Buch dokumentiert kirchliche Hilfe für Judenchristen unter dem Nationalsozialismus

Von Dr. Frans du Buy

Buchbesprechung zu: „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich“

Dieses Buch, das im Jahre 2016 in einer von Pater Lothar Groppe bearbeiteten Neuauflage im Gerhard-Hess-Verlag erschienen ist, schreibt über die Arbeit der Erzbischöflichen Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien. titel

Es ist ein aufschlußreiches Werk, das eingehend darüber berichtet, unter welchen schwierigen Verhältnissen von katholischen Stellen in Österreich in der Zeit von März 1938 bis April/Mai 1945 bewundernswerte, opferbereite Arbeit geleistet worden ist, um im Rahmen der NS-Rassenideologie in Bedrängnis geratenen, nichtarischen katholischen Juden in Österreich zu helfen und ihnen somit eine  –  wenn auch keineswegs sichere  –  Aussicht auf Überleben im damaligen NS-Machtbereich zu bieten oder sie sogar außer Landes zu schaffen.

Österreich gehörte nach dem im März 1938 vollzogenen Anschluß  –  allerdings unter dem Namen „Ostmark“  – zu diesem Reich und unterstand demzufolge der reichsdeutschen Gesetzgebung, somit auch den reichsdeutschen judenfeindlichen Gesetzesbestimmungen.

Von der besagten Hilfsstelle in Wien ausgehend ist damals großartige Arbeit geleistet worden, die umso mehr beeindruckend genannt werden muß, weil diese Hilfeleistung auch für die arischen bzw. nichtjüdischen katholischen Helfer ständig  mit einem großen Risiko verbunden war.

Die Behauptung von Hochhuth, daß der zur damaligen Zeit amtierende Papst Pius XII. „mitschuldig war am Holocaust“ oder jene von Gräfin Marion Döhnhoff, daß „gegen die Verbrechen an den Juden keine Proteste laut wurden, weder von den Kirchen noch von sonst jemandem“, entsprechen nicht den Tatsachen.

Oberstes Gebot war damals die Überlegung, in welcher Weise gegen die „Judenpolitik“ des NS-Regimes vorgegangen werden sollte und könnte. Lautes Aufschreien würde nur zum Ergebnis führen, daß die Protestierenden selbst von NS-Seite  in irgendeiner Weise „unschädlich“ gemacht werden würden.

In Anbetracht der damals bestehenden wirklichen Machtverhältnisse blieb nur die einzige Möglichkeit, beharrlich, aber dennoch in aller Stille Hilfe zu leisten. Das müssen die die Leiter und die in dieser Hilfsstelle tätigen Mitarbeitenden  –  ein jeder an seinem eigenen Platz  –  wohl auch so empfunden haben. Denn in dieser Weise vorzugehen, war zur damaligen Zeit gewiß die einzige Möglichkeit, bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen und ihnen beizustehen.

Wie unsinnig die Ansichten von Menschen wie Hochhuth, Gräfin Marion Dönhoff und viele andere sind, wird z. B. auch ersichtlich aus einem späten Bekenntnis von Winston Churchill, der nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. folgendes von sich gab:Davidstern

„Wir sind 1939 nicht in den Krieg eingetreten um Deutschland vor Hitler  oder die Juden vor Auschwitz oder den Kontinent vor dem Faschismus zu retten. Wie 1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den Krieg eingetreten, daß wir eine deutsche Vorherrschaft in Europa nicht akzeptieren konnten.“

Die damaligen Kriegsgegner des Deutschen Reiches hatten ganz andere, „wichtigere“ Kriegsziele, als die Juden im NS-Bereich vor ihrer Ausmerzung zu retten.

Mit Enttäuschung, ja mit Entsetzen muß man aber auf Seite 34 des Buches lesen, daß der Ältesten-Rat der Juden, der Ende 1942 in Wien für die in dieser Stadt verbliebenen Glaubens- und Herkunftsjuden die offizielle Vertretung übernahm, zugleich aber auch die Nicht-Glaubens-Juden vertrat. Eine eigene Vertretung von Nicht-Glaubensjuden im Rahmen des Ältestenrates konnte trotz mehrfacher Interventionen nicht erzielt werden. Hier wäre die Frage berechtigt, weshalb in einer Zeit höchster Gefahr von orthodox-jüdischer Seite den Nicht-Glaubensjuden eine eigene Vertretung im Ältestenrat verweigert wurde. Gab es etwa Juden erster und zweiter Kategorie?

Das vorliegende Buch ist auch darum wertvoll, weil in ihm auf den Seiten 227 bis 268 eine ausführliche Auflistung enthalten ist von „Gesetzliche Regelungen und Verordnungen Juden betreffend, welche Bestimmungen im Wesentlichen auch auf rassische Mischlingen zutrafen“.

Neben den positiven Bemerkungen zu diesem Buch gibt es nach der Meinung des Rezensenten auch einige Formulierungen, die nicht so glücklich verfaßt worden sind, weil diese möglicherweise nicht genau überdacht worden sind oder auch nicht immer unwiderlegbaren Tatsachen widersprechen. So wird vom „Anschluß“ Österreichs im Jahre 1938 geschrieben. Warum muß das Wort Anschluß zwischen Anführungszeichen gesetzt werde?

Foto: Konrad RuprechtDer Wunsch nach Anschluß an das Deutsche Reich war in Österreich bereits Ende 1918 und damals noch mehrmals zum Ausdruck gebracht worden, wurde aber von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges verboten und war von ihnen in den Friedensdiktaten von 1919 festgelegt worden. In Anbetracht der schwierigen Lage, in der sich Österreich in den Jahren zwischen den beiden großen Kriegen befand, war der Wunsch der Österreicher nach Anschluß an das Deutsche Reich durchaus verständlich.

Als die Verhältnisse in Mitteleuropa sich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wieder geändert hatten, ergriff der Diktator Hitler die Gelegenheit, den nie erloschenen Wunsch der übergroßen Mehrheit der Österreicher nach diesem Anschluß, diesen Wunsch, der auch in seinem Sinne war, zu erfüllen. Mit überwältigender Mehrheit wurde diesem Anschluß in einer Volksabstimmung von den Österreichern zugestimmt.  Es handelte sich hier um eine späte, aber dennoch klare Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts.

Daß die Österreicher mit dem Anschluß an das Deutsche Reich auch mit vielen damals im Deutschen Reiche geltenden, als negativ zu bewertenden Gesetzen und Praktiken konfrontiert wurden und sich zum Teil auch davon distanzierten, sind Tatsachen, die zur Kenntnis genommen und möglichst objektiv bewertet werden sollten. 

Aus derselben Überlegung hält der Rezensent  es nicht für richtig, wie auf Seite 99 des Buches geschehen ist, von Besetzung Österreichs zu sprechen und zu schreiben. Der Wunsch der übergroßen Mehrheit der Österreicher zu diesem Anschluß war klar. Eigenes Staatsterritorium kann nicht von eigenen Truppen „besetzt“ werden. So ist es auch nicht richtig, die im Jahre 1936 erfolgte, von deutscher Seite eigenmächtig vorgenommene Rücknahme des Rheinlandes als „Rheinlandbesetzung“ zu bezeichnen.

Schließlich noch ein Hinweis auf eine Formulierung auf Seite 29, wo geschrieben wird: „Mit den nach Polen Evakuierten (Juden)“. Die Juden wurden nicht evakuiert, sondern die Gebiete, in denen sie bis dahin lebten. Diese Gebiete wurden nach dem Sprachgebrauch des NS-Regimes „judenfrei“ gemacht.

Unser Autor, Dr. Frans du Buy, ist ein in Deutschland lebender, niederländischer Völkerrechtler und Jurist

Hinweis: Diese Neuerscheinung kann portofrei zum Preis von 19,80 € bei uns bezogen werden.

 


Fakten zu Kirchenhaß und Christenverfolgung im Spanischen Bürgerkrieg

Der seit Jahrzehnten  – nicht zuletzt wegen seiner Beiträge zu militärgeschichtlichen Fragen  –  bekannte Jesuitenpater Lothar Groppe SJ schrieb am 2.1.2014 einen Leserbrief an die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS).

Darin informierte er über die Opfer der kommunistischen Katholikenverfolgung zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs.marin

Der katholische Geistliche  –  er ist ein Sohn des in der Nazi-Diktatur verfolgten Generalleutnants und Widerständlers Theodor Groppe (siehe Foto)  –  reagierte damit auf einen FAS-Artikel mit dem Titel „Franco ging über ins Bewußtsein der Menschen“ vom 29.12.2013. 

Wir dokumentieren den vollen Wortlaut der Stellungnahme von Pater Groppe (siehe Foto): 

„Bei den Fragen von Yvonne Staat zu Georg Pichlers  Buch „Gegenwart der Vergangenheit“ fällt auf, dass sie doch recht einseitig gestellt sind. Im Deutschen gibt es den schönen Spruch: „Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man muß sie hören alle beede.“ DSC_0517

Als juahrzehntelanger Leser verschiedener Tageszeitungen fiel mir auf, dass es üblich war und ist, von der Franco-Diktatur zu sprechen. Von Stalin- oder Tito-Diktatur ist normalerweise nie die Rede. Als 21-maliger „Gast“ der Gestapo bin ich wohl kaum als Neo-Nazi einzustufen.

Frau Staat ist wahrscheinlich nicht bekannt, dass durch die „demokratischen“ und sicher edlen Rotspanier 12 Bischöfe (das „Lexikon für Theologie und Kirche“ spricht von 11 Bischöfen), 5255 Pfarrer, 2492 Mönche, 283 Nonnen und 294 Novizen erschossen, zu Tode gefoltert oder auf andere Weise ermordet wurden.

Der Erzbischof von Valladolid, Antonio Garcia Y Garcia, urteilte am 3.1.1947: „Die nationale Erhebung war in ihrem Wesen und in ihren grundsätzlichen Linien und in ihrer Gesamtheit eine legitime und völlig gerechte Erhebung zur Verteidigung der Religion und des Vaterlandes.“

Im Juli 1977 hielt ich in Sigüenza Vorträge und zelebrierte auch in der dortigen Kathedrale. Der Bischof von Sigüenza wurde im Bürgerkrieg ermordet und die dortigen Geistlichen sprachen von 12 ermordeten Bischöfen. Bleiben wir bei 11 Bischöfen.

Kein Kenner der damaligen Situation ist sich im unklaren, dass der Sieg der Roten zur Bolschewisierung Spaniens und wohl auch Frankreichs geführt hätte. Das übrige Europa hätte sich kaum der Bolschewisierung von West und Ost erwehren können.

Es ist unbestreitbar, dass es auf beiden Seiten zu Grausamkeiten und fürchterlichen Exzessen gekommen ist, was in Bürgerkriegen nahezu immer geschieht. Ein Vetter meiner Mutter wurde im Ruhrkampf gefesselt in die Ruhr gestürzt, nachdem man ihm vorher noch die Hände abgehackt hatte.

Wer nicht ideologisch verzurrt ist, sucht nicht Fehler und Verbrechen nur auf einer Seite, wie dies bei „Spätgeborenen“ nicht selten geschieht.“

Foto: Dr. Bernd F. Pelz


Am 5.11. jährt sich der 70. Todestag des seligen Bernhard Lichtenberg: Priester und Märtyrer

Von Pater Lothar Groppe SJ

Der selige Dompropst Bernhard Lichtenberg ist der erste deutsche Priester, der von der katholischen Kirche offiziell zum Märtyrer des Nationalsozialismus erklärt wurde. Am 5. November 2013 gedenkt sie seines 70. Todestages.

Der furchtlose Anwalt der Menschenrechte kann in unserer Zeit besonders allen, die in Kirche, Staat und Gesellschaft ein Amt bekleiden, in Erinnerung rufen, sich bei ihren Entscheidungen nicht von dem leiten zu lassen, was ankommt, sondern worauf es ankommt. 

P. Lothar Groppe

P. Lothar Groppe

In der dunklen Zeit des Nationalsozialismus hielt Bernhard Lichtenberg die Fackel der Menschlichkeit hoch und bezahlte die Treue zu den Geboten Gottes mit Gefängnishaft, die bei seiner Überführung in das Konzentrationslager Dachau zu seinem Tod führte.

Bernhard Lichtenberg war ein Zeitgenosse des seligen Pater Rupert Mayer, der sich gleich diesem für die Rechte Gottes und der Menschen engagierte.

Er wurde am 3. Dezember 1875 im schlesischen Ohlau als ältester von vier Brüdern geboren. Eine Schwester starb bald nach ihrer Geburt.

Der Vater, dessen Familie aus Böhmen stammte, betrieb in Ohlau ein Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft. Er hatte keinen leichten Stand in dem überwiegend protestantischen Städtchen, denn den evangelischen Beamten und Angestellten  war es verboten, bei einem Katholiken zu kaufen. Dieser Schaden wurde allerdings dadurch gemindert, dass die treukatholische Landbevölkerung der Umgebung zu seinen Stammkunden zählte.

Die Mutter stammte aus Schlesien. Beide Eltern waren fest im katholischen Glauben verwurzelt und diese Atmosphäre hat den jungen Bernhard ebenso nachhaltig geprägt wie seine Geschwister.

Auf dem Ohlauer Gymnasium erwarb sich Bernhard durch seinen anständigen Charakter und beharrlichen Fleiß die Hochachtung seiner Lehrer, obwohl er keineswegs Primus, sondern nach damaligen Begriffen eher ein guter Durchschnittsschüler war. Freilich dürfen wir nicht übersehen, dass die damaligen Anforderungen eines Gymnasiums erheblich über denen der Gegenwart lagen.

So hat der „Gefangene im HERRN“, wie sich Prälat Lichtenberg in seinen Briefen aus dem Gefängnis bisweilen bezeichnete, 147 lateinische Hymnen des Breviers ins Deutsche übertragen, obwohl er in Latein im Abiturzeugnis nur ein „genügend“ erhielt.

Nach dem Abitur im März 1895 ging Bernhard für ein Semester an die Universität  Innsbruck. Anschließend wechselte er in sein Heimatbistum Breslau über, wo er bis zu seiner Priesterweihe am 21. Juni 1899 studierte.  

Bernhard Lichtenberg

Bernhard Lichtenberg

Seine erste Kaplansstelle war Neiße, das „schlesische Rom“. 1900 wurde er in den Berliner Raum versetzt. Damals gehörten die Mark Brandenburg, Berlin und Pommern noch zur Fürstbischöflichen Delegatur Breslau.

Auf seiner Fahrt nach Innsbruck hatte der junge Student auch München kennengelernt und nach Hause geschrieben, er werde sich wohl niemals in einer Großstadt wohlfühlen. Am Ende seines Lebens  meinte er jedoch, Berlin sei ihm zur zweiten Heimat geworden.

Nach mehreren Kaplansjahren wurde Lichtenberg im September 1905 zum Kurat In Friedrichsfelde-Ost, 5 Jahre später in Berlin-Pankow ernannt. 1913 wurde er Pfarrer der Gemeinde Herz Jesu in (Berlin-)Charlottenburg, wo er bereits als Kaplan gewirkt hatte.

Es war eine Riesenpfarrei mit 36.000 Seelen. Die Kirche hatte aber nur 467 Sitzplätze. Dem neuen Pfarrer war klar, dass bei dieser Größe keine intensive Seelsorge möglich war.

Als Seelsorger ein unermüdlicher Arbeiter

Deshalb gründete er im Lauf der nächsten Jahre 5 Kuratien. Für sie bettelte er große Geldbeträge zusammen, damit sie eigene Gotteshäuser bauen konnten. Mehrmals erhielt er bayerische Strafmandate von 3 Reichsmark, ersatzweise 1 Tag Haft, da es einem Preußen nicht gestattet sei, in Bayern zu betteln. Lichtenberg war Seelsorger mit Leib und Seele, ein unermüdlicher Arbeiter.

Trotz seiner vielfältigen Aufgaben in der Pfarrei gab er noch zahllose Stunden Religionsunterricht in Volksschulen und höheren Schulen. Er hatte ein Herz für seine Schüler und diese verehrten ihren Lehrer über ihre Schulzeit hinaus. Nie wurde über ihn abfällig geredet und selbst der Spitzname, den er von einigen Schülern erhielt, drückte ihre Wertschätzung aus. Sie nannten ihn den „Papst“.

Beim Pfarrer von Herz- Jesu artete die Arbeit nie in Aktivismus aus, sondern stets stand die Seelsorge im Vordergrund. Mit der Ernennung zum Pfarrer von Herz Jesu wurde Lichtenberg  mit der Seelsorge für die katholischen Soldaten des Gardegrenadierregiments 3 in Charlottenburg betraut.

Eifer für den Religionsunterricht

Von seinem Elternhaus wußte Lichtenberg um die Bedeutung der religiösen Erziehung. Deshalb setzte er alle Hebel in Bewegung, dass alle katholisch  getauften Kinder auch katholischen Religionsunterricht bekamen. Sein Prinzip war: Wo es auch nur ein katholisches Kind gibt, muß es auch katholischen Religionsunterricht geben.

Ein solcher Eifer dürfte in unseren Tagen manchen Religionslehrer und Seelsorger zur ernsten Gewissenserforschung mahnen, zumal das religiöse Wissen zumeist erschreckend gering ist.

Eines Tages wurde eine Abordnung polnischer Gläubiger, die etwa ein Drittel seiner Gemeinde ausmachten, bei ihm mit Sonderwünschen vorstellig. Pfarrer Lichtenberg gab ihnen zur Antwort: „Ich bin von meinem Bischof hierher gesandt, weder um  zu  germanisieren, noch um zu polonisieren, sondern um zu pastorisieren.“

Im Februar 1919 wurde Lichtenberg mit Genehmigung seines Bischofs Mitglied der Stadtverordneten- bzw. Bezirksversammlung von (Berlin-)Charlottenburg. Dieses Amt bekleidete er bis 1931.

Als einmal behauptet wurde, die Kirche habe im Krieg Waffen gesegnet, brachte Lichtenberg bei der nächsten Sitzung ein Rituale (kirchliches Segensbuch) mit und forderte seine Kollegen auf, zu prüfen, ob es eine Waffensegnung gebe.

Gegen Abtreibung und sexuelle Verirrungen

Schon damals spielte die Abtreibung eine große Rolle. Hierzu bezog Lichtenberg am 15. Mai 1929  Stellung: imagesCA2YAIGF

„Die Bekämpfung der Abtreibung muß als eine der wichtigsten sozialhygienischen  Aufgaben der Gegenwart bezeichnet werden… Nicht zur Empfangsverhütung darf das Volk erzogen werden, um es vor der Abtreibung zu bewahren, nicht durch Beelzebub darf der Teufel ausgetrieben werden, sondern durch Erziehung zur Selbstbeherrschung, zur absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit vor und außerhalb der Ehe und zur vernünftigen Abstinenz in der Ehe.“

Natürlich stießen solche Worte damals ebenso auf Ablehnung wie heute.

Doch Lichtenberg war kein utopischer Schwärmer, sondern betonte gleichzeitig, man müsse mit den sittlichen Grundsätzen die soziale Tat verbinden, konkret, es müßten familiengerechte Wohnungen gebaut werden. Der Kirchenvorstand seiner Gemeinde habe auf einem der Pfarrei gehörenden Grundstück einen Plan für 300 Siedlungshäuser entworfen, um einen Beitrag zur Behebung der Wohnungsnot zu leisten.

Lichtenberg ging häufig in politische Versammlungen der verschiedenen Parteien, um den katholischen Standpunkt zu vertreten. Eines Abends zog er nach der Andacht mit einer Schar seiner Getreuen zu einer Veranstaltung des Ludendorffschen Tannenbergbundes.

Es ging dort um die angebliche „unheilige Allianz von Juden, Freimaurern und Jesuiten“. Lichtenberg hörte aufmerksam zu und machte sich etliche Notizen. Als der Redner geendet hatte, meldete er sich zu Wort und widerlegte dessen Ausführungen Punkt für Punkt. Die Versammlung endete mit einem begeistert gesungenen „Fest soll mein Taufbund immer stehen!“

Erste Konflikte mit Nationalsozialisten

1931 kam es zum ersten Zusammenstoß mit den Nazis. Lichtenberg, der zum Vorstand des „Friedensbundes deutscher Katholiken“ gehörte, lud gemeinsam mit Pater Stratmann zur Aufführung des Films „Im Westen nichts Neues,“  nach dem Roman von Erich Maria Remarque ein.

Da  der Berliner Gauleiter der NSDAP, der spätere Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels, gegen diesen Film eine heftige Kampagne inszenierte hatte, wurde dieser zunächst verboten. Einige Monate später wurde er jedoch in überarbeiteter Fassung für die Aufführungen in geschlossenen Veranstaltungen freigegeben. Im Kampfblatt des Herrn Goebbels, „Der Angriff“, wurde Lichtenberg hierauf der „viehischen Totenschändung“ geziehen.

Durch seine Einladung zur Filmvorführung habe er die Gefallenen verhöhnt und sei „so abgründig gemein, dass nur sein Alter ihn davon schützen kann, nach dem Gesetz in die Zwangspension geschickt zu werden …. Das deutschbewußte Berlin läßt sich eine so freche Provokation nicht gefallen, es erhebt millionenfach den Ruf:  „Raus, zum Tor hinaus mit Monsignore Lichtenberg!“

Nach der „Machtergreifung“ blieb Lichtenberg seiner antinazistischen Haltung treu, hatte er doch, im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen, Hitlers Buch „Mein Kampf“ gründlich studiert und mit kritischen Glossen versehen. Bei seiner späteren Verhaftung fand man dieses Exemplar und sah in Lichtenbergs Randbemerkungen nicht zu Unrecht einen unüberbrückbaren Gegensatz zur Weltanschauung des Nationalsozialismus.

Judenfeindliche Maßnahmen des NS-Regimes

Nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 begann die erste Welle antisemitischer Maßnahmen des Regimes. Ihren ersten Höhepunkt erreichten die Aktionen mit dem von NSDAP und SA organisierten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Waren, jüdische Ärzte und Rechtsanwälte als Vergeltung für die Stimmungsmache von Juden in England und den USA. So  schrieb der „Daily Express“ am 24.3.1933 in Schlagzeilen: „Judea  declares war on Germany. – Jews of all the world unite in action – Boycott of German goods.”

Der Münchner Kardinal Faulhaber bat am 30.März 1933 die Kardinäle von New York und Chicago, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, „dass die Demonstrationen  gegen die deutsche Regierung aufhören, um damit dem deutschen Judenboykott den Boden zu entziehen.“

Da Lichtenberg bereits vor 1933 mit den Nazis die Klingen gekreuzt hatte, behielten sie ihn nach der „Machtergreifung“ im Auge. Im Sommer 1933 kam es zur ersten Haussuchung  und Verwarnung durch die Gestapo. Noch 6 x bis zu seiner Verhaftung wurde er von ihr vorgeladen. Bei seinen Verhören ging es um folgende Konfliktbereiche:

Die Wahrnehmung politischer Verantwortung während der Weimarer Republik (politischer Katholizismus), den Einsatz für die vom nationalsozialistischen Alleinvertretungsanspruch bedrohten katholischen Vereine (die durch das Reichskonkordat garantiert waren), die Abwehr der Bedrohung im Kernbereich kirchlichen Lebens und die Verteidigung der Menschenrechte verfolgter Juden, nichtarischer Katholiken und sog. „lebensunwerten Lebens.“

In Vertretung des Berliner Kapitularvikars Steinmann ordnete Lichtenberg die Verlesung eines Artikels im „Osservatore Romano“ über „Konkordatsfragen in Deutschland“ von allen Kanzeln der Diözese für den 21. Juli 1935 an. In ihm ging es um die zahlreichen Rechtsbrüche der Nazis, die in deutschen Zeitungen nicht behandelt werden konnten.

Hierauf ersuchte das Geheime Staatspolizeiamt am 24. Juli 1935 den Reichskirchenminister  –  allerdings vergeblich  –  gegen Lichtenberg Strafanzeige wegen Landesverrats, Kanzelmißbrauchs und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz zu stellen. Im gleichen Sommer protestierte Lichtenberg gegen die Verbreitung des Devisenschieber-Liedes, da es die Volksgemeinschaft zersetze und das religiöse Empfinden verletze.

In den Jahren 1935/36 fanden vor dem Landgericht Berlin etwa 40 Devisenprozesse gegen katholische Priester und Ordensleute wegen angeblicher oder tatsächlicher Verstöße gegen die rigorosen Devisenschutzbestimmungen statt.

Den Anschuldigungen lagen meist finanzielle Verpflichtungen zugrunde, ausländische Schulden zu tilgen oder im Ausland befindliche Ordensangehörige finanziell zu unterstützen. Diese Motive wurden von der NS-Propaganda systematisch verfälscht, um die Glaubwürdigkeit der Kirche zu untergraben. Am 4. Oktober 1935 wurde vom Reichsinnenministerium Verbreitung und öffentlicher Vortrag dieses Liedes tatsächlich untersagt.

Lichtenbergs Protest gegen die Propagierung des „Pfaffenspiegels“ bei seinem „Pfarrkind“ Adolf Hitler  –  das Regierungsviertel lag im Bereich der Dompfarrei, zu deren Leitung  Pfarrer Lichtenberg 1932 ernannt worden war  –  blieb allerdings ohne Antwort.

Hilfe für Katholiken jüdischer Herkunft

1938 wurde Lichtenberg mit der Leitung des „Hilfswerkes beim Bischöflichen Ordinariat“ für die katholischen „Nicht-Arier“ (Katholiken jüdischer Herkunft) betraut, das er bis zu seiner Verhaftung innehatte. Neben seinen vielfältigen anderen Verpflichtungen  –  er war am 18. Januar 1938 von Papst Pius XI. zum Berliner Dompropst ernannt worden – war Lichtenberg unermüdlich tätig, um die pastorale und materielle Notlage der katholischen Nichtarier zu lindern.

Schon vor der Errichtung des Hilfswerkes hatte er im Paulus-Bund, der Vereinigung nichtarischer Christen, mitgearbeitet und am 16. August 1936 in der Hedwigskathedrale für schwer notleidende nichtarische Katholiken sammeln lassen.

Am 9. November 1938 kam es dann zu den Ausschreitungen gegen die Juden, die als „Reichskristallnacht“ unrühmlich in die deutsche Geschichte eingegangen sind. Als „Vergeltung“ für das Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft zu Paris, wurde von Goebbels „spontane Volkswut“ gegen die Juden inszeniert.

Bei diesem Pogrom wurden 91 Juden ermordet, rund 250 Synagogen angezündet oder verwüstet, 7500 jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert. Lichtenberg war zutiefst erschüttert, als er die brennende Synagoge sah.

„Lasset uns beten für die Juden“

Am Abend des 9. November hielt er wie gewohnt die tägliche Andacht und gedachte der erschreckenden Ereignisse dieses Tages:

„Lasset uns beten für die verfolgten nichtarischen Christen            accumulator_default_img
und für die Juden.
Was gestern war, wissen wir.
Was morgen ist, wissen wir nicht.
Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt:
Draußen brennt der Tempel.
Das ist auch ein Gotteshaus.“

Obwohl höchstwahrscheinlich auch an diesem Abend Spitzel der Gestapo anwesend waren, geschah – nichts. Nach Kriegsbeginn erweiterte Dompropst Lichtenberg seine abendlichen Fürbitten.

Zunächst gedachte er der verwundeten, gefangenen und gefallenen Soldaten hüben wie drüben. Dann betete er für den Frieden und den Geist des Friedens, für die bedrängten getauften Juden, für die verfolgte Juden, für die Häftlinge, besonders für seine Amtsbrüder in den Konzentrationslagern.

Am 28. August 1941 schrieb er einen Brief an den „Reichsärzteführer“ Dr. Conti. In ihm griff er die Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, auf, die dieser am 4. August 1941 über die Ermordung der Geisteskranken gehalten hatte.

In Lichtenbergs Schreiben heißt es:

„….Wenn diese Behauptung unwahr wäre, hätten Sie, Herr Reichsärzteführer, den bischöflichen Prediger schon längst als  Verleumder  öffentlich gebrandmarkt und gerichtliche Klage gegen ihn angestrengt, oder die Geheime Staatspolizei hätte sich seiner bemächtigt. Das ist nicht geschehen.

Sie geben also die Richtigkeit dieser Behauptung zu. Wenn auch die heiligen zehn Gebote Gottes öffentlich ignoriert werden, so hat doch das RStGB (Reichsstrafgesetzbuch) noch Gesetzeskraft. § 211 des RStGB  bestimmt: „Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.“

§ 139 bestimmt: „Wer von dem Vorhaben eines Verbrechens wider das Leben…glaubhafte Kenntnis erhält, und es unterläßt, der Behörde oder dem Bedrohten hiervon zur rechten Zeit Anzeige zu machen, wird …. bestraft.“

Wenn die mit der Strafverfolgung und Strafvollstreckung betraute staatliche Behörde hier keinen Anlaß einzugreifen erkennt, muß jeder deutscher Bürger, den Gewissen und das Amt dazu drängen, sich zu Worte melden. Ich tue es hiermit…

Auf meiner priesterlichen Seele liegt die Last der Mitwisserschaft an den Verbrechen gegen das Sittengesetz und das Staatsgesetz. Aber wenn ich auch nur einer bin, so fordere ich doch von Ihnen, Herr Reichsärzteführer, als Mensch, Christ, Priester und Deutscher Rechenschaft für die Verbrechen, die auf Ihr Geheiß oder mit Ihrer Billigung geschehen, und die des HERRN über Leben und Tod Rache über das deutsche Volk herausfordert.

Ich gebe von diesem Brief der Reichskanzlei, den Reichsministerien und der Geheimen Staatspolizei Kenntnis.“

Am Abend nach Absendung dieses Briefes betete Lichtenberg wieder bei der Andacht: „Lasset uns nun  beten für die Juden und für die armen Gefangenen in den Konzentrationslagern, vor allem für meine Amtsbrüder.“

Zwei evangelische Studentinnen aus dem Rheinland, die aus purer Neugier in die Kathedrale gekommen waren , verließen „empört“ die Kirche und meldeten den Vorfall. Ein unbekannter SS-Führer erstattete am 9.4.41 Anzeige wegen „bolschewistischer Propaganda“.

Nun war das Maß voll. Am 23. Oktober 41 wurde Prälat Lichtenberg  von der Gestapo verhaftet. Gleichzeitig fand eine Haussuchung statt. Hierbei fanden die Beamten eine für Sonntag vorbereitete Vermeldung, die folgenden Wortlaut hat:

„In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, dass jeder Deutsche, der aus angeblicher falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch nur durch ein freundliches Entgegenkommen, Verrat an seinem Volk übt. Laßt Euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren,  sondern handelt nach dem strengen Gebot Christi: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Man brachte Lichtenberg, der als „Pfaffenschwein“ tituliert wurde, ins Hauptquartier der Gestapo. Auf die Frage des vernehmenden Kommissars, was er von den Predigten des Bischofs von Münster halte, gab er zur Antwort: „Mir ist jedes Wort aus der Seele gesprochen.“

Bei seiner Verhaftung war Lichtenberg bereits ein schwerkranker Mann. Seine Beschwerde gegen seine Verhaftung wurde abgewiesen.

Die „Freunde“ der Kirche behaupten immer wieder, es habe zwar in der katholischen Kirche vereinzelt Bekenner und Martyrer gegeben, aber die Bischöfe hätten sie alleingelassen. Nun läßt sich gerade am Beispiel von Dompropst Lichtenberg anhand mehrerer Dokumente beweisen, dass solche Vorwürfe zu Unrecht erhoben werden. Bischof Graf von Preysing richtete mehrere Gesuche um Haftverschonung an die Gestapo . Sie wurden abgewiesen.

Dann bat er um die Verlegung Lichtenbergs in eine Spezialklinik, was sogar vom Staatsanwalt und Gefängnisarzt befürwortet wurde. Jedoch das Justizministerium lehnte ab. Mehrmals besuchte Preysing seinen Dompropst im Gefängnis und bat für ihn um die Genehmigung, in seiner Zelle privat zelebrieren zu dürfen. Doch auch dies wurde abgelehnt.

Am 2. November 41 legte Graf von Preysing in der Hedwigskathedrale eine Fürbitte für den Gefangenen ein. Am 25. Oktober berichtete er Papst Pius XII. von der Verhaftung Lichtenbergs.

Desgleichen informierte Nuntius Orsenigo Kardinalstaatssekretär Maglione über die Verhaftung. Bei Staatssekretär von Weizsäcker intervenierte er zu Gunsten Lichtenbergs. Alles war vergebens.

Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft  wurde Dompropst Lichtenberg am 22. Mai 1942 vom Sondergericht I beim Landgericht Berlin wegen „Kanzelmißbrauchs“ und Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ zu einer Gesamtstrafe von 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

In der Urteilsbegründung heißt es u.a.:

„Indem der Angeklagte in seinen Gebeten ausdrücklich für die Juden und die Gefangenen in den Konzentrationslagern eintrat, befaßte er sich öffentlich mit den gegen die genannten Personengruppen eingeleiteten stattlichen Maßnahmen……..  Er hat also in Ausübung seines Berufes in einer Kirche vor mehreren Personen Angelegenheiten des Staates zum Gegenstand seiner Verkündigung gemacht. Dies geschah in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise…“

Der Brief Lichtenbergs an Reichsärzteführer Dr. Conti wurde aus durchsichtigen  Gründen nicht zum Gegenstand der Anklage gemacht, obwohl man ja wegen Ausschlusses der Öffentlichkeit „unter sich“ war.

Nach der Urteilsverkündigung wurde der Dompropst in das Strafgefängnis Tegel überführt, in dem sich unter 2500 bis 3000 Gefangenen zahlreihe politische Häftlinge befanden. Bei ihnen erfreute sich  Lichtenberg der größten Hochachtung.

Als Strafgefangener mußte er auch arbeiten. Wegen seiner schweren Erkrankung wurde das Arbeitspensum auf die Hälfte der üblichen Norm reduziert. Mehrmals wurde er ins Gefängnislazarett eingeliefert, aber eine Haftentlassung kam für die Gestapo nicht in Frage.

Am 28. Oktober 1943 verfügte das Reichssicherheitshauptamt, Lichtenberg nach Verbüßung der Gefängnisstrafe in das Konzentrationslager Dachau zu überführen. Beim Zwischenaufenthalt des Gefangenentransports dorthin starb Dompropst Lichtenberg am Abend des 5. November 1943 im Stadtkrankenhaus Hof.

Wider Erwarten gestattete die Gestapo die Überführung des Leichnams nach Berlin, wo Bischof Graf von Preysing für seinen Dompropst ein Pontifikalrequiem feierte und ihn unter großer Anteilnahme von tausenden Gläubigen  auf dem St. Hedwigs-Friedhof zur letzten Ruhe geleitete. Schon jetzt herrschte die Überzeugung, dass man einem Heiligen die letzte Ehre erwiesen habe.

Bernhard Lichtenberg wurde als Martyrer seliggesprochen, obwohl er nicht, wie Alfred Delp am Galgen, oder wie Pfarrer Max Josef Metzger unter dem Fallbeil gestorben, sondern friedlich im Bett eines Krankenhauses gestorben war. Für gewöhnlich verstehen wir unter Martyrium das Blutzeugnis für Christus. Aber schon in der alten Kirche verehrte man auch solche Zeugen Christi als Martyrer, die nicht ein blutiges Ende fanden, sondern, wie etwa die Heiligen Pontian und Hippolyt an den Entbehrungen der Haft starben.

Der Diener Gottes Bernhard Lichtenberg ist unbestreitbar wegen seines Eintretens für die Juden verhaftet worden und zu Tode gekommen. Aus den vorliegenden Dokumenten und Zeugenaussagen wurde ersichtlich, dass er bei seinem unbeirrbaren Einsatz für Menschenrecht und Menschenwürde einem besonderen Gnadenanruf Gottes gefolgt ist.

Sein lebenslanges Tugendstreben befähigte  ihn, diesen Weg ohne Rücksicht auf seine persönliche Gefährdung zu gehen, der schließlich zu seinem Martyrium führte. Zu Recht stehen auf seinem Grabstein die Worte:

„Er liebte die Gerechtigkeit und haßte das Unrecht.“ 

Wir alle wollen in unseren Tagen den Seligen um seinen Beistand anrufen, dass sein tatkräftiger Glaube und sein rastloser Einsatz für den Nächsten  auch unseren Glauben stärke und uns zu tätiger Nächstenliebe Kraft schenke.


JF-Interview mit Pater Lothar Groppe über den „Schwarzen General“ und mutigen Judenretter Theodor Groppe

Widerstand aus dem Glauben in schwerer Zeit

Unter dem Titel Ein Ritter ohne Furcht und Tadel veröffentlichte die JUNGE FREIHEIT (JF) in ihrer aktuellen Ausgabe ein ausführliches Interview mit dem katholischen Publizisten und Jesuitenpater Lothar Groppe, zugleich Autor unseres CHRISTLICHEN FORUM.

Auch auf der Titelseite der konservativen Wochenzeitung ist General Groppe im Vordergrund neben Stauffenberg im Hintergrund zu sehen (siehe Abbildung).

Der heute auch im hohen Alter pastoral aktive Geistliche (siehe Foto) wirkte jahrzehntelang als Dozent an der Bundeswehr-Akademie in Hamburg, danach beim österreichischen Generalstab. Pater Groppe war zeitweise Leiter der dt. Abteilung von Radio Vatikan.

Der auch schriftstellerisch engagierte Jesuit ist ein Sohn des tapferen Generalleutnants Theodor Groppe.

P. Lothar Groppe

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Im Gerhard-Hess-Verlag erschien eine spannende und bebilderte Biographie des „Schwarzen Generals“  des Berliner Diakons Thomas Marin –  siehe hierzu unsere Besprechung.

Nachfolgend dokumentieren wir das Interview der JF mit dem Ordenspriester in voller Länge:

Katholisch, monarchistisch, deutschnational  –  er gehörte zu den erbittertsten Gegnern der Nationalsozialisten, überstand ihre Prozesse und Mordpläne  –  und er ließ seine Soldaten Juden retten: Theodor Groppe.  – Die unglaubliche Geschichte des Generals erzählt dessen Sohn.

Pater Groppe, warum kennt jeder Oberst Stauffenberg, aber keiner General Groppe?

Groppe: Er paßt eben nicht in die politische Landschaft.

Inwiefern?

Groppe: Der Bundeswehr-Generalmajor Achim Oster schrieb 1977 über meinen Vater: „Er ist und bleibt noch heute ‚ein Ärgernis‘ im biblischen Sinn. Theodor Groppe hat das vorgelebt (…), was viele seiner Standesgenossen, sei es aus Schwäche, sei es aus Opportunismus nicht vorgelebt haben. So bleibt er eine fortwährende Mahnung an eigenes Fehlverhalten und Versagen. Hätte es mehr Groppes gegeben, hätten Hitler und seine Verbrecherbande nicht so leichtes Spiel mit dem deutschen Volk gehabt.“

Er soll von den von ihm geretteten Juden „wie ein Heiliger verehrt“ worden sein.

Groppe: Das wurde von einem überlebenden Juden bezeugt.

Um ein Zeichen gegen ihre Verfemung zu setzen, zog Ihr Vater im November 1933 als Divisionskommandeur in Gleiwitz/Oberschlesien in ein auch von Juden bewohntes Haus.

Groppe: Das erregte natürlich Aufsehen und wurde von den Nazis registriert. Ebenso wie der Umstand, daß er, der er ob seines tiefen Katholizismus den Beinamen „der schwarze General“ trug, grundsätzlich in Uniform zum Gottesdienst ging, um den Gläubigen Mut zu machen. Ein General mit Pour le merite, dem höchsten deutschen Orden aus dem Ersten Weltkrieg, bestärkte katholische wie evangelische Christen in ihrem Bekenntnis. Das brachte die Nazis zur Weißglut.

„Er war konservativ und daher immun gegen die NS-Ideologie“

Um so mehr wundert man sich, daß Ihr Vater heute fast vergessen ist.

Groppe: Zum Geleit des von mir in Wien verfaßten Lebensbildes meines Vaters schrieb der Kirchenhistoriker Franz Loidl 1977, sein Beispiel sei „dazu angetan gewesen, seine Standesgenossen (…) im geistigen Widerstand gegen das Unrechtsregime (…) zu bestärken. Daß sein Beispiel im wesentlichen keine Schule machte, wird man diesem Ritter ohne Furcht und Tadel nicht zum Vorwurf machen können. Daß die deutsche Bun­deswehr bis heute glaubt, das Beispiel dieses hervorragenden Soldaten mit Stillschweigen übergehen zu dürfen, stimmt nachdenklich, wenn nicht bedenklich.“ Internet_Titel_Vorlage_sRGB_264ppi_01

Nach 1945 hat sich wegen der Massenmorde an den Juden in Deutschland ja ein regelrechter Schuldkult entwickelt. Um so unbegreiflicher ist es, daß ein General, der Juden rettete, vergessen ist. Wie soll sich etwa unsere Jugend für ihr Vaterland begeistern, wenn ihr – mit Ausnahme von Stauffenberg – nur negative Beispiele für die Deutschen in der Zeit des Dritten Reichs vorgestellt werden?

Aber heute werden etliche Deutsche gewürdigt, die Widerstand geleistet haben.

Groppe: Stimmt, aber es sind oft namentlich nicht bekannte Leute. Professor Loidl meint: „Bei der Ablehnung der Widerstandskämpfer führt man gewöhnlich zwei Begründungen an, warum man sich mit ihnen nicht identifizieren könne: Sie hätten die Hand gegen den ‚Führer‘ erhoben, seien eidbrüchig geworden oder man wirft ihnen Landesverrat vor. Beide Vorwürfe, so unsinnig sie sind, kann man Theodor Groppe nicht machen. Sein ‚Verbrechen‘ war, daß er sich unbeirrt von den Grundsätzen des Rechts und der Menschenwürde leiten ließ.“

„Deutsche auch damals mehrheitlich gegen Judenhaß“

Pardon, das sind die Vorwürfe der fünfziger Jahre.

Groppe: Dann hier ein Beispiel dafür, wie heute die Stimmung ist: Der angesehene Politikwissenschaftler Konrad Löw hat unzählige Dokumente gesammelt, die belegen, mit wieviel Ablehnung die Mehrzahl der Deutschen auf die Verfolgung der Juden reagiert hat. 2010 erschien sein Werk „Deutsche Schuld 1933 bis 1945?  – Die ignorierten Antworten der Zeitzeugen.“

Wer aber kennt das Buch? Wird es im Schulunterricht behandelt? Ist es Grundlage für eine Guido-KnoppFernsehserie? Ganz im Gegenteil! Statt dessen behandelt man Löw fast wie jemanden, der den Holocaust relativieren wolle. Daß mit Klaus von Dohnanyi ein Nachkomme eines von den Nazis gehängten Widerstandskämpfers zu Löws Buch das Vorwort und der renommierte französisch-jüdische Philosoph Alfred Grosser das Nachwort verfaßt haben, wird natürlich geflissentlich ignoriert.

Ihr Vater war ein überzeugter Konservativer, die gelten heute gemeinhin als „Steig­bügelhalter“ der Nationalsozialisten.

Groppe: Gerade weil er ein Konservativer war, war er immun gegen nationalsozialistisches Gedankengut. Wir entstammen einer Familie, die sich stets zu ihrem Glauben bekannte. Mein Großvater väterlicherseits war Offizier und wurde dann Verleger. Im Kulturkampf druckte er die verbotenen Hirtenbriefe des Bischofs von Trier und wurde wegen Majestätsbeleidigung zu zwei Jahren Festung und hoher Geldstrafe verurteilt. Beides ruinierte den Verlag.

Ihr Vater beschloß, Soldat zu werden. marin

Groppe: Er war Monarchist und Patriot und wollte seinem Vaterland, das durch Frankreich und Rußland bedroht war, dienen. Er besuchte die Kriegsakademie, wurde als Vollblutsoldat hervorragend beurteilt. Er erhielt zahlreiche Tapferkeitsauszeichnungen darunter den Pour le merite.

In der Reichswehr wechselten seine Verwendungen von der Truppe in den Generalstab. 1933, inzwischen Generalmajor, wurde er entlassen, „weil er seiner ganzen Weltanschauung nach für das Heer des künftigen nationalsozialistischen Staates ungeeignet“ erscheine, wie ihm sein Vorgesetzter General von BIomberg, späterer Reichskriegs­minister, mitteilen ließ. Da aber das Heer bald vergrößert wurde, wurde er zurückgeholt und im November 1933 in Gleiwitz Divisionskommandeur.

„Gewalt gegen Juden mit Waffen verhindern“

Warum verweigerte er sich nicht?

Groppe: Einmal, weil es sein Beruf war, sodann weil er als Ruheständler keinerlei Einflußmöglichkeiten mehr gehabt hätte. Er verweigerte aber grundsätzlich den Hitlergruß und zeigte auch sonst seine Ablehnung der NS-Ideologie. Immer wieder beschwerten sich Partei und Gestapo über ihn. Schließlich sollte er im Zusammenhang mit dem „Röhm- Putsch“ 1934 liquidiert werden. Durch eine gezielte Warnung wurde er davor bewahrt.

Wegen seiner konsequent christlichen Haltung sollte er erneut entlassen worden.

Groppe: Der Ausbruch des Krieges 1939 verhinderte dies, und er wurde Kommandeur der 214. Infanteriedivision am Westwall. Als die Partei am 12. Dezember 1939 eine „spontane Volkskundgebung gegen Juden“ anordnete, gab mein Vater den Befehl, Ausschreitungen gegen Juden notfalls mit Waffengewalt zu verhindern. Sein Vorgesetzter, der Armeebefehlshaber Generaloberst von Witzleben, dehnte diesen Befehl schließlich auf den gesamten Bereich der 1. Armee im Westen aus. So wurde dort keinem Juden ein Haar gekrümmt.

Widerstand gegen Himmlers SS-Befehl

Am 11. Dezember 1939 erhielt mein Vater dann Kenntnis vom „SS-Befehl für die gesamte SS und Polizei“, in dem Heinrich Himmler seine Leute aufforderte, auch außerhalb der Ehe Kinder guten Blutes zu zeugen. Da dieser Befehl gegen alle Grundsätze des Offizierkorps verstieß, glaubte mein Vater, ein scharfer Protest würde nun auch die „vorsichtigen“ Generale zum gemeinsamen Protest dagegen bei Hitler bewegen. Mit Ausnahme Walter von Reichenaus waren tatsächlich auch sämtliche Spitzengenerale empört. Als sie aber hörten, daß Hitler persönlich hinter diesem Befehl stand, schwiegen sie.

Lediglich die damaligen Generalobersten von Witzleben und Ritter von Leeb, die direkten Vorgesetzten meines Vaters, stellten sich hinter ihn. Sie drohten, sofort ihr Kom­mando niederzulegen, wenn er auch nur verabschiedet würde. Leeb schrieb an den Oberbefehlshaber des Heeres: „Ich stelle mich mit ganzer Person vor Generalleutnant Groppe, auch dann, wenn er sich in berechtigter Empörung über den Befehl des Reichsführers SS im Wortlaut vergriffen haben sollte.“  –  Dies verhinderte die Absicht Himmlers, einen Heimtückeprozeß gegen meinen Vater anzustrengen.

Hatte Ihr Vater sonst keinen Rückhalt?

Groppe: Es gab in allen Diensträngen  –  vom Leutnant bis zum Feldmarschall  –  Offiziere, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand leisteten. Ich denke an den Chef der Heeresjustiz, Karl Sack, den Generalrichter Dr. Hoffmann, an Admiral Wilhelm Canaris oder an Major Werner Krehan, einen Ortskommandanten im Bereich der Division meines Vaters, der auf eigene Faust Schießbefehl gegen Judenverfolger gab.

1941 trat Ihr Vater als Entlastungszeuge für einen Regimegegner im sog. „Stolper-Prozeß“ auf

Groppe: Ja, und zwar so erfolgreich, daß der Angeklagte mit einer für ein Sondergericht milden Strafe davonkam. Allerdings kam er anschließend ins KZ. Martin Bormann, Leiter der Parteikanzlei, war über den Auftritt meines Vaters so wütend, daß er 1942 einen persönlichen Befehl Hitlers durchsetzte, meinen Vater zu degradieren und aus der Wehrmacht auszustoßen. 1944 kam er wegen Wehrkraftzersetzung und Defätismus vor das Reichskriegsgericht – das an sich gar nicht mehr zuständig war. Generalrichter Hoffmann kratzte aber alles Entlastende zusammen und stellte das Verfahren mangels Tatbestands ein.

Der Einsatz der Wehrmachtsjuristen ist erstaunlich und paßt gar nicht in das Bild, das man sich heute von ihnen macht.

Groppe: Eben. Nach Meinung vieler war die Wehrmacht ja eine Verbrecherorganisation. Doch leider nutzte der geradezu heroische Einsatz des Reichskriegsgerichts meinem Vater zunächst nichts, da Himmler seine Verhaftung und Einweisung ins Staatspolizeige­fangnis Darmstadt befahl.

Im Januar 1945 wurde er in die Festungshaftanstalt Küstrin verlegt, deren Kommandant, ein Major der Reserve, ein kluger, engagierter Nazigegner war. Über den Befehl Ernst Kaltenbrunners, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, vom Februar 1945, „die Hunde zu hängen“  –  gemeint waren neben meinem Vater noch Sippenhäftlinge des 20. Juli  –  setzte er sich hinweg und flüchtete mit den Gefangenen an den Bodensee. Dort konnte mein Vater den Einmarsch der Alliierten abwarten.

Auch Sie wurden von der Gestapo verhört.

Groppe: Als Zwölfjähriger wegen „Schmähung des Führers“. Ich wurde aber weder bedroht hoch geschlagen. Schließlich konnte ich mich herausreden. Nach dem 20. Juli 1944 aber hatte ich zwanzigmal mit der Gestapo zu tun.

Trotz Ihrer Erlebnisse wurden Sie später bisweilen als „Rechtsextremer“ verunglimpft. Wie paßt das zusammen?

Groppe: Die Antifaschisten bezeichnen alle, die nicht links sind, als „Rechte“. Rechts ist dann gleich rechtsextrem, rechtsradikal. Die Haltung meines Vaters beweist, daß konservative und nationale Werte absolut nichts mit Nazismus zu tun haben. Ganz im Gegenteil. Aber wer sich heute nicht der Political Correctness unterwirft, ist eben „rechts“.

Ich habe mich als Militärseelsorger, als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr und in zahlreichen Reden, Vorträgen und Veröffentlichungen immer darum bemüht, zu einer gerechten Beurteilung der Wehrmacht und der deutschen Vergangenheit, besonders während der zwölf Jahre der Nazidiktatur, beizutragen.

1998 sprach ich im Rathaussaal in Dresden zumPolitischen Aschermittwoch der DSU – vormals Schwesterpartei der CSU; das führte zu einem giftigen Kommentar im Deutschlandfunk. Deshalb brachte ich das Beispiel meines Vaters und meine Erlebnisse mit der Gestapo an die Öffentlichkeit. Da­nach wurde ich vom „Rechtsextremen“ zum „Rechtskatholiken“ begnadigt.

Bis heute gibt es keine Bundeswehrkaserne, die nach Ihrem Vater benannt ist.

Groppe: Dabei würdigte Verteidigungsminister Rudolf Scharping in einer Ansprache am 20. Juli 2000 fünf Soldaten der Wehrmacht, vom Feldwebel bis zum General, die sich unter Einsatz ihres Lebens für Verfolgte eingesetzt haben. Vier von ihnen wurden inzwischen in die „Allee der Gerechten“ in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen. Nicht aber General Groppe.

Als ich mit einem prominenten Historiker darüber sprach, sagte der nur: „General  u n d  Katholik –  das ist zuviel!“  – Wenn sich auch die Bundeswehr nicht zu einer angemessenen Ehrung entschließen kann, zeichnete Papst Pius XII. meinen Vater 1952 als einzigen Soldaten der Wehrmacht mit dem Komturkreuz des Gregoriusordens aus.

Quelle: Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT


Otto Schimek ist weder „Märtyrer des Gewissens“ noch „Symbol der Versöhnung in Polen“

Von Pater Lothar Groppe SJ

In der „Tagespost“ vom 9. März 2013 verfaßte Stephan Baier einen durchaus lesenswerten Artikel: “Österreichs dunkelster Tag“.   –  Leider passierte ihm im letzten Satz ein peinliches Mißgeschick:

“Unter den Laien, die zu Blutzeugen für Christus wurden, sind der Bauer Franz Jägerstätter und der 19-jährige Soldat Otto Schimek, der sich weigerte, polnische Zivilisten zu erschießen  –  und dafür selbst erschossen wurde.“  

P. Lothar Groppe

P. Lothar Groppe

Während Jägerstätter tatsächlich ein Märtyrer des Gewissens ist, handelt es sich bei Schimek um eine Lügenmär. Da ich jahrzehntelang für das Organ der österreichischen katholischen Militärseelsorge „LIES“ verschiedene Artikel verfaßte, bat mich Militärprovikar Gruber, mich mit der Causa Schimek näher zu befassen.

1995 veröffentlichte eine auflagenstarke Wochenzeitung auf der ersten Seite mit Schlagzeile: „Der tote Wehrmachtsoldat, den Polen als Heiligen verehrt. Otto Schimek  –  Symbol der Versöhnung in Polen.“

Zahlreiche Zeitungen überschlugen sich geradezu mit Schlagzeilen: „Das Vorbild Otto Schimek: Mut, einfach anders zu leben.“  – „Otto Schimek wählte den Tod.“  –  „Der Junge, der nicht schießen wollte.“  –  „Soldat wie ein Heiliger verehrt.“   –  „Ganz Polen spricht vom ‚Fall Schimek‘.“  

Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte bereits am 6.7.1972 einen eindrucksvollen Bericht über den jungen österreichischen „Helden“.

Wer war dieser Otto Schimek?

1925 als 13. Kind geboren, mußte er schon mit 7 Jahren die Mutter unterstützen, da der Vater gestorben war. So kam die Schule zu kurz, er war geistig stark zurückgeblieben. Mit 17 Jahren wurde er eingezogen und  mehrfach wegen Disziplinlosigkeit mit Arrest bestraft. Die Mutter hatte ihm noch den Rat gegeben, sich in Sicherheit zu bringen, wenn es brenzlig wurde. Allzu oft hielt sich Otto daran.

Sein Kompanieführer, Leutnant Klein, hatte Mitleid mit ihm und holte ihn mehrfach aus der Etappe zurück, ohne Meldung zu machen, wozu er an sich verpflichtet war. Eines Tages wurde Otto leicht am Ohr verletzt und jammerte so, dass ihn Klein zum Verbandsplatz bringen ließ. Am Abend rief er dort an, was Schimek mache, und erfuhr, dass dieser verschwunden sei.

Nun mußte der Kompanieführer unbedingt Meldung machen. Etwa drei bis vier Wochen später wurde er vom Regiment angerufen, Schimek sei in Zivil aufgefunden worden und von einem Standgericht wegen Fahnenflucht und Feigheit zum Tode verurteilt worden. Nach der Exekution rief Regimentskommandeur Klein an und fragte ihn, warum ein solcher Soldat desertieren könne, der so „tapfer“ mit dem „Deutschen Gruß“ („Heil Hitler!“) gestorben sei.

Nach der Mitteilung von der Hinrichtung ihres Sohnes bekam Schimeks Mutter wohl ein schlechtes Gewissen, hatte er doch ihren Rat befolgt, der zu seinem Tod führte.

So beschloß ihre Tochter, Elfriede Kujal, aus dieser Tragödie eine Heiligenlegende zu stricken: Otto sei ermordet worden, weil er sich geweigert habe, auf unschuldige Zivilisten zu schießen, die allerdings gar nicht vorhanden waren, weil das Kampfgebiet von Zivilisten geräumt war.

Diese Legende veranlaßte Papst Johannes Paul II. zu bewegenden Worten:

„Es existieren Staaten, die in ihrer Reife befähigt sind, andere Formen des Militärdienstes zu akzeptieren. Um diesen Aspekt zu unterstreichen, möchte ich die meinem Volk sehr liebe Person in Erinnerung zu bringen: Er war Österreicher, er hieß Otto Schimek, und bekam während des Krieges den Befehl, auf die Zivilbevölkerung zu schießen. Er widersetzte sich und wurde getötet. Sein Grab ist diesem Volk geblieben, und er hat sich großen Ruhm erworben, dass ich sagen möchte: Den Ruhm eines Dieners Gottes!“

Bei seinem Besuch in Österreich wollte der Papst am 10.9.1983 noch eine Gedenktafel für Otto Schimek an der ehem. Garnisonkirche und jetzigen polnischen Nationalkirche segnen. Diese Tafel unter dem Bild Otto Schimeks hatte folgenden Wortlaut:

Die Seele vermögen sie doch nicht zu töten,
welch eine Hoffnung!

Dann in polnischer und deutscher Sprache:

19-jähriger Wiener wurde hingerichtet
14.XI. 1944 in Lipiny/POLEN
weil er sich weigerte,
polnische Geiseln zu erschießen.
„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt!“ (Joh 15,13)

Sozusagen in letzter Minute wurde Papst Johannes Paul II. darüber aufgeklärt, was es mit dem Fall Otto Schimek auf sich hat. Für die „Freunde“ der Kirche wäre der „Zweckheilige“, wie ihn ein Magazin nannte, Anlaß zu Spott und Hohn gewesen.