Pater Gaudron über Alan Ames und seinen Auftritt in Regensburg

Die irrgeistige Botschaft des charismatischen Wunderheilers

Von Pater Matthias Gaudron

Am 16. September 2005 war Alan Ames zu einem Heilungsgottesdienst in Regensburg angereist. Man stellte ihm die große Dominikanerkirche zur Verfügung, die mit schätzungsweise 300 – 400 Menschen auch gut gefüllt war. Nach einem Flugblatt des Miriam-Verlags, der alle Schriften von Ames im deutschen Sprachraum vertreibt, wurde dieser 1953 in England geboren und wanderte später mit seiner Frau nach Australien aus, wo er heute lebt.

Der Abend gestaltete sich folgendermaßen:

Zuerst wird der Rosenkranz gebetet, dem eine hl. Messe folgt. Es handelt sich um eine Konzelebration von fünf Priestern, die mit charismatischen, zur Gitarre gesungenen Liedern begleitet wird. Das Publikum scheint im allgemeinen fromm und eher konservativ zu sein. Fast alle knien während des Hochgebets und zum „Herr, ich bin nicht würdig“, eine ganze Reihe empfängt die hl. Kommunion in den Mund. Nach Aussage einer Dame, die sich auskennt, gehören viele von ihnen zu einem festen Kreis, der sich immer bei solchen katholisch-charismatischen Veranstaltungen trifft.

 Nach Abschluß der Messe tritt Herr Ames auf. Er hält zunächst einen Vortrag von einer knappen Stunde, in der er von seiner Bekehrung und seinen Erlebnissen mit den Heiligen, der Muttergottes und Christus selbst erzählt. Er habe eine gut katholische irische Mutter gehabt, die versucht habe, ihn katholisch zu erziehen.

Bekehrung aufgrund von „Erscheinungen“

Trotzdem habe er ein sehr schlechtes Leben mit Diebstahl, Gewalt und Drogen (vor allem Alkohol) geführt. Mit 40 Jahren habe er sich dann auf die Erscheinungen von Engeln und Heiligen hin bekehrt und lebe seitdem nur noch für die Verbreitung des Glaubens.

Fast alles, was Herr Ames sagt, erscheint gut katholisch. Man kann sich sogar fragen, wann in Regensburg zum letzten Mal eine Predigt mit so katholischem Inhalt gehalten worden ist.

Die hl. Theresia von Avila habe ihm mit der Hölle gedroht, wenn er sich nicht bekehre, und er habe täglich drei Rosenkränze (den ganzen Psalter) beten müssen. Die Gottheit Christi, die Größe der hl. Kommunion und die Wichtigkeit der Beichte kommen unmißverständlich zum Ausdruck. Auch die Bedeutung des Priestertums wird in einer Weise hervorgehoben, die man sonst wohl selten hört: Ein Rosenkranz, den Ames verteilt, müsse zuerst vom Priester gesegnet werden, dann erst segne ihn die Muttergottes: Die Muttergottes habe sich in der Kathedrale von Perth sogar vor einem vorbeigehenden Priester niedergekniet usw.

Scheinen solche Worte nicht ein Siegel der Echtheit der Visionen von Herrn Ames zu sein? Müssen solche Phänomene nicht von Gott stammen?

Leiden und Trübsal abgeschafft

Zugegeben  –  wer die katholischen Kriterien zur Unterscheidung echter mystischer Phänomene von falschen nicht kennt, dürfte sich schwer tun, in Herrn Ames den falschen Mystiker zu erkennen, denn es ist ja alles so fromm.

Mit Hilfe dieser Kriterien sieht man aber schnell, daß seine Botschaft nicht von Gott kommen kann. Da ist zuerst das praktisch völlige Fehlen des Kreuzes. Die Botschaft, die Alan Ames und andere Charismatiker (wie z. B. der indische Priester P. Joseph K. Bill) ihren Zuhörern unaufhörlich eintrichtern, lautet: Ihr müßt euch nur bekehren, die Sünde meiden und intensiv beten, dann werdet ihr von euren Krankheiten geheilt und es geht euch immer gut.

Der Zelebrant der Messe hatte in seiner kurzen Predigt den springenden Punkt kurz gestreift, als er bemerkte, es gebe auch Christen, die meinten, man müsse Christus vor allem in Kreuz und Leid nachfolgen. Aber, so fuhr er fröhlich fort, auf der anderen Seite habe Christus am Kreuz ja schon alle unsere Leiden auf sich genommen.

Das ist typisch protestantisch: Christus hat schon alles gelitten, für uns bleibt nichts mehr zu leiden übrig.  –  So sieht es Herr Ames ausdrücklich als ein Zeichen mangelnden Glaubens an, wenn wir uns manchmal traurig und einsam fühlen und es uns nicht immer gutgeht.

Ein wahrer Katholik muß scheinbar ständig Alleluja singen. Wenn man bedenkt, durch welche Prüfungen und Leidensnächte die Heiligen gehen mußten, dann erscheint eine solche Botschaft geradezu grotesk. „Welcher Heilige ist in der Welt ohne Kreuz und Trübsal gewesen?“, fragt die Nachfolge Christi (II, 12).

Hat nicht Christus uns aufgefordert, täglich unser Kreuz auf uns zu nehmen, wenn wir ihm nachfolgen wollen? Über den hl. Paulus sagte er zu Ananias: „Ich will ihm zeigen, wieviel er um meines Namens willen leiden muß“ (Apg 9,16), und Paulus selbst lehrte die Christen, „daß wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,21).

Was ist denn, wenn jemand nicht geheilt wird oder es ihm nach Beichte und Gebet nicht spürbar besser geht? Es besteht mindestens die Gefahr, daß durch solche Botschaften die Religion zu einer Art „Methode zum glücklich werden“ degradiert wird, ähnlich wie die Fitneß- oder Wellness-Welle.

Eine Halleluja-Religion ohne das Kreuz

Eine Religion, die nur praktiziert wird, damit es einem gut geht, ist aber nichts anderes als Egoismus und gleicht dem heidnischen Götzendienst. Darum nimmt Gott seinen Gläubigen oft den fühlbaren Trost, damit sie lernen, ihm selbstlos zu dienen.

Das Buch Nachfolge Christi sagt hierzu: „Wer auf der Welt würde nicht gern Trost und geistliche Freude hinnehmen, wenn er sie immer haben könnte? Die geistlichen Tröstungen übertreffen alle Vergnügungen der Welt und alle Freuden der Sinne. … Doch kann niemand diese geistlichen Tröstungen jederzeit beliebig verkosten“ (II, 10). „Jesus hat jetzt viele, die sein himmlisches Reich gern erben möchten, aber wenige, die auf Erden sein Kreuz tragen wollen. Er hat viele, die nach Trost, aber wenige, die nach Trübsal verlangen … Alle möchten sich mit ihm freuen, aber wenige wollen für ihn etwas leiden. Viele folgen Jesus bis zum Brechen des Brotes, aber wenige bis zum Trinken des Leidenskelches. Viele rühmen seine Wunder, aber wenige teilen mit ihm die Schmach des Kreuzes … Muß man nicht alle als Lohnarbeiter ansehen, die immer nur nach Tröstungen haschen? Wenn sie immer auf ihren Vorteil bedacht sind, beweisen sie dadurch nicht, daß sie mehr sich selbst als Christus lieben?“ (II,11).

Zweifellos ist der Glaube auch der Weg – und sogar der einzige Weg – zu einem wahren und beständigen Glück, aber dieses besteht in dieser Welt nicht ohne das Leid. Das Paradies ist verloren und kann nicht wiederhergestellt werden. Die Botschaft, es in dieser Welt immer gut haben zu können, ist eine antichristliche Botschaft!

Eine „Mystik“ ohne Askese

In der Broschüre des Myriam-Verlags findet sich ein Interview mit Alan Ames, in dem er an einer Stelle vom Leiden spricht. Er sagt, der HERR würde jetzt oft sein Leiden mit ihm teilen, und er hätte dann große Schmerzen, gleichzeitig aber tiefe Freude und tiefen Frieden.

Gewiß sind solche Phänomene aus dem Leben der Heiligen bekannt, aber es handelt sich hier um die höchsten Stufen der Mystik. Die charismatische Bewegung stellt den Versuch dar, in die Mystik einzusteigen, ohne vorher die nötige Reinigung und Askese zu durchlaufen.

Was hier als Gotteserfahrung und Begeisterung durch den Heiligen Geist ausgegeben wird, ist jedoch nur eine sinnliche und emotionale Erregung, die durch stimmungsvolle Lieder, Suggestion von seiten der Prediger und das Gemeinschaftserlebnis hervorgerufen wird.

So behauptet Herr Ames, von einem Leben ohne Gott sofort auf die höchsten Stufen der Mystik geführt worden zu sein. Er verkehrt wie selbstverständlich mit den Engeln und Heiligen, mit der Muttergottes und Christus selbst und hat sogar ein Leben Jesu geschrieben (Mit den Augen Jesu), das ihm diktiert worden sein soll und in dem der Heiland selbst in der Ich-Form sein Leben erzählt. Eine an Sentimentalität und Rührseligkeit nur schwer zu übertreffende Passage aus diesem Buch läßt er zum Abschluß seines Vortrags vorlesen.

Die großen Lehrer der Mystik erklären dagegen alle, daß die Seele erst großmütig durch viele Prüfungen, Leiden und Versuchungen hindurchgehen muß, bevor sie zur mystischen Vereinigung mit Gott gelangt. Der hl. Johannes vom Kreuz, der wegen seiner Darlegungen auf diesem Gebiet zum Kirchenlehrer erhoben wurde, spricht von den zwei Nächten der Sinne und des Geistes, die meist jahrelang dauern und durch die Gott die Seele gründlich von ihren Fehlern und Anhänglichkeiten reinigt.

Diese Reinigungen vollziehen sich unter dem Einfluß der Gaben des Heiligen Geistes, der hier gerade nicht Freude und Begeisterung, sondern Trockenheit und Trostlosigkeit bewirkt. Visionen von Engeln und Heiligen gehören zudem nicht zum normalen Weg der Gottesvereinigung, wie es Herr Ames zu meinen scheint, sondern sie sind außerordentliche Phänomene, die auch nicht alle Heiligen hatten.

 Überhaupt spricht die Selbstsicherheit von Herrn Ames allen Aussagen der Heiligen Hohn. Die hl. Theresia von Avila war sich nicht sicher, ob alle ihre Visionen von Gott kamen, aber Herr Ames ist sich völlig sicher, daß nur Gott aus ihm spricht und handelt. Der hl. Johannes vom Kreuz lehrt in seinem Buch Empor den Karmelberg, das man allen Charismatikern zur Pflichtlektüre geben müßte, sogar ausdrücklich, daß man Visionen und außerordentliche Phänomene ablehnen und sich dagegen wehren müsse, da man sonst nur zu leicht der Täuschung und Irreführung durch die eigene Phantasie und durch den Teufel verfallen wird.

Zurschaustellung mystischer Erlebnisse

Die wahren Mystiker haben ihre außerordentlichen Erlebnisse nur sehr zurückhaltend und widerstrebend anderen geoffenbart. Oft schrieben sie diese nur im Gehorsam gegenüber dem Beichtvater oder den Oberen nieder. Die hl. Katharina Labouré, die von der Muttergottes die wunderbare Medaille erhielt, verbarg ihre Erscheinungen so sehr vor ihren Mitschwestern, daß diese zu ihren Lebzeiten nichts davon ahnten. Über den hl. Pfarrer v. Ars sagte dessen langjährige Mitarbeiterin Katharina Lassagne:

 „Die Menschen, die ihm am nächsten kamen, wußten fast nichts über seine übernatürlichen Gaben.“

Die Offenbarungen über die hl. Messe, die P. Reus erhielt, wurden von diesem im Gehorsam niedergeschrieben und erst nach seinem Tod veröffentlicht. Oder denken wir an Schwester Lucia von Fatima, die in ein strenges Kloster eintrat und ein vor der Öffentlichkeit vollkommen verborgenes Leben führte, aus dem sie nur auf ausdrückliche Wunsch der Päpste und Oberen sehr selten heraustrat.

Es ist dagegen den falschen Mystikern eigen, aus ihren Offenbarungen ein großes Theater zu machen und sich geistliche Funktionen anzumaßen, die ihnen nicht zustehen. Haben etwa eine hl. Bernadette von Lourdes oder die Kinder von Fatima ihre Erscheinungen vermarktet, vor ständig wechselndem Publikum Vorträge gehalten und ihren Zuhörern die Hände aufgelegt? Dies tun die sog. Seher in Medjugorje und eben auch Alan Ames. Trotz seiner demütigen Reden darf man die Tatsachen nicht vergessen: Er hat seine Arbeit aufgegeben und reist dafür in der ganzen Welt umher.

Es sind regelrechte Tourneen, in denen er wie ein Star von Ort zu Ort reist und sich als charismatisch begnadeten Seher und Wunderheiler präsentiert. Er hat zudem eine ganze Reihe von Büchern geschrieben, die in der ganzen Welt verkauft werden und in denen er von seinen Visionen berichtet sowie zu allen Fragen des Glaubens und der Mystik Stellung nimmt. Das Geschäft läuft.

Wie sind aber die Visionen, die er zu haben vorgibt, zu erklären? Sind sie Betrug, Einbildung oder auf dämonische Einflüsse zurückzuführen? Es ist zumindest nicht von vorneherein ausgeschlossen, daß Herr Ames, der – wie er selber zugibt – in seiner Jugend in Kirchen gestohlen hat, sich jetzt auf diese weniger gefährliche Weise seinen Lebensunterhalt verdient. Aber natürlich sind auch Halluzinationen (vielleicht bedingt durch seinen früheren Alkoholismus, denn dieser verursacht Schäden im Gehirn) oder dämonische Vorspiegelungen möglich.

Katholisch werden  –  nicht nötig

Eines der wichtigsten Kriterien zur Beurteilung der Echtheit von Visionen und Privatoffenbarungen ist deren Übereinstimmung mit dem katholischen Glauben. Wir haben schon einige Punkte gesehen, in denen Alan Ames von der katholischen Lehre abweicht. Ganz offensichtlich wird es an einer Stelle des Interviews, das in der genannten Broschüre zu lesen ist.

Auf die Frage „Ist es absolut nötig, katholisch zu werden?“, antwortet Herr Ames klar und deutlich: „Das ist es nicht.“  –  Gott liebe die Protestanten, „wie er die Katholiken liebt“. Freilich solle man versuchen, die Andersgläubigen zur Fülle der Wahrheit zu führen, die nur in der katholischen Kirche zu finden ist, aber wenn die Menschen diese Fülle nicht annehmen wollten, halte das Gott keineswegs davon ab, sie zu lieben und sie heilen zu wollen.

Diese Aussagen erinnern an das berühmte „subsistit in“ des 2. Vatikanischen Konzils (Lumen gentium 8), nach dem die Kirche Christi nicht mit der katholischen Kirche identisch ist, sondern nur in dieser subsistiert. Die katholische Kirche hat die Fülle der Wahrheit und Heilsgüter, die anderen Konfessionen und Religionen nehmen daran teil – so lautet wenigstens eine weitverbreitete Auslegung.

Ames ist ein treuer Mystiker der nachkonziliaren Kirche, und darum kann sein Heimatbischof schreiben: „Was Herr Ames sagt und schreibt, ist einfach, solide und widerspricht in keinerlei Weise der rechten Lehre der Kirche.“  – Nun sagt allerdings selbst das II. Vatikanum nirgendwo, es sei nicht nötig, in die katholische Kirche einzutreten. In LG 14 findet sich sogar der Satz:

 „Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten.“

Die nachkonziliaren Bischöfe und Priester, die Konversionen zur katholischen Kirche für unnötig halten, berufen sich darum nicht so sehr auf das Konzil selbst, sondern vielmehr auf den „Geist des Konzils“. Der Geist, der Alan Ames führt, ist also der „Geist des Konzils“, ein Geist, der allerdings nach den Worten Kardinal Ratzingers (heute als Benedikt XVI. feliciter regnans) in Wirklichkeit ein „Ungeist“ ist.(1) Diese eine Behauptung von Alan Ames, es sei nicht unbedingt nötig, katholisch zu werden, genügt im Grunde völlig, um ihn als falschen Mystiker zu entlarven.

Es stimmt auch nicht, daß Gott alle Menschen gleich liebe, wie Ames ständig behauptet. Zweifellos liebt Gott alle Menschen. Diese Liebe zeigt sich vor allem darin, daß er sie zur ewigen Seligkeit berufen hat und ihnen alle Gnaden und Mittel gibt, die sie brauchen, um dieses Ziel erreichen zu können. Daß Gott alle Menschen aber gleich liebe, ist offenbarer Unsinn. Selbstverständlich liebt er die Muttergottes mehr als die übrigen Menschen, einen Gerechten mehr als einen Sünder und jemanden, der die Wahrheit der katholischen Kirche erkennt und in sie eintritt, mehr als einen anderen, der die gleiche Wahrheit erkennt und trotzdem nicht katholisch wird. Auch gibt Gott zwar allen Menschen genügend und sogar übergenügend viel Gnade, aber er schenkt nicht allen das gleiche Maß an Gnade, so wie er auf der natürlichen Ebene auch nicht allen die gleichen Fähigkeiten und Kräfte schenkt.

Die Handauflegung zur Heilung

Nach dem Vortrag wird das Allerheiligste auf dem Volksaltar ausgesetzt. Dann tritt Herr Ames wieder an das Ambo und fordert die Leute auf, sich zu setzen, damit er seine Erläuterungen über den Vollzug des Heilungsgebets geben kann. Dieses habe drei Stufen, erklärt er: Die erste sei die Beichte, denn man könne nicht Heilung erlangen, wenn man im Unfrieden mit Gott lebt. – Das ist zweifellos richtig, wenn es auch problematisch ist, die Leute mit dem Versprechen der Heilung von ihren Krankheiten in den Beichtstuhl zu locken. Jedenfalls stellen sich einige Priester nun für die Beichte zur Verfügung und werden von den Gläubigen auch zahlreich frequentiert.

Die zweite Stufe ist ein von Alan Ames frei formuliertes Heilungsgebet: Man solle dabei die Augen schließen und sich ganz entspannt verhalten (man kommt sich vor wie beim Psychotherapeuten). Die dritte Stufe ist die Handauflegung. Auch dazu sollen die Leute die Augen schließen und sich entspannen. Es sei möglich, daß einige dabei ohnmächtig werden und umfallen (nach der verteilten Broschüre soll dies wohl „Ruhen im Geiste“ sein). Manchmal würden fast alle umfallen, andere Male fast niemand – beides sei gut, da es der Wille Gottes sei. Herr Ames bittet darum einige Männer, sich hinter diejenigen zu stellen, denen er die Hände auflegt, um sie gegebenenfalls aufzufangen.

Die Gläubigen kommen nun nach vorne und stehen (!) um den Volksaltar herum, während Herr Ames vor dem Allerheiligsten herumhampelt (anders kann man seine ungelenken Bewegungen nicht bezeichnen) und den Leuten die Hände auflegt. Während meiner Anwesenheit fällt niemand um, und ich habe auch während des ganzen Abends nichts festgestellt, das einer außernatürlichen Erklärung bedürfte. Jeder, der den katholischen Glauben kennt, könnte die gleiche Show ebensogut abziehen – und sogar besser.

Gibt es bei Charismatikern wunderbare Heilungen?

Auch wenn es an jenem Abend offenbar keine spektakuläre Heilung gab, so behaupten Herr Ames und die anderen Charismatiker doch, es käme bei ihnen häufig zu solchen Phänomenen. Halten wir zuerst fest, daß das gleiche nicht nur von katholischen, sondern auch von protestantischen Charismatikern behauptet wird sowie von Magiern, afrikanischen Medizinmännern, Geistheilern usw.

Die katholischen Autoren haben immer gelehrt, daß diese mit Hilfe der Dämonen ihre außernatürlichen Wirkungen hervorbringen, wenn solche wirklich feststehen. Da der Teufel Krankheiten hervorrufen kann, wie aus dem Evangelium feststeht (vgl. z. B. Lk 13,16), kann er diese natürlich auch wieder wegnehmen. Auch als gefallenem Geist bleiben ihm seine natürlichen Engelskräfte, die er mit der Zulassung Gottes ausüben kann. Oft halten diese Heilungen aber nicht lange an, weshalb eines der Kriterien, das die katholische Kirche für die Anerkennung einer Heilung fordert, ihre Dauerhaftigkeit ist. Wer aber prüft bei denen, die nach einem Heilungsgottesdienst laut verkünden, sie seien jetzt gesund, nach, ob sie auch nach sechs Monaten oder einem Jahr noch gesund sind?

In den meisten Fällen wird man allerdings den Teufel nicht benötigen, um die angeblichen Heilungen zu erklären. Wenn es sich bei ihnen nicht um klaren Betrug handelt (was mindestens bei einigen protestantischen Charismatikern nachgewiesen ist), so sind sie einfach das Ergebnis von Suggestion. Jeder hat sicher schon von den erstaunlichen Wirkungen gelesen, die Scheinmedikamente, sog. Placebos, bewirken können. Wegen des Zusammenhangs von Leib und Seele kann eine seelische Beeinflussung spürbare Auswirkungen auf den Leib haben. Sicherlich kann man durch Suggestion kein zerstörtes Organ von einem auf den anderen Moment wiederherstellen, wie es bei den echten Wundern bezeugt ist, denn dafür braucht es die Macht des Schöpfers – aber die Symptome einer Krankheit können sich wesentlich bessern oder sogar ganz verschwinden. Wenn also nach einem Heilungsgottesdienst manche erklären, ihre Schmerzen hätten aufgehört oder eine Lähmung habe sich gebessert, ist das überhaupt kein Zeichen einer übernatürlichen Ursache. Nicht selten sterben dann solche Patienten einige Wochen später an der Krankheit, von der sie angeblich geheilt wurden – sie wurden eben nicht geheilt, nur die Symptome der Krankheit waren verschwunden.

François Reckinger schreibt hierzu: „Ein Blick in die Literatur seit 1950 zeigt, daß, sooft in dem besagten Umkreis eine organische Krankheit eindeutig festgestellt wurde, die angebliche Heilung in Wirklichkeit eine vorübergehende Besserung war und die ‚Geheilten’ kurze Zeit später entweder tot waren oder genauso krank wie vorher. So berichtet etwa … K. Thomas von einer Krebskranken, die bei einer Veranstaltung des Evangelisten Hermann Zaiss in Langenfeld/Rhld. von ihrer Heilung Zeugnis gab. Lakonisch fügt er hinzu: ‚Als ich eine Woche später mit dem evangelischen Pfarrer in Langenfeld zu einer Besprechung über die Auswirkungen der Evangelisation von Zaiss in seiner Gemeinde verabredet war, mußte ich eine Stunde warten, weil er eine Beerdigung vorzunehmen hatte – es war jene ‹geheilte› Krebskranke’.“(2) Zum Teil wird sogar von den Befürwortern der charismatischen Erneuerung selbst zugegeben, daß die bei ihnen vorkommenden Heilungen nicht mit den medizinisch überprüften und kirchlich anerkannten Wundern verglichen werden können.(3)

Die in der schon mehrfach erwähnten Broschüre dokumentierten Beispiele der von Ames bewirkten Heilungen sind auch entsprechend armselig: Eine Frau aus Österreich schreibt, ihr Lungenkrebs sei nach einem Vortrag von Ames langsam zurückgegangen und sie fühle sich besser, besonders spirituell – geheilt wurde sie offensichtlich nicht. Eine Frau aus Deutschland gibt an, ihre Schmerzen in der Hand seien nach dem Heilungsgottesdienst im Laufe einiger Wochen verschwunden. Bemerken wir hierzu noch, daß die katholische Kirche als eindeutige Wunder normalerweise nur solche Heilungen anerkannt hat, die sich plötzlich vollzogen haben, denn wenn der Heilungsprozeß sich über einen längeren Zeitraum hinzieht, kann man das Wirken natürlicher Selbstheilungskräfte nicht ausschließen.

Was sind die Früchte solcher Heilungsgottesdienste?

Man muß nicht grundsätzlich ausschließen, daß Ames und andere katholische Charismatiker manches Gute bewirken. Gott kann auch auf krummen Zeilen gerade schreiben, und insofern diese Leute den katholischen Glauben predigen, zum Gebet, zur Beichte und überhaupt zum Sakramentenempfang auffordern, kann dies für manche ein Anstoß zur Bekehrung sein. So schreibt auch der hl. Paulus in bezug auf unlautere Prediger: „Andere verkünden Christus aus Eigennutz, nicht redlich; … Doch was liegt daran? Wenn nur auf jede Weise Christus verkündet wird, sei es aus Berechnung, sei es in Aufrichtigkeit“ (Phil 1,17 f). Es zeigt die ganze katastrophale Situation der Kirche, wenn heute fast nur von solchen Predigern den Leuten noch gesagt wird, sie sollten beten, beichten und die Gebote Gottes halten.

Das schlimmste ist wohl, daß auf diese Weise Menschen, die aufrichtig Gott und die Vereinigung mit ihm suchen, auf einen Weg geführt werden, auf dem sie nie zu einer tiefen Gottesbeziehung finden können. Anstatt aus dem Glauben zu leben und das tägliche Kreuz zu tragen, werden sie angehalten, eine gefühlshafte, emotionale Gotteserfahrung zu suchen. Bezeichnend ist das Zeugnis einer Frau aus Ulm, nach einem Gebetstreffen habe sie beschlossen, sich für mehrere Wochen „häufig dem Erleben der Heiligen Messe auszusetzen“. Aber „Gott ist Geist“ (Joh 4,24), auf der Gefühlsebene kann man ihm nicht näher kommen. Außerdem rät man den Gläubigen sogar, sich außerordentliche Charismen und Erscheinungen zu wünschen, was gegen jede Regel einer gesunden Spiritualität ist. Ames sagt ausdrücklich, seine Gaben könnten auch andere haben, wenn sie nur richtig glaubten. Sich Erscheinungen und Wundergaben zu wünschen ist aber nichts anderes als Eitelkeit und Ich-Sucht und führt zum Neid auf solche, die vorgeben, diese Gaben zu besitzen. Wer um jeden Preis Erscheinungen haben will, wird vielleicht einmal tatsächlich solche erhalten – aber nicht von Gott.

Viele werden sich freilich nach einiger Zeit wieder abwenden, wenn die versprochene Heilung entweder nicht eintritt oder nicht anhält oder wenn die emotionale Begeisterung abgeflaut ist. Der charismatische Höhenflug ist eben oft nur ein kurzes Strohfeuer.

Die Charismatiker sind im allgemeinen auch blind für die Kirchenkrise. Alan Ames meint, man würde sich umsonst Sorgen um die Jugend machen, denn viele Jugendliche kämen zu seinen Vorträgen, würden Gott suchen und in den nächsten Jahren werde sicher ein gewaltiger Umschwung und ein neuer Frühling kommen. Noch deutlicher ist da P. Bill. Er sagt seinen Zuhörern, nach dem 2. Vatikanischen Konzil habe man ein neues Pfingsten erwartet, aber viele hätten sich gefragt, wo es sei. Doch jetzt sei durch ihn (und durch andere charismatische Prediger) das neue Pfingsten gekommen.

Wahre geistliche Hilfe in der Krankheit

Wer in seiner Krankheit wahre geistliche Hilfe sucht, braucht seine Zuflucht nicht zu zweifelhaften Wunderheilern zu nehmen. Das römische Rituale enthält einen Krankensegen, den man sich von seinem Seelsorger hin und wieder spenden lassen kann. Man darf jedoch nicht vergessen, daß eine geduldig getragene Krankheit eines der besten Mittel ist, um die Seele zu reinigen und näher zu Gott zu bringen.

Der hl. Pfarrer von Ars, der selber viele Wunder wirkte (obwohl natürlich die allermeisten Kranken, die nach Ars kamen, nicht geheilt wurden), hat oft zum Ausdruck gebracht, daß das christlich getragene Leid besser als die Heilung ist. 

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1 Vgl. Joseph Ratzinger: Zur Lage des Glaubens, München 1985, S. 32 f.

2 Wenn Tote wieder leben – Wunder: Zeichen Gottes oder PSI? Verlag Ursula Zöller, Aschaffenburg 1995, S. 75. Dieses wertvolle Buch untersucht die angeblichen Wunder im außerkatholischen Bereich und kommt zu dem Ergebnis, daß es außerhalb der katholischen Kirche keine eindeutigen und klar bezeugten Wunder gibt.

3 So Johannes Mohr: Montanismus und charismatische Erneuerung, in: Peter Krämer, J. Mohr: Charismatische Erneuerung der Kirche. Chancen und Gefahren, Trier 1980, S. 57. Vgl. Fr. Michael Erlach SJM: Die charismatische Bewegung aus kirchenrechtlicher Sicht, in: Der Ruf des Königs Nr. 14 (2/2005), S. 4.