Frankreich/Elsass: Föderalismus oder sprachlich-kulturelle Gleichschaltung?

Von Erich Lienhart

Erneut regen Zuspruch erfreute sich eine weitere Vortragsveranstaltung über die elsässische Nachbarregion, zu welcher die Regionalgruppe Ortenau des Vereins Deutsche Sprache (VDS) nach Offenburg eingeladen hatte. Thema: „Die kulturelle Gleichschaltung des Elsass durch die französische Gebietsreform –  eine historisch gewachsene europäische Region im verzweifelten Ringen um ihre Selbstbestimmung“  DSC_6360

Mit Frau Andrée Munchenbach (siehe Foto), Präsidentin der elsässischen Regionalbewegung Unser Land-Le Parti Alsacien hatte man eine selbstbewußte Verfechterin elsässischer Selbstbestimmung gewonnen, die in ihren Ausführungen die geschichtlichen Grundlagen voranstellte:

Geschichte wie Geographie, so die Referentin, machen aus dem Elsass ein Land, dessen Schicksal von Deutschland und Frankreich bestimmt worden ist.

Ursprünglich von germanischer Kultur und Sprache, gehören die Elsässer seit Ludwig dem XIV. – mit wichtigen Unterbrechungen – zu Frankreich, wo es aber keine offizielle Anerkennung für Minderheiten gibt. Die Elsässer sind in einer ähnlichen Lage wie die Bretonen, die Basken oder die Okzitaner in einem zentralisierten Staat, der die Vielfalt seiner Volksgruppen nicht angemessen schätzt.

Aber für das Elsass ist die Lage als Minderheit noch unbehaglicher und schwieriger, weil seine Sprache und Kultur die des angeblichen „Erzfeindes“ sind. Der französische Zentralismus ist die Folge der absoluten Monarchie.

Französische Revolution begünstigte den Zentralismus

Verschiedene Provinzen mit ihren Eigenheiten und Sprachen wurden durch Eroberungskriege oder Heiratspolitik zusammengeführt, um das Königreich zu bilden. Die Französische Revolution hätte zum Föderalismus führen können, wonach die Girondins strebten. Doch die Jakobiner setzen sich durch und erzwangen eine künstliche Einheit, so daß der Nationalkonvent im Jahre 1795 bestimmte: „Die Republik ist einig und unteilbar.Sie kennt nur eine Nationalsprache“.

Seit damals gibt es nur eine Sprache, nur eine Geschichte, in welcher die elsässische in der Bedeutungslosigkeit verharrt.

Die mit Unterstützung europäischer Institutionen geschaffene Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen   –  sie ermöglichte auch die Einführung von EU-konformen Minderheitenregelungen in Osteuropa  –  wurde 1999 von Frankreich unterzeichnet aber bis heute – wohl aus Sorge eines Sprachenfrühlings in der Republik – nicht ratifiziert.

Paris integrierte das Elsass in eine „Großregion“

2013 gab es für die Elsässer im Rahmen eines Referendums (Zusammenlegung des Unter- und Oberelsass) eine historische Gelegenheit zur politischen Behauptung des Elsass, die jedoch an einer zu geringen Wahlbeteiligung scheiterte. Vielmehr „landete“ man ein Jahr später in der von der Pariser Zentrale verordneten unliebsamen Großregion, trotz massiver Demos und Proteste.

In dieser Konstellation verschwinden die historisch gewachsenen Regionen in einem seelenlosen bürokratischen Gebilde, mit den dramatischen Auswirkungen eines weiteren Sprach- und Kulturverlusts für das Elsass. Die Wertschätzung und Förderung der regionalen Eigenschaften, insbesondere der regionalen Sprachen, so Frau Munchenbach, rechtfertigt sich um so mehr und besonders im Elsass, als sie wirtschaftliche Folgen hat.

Die lokale und grenzüberschreitende Wirtschaft verlangt Deutsch und sollte gerade im Hinblick mittelmäßiger französischer Ergebnisse der internationalen OECD-Schulleistungsstudie sowie der PISA-Studie gebührende Berücksichtigung finden.

Eine anschließende Aussprache vertiefte den interessanten und faktenreichen Vortrag, den die VDS -Regionalgruppe im Sinne der deutsch-französischen Verständigung zu gegebener Zeit ergänzen möchte.

 


Dr. D. Voslamber über die Benachteiligung der deutschen Sprache in EU-Gremien

Von Erich Lienhart

Von einer unendlichen Geschichte und einem Dauerärgernis zugleich, wenn es um die Gleichberechtigung der deutschen Sprache in den Gremien der EU geht, handelte der jüngste Vortrag der Regionalgruppe Ortenau des Vereins Deutsche Sprache (VDS) im Hotel Palmengarten in Offenburg. IMG_4437

Dr. Dietrich Voslamber  –   ehemals wissenschaftlicher Beamter der Europäischen Atomgemeinschaft mit Lehraufträgen in Bochum, Paris und Brasilien sowie Leiter der VDS–Arbeitsgruppe „Sprachenpolitik in Europa“   –  verwies in seiner Einleitung auf die unübersehbare Verdrängung der deutschen Sprache aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, wie z.B. als Wissenschaftssprache, in deren Folge ihr institutioneller Stellenwert verlorengeht.

In einer PowerPoint-Präsentation nahm der Referent (siehe Foto) die nahezu dreißig interessierten Zuhörer mit auf die Reise durch das Geflecht der Gremien in der Europäischen Union und erläuterte im Einzelnen deren Bedeutung und Sprachverwendung. (Anmerkung: Sprachverwendung, damit meine ich die Anwendung der Amtssprachen)

EU-Kommission: Deutsch unerwünscht

Während in einigen Gremien und Politikbereichen der deutschen Sprache die volle Gleichberechtigung zuteil wird, ist sie in anderen wichtigen Einrichtungen wie etwa der EU-Kommission weitgehend unerwünscht, trotz der Tatsache, dass Deutsch die meistgesprochene Muttersprache und zweithäufigste Fremdsprache in der EU ist und auch als eine der drei Verfahrenssprachen gilt.

Zwangsläufig erreichen so wichtige Dokumente und Arbeitsunterlagen aus Brüssel den Bundestag nur in englischer oder französischer Sprache, zudem auch nicht selten so kurzfristig vor wichtigen Entscheidungen, dass eine ernsthafte Prüfung kaum mehr möglich ist.

„Diskriminierung der deutschen Sprache“

Diese Praxis, so der Wissenschaftler, habe Bundestagspräsident Norbert Lammert und sein Vize, Johannes Singhammer, als eine „systematische Diskriminierung der deutschen Sprache“ mehrfach bei der Kommission gerügt, ohne Aussicht auf Besserung.

In der Veröffentlichung nicht übersetzter Ausschreibungsunterlagen erkannte der Referent zudem eine wirtschaftliche Benachteiligung deutscher Unternehmen insbesondere des Mittelstandes.

Bei allen berechtigten Klagen über die Benachteiligung der deutschen Sprache in den EU- Gremien mahnte der Referent bei deutschen Politikern, Beamten, Wissenschaftlern und Unternehmern auf der europäischen Ebene das Selbstbewußtsein für die eigene Sprache an. Nur so sei es möglich, Fehlentwicklungen entgegen zu wirken und die Basis einer gleichberechtigten Sprache zu schaffen.

Erfolgreiches Wirken des VDS

In einer interessanten Darstellung vermittelte Dr. Voslamber die unermüdlichen, von Beharrlichkeit geprägten Initiativen des Vereins Deutsche Sprache (VDS), die auch, unterstützt von anderen europäischen Sprachgruppen ihre Wirkung nicht verfehlten und zu Erfolgen geführt haben.

Beispielsweise konnte der Verein nach jahrelangen Bemühungen erreichen, dass die Internetseiten der halbjährlich rotierenden Ratspräsidentschaften nun auch in deutscher Sprache erscheinen.

Auch die Tatsache, dass das „Familienfoto“ der Staats- und Regierungschefs bei einem Gipfeltreffen jetzt nicht mehr nur auf Englisch und Französisch, sondern in allen Amtssprachen der EU beschriftet ist, kann der Verein nachweisbar als Erfolg für sich verbuchen

Eine von großer Sachlichkeit geführte Diskussion offenbarte die Notwendigkeit weiterer VDS -Aktionen, die sicherstellen sollen, daß Deutsch in den EU-Einrichtungen gegenüber Englisch und Französisch nicht benachteiligt wird   –  und dazu führen, daß alle für den deutschen Bundestag entscheidungsrelevanten EU-Dokumente auch auf Deutsch vorliegen.

Foto: Erich Lienhart

 


Achern (Schwarzwald): Vortrag von Prof. Dr. Barbara Kaltz am 21. März 2014

Paul Lévy: Zur Geschichte der deutschen Sprache in Frankreich

Pressemeldung des Verein Deutsche Sprache VDS (Regionalgruppe Ortenau):

Freitag, den 21. März 2014, 19.30 Uhr, Gasthaus „Zur Hoffnung“, 77855 Achern 

1950 erschien der erste Band des Buches des Straßburger Germanisten Paul Lévy über die Geschichte der Fremdsprache Deutsch in Frankreich und der Deutschen in Frankreich: „La langue allemande en France, Pénétration et diffusion des orgines á nos jours“ 

In dem zweibändigen Werk geht Lévy auf der Grundlage äußerst umfangreichen und vielfältigen Quellenmaterials sprachpolitischen Fragen nach.

Für die Erforschung der sprachlichen und und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich ist Lévys Buch bis heute das Standardwerk. Lévy war Elsässer jüdischer Herkunft und promovierter Deutschlehrer, der neben diesem Buch eine bis heute maßgebliche Sprachgeschichte des Elsass‘ und Lothringens verfasst hat.

Den ersten Band von Lévys Werk hat Prof. Dr. Barbara Kaltz (Université de Provence in Aix-en-Provence / Freiburg) ins Deutsche übersetzt und aktualisiert (siehe Abbildung).

Das Buch mit dem Titel „Die deutsche Sprache in Frankreich“ ist 2013 (Verlag Harrassowitz, Wiesbaden) in der Reihe „Fremdsprachen in Geschichte und Gegenwart“ (Hg.v. Helmut Glück und Konrad Schröder) erschienen. Eine Einleitung gibt Einblick in die Biographie des Autors und in die Rezeption des Werkes.

In  Anlehnung an das Werk des Straßburger Germanisten Paul Lévy befasst sich die VDS-Regionalgruppe Ortenau in dieser Vortragsveranstaltung mit dem Thema. Verbunden mit der Würdigung dieses Werkes wird die Referentin auch zur aktuellen Situation der deutschen Sprache in Frankreich Stellung beziehen.

Die Veranstaltung erfolgt in grenzüberschreitender Zusammenarbeit mit der
                          Société des amis de la culture bilingue en Alsace
      Gesellschaft der Freunde der zweisprachigen Kultur im Elsass, Haguenau

Kontakt zur VDS-Regionalgruppe per Erich Lienhart: erich.lienhart@web.de     

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