Warnung vor geistlichem/seelsorgerlichem Missbrauch durch „Scheinheilige“

Von Felizitas Küble

Dieses Taschenbuch „Sie kommen auf leisen Sohlen“ ist bereits 1999 – also vor zwanzig Jahren –  im evangelikalen Brendow-Verlag erschienen. Der Untertitel „Scheinheilige und ihre Opfer“ weist erneut darauf hin, was ich schon mehrfach zum Thema „pastoraler Missbrauch“ erwähnte:

Das evangelikale (theologisch konservative evangelische) Spektrum hat dieses hintergründige Problem bereits vor Jahrzehnten erkannt, während man im katholischen Bereich stark hinterherhinkt und erst seit wenigen Jahren allmählich darüber öffentlich debattiert.

Diese verspätete Wahrnehmung hat sicherlich auch damit zu tun, daß die protestantische Seite durch bestimmte randständige Sondergruppen und vor allem durch die Pfingstbewegung schon viel früher mit geistlichem/seelsorglichem Missbrauch konfrontiert worden ist, denn die pentekostale (pfingstlerische) Strömung begann dort bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, in der kath. Kirche hingegen erst 1968 (und war in den ersten 20 Jahren noch relativ schwach – jedenfalls in Deutschland).

Das änderte sich katholischerseits erst durch die „Erscheinungen“ von Medjugorje und die Zunahme sonstiger „Seher“ oder indischer „Heilungsprediger“.

Der Autor Raimo Mäkelä ist evangelischer Theologe und Direkter der Stiftung des Finnischen Bibelinstituts. 

Er hielt Vorträge über „Psychohygiene“ und die Merkmale von Persönlichkeitsstörungen, wobei er die Scheinheiligkeit als Wesenszug ausmachte. Durch die Berichte von Geschädigten wurde ihm klar, wie häufig diese charakterliche Schwierigkeit gerade bei Leitern von Gruppen vorkommt, die sich als besonders fromm präsentieren:

„Meistens erzählen mir die Zuhörer sehr bewegt über ihre schmerzhaften Erfahrungen und wie sie versucht haben, davon loszukommen. Manche Menschen….haben innere Verwundungen davongetragen.“

Genau diese Rückmeldungen erfahre ich ebenfalls seit Jahrzehnten, nachdem sich wegen meiner kritischen Berichterstattung immer mehr Betroffene und Aussteiger aus esoterischen, sektiererischen und charismatischen Kreisen an mich wenden.

Narzissmus und Sucht nach Bewunderung

Beim Thema „Erkennungsmerkmale einer Persönlichkeitsstörung“ weist der Verfasser auf klassische psychologische Kennzeichen hin, vor allem Narzissmus (Selbstverliebtheit, überdurchschnittliche Ichsucht) und Abhängigkeit von der Bewunderung durch andere.

Zwischen Narzissten und Psychopathen (eine weitere Steigerung) gibt es fließende Übergänge, wobei aber beide in ihrer Art selbstbewußt und „nach außen kerngesund“ wirken können, nicht selten auch einen durchaus freundlichen, ja geselligen Eindruck hinterlassen. Solche Leiter versammeln dann gerne einen „Hofstaat“ um sich.

Der Scheinheilige meint, er mache alles richtig – und zwar gerade auf „geistlichem Gebiet“, so der Autor. Er zitiert aus dem alttestamentlichen „Buch der Sprüche“: „Ein prahlerischer Mensch liebt es nicht, daß man ihn rügt“ (Spr 15,12).

Ab S. 46 befaßt sich der Autor mit der Frage, warum es Persönlichkeitsgestörte auch „und besonders“ in christlichen Gemeinden gibt. Er weist darauf hin, daß das fromme Umfeld „eine perfekte Bühne für Selbstinszenierungen“ bietet und dort allzu leicht „geistliche Stars“ aufgebaut werden.

In Gemeinschaften, die nicht nüchtern und bodenständig aufgebaut sind, „bekommt ein persönlichkeitsgestörter Mensch die größtmögliche Autorität. Er kann sogar als Repräsentant Gottes auftreten“.

Dabei sind von diesem Problem weniger die „alten und bewährten geistlichen Bewegungen“ betroffen, sondern vor allem die neueren, jüngeren; dort haben scheinheilige Leiter „bessere Einflußmöglichkeiten“ (S. 49).

Opfer verfallen in verfehlte Selbstanklage

Meine eigene Erfahrung aus Gesprächen mit Betroffenen bestätigt genau das, was der Autor schreibt: „In der Regel sucht derjenige, der unter dem Verhalten des Scheinheiligen zu leiden hat, den Fehler zunächst bei sich selbst“ (S. 50). 

Genau hierin liegt das schlimmste Eigentor begraben, denn die selbsternannten „Propheten“ geben deutlich zu verstehen, daß sie den Heiligen Geist gepachtet haben und jede Kritik an ihnen daher eine schlimme Verfehlung darstellt, ja gar eine „Sünde gegen den Heiligen Geist“, wobei gerne hinzugefügt wird, diese Sünde könne „nicht vergeben werden“ etc.

Besonders verhängnisvoll ist es, wenn selbsternannte „Geisterfüllte“ jenen Anhängern, die allmählich skeptischer werden, vorwerfen, sie seien vom Teufel besessen, zumindest aber „okkult belastet“ und sie daher zum „Befreiungsdienst“ schicken, damit sie von dämonischen „Bindungen“ gelöst werden etc.

Noch gestern sprach ich mit einer Betroffenen, die von einem charismatischen Gebetskreis und vor allem von einer dortigen „Seherin“ als besessen verunglimpft wurde und darunter wochenlang gelitten hat, weil sie diese „Diagnose“ ernst nahm. Angeblich besaß jene Visionärin eine besondere „Herzensschau“ von oben (mit dieser angeblichen „Seelenschau“ wird erfahrungsgemäß besonders viel Unfug getrieben).

Sehr vernünftig ist auch der Rat des Verfassers an die Opfer von „frommen“ Psychopathen:

„Beten Sie nicht für ihn allein und nicht zuviel. Solches Beten bindet sie selber und Ihre Gedanken nur und verursacht bedrückende Gefühle…Bitten Sie Außenstehende, die keine gefühlsmäßige Verbindung zu ihm haben, mit für ihn zu beten.“

Richtig ist auch die Empfehlung, man möge Gott die Vergeltung für das Unrecht überlassen, das man erleiden mußte. Natürlich darf und soll man im Gebet durchaus seine Klagen aussprechen und die Bitterkeit der Seele vor Christus, dem Erlöser, ausbreiten.

Gerade die Betroffenen können aufklären und warnen

Verzicht auf Rache und Vergeltung bedeutet auch keineswegs, passiv im eigenen seelischen Mauseloch zu verbleiben. Ganz im Gegenteil: niemand kann wirkungsvoller informieren und aufklären, vor allem andere Menschen warnen, als gerade die Geschädigten von geistlichem/seelsorglichem Missbrauch.

Allerdings haben sie oft eine starke innere Angst davor, sie glauben teilweise noch an „Flüche“, die ihnen gleichsam hinterhergeworfen werden oder befürchten, in irgendeiner Weise „okkult belastet“ zu sein. 

Mindestens bei der Hälfte der Betroffenen, mit denen ich im Kontakt bin, ist genau dies der Fall.

Der Verfasser warnt daher zu Recht vor einer „christlich verbrämten Nachgiebigkeit“ (S. 62). Er trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt: „In der Verkündigung eines persönlichkeitsgestörten Predigers stecken zwei Extreme: Zum einen eine gewisse Schwärmerei, zum anderen aber auch eine tiefe Gesetzlichkeit.“

Statt dem verschwommenen Ausdruck „Gesetzlichkeit“ sollte allerdings besser von Fanatismus oder einer sektiererischen Grundhaltung gesprochen werden.

Der Autor fügt hinzu: „Der schwärmerische Mensch zieht eine Trennlinie zwischen dem Wort Gottes und dem Geist Gottes.“ – Dies gibt er natürlich nach außen hin meist nicht zu, es könnte ja sonst seine Anhänger verstören: „Über das Wort Gottes setzt er in Wirklichkeit einen unerklärbaren Geist, den er zwar Gott nennt, bei dem es sich aber nur um sein eigenes religiöses Instrument handelt.“

Wenn Schwärmerei und Fanatismus in einer Person zusammenkämen, „entstehen Forderungen, die in Wirklichkeit nichts mehr mit Gottes Wort zu tun haben“.

Oft sind diese übertriebenen  – z.B. asketischen oder „missionarischen“ – Anforderungen mit Drohungen verbunden, so daß die Gläubigen eingeschüchtert sind und sich weiter geistlich missbrauchen lassen.

Das Buch eignet sich für Opfer von geistlichem Missbrauch, wenngleich es mit seinen 64 Seiten etwas schmal geraten ist und manche Themen eine ausführlichere Würdigung verdient hätten.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Evangelikale Bücher warnten schon lange vor dem „geistlichen“ Missbrauch

Von Felizitas Küble

Kürzlich erschien das vieldiskutierte Buch der Ex-Nonne Doris Wagner mit dem Titel „Spiritueller Missbrauch“.

Nachdem die Ordensfrau aus der Gemeinschaft „Das Werk“  –  das sich selbst als „geistliche Familie“   versteht  – ausgetreten war, schlug sie einen theologisch progressiven Kurs ein und verfaßte zwei Bücher, die persönliche Erlebnisse schildern bzw. vor religiöser Manipulation warnen.

In kirchenpolitischer Hinsicht schüttet die Autorin allerdings das Kind mit dem Bade aus, was bei einem „Blick zurück im Zorn“ des öfteren geschieht, aber gleichwohl von geistiger und geistlicher Unreife zeugt.

Freilich entsteht nun da und dort der Eindruck, als habe die reformkatholische Verfasserin gleichsam ein „Tabu gebrochen“, als habe sie das Thema des „geistlichen Missbrauchs“ ganz neu und taufrisch in die Öffentlichkeit gebracht.

Einigen naiven katholischen Kreisen mag das so erscheinen, vor allem, wenn sie bislang erscheinungsbewegt und schwarmgeistig gar nicht mitbekommen haben, welches Ausmaß der seelsorgerliche Missbrauch gerade in einigen „oberfrommen“ Gruppierungen anrichten kann.

Wir warnen im CHRISTLICHEN FORUM seit Bestehen im Mai 2011 genau vor diesem Phänomen – und obwohl das Themenspektrum hier sehr vielseitig ist, konzentrieren wir uns  auf ungesunde Phänome in esoterischen, charismatischen und wundersüchtigen Bewegungen – auch im Hinblick auf (un)geistliche Manipulation der Gläubigen oder gruppendynamischen Seelenfang.

Die Problematik kommt auch in meiner 52-seitigen Broschüre „Botschaften des Himmels?“ zur Sprache, die vor 11 Jahren erschien; sie konnte wohl manches Hineinschlittern in gefährliche Strömungen verhindern oder betroffenen Aussteigern bei ihrem „Freischwimmen“ Mut machen, wie ich aus etlichen Rückmeldungen erfuhr.

Leider hat sich ansonsten im katholischen Bereich diesbezüglich wenig getan, nicht selten fühlen wir uns  – offen gestanden – fast wie „Rufer in der Wüste“.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei darauf hingewiesen, daß dieses Problemfeld von evangelikaler Seite schon früh erkannt wurde  – auch im Hinblick auf seelsorgliche Mißstände in deren eigenen Reihen.

Gerade diese theologisch konservativen und nüchtern denkenden Verlage und Gruppen warnen seit langem vor irrgeistigen Abwegen der Frömmigkeit – einschließlich schwärmerischer, glaubensfanatischer bzw. sektiererischer Tendenzen. Zu diesen mahnenden Stimmen gehört z.B. auch die evang. Nachrichtenagentur IDEA.

Als konkretes Beispiel sei das Buch „Zerbrochene Flügel“ von Jutta Wilbertz erwähnt, das bereits 2006 im evangelischen Verlag R. Brockhaus erschien (siehe 1. Foto). Es trägt den vielsagenden Untertitel „Geistlicher Missbrauch und zerstörerischer Glaube“.

Die Herausgeberin selbst berichtet von ihren verstörenden Erfahrungen in einer charismatischen deutschen Mega-Gemeinde, die auf „Zeichen und Wunder“ sowie auf „Prophetien“ getrimmt war und Gehorsam gegenüber dem – angeblich gottbegnadeten – Hauptpastor forderte.

Erfreulicherweise hat Frau Wilbertz trotz schmerzlicher Erlebnisse und seelischem Missbrauch ihren christlichen Glauben nicht verloren, sondern nach ihrem Ausstieg schrittweise wieder neuen Glaubens- und Lebensmut gefunden.

Ähnlich erging es weiteren Menschen, die ihre bewegenden und erschütternden Schicksale in diesem Sammelband schildern.

Eine ausführlichere Besprechung des lesenswerten Buches folgt demnächst.

 

 


Wie und warum das Beichtsiegel die Gläubigen vor seelsorglichem Missbrauch schützt

Von Felizitas Küble

In der Öffentlichkeit wird viel über sexuellen Missbrauch diskutiert, doch für das Seelenleben vieler Menschen ist auch der geistliche Missbrauch äußerst verstörend und führt oft zu jahrelangen psychischen Problemen, nicht selten auch zu einer Abwendung vom Glauben.

Mir ist dies durch Gespräche mit Betroffenen seit Jahrzehnten bekannt.

Vor allem in sektiererischen und schwarmgeistigen Gruppierungen ist die Gefahr des religiösen Machtmissbrauchs groß, inbesondere dann, wenn sich eine charismatische Gründer- oder Führergestalt (sie kann auch weiblich sein) als besonders gottbegnadet präsentiert und von seinen Anhängern strikten Gehorsam verlangt.

Oft ist diese „Forderung“ nicht einmal nötig, weil sich die leichtgläubigen Schäflein von sich aus um ihren selbsternannten „Propheten“ scharen usw….

BILD: Der hl. Johannes Nepomuk  – hier seine Statue am Aasee in Münster – starb für das Beichtgeheimnis

Ein wirksamer Schutz vor geistlichem Missbrauch ist natürlich das Beichtsiegel, das für katholische Priester so strikt gilt, daß selbst der Papst einen Geistlichen nicht davon dispensieren (befreien) kann, auch nicht in einem Falle, in dem er sonst  – etwa in einer Diktatur – den Tod erleidet.

Allein das Beichtkind selber kann den Priester von seiner absoluten Schweigepflicht entbinden.

Allerdings ist nicht allen Katholiken klar, wie es um einige Einzelheiten steht, die mit dem Beichtsiegel verbunden sind.

Daher seien zwei wichtige Punkte erwähnt, die zum Schutz des Gläubigen vor spirituellem Missbrauch gehören:

  1. Vor Jahrzehnten berichtete mir eine Mitarbeiterin unseres Verlags folgendes: Ein Ordenspriester sagte ihr, sie möge sich bei der eigentlichen Beichte strikt auf das Sündenbekenntnis beschränken. Alle weiteren Themen und Fragen – etwa zu ihrem geistlichen Leben – möge sie nach Ablauf des Bußsakramentes mit ihm erörtern.  – Die junge Frau hielt sich leider an diese Aufforderung. Die Folge war, daß dieser Kleriker mit anderen Personen aus seiner geistlichen Gemeinschaft darüber sprach, denn sie hörte später von diesen Leuten entsprechende  Anmerkugnen. Da sie über gewisse innere Schwierigkeiten nur mit ihm gesprochen hatte, war klar, daß er ihr Vertrauen verletzt hatte.  Nun hat der Kleriker natürlich das eigentliche Beichtsiegel nicht verletzt, da es sich um Äußerungen n a c h  der Beichte handelte,  a b e r  er hat das Seelsorgsgeheimnis nicht eingehalten, das man auch als „Berufsgeheimnis“ (ähnlich der ärztlichen Schweigepflicht) bezeichnen könnte.  – Daher sei hiermit davor gewarnt, einer solchen Bitte nachzukommen, zwischen eigentlicher Beichte und „geistlichem Gespräch“ zu unterscheiden. Etwas anderes ist es, wenn der Gläubige von sich aus solch eine Trennung wünscht, aber auch dann sollte er sich vergewissern, ob der Priester wirklich vertrauenswürdig ist.
  2. Vor etwa 12 Jahren sagte mir ein Kaplan eher beiläufig, als wir uns über das Thema „geistliche Begleitung“ unterhielten, er halte es nicht für hilfreich, wenn Gläubige ihre Fragen und Erörterungen ins Beichtgespräch „reinpacken“, statt mit ihm außerhalb des Bußsakramentes darüber zu sprechen. Auf meine Rückfrage, warum er dies denn nicht so gut fände, antwortete er: Für die geistliche Leitung sei es bisweilen besser, wenn man auf das früher schon Besprochene später gegenüber dem Gläubigen „zurückgreifen“ könne. – Ich ahnte zwar, was er meinte,  erkundigte mich dann aber genauer über die kirchlichen Vorschriften. Es geht hierbei um folgendes: Dem Priester ist es strikt verboten, außerhalb der Beichte in irgendeiner Weise – und seien es nur Andeutungen – auf Inhalte zurückzukommen, die ihm zuvor von dem/der Betreffenden gebeichtet worden waren. Der Geistliche ist also nicht nur gegenüber anderen Personen zum Stillschweigen verpflichtet, sondern auch gegenüber dem Beichtkind selber. Nur dieses kann ihn hiervon entbinden und ihm erlauben, außerhalb der Beichte über etwas zu sprechen, das er nur durch eine vorherige Beichte wissen kann. 

Zum Schluß sei noch angemerkt, daß das Beichtsiegel in gewisser Weise auch für Nicht-Priester gilt. Man darf zwar über das mit anderen sprechen, was man selber gebeichtet hat, auch darüber, was der Priester gesagt oder empfohlen hat, man darf aber auf keinen Fall darüber reden, was man zufällig aus einer Beichte mitgehört hat, etwa wenn jemand im Beichtstuhl zu laut gesprochen hat.


Warum ich vor der Charismatik warne: eine Bedrohung für die Gläubigen

Von Pfarrer Winfried Pietrek

Ein Schwarmgeist ist ein Christ, für den Gefühlserfahrungen in seinem religiösen Leben an erster Stelle stehen. Es geht ihm – vielleicht unbewusst – zuerst um das Glaubens-Erlebnis, dann erst um die Glaubens-Lehre.

Christus hat zwar gefordert, Gott auch aus unserem ganzen Gemüt zu lieben, doch entscheidend im Glaubensleben sind Verstand und Willen – gemeinsam mit dem Herzen, dem innersten Kern jeder Person.

BILD: Pfr. Pietrek bei einer Predigt in seiner Kapelle

Im Alltag begegnet wohl jedem Priester auch die „Charismatischen Bewegung“: „Das habe ich doch selbst erlebt!“ heißt es dann. Oder: „Das spüre ich in meinem Innern!“

Welche Folgen das Schwärmertum hat, erlebe ich als Seelsorger fast täglich:

Da behaupten Katholiken, zu ihnen hätte ein Engel, Maria, Jesus oder der himmlische Vater ganz klar gesprochen – obwohl die angeblich geoffenbarten Worte der kirchlichen Glaubenslehre widersprechen, verführerisch sind oder der eigenen Eitelkeit schmeicheln.

Solche visionären Erlebnisse hat z.B. der charismatische Wunderheiler Alan Ames, ein Laien-Segner, der die Welt durchreist und seine Bücher verkauft.

Viele, die bei den „Segnungen“ von Ames  –  oder bei der Handauflegung anderer „Wunderheiler“  –  in Trance auf den Rücken gefallen sind („Ruhen im Geist“), bleiben oft lange körperlich oder seelisch belastet und erleben nach anfänglichen Hochgefühlen später Depressionen oder andere psychische Störungen, so dass sie Hilfe beim Psychiater oder Exorzisten suchen.

Manche aber schwören geradezu auf solche Erlebnisse, verteidigen sie hartnäckig, fast wie in einem Rausch, auch fanatisch. Ganz wesentlichen Einfluss auf die Verführten hat es, dass sie bei solchen Veranstaltungen in die Massensuggestion einer begeisterten Gemeinde eintauchen, suggestive Predigten hören und dass ihr ganzer Körper – z.B. durch Hochwerfen der Arme und Wackeln mit den Händen –  in das charismatische Segnungsfestival einbezogen ist.

BILD: Eines der zahlreichen Bücher von Pfr. Pietrek: „Wunder heute – Gott ist da“

Konkret wird in manchen „Heilungs-Gottesdiensten“ bekannt gegeben, wie viele Krebs-Erkrankungen, Migräneanfälle, Schmerzen oder Lähmungen angeblich geheilt wurden – ohne dass diese „Wunder“ den kirchlichen Autoritäten zur Überprüfung gemeldet werden – wie es der Vatikan doch fordert.

In meinem Archiv habe ich zahlreiche Berichte über charismatische „Heilungswunder“ gesammelt, die sich als ein durch Massensuggestion hervorgerufener Placebo-Effekt erklären lassen. Wie sorgfältig und vorsichtig die Kirche Heilungen überprüft, wird an Zahlen deutlich: In Lourdes z.B. sind von 7000 ärztlich festgestellten „unerklärbaren Heilungen“ nur 67 als  Wunder im kirchlichen Sinne anerkannt worden.

Es ist das Verdienst der Broschüre Wunderheilungen und ‚Ruhen im Geist’ (94 S., 3 €), die charismatische Heilungswunder und das so genannte „Ruhen im Geist“ (Umfallen nach charismatischen Segnungen) unter die Lupe nimmt, solche Heilungen zuerst als natürlich bewirkt vorzustellen, z.B. als Placebo-Effekte, Hypnose oder Trance. Sie legt darüber hinaus aber auch überzeugend dar, dass diese Phänomene bisweilen als okkult-dämonisch erklärt werden können.
 
Wer sich auf charismatische „Begnadete“ fixiert, überschätzt  –  so erlebe ich es in der Seelsorgepraxis  –  seine eigene Urteilsfähigkeit weit und ist oft argumentativ nicht mehr zu erreichen. Er hat sich festgelegt, ist nicht bereit, sich korrigieren zu lassen, selbst wenn Familienbande zerreißen.

BILD: Pfr. Pietrek als junger Priester im Einsatz gegen eine Abtreibungsklinik in Lindenfels

Jedes Wort prallt an seinem Herzen ab: „Ich habe doch diese pure Heiligkeit selbst erlebt. Sie können gar nicht mitreden. Sie kennen diese(n) Begnadete(n) ja gar nicht persönlich! Gott wirkt, wie und wo er will.“  –  „Sie sind ein Feind des Heiligen Geistes!“ wird mir dann vorgeworfen.

Die geistige Verblendung charismatisch Verführter ist geradezu erschreckend. Leichtgläubige und religiös wenig ausgebildete Personen werden nur zu oft durch Predigten und Bücher charismatischer Wunderheiler, z.B. von P. James Manjackal oder P. Joseph Vadakkel – in denen Irrlehren und Falschaussagen nachweisbar sind – in die Irre geführt. 

Da die „charismatischen“ Segnungen (Charisma = Gnadengabe) seit Mitte der 1960er Jahre über die protestantische Pfingstbewegung in die katholische Kirche eingedrungen sind und Millionen erfasst haben, werden in der Broschüre Wunderheilungen und ‚Ruhen im Geist’ auch freikirchliche „Segner“ mit ihren Praktiken namentlich vorgestellt. Besonders interessant sind die vielen „Fall“-Berichte von persönlich Betroffenen.

Hier einige Beispiele aus meiner Seelsorgspraxis:

Ein Priester, der das Evangelisations- Zentrum in Bad Soden aufsuchte, berichtet mir: „Als ich nun partout nicht umfallen wollte, wurde vom Segnenden mit einem kräftigen Stoß nachgeholfen.“

Eine Frau berichtet von dort: „Nach dem charismatischen Segen durch Handauflegung dachte ich: ‚Ich werde bekloppt im Kopf.’  – Ich konnte die Sünden hören, die mein Mann im Nebenraum dem Priester zuflüsterte.“

Eine andere Frau sagte: „Während ich am Boden lag, hatte ich schöne Gefühle. Diese waren allerdings nicht von Dauer. Einigen anderen ging es wie mir.“

Ein junger Mann schildert: „Beim zweiten Segen fiel ich wieder nach hinten, aber dieses Mal spürte ich keinen Frieden, sondern große Angst. Die negativen Gefühle steigerten sich. Total erschöpft stand ich auf… Als sich noch Depressionen einstellten und ich nahe daran war, mir das Leben zu nehmen, habe ich mich einem Priester anvertraut… Ich erholte mich langsam. Ich kann nur alle dringend warnen.“

Ein Priester schreibt mir: „Nach einem Besuch von Medjugorje bin ich in großer Gewissensnot… Zu meiner Überraschung sah ich (dort) viele von den Gläubigen umfallen… Manche fielen auf den Rücken mit lautem Schreien und wilden Gebärden.“

Ein Briefauszug: „Seitdem ich mir von Schwester Margaritha Valappila die Hände auflegen ließ, fühle ich mich wie tot und meine linke Hand zittert. Vor allem beim Gebet erlebe ich dieses Zittern.“

Aus persönlichen Gesprächen mit Katholiken, die jahrelang an Sr. Valappilas Veranstaltungen teilgenommen haben, weiß ich, dass ganze Familien dadurch Belastungen und Ängste erfahren haben.

Betroffene verteidigen sich mit Bekehrungs-Erlebnissen. Doch es gehört zur Strategie des Bösen, mit „Erfolgen“ zu pokern.

Wer aber erlebt, dass Gläubige, die aus charismatischen Veranstaltungen zurückkehren, enthusiastisch jubeln: „Wir haben jetzt den Heiligen Geist!“, der wundert sich, mit welcher Selbstsicherheit und Heilsgewissheit von solchen Priestern und Laien das Sakrament der Firmung durch die sog. Geisttaufe verdrängt wird. Schon der Ausdruck „Geisttaufe“ zeigt, dass es dabei nicht um die Erneuerung der Firm-Gnade geht.

Bei solchen „Segnungen“ wird zugleich das Zeichen der Handauflegung missbraucht, das biblisch eindeutig der Spendung der Sakramente zugeordnet ist. Selbst der Weltkatechismus stellt fest: Je mehr aber „eine Segnung das kirchliche und sakramentale Leben betrifft, desto mehr ist ihr Vollzug dem geweihten Amt vorbehalten.“

Bücher und Broschüren von Pfr. Pietrek können hier online bestellt werden: http://www.christliche-mitte.de/index.php/publikationen/