Zum Fest „Maria Heimsuchung“ am 2. Juli

Von Pfr. Felix Evers

Wie oft höre ich in den letzten Wochen diesen Satz: „Das kann ich nicht mehr sehen!“ 

Ein weiterer Brennpunkt im Fernsehen zur Coronakrise, Elendsbilder im Fernsehen und in der Zeitung, Hiobsbotschaften in aller Welt. Nein, das halten unsere Augen auf Dauer nicht aus. Deshalb halten sich Kinder bisweilen ihre Hände vor die Augen, um damit kundzutun: „Es genügt! Das kann und will ich nicht mit ansehen!“

Es gibt im großartigen Spielfilm Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ die Szene, dass die Protagonistin Elisabeth zum Busbahnhof läuft und eine bittende Geste macht, woraufhin alle Busfahrer gemeinsam für sie hupen. Wie ein Priester in Adorantenhaltung steht sie da, hebt ihre Arme und genießt den Ton. Im Anschluss sagt sie ihrem Neffen Kurt, sie wünsche sich ein Bild, das sich so anfühlt; und sie lehrt ihren Neffen, niemals die Hand vor seine Augen zu tun, sondern immer hinzuschauen: „Sieh niemals weg! Schau immer hin!“

Nur deshalb wird aus dem kleinen Kurt ein weltberühmter Künstler. Künstler erblicken, sehen, schauen, beobachten, bilden ab. Kommen nicht viele Unheile dieser Welt von Menschen, die nicht hinsehen wollen, die wegschauen?  – „Ecce homo“ heißt übersetzt: „Seht, der Mensch!“

In der Krippe und am Kreuz erblicken wir elend, nackt und bloß den Gott, der genau hinschaut auf seine geliebte Schöpfung, sich all seiner Gewalt entäußert und uns alle liebevoll anblickt. Jesus ist das Bild Gottes; das alte Bilderverbot hebt Christus auf, indem er uns das Bild des erlösten Menschen zurückgibt.

Wer Jesus sieht, der sieht den Vater; nach seinem Bild sind wir alle erschaffen. Im Spiegel sehen wir nicht mehr nur einen hinfälligen alternden Zeitgenossen, sondern Gottes geliebtes Kind.

Das wohl schönste Bild für ein geradezu pränatales Angeschautwerden ist die biblische Aussage am Fest der Heimsuchung Mariens, dass „in jenen Tagen sich Maria auf den Weg machte und in eine Stadt im Bergland von Judäa eilte. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib“ (Lukas 1, 39 ff).

Johannes der Täufer schaut vor seiner Geburt das noch nicht zur Welt gekommene Christkind! Was für ein Trostbild mitten in einer krisengeschüttelten Welt.

Einer, der in seinem Leben unfassbar viel Leid schauen musste, war Paul Gerhardt. In Kursachsen hatte Familie Gerhardt unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges, konkret unter Hungersnot, Seuchen und Übergriffen von Soldaten, zu leiden. 1619 starb Paul Gerhardts Vater, 1621 seine Mutter.

In Wittenberg, wo viele Menschen vor den Folgen des Krieges Zuflucht gesucht hatten, wütete im Jahr 1636/37 die Pest; das Kirchenamt – Paul Gerhardts Bleibe in diesen Jahren – musste für die Pest-Toten eigene Sterbebücher anlegen.

Paul Gerhardts nahe gelegene Geburtsstadt wurde am 11. April 1637 von schwedischen Soldaten vollständig zerstört. Am 7. November 1637 rief Gott Gerhardts Bruder Christian zu sich. Am 11. Februar 1655 heiratete Paul Gerhardt Anna Maria Berthold. Im Jahr darauf bekam das Paar eine Tochter, Maria Elisabeth, die bereits ein halbes Jahr später starb; von weiteren vier Kindern verstarben drei (Anna Catharina, Andreas Christian und Andreas) viel zu früh.

Als einziger überlebte Gerhardts Sohn Paul Friedrich seine Eltern. Nach Paul Gerhardts Weigerung, das Toleranzedikt zu unterzeichnen, verfügte der Kurfürst am 4. Februar 1667 die endgültige Entlassung Gerhardts, der fortan ohne Einkommen war. In Lübben schließlich wirkte und lebte er bis zu seinem Tod im 70. Lebensjahr am 27. Mai 1676 in bescheidenen Verhältnissen.

Wieviel Leid mussten Gerhardts Augen schauen?

Alle, die meinen, heute seien „nie dagewesene Schreckenszeiten“ und die ein lautes „Warum?“ gen Himmel schreien, sollten sich dieses Patrons mit wachen Augen von vor 400 Jahren erinnern, dem wahrlich alles schicksalshaft genommen wurde – und der im Angesicht des Leids die Kirchenlieder gedichtet hat, die wir alle kennen.

In ihnen will uns Gerhardt Trostbilder anvertrauen, die heilen und bergen können. In seinem Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ finden wir die Worte: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.“

Genau dieses Trostbild haben zwei Päpste verkörpert, um inmitten unerträglicher Schreckensbilder ein anderes Bild auf unsere Augen und in unser Herz zu legen:

Papst Franziskus hat am 27. März um 18 Uhr alleine auf dem menschenleeren Petersplatz den eucharistischen Segen „Urbi et orbi“ gespendet – Trost in schwerer Zeit. Dieses Trostbild wird neben dem von Krankheit gezeichneten Papst Johannes Paul am Karmittwoch 2005 und dem vom Wind aufgewehten Evangeliar während des Requiems für Johannes Paul in die Geschichte eingehen:

Der in weiß gekleidete Papst mit der Monstranz zwischen Pestkreuz und Schutzmadonna, wacklig auf den Beinen, segnet die unsichtbar anwesende Weltbevölkerung: Vera Icona! Das wahre Bild des Menschen auch in Coronazeiten hat uns dieser Papst zurückgegeben: Wir sind Gottes geliebte Kinder.

Papst Benedikt hat jüngst seinen todkranken Bruder in Regensburg besucht und uns zum Abschied gesegnet; sein Lächeln, zum letzten Mal in seiner geliebten Heimat zu sein, überstrahlte alle Hiobsbotschaften in unseren gebeutelten Land. Ein Trostbild, das es auf die Titelseiten aller Zeitungen verdient hätte.

Zwei Päpste, zwei Trostbilder – hoffentlich erblicken viele sie so, wie sich Johannes und Jesus vor ihren Geburten angeblickt haben – und so, wie Paul Gerhardt „seinen Tröster Jesus“ je neu erblickt hat und dadurch im Leid nicht Gott infrage gestellt, sondern Gott die Leidfrage in sein Angesicht gestellt hat und beten konnte: „Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.“

 

 

 


Zur Coronavirus-Krise in der Fastenzeit: Die Quarantäne in der Quadragesima

Von Pfarrer Felix Evers

Der Wegnahme folgt die Liebe immer; so überschrieb der Jesuitenpater Michael Schneider seinen Nachruf auf den Kölner Professor Wilhelm Nyssen.

Vom hl. Bonaventura stammt der Satz: „Ablationem sequitur amor semper – Der Wegnahme folgt die Liebe immer.“ Ablatio – Wegnahme – und amor – Liebe – sind die zentralen Bilder der Passionszeit.

Verzehrt vom Feuer der Liebe zum Bild, das er in sich trägt, muss ein Wort- und Bildhauer wie Ernst Barlach entfernen, wegnehmen, um aus einem vorläufigen Steinblock das end-gültige Bild herauszumeißeln. In der Wegnahme, nicht im Hinzufügen vollzieht sich die Wandlung des Skulptursteins in das Bild.

Skulpturen entstehen durch Ablatio; die ursprünglich differenzierte Bedeutung – eine Skulptur entsteht durch Hauen und Schnitzen, eine Plastik dagegen durch Auftragen von Material und Modellieren – ist heute leider nur noch selten im Sprachgebrauch anzutreffen.  

„40 Tage ohne“ überschreiben die Kirchen die Fastenzeit vor Ostern. In jeder Passionszeit sind die Hungertücher bekannt, die vor Kreuze und Bilder gehängt und oft reich verziert wurden, damit zu Ostern alle Sinne nach diesem Entzug neu geschärft sein mögen.

Der Wegnahme folgt die Liebe immer – was niemand geahnt hat, dass jetzt wirklich die ganze Welt ausnahmslos und religionsübergreifend eine Fasten- und Passionszeit durchlebt und durchleidet, zurückgeworfen auf das Private, dem öffentlichen Leben und „wilden Treiben“ pflichtmäßig entsagend, Fast- und Abstinenztage vor Ostern im wahrsten Sinne des Wortes. 

Tage wie ein immerwährender Karfreitag – still und klar. Könnte dies nicht die Chance inmitten einer Pandemie sein: „40 Tage ohne“, um das eigene Leben neu einzuüben?

Viele Menschen müssen jetzt des Coronavirus wegen in Quarantäne, also ohne Außenkontakt isoliert im Haus bleiben. Dass dies gerade in der „Quadragesima“ geschieht, also in der 40-tägigen Fastenzeit, dürfte nur wenigen bekannt sein – aber genau von diesem Begriff stammt die Quarantäne ab: „40 Tage ohne“!

Das Fest „Mariä Lichtmeß“ wird am 2. Februar gefeiert, 40 Tage nach Weihnachten, weil im biblischen Buch Levitikus 12, 3-4, zu lesen ist, dass eine Frau nach der Geburt ihres Sohnes 40 Tage lang als kultisch unrein gelte und nach dieser Quadragesima ein Opfer darzubringen habe – so wie es Maria im Tempel auch tat.

Dass Jesus 40 Tage lang in der Wüste gefastet hat, gab der „österlichen Bußzeit“ mit ihrem Passionsgedanken und der Karwoche neuen Sinn. Quarantäne in der Quadragesima – wer hätte das gedacht? 

Mir ist bewusst, dass viele Zeitgenossen vor einem Scherbenhaufen ihrer Existenz stehen, weil sie auf Besucher und Einnahmen angewiesen sind; viele haben sich auf Urlaub und Erholung zu Ostern gefreut; viele müssen in den verlängerten Schulferien Mammutaufgaben der Betreuung bewältigen; viele sind voller Angst und Sorgen.

Gerade deshalb soll mein Rat nicht zynisch, sondern realistisch klingen: Not lehrt beten, Krisen schweißen die Familie und unsere ganze Gesellschaft gegen alle spalterischen Kräfte neu zusammen, fördern nie geahnte Solidarität.

Jetzt kommen manche Menschen zu Dingen, für die sonst keine Zeit hatten – zu einem „Frühjahrsputz der Seele“. Manche Italiener spielen auf ihren Balkonen Musik – unser Papst betet nach einem Spaziergang durch Roms menschenleere Straßen vor dem Pestkreuz – hoffnungsvolle Zeichen!

Mein Leitsatz in dieser Quarantäne-Quadragesima lautet nach Bonaventura: Der Wegnahme folgt die Liebe immer.

Gemälde: Evita Gründler

 


Die hl. Teresa von Avila (1515 – 1582): In Freundschaft mit Christus leben

Von Pfarrer Felix Evers

Teresa von Avila reformierte im 16. Jahrhundert den Karmelorden und holte Bruder Johannes vom Kreuz nach Avila.

Ein unausrottbares Missverständnis zieht sich durch die Geschichte des christlichen Glaubens: Geistliches Leben und damit Frömmigkeit sei die Zeitspanne, die man dem Gebet widmet – ein kurzer Zeitabschnitt des Tages also, der dem weitaus größeren Teil der Arbeit und der Freizeit einen religiösen Rahmen gibt.

Die Folgen zeigen sich in der uns allen bekannten Frage: „Wie finde ich bloß im hektischen Tagesablauf die Zeit für Gott?“

Teresa von Avila hat ihren Mitschwestern vorgelebt, dass sich ein geistliches Leben nicht auf die Stunden des Gebets und der Betrachtung reduzieren lässt, sondern der Alltag in seiner ganzen Breite und Fülle geistlich gelebt werden kann.

Schlüsselworte in ihren Schriften, die mir sehr geholfen haben, sind: „Beten ist wie das Verweilen bei einem Freund.“ Und: „Christus ist auch in der Küche, mitten unter den Kochtöpfen“ (Buch der Gründungen 5,8). – „Beten ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher sind, dass er uns liebt.“ (Leben 8,5) 

Sehr bekannt geworden sind auch die Worte auf einem Meditationszettel, der in ihrem Brevier gefunden wurde, und die mit dem vertrauten Ausspruch enden: „Solo Dios basta!“(Gott allein genügt)

Pater Reinhard Körner aus dem Karmelitenkloster Sankt Teresa in Birkenwerder, bei dem ich seit 20 Jahren meine Exerzitien mache, übersetzt Teresas Worte wie folgt: „Nichts muss dich ängstigen, nichts dich verstören – all das vergeht. Gott wird dir nicht untreu, geduldiges Harren sucht alles in Ihm; wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts. Gott Seinetwegen lieben – erst das ist genug.“

Wer wie Teresa den eigenen Glauben als Leben in Beziehung versteht und in Christus einen Freund und Weggefährten sehen kann, findet wie von selbst dahin, dass das oft so profane Tagewerk nicht nur vom Gebet umrahmt, sondern auch mit Gott gestaltet sein will.

So denke ich auch heute mit der heiligen Teresa daran, dass Gott da ist – in der Küche ebenso wie in der Kirche.

Ich wende mich Gott zu, ohne etwas von ihm zu wollen, und sage einfach „Du“ zu ihm. Ich verweile bei ihm in den Zeiten des Gebets, und ich gehe mit ihm an die Arbeit, treffe meine Entscheidungen mit ihm, lache und weine mit ihm. Gott, du bist immer der große Freund meines Lebens.


Motto der hl. Edith Stein (1891 – 1942): Wie können wir an der Hand des HERRN leben?

Von Pfarrer Felix Evers

„Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: Wie man es anfangen kann, an der Hand des HERRN zu leben.“ (Brief vom 28.4.1931)

Als Nesthäkchen einer großen jüdischen Familie in Breslau hatte Edith Stein eine behütete Kindheit. Nach ihrem Psychologiestudium wechselte sie an die Universität Göttingen – in einem steten Hunger nach der Wahrheit.

Die begeisterte Philosophiestudentin stieß bald an ihre Grenzen. Trotz ihrer hohen Begabung und ihres glänzenden Doktorexamens blieb ihr als Frau die berufliche Anerkennung verwehrt.

Als Edith Stein sich im Sommer 1921 nach der Lektüre der Autobiographie der heiligen Teresa von Ávila entschloss, um die Taufe in der katholischen Kirche zu bitten, wurde ihr Leben dadurch nicht leichter. Erst die judenfeindliche Gesetzgebung des Dritten Reichs, die ihr jede berufliche Tätigkeit verwehrte, öffnete ihr die Tür zum Kölner Karmel.

Aber wie litt Edith unter dem Schicksal ihres jüdischen Volkes, das auch bald das ihre werden sollte.

Edith Stein wird leider allzu oft ausschließlich als intellektuell beschrieben. In ihren Briefen hingegen begegnet uns die Mystagogin – die Frau, die uns lehrt, wie man es anfangen kann, an der Hand des HERRN zu leben und im Herzen nicht mehr „solo“, sondern „wie zu zweit“ mit Gott zu sein. Denn der wohl häufigste Grund, den Glauben an Gott zu verlieren, ist die Frage nach Gott und dem Leid: „Warum, Gott, müssen wir leiden, wenn du uns doch so sehr liebst?“

Hierauf gibt Edith Stein die einzig richtige Antwort: Sie stellt Gott nicht wegen ihres Leids und Schicksals infrage, sondern stellt Gott die Leidfrage – und Gott beantwortet sie mit seinem Mitleiden in Christus.

Edith Stein vertraut auf einen „sympathischen“, also „mitleidenden“ Gott  –  und dieser Gott kommt selbst in Jesus von Nazareth, um uns zu trösten.

In der Tradition Paul Gerhardts kann deshalb auch ein Dietrich Bonhoeffer dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag; Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Am 28. April 1931 schreibt Edith an Schwester Adelgundis Jägerschmid: „Gott weiß, was er mit mir vorhat. Ich brauche mich darum nicht zu sorgen.“

Eine heilige Gelassenheit spricht aus diesen Worten, eine Gelassenheit, die offen bleibt für das Wirken des HERRN, an dessen Hand wir unterwegs sind.

Das lerne ich bis heute von Edith Stein: Die kleine und einfache Wahrheit, immer wieder neu – in Freud und Leid – die Hand Jesu zu ergreifen, der unsichtbar als Auferstandener meine Lebenswege treu begleitet.

 

 


Lorenz von der Auferstehung (1608-1691): Unser Leben in der Gegenwart Gottes

Von Pfarrer Felix Evers

„Es ist ein großer Irrtum zu glauben, die Zeit des Betens müsse sich von der übrigen Zeit unterscheiden. Nein! Es ist uns aufgegeben, bei Gott zu sein in der Zeit der Arbeit durch die Arbeit und zur Zeit des Gebets durch das Gebet. Beten ist nichts anderes, als in der Gegenwart Gottes zu leben.“ (Viertes Gespräch)            

So sagt es Lorenz von der Auferstehung. Im Dreißigjährigen Krieg wurde er verwundet. Nach seiner Genesung entschloss er sich, als Bruder bei den Karmeliten in Paris einzutreten. Den größten Teil seiner Ordensjahre verbrachte er in der Küche und in der Schusterwerkstatt. Seinen bürgerlichen Namen Nicolas Herman vertauschte er mit dem Namen Bruder Lorenz von der Auferstehung.

In seiner Lebensbeschreibung heißt es: „Die Ruhe und die Sammlung, die er ausstrahlte, beeindruckte viele. Bei der Arbeit war er weder hastig noch langsam, sondern suchte alles zu seiner Zeit ruhig zu verrichten. In der Unruhe und im Lärm der Küche, wenn mehrere Leute gleichzeitig Verschiedenes verrichten müssen, findet Bruder Lorenz Gott in derselben Ruhe wie im Anblick der heiligen Eucharistie.“

Wie oft begegnet mir das Problem, dass Menschen in der Hektik des Alltags keine Zeit für ein Gebet finden. Auch in Beichtgesprächen fehlt kaum einmal der Hinweis, die täglichen Gebete nicht verrichtet zu haben. Und wenn überhaupt gebetet wird, dann greift man auf vorformulierte Gebete wie das Vaterunser oder den Rosenkranz zurück.

Dabei ist das Sprechen mit Gott genauso wichtig wie die Kommunikation mit meiner Familie und mit meinen Freunden; denn ansonsten wird man sich fremd, und die Beziehungen gehen in die Brüche.

Von Bruder Lorenz habe ich gelernt, mir Gott zu vergegenwärtigen. Zu den verschiedensten Zeiten – im Straßenverkehr, in der Kirche, am Computer – denke ich ganz bewusst einige Augenblicke daran, dass Gott hier und jetzt da ist. Dann rede ich Gott an und frage ihn, wie es ihm jetzt geht. Erst danach berichte ich ihm aus meinem Leben, ungeschminkt und ehrlich. Diese Vergegenwärtigung Gottes zwischendurch tut mir sehr gut.

Ich lebe dadurch mein Leben mit Gott, ohne ein Gebetspensum absolvieren zu müssen. Stattdessen bete ich freiwillig und einfach so, zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten. Einfach weil mir bewusst ist, dass Gott immer bei mir ist. Wie ein guter Freund. Und ER freut sich, wenn ich mich ihm von Zeit zu Zeit zuwende und mein Leben mit ihm teile. Gott ist immer für mich da.


Ein Leitwort des hl. Johannes vom Kreuz: GOTT sucht den Menschen

Von Pfarrer Felix Evershttps://charismatismus.files.wordpress.com/2017/04/image5.jpg

Der hl. Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz (1542 – 1591) war der geistliche Freund der heiligen Teresa von Avila: Ihn holte sie als Beichtvater und Spiritual der Ordensschwestern nach Avila in den Karmel, in dem sie selbst Priorin war.

Johannes vom Kreuz übte verschiedene Leitungsämter im Karmel aus, gründete Klöster, verfasste Schriften. 1591 wurde er aller Ämter enthoben und meldete sich für die Mission nach Mexiko. Doch die Überfahrt konnte er nicht mehr antreten: Am 14. Dezember 1591 starb er im andalusischen Úbeda.

Es kennzeichnet die Religiosität unserer Zeit, dass viel von Gotteserfahrung gesprochen wird. In ihrer Sehnsucht, Gott zu erfahren, nehmen viele Menschen große Mühen auf sich: Konzentrationsübungen, Fasten- und Diätvorschriften, Meditationskurse…

Manche meinen gar, irgendwo in Indien oder im Fernen Osten könne man viel besser als hier Gott nahekommen. Und sie geben reichlich Geld dafür aus. Hinter solchen Bemühungen steht die Vorstellung, dass man eine Erfahrung Gottes „machen“ könne, wenn man nur konsequent sei.

Die Folge solcher Art von Gottessuche sind nicht selten Rücksichtslosigkeit und Zwang und Druck gegenüber Andersdenkenden, die dem Bemühen um Gotteserfahrung im Wege stehen. Auf diese Weise wurde die Geschichte der Religionen weitgehend eine Geschichte von Rechthaberei und Intoleranz.

Johannes vom Kreuz hat mich gelehrt, dass jemand, der Gott erfahren will, nicht besondere aszetische Übungen auf sich nehmen oder in ferne Länder reisen muss. Nein, Gott ist einer, der uns sucht.

BILD: Christus als der Gute Hirte, der das verlorene Schaf sucht und findet

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn rennt der Vater seinem heimkehrenden Sohn entgegen, weil er ihn immer voller Sehnsucht erwartet hat; der Samariterin begegnet Jesus am Jakobsbrunnen als Wanderer, der auf der Suche nach dem Menschen und seinem Glauben wie erschöpft und müde geworden scheint und eine Rast einlegt; wie der Hirte sucht Gott das eine verlorene Schaf und lässt die 99 übrigen zurück. Ja, dank Johannes vom Kreuz weiß ich: „Wenn der Mensch Gott sucht – viel mehr noch sucht Gott den Menschen!“ (aus seiner Schrift „Die lebendige Liebesflamme“ 3,28)

Zudem ist Johannes vom Kreuz der Patron der „dunklen Nacht“, also all derer, die in ihren Glaubenszweifeln meinen, Gott verloren zu haben. Er deutet solche stockdunklen Nächte scheinbarer Gottesferne als notwendige Erfahrungen der Reinigung von trügerischen Gottesbildern:

Nur wer diese Nächte aushält, findet im Anbruch eines neuen Morgens wirklich zu Gott, weil er von Gottesbildern befreit wurde, die letztlich darin bestehen, von Gott immer nur etwas zu wollen – und wenn Gott unsere Wünsche nicht erfüllt, zweifeln wir an seiner Existenz.

Deswegen lobt Johannes die Weisheit Gottes, sich scheinbar zu entziehen, und vergleicht diese „weise Pädagogik Gottes“ mit einer Mutter, die ihr Kind irgendwann loslässt, damit es selbst zu laufen beginnt.

 


Die glaubensfrohe Advents-Liturgie der Kirche in der letzten Woche vor Weihnachten

Von Pfarrer Felix Evers

Die letzte Woche vor Weihnachten (17.-23. Dezember) kennt keine Heiligenfeste, sondern ist in der Liturgie der Kirche in besonderer Weise ausgestaltet, sei es durch die Lesungen der Heiligen Messe, sei es durch drei ausgesuchte Antiphonen zu den Psalmen im Stundengebet, die für Laudes und Vesper gleich sind. 

Vor allem sind hier aber die seit Amalar von Metz (775 – 850 n. Chr.) bezeugten altehrwürdigen O-Antiphonen zu nennen, die als Kehrvers zum Magnificat in der Vesper gebetet werden – und in der Kurzfassung auch als Halleluja-Vers in der Heiligen Messe des jeweiligen Tages.

Die Großen Antiphonen enthalten das ganze Mark der Adventsliturgie; Kardinal Newman nannte sie die „Herolde von Weihnachten“.

Die noch heute von uns gesungenen sieben O-Antiphonen weisen einen Acrostichus auf: Die Anfangsbuchstaben der Antiphonen ergeben, von der letzten zur ersten gelesen, als Antwort auf die letzte lateinische Antiphon: „Ero cras!“ („Ich werde morgen da sein!“).

Ich öffne also die Adventstürchen der letzten Werkwoche vor Weihnachten und bete die Fleh- und Sehnsuchtsrufe in der Vorfreude auf die Ankunft meines und unseres Erlösers.

17.12.       O WEISHEIT   (O  Sapientia…)

hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten –
die Welt umspannst du von einem Ende zum anderen,
in Kraft und Milde ordnest du alles:
o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.

18.12.        O ADONAI  (O Adonai…)

Herr und Führer des Hauses Israel –
im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen
und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben:
O komm und befreie uns mit deinem starken Arm.

19.12.          O SPROSS AUS ISAIS WURZEL  (O Radix…)

gesetzt zum Zeichen der Völker   –
 vor dir verstummen die Herrscher der Erde,
dich flehen an die Völker:
o komm und errette uns,

erhebe dich, säume nicht länger.

20.12.       O SCHLÜSSEL DAVIDS   (O Clavis…)

Zepter des Hauses Israel –
du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt,
und keine Macht vermag zu öffnen:
o komm und öffne den Kerker der Finsternis
und die Fessel des Todes.

21.12.       O MORGENSTERN  (O Oriens…)

Glanz des unversehrten Lichtes,
der Gerechtigkeit strahlende Sonne:
o komm und erleuchte,
die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.

22.12.       O KÖNIG ALLER VÖLKER  (O Rex…)

ihre Erwartung und Sehnsucht;
Schlussstein, der den Bau zusammenhält:
O komm und errette den Menschen,
den du aus Erde gebildet
.

23.12.       O IMMANUEL  (O Emmanuel…)

Unser König und Lehrer,
du Hoffnung und Heiland der Völker:
o komm, eile und schaffe uns Hilfe,
du unser Herr und Gott.

Die Anfangsbuchstaben der lateinischen Begriffe ergeben, von hinten nach vorne gelesen, den Satz „Ero cras“ – d. h.: „ Ich werde morgen da sein.“

Am 24. Dezember schließlich greife ich im Alten Testament zum Propheten Zefanija. Genau diese Lesung kommt in den katholischen Gottesdiensten immer am 21. Dezember vor, um die Vorfreude auf Weihnachten auszudrücken:

„Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem! Denn der HERR hat deine Strafe weggenommen und deine Feinde abgewendet. Der HERR, der König Israels, ist bei dir, dass du dich vor keinem Unheil mehr fürchten musst.

Zur selben Zeit wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und jauchzend einen Freudentanz aufführen, weil es dich gibt.“

Ein Gott, der mir vergibt und vor Freude tanzt! Das ist Weihnachten! Oder wie es Paul Gerhardt in seinem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ auf den Punkt bringt – mein Primizspruch übrigens: „Du kommst und machst mich groß.“

 

 

 


Zwischen Krippe und Kreuz, Himmel und Erde

Von Pfarrer Felix Evers

„Zwischen den Jahren“ heißt umgangssprachlich die Zeit direkt nach dem Weihnachtsfest; vermutlich geht dieser Begriff auf die Umstellung des Kalenders in der Sterbenacht Theresia von Avilas 1582 zurück, weil seitdem zwischen dem alten Julianischen und dem neuen Gregorianischen Kalender 13 Tage liegen. 

Somit befinden wir uns zwischen Weihnachten und Epiphanie in einer Zwischenzeit: Zwischen den Jahren, zwischen Freud und Leid, zwischen Altem und Neuem, zwischen Himmel und Erde, zwischen Krippe und Kreuz. Zwischendurch mal durchatmen, Rückschau halten, vorausschauen.

Während einer ökumenischen Pilgerreise nach Armenien im vergangenen Herbst entstand dieses Foto in Eriwan: Über der Hauptstadt erhebt sich die Gedenkstätte für den grausamen Völkermord vor mehr als einhundert Jahren, vorne im Bild zu sehen die Gräber der im Karabachkrieg gefallenen Soldaten.

Am türkischen Horizont das für Armenier unerreichbare Wahrzeichen des Ararat – dem Mythos entsprechend der Landeplatz der Arche Noah -; unzählige altehrwürdige Klöster laden zum Gebet ein.

Im Oktober erklangen zudem überall die Lieder des verstorbenen Sängers Charles Aznavour, der armenische Wurzeln hatte und als Volksheld verehrt wird; in Eriwan lauschten bei farbenfrohen Wasserspielen unzählige Bewohner friedlich-still seinen über etliche Lautsprecher verbreiteten Chansons.

Armenien als ein Zwischenland: Leben zwischen Krieg und Frieden. Abbild der ganzen Welt im Jahr 2018: Zwischen Gewalt und Versöhnung, zwischen Nationalismus und Einer Welt, zwischen Raubbau und Schöpfungsbewahrung.

Jesus führte ein Leben im Dazwischen: Zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod, zwischen Betlehem und Golgotha; auf seinem Pilgerweg zwischen den biblischen Orten im Heiligen Land hatte er kaum eine Herberge mit Verweildauer.

Unsere Erlösung bewirkt das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz bis heute durch den heiligen Tausch: Wer an Jesus als den Sohn Gottes glaubt, weiß sich als bettelarmer Mensch von Gott mit der gleichen himmelreichen Liebe umfangen, mit der Gott seinen eigenen Sohn umfängt.

Jeder Lebenstag wird zu einem kleinen Weihnachtsfest im Zwischenland: Ich wache als bettelarmer Mensch auf, erneuere tagsüber mein Vertrauen in das wehrlose Christkind, das am Wegesrand in einer Höhle zur Welt kam, und den geschundenen Mann am Kreuz, der auf dem Müllberg Golgotha außerhalb der Stadtmauern entsorgt wurde, und gehe himmelreich beschenkt schlafen.

Selbst wenn ich unter einer Brücke schlafen muss, ist dieser Gott wirklich bei mir – sein Reich sind gerade die Zwischenorte dieser Erde, die von allen guten Geistern verlassen zu sein scheinen.

Die Lichterkrone, die am Fest der Heiligen Luzia getragen wird, ist das gleiche Vorausbild des Himmels wie die Königsgewänder und Kronen der Sternsinger, die zwischen den Jahren die Frohe Botschaft wieder über alle Türen schreiben werden: Zwischen Ohnmacht auf Erden und Königswürde im Himmel gehen Heranwachsende ihren Lebensweg; von vielen Menschen missachtet und gequält, von Gott aber von Ewigkeit her auserwählt und bedingungslos geliebt: Jedes Kind ist in Gottes Augen ein König, Priester und Prophet.

Dein letztes Hemd, auf der Flucht zerrissen und zerlumpt, ist in Wahrheit ein Hochzeitskleid; Deine himmlische Würde kann Dir niemand rauben.

In Eriwan erhebt sich über der nationalen Gedenkstätte zwischen dem Betrachter und der Stadt das Mahnmal wie ein übergroßer Dorn – ein Dorn im Auge -, wie ein viel zu großer Nagel; das Holz der Krippe hat die gleichen Nägel wie das Kreuz, und die Dornenkrone liegt bereits auf dem Kopf des Christkinds in Betlehem.

So sehr liebt Gott uns Menschen, dass er am Weihnachtsfest für immer zu uns ins Zwischenland und in jede Zwischenzeit zieht, damit wir in Freud und Leid seine tröstende Nähe erfahren: „Fürchte Dich nicht; denn ich mag Dich leiden!“

Gesegnete Weihnachten und trostreiche Zeit zwischen den Jahren!


Kath. Pfarrer Felix Evers: Was ich mit der NDR-Quizshow „Leuchte des Nordens“ erlebte

„Leuchte des Nordens“ ist eine TV-Wissens-Show, in der fünf Kandidaten aus den fünf norddeutschen Bundesländern (Niedersachsen/Schleswig-Holstein/Bremen/Mecklenburg-Vorpommern/Hamburg) gegeneinander antreten.

Die Sendung mit drei Spielrunden wird von Jörg Pilawa moderiert. Am Ende müssen zwei Kandidaten in einer Minute einige Fragen zu dem Bundesland beantworten, aus dem sie kommen.

Ende letzten Jahres hat Pfarrer Felix Evers (siehe Foto) das Quiz gewonnen  – und damit auch den Titel „Leuchte des Nordens“.

Im Vorfeld der Sendung gab es allerdings einiges Hin und Her  – zumal der 46-jährige Geistliche aus der Pfarrei Neubrandenburg auf seinem Kollarhemd bzw. „römischen Kragen“ bestand.

Wir baten den katholischen Priester, für uns einen Artikel über seine Erfahrungen mit dieser Sendung zu verfassen, was er gerne getan hat. Wir danken ihm herzlich und stellen hier seinen interessanten Bericht vor:

„Die Quizshow „Leuchte des Nordens“ hat sich eigenständig am Telephon bei mir gemeldet, weil es zur Adventszeit ein Pastorenspecial geben sollte. Das war schon vor vier Jahren. Danach gab es ein Casting im Hotel Maritim in Kiel, an dem über 50 Personen teilnahmen.

Vor über einem Jahr meldete sich diese Produktions- und Castingfirma wieder bei mir und fragte, ob ich auch bereit sei, an einer normalen Sendung teilzunehmen, weil sich kein anderer Pfarrer gefunden habe.

Ich wollte das selbstverständlich  – und dann haben wir die Sendung vor einem Jahr im NDR-Studio in Hamburg aufgezeichnet. Ich habe zur Vorbereitung diverse Bücher gelesen, die sich mit geographischen Gegebenheiten und typisch regionalen Besonderheiten der fünf norddeutschen Bundesländer beschäftigen.

Ich bin ja gebürtig aus Kiel, habe in den Priesterseminaren in Osnabrück und Hamburg zwei weitere Bundesländer kennenlernen dürfen, und in der Sendung trat ich nun natürlich als Pfarrer in Neubrandenburg für Mecklenburg-Vorpommern an  –  nur Bremen fehlte mir also in meiner „biographischen Nordlichtsammlung“! 

Ich lese zudem jeden Tag die Frankfurter Allgemeine Zeitung und einmal pro Woche die „Zeit“, dadurch konnte ich auch die aktuellen Fragen beantworten. Das war alles zusammengenommen eine intensive Vorbereitung.

Ob ich Stoßgebete gen Himmel gesandt hätte, wurde ich oft gefragt. Ich glaube wie Theresa von Avila daran, dass Gott immer bei mir ist. Ich hätte also auch eine Niederlage einstecken können. Aber ich hatte trotzdem den Anspruch, dass es klappen muss, wenn ich schon so intensiv dafür lerne. In dem Sinne schicke ich eher Stoßgebete 24 Stunden Tag und Nacht, dass Gott mein Leben immer begleiten möge, in guten und in bösen Zeiten.

Für mich ist es übrigens ganz wichtig, dass wir Priester immer erkennbar sind. Das ist keine ideologisch besetzte Ansicht – wie es einem traurigerweise heute in Deutschland rasch unterstellt wird, sondern für mich eine Selbstverständlichkeit: Menschen sollen wissen, wofür wir stehen.

Das Kollarhemd war zunächst vom Sender nicht gewünscht: „Zu schwarz und dadurch untauglich für die Kameras.“ –  Ich nehme das den Produzenten gar nicht übel. Mit einem anderen Teilnehmer gab es wohl parallel Probleme, weil er ein T-Shirt von seinem Fischrestaurant tragen wollte  –  das wäre Werbung gewesen.

Ich hatte von morgens früh an bis in die Aufzeichnung nachmittags das Kollarhemd und meinen Anzug an, und die Fernsehleute meinten, dass es farblich nicht gehe, weil es zu dunkel sei. So entstand ein kleiner Kampf.

Erst eine Stunde vor der eigentlichen Aufzeichnung bekam ich dann grünes Licht und konnte das Kollarhemd tragen. Ansonsten hätte ich ein weißes Hemd anziehen müssen. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns vor anderen Bekenntnissen nicht verstecken müssen, sondern im Gegenteil offensiv zu unseren Bekenntnissen, Werten und Traditionen stehen sollten. Ich habe also versucht, meine Wahl der Priesterkleidung zu verteidigen  –  und am Ende hat es ja auch mit Gottes Hilfe geklappt.

Gefreut hat mich, dass Jörg Pilawa meine sonore, kräftige Stimme gelobt hat. Das hängt mit unserem Verkündigungsauftrag zusammen: Ich bin dankbar für das Geschenk, das ich in die Wiege gelegt bekomme habe: Dass ich reden kann und reden darf. Ich habe auch eine vierjährige Rhetorikausbildung genossen durch den Jesuitenpater Prof. Dr. Friedhelm Mennekes, der mir beibrachte, frei zu predigen  –  und ohne Mikrophone.

Wir haben den ganzen Tag im NDR-Studio verbracht. Jörg Pilawa selbst hat sich Zeit für die einzelnen Kandidaten genommen. Er hat mit mir ausführlich über seine eigene Geschichte mit der Kirche gesprochen. Er ist ja einer, der uns zu 100 Prozent wohlwollend gegenüber steht und auch sagt, dass der Ministrantendienst für seinen heutigen Beruf sehr hilfreich war.

Das verstehe ich gut, denn in beiden Bereichen – dem heiligen und dem profanen Bereich –  geht es ja auch um Öffentlichkeit, Ordnung und Disziplin und darum, dass man „im Rampenlicht“ steht. Das sagen auch Harald Schmidt und Thomas Gottschalk in zahlreichen Interviews.

Ich bin übrigens vor wenigen Jahren ganz knapp am „Wort zum Sonntag“ vorbeigeschlittert. Ich hatte deshalb im gleichen NDR-Studio ein Casting. Da wurde ich aber nicht ausgewählt – gegen eine gutaussehende Ordensschwester hatte ich einfach schlechte Karten. Aber das ertrage ich gerne.“

 


„Nicht Äußerlichkeiten fördern die Ökumene“

Die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) veröffentlichte am Dienstag, den 14.7.2015, folgenden Leserbrief, der vom katholischen Pfarrer Felix Evers und anderen Persönlichkeiten unterzeichnet wurde:

„In Ihrer Ausgabe vom 29. Juni berichten Sie in „Annäherung auf schwierigem Boden“ von den ökumenischen Vorhaben im Lutherjahr 2016. Papst Benedikt wird beiläufig als ein für die ökumenischen Bemühungen nicht förderlicher Papst beschrieben. RadioVatikan

Das Gegenteil ist der Fall: Seine Enzykliken über die Liebe, die Hoffnung und den Glauben sind ebenso wie seine Jesus-Bücher wegweisende ökumenische Werke! Nicht Äußerlichkeiten fördern die Einheit der Christen, sondern  –  gut lutherisch  –  allein das Wort.

Am 25. Juni empfing uns fünf Mitglieder des Neubrandenburger Dreikönigsvereins der emeritierte Papst Benedikt im Vatikan zu einer vierzigminütigen Privataudienz. Er zeigte sich bestens informiert über die Situation der christlichen Kirchen in Norddeutschland und versprach sein Gebet. Eine seiner ersten Fragen: „Wie geht es den evangelischen Kirchengemeinden in Neubrandenburg?“

Felix Evers, Manfred Dachner, Dr. Paul Krüger, Nicola D’Aniello Owe Gluth, Neubrandenburg

Foto: Radio Vatikan