Münster: Christlich-jüdische Gedenkstunde an den Synagogenbrand vom 9. November 1938

Von Felizitas Küble

Am Donnerstag, dem 9. November, veranstaltete die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ein Gedenken an die Zerstörung der Synagoge und anderer jüdischer Einrichtungen in Münster und in Deutschland durch die NS-Diktatur am 9. November 1938. 

Dieses schauerliche Unrecht, bei dem 7000 jüdische Synagogen und Geschäfte brannten bzw. zerstört wurden, nannte man früher (wegen der zerbrochenen Fensterscheiben) „Kristallnacht“, heute wird meist von Pogromnacht gesprochen.

Dabei wurden rd. 20.000 deutsche Juden aus ihren Wohnungen herausgeprügelt, meist verhaftet oder ins KZ transportiert, ca. hundert jüdische Bürger wurden ermordet.

Der Vorstand der christlich-jüdische Initiative besteht – wie auch in anderen Städten üblich – aus einem katholischen, einem evangelischen und einem jüdischen Vertreter. 

Der jüdische Gemeindeleiter Sharon Fehr (siehe Foto) erinnerte die Besucher in der vollbesetzten Synagoge an antisemitische Entgleisungen damals und heute; er forderte alle Bürger zur Wachsamkeit auf.

Zugleich begrüßte er den Oberbürgermeister von Münster, Markus Lewe (CDU)  – der eine kurze Ansprache hielt –  sowie eine Reihe Theologen und Verbandsleiter. Der Gemeindevorsteher erinnerte als moralisches Leitbild für uns alle an die Zehn Gebote, die im jüdischen Gebetshaus einen zentralen Platz einnehmen (Foto: hebräische 10-Gebote-Symbolik).

Die vor allem theologisch geprägte Hauptrede mit dem Titel „Wurzeln der Entmenschlichung“ hielt Alfred Buß (siehe Foto), der frühere Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Der evang. Ex-Präses Buß betonte in seiner Grundsatzrede die verhängnisvollen Auswirkungen des kirchlichen Antijudaismus. Dabei setzte er sich vor allem kritisch mit Martin Luther auseinander:

Der Reformator habe anfangs durchaus eher positiv über Juden geschrieben, sich aber im Laufe der Jahrzehnte immer stärker in eine judenfeindliche Verhärtung hineingesteigert. Die Ursache hierfür sah der Kirchenmann u.a. darin, daß Luther mit einer Bekehrung zahlreicher Juden durch seine Bewegung gerechnet habe; als dies nicht eintrat, wandte er sich gegen die Juden.

Anläßlich des Gedenkens an die Progromnacht von 1938 erklärte er, Luthers Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ lese sich wie eine Anleitung dazu, zumal in diesem Druckwerk ausdrücklich das Anzünden von Synagogen vorgeschlagen wird.

Dabei erwähnte Buß, daß Luther mit seinem rabiaten Antijudaismus und den von ihm geforderten Zwangsmaßnahmen gegen Juden seiner eigenen Zwei-Reiche-Lehre widersprochen habe, wonach die weltliche Obrigkeit niemanden zum Glauben zwingen dürfe. Der kirchliche Antijudaismus sei zwar, so der Redner, vom späteren Antisemitismus zu unterscheiden, doch habe er dem rassistischen Judenhaß gleichsam den Weg bereitet.

Dabei hätte doch der Rückblick auf die Schöpfungsgeschichte Gottes eine andere Grundhaltung lehren müssen, denn im Buche Genesis wird der Mensch als Gottes Ebenbild gewürdigt. Der Ewige schuf den Menschen als Mann und Frau „nach seinem Bilde“.

BILD: Die Menora (siebenarmiger Leuchter) in der Synagoge von Münster

Daher besitze der Mensch als Gottes Geschöpf eine unverlierbare Würde, die ihm nicht etwa erst durch Staat oder Gesellschaft zukomme, sondern die in seiner geschöpflichen Natur begründet sei.

Die Heilige Schrift halte an dem einen Stammelternpaar fest, zumal dann niemand sagen könne: „Mein Urvater ist größer als der deinige“.  – Alle Menschen führen sich auf dieselben Stammeltern zurück. 

Als Lebensraum des Menschen sei die Welt nicht „des Teufels“, sondern Gottes Schöpfung. Allerdings rufe Gott den Menschen zur Verantwortung  –  so wie einst im Garten Eden nach dem Sündenfall: „Adam, wo bist du?“

Teils kritisch befaßte sich der ehem. Präses mit dem Zeitalter der Aufklärung, weil damals die Vernunft überbetont worden sei. Der Mensch erhalte seine Würde aber nicht erst aufgrund seiner verstandesmäßiger Fähigkeiten. Gewisse Postulate der Aufklärung seien sodann von Antisemiten vereinnahmt worden.

Der Redner rundete seine Ansprache ab mit Versen aus dem Psalm 43. Er spielt in der klassischen katholischen Liturgie eine herausragende Rolle (Stufengebet).

In diesem biblischen Psalm heißt es u.a.:

Verschaffe mir Recht, Gott, und führe meinen Rechtsstreit gegen ein treuloses Volk! Rette mich vor den bösen und tückischen Menschen! Denn du bist der Gott meiner Zuflucht…Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten; sie sollen mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen. So will ich hintreten zum Altare Gottes, zum Gott meiner Freude und meines Jubels. 
 
Advertisements

ISRAEL ehrte in München drei Deutsche als „Gerechte unter den Völkern“

Am Dienstag sind in München im Rahmen einer Feierstunde posthum (nach dem Tod) drei „Gerechte unter den Völkern“ geehrt worden. 

Die Ausgezeichneten sind Alois und Maria Elsner sowie Kreszentia Hummel:

Alois und Maria Elsner hatten die meist jüdischen Insassen in nationalsozialistischen Arbeitslagern heimlich mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung versorgt.

Charlotte Knobloch wurde durch eine gläubige Katholikin gerettet

Die katholische Kreszentia Hummel hatte das jüdische Mädchen Charlotte Neuland  – später Knobloch  –  als ihre Tochter ausgegeben und ihr so das Leben gerettet.

Charlotte Knobloch, heute schon seit langen Jahren Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begrüßte zunächst die Gäste.

BILD: Familienangehörige der Geeehrten – rechts der israelische Botschafter Issacharoff und Charlotte Knobloch (Foto: Julian Wagner) 

Weitere Grußworte sprachen der bayerische Innenminister Joachim Hermann, Botschafter Jeremy Issacharoff und Harry Habermann, Vorstandsmitglied des Freundeskreises von Yad Vashem in Deutschland.

Seit dem Gründungsjahr 1953 bewahrt Yad Vashem als lebendiges Denkmal des jüdischen Volkes für den Holocaust die Erinnerung an die Vergangenheit und vermittelt ihre Bedeutung an kommende Generationen.

Seit 54 Jahren ehrt Yad Vashem jene Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges Juden retteten, mit dem Ehrentitel „Gerechte/r unter den Völkern“. Dies ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nichtjuden vergibt.

Die „Gerechten unter den Völkern“ erhalten von Yad Vashem eine Ehrenurkunde und eine Medaille. Diese wurden von Botschafter Issacharoff an Mitglieder der Familien der Ausgezeichneten überreicht. Für Frau Hummel nahm deren Neffe Johann Graf die Auszeichnung entgegen. Für das Ehepaar Elsner war es deren Sohn Alois Elsner.

Die Rettungsgeschichten der Ausgezeichneten:

Alois und Maria Elsner:
Der Landsberger Alois Elsner wurde im Mai 1943 u. a. wegen „mangelnder Disziplin“ aus der NSDAP ausgeschlossen. Als Kaminkehrermeister war er auch zuständig für die Reinigung der Kamine in den Fabriken in den Kauferinger Arbeitslagern, die die Nazis ab 1944 als Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau eingerichtet hatten. So wurde er Zeuge der unmenschlichen Behandlung der meist jüdischen Gefangenen und begann mit Hilfe seiner Frau Maria, die Insassen heimlich mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung zu versorgen. Nach Kriegsende erhielt das Ehepaar Elsner zahlreiche Briefe, in denen sich ehemalige Zwangsarbeiter für die lebensrettende Hilfe bedankten.

Kreszentia Hummel:
Um seine Tochter vor der drohenden Deportation zu retten, suchte der jüdische Münchner Rechtsanwalt Siegfried Neuland im Jahr 1942 ein sicheres Versteck für sie auf dem Land. Ein ehemaliges Dienstmädchen der Familie, Kreszentia Hummel, willigte ein, die zehnjährige Charlotte Neuland (heute Knobloch) auf dem Bauernhof ihrer Familie in Franken aufzunehmen. Obwohl sie aus einer sehr gläubigen katholischen Familie stammte, gab sie das Mädchen als ihr eigenes uneheliches Kind aus. Kreszentia Hummel versorgte Charlotte Neuland bis zum Ende des Krieges und rettete so ihr Leben.

Charlotte Knobloch sagte in ihrem Grußwort über Kreszentia Hummel: „Ich weiß […], dass ihr diese Auszeichnung gar nicht recht wäre. Sie brauchte diese Auszeichnung nicht, aber unsere Welt braucht sie.“

Quelle: Botschaft des Staates Israel

 

 

 


Osnabrück: Gedenktag für Pater August Benninghaus am 20. Juli 2017 in Ankum

In Ankum bei Osnabrück veranstaltet der Benninghaus-Freundeskreis am Donnerstag-Abend, den 20. Juli 2017, einen Gedenktag für den im KZ Dachau verstorbenen Märtyrerpriester August Benninghaus SJ, der vor seiner Verhaftung jahrelang in Münster gewirkt hat. 

Der mutige Jesuitenpater (siehe Foto) war am 20. Juli 1942 im Konzentrationslager Dachau im Alter von 61 Jahren verhungert. 

Seine tapfere Haltung brachte ihn in Konflikt mit den herrschenden braunen Machthabern. Bereits 1934 mußte er sich wegen einer Predigt in Ankum bei Osnabrück vor der NSDAP verantworten. (Die Ankumer Oberschule ist nach ihm benannt.)

Ab 1928 wirkte er als Diözesanpräses der Männergemeinschaften in Münster (Westfalen). Seine volksmissionarische Seelsorge im Kettelerheim wurde von den Nationalsozialisten argwöhnisch beäugt.

Am 27. Juni 1941 war der Geistliche ins KZ Sachsenhausen verbracht, dort krankenhausreif geschlagen und im Frühjahr 1942 ins KZ Dachau verlegt worden (dort waren insgesamt über 3000 katholische Priester inhaftiert). Münster erinnert durch einen sog. „Stolperstein“ vor der Königsstr. 35 an diesen Märtyrer des Gewissens.

Der Gedenktag in Ankum beginnt mit einer hl. Messe um 18,30 Uhr in der St.-Nikolaus-Kirche. Eine Stunde später erfolgt im Haus Kirchburg die Verleihung des August-Benninghaus-Preises 2017. 

Prälat Dr. Helmut Moll aus Köln hält einen Vortrag über diesen Bekennerpriester: „Vor 75 Jahren im KZ Dachau gestorben“.  –  Professor Moll ist im Erzbistum Köln zuständig für die diözesanen Seligsprechungsverfahren. Nach seiner Rede besteht die Möglichkeit zu Fragen und Gedankenaustausch.

Der Eintritt ist frei. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

HIER ein Info-Video über den Märtyrer: https://youtu.be/46eRtxL-hz4
WIKI-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Benninghaus


Israelischer Botschafter über Veränderungen in Deutschland durch Terrorgefahren

Der israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, erklärte in einem Gespräch mit der „Berliner Zeitung“, Deutschland habe sich durch die terroristische Bedrohung bereits verändert und sei vorsichtiger und gefahrenbewußter geworden.  

Auf die Frage von Jochen Arntz und Damir Fras, was er den Deutschen empfehlen wolle, sagte der Botschafter: 

„Es steht mir als israelischer Diplomat nicht an, den Deutschen Ratschläge zu geben. Aber wir Israelis haben leider viel Erfahrung mit terroristischen Bedrohungen.

Wenn ich Deutschland und Israel vergleichen soll, fällt mir auf, dass diese Gefahren in Israel auch von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden. In Israel würde niemand sagen, wenn er einen herrenlosen Koffer in einem Bus sieht: Der gehört mir nicht, also geht mich das nichts an. In Israel würde man in so einem Fall sofort die Polizei rufen.“

Auf die Frage, ob sich die deutsche Gesellschaft schon in Richtung verstärkter Wachsamkeit geändert habe, erklärte der jüdische Diplomat:

„Die Gesellschaft verändert sich, weil sie es muss. Es geht um Menschenleben. Es gibt kein Wunderrezept. Terrorismus ist wie ein Virus, den man bekämpfen muss – und an irgendeiner Stelle muss man anfangen. Je mehr Sicherheitsvorkehrungen, desto höher die Chancen, das Risiko zu verringern.“

Zur Frage nach der Gedächtniskultur in Deutschland hinsichtlich der NS-Zeit berichtet der israelische Repräsentant:

„Ich werde oft von Leuten in Israel gefragt, die noch nie in Deutschland waren: Haben die Deutschen schon alles unter den Teppich gekehrt oder haben sie noch etwas von der Geschichte übrig gelassen? Ich sage dann immer etwas scherzhaft: In Deutschland kann man auch als Blinder die Vergangenheit nicht übersehen. Denn wenn man in Berlin oder in Köln oder Frankfurt auf der Straße stolpert, dann kann es gut sein, dass man über einen Stolperstein stolpert, der an die Verfolgung von Juden durch die Nazis erinnert.“

Yakov-Handelsman erinnert zudem daran, daß die Stolperstein-Aktion nicht von Staat ausgeht, sondern von engagierten Bürgern.

Quelle für die Zitate: http://www.berliner-zeitung.de/politik/israels-botschafter-in-berlin–terrorismus-ist-wie-ein-virus–den-man-bekaempfen-muss–27837866


Yom ha-Shoah: Holocaust-Gedenktag in Israel

In Israel wird heute Yom ha-Shoah, der Holocaust-Gedenktag, begangen. Am gestrigen Vorabend des Gedenktages fand die zentrale Gedenkzeremonie in der Holcaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt.

In seiner Ansprache erklärte der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin, es gäbe in Israel zwei Positionen gegenüber der Shoah:

Einerseits würde diese lediglich zu einem von Rassismus geprägten Ereignis von vielen in der Geschichte erklärt, bei dem die Juden Opfer Opfer geworden seien, wie an anderen Orten andere.

Der andere Ansatz betrachte die Welt nur noch durch die Brille der Shoah und sähe die Hauptaufgabe des Staates Israel darin, eine neue Shoah zu verhindern.

Beide Ansätze seien jedoch falsch. Der erste ignoriere die Singularität der Shoah und auch des Antisemitismus, der seit 2.000 Jahren existiere. Die Shoah sei nicht als Verbrechen gegen die Menschheit geplant worden, sondern mit dem Ziel das jüdische Volk in Gänze zu vernichten.

Der zweite Ansatz dagegen laufe Gefahr, die Welt einzuteilen, in die Gerechten unter den Völkern einerseits und antisemitische Nazis andererseits. Jede Kritik an Israel werde pauschal zu Antisemitismus erklärt. Ein solcher Ansatz gefährde die Gesellschaft nach innen, aber auch die Beziehungen nach außen. Das Judentum existiere nicht erst seit der Shoah, und es sei nicht die Angst gewesen, die das jüdische Volk 2000 Jahre lang im Exil am Leben gehalten habe.

Rivlin erklärte, das Gedenken an den Holocaust und die Lektionen, die aus dem Völkermord am jüdischen Volk gelernt werden könnten, basierten auf drei zentralen Säulen: Selbstverteidigung, ein gemeinsames Schicksal und Menschenrechte:

„Jeder Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen. Dies ist eine heilige Pflicht, der sich das jüdische Volk nicht entziehen kann und will. Immer. In jeder Lage. Deshalb können wir auch nicht schweigen angesichts der Schrecken, die sich in weiter Ferne ereignen und ganz sicher nicht derer, die auf der anderen Seite des Zauns stattfinden.“

Heute morgen, um 10 Uhr Ortszeit ertönte, wie in jedem Jahr, im ganzen Land die Sirene zur Erinnerung an die Opfer der Shoah. Während der zwei Minuten, die der Sirenenton anhält, kommt das Leben in Israel zum Stillstand.

Auch die Botschaft des Staates Israel in Deutschland hat eine Zeremonie zum Yom ha-Shoah veranstaltet. Angehörige der Botschaft reisten in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen, wo der Gesandte der Botschaft, Avi Nir-Feldklein, einen Kranz niederlegte.

Quelle: Israelische Botschaft in Berlin


Wie Jesuitenpater Ludger Born und Sr. Verena Buben bedrohte Juden retteten

Buch zum kirchlichen Einsatz für verfolgte Judenchristentitel

Dieses kürzlich im Gerhard-Hess-Verlag erschienene Buch informiert über die „Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ in Wien, also über die Rettung von Judenchristen während der NS-Diktatur. Der Titel lautet: „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich“
 .
Der publizistisch bekannten Jesuitenpater Lothar Groppe SJ hat diese Dokumentation seines Ordensbruders P. Ludger Born SJ bearbeitet und ergänzt. Die ursprünglichen Verlagsrechte gehören der Katholischen Akademie in Wien.
 .
Kardinal Innitzer hat die Diensträume dieser Hilfsstelle in seinem Erzbischöflichen Palais eingerichtet, um sie  – und die von ihr betreuten Juden und Judenchristen –  dadurch bestmöglich vor Nazi-Angriffen zu schützen.
 .
Der Leiter dieser Einrichtung war P. Ludger Born, der am 1.12.1940 mit seiner Tätigkeit begann; ihm zur Seite stand ab 1942 die Ordensfrau Sr. Verena Buben von der Wiener „Caritas Socialis“. Beide Katholiken befanden sich unter ständiger Lebensgefahr. Schwester Verena wurde in Yad Vashem von der israelischen Regierung als „Gerechte unter den Völkern“ gewürdigt.
Pater Ludger Born hatte sich bereits in seiner Zeit als Superior in Hamburg für Juden eingesetzt und Hilfsaktionen durchgeführt. 1939 mußte er die Stadt verlassen, weil die Gestapo hinter ihm her war. Der Geistliche erhielt zu seinem 60. Ordensjubiläum ein Dankesschreiben des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal: „Ich weiß es zu schätzen, was Sie in einer Zeit ohne Gnade für meine Glaubensbrüder getan haben.“ –  An das Wirken des Jesuiten erinnerte z.B. die Sonder-Ausstellung der Geschichtswerkstätten Hamburg vom 16.4. bis 30.6.2011 in der Gedenkstätte im ehem. KZ Neuengamme.
.
Als sich der Holocaust aufgrund der ideologisch begründeten Rassengesetze der Nazi-Diktatur ausweitete, schuf Kardinal Innitzer die Erzbischöfliche Hilfsstelle für Katholiken jüdischer Herkunft  –  gewissermaßen ein Pendant zur IKG (Israelitischen Kultusgemeinde), der die Rechtsvertretung und Fürsorge für die Glaubensjuden (mosaische Juden) oblag. foto-born-u-verena

So lebten bis 31.12.1941 allein in Wien 7.917 getaufte Juden, die nicht jüdischen Glaubens waren; davon bekannten sich 3.836 Personen als römisch-katholisch. Vor allem für sie wurde diese Erzbischöfliche Dienststelle errichtet.

BILD: Rechts Pater Ludger Born, links Schwester Verena Buben im Dienstzimmer der Erzbischöflichen Hilfsstelle

Die Aufgabenfelder waren umfassend: Beratung in Rechtsfragen, Fürsorge und materielle Hilfe, ergänzende Betreuung für Kinder und Jugendliche, Aufbau eines eigenen Schulwesens („nichtarische“ Kinder durften damals keine öffentlichen Schulen besuchen), Kinderhorte.

Hier wurden die Kinder auch auf die hl. Kommunion und Fir­mung vorbereitet. Zudem wurden Nähstuben eingerichtet und eine wirksame Fürsorge für Kranke und Gebrechliche aufgebaut.

In der „Erzbischöflichen Hilfsstelle“ waren 23 Mitarbeiter/innen tätig, von denen neun in ein Vernichtungslager deportiert wurden, nur eine von ihnen überlebte.

Diese Leistungen der Erzbischöflichen Zentralstelle sind ein bedeutender Aufweis (neben unzähligen anderen Hilfsaktionen), dass die Anschuldigungen Hochhuths in seinem Pamphlet „Der Stellvertreter“ ge­schichtlich nicht zutreffen. Dass sich die damalige Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“, Marion Gräfin Dönhoff, in ihrem Artikel „Eine deutsche Geschichtsstunde“ vom 2.2.1971 Hochhuths Behauptungen anschloss, schadete der Reputation ihrer Zeitung.

Das Buch kann portofrei zum Preis von 19,80 Euro bei uns bestellt werden: felizitas.kueble@web.de  – oder per Tel. 0251-616768


Leo Baeck, Europas großer Rabbiner, über Jesus, den „jüdischen Bruder“

Von Felizitas Küble

Das monumentale Werk von Leo Baeck mit dem Titel „Das Wesen des Judentums“ ist zwar über hundert Jahre alt, aber in seiner klassisch-großartigen Zusammenschau jüdischen Glaubens und Betens, Lebens und Fühlens, Wirkens und Hoffens von herausragender Höhe des Denkens und Tiefe des Empfindens.  cover

Bei der Lektüre entsteht mitunter den Eindruck, als ob dieses Buch  – bei aller Urtümlichkeit des jüdischen Glaubenszeugnisses – zugleich auch geistige Perlen aus dem deutschen Idealismus und der deutschen Romantik aufgreift und passend in das Gesamtwerk einfügt.

Seine moralische Grundhaltung ist  –  typisch jüdisch  –  geprägt von einer „Ethik der Gebote“, einer tiefen Freude, ja geradezu Begeisterung über die Gebote Gottes, über seine Wegweisung für uns Menschen, die zu Dankbarkeit und Ehrfurcht gegenüber dem Schöpfer gemahnen, der zugleich unser „Gesetzgeber“ ist.

In dieser Hinsicht steht der Autor dem Katholizismus natürlich deutlich näher als dem Protestantismus, weil die kath. Kirche ebenso wie das Judentum lehrt, daß der Glaube allein keineswegs selig mache, daß auch die „fromme Tat“, das „gute Werk“  notwendig sei, auf daß der Glaube sich als glaubwürdig und lebendig erweise.

Andächtig schwärmen ist leichter als gut handeln

Baeck sieht im lutherischen Glauben die Tendenz einer „Wortreligion“ und damit verbunden die „Herrschaft der gottesfürchtigen Redensart“ durch „Wortkünstler der Frömmigkeit“, welche es bereits als religiöses „Zeugnisablegen“ verstehen würden, mit einem „gefahrlosen Brustton der Überzeugung“ vom sicheren Platze aus „satzreiche Erklärungen hinauszusenden“.

Eine solche „Glaubenszeugenschaft“ könne freilich „gern und leicht geübt werden“. Bei der religiösen „Tat“ sehe das aber anders aus; hier liege ein Ideal vor Augen, das den Menschen und sein sittliches Streben ernsthaft herausfordere, weil es „nie völlig verwirklicht sein kann“ (S. 51).

Außerdem übt der Verfasser Kritik an einer Überbewertung religiöser Gefühle und Stimmungen anstelle der Beobachtung göttlicher Gebote und guter Taten  –  und er sieht gerade darin die wirkliche Gefahr eines „Pharisäertums“ (!), einer „religiösen Gefallsucht“ und „Koketterie der Frömmigkeit“. baeck

Das „inwendige Gefühl“, auf das der Protestantismus „so großen Wert legt“, könne leicht   –  neben einem wahrhaftigen Gottvertrauen und aufrichtiger Gläubigkeit  –  zur „Selbstbespiegelung“, zu einem „Prunken mit Empfindungen“ führen:  „Der Mensch lebt nicht für Stimmungen und nicht von Stimmungen.“ –  Er fügt hinzu: „Andächtig schwärmen ist leichter als gut handeln.“ (S. 52)

Kategorischer Idealismus

Aus dieser „Ethik der Gebote“, der Betonung des Willens Gottes, der Aufforderung zum guten Handeln als sittliche Pflicht, ergibt sich gleichsam ein „kategorischer Idealismus“, der sich gegenüber dem „kategorischen Imperativ“ von Kant insgesamt als überlegen erweist, aber freilich eine andere Ebene umfaßt (der Philosoph Kant spricht auf der Basis der natürlichen Vernunft, der Glaube ruht auf dem Übernatürlichen).

Wer das Judentum, das aus den Urtiefen seiner Geschichte und aus der Erwählung des Ewigen stammt und das – allen Verfolgungen zum Trotz  – die Jahrtausende überdauerte, in seinem inneren Selbstverständnis kennenlernen und wahrnehmen möchte, sollte zu diesem Klassiker greifen, den der damals bedeutendste Rabbiner nicht nur Deutschlands, sondern Europas verfaßte:briefm

Leo Baeck, als Sohn eines deutschen Rabbis 1873 in Lissa (Posen) geboren, wirkte später in West- und Mitteldeutschland (Oppeln, Düsseldorf, Berlin), war unter der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt (KZ Theresienstadt), ist dann als Überlebender nach London ausgewandert, wobei er weiterhin nach Deutschland reiste, Vorträge hielt und für die jüdisch-christliche Verständigung eintrat.

Durch die Lektüre des Buches „Das Wesen des Judentums“  –  das er übrigens seiner „lieben Frau“ gewidmet hat  –   können auch Christen in mancherlei Hinsicht ihren eigenen Glauben besser verstehen, denn dieser beruht auf dem jüdischen „Mutterboden“, dem Glauben des Volkes Israel.

Das Christentum ist ein  –  gleichsam selbständig gewordenes  –  Kind des Alten Bundes, das bei all seiner Unabhängigkeit jedoch seine Wurzeln weder vergessen noch verleugnen sollte.

Zurück zu Leo Baeck, dem großen jüdischen Vordenker der Zwischenkriegszeit (Weimarer Republik)  – im Grunde sogar schon früher, denn einige seiner Werke entstanden bereits am Ende des 19. Jahrhunderts. 

Für Christen ist nun vor allem die Frage von Interesse: Wie steht diese bedeutende Koryphäe des Judentums zu Jesus aus Nazareth? 

„Jesus war ein Jude unter Juden“kleines-rituale

Natürlich teilt ein Jude nicht den Glauben an die Gottheit Christi oder die Dreieinigkeit Gottes, sonst wäre er ja Christ  –  das ist wohl logisch. Aber wie beurteilt Leo Baeck die Persönlichkeit dessen, der als Jude zugleich der Begründer des Christentums, der Stifter seiner Kirche war und ist?

Um dies zu verdeutlichen, wählen wir einige Zitate aus den Werken des jüdischen Gelehrten, der immer wieder betonte, daß Jesus ganz und gar ein Jude gewesen sei. Baeck, der an der Kirchengeschichte verständlicherweise einiges zu kritisieren weiß, läßt auf IHN nichts kommen, bezeichnet IHN als „gottgesandte Persönlichkeit“.

Jesus sei, so schreibt er, „in jedem seiner Züge durchaus ein echt jüdischer Charakter“ gewesen, ein Mann, „wie er nur auf dem Boden des Judentums – nur dort und nirgends anders  – erwachsen konnte.

Jesus ist eine echt jüdische Persönlichkeit, all sein Streben und Tun, sein Tragen und  Fühlen, sein Sprechen und Schweigen: es trägt den  Stempel jüdischer Art, das Gepräge des jüdischen Idealismus, des Besten, was es im Judentum gab und gibt, aber nur im Judentum damals gab. Er war ein Jude unter Juden.“ (1)

„Er hat das Reine und Gute des Judentums offenbart“

Später schreibt der Rabbiner, daß Jesus vor seinem geistigen Auge stehe „mit edlen Zügen“, ein Mann „aus dem jüdischen Volke, auf jüdischen Wegen, im jüdischen Glauben und Hoffen“. 013_10a

Jesus war aus Baecks Sicht ein Mann, „der in allen Linien und Zeichen seines Wesens das jüdische Gepräge aufzeigt, in ihnen so eigen und so klar das Reine und Gute des Judentums offenbart“.  

Der „große Bruder“ aus Nazareth sei einer gewesen, der „in der jüdischen Zuversicht und Sehnsucht, durch sein Leben und in seinen Tod gehen konnte – ein Juden unter Juden.“ (2)

BILD: Die katholische Kirche St. Bernhard (Münster) zeigt den Gekreuzigten mit einem jüdischen Gebetsschal

Natürlich beschränkt sich auch dieser Gelehrte (wie viele andere Juden, die sich ähnlich geäußert haben) auf eine Wertschätzung Jesu als Mensch, als Jude und als edle religiöse Persönlichkeit.

Zugleich bedeutet diese Hinwendung zum Stifter des Christentums aber auch eine Art „Heimholung“ Jesu in die jüdische Welt hinein, die Erkenntnis seines wahrhaft israelitischen Charakters, wie er aus den Worten und Taten Christi hervorleuchtet  – und auch aus seinem Leiden und Sterben!

  • Quellenangaben:
  • 1.) MGWJ (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums), 45. Jahrgang, 1901, S. 118
  • 2.) Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte, Leo Baeck, 1938, S. 69