55. Jahrestag der Erklärung „Nostra aetate“

Pressemitteilung des israelischen Außenministeriums:

Wir feiern den 55. Jahrestag der Erklärung „Nostra Aetate“, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil am 28. Oktober 1965 verabschiedet wurde.  

Dieses historische Dokument stellte eine tiefgreifende Veränderung in der Haltung der katholischen Kirche gegenüber Juden dar und legte den Grundstein für die Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk.   

Dieser bedeutende theologische Wendepunkt ebnete 1994 den Weg für einen politischen Wandel und die Aufnahme vollständiger diplomatischer Beziehungen zwischen dem Staat Israel und dem Heiligen Stuhl.   

55 Jahre nach „Nostra Aetate“ ist der jüdisch-katholische Dialog offen, ehrlich und warmherzig. Jüdische und katholische Delegationen treffen sich regelmäßig, und unser gegenseitiges Verständnis, unsere Brüderlichkeit und unsere Bindungen sind enger und stärker geworden. Die drei päpstlichen Besuche in Israel waren eine weitere Bestätigung dieser Tatsache.   

Während wir heute das Wiederaufleben des Antisemitismus in der ganzen Welt erleben, schätzen wir die starke und eindeutige Verurteilung dieses Übels durch drei Päpste als Sünde gegen Gott und den Menschen sowie die Bedeutung und Notwendigkeit der Verbreitung der Botschaft von Nostra Aetate in der ganzen Welt.

Quelle: https://embassies.gov.il/berlin/NewsAndEvents/Pages/55–Jahrestag-der-Erklaerung-Nostra-Aetate.aspx?utm_source=InforuMail&utm_medium=email&utm_campaign=Newsletter+29.10.2020


Der israelische Diplomat Oded Ben Hur würdigte Papst Benedikt gestern in der „Jerusalem Post“

„Gemeinsam gegen Antisemitismus und Antiklerikalismus“

In der gestrigen Ausgabe der angesehenen israelischen Tageszeitung  „Jerusalem Post“ erschien ein ausführlicher Beitrag von Oded Ben Hur, der bis 2009 der Botschafter des Staates Israel im Vatikan war.  Darin äußert sich der  jüdische Diplomat unter dem Titel „Der Papst, den ich kannte“ sehr positiv über Papst Benedikt und dessen Bemühungen um ein besseres Verhältnis von Christen und Juden.

Einleitend schreibt der Autor: „Zweitausend Jahre komplexer Geschichte zwischen Juden und Christen machen die Beziehungen zwischen dem Vatikan und Israel zu etwas Außergewöhnlichem in den internationalen Beziehungen.“  

Er erinnert daran, daß die diplomatischen Beziehungen zwischen Vatikan und Israel zwar erst 1993 offiziell zustandekamen, daß sie aber  –  so Ben Hur  –  „bereits im Dokument „Nostra Aetate“ von 1965 gesät wurden, das das Zweite Vatikanische Konzil entworfen hatte“.  – Dort sei das jüdische Volk in § 4 gegen den Vorwurf des „Gottesmordes“ in Schutz genommen worden.

 Sodann berichtet der Ex-Botschafter:  
„Ich habe Kardinal Joseph Ratzinger mehrmals getroffen, angefangen im Oktober 2003, als er Präfekt der Kongregation für Glaubenslehre war. Er war damit beauftragt, das „Kompendium“ des Katechismus zu aktualisieren. Ich habe ihn gefragt, ob er, in seiner Eigenschaft als höchste theologische Autorität im Vatikan, Paragraph 4 des Nostra Aetate in das Buch aufnehmen würde. Er willigte sofort ein.“

Allerdings wurde trotzdem nichts aus dem versprochenen Abschnitt: 

„Am 2. April 2005 starb Papst Johannes Paul II., und Kardinal Ratzinger wurde sein Nachfolger. Damit war er nicht länger für das „Kompendium“ zuständig. Das Buch, das im Juni veröffentlicht wurde, enthielt den versprochenen Absatz nicht. Später erfuhr ich, dass jemand ihn noch auf dem Weg zum Druck entfernt hatte.“

Offenbar wurde in dieser Causa vatikan-intern nicht korrekt im Sinne von Papst Benedikt gehandelt. Doch der Diplomat Ben Hur weiß, daß der Papst sich unermüdlich um gute Kontakte zu Juden und zu Israel bemühte:

„Die besondere Beziehung Papst Benedikts XVI. zum jüdischen Volk und Israel war offensichtlich und manifestierte sich auf viele Arten und bei vielen Gelegenheiten…Während seiner ersten Auslandsreise besuchte er in Köln die jüdische Gemeinde in der Synagoge, die während der Reichspogromnacht zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut worden war. Dort hielt er eine Rede über das untrennbare besondere Band zwischen unseren beiden Religionen (er lehnte eine Einladung der muslimischen Gemeinde ab, sie in der Moschee zu besuchen).“

Der Autor erwähnt auch die Reise Benedikts ins Heilige Land:

„Es ist bemerkenswert, dass seine Entscheidung, Israel zu besuchen, gegen die Regierung des Vatikan gefällt wurde. Ich war bei zwei Gelegenheiten anwesend, als der Papst eingeladen wurde: durch die damalige Kommunikationsministerin Dalia Itzik  und Präsident Shimon Peres. Bei beiden Gelegenheiten antwortete er: „Wie Sie wissen, ist die Liste von Einladungen ins Ausland sehr lang, aber Israel genießt Priorität.“

Abschließend schreibt der israelische Diplomat, daß sich Kirche und Juden gemeinsam gegen Antisemismus und Antiklerikalismus (Kirchenfeindlichkeit) einsetzen sollten:

„Was nun benötigt wird, ist der Beginn eines politischen Dialogs, der auf einer Agenda basiert, die auch einen gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus und Antiklerikalismus und gegen Terrorismus beinhaltet und Kooperation auf dem Feld der kulturellen, akademischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten (Pilgerreisen).“

Quelle: Botschaft des Staates Israel in Berlin


Papst Benedikt würdigt und bemängelt Konzils-Erklärung „Nostra aetate“: präzise, aber unkritisch gegenüber anderen Religionen

Das Zweite Vatikanische Konzil wollte und konnte laut Benedikt XVI. keinen anderen bzw. neuen Glauben schaffen. Dazu hätten die Konzilsväter „weder Vollmacht noch Auftrag“ gehabt, schreibt der Papst im Vorwort zum 7.  Band seiner „Gesammelten Schriften“, das am gestrigen Mittwoch im Vatikan veröffentlicht wurde.

Die Konzilsbischöfe hätten Glauben und Kirche lediglich „tiefer verstehen und so wahrhaft erneuern“ wollen. 

Der neue Band der Schriften von Joseph Ratzinger enthält dessen Texte und Entwürfe zum Konzil, an dem er als Berater des Kölner Kardinals Frings teilgenommen hatte.

Die Schriftenreihe wird vom Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard L. Müller, herausgegeben; der 7. Band soll im November 2012 erscheinen.  

Hinsichtlich der Konzils-Erklärung Nostra aetate zum interreligiösen Dialog schrieb der Papst, diese sei ein „präzises und außerordentlich dichtes Dokument“.

Das Christentum unterscheidet zwischem dem biblisch-christlichen Glauben, der sich aus der Selbstoffenbarung Gottes ergibt –  und einer vom Menschen ausgehenden Religion.

Als „Schwäche“ habe es sich erwiesen, so der Papst, daß das Konzilsdokument von Religionen nur positiv spreche und deren „kranken und gestörten Formen“ ignoriere:

„Das Dokument spricht von Religion nur positiv und läßt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von großer Tragweite sind: Der christliche Glaube war deshalb von Anfang an nach innen wie nach außen auch religionskritisch.“

In einem früheren Artikel haben wir im CHRISTLICHEN FORUM bereits einige Kritikpunkte des Papstes an einzelnen Dokumenten des Konzils zitiert; dazu gehört auch seine grundsätzliche Warnung,  das 2. Vatikanum zu einer Art „Superdogma“ hochzustilisieren und so aus dem Gesamtzusammenhang der kirchlichen Tradition gleichsam herauszureißen.

Bereits in seiner Theologenzeit der 60er Jahre bemängelte der damalige Professor Joseph Ratzinger  – bei gleichzeitiger Würdigung der Vorzüge  –  einige Tendenzen des 2. Vatikanum.  Als er später Bischof, Glaubenspräfekt und Kurienkardinal wurde, verdeutlichte er seine Detailkritik.

Näheres hier:

https://charismatismus.wordpress.com/2012/08/24/unser-papst-und-seine-kritischen-hinweise-zum-2-vatikanum/