Oberschwäbische Künstlerfamilie: Ausstellung in Bad Saulgau über „Die Mesmers“

Johann Georg Mesmer (1715 – 1798) ist Stammvater einer weit-verzweigten und über sechs Generationen reichenden „Künstlerdynastie“, deren verwandtschaftlichen Sauter-Jahrmarkt-70x84-webBeziehungen vom Kemptener Hofmaler Franz Georg Hermann über den Aulendorfer Genremaler Johann Georg Sauter bis hin zu Gustav Mesmer, dem sogenannten „Ikarus vom Lautertal“, reichen.

BILD: J.G. Sauter: Oberschwäbischer Jahrmarkt

Aus Anlass des 300. Geburtstages von Johann Georg Mesmer, einem Schüler und Mitarbeiter von Franz Joseph Spiegler beim Zwiefalter Münster, widmet sich die Städtische Galerie Fähre dieser außergewöhnlichen Malersippe.

Dabei wird nicht nur an Johann Georg Mesmer und seinen Sohn Josef Anton erinnert, die im 18. und 19. Jahrhundert in über 70 Kirchen Oberschwabens und der Schweiz ihre Spuren hinterlassen haben.

Mit Johann Georg Sauter (1782 – 1856) ist auch ein Landschafts- und Genremaler aus der Familie hervorgegangen, der beispielhaft für den Biedermeier in unserer Region steht.

Aber auch die weiteren Künstler sind typische Vertreter ihrer Zunft, in denen sich von der Romantik bis zur Outsider-Art des Flugradbauers Gustav Mesmer die verschiedenen stilistischen Strömungen der Zeit widerspiegeln: Wie in einem Brennglas fokussiert sich hier ein Kapitel regionaler Kunstgeschichte, das bisher nur wenig Beachtung gefunden hat.

Quelle und weitere Infos hier: http://www.bad-saulgau.de/buerger/kultur_veranstaltungen/Mesmer.htm


„Besenkapellen“, Magie und Aberglaube: Reisigbesen als Abwehrzauber

Von Felizitas Küble

In Bayern, Oberschwaben und im Allgäu gibt es einige sogenannte „Besenkapellen“ im ländlichen Raum. Dort sind keine Besen ausgestellt wie in einem Museum. Vielmehr haben noch im vorigen Jahrhundert viele Leute dort ihren magischen Vorstellungen freien Lauf gelassen und tun dies vereinzelt auch heute noch:

Es gab vielfach eine abergläubische Angst vor Zigeunern oder „Hexen“ (bisweilen wurde beides miteinander vermengt und das „fahrende Volk“ als verhext angesehen). Zudem wollte man keine Diebe im Haus und keine Hausierer vor der Tür. Was tun?

Man stellte einen Besen aus Reisigholz kopfüber vor die Haus- oder Stalltür. Damit wollte man eben nicht nur Sturm, Hagel und sonstige Unwetterschäden „abhalten“, sondern auch einen Abwehrzauber gegen „Hexen“ und Schadensmagie sowie gegen Diebe betreiben.

Daß solche Abwehrmittel  aber  s e l b e r  magisch sind bzw. sich auf einer abergläubischen Ebene befinden, wurde weitgehend verdrängt. (Auch die sog. „weiße“ Magie ist ja magisch, nicht nur die offensichtliche Schwarzmagie, bei der man immerhin weiß, woran man ist!)

Mitunter wurden Besen nicht nur an der eigenen Haustür abgestellt, sondern an den Wänden kleiner Dorfkirchen und Kapellen. Manchmal waren es sog. „Pestkapellen“, die aus Dankbarkeit errichtet wurden, wenn eine Ortschaft ganz oder größtenteils von der Pest verschont blieb. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, im Gegenteil. P1020947 - Kopie

Wer die Seuche als Betroffener überlebte, „opferte“ dafür symbolisch einen Besen als Reinigungsgerät, weil man ja von der Pest „gereinigt“ wurde. Das kann man noch als bloße Symbolhandlung verstehen.

Übergang vom Besen-Symbol zum Besen-Kult:

Es blieb aber nicht immer bei harmlosen Anfängen. Nach einiger Zeit machte sich ein geradezu magischer „Besenkult“ breit  –  und das Ende vom Lied war der Besen als Abwehrzauber gegen „Hexen“ oder böse Geister bzw. Dämonen (evtl. verbunden mit der Wahnvorstellung vom „bösen Blick“).

In manchen Gegenden  – vor allem im ländlichen Raum –   glaubte man: Wenn ein Besen, der in der Nähe der Tür angelehnt war, umfiel, war die Frau (oder der Mann), welche(r) als nächste(r) hereinkam, angeblich eine Hexe bzw. ein Hexenmeister. (Auch verdächtigte Männer wurden während des Hexenwahns verfolgt, wenngleich bei weitem nicht so häufig.)

Hier kamen altgermanische, heidnische (!) Vorstellungen zum Vorschein, die trotz der Christianisierung unseres Volkes nicht vollständig überwunden wurden. Glaube und Aberglaube, tiefe Volksfrömmigkeit und Magie liegen mitunter „haarscharf daneben“, deshalb gilt mit Recht das Prinzip: Wehret den Anfängen!

Grenzwertig ist es schon, wenn man glaubte, durch den Gang zu einer speziellen Besenkapelle von bestimmten Krankheiten wie Furunkeln oder Karbunkeln geheilt zu werden (so zB. bei einer Besenkapelle in der Nähe von Wolfegg im Vorallgäu). Warum mußte es  – so fragt man sich – denn unbedingt gerade eine „Besenkapelle“ sein?

Als weiteres Beispiel sei die Besenkapelle im oberschwäbischen Haisterkirche bei Bad Waldsee erwähnt  – genau heißt sie eigentlich St-Wendelinus-Kapelle, benannt nach dem irischen Missionar Sankt Wendelin. Noch bis vor 50 Jahren haben Leute dort um die Kapelle herum ihre Reisigbesen hinterlassen, vereinzelt auch noch danach.

Die lokale „Bildschirmzeitung“ schreibt hierzu Folgendes:

„Wer unter Hautauschlägen, Geschwüren, Warzen litt, konnte von seinen Leiden befreit werden, wenn er bei der Wendelinuskapelle – im Volksmund auch „Besenkapelle“ genannt – heimlich einen Reisigbesen ablegte.

Als einmal ein Pfarrer von Haisterkirch zu Beginn des letzten Jahrhunderts gegen diesen Aberglauben von der Kanzel wetterte und danach als Beweis alle Besen einsammelte, wollte es das Ungemach, dass er wenige Wochen später ein „Oisa“ (Abszess) ins Genick bekam. Für die Bevölkerung war dies eine deutliche Bestätigung ihres Aberglaubens und die Besenablegerei florierte noch mehr. Kaum jemand machte sich Gedanken darüber, dass sich der Pfarrherr aufgrund des Reibens am damals üblichen Stehkragen ganz einfach infiziert hatte.“

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Fotos: Felizitas Küble, Dr. Bernd F. Pelz


Sonderausstellung über Heimatvertriebene in Ravensburg

Eine Sonderausstellung  in der oberschwäbischen Kreisstadt Ravensburg befaßt sich mit dem Thema: „Meine Heimat im Glas: Ravensburger Heimatvertriebene“. Plakat-Heimatvertriebene

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen rund 6000 deutsche Heimatvertriebene aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien, aus dem Sudetenland, Westpreußen und Danzig nach Ravensburg.

Die Sonderausstellung beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Lebensgeschichten, mit der Integration und den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leistungen der Heimatvertriebenen in Ravensburg und setzt sich mit dem vielfältigen Begriff Heimat auseinander.

Dauer: vom 11. April bis 14. September 2014.
Ort: Museum „Humpis-Quartier“, Marktstr. 45 in 88212 Ravensburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Donnerstag von 11 bis 20 Uhr.

Es gibt auch einen Katalog zur Ausstellung.

Weitere Infos: http://www.museum-humpis-quartier.de

Allgemeine Auskünfte über Museen und Ausstellungen in Baden-Württemberg: http://www.netmuseum.de

 


Buchklassiker über die europaweite Wallfahrt zum Gnadenbild „Maria vom Blut“

Gediegene Volksfrömmigkeit und Brauchtum jenseits aller Schwärmerei

Buchdaten:                                                                                                                         
Alexander Hepp  –  MARIA VOM BLUT.  –  Ursprung, Geschichte und Wunder der Wallfahrt im oberschwäbischen Bergatreute.  –  Fe-Medienverlag, Kisslegg 2009. (Die 2., überarbeitete und erw. Auflage erschien 2011)  –  448 Seiten. 29,80 €.  – ISBN-10: 3863570103 00384-n_m

Seit einigen Jahrzehnten werden auch katholische Kreise von schwarmgeistigen Bewegungen und ihren enthusiastischen Begleiterscheinungen heimgesucht, die früher weitgehend in der vielfältigen protestantischen Charismatikerszene beheimatet waren.

Doch die Sehnsucht nach dem Wunder(baren), nach „übernatürlichen“ Gaben, nach außergewöhnlichen Glaubenserfahrungen, nach  Heilungen und besonderen religiösen Erlebnissen wächst geradezu enorm in einer Zeit, die theologisch stark von einem „seelenlosen“, kalten Rationalismus geprägt ist, oftmals auch innerhalb der Kirche.

Umso mehr suchen verunsicherte Menschen nach den Quellen wahrer Frömmigkeit, nach dem „Herz“ des Glaubens, weil jene überzogene Verkopfung zu innerer Ausdürrung geführt hatte.

Freilich besteht nun die naheliegende Gefahr, daß das Pendel in die andere Richtung ausschlägt: hin zum Irrationalismus, zu einem irrgeistigen Mystizismus, zur Suche nach Erscheinungen, angeblichen Himmelsoffenbarungen, ja zur Sucht nach „Zeichen und Wundern“. Mag die Sehnsucht auch verständlich sein, so darf sie doch nicht zur Sucht entarten.

In einer vernünftigen und soliden Mitte zwischen diesen Extremen, die beide dem gesunden Glauben und Denken abträglich sind, steht jene bewährte katholische Volksfrömmigkeit, die das Herz am rechten Fleck hat, aber gleichwohl nicht „kopflos“ wird, sondern bei aller Gemütsinnigkeit des Glaubens doch zugleich nüchtern und bodenständig bleibt. DSCF8427 - Kopie

Zu dieser gediegenen Volksfrömmigkeit mit ihrem vielfältigen, lebensnahen Brauchtum gehören auch die katholischen Wallfahrtsorte: große und kleine, bedeutende und unbekannte. Solche Pilgerstätten beinhalten durchaus mehr als nur „Folklore“:  sie verwurzeln die Menschen stärker im Glauben und zeigen ihnen im Rahmen bewährter Traditionen immer wieder neu das Licht der Liebe Christi und den Abglanz seiner Heiligen, vor allem eine feste Geborgenheit unter dem „Schutzmantel“ der Madonna.

Zugleich sind solche altehrwürdigen und liebreichen Stätten der Frömmigkeit ein lebendiges Zeugnis der Kirche Christi, ihrer hohen Kunst und ihrer tiefen Volksverbundenheit durch die Jahrhunderte hindurch.

Ein imposantes Werk deutscher Gründlichkeit

Zu den „kleinen“, eher unscheinbaren Pilgerstätten dieses soliden „Volksglaubens“ gehört auch der oberschwäbische Wallfahrtsort Bergatreute im Kreis Ravensburg, nicht weit vom Allgäu entfernt.

Der noch recht junge, 1974 geborene Autor Alexander Hepp erforschte zehn Jahre lang mit Präzision, unermüdlicher Freude am Detail und solider Sorgfalt die interessanten Ursprünge, die vielseitige Geschichte und erstaunliche europaweite Verbreitung des Madonnenbildes von Re (Norditalien, Diözese Novara), von dem auch in Bergatreute ein eindrucksvolles Abbild von herber Schönheit verehrt wird.

Der geborene Bergatreuter, der heute mit seiner Familie im nahegelegenen Fürstentum Wolfegg lebt, verfaßte ein fast 450 Seiten umfassendes, im besten Sinne „erschöpfendes“ und zudem über 1,3 kg. schweres Standardwerk, das selbst einem Fachhistoriker oder professionellen Chronisten zur Ehre gereichen würde.

Der junge Verfasser des faktenstarken Marienbuches ist kernkatholischer Christ und  profunder Geschichtsschreiber aus innerer Leidenschaft, der bereits seit 1989  –  er war damals 15-jähriger Ministrant  –  in Bergatreute ehrenamtlich das Pfarrarchiv hütet.

Sein ansprechend und gediegen gestaltetes Werk ist intensiv vom Geist der vielgerühmten „deutschen Gründlichkeit“ durchdrungen  –  bis hinein in die zahlreichen akribischen Fußnoten, das ausführliche Sach- und Personen-Register im Anhang oder die präzisen Bildbeschreibungen von 172 Fotos, grafischen Dokumenten und Abbildungen.

Das imposante Werk mit zwei roten Lesebändchen, einer Leinenprägung mit Marienbild und vierfarbigem Schutzumschlag wird abgerundet durch wichtige Urkunden, alte Gebete und Lieder zur Wallfahrtsmadonna, die unter dem Titel „Maria vom Blut“ seit Jahrhunderten vom gläubigen Kirchenvolk verehrt wird.

Die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ würdigte in ihrer Ausgabe vom 14. Oktober 2011 das fundierte Werk des gläubigen Familienvaters, illustriert durch ein Foto, das Papst Benedikt zeigt, wie er im Anschluß an eine Generalaudienz das Buch des schwäbischen Autors entgegennimmt, der als „ehrenamtlicher Pfarrarchivar“ vorgestellt wird.

Neben ihm steht sein engagierter Gemeindepfarrer Dr. Claus Blessing, der dem Wallfahrtsbuch Hepps ein ausführliches, theologisch erhellendes Geleitwort beisteuerte, das bestens in die Gesamtthematik einführt. Außerdem wurde der Druck des Buches durch die Bergatreuter Pfarrei unterstützt.

In einem Interview mit dem PUR-Sonderheft „Sitz der Weisheit“ (Fe-Medienverlag) berichtet Alexander Hepp im Herbst 2011, dass er „immer schon die Wurzeln meiner Heimatwallfahrt in Bergatreute kennenlernen wollte“. Er fügt hinzu: „Natürlich hat mich auch als Ministrant die absolute Nähe zu dem Gnadenbild fasziniert.“  –  Das Gnadenbild gehöre „zum christlichen Lebensmittelpunkt unserer Familie“, erläutert er.   60505_05102011

Das Motiv des Pilgerns sei „die Suche nach der christlichen Wahrheit“.

Man begebe sich auf die Spuren Jesu, „der auch vor unserer Haustür, beispielsweise an Wegekreuzen und Bildstöcken, seine Botschaft offenbart“.

FOTO: Papst Benedikt mit Alexander Hepp und seinem Gemeindepfarrer

Mit seinem Buch wolle er „die wahren Quellen des Muttergottesbildes objektiv erfassen“, erklärte der Autor, „um so eine wissenschaftlich einwandfreie Dokumentation der Gnadenorte von Re, Klattau, Bergatreute und all den anderen Orten seiner Verehrung zu erhalten“.

Das Gnadenbild im italienischen Re (1494)

Der Ausgangspunkt all dieser glaubensinnigen Pilgerstätten ist das malerische Gebirgsdorf Re im oberitalienischen Bistum Novara:

Dort geschah am Dienstag, dem 29. April 1494, um 23 Uhr folgendes Ereignis: Das Madonnenfresko an der Außenwand der Mauritiuskirche beginnt zu bluten  – verursacht durch den Steinwurf eines betrunkenen Frevlers namens Giovanni Zucone, der beim Würfelspiel verloren hatte und aus Wut darüber einen Stein gegen das Marienbild schleuderte, wobei er die dargestellte Madonna an der Stirne traf. Schon bald danach soll sich der Zornentbrannte reumütig bekehrt haben.

Am nächsten Tag wurde der Blutguß erkannt, der sich bis Mitte Mai mehrmals erneuert haben soll. Der Bürgermeister des Gebirgsdorfs zweifelte zunächst, ließ aber alles kritisch untersuchen und bestätigte sodann, daß „dieses Blut auf wunderbare Weise und nicht durch menschliche Kunst herabgeflossen ist“.

Das Blut wurde in Kelchen und Tüchern gesammelt, wobei sich Reliquien davon noch heute auf der Rückseite des barocken Hochaltars der Sankt-Mauritius-Kirche befinden, die mehrfach umgebaut und sodann im Jahr 1958 zu einer monumentalen Basilika im neo-byzantinischen Stil erweitert wurde. Am Originalfresko in Re sind nach wie vor Spuren des Steinwurfs und des Blutes erkennbar.

Aus dem kleinen Dorf wurde eine beliebte Wallfahrtsstätte, wobei die thronende Gottesmutter als „Madonna del Sangue“ (Maria vom Blut) verehrt wird, die bis heute tausende Pilger anzieht. Fast fünfhundert gemalte Votivtafeln aus vielen Jahrhunderten bezeugen wunderbare Gebetserhörungen, Bekehrungen und Heilungen.

Ursprung der Wallfahrt von Bergatreute

Durch Kaminkehrer und andere Handwerker wurden Abbilder des wundersamen Gnadenbildes, das von unbekannter Hand stammt, weit über die Grenzen des Landes verbreitet. In Europa entstanden dort, wo sich fromm gesinnte Handswerksleute niederließen, kleinere und größere Wallfahrtsorte, in denen eine Kopie des ikonenartigen Madonnenbildes verehrt wurde, vor allem in Deutschland und Tirol, aber auch in Slowenien, Ungarn und Tschechien.

In der böhmischen Stadt Klattau ereignete sich 1685 an einem Abbild de Re-Freskos ein neues Blutwunder: Der Schneider Andreas Hirschberger, dessen Frau das Gemälde als Erbstück mit in die Ehe brachte, nahm nach einer schweren Erkrankung seiner Gattin Zuflucht zum Gnadenbild, worauf dieses an der Stirn zu bluten begann. Der Prager Erzbischof Johann F. Waldstein anerkannte zwei Monate später in einem Dekret das wunderbare Ereignis, worauf das Bild zur allgemeinen Verehrung in die dortige Pfarrkirche gebracht wurde.

Ein weiteres Gemälde der blutenden Maria mit dem ernsten Blick und dem hoheitsvollen Christuskind auf ihrem Schoß gelangte ein Jahr später in die oberschwäbische Pfarrei Bergatreute, was in dieser geradezu idyllischen Region eine dauerhafte Wallfahrtsbewegung auslöste, die bis heute anhält.   238217763_8ea6fe4722

Der damalige Pfarrer Michael Mietinger war ein Schwager des Ratsherrn Johann Jakob Teplitz in Klattau, der ihm ein hochwertiges Abbild der „Maria vom Blut“ schenkte (siehe Foto).

Der Geistliche bewahrte das Mariengemälde, das eine etwas hoheitsvolle Schönheit und Würde ausstrahlt, zunächst zur privaten Andacht jahrelang in seinem Pfarrhaus auf.

Doch auf Drängen der Gläubigen ließ er das herrliche Bild in seiner Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus aufstellen, was schon bald eine breite Pilgerwelle auslöste, die im 18. Jahrhundert ihre größte Blütezeit erreichte. So waren z.B. 1794 achtzehn Pfarrer zum jährlichen Wallfahrtsfest nach Bergatreute gekommen.

Aber auch in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts konnte die Verehrung des Bergatreuter Gnadenbildes bereits Wurzeln fassen. Nach den Schrecken des 30-jährigen Krieges suchten die Menschen wieder nach Heimat und Geborgenheit im Glauben, so daß eine wahre Aufbruchstimmung in der Frömmigkeit entstand.

Pfarrer Mietinger blieb angesichts des anhaltenden Pilgerstroms nichts übrig, als eine neue Kirche errichten zu lassen, die 1697 eingeweiht wurde. 20% der gesamten Baukosten bezahlte der seeleneifrige Hirte aus seiner eigenen Tasche. Er war neben seiner Marienfrömmigkeit besonders auch dem hl. Josef zugetan und gründete eine Bruderschaft zu seinen Ehren.

Pfarrer Mietinger wurde 1688  –  also bereits zwei Jahre nach der Ankunft des Klattauer Gnadenbilds  –  von seinem Bischof beauftragt, alle Berichte über angebliche Heilungen und wunderbare Gebetserhörungen notariell vernehmen zu lassen und die Gläubigen auf die Folgen eines falschen Eides hinzuweisen. Auch im 17. Jahrhundert war die Kirche hierbei sehr nüchtern, präzise und vorsichtig, um keine bedenkliche Wundersucht im Volke aufkommen zu lassen.

Die Taufe „unfröhlicher“ Kinder

Zu den „Wunderzeichen vor dem Gnadenbild“ gehörte neben zahlreichen Heilungen nicht selten auch die Befreiung von Besessenheit. Eine besondere pastorale Schwierigkeit stellte freilich das vielfache Verlangen nach einer Taufe totgeborener Kinder dar:

Verzweifelte Mütter aus nah und fern brachten akut verstorbene Neugeborene nach Bergatreute zur Madonna und erflehten vom Dorfpfarrer die Taufe ihres Kindes. Der Priester war hin und hergerissen zwischen Mitleid und berechtigten kirchlichen Vorschriften, wonach keine Sakramentenspendung bei Toten erlaubt ist.

So befanden sich  Bergatreuter Pfarrer  –  auch Mietingers Amtsnachfolger  – bei der sehnlichst erflehten, sogenannten „Taufe unfröhlicher Kinder“ ständig im Dilemma  – es sei denn, das Neugeborene gab wenigstens noch minimale Lebenszeichen von sich.

Die „Taufe von Verstorbenen“ ist kein neuzeitliches Phänomen; es gab diesen Brauch bereits bei gnostisch-esoterischen Gruppen der ersten christlichen Jahrhunderte; später außerdem bei den „Neuapostolischen“ und vor allem bis heute systematisch bei den Mormonen, wobei diese Sekte sich  –  neben den „Offenbarungen“ ihres „Gründerpropheten“ Joseph Smith  – auf Christi Predigt im jenseitigen „Gefängnis“ (1 Petr 3,18 f. und 4,6) beruft.

So heißt es zum Beispiel in 1 Petrus 4,6: „Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist.“

Diese beiden Bibelstellen können als Hinweis gesehen werden auf den Abstieg Jesu in die Unterwelt (mit der Erlösung der Gerechten des Alten Bundes), aber sie taugen nicht als Begründung für eine Totentaufe, die dort auch gar nicht erwähnt ist.

In diesem Punkt hat also der sonst sicherlich vorbildlich wirkende Wallfahrtspfarrer Mietinger, der hunderte „unfröhlicher“ Kinder taufte, sicherlich geirrt bzw. allzu zu sehr seinen „pastoralen“ Mitleidsgefühlen nachgegeben.

Eine bewegte und bewegende Geschichte

Es gab später allerdings für Bergatreute zudem noch schwerwiegende Probleme von staatlicher Seite, denn die Wallfahrt wurde in den Wirren von „Aufklärung“ und Säkularisation über ein halbes Jahrhundert lang durch die weltliche Obrigkeit untersagt.

Im „Namen des Königs“ wurde 1811 verfügt, daß das Dorf „nach den neuen Religionsgrundsätzen nicht mehr als Wallfahrt behandelt“ werde. Das als liberal bekannte Konstanzer Generalvikariat unter Wessenberg fand diese königliche Anordnung freilich „ganz entsprechend“ und genehmige sie offenbar gerne.

Erst ab 1866 konnte das glaubensfrohe Pilgerleben in Bergatreute wieder zu neuem Leben erwachen, wobei die stattliche Pfarrkirche das passende Ambiente bot. Das festlich wirkende Bauwerk mit Zwiebelturm gilt heute geradezu als Juwel der oberschwäbischen Barockstraße.

Von Bergatreute aus verbreitete sich die Andacht zu „Maria vom Blut“ mit jeweils ähnlichen Gemälde-Kopien in Schwaben und Vorarlberg, so etwa in Dillingen und Sonderhofen.

Koptisches MARIENBILD aus Äthiopien

Koptisches MARIENBILD aus Äthiopien

1889 wurde die Bergatreuter Kirche restauriert, wobei die Entfernung der wunderschönen Barock-Altäre vor allem durch den entschiedenen Widerstand von Bürgermeister Feuerstein (nomen est omen) verhindert wurde.

Während der NS-Diktatur kam es erneut zu staatlichen Repressalien: 1940 wurde die Prozession am Wallfahrtsfest durch die NSDAP verboten. Passend dazu sprach ein als Prediger angereister Stadtpfarrer über das Thema „Des Glaubens Licht, des Glaubens

Nacht.“

In der ländlichen Pfarrgemeinde wird bis heute jährlich am 2. Juli, dem Hochfest der Heimsuchung Mariens, der traditionelle Wallfahrtstag „Maria vom Blut“ begangen. Pilger aus nah und fern strömen zur Festmesse und zur glaubensfrohen Prozession.

Die Madonna als „Sitz der Weisheit“

Die Gottesmutter wird hier vor allem mit dem altkirchlichen, bewährten Ehrentitel als „Sitz der Weisheit“ (sedes sapientiae) verehrt. Ein geistliches Schauspiel aus dem 18. Jahrhundert, das dem Bergatreuter Gnadenbild gewidmet ist, trägt ebenfalls diesen Titel.  

Kein Geringerer als Kardinal Giovanni Lajolo verfaßte am 23.8.2008 ein eigenes Gebet zum Gnadenbild „Maria vom Blut“, das mit den Worten beginnt: „Maria, Mutter der Weisheit!“  –  Diese Anrufung erinnert an das Heilszeichen ihres göttlichen Sohnes: „Sein Kreuz sei unsere Weisheit und unser Stärke.“

Der italienische Kardinal hat dem Buch eine ausführliche, theologisch vertiefende Betrachtung zum Thema „Maria als sedes sapientiae“ beigesteuert, ebenso der em. Erzbischof Dr. Karl Braun aus Bamberg.

Der Artikel des Kardinals ist betitelt mit jenen tiefsinnigen Worten, die auch auf dem Gnadenbild zu Bergatreute in einer dargestellten antiken Schriftrolle enthalten sind: „In gremio matris sedet sapientia patris“  – Im Schoß der Mutter sitzt die Weisheit des Vaters.

Zu den Co-Autoren des Buches zählt zudem Alt-Abt Dr. Emmeram Kränkl OSB aus Schäftlarn, der dort unter dem Leitwort „Glaube und Wunder“ über das „blutende Marienbild von Klattau“ schreibt. Dabei unterscheidet er sorgfältig zwischen einer ungesunden Wundersucht und jenem gläubigen Vertrauen auf unseren allmächtigen Gott, „der Wunder tut“.

Früher wurden Gebetserhörungen und Heilungen in einem „Mirakelbuch“ der Pfarrei aufgezeichnet. Heute gibt es Anliegenbücher, die in der Wallfahrtskirche ausgelegt sind, worin Gläubige ihre Sorgen, Bitten und ihren Dank niederschreiben können.

Auch das offizielle Wallfahrtslied von Pfarrer Wilhelm Scholter aus Bergatreute ist ganz von einem bodenständigen, starken und zuversichtlichen katholischem Glauben durchdrungen. Das dreistrophige Lied mit festlicher Melodie wendet sich an „Maria, du vom Blute, du Mutter treu und mild“ und fleht vertrauensvoll:

„Erbitt von Gott uns Frieden,
erfleh uns Glaubensmut,
deck uns mit deinem Mantel,
Maria du vom Blut.
Und hilf uns in den Stürmen,
wenn sich die Wogen türmen,
Maria, Maria, Maria du vom Blut.“

In echt katholischer Haltung wird auch die Sterbestunde nicht verdrängt, wird der Tod mitten ins Leben und in den Glauben hineingeholt und der Fürsprache der Gottesmutter anvertraut:

„Maria voll der Gnaden,
oh Mutter, du vom Blut:
des Vaters Weisheit selber
in deinem Schoße ruht.
Zu ihm wollst uns geleiten,
wenn wir vom Leben scheiden:
Maria, Maria, Maria du vom Blut.“

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks und des KOMM-MIT-Jugend-Verlags in Münster

ERSTVERÖFFENTLICHUNG dieser Rezension in der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 1-2/2013)

Eine BESTELLUNG des Buches ist direkt hier möglich.

 

 


Stimmungsvolle Waldweihnacht einer Volkstanzgruppe in Oberschwaben

stdIn der idyllischen Ortschaft Bergatreute im Voralpenland (siehe Foto oben), die zur oberschwäbischen Barockstraße gehört, wird das bewährte Brauchtum im Kirchenjahr noch gerne lebendig erhalten, wofür sich zahlreiche Vereine, aber auch  einzelne bodenständige Bürger mit großem Interesse einsetzen.  1951

Seit Jahrzehnten ist in dieser Gemeinde eine Volkstanzgruppe im Rahmen des Schwäbischen Albvereins aktiv, die weit über die oberschwäbische Region hinaus auftritt und viele Menschen wieder neu für den wunderschönen und soliden Volkstanz begeistert.  21 phoca_thumb_l_111218062_b_kblestadel-ach

Die von Klaus Küble  – einem  Handwerksmeister und vierfachen Familienvater  –  geleitete Gruppe, zu der außerdem eine eigene Kindertanzgruppe zählt,  präsentiert  ihre eindrucksvollen und traditionsreichen Tanzauftritte häufig in großen Hallen oder auf den Freiplätzen schmucker Städte (siehe Fotos).

Zudem veranstaltet der Bergatreuter Volkstanz stets vor dem Christfest eine romantisch anmutende  Waldweihnacht, auch am heutigen späten Nachmittag, am vierten Adventsonntag5, wozu dann jährlich alle interessierten Bürger eingeladen sind. phoca_thumb_m_111218065_b_weihnachtsbaum

Diese Waldweihnacht beginnt um 17 Uhr, wobei jung und alt sich gemeinsam mit Laternen ins „Achtal“ begeben, einer etwas tiefer gelegenen Waldlandschaft mit Hügeln, Wiesen, Bächlein und einem frommen „Bildstöckl“, das den hl. Erzengel Raphael darstellt; er gilt seit jeher (bereits im Alten Testament) als Schutzpatron der Reisenden.

Im Achtal angekommen, versammelt sich die weihnachtlich gestimmte „Frohschar“ um einen großen, hell erleuchteten Christbaum, wobei die Volkstänzer der Zusammenkunft einen würdigen Rahmen und Ablauf verleiht (siehe Fotos).phoca_thumb_l_111218078_b_beim%20feuer phoca_thumb_l_111218068_b_weihnachtslieder

 

 

 

 

 

 

Die Teilnehmer singen Advents- und Weihnachtslieder, lauschen feierlichen Gedichten, zudem spielen einige Musikanten (siehe Foto)   –  und manchmal gibts auch eine Tanzaufführung, diesmal sogar einen stimmungsvollen Fackeltanz.

Die winterliche Waldweihnacht endet mit dem „gemütlichen Beisammensein“ bei Gebäck und Glühwein bzw. Punsch für die Kinder in einer Holzhütte neben dem Christbaum.  phoca_thumb_l_111218064_b_kblestadel-ach

Also insgesamt eine sagenhaft gute Idee und Ausführung, die noch möglichst viele Nachahmer in Gruppen und Vereinen, aber auch in Pfarrgemeinden finden sollte!

Weitere Fotos und Infos: http://www.albverein-bergatreute.de/index.php?option=com_phocagallery&view=category&id=23:ww&Itemid=26