Pater Bernhard Vosicky: Exorzist und „Heiler“?

Von Felizitas Küble

Das Erzbistum Wien wird seit Jahrzehnten von Kardinal Christoph  Schönborn (siehe Foto) geleitet, der außerhalb seiner Diözese in „frommen“ Kreisen vor allem als begeisterter Anhänger der „Marienerscheinungen“ von Medjugorje bekannt ist, die seit fast vierzig Jahren andauern, wobei drei der sechs Seher/innen  – eigenen Angaben zufolge –  immer noch tägliche (!) Botschaften der Madonna erhalten.

Jährlich veranstaltet Erzbischof Schönborn im Herbst eine große Medjugorje-Jubelfeier im Wiener Stephansdom, meist mit Live-Auftritt einer Person aus der Medju-Seherschar, wobei es bisweilen direkt an Ort und Stelle zu einer „Erscheinung“ kommt.

Kein Wunder bei solch „aufregenden“ Vorgängen, daß neugierige oder auch visionsbewegte Schäflein gleich in Scharen kommen, voriges Jahr immerhin über 3000 Gläubige (und Abergläubige).

Laut Kathpress-Medienbericht befand sich unter den Gästen auch Maximilian Heim, Abt des namhaften Ziensterzienser-Stift Heiligenkreuz im Wienerwald (Niederösterreich).

Mehrere Mönche des dortigen Klosters treten seit langem für Medjugorje ein, darunter der bekannte Pater und Professor Karl Wallner OCist (siehe hierzu unser Bericht von 2012: https://charismatismus.wordpress.com/2012/02/12/pater-karl-wallner-und-die-fruchte-von-medjugorje/).

Zur Medjugorje-Veranstaltung im Stephansdom am 19. September 2019 kam zudem sein Mitbruder Bernhard Vošicky, der dort vor den Besuchern über seine eigene Tumorheilung gesprochen hat

Der vielgereiste Ordensmann ist im charismatischen Spektrum  kein Unbekannter. 

In ihrem Buch „Unterwegs mit Jesus“ berichtet die deutsch-indische Nonne Margaritha Valappila, daß Pater Vosicky gemeinsam mit ihr Exerzitien im Seminarzentrum von Bad Soden-Salmünster hielt, wobei dieses ihr schwarmgeistig geprägtes „Haus Raphael“ kirchlich nicht anerkannt ist: Das Bistum Fulda hat sich im Amtsblatt längst ausdrücklich davon distanziert, weshalb das Exerzitienhaus sich nicht als „katholisch“ bezeichnen darf.

Aber dabei wächst offenbar zusammen, was zusammengehört, denn beide – die Ordensschwester in Hessen und der Ordensbruder im Wienerwald – verstehen sich gleichsam als „Heiler“, natürlich nicht im spiritistischen bzw. esoterischen Sinne, sondern im Auftrag des Himmels und mithilfe des Heiligen Geistes, wie dabei treuherzig versichert wird.

Vor fünf Jahren brachte der Kloster-eigene Be&Be-Verlag eine begeisterte Lebensbeschreibung von und über Pater Bernhard Vosicky heraus.

Das Buch mit dem TitelNur die Liebe heilt: Erzählungen über das Wirken Gottes in meinem Leben“ beruht auf Interviews, die der Konvertit und Theologe Hinrich E. Bues mit dem „Heilungspriester“ geführt hat. Auch Dr. Bues steht der katholischen Charismatischen Erneuerung nahe.

Schon das Vorwort von Pater Karl Wallner liest sich teils wie eine vorzeitige Heiligsprechung.

Immerhin fehlt Pater Bernhard nicht an der hierfür erforderlichen „Demut“, denn das Editorial verrät uns über das Zustandekommen der Biographie: „Natürlich hat sich Pater Bernhard geziert wie eine Primadonna  – nein, wie ein demütiger Mönch.“

Daß Pater Bernhard „gescheit ist“ und aus einem „weiten Schatz des Wissens schöpft“, wollen wir dem Autor gerne glauben, zumal der Angepriesene auch als Professor für Liturgie in Heiligenkreuz tätig ist.

Merkwürdiger klingt es freilich, wenn es auf S. 11 weiter heißt, P. Bernhard sei „vor allem ein Heiler“.

Ein Heiler also? – „Das ist seine Berufung. Er hat die Gabe des Lösens….Er lebt in einer Aura der Heilung“, bekräftigt Pater Wallner, früher ebenfalls Dozent in der Heiligenkreuzer Hochschule, inzwischen Direktor von „Missio“ in Österreich.

Nach zwei weiteren Seiten des Lobens versichert der Verfasser: „Nein, dieses Buch wird keine Heiligsprechung von Pater Bernhard.“

Es ist aber von einer Seligsprechung nicht weit entfernt:

Auf S. 14 schreibt Pater Wallner weiter, auch Dr. Bues sei in den „Bannkreis“ (!) der „Faszinationskraft“ von Pater Bernhard geraten.

Abschließend bezeichnet Wallner ihn als „phänomenalen Mitbruder“. Das Buch erzähle davon, daß Gott durch Pater Bernhard „heilend und heiligend“ in diese Welt ausstrahlen wolle.

Was mag es nun bedeuten, wenn ein Priester „vor allem ein Heiler“ ist?

Typisch charismatisch steht hier nicht das Heil im Vordergrund, sondern die sog. Heilung, zumal „Heilung und Befreiung“ sich als Lieblingsvokabeln in dieser Szene etabliert haben.

Noch merkwürdiger erscheint Wallners Erklärung: „Er hat die Gabe des Lösens.“ – Damit ist natürlich nicht die sakramentale Lossprechung bei der Beichte gemeint, weil diese Vollmacht schon durch die Priesterweihe verliehen wird.

Es geht vielmehr um das in der Schwärmerszene vielgepriesene „Binden und Lösen“ von angeblich okkulten Belastungen und Bindungen etc, die mit einer Spruchformel „abgetrennt“ (!) werden.

Womit wir bereits beim springenden Punkt wären – dem Exorzismus nämlich.

Auf S. 160 schreibt Pater Bernhard über dazu: „Mit diesem Sakrament der Heiligen Weihe ist dann auch die exorzistische Weihe gegeben. Dies bedeutet, daß jeder Priester auch den Exorzismus beten darf.“

Das darf er damit noch keineswegs, weshalb sein nächster Satz dem vorhergehenden widerspricht:

„Das Gebet über Personen, von denen angenommen wird, dass sie besessen sind, bedarf allerdings einer bischöflichen Erlaubnis“ – und zwar einer schriftlichen, wie er hätte präzisieren sollen. Zudem muß es der für ihn zuständige Ortsbischof (nicht irgendein Bischof) sein.

Ihm selber sei, so heißt es weiter, diese „Erlaubnis erteilt“ worden, also hat Pater Bernhard sie von Erzbischof Schönborn erhalten.

Kritisch wird es freilich, wenn der amtliche kirchliche Exorzismus (der nur unter strengen Auflagen erteilt werden darf) mit jenem „Befreiungsdienst“ verwechselt oder vermengt wird, wie er in charismatischen Kreisen ausgeübt wird, teils auch von Laien. 

Selbst wenn Priester sich diesem „Befreiungsdienst“ verschrieben haben, um die hohen Hürden eines bischöflich gestatteten Exorzismus zu umgehen, begeben sie sich auf eine höchst problematische Ebene.

Pater Bernhard Vosicky empfiehlt für exorzierenden Geistlichen gewisse „Schulungen“ mit solchen Priestern, die schon länger in diesem „Befreiungsdienst“ stehen. Glücklicherweise sei in den letzten Jahrzehnten die Zahl der „gut ausgebildeten Geistlichen“ gestiegen, so daß sich in Deutschland und Österreich inzwischen ein „großes Team für den Heilungs- und Befreiungsdienst entfaltet“ habe (S. 163).

Die Zahl bischöflich ernannter Exorzisten hält sich zumindest hierzulande in sehr engen Grenzen.

Das „große Team“ der Heiler und Befreier bezieht sich auf den charismatischen „Befreiungsdienst“, der jedoch eine äußerst problematische Angelegenheit darstellt:

1. Da es sich dabei nicht um einen amtlichen und formalen Exorzismus handelt, ist eine bischöfliche Erlaubnis nicht erforderlich. Somit entfällt auch die dort integrierte Bedingung, vor einem Exorzismus erst einen Arzt bzw. Psychologen zu kontaktieren, um abzuklären, ob eine Besessenheit oder vielmehr eine psychische Erkrankung vorliegt (es kann auch beides zugleich der Fall sein).  

2. Bei den Betroffenen, dem in der Charismatikerszene ein „Befreiungsgebet“ angeraten oder gar aufgedrängt wird, entsteht so oder so der Eindruck, er sei vom Teufel besessen oder zumindest „umsessen“, ob nun ein Exorzismus oder ein „Befreiungsgebet“ stattfindet (wenngleich vom Ablauf/Ritus her einige Unterschiede vorhanden sind). Das kann zu erheblichen seelischen und geistlichen Schäden und Verunsicherungen führen, zumal gerade in Schwärmerkreisen schnell eine „dämonische Belastung“ herbeigeredet wird – manchmal sogar im Kontext einer sog. „Vorfahrensschuld“, von der man sich „lossagen“ müsse etc.

Bei mir melden sich seit Jahrzehnten immer mehr Menschen (darunter auch Personen aus der „Seelsorge“ von Pater Vosicky), die sich durch derartige Praktiken – wozu auch eine angebliche „Seelenschau“ gehört –  psychisch und teils auch psychosomatisch beeinträchtigt fühlen.

Vielfach werden Gläubige in diesem Spektrum mit sogenannten „besonders starken“ (!) Gebeten überrascht und überrannt, wobei sie nicht so recht wissen, wie ihnen geschieht, wenn sie nur „normale Fürbittgebete“ wünschten.

Die Situation wird gewiß nicht dadurch besser, daß man sie z.B. mit lateinischen Formeln konfrontiert, von denen die Betreffenden nicht wissen, ob es sich um eine Art Fern-Exorzismus, ein eigenwilliges „Heilungsgebet“ oder nur um einen üblichen kirchlichen Segen gehandelt hat. Von Aussteigerseite erfuhr ich, Priester hätten ihnen auf ihre Rückfrage hin die Auskunft darüber verweigert, was ihre Verunsicherung noch erhöhte.

Es existiert in der charismatischen Bewegung ein breites Feld seelsorglicher Übergriffe, man kann teils sogar von geistlichem Missbrauch sprechen. 

Leider ist die Biographie von und über Pater Bernhard Vosicky nicht geeignet, die gerade heutzutage so notwendige „Unterscheidung der Geister“ zu erleichtern, sie biblisch und kirchlich zu begründen und zu vertiefen. Vielmehr begünstigt es schwarmgeistige und irreführender Tendenzen innerhalb der Kirche.

HIER der zweite Teil der Rezension dieses Buches: https://charismatismus.wordpress.com/2011/06/05/kardinal-schonborn-entschuldigt-sich-bei-bischof-peric/

Zum Thema charismatisches „Binden und Lösen“ siehe auch hier: https://charismatismus.wordpress.com/2020/07/24/seelsorge-auf-abwegen-pfr-franck-und-das-charismatische-binden-und-loesen/

 


Pater Karl Wallner und die „Früchte“ von Medjugorje

Von Felizitas Küble

Der bekannte Heiligenkreuzer Zisterzienser-Pater Karl Wallner veröffentlichte am 18.2.2010 eine Stellungnahme zu Privatoffenbarungen und Medjugorje in der katholischen Zeitung „Tagespost“ (Würzburg).Maira

In seiner Einführung betont er zunächst sehr klar und gut begründet, daß und warum die katholische Kirche sich gegenüber „Erscheinungen“, Visionen und ähnlichen außerordentlichen Vorgängen vorsichtig bis skeptisch verhält. Tatsächlich beträgt der Anteil der von der Kirche anerkannten „Erscheinungen“ nicht einmal 1%, was ihre kritische Haltung dokumentiert.

Pater Wallner bleibt aber nicht bei diesen allgemeinen Ausführungen stehen, sondern leitet dann zum Thema Medjugorje über, berichtet von seinen pastoralen Erfahrungen dort, die er als positiv erlebte – und äußert sich sodann zu den  – wie er meint – guten Früchten dieser Erscheinungsstätte in Bosnien-Herzegowina, wo angeblich seit über 30 Jahren die „Gospa“ erscheint, wie die Gottesmutter dort genannt wird.

Da dieser Hinweis auf die „Früchte“ ein echter Dauerbrenner ist und den Kritikern immer wieder  – meist als erstes Argument  –  entgegengehalten wird, zitieren wir hier zunächst den entsprechenden Abschnitt aus Pater Wallners Artikel: media-372515-2

„Ich habe es als nüchterner Theologe bewusst vermieden, bei „Erscheinungen“ dabei zu sein oder den Sehern auch nur allzu nahe zu kommen. Meine Fragestellung an Medjugorje war immer: Geht es hier um eine Sakro-Show, also um das bloß der Erscheinungshaft-Übernatürliche, oder geht es hier um den Kern, um das Wesenhaft-Übernatürliche?

Meine Einsicht ist klar: Was ich in Medjugorje erlebt habe, sind keine faulen Früchte. Alles führt hin zur Eucharistie, zur Beichte, zum Gebet, zu einem Leben aus den Sakramenten, zur Treue gegenüber dem kirchlichen Lehramt.“

Hierzu stellen wir fest:

1. Die zuständigen Oberhirten von Mostar (sei es der jetzige Bischof Peric oder sein Vorgänger Zanic) wissen über die „Früchtchen“ von Medjugorje ganz anderes zu berichten (einschließlich zB. der „Seherinnen“ Vicka und Marija) , wobei Bischof Zanic bereits Mitte der 80er Jahre eine gründlich erarbeitete Dokumentation verfaßte, die uns vorliegt.

Selbst wenn nur 10% von dem stimmen würde, was dort an Fakten aufgeführt wird, wäre es schon haarsträubend genug – doch wir gehen davon aus, daß der Bischof alles zutreffend darstellt, zumal er seine Kritikpunkte genau belegt hat. Nachdem wir damals vor 25 Jahren diese Ausarbeitung gelesen haben, fühlten wir uns in unserer wachsenden Skepsis durch diese bischöfliche Stellungnahme bestätigt.

Dazu kommt, daß wir hier in unserem KOMM-MiT-Verlag und Christoferuswerk in Münster im Laufe der Jahrzehnte sehr viele höchst unerfreuliche Erfahrungen mit „Medju-Bekehrten“ machen mußten (von unreifer Schwärmerei und verbissenem Fanatismus bis hin zum handfesten Betrug), so daß wir beim Wort „Früchte“ eher an Früchtchen und Sumpfblüten denken als an gute Auswirkungen oder gar die Gaben des Hl. Geistes…

2. Selbst wenn Pater Wallners Aufzählung der wohlklingenden Medju-Früchte unwidersprochen stehenbleiben könnte, so wären diese Früchte noch lange kein Beweis für die Echtheit dieser Privatoffenbarung, denn bei solch einer simplen „Logik“ müßte die Kirche ja praktisch alle angeblichen „Erscheinungen“ anerkennen (wovon sie weit entfernt ist), da doch wohl an allen Erscheinungsstätten viel gebetet, gebeichtet und in die Kirche gegangen wird.

Dazu kommt, daß es in Medju nun schon seit über 30 Jahre Erscheinungen geben soll, bei einigen „Sehern“ sogar täglich, wobei es natürlich auf Wundersüchtige bzw. Sensationslustige oder einfach recht neugierige Personen schon sehr faszinierend wirkt, sich an einem Ort aufzuhalten, an dem die himmlische „Madonna“ Tag für Tag ein Stelldichein  liefert.

Die katholische Kirche ist aber viel nüchterner als Pater Karl Wallner, denn sie weiß seit 2000 Jahren, daß „fromme Früchte“ allein noch lange kein Beweis für die übernatürlich-himmlische Herkunft einer Privatoffenbarung darstellen.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Jugendverlags und des Christoferuswerks in Münster