, dass die Westalliierten dann den Krieg beenden würden. Ein Attentat lehnte er als Christ ab. Für die Zeit danach arbeitete der Kreis um ihn an einer neuen Gesellschaftsordnung, die autoritär und nationalkonservativ sein sollte und in der er als Reichskanzler vorgesehen war.

Warum Goerdeler schon vor dem 20. Juli 1944 verhaftet wurde, ist nicht klar. Von den Attentats-Plänen der Kreisauer und Stauffenbergs ahnte er wohl nichts. Auf der Flucht hielt er seine Jugenderinnerungen fest, im Gefängnis arbeitete er Pläne über einen europäischen Staatenbund aus, der zunächst Wirtschafts-, dann Verteidigungsgemeinschaft und schließlich politische Union sein sollte, damit es in Europa nie wieder Krieg gäbe. Am 8. September 1944 wurde Goerdeler zum Tode verurteilt, aber erst nach monatelangen Verhören und Folterungen am 2. Februar 1945 hingerichtet, sein Bruder Fritz einen Monat später. Die Referentin stellte abschließend fest, das Bild Goerdelers in der Forschung sei umstritten, ein abgewogenes Urteil stehe noch aus.

Im Collegium Albertinum, wo man sich der Pflege des geistigen Erbes der Universität von Königsberg verpflichtet fühlt, hielt der aus Königsberg stammende und dort lehrende Prof. Dr. Wladimir Gilmanov einen Vortrag über die „Theologie des Widerstandes“, besonders am Beispiel von Peter Graf Yorck von Wartenburg, der im Kreisauer Kreis zusammen mit Moltke, Dohna, Schulenburg, Lehndorff und Schwerin den Tyrannenmord plante, obwohl ihn wegen seiner tiefen Religiosität schwere Skrupel plagten.

Es sei schwer, die theologische Eigenart des Glaubens von Yorck zu identifizieren trotz der Tatsache, dass seine enge Freundschaft mit Moltke auf Paul Tillichs Theologie des „Mutes zum Sein“ hinweisen kann, die vor dem Hintergrund von Schellings „Theologie der Offenbarung“ die Gefahr der Entindividualisierung und Verdinglichung des Menschen zu überwinden sucht.

Kenntnisreich schlug Gilmanov einen großen kulturhistorischen Bogen, um die Ursprünge der Theologie des Widerstandes in der Bibel und ihr Fortwirken in der deutschen und russischen Geistesgeschichte anklingen zu lassen. Die deutsch-russischen Beziehungen haben nach Gilmanov eine schicksalhafte Rolle für die Zukunft Europas, wenn nicht sogar der ganzen Menschheit. Ein tragischer Bruch in der Dynamik der deutschen Geistesgeschichte werde exemplarisch in Goethes Faust-Mythos offenbar. Eine seltsame Doppelheit zeichne das Wesen des Deutschen aus zwischen perfektionistischer Vernunft mit blindem Selbstvernichtungspotenzial und heroischer Auflehnung dagegen bei den Vertretern eines wahren, geheimen und protestierenden Deutschland.

Einleuchtend stellte Gilmanov komplizierte geisteswissenschaftliche Zusammenhänge her, nannte wiederholt Kant und Hamann, aber auch Simon Dach und Karl Marx, Oswald Spengler, Stefan George und Ernst Wiechert sowie die Theologen Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann und Martin Niemöller, auf russischer Seite u. a. F. M. Dostojewski, Leo Tolstoi und Nikolaj Berdjajew.

Die offizielle moderne Geschichtsforschung schließe kategorisch die magisch-okkulte Beeinflussung des Weltgeschehens aus und sei deshalb unfähig, den hermeneutischen Schlüssel etwa zu der Massenmordhysterie bei Hitler und Stalin zu finden. Eine überzeugende Antithese zu Nietzsches „Gott ist tot“, ja einen Beweis für Gottes Allgegenwart sogar inmitten der politischen Hölle sieht Gilmanov im Sieg über die Todesangst bei den deutschen Verschwörern. In theologischem Licht sei der zivile und militärisch-politische Widerstand gegen Hitler auch der christliche Widerstand gegen die widerchristliche Dämonisierung der europäischen Zeitgeschichte.

Prof. Dr. Rainer Bendel, der Leiter des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa in Tübingen, beleuchtete die „Widersetzlichkeit“ des Bischofs von Ermland in Ostpreußen Maximilian Kaller, der 1880 als zweites von acht Kindern in eine Kaufmannsfamilie geboren wurde.

Seine Herkunft aus dem oberschlesischen Katholizismus und der Breslauer Theologie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben Kallers Seelsorgeverständnis geprägt. Als zentraler Promotor der ‚Katholischen Aktion’ in Deutschland begegnet er am häufigsten als der „Seelsorgebischof“. Anfangs scheint er von der braunen Bewegung oder zumindest der völkischen Erneuerung fasziniert gewesen zu sein, es gibt Parallelen in seiner Begrifflichkeit und seinen Bildern zur Diktion der Faschisten.

Doch sobald ihm spätestens ab Januar 1934 der totalitäre Anspruch des Staates und seine Übergriffe deutlich wurden, nahm er in Abgrenzung und Widerspruch der kirchlichen Position von den „Irrlehren“ der Gegenwart den Geisteskampf auf. In Predigten, Kirchenblättern und Hirtenbriefen sowie auf Diözesanwallfahrten ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen, warnte vor der weltanschaulichen Zersetzungstätigkeit des Neuheidentums mit dem Mythus des Blutes und der Rasse und verteidigte den Glauben als das Fundament aller Ordnung auf Erden. Es gelang ihm und seinem Klerus im Ermland, einen Großteil der praktizierenden Katholiken den herrschenden ideologischen Einflüssen zu entziehen.

Zudem setzte sich Kaller für die Seelsorge in polnischer Sprache ein, was ihm eine Beschwerde des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch in Berlin einbrachte. Das Misstrauen der Parteistellen ging bald so weit, dass der Bischof und das Bistum unter besondere Gestapokontrolle gestellt wurden, weil man im Ermland einen Herd des Umsturzes vermutete. Im Jahr 1937 wurde Kallers Hirtenwort zur Fastenzeit beschlagnahmt und die Druckerei der Ermländischen Zeitung enteignet. Es kam zu Verhaftungen und Verurteilungen von Geistlichen und Laien des Bistums. Alle katholischen Vereine wurden verboten.

Seit 1939 lässt sich eine Änderung in Kallers Linie bis hin zu regimeaffinen Äußerungen erkennen. 1946 wurde Kaller von Papst Pius XII. als Päpstlicher Beauftragter für die Seelsorge der vertriebenen Katholiken berufen, starb aber schon im Juli 1947 plötzlich an einem Herzinfarkt in Frankfurt am Main. 2003 wurde der Seligsprechungsprozess für Maximilian Kaller eröffnet.

Der Berliner Kirchenhistoriker Pfarrer Mag. theol. Ulrich Hutter-Wolandt untersuchte unter dem Titel „Zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche“ den Kirchenkampf in der pommerschen Evangelischen Kirche und in der Greifswalder Evangelisch-theologischen Fakultät.

Bereits ab 1932 bestand die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, eine den Nationalsozialisten sehr nahe stehende Gruppierung, die 1933 die Kirchenwahlen in der neu geschaffenen einheitlichen Reichskirche gewannen und in fast allen evangelischen Landeskirchen die Bischöfe stellten. Sie verwarfen das Alte Testament als „jüdisch“. Gegen diese Anschauungen richtete sich dann aber der Protest vieler Kirchenmitglieder.

Im September 1933 rief deshalb Pfarrer Martin Niemöller (Berlin) den gegen die Deutschen Christen gerichteten Pfarrernotbund ins Leben. Das Programm der Deutschen Christen mit ihrem Antijudaismus betrachtete er als Verfälschung der christlichen Lehre. Der Pfarrernotbund wurde zu einer der wichtigsten Wurzeln der Bekennenden Kirche, die sich ab 1934 formierte, sich als „rechtmäßige evangelische Kirche“ in Deutschland verstand und ihren Gehorsam gegenüber Reichsbischof Müller aufkündigte.

In den Folgejahren nahm die Verfolgung der Bekennenden Kirche zu, ihre Anhänger wurden mit Gefängnis bestraft, sie wurden bespitzelt, mussten Strafgeldzahlungen leisten oder wurden ins Sammellager gebracht. Hutter-Wolandt erläuterte an ausgewählten Beispielen den Kirchenkampf in Pommern und die Situation an der Greifswalder Ev. Theologischen Fakultät, die nach 1933 wie viele theologische Fakultäten in Preußen im Sinne des Nationalsozialismus umfunktioniert wurde.

Es gab dort nur wenige Professoren, die dem Nationalsozialismus etwas entgegensetzten: dies waren u. a. der Neutestamentler Ernst Lohmeyer und der Kirchenhistoriker und Systematiker Rudolf Hermann. Zur Sprache kam auch die Beteiligung von Mitgliedern der Fakultät beim Eisenacher Entjudungsinstitut, das 1938 von dem Jenaer Neutestamentler Walter Grundmann gegründet wurde. Hutter-Wolandt resümierte, dass man in Pommern trotz aller kirchenpolitischen Auseinandersetzungen von einem gemäßigten Kirchenkampf sprechen muss – etwa im Gegensatz zur schlesischen Provinzialkirche, in der die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen weit radikaler als in Pommern waren.

Bis heute hat man Mühe, jenen Personen gerecht zu werden, die sich sowohl gegen das bolschewistische als auch gegen das faschistische System engagierten. Zumeist sieht man in ihnen einfach Kollaborateure mit einem der Regime, nicht Gegner zweier Totalitarismen.

Zu diesem Personenkreis gehört der deutsche Schriftsteller Edzard Schaper (1908-1984), der von beiden totalitären Systemen verfolgt wurde. Der Germanist und Philosoph Prof. Dr. Karol Sauerland aus Warschau nahm sich seines Werks und Wirkens an.

Schaper wurde 1936 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, ein Jahr nachdem sein Roman „Die sterbende Kirche“ erschienen war. Der Ausschluss zog allerdings kein Publikationsverbot nach sich. Nachdem Schaper vom System der kommunistischen Vernichtungslager erfahren hatte, verstärkten sich seine antisowjetischen Stellungnahmen. Als die Sowjets 1940 Estland besetzten und Zehntausende Esten nach Sibirien deportierten, entging Schaper der Verhaftung durch Flucht nach Helsinki.

Er hatte für die finnische Spionage gearbeitet und war deshalb von den Sowjets zum Tode verurteilt worden. In der finnischen Hauptstadt arbeitete er als deutscher Auslandskorrespondent und Kriegsberichterstatter über den ab Juni 1941 bis 1944 geführten „Fortsetzungskrieg“ zwischen Finnland und der Sowjetunion. Im Dezember 1944 wurde er vom deutschen Volksgerichtshof in Abwesenheit zum Tode verurteilt, weil man ihn für einen sowjetischen Spion hielt. Schaper scheint das nazifaschistische System weniger durchschaut zu haben als das sowjetische.

Eindeutig stand er aber zwischen den Fronten und musste 1944 zunächst in Schweden untertauchen, um 1947 in die Schweiz überzusiedeln, wo er das Bürgerrecht erhielt. 1951 konvertierte er zur römisch-katholischen Kirche. Das Baltikum und Osteuropa sind häufige Schauplätze seiner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielenden Romane. Sein besonderes Interesse gilt Menschen in Grenzsituationen, kleinen Völkern wie den Esten und Finnen, der russisch-orthodoxen Kirche und den verfolgten Christen, den Einsamen, Flüchtlingen, Verlorenen und Vergessenen.

In der Nachkriegszeit kommentierte er das „Martyrium des Schweigens und der Lüge“ im Kommunismus, so u. a. die Verurteilung des ungarischen Kardinals Mindzenty in einem Schauprozess mit offensichtlich erzwungenen Aussagen. Sauerland ging näher auf die Romane „Der letzte Advent“ und „Hinter den Linien“ ein und schloss mit Überlegungen zum einmaligen Fall des Widerstands in Polen.

In einer Schlussbetrachtung umkreiste Prof. Gornig noch einmal die Frage nach der Zulässigkeit des Tyrannenmords und beantwortete sie für sich selbst positiv, sofern es sich tatsächlich um einen Tyrannen handle, was aber nicht leicht zu definieren sei. Die Tagung habe einen großen Erkenntnisgewinn erbracht, lasse aber auch viele Fragen offen. Thema sei zunächst der Tyrannenmord und im zweiten Teil ein erweiterter Widerstandsbegriff gewesen, bilanzierte Hans-Günther Parplies und merkte abschließend an, dass Widerstand durchaus möglich war und durch eine zahlreiche Minderheit auch erfolgt sei.

Text und Porträtfotos: Stefan P. Teppert


Göttingen: Fachtagung über Widerstand gegen den NS im Nordosten Deutschlands

Unter dem Titel „Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Nordosten – Persönlichkeiten, Konzepte, Schicksale“ veranstaltet die „Kulturstiftung der deutschen Verstriebenen“ in Göttingen eine Tagung am 10. und 11. Oktober 2019.

Voriges Jahr ging es in dieser Reihe zeitgeschichtlicher Seminare um den Widerstand gegen den Natioinalsozialismus in Schlesien und dem Sudetenland.

Diesmal wird der Widerstand in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern untersucht.

Dabei werden die latent oppositionellen Milieus der „Parallelgesellschaften“ des Landadels, der evang. Bekennenden Kirche und der Katholischen Kirche, des Militärs und des preußischen Bürger- und Beamtentums in den Blick genommen.

Anhand von Lebensbildern herausragender Vertreter wird ihre Entwicklung von der Herkunft, dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld sowie dem beruflichen Werdegang zu ihrer Entscheidung in Richtung aktives Widerstandshandeln nachgezeichnet und veranschaulicht.

Für den Widerstand aus dem Militär steht der aus Deutsch-Eylau in Westpreußen stammende Generalmajor Hellmuth Stieff als einer der Hauptbeteiligten  des 20. Juli 1944.

Zu dem Kreis aus dem preußischen Bürger- und Beamtentum gehört Carl Goerdeler, Kopf des zivilen Widerstands in Deutschland. 

Der Beitrag  aus der Katholischen Kirche wird am Beispiel von Maximilian Kaller, dem letzten deutschen Bischof der ostpreußischen Diözese Ermland, dargestellt,

Netzwerke und Einzelpersönlichkeiten des Widerstandes aus protestantischer Wurzel werden am Beispiel der Evangelischen Kirche Pommerns erörtert.

Den besinnlichen Abschluss bildet ein Blick auf den Schriftsteller Edzard Schaper, den Wanderer zwischen Ost und West und Verfolgten unter zwei Diktaturen.

Das genaue Programm finden Sie hier: https://kulturportal-west-ost.eu/wp-content/uploads/Einladung-zg-2019.pdf

Eine Anmeldung zur Tagung ist auch in den nächsten Tagen noch möglich.  – Mail bitte an: kulturstiftung@t-online.de


Münster: Landsmannschaften gedenken der Vertreibung am „Tag der Heimat“

Von Felizitas Küble

Der Kreisverband des BdV (Bund der Vertriebenen) feiert jährlich den „Tag der Heimat“ im Rathaus zu Münster. Auch in diesem Jahr gedachten die Landsmannschaften aus den östlichen Vertreibungsgebieten am heutigen Sonntag (22.9.) ihrer leidvollen Geschichte mit dem Verlust der Heimat.

Millionen Deutsche verloren zudem bei Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten ihr Leben. Vergewaltigung und Gewalt durch sowjetische Truppen waren an der Tagesordnung. Menschenrechte wurden auch nach Kriegsende massenhaft mit Füßen getreten.

Nach der totalitären Diktatur des Nationalsozialismus folgte der kommunistische Totalitarismus, der Mittel- und Osteuropa unterjochte, aber auch den „anderen Teil Deutschlands“, die sogenannte „DDR“.

Der Tag der Heimat begann mit dem in den USA äußerst beliebten Song „Amazing Grace“ (=Unglaubliche Gnade), dem Inhalt nach das christliche Lied eines Bekehrten.

Nach der Begrüßung durch die BdV-Kreisverbandsvorsitzende Roswitha Möller (siehe Foto) wurde gemeinhsam das Ostpreußenlied, das Pommern- und Westpreußenlied gesungen, ebenfalls musikalisch sehr gelungen begleitet von Alexandra Ridder am Akkordeon.

Der CDU-Ratsherr Stefan Leschniok überbrachte den Anwesenden die Grüße der  Stadt Münster.

Die erste Ansprache hielt sodann eine Flüchtlingsfrau aus Afghanistan, Eiham Sayed Hashemi (siehe Foto), die im Jahre 2009 nach Deutschland gelangte und in Münster Zahnmedizin studiert. Die junge Frau veröffentlichte kürzlich im Agenda-Verlag ihr Buch „Mahrokh – Die Frau eines Terroristen“.

Die Teilnahme der Afghanin am „Tag der Heimat“ zeigt zugleich die menschlich-politische Aufgeschlossenheit der deutschen Landsmannschaften im BdV, die einen Patriotismus ohne Nationalismus praktizieren.

Nach der Totenehrung, die stehend vollzogen wurde, sprach die Regierungspräsidentin Dorothee Feller (siehe Foto) vom Regierungsbezirk Münster.

Die Rednerin erinnerte daran, daß die Bundesregierung vor vier Jahren den 20. Juni als Gedenktag für die deutschen Heimatvertriebenen eingerichtet hat.

Sie betonte die Bedeutung der geschichtlichen Erinnerung auch an Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen. Angesichts der Tatsache, daß es immer weniger Angehörige der Erlebnisgeneration gäbe, sei es umso wichtiger, mit ihnen im Gespräch zu bleiben und das Gedenken an die leidvolle Vergangenheit zu bewahren. Dies sei kein Selbstzweck, sondern die Basis, um heutige Herausforderungen zu bewältigen.

Die deutschen Heimatvertriebenen haben, so Frau Feller, einen herausragenden Beitrag für den Aufbau unseres Landes geleistet. Auch bei den Partnerschaften im osteuropäischen Städten sei ihr Beitrag von großer Wichtigkeit. Allein mit Polen gäbe es 105 deutsche Stadtepartnerschaften in Nordrhein-Westfalen.

Es komme darauf an, das kulturelle Erbe aus den Vertreibungsgebieten zu würdigen und zu erhalten. Dies sei nur mit ehrenamtlichen Bürgern möglich. Leider sei vielfach  – nicht ohne Grund – von einem „Kollaps des Ehrenamts“ die Rede. Doch das ehrenamtliche Einsatz schaffe Gemeinschaftsgefühl und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Daher danke sie dem BdV für sein vorbildliches Engegament, sich für Kultur und Erinnerung einzubringen.

Danach folgten das gemeinsame Singen des Liedes der Schlesier, der Oberschlesier und das Heimatlied der Riesengebirgler.

Ein großes Bild neben dem Rednerpult zeigte ein der Versöhnung gewidmetes Denkmal in Breslau mit den Worten „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ in deutscher und polnischer Sprache.

Die letzte Ansprache hielt die Aussiedlerin Emilia Welker (siehe Foto). Die Wolgadeutsche wurde 1941als Kind mit ihrer Familie und hunderttausenden weiteren ansässigen Deutschen in Rußland von sowjetischen Soldaten nach Sibirien verschleppt. Dort erwarteten sie Arbeitslager, Hunger, Kälte und Erschöpfung, was den Tod von zehntausenden ihrer Landsleute zur Folge hatte.

Frau Welker begann mehrfach während ihres Vortrags unwillkürlich zu schluchzen. Es kamen ihr die Tränen, als die Erinnerung an jene Zeit unter kommunistischer Gewaltherrschaft wieder vor ihrem geistigen Auge lebendig wurde.

Diese Rednerin erhielt den längsten und stärksten Beifall aller Anwesenden.

Die Tagung endete mit den Dankesworten von Roswitha Möller und der Nationalhymne.

Danach gingen einige Teilnehmer  – wie jedes Jahr üblich – gemeinsam zum Denkmal der deutschen Heimatvertriebenen am Servati-Platz in Münster.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Ankum: Jüdischer Autor Moisei Boroda erhielt den christlichen August-Benninghaus-Preis

Von Felizitas Küble

Wie bereits im CHRISTLICHEN FORUM berichtet, fand im Ankumer Dom (Bistum Osnabrück) am vergangenen Samstag, dem 20. Juli, eine Gedenkfeier für den Jesuitenpater August Benninghaus statt, der 1942 im KZ Dachau aufgrund von Schikanen und Hunger verstarb.

Nach der Märtyrer-Vesper in der Pfarrkirche St. Nikolaus wurde die Erinnerung an diesen tapferen Priester im Pfarrgemeindehaus fortgeführt, wobei der August-Benninghaus-Kreis eine besondere Ehrung vornahm:

Der jüdische Komponist und Literat Dr. Moisei Boroda erhielt in dieser Feierstunde den August-Benninghaus-Preis überreicht (siehe 1. Foto), weil er sich seit Jahrzehnten für das Andenken christlicher Märtyrer in der NS-Diktatur einsetzt, vor allem für die Würdigung katholischer Priester, die ihr Leben hingaben für Glaube und Gerechtigkeit.

Gründer und Leiter dieses Kreises ist der in Dinklage lebende Künstler und Autor Hermann Rieke-Benninghaus (siehe 2 Foto).

Der katholische Familienvater ist ein Verwandter des Märtyrer-Priesters und engagiert sich gemeinsam mit Angehörigen und Freunden seit langem für die Erinnerung an diesen glaubensstarken Blutzeugen in schwerer Zeit, nicht zuletzt durch seine Buch-Biografien über Pater Benninghaus.

An der Preisverleihung nahmen auch die Frau des Buchautors sowie seine Tochter Theresa und einer der Söhne teil (siehe 3. Foto), zudem die Frau von Dr. Moisei Boroda (siehe außen rechts); außerdem der leitende Pfarrer und ein Pastor des Gemeindeverbunds Ankum sowie weitere Gläubige aus nah und fern.

Familienvater Rieke-Benninghaus begründete seine Preisverleihung nicht zuletzt mit der biblischen Gemeinsamkeit von Juden und Christen durch das Alte Testament.

Zum Zeichen der Solidarität mit Juden – die in letzter Zeit vor allem durch moslemische Migranten vermehrt attackiert werden – setzte er sich die Kippa auf, eine traditionelle jüdische Kopfbedeckung. Dr. Boroda trug eine weiße Kippa und der Preisverleiher eine dunkelblaue (siehe 4. Foto).

Der Redner erinnerte sodann an die befreiende Wahrheit und Wirkung der Zehn Gebote, die mit den Worten beginnen: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat.“

BILD: Felizitas Küble notiert wichtige Äußerungen aus den Ansprachen der Redner (Foto: M. Kaiser-Haas)

Gerade die göttlichen Zehn Gebote des Judentums beleuchten sowohl den Zuspruch Gottes für den Menschen wie auch seinen Anspruch an den Menschen.

Diese Zehn Gebote sind das Grundgesetz des Ewigen und letztlich „Gebote der Freiheit“, denn wer GOTT gehorcht, macht sich unabhängig von Menschen; er befreit sich von Menschenfurcht und falschen Gebundenheiten.

„Der unbegreifliche Gott ermöglicht es dem Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen“, betonte Rieke-Benninghaus. Danach folgte die Urkundenverleihung und die Übergabe eines großen August-Benninghaus-Bildes. Die Preisverleihung wurde von den anwesenden Gästen mit großem Beifall beantwortet.

BILD: Dr. Boroda und seine Frau Sophie (hinten links) unterzeichnen eine Petition des Christoferuswerks für die Einführung eines „Festes der Zehn Gebote“

In seiner frei gehaltenen Ansprache würdigte Dr. Boroda seine gute Zusammenarbeit mit Monika Kaiser-Haas, der Vizepräsidentin des Internationalen Karl-Leisner-Kreises (siehe Foto: im Gespräch auf dem Kirchplatz) und mit unserem CHRISTLICHEN FORUM.

Er bedankte sich vor allem bei Hermann Rieke-Benninghaus und dessen Familie sowie bei seiner Frau Sophia, die ihn in seinem Einsatz für christliche Märtyrer aktiv unterstützt.

Hinsichtlich seiner Heimat  – der Preisträger stammt aus Georgien  – verwies er auf ein Interview mit ihm, das im Frühjahr dieses Jahres in der Zeitschrift THEOLOGISCHES veröffentlicht wurde.

Das Gespräch zwischen Dr. Boroda und der Verfasserin dieser Zeilen beinhaltet vor allem die Unterdrückung von Christen und Juden in der sowjetisch-kommunistischen Zeit, aber auch das jahrtausendelange gute Verhältnis zwischen Christen und Juden in Georgien, das in Europa geradezu einzigartig positiv dasteht.

Unter den katholischen Priestern, die ihm als Märtyrer der NS-Diktatur besonders am Herzen liegen, nannte Dr. Boroda in erster Linie den seligen Karl Leisner, sodann den Berliner Dompropst Lichtenberg sowie Carl Lambert aus Österreich, aber auch Pater Franz Reinisch, der den Fahneneid auf Hitler verweigerte, was ihm das Leben kostete.

Das größte Augenmerk legte er in seiner Rede aber auf Pater August Benninghaus, der die Menschen durch seine Exerzitien „zum Guten erzogen“ habe. Seine klare Glaubenshaltung sei von der NS-Diktatur nicht geduldet worden, so daß er als Blutzeuge des Glaubens starb.

BILD: Pastor Tietje bedankt sich bei Dr. Boroda für sein Engagement zugunsten christlicher Märtyrer

Aus Sicht des jüdischen Komponisten wäre eine Seligsprechung von P. Benninghaus höchst erfreulich, um sein Andenken und sein Vorbild zu würdigen. So wie dieser Geistliche es vorgelebt habe, müsse unser „Dienst vor dem Allmächtigen“ aussehen, denn das sei die wahre „Heiligung des Namens Gottes“.

Dr. Boroda unterschied klar zwischen christlichen und jüdischen Blutzeugen auf der einen Seite – und jenen irregeleiteten „Märtyrern“ im Islam auf der anderen Seite, die als Selbstmordattentäter andere Menschen und sich selbst ermorden.

Er selber komme aus Georgien, „einem tief christlichen Land“, wie er betonte. Er empfahl eine Urlaubsreise nach dorthin, vor allem zum Besuch der Kirchen in Georgien; dort werde man „im Geist und in der Seele“ gleichsam „nach oben getragen“.

BILD: Dr. Boroda im Altarraum des Ankumer Doms bei der Gestaltung der Lichtbildschau über Pater Benninghaus

Nach seinem Vortrag gab es eine rege Diskussion. Dabei erwähnte Dr. Boroda auf eine entsprechende Frage hin die Gemeinsamkeiten zwischen dem Nationalsozialismus und Kommunismus-Bolschewismus.

Trotz gewisser Unterschiede sind sich diese beiden totalitären System „im Wesen gleich“, da sie gottlos und menschenverachtend seien, erläuterte der jüdische Schriftsteller. Es habe sich in beiden Diktaturen – der roten und der braunen – um einen „Terrorstaat“ gehandelt.

Eine andere Besucherin fragte ihn nach seiner Einschätzung des Vaterunsers, das man vorhin gemeinsam beim Gedenkabend in der Kirche gesprochen habe.

Dr. Boroda würdigte dieses Gebet Christi mit begeisterten Worten, denn es zeige Gott als den liebenden Vater, es sei gehaltvoll und gehe in die Tiefe, zugleich verständlich verfaßt und für alle Menschen einleuchtend. Er halte es für eines der schönsten Gebete überhaupt.

Abschließend erwähnte er die heutige Verfolgung von Christen und Juden durch den militanten Islam im Nahen Osten, Arabien und Nordafrika. Christen sollten sich näherkommen und in gegenseitiger Achtung „Hand in Hand“ für das Gute und die Gerechtigkeit eintreten.

Gottes Liebe sei wie ein Brillant, erläuterte er weiter: In jeder Epoche leuchte eine andere Seite dieses Edelsteins auf und zeige uns die überragenden Eigenschaften des Allmächtigen.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Ranis: Fastennachmittag mit Dr. Boroda würdigt sechs christliche Märtyrer der NS-Zeit

Jüdischer Autor über „Leidenswege in einem gottlosen System“

Beeindruckende Zeugnisse von Menschen, die für ihren Glauben ein Martyrium auf sich nahmen, legte Dr. Moisei Boroida am zweiten Fastensonntag in der katholischen St.-Elisabeth-Kirche in Ranis (Thüringen) vor.

Der Musikwissenschaftler und Autor zeichnete die Lebenswege von sechs christlichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts nach, die „dem gottlosen System der Nationalsozialisten zum Opfer fielen“.

Da­bei verwob der 1947 in Georgien als Kind jüdischer Eltern geborene Künstler die Biographien mit Briefen, Zitaten und emotionalen Szenen zu einem Gesamtkunstwerk, ergänzt von der Musik der Schola der katholischen Gemeinde.

BILD: Mit den zwei Bänden des „Deutschen Martyrologiums“ bedankte sich Johannes Heibel (rechts) vom Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde Ranis bei Dr. Moisei Boroda in der St.-Elisabeth-Kirche.

Alle Märtyrer vereint die Bereitschaft, für ihren Glauben den Tod auf sich zu nehmen. Wie sich bei einzelnen Theologen des vergangenen Jahrhunderts diese Erkenntnis geradezu herausbildete, stellte Dr. Moisei Boroda eindrücklich vor.

Seine Texte – von den Lektoren der Raniser katholischen Gemeinde gelesen – ließen die Gäste aus Ranis, Pößneck, Neustadt/Orla, Auma, Weida und Saal­feld an den letzten Stationen des Lebens von Karl Leisner, Alois Andritzki, Edith Stein, Alfons Maria Waxmann, Franz Reinisch und Dietrich Bonhoeffer teilhaben.

Während Edith Stein, laut Boroda „eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des christlich-jüdischen Glaubens“, und der evange­lische Theologe Dietrich Bonhoeffer sicherlich den meisten Gästen vertraut waren, erschloss der Wissenschaftler mit den anderen vier Priestern Neuland. Alle kamen während des Zweiten Welt­krieges, zumeist in Konzentrationslagern oder in Gefängnissen, oder kurz danach ums Leben.

Drei von ihnen sind seliggesprochen (Leisner, Andritzki, Stein), für einen hat der Prozess dazu be­gonnen (Reinisch), Edith Stein wurde außerdem 1989 heiliggesprochen. Damit wird sie als Heilige in der katholischen Kirche besonders verehrt.

Johannes Heibel von der Raniser Gemeinde, der Dr. Moisei Boroda eingeladen hatte, sagte zur Begrüßung: „Uns erscheint es heute fremd, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und hingerichtet wurden.“ – In vielen Ländern der Welt sei dies jedoch auch heute noch zu beobachten.

Gleichzeitig schlug er den Bogen vom Pallotinerpater Franz Reinisch – einem der vorgestellten Märtyrer – zur Region: Zwei aus der weltweiten Gemeinschaft waren viele Jahrzehnte auch hier als Priester tätig, Pater Ewald Rieg in Ranis und Pater Remigius Unmüßig in Ziegenrück.

Als „sehr ansprechend und sehr prägnant“ würdigte Pfarrer Werner Ciopcia aus Neustadt/Orla im Gespräch mit dieser Zeitung den Fastennachmittag in Ranis. Ihn habe vor allem das Zusam­menspiel der Lebens- und Leidenswege der sechs Märtyrer sehr angesprochen.

„Das 20. Jahrhundert hat uns gezeigt, in welchen Abgrund der Staat kommen kann, wenn er und seine Anführer sich von Gott lossagen“, gab Dr. Moisei Boroda den Gästen am Ende der Veranstaltung mit auf den Weg.

Wenn Edith Stein gesagt habe, dass kein Weg am Kreuz vorbeiführe, so erweitere er diese Aussage zu: „Kein Weg führt an Gott vorbei“, so der Schriftsteller, Komponist und Musikwissenschaftler.

Autor dieses Artikels und Fotograf des ersten Bildes ist Stephan Breidt aus Ranis, dem wir für die Abdruckgenehmigung herzlich danken.

Gemälde: Evita Gründler

 


Zerrüttung der deutschen Erinnerungskultur

Von Peter Helmes

An „rechts“ mahnend zu erinnern, das gilt als nationale Pflicht. An „links“ erinnern ist offenbar nicht nötig, da gibt´s nichts zu mahnen.

Als franko- und italophiler Mensch bewundere ich seit meiner Jugend den Stolz unserer Nachbarn auf ihre Nation. Frankreich (französische Revolution) und Italien (Mussolini) haben wie viele Nationen dieser Welt jeweils ein schweres und blutbeladenes Erbe mit sich zu schleppen. Und was feiern sie an ihren Nationalfeiertagen: die „große Nation“.

„Für mich“, sagte einmal mein Freund aus Paris und dortiger Stadtteilbürgermeister, “für mich umfaßt eine wahre Erinnerungskultur den Umgang des einzelnen Bürgers und der gesamten Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte – und mit der Höhen und Tiefen.“

Nach Jan Assmann (Kulturwissenschaftler, Uni Heidelberg) wird mit der Erinnerungskultur an die eigene soziale Gruppe die Frage „Was dürfen wir nicht vergessen?“ gestellt und beantwortet; insofern wirke Erinnerungskultur gemeinschaftsstiftend.

Gedächtniskultur sei nur möglich, wo die Vergangenheit durch Zeugnisse irgendwelcher Art präsent sei und wo diese eine charakteristische Differenz zur Gegenwart aufweise.     

Erinnerungskultur ist also kein Selbstzweck, sondern will Gerechtigkeit sowie nationalen Frieden fördern – ist damit gleichsam ein wichtiger Beitrag für einen Frieden über die eigenen Landesgrenzen hinaus.      

Verantwortliche Bürger sind somit aufgefordert, sich an der Erinnerungsarbeit aktiv zu beteiligen, der Schuld und Versäumnisse zu gedenken und die Verantwortung dafür zu benennen, wo sie geschwiegen oder mitgemacht haben, statt sich dem Unrecht entgegenzustellen, damit sich Untaten nicht wiederholen.

Namenlosen Opfern eine Stimme geben

Den Opfern, die namenlos gemacht wurden, wird damit eine Stimme gegeben. Zugleich wird auch an Menschen erinnert, die protestiert haben gegen Unrecht und Unmenschlichkeit und dafür mit der Freiheit oder mit dem Leben bezahlen mußten.

Die Erinnerungskultur einer Nation ist letztlich die verbindliche Form des kollektiven Gedächtnisses.

Konkret heißt dies: Ohne Erinnerung keine Zukunft!

Zum demokratischen Grundkonsens in Deutschland gehören demnach untrennbar die Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft genauso wie die der SED-Diktatur. Hinzu zählen auch die deutsche Kolonialgeschichte sowie positive Momente unserer Demokratiegeschichte.

Deutschland ist aufgrund seiner Geschichte besonders dafür verantwortlich, die Erinnerung an die Folgen von Diktatur und Gewaltherrschaft wachzuhalten. Dies ist Teil unseres nationalen Selbstverständnisses.

Wenn wir heute über Verantwortung nachdenken, wissen wir natürlich, daß wir hier und heute die Vergangenheit nicht selbst verschulden, sondern nur die Gegenwart – und über die wird erst in Zukunft gerichtet. Uns trifft trotzdem eine besondere Verantwortung: Wir schulden es den Opfern, alles daran zu setzen, daß Verbrechen wie diese nie wieder möglich sind. Das allererste Mittel hierzu ist die wachgehaltene Erinnerung.

Indoktrination von links seit Jahrzehnten

Dank des unseligen Wirkens der ´68er wurde unsere Gesellschaft in den letzten vierzig Jahren – und wird das auch weiterhin – so unbarmherzig indoktriniert, daß Jüngere, die die Zeit davor nicht einmal vom Hörensagen kennen, zur Erkenntnis gelangen müssen, die Deutschen seien von Natur aus böse und Deutschland eine niederträchtige Nation. Es ist die Reduktion einer tausendjährigen großen Geschichte auf zwölf schlimme Jahre. 

BILD: Zur Erinnerungskultur gehört auch die Vertreibung von Millionen Deutschen aus den Ostgebieten

Eben jene geistigen Umerzieher, die ihre gesamte „Bildung“ aus der „Frankfurter Schule“ bezogen haben und noch beziehen, treibt unsere Gesellschaft in Unruhe und Unfrieden. Hübsch säuberlich unterschieden werden die „politisch Korrekten“ (die „wahren Demokraten“) von den politisch Unkorrekten (den „Faschisten“), die sich dem Meinungszwang widersetzen.Dabei denkt sich die derzeitige Meinungskaste fast täglich neue Umerziehungsmaßnahmen aus. So werden z. B. Adreßlisten unbotmäßiger Blogger und Journalisten eingerichtet (und ins Netz gestellt) oder wird mit hohen Geldstrafen bedroht – und sanktioniert – wer sich der neuen Mentalität nicht unterwirft.

Schüler  –  meist noch unreif, die Tragweiten ihres Handelns zu erkennen –  werden gegen den nationalen Konsens aufgestachelt und zu Protesten verführt – zum Preis des Schulschwänzens. Lehrer, Professoren usw. werden boykottiert und/oder öffentlich angeprangert.

Man könnte darüber hinweggehen, wenn nicht das gesellschaftliche Klima mehr und mehr so zerstört würde, daß diese unsere Gemeinschaft auseinanderbrechen und sich feindlich gegenüberstehen wird.

Erinnern dürfen wir uns inzwischen nur an die Untaten des Dritten Reiches. Kaum eine deutsche Stadt, in der nicht wenigstens ein Mahnmal oder eine Gedenktafel an die Opfer des Nationalsozialismus bzw. des Faschismus erinnern.

An die Opfer des Internationalsozialismus darf man bald nicht mehr erinnern – als hätte es Mauertote, Stasi und Stacheldraht nie gegeben. Die heutigen Internationalsozialisten sind Gutmenschen, denen es gelungen ist, sich vom faschistischen Erbe unserer Nation selbst freizustellen, und denen es damit zu gelingen scheint, alle „Linken“ als Gutmenschen“ und alle Nicht-Linken als Neu-Faschisten hinzustellen.

Die neuen Konfliktlinien in der innerdeutschen Diskussion sind dementsprechend klar auszumachen. Es geht insbesondere um die Erhaltung und Pflege bestehender Gedenkeinrichtungen. Bestand ursprünglich politische Übereinstimmung darin, das bestehende Konzept für die historischen Gedenkstätten in Ost und West hinsichtlich der nationalsozialistischen wie auch der stalinistischen Gewaltopfer weiterzuentwickeln, ist heute der Konsens darüber zerbrochen.

Quelle und Fortsetzung des Artikels von Peter Helmes hier: https://conservo.wordpress.com/2019/03/17/zerruettete-deutsche-erinnerungskultur/


Evangelikaler Hänssler-Verlag besteht seit 100 Jahren – Jubiläumsfeier am 1. April 2019

Am 1. April 2019 feiert SCM Hänssler sein 100-jähriges Jubiläum. Der evangelikale Verlag ist das weit ausstrahlende christliche Verlagshaus aus Baden-Württemberg und steht heute für ein breites Bücherprogramm rund um Gemeinde- und Familienthemen und für christliche Musik.

Im Jahr 1919 gründete der württembergische Pietist Friedrich Hänssler sen. (1893-1972) gemeinsam mit seiner Frau Friedericke einen kleinen Musikverlag. Die Geschichte des Traditionsverlags weist neben Höhen auch Täler auf, wie etwa die Bedrohung durch den Nationalsozialismus oder die Insolvenz um die Jahrtausendwende.

BILD: Biographie über Friedrich Hänssler: „Ein Leben für das Evangelium“

Über viele Jahre prägte Friedrich Hänssler jun. den Verlag. Seit 1950 arbeitete er im Verlag seines Vaters, übernahm ab 1958 die Verantwortung für das Unternehmen und machte ihn zu dem, was der Verlag heute ist: einer der größten evangelikalen Verlage Deutschlands mit vielen prägenden und segenstiftenden Erfolgen in den Bereichen Buch, Musik und Film.

Die Geschichte des Verlages ist zu einem großen Teil auch die persönliche und spannende Lebensgeschichte von Friedrich Hänssler. Anlässlich des Jubiläums erscheint seine bewegende Biografie: „Friedrich Hänssler – Ein Leben für das Evangelium“.

SCM Hänssler ist heute Teil der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört. Die SCM Verlagsgruppe ist mit den Marken SCM R.Brockhaus, SCM Hänssler, Gerth Medien, adeo Verlag, der SCM Verlagsauslieferung und dem Zeitschriften- und Internet-Spezialisten SCM Bundes-Verlag sowie 380 Mitarbeitenden die führende Verlagsgruppe im Bereich der evangelischen Publizistik und agiert von den Standorten Holzgerlingen in Baden-Württemberg, Asslar in Hessen und Witten in Nordrhein-Westfalen. Seit 2018 ist Klaus Jost neuer Geschäftsführer der SCM Verlagsgruppe und Vorsitzender der Geschäftsführung (CEO).