Motto der hl. Edith Stein (1891 – 1942): Wie können wir an der Hand des HERRN leben?

Von Pfarrer Felix Evers

„Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: Wie man es anfangen kann, an der Hand des HERRN zu leben.“ (Brief vom 28.4.1931)

Als Nesthäkchen einer großen jüdischen Familie in Breslau hatte Edith Stein eine behütete Kindheit. Nach ihrem Psychologiestudium wechselte sie an die Universität Göttingen – in einem steten Hunger nach der Wahrheit.

Die begeisterte Philosophiestudentin stieß bald an ihre Grenzen. Trotz ihrer hohen Begabung und ihres glänzenden Doktorexamens blieb ihr als Frau die berufliche Anerkennung verwehrt.

Als Edith Stein sich im Sommer 1921 nach der Lektüre der Autobiographie der heiligen Teresa von Ávila entschloss, um die Taufe in der katholischen Kirche zu bitten, wurde ihr Leben dadurch nicht leichter. Erst die judenfeindliche Gesetzgebung des Dritten Reichs, die ihr jede berufliche Tätigkeit verwehrte, öffnete ihr die Tür zum Kölner Karmel.

Aber wie litt Edith unter dem Schicksal ihres jüdischen Volkes, das auch bald das ihre werden sollte.

Edith Stein wird leider allzu oft ausschließlich als intellektuell beschrieben. In ihren Briefen hingegen begegnet uns die Mystagogin – die Frau, die uns lehrt, wie man es anfangen kann, an der Hand des HERRN zu leben und im Herzen nicht mehr „solo“, sondern „wie zu zweit“ mit Gott zu sein. Denn der wohl häufigste Grund, den Glauben an Gott zu verlieren, ist die Frage nach Gott und dem Leid: „Warum, Gott, müssen wir leiden, wenn du uns doch so sehr liebst?“

Hierauf gibt Edith Stein die einzig richtige Antwort: Sie stellt Gott nicht wegen ihres Leids und Schicksals infrage, sondern stellt Gott die Leidfrage – und Gott beantwortet sie mit seinem Mitleiden in Christus.

Edith Stein vertraut auf einen „sympathischen“, also „mitleidenden“ Gott  –  und dieser Gott kommt selbst in Jesus von Nazareth, um uns zu trösten.

In der Tradition Paul Gerhardts kann deshalb auch ein Dietrich Bonhoeffer dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag; Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Am 28. April 1931 schreibt Edith an Schwester Adelgundis Jägerschmid: „Gott weiß, was er mit mir vorhat. Ich brauche mich darum nicht zu sorgen.“

Eine heilige Gelassenheit spricht aus diesen Worten, eine Gelassenheit, die offen bleibt für das Wirken des HERRN, an dessen Hand wir unterwegs sind.

Das lerne ich bis heute von Edith Stein: Die kleine und einfache Wahrheit, immer wieder neu – in Freud und Leid – die Hand Jesu zu ergreifen, der unsichtbar als Auferstandener meine Lebenswege treu begleitet.

 

 


Ranis: Fastennachmittag mit Dr. Boroda würdigt sechs christliche Märtyrer der NS-Zeit

Jüdischer Autor über „Leidenswege in einem gottlosen System“

Beeindruckende Zeugnisse von Menschen, die für ihren Glauben ein Martyrium auf sich nahmen, legte Dr. Moisei Boroida am zweiten Fastensonntag in der katholischen St.-Elisabeth-Kirche in Ranis (Thüringen) vor.

Der Musikwissenschaftler und Autor zeichnete die Lebenswege von sechs christlichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts nach, die „dem gottlosen System der Nationalsozialisten zum Opfer fielen“.

Da­bei verwob der 1947 in Georgien als Kind jüdischer Eltern geborene Künstler die Biographien mit Briefen, Zitaten und emotionalen Szenen zu einem Gesamtkunstwerk, ergänzt von der Musik der Schola der katholischen Gemeinde.

BILD: Mit den zwei Bänden des „Deutschen Martyrologiums“ bedankte sich Johannes Heibel (rechts) vom Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde Ranis bei Dr. Moisei Boroda in der St.-Elisabeth-Kirche.

Alle Märtyrer vereint die Bereitschaft, für ihren Glauben den Tod auf sich zu nehmen. Wie sich bei einzelnen Theologen des vergangenen Jahrhunderts diese Erkenntnis geradezu herausbildete, stellte Dr. Moisei Boroda eindrücklich vor.

Seine Texte – von den Lektoren der Raniser katholischen Gemeinde gelesen – ließen die Gäste aus Ranis, Pößneck, Neustadt/Orla, Auma, Weida und Saal­feld an den letzten Stationen des Lebens von Karl Leisner, Alois Andritzki, Edith Stein, Alfons Maria Waxmann, Franz Reinisch und Dietrich Bonhoeffer teilhaben.

Während Edith Stein, laut Boroda „eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des christlich-jüdischen Glaubens“, und der evange­lische Theologe Dietrich Bonhoeffer sicherlich den meisten Gästen vertraut waren, erschloss der Wissenschaftler mit den anderen vier Priestern Neuland. Alle kamen während des Zweiten Welt­krieges, zumeist in Konzentrationslagern oder in Gefängnissen, oder kurz danach ums Leben.

Drei von ihnen sind seliggesprochen (Leisner, Andritzki, Stein), für einen hat der Prozess dazu be­gonnen (Reinisch), Edith Stein wurde außerdem 1989 heiliggesprochen. Damit wird sie als Heilige in der katholischen Kirche besonders verehrt.

Johannes Heibel von der Raniser Gemeinde, der Dr. Moisei Boroda eingeladen hatte, sagte zur Begrüßung: „Uns erscheint es heute fremd, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und hingerichtet wurden.“ – In vielen Ländern der Welt sei dies jedoch auch heute noch zu beobachten.

Gleichzeitig schlug er den Bogen vom Pallotinerpater Franz Reinisch – einem der vorgestellten Märtyrer – zur Region: Zwei aus der weltweiten Gemeinschaft waren viele Jahrzehnte auch hier als Priester tätig, Pater Ewald Rieg in Ranis und Pater Remigius Unmüßig in Ziegenrück.

Als „sehr ansprechend und sehr prägnant“ würdigte Pfarrer Werner Ciopcia aus Neustadt/Orla im Gespräch mit dieser Zeitung den Fastennachmittag in Ranis. Ihn habe vor allem das Zusam­menspiel der Lebens- und Leidenswege der sechs Märtyrer sehr angesprochen.

„Das 20. Jahrhundert hat uns gezeigt, in welchen Abgrund der Staat kommen kann, wenn er und seine Anführer sich von Gott lossagen“, gab Dr. Moisei Boroda den Gästen am Ende der Veranstaltung mit auf den Weg.

Wenn Edith Stein gesagt habe, dass kein Weg am Kreuz vorbeiführe, so erweitere er diese Aussage zu: „Kein Weg führt an Gott vorbei“, so der Schriftsteller, Komponist und Musikwissenschaftler.

Autor dieses Artikels und Fotograf des ersten Bildes ist Stephan Breidt aus Ranis, dem wir für die Abdruckgenehmigung herzlich danken.

Gemälde: Evita Gründler

 


Buch-Vorstellung: Ein judenchristliches Mädchen sucht ihre Mutter im KZ

„Geborgen im Schatten Deiner Flügel“ von Anita Dittmann

Kurz vor Kriegsende werden tausende Juden in das tschechische Vernichtungslager Theresienstadt deportiert. Eine 18-Jährige begibt sich auf eigene Faust dorthin, mitten durch das Kriegsgebiet: Anita Dittman sucht ihre Mutter.

„Geborgen im Schatten deiner Flügel“ ist das beeindruckende Zeitzeugnis einer heute 92-Jährigen, die als Halbjüdin während der NS-Zeit aufwuchs.

Sie schreibt nicht nur über 12 Jahre Überlebenskampf während der Schreckensherrschaft der Nazis, sondern auch über Wunder, Trost und Kraft, die sie durch ihren Glauben erfuhr.

Ihre Autobiografie „Geborgen im Schatten deiner Flügel“ ist gerade im Verlag Gerth Medien erschienen.

Deutschland, 1933: Die heile Welt der sechsjährigen Anita wird erschüttert. Der Judenhass ist greifbar, die Bedrohung für Leib und Leben real.

Anita und ihre Mutter setzen ihr Vertrauen inmitten der Bedrängung auf Jesus Christus und erleben Wunder um Wunder. Doch sie werden auseinandergerissen. Ihre Mutter wird ins KZ Theresienstadt deportiert.

Anita ist gerade 16 Jahre alt. Sie selbst kann schließlich dem Arbeitslager entkommen. Und sie sucht ihre Mutter. Auf eigene Faust bahnt sich Anita einen Weg durchs Kriegsgebiet.

„Geborgen im Schatten deiner Flügel“ ist die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens, das alles riskiert. Zugleich zeugt die Autobiografie davon, wie Anita Dittman (siehe Foto) Geborgenheit und Gottes Fürsorge in den tiefsten Momenten des Lebens erfährt.

Zur Buchbestellung hier: https://www.gerth.de/index.php?id=201&sku=817497


Israel ehrt Hans Söhnker und Heinz Gützlaff als „Gerechte unter den Völkern“

Hans Söhnker und Heinz Gützlaff sind am Mittwoch in einer Feierstunde in Berlin von der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt worden.

Hans Söhnker und Heinz Gützlaff riskierten während der NS-Diktatur ihr Leben, um verfolgte Juden zu retten. Der jüdische Orthopäde Dr. Kurt Hirschfeldt musste im November 1942 in Berlin untertauchen und konnte nur durch die Hilfe zahlreicher Helfer überleben. 

Heinz Gützlaff gab Kurt Hirschfeldt seine eigene Kennkarte, Hirschfeldts Foto wurde eingefügt und so wurde er zu „Heinz Gützlaff“.

Dieser gefälschte Ausweis wird in der Gedenkstätte Stille Helden gezeigt, in der die Feierstunde zur Ehrung der beiden Gerechten stattfand.

Kurt Hirschfeldt überlebte in unterschiedlichen Verstecken. Ab Januar 1945 bis zum Ende des Krieges beherbergte ihn der bekannte deutsche Filmschauspieler Hans Söhnker in seinem Wochenendhaus am Wünsdorfer See in der Nähe von Zossen/Brandenburg. In den Jahren 1943 und 1944 hatte Söhnker dort auch die verfolgten Juden Ludwig Lichtwitz und Werner Scharff erstreckt.

Botschafter Jeremy Issacharoff überreichte die Yad Vashem-Medaille und die Ehrenurkunde an die Tochter und den Sohn von Heinz Gützlaff, Dr. Kathrin Reiher und Franz Gützlaff. Für Hans Söhnker nahm seine Urgroßnichte, die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau, die Ehrung entgegen (siehe Foto).

Der Cousin von Kurt Hirschfeldt, Walter Frankenstein, war aus Stockholm angereist um an der Ehrung teilzunehmen. Hans Söhnker hat auch ihm geholfen, die Shoah in der Illegalität zu überleben. Walter Frankenstein hatte den Antrag auf Anerkennung für die beiden „Gerechten“ in Yad Vashem gestellt.

Botschafter Issacharoff erklärte in seiner Rede, es handele sich bei der Geschichte nicht um eine „Geschichte der Verzweiflung, es ist eine Geschichte der Inspiration, es ist keine Geschichte der Schuld, es ist eine Geschichte des Stolzes.“

Quelle: http://embassies.gov.il/berlin/NewsAndEvents/Pages/Gerechte-unter-den-V%C3%B6lkern-geehrt-071118.aspx


Israelischer Staatspräsident in Dänemark wg. 75. Jahrestag der Rettungsaktion für Juden

Der israelische ​Staatspräsident Reuven Rivlin befindet sich derzeit auf offiziellem Besuch in Dänemark. Anlass des Besuchs ist der 75. Jahrestag der Rettung der dänischen Juden.

Der Staatspräsident eröffnete seinen Besuch mit einem Besuch am Denkmal für den dänischen Untergrund, der die Rettungsaktion organisiert hatte, mit der beinahe 90% der jüdischen Mitbürger Dänemarks vor der Deportation bewahrt worden waren. Die Menschen wurden mit Booten ins sichere Schweden gebracht.

Für diesen Widerstand wurde das dänische Volk von Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Anschließend wurde der Staatspräsident von Königin Margarethe empfangen. Auf seiner Facebook-Seite erklärte er: „Seit vielen Jahren setzt sich die dänische Königin für die Wahrung des Andenkens an die Rettung der Juden Dänemarks vor den Nazis und für gute Beziehungen zu Israel ein. Bei meinem Besuch im Königspalast hatte ich die Gelegenheit, ihr dafür zu danken und ihr zu versprechen, dass wir die Beziehungen zwischen den Ländern bewahren und vertiefen.“

Quelle: Isaraelische Botschaft in Berlin


Geniale Wegbereiter auch in der Kirchenmusik: Georg und Maria Luise Thurmair

Von Dr. Eduard Werner

In Zeiten des Überflusses und des Übermutes braucht es Propheten, die zur Besonnenheit und Verinnerlichung aufrufen. So war es auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem 1. Weltkrieg und vor allem nach den Wirren der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 wurden Arbeitslosigkeit und Hunger allmählich überwunden.

Sportliche Leistungen und technische Neuerungen hatten das Selbstbewusstsein der Deutschen wieder hergestellt. Oberflächlichen Zeitgenossen schien das „Tausendjährige Reich“ wohl begründet. Man glaubte, mit Zuversicht in die Zukunft sehen zu können.

In diese überhebliche Siegesstimmung hinein rief schon 1935 der Münchner Kirchenmusiker Georg Thurmair: „Wir sind nur Gast auf Erden!“

Das Leid und die Not, die durch Verfolgung und Krieg wieder drohten, haben Künstler schon Jahre vorausgespürt. Offene Kritik am politischen System war verboten und wäre gefährlich gewesen.

Aber während in Deutschland offiziell Parteilieder angestimmt wurden, erklangen auch jeden Sonntag zwischen der Nordsee und den Alpen in den Kirchen religiöse Lieder, die den Sinn der Menschen auf bleibende Werte richteten.

Und die Priester haben diesen Ruf in ihren Predigten und Gebeten vorsichtig aufgenommen: „Möge uns der Herr bewahren vor dem drohenden Unheil.“

Das war der Tenor in vielen Predigten damals. Wer Ohren hatte zu hören, der hörte auch.

Thurmair zeichnete schon vor dem Krieg die Not, die Verlassenheit an der Front und in den zerbombten Städten „Die Wege sind verlassen und oft sind wir allein, in diesen grauen Gassen will niemand bei uns sein.“ … „Dann stell ein Licht uns aus, o Gott in Deiner Güte, dann finden wir nach Haus.“

In der äußersten Not fanden die Menschen nur bei Gott noch einen Funken Überlebenswillen.

Kirchenlieddichter wie Jochen Klepper, Georg und Luise Thurmair und andere haben ernste Mahnung und tröstliche Zuversicht in ihre Lieder hineingelegt.

Religiöse Jugendliche, die es damals auch gab, waren hellhörig genug, die ganze Dramatik zu erfassen, die sich vor ihnen auftat.

1941 heiratete Georg Thurmair die kongenial begabte Maria Luise Thurmair, geb. Mumelter, aus Südtirol. Mit Repräsentanten der katholischen Jugendbewegung wie Prälat Ludwig Wolker und Romano Guardini pflegte das Ehepaar eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Auch Maria Luise Thurmair dichtete Hunderte von Kirchenliedern, die ungezählten Menschen Kraft und Zuversicht spendeten. 1984 starb Georg Thurmair, 2005 starb Maria Luise Thurmaier.

Beide haben das deutschsprachige Kirchenlied und die liturgische Erneuerung stark befruchtet. Auch heute ist es aufschlussreich, die damaligen Kirchenlieder zu ihrer Entstehungszeit in Beziehung zu setzen.

Wie vielen Menschen haben sie seither schon Trost und Zuversicht geschenkt!

 


Münster/Tel Aviv: Großer jüdischer Freund Deutschlands sprach heute im Paulus-Dom

Von Felizitas Küble

Am heutigen Mittwoch, dem 29. August, sprach Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland, im Paulus-Dom von Münster im Rahmen der Vortragsreihe „Domgedanken“. Primor ist Vorsitzender der Israelischen Gesellschaft für Auswärtige Politik (Israel Council on Foreign Relations).

Der Andrang interessierter Menschen war so gewaltig, daß die Sitzplätze nicht ausreichten. Zu den Zuhörern in der ersten Reihe gehörte auch Diözesan-Bischof Dr. Felix Genn.

Nach seiner völlig frei gehaltenen Ansprache erhielt der jüdische Diplomat minutenlangen Beifall. 

Der heute 83-jährige Primor wirkte von 1993 bis 1999 als Botschafter in Bonn. In dieser Zeit setzte er sich in einzigartiger Weise für die deutsch-israelische Verständigung ein. Dazu diente nicht zuletzt sein im Jahre 1997 erschienenes Buch „…mit Ausnahme Deutschlands.“  

Der Sohn von Holocaust-Überlebenden wollte nämlich ursprünglich überall in der Welt Diplomat werden „mit Ausnahme Deutschlands“. Die gesamte Familie seiner Mutter wurde in der NS-Diktatur ermordet. Doch Primors Kontakte mit Deutschen änderten seine Einstellung allmählich grundlegend – und schlußendlich vertrat er den jüdischen Staat ausgerechnet in Deutschland.

Sein Buch ist eine ebenso kompetente wie humorvolle Sympathie-Erklärung für unser Land, ohne deshalb unkritisch zu sein, jedoch immer fair und freundlich. So erlebten wir ihn auch selber, denn unsere Redaktion stand damals im guten Briefkontakt mit Primor. 

Dompropst Kurt Schulte begrüßte den prominenten Gast, der eigens aus Tel Aviv eingeflogen war und auf einem Ministrantenhock im Chorraum Platz nahm (siehe 2. Foto).

Zur Einstimmung gab es musikalische Einlagen aus traditionellen jüdischen Gebeten. Ergänzend dazu wurde die Veranstaltung mit dem Vaterunser-Gebet abgeschlossen, zu dem alle gemeinsam aufstanden.

Wir haben im CHRISTLICHEN FORUM  bereits begründet, daß das Vaterunser ein zutiefst jüdisch geprägtes Gebet ist – und das nicht allein deshalb, weil Jesus selber Jude war, sondern weil sein gesamter Inhalt vom jüdischen Gedankengut lebt. (Siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2016/11/09/die-juedischen-wurzeln-des-vaterunser-gebets/)

Der Vortrag Primors wirkte sehr persönlich und lebendig, nicht nur wegen der heiteren Anekdoten und seiner freien Redeweise, sondern auch wegen der historisch bewegenden Themen, ging es doch um seinen Blick auf das Verhältnis von Deutschen und Juden.

Gleich zu Beginn lobte er (erstaunlicherweise) den katholischen Templerorden und betonte mehrfach, dieser habe damals im Hochmittelalter sehr viel Gutes für das Land geleistet im Sinne von Fortschritt und Modernisierung.

Zwischen Juden und Templern hätten „allerbeste“ Beziehungen bestanden – nicht nur im Mittelalter, auch später bis in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Das Thema Kreuzzüge erwähnte der Regner nicht.

Sodann würdigte Primor den israelischen Nachrkriegs-Ministerpräsidenten David Ben Gurion. Dieser habe Vertrauen zum deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer entwickelt (Adenauer hatte sich in der NS-Zeit als Gegner der Nazis erwiesen). Für Ben Gurion bestand kein Zweifel: das neue Deutschland ist ein  a n d e r e r  Staat als die NS-Diktatur.

Für die Israelis war dies damals noch völlig befremdlich. Die Abwehrhaltung und Abneigung gegenüber Deutschland war verständlicherweise groß. Doch der israelische Regierungschef war nüchtern und machte sich klar, daß sein junger Staat sich im Aufbau befand, praktisch keine Industrie vorhanden war, zugleich aber immer noch große Massen jüdischer Flüchtlinge und Einwanderer ins Land strömten.  

Er benötigte dringend Unterstützung und begann daher klugerweise mit Handelsbeziehungen zu Deutschland. Dazu kam das mit Adenauer vereinbarte Wiedergutmachungsabkommen. Diese Politik führte in Israel zu Massenprotesten auf der Straße, doch Ben Gurion ließ sich nicht beirren.

Er wollte deutsche Technik, Knowhow und Investitionen ins Land holen. Damit kam es automatisch zur Fühlungsnahme mit deutschen Experten, Ingenieuren, Wirtschaftsleuten – und es entstanden auch auf menschlicher Ebene immer mehr Kontakte. Zugleich ging es durch diese vorausschauende Politik mit der israelischen Wirtschaft aufwärts. „Das hat uns damals gerettet“, erklärte Avi Primor wörtlich.

1965 war es dann soweit: Deutschland und Israel nahmen diplomatische Beziehungen miteinander auf. Heute seien 80% der Israelis deutschlandfreundlich eingestellt, erklärte der frühere Botschafter. Ende der 50er Jahre sei es noch genau umgekehrt gewesen. Der jüdische Staat würde mit den USA und Deutschland heute weltweit die engsten Beziehungen pflegen. Aus seiner Sicht sei die israelisch-deutsche Freundschaft heute nicht nur „bestens“, sondern „ein Wunder“.

Anders standen die Aktien freilich bei der „DDR“. Der kommunistische bzw. sowjetisch beherrschte Teil Deutschlands war im Sinne des Ostblocks extrem israelfeindlich und einseitig pro-arabisch. Es gab zwischen der „DDR“ und Israel keine diplomatischen Beziehungen, sondern Eiszeit.

Der frühere Botschafter äußerte sich auch zum arabisch-israelischen (Miß-)Verhältnis. Die Palästinenser bezeichneten sich selber in der Nachkriegszeit als Araber. Primor erwähnte den Überfall arabischer Armeen auf den jüdischen Staat kurz nach dem Beschluß der UNO vom 29.11.1947, wonach das Heilige Land zwischen Juden und Arabern geteilt werden soll – doch die islamische Seite beanspruchte das gesamte Land für sich allein.

Der jüdische Gast betonte im Dom, wie wichtig es für den Frieden im Nahen Osten sei, daß sich die Beziehungen zwischen Juden und Arabern verbessern. Auch die Palästinenser sollten in Würde leben können.

BILD: Eingang der Synagoge von Münster

Aus meiner Sicht besteht ein großes Hindernis für eine jüdisch-arabische Verständigung jedoch im Islam selbst, in seinem antisemitischen und zudem militanten Potential, was alle noch so wohlmeinenden israelischen Bemühungen nicht ändern können.

Von daher fand ich es merkwürdig, wenngleich typisch für die islamfreundliche Bistumsleitung von Münster, daß die Kollekte für diesen Abend an die „Flüchtlingshilfe“ ging.

Die in unser Land strömenden Migranten bestehen zu 80% aus Muslimen, die zudem häufig ihren Antisemitismus „importieren“. Das Problem wird auf jüdischer Seite längst klar erkannt: https://charismatismus.wordpress.com/2018/02/27/historiker-wolffsohn-ist-besorgt-gewalt-gegen-juden-geht-allein-von-muslimen-aus/

Zudem wäre es ohnehin dem Redner und Anlaß angemessener gewesen, die eingesammelten Spenden der Gläubigen an ein israelisches Hilfszentrum oder eine soziale Initiative im Hl. Land zu übermitteln (gerne auch an ein Projekt, das sich für den Dialog mit Palästinensern einsetzt)  – oder an die Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit in Münster bzw. die Deutsch-israelische Gesellschaft, was höchst angebracht gewesen wäre. Schließlich ging es in Primors Vortrag um genau diese Anliegen, vor allem um die israelisch-deutsche Freundschaft!  

Felizitas Küble leitet den katholischen KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.