Warum eine charismatische Spiritualität den geistlichen Mißbrauch begünstigt

Von Felizitas Küble

Ein Thema, das jahrzehntelang auf katholischer Seite „verschlafen“ wurde, drängt allmählich in die innerkirchliche und gesamtgesellschaftliche Diskussion: Das Problem des geistlichen Mißbrauchs.

Das evangelikale Spektrum hat diese Gefährdung früher erkannt und in Büchern und sonstigen Veröffentlichungen kritisch analysiert, was schlicht auch damit zu tun hat, daß die pentekostale – also pfingstlerische  –  Bewegung dort schon viel länger existiert, nämlich seit Beginn des 20. Jahrhunderts, wogegen die Charismatik in der katholischen Kirche erst ab 1967 in den USA begann und sich bei uns eher schrittweise stärker ausbreitete.

Zunächst war diese Strömung in Deutschland noch vergleichsweise intellektuell ausgerichtet und in eher bildungsbürgerlichen Kreisen präsent, wodurch gewisse emotionale Ausuferungen in Grenzen gehalten wurden, was wohl auch mit der Leitung der halbamtlichen CE (Charismatischen Erneuerung) durch den Paderborner Priester und Theologen Dr. Heribert Mühlen zusammenhing.

Der am 25. Mai 2006 verstorbene Dogmatikprofessor gehörte zu den Konzilstheologen, war exegetisch und liturgisch eher liberal ausgerichtet (wenngleich er beileibe kein progressiver Rebell war). Infolgedessen hielt er als Intellektueller die CE mit Glaubenskursen und Segnungsandachten auf einem halbwegs gemäßigten Kurs. Gleichzeitig konnte er das konservative „Lager“ in der katholischen Kirche kaum für seine Bewegung gewinnen, zumal die Marienverehrung damals in der CE nur eine geringe Rolle spielte und auch sonstige typisch traditionelle Elemente fehlten.

Prof. Mühlen war Mitbegründer des „Katholischen Evangelisationszentrums Maihingen“, dessen pentekostale Ausrichtung in den 90er immer deutlicher wurde.

Von Teilnehmern dortiger „Segnungsgottesdienste“ erfuhr ich, dass sie damals bereits mit Befremden das sog. „Ruhen im Geist“ beobachten konnten, ein in dieser Szene weitverbreitetes Phänomen, das in der englischsprachigen Welt passender als „Slain in the Spirit“ (Erschlagenwerden im Geist) bezeichnet wird.

Die Betreffenden fallen gleichsam wie in Trance nach rückwärts oder sinken quasi ohnmächtig in sich zusammen, was von schwarmgeistiger Seite als „Taufe im Heiligen Geist“ (protestantisch-pfingstlerisch) oder zumindest als „Geistausgießung“ oder „Geisterfahrung“ (katholisch-charismatisch) angesehen wird. Diese Manifestation hat sich durch die „wilde“ Charismatik, die in den letzten beiden Jahrzehnten um sich greifen konnte, noch mehr gesteigert.

Unter der halbwegs gemäßigten Mühlen-Phase der CE bis Anfang der 90er Jahre war dieser „Hammersegen“ (wie ich ihn kritisch nenne) hierzulande noch kein Massenvorgang. Dort konzentrierte man sich eher auf das Zungenreden als Zeichen angeblicher „Geisterfüllung“.

Die seitdem erkennbare Ausbreitung des schwärmerischen Milieus weit über die kirchlich anerkannte CE hinaus ist vor allem auf zwei Ursachen zurückzuführen, nämlich auf Medjugorje und das  – damit durchaus verbundene  – Auftreten zahlreicher indischer „Heilungspriester“ sowie charismatischer Ordensfrauen, die meist aus dem südindischen, christlich geprägten Bezirk Kerala stammen, der schon seit Jahrzehnten durch protestantisch-pfingstlerische Einflüsse aus den Vereinigten Staaten geprägt ist, die dort allmählich auch in die katholische Kirche einsickerten, vor allem in neuere Ordensgemeinschaften und Kongregationen.

Viele dieser „Heilungsprediger“ oder Nonnen arbeiten eng mit Medjugorje-Gruppen zusammen, man spielt sich gegenseitig die Bälle zu und unterstützt sich jeweils mit Referenten und Tagungen.

Dabei war das kirchlich als Erscheinungsstätte nicht anerkannte, sondern lediglich pastoral geduldete Medjugorje von vornherein charismatisch geprägt – also bereits ab Sommer 1981 in der Frühphase der „Erscheinungen“, nicht zuletzt durch die dort ansässigen Franziskanerpatres, was sich für die meisten Wallfahrer aber erst in den 90er Jahren deutlicher herauskristallisierte.

Infolge des regen Pilgerbetriebs zu dieser weltweit bekanntgewordenen Pfarrgemeinde in Bosnien-Herzegowina entstanden zahlreiche charismatische Gebetsgruppen auch in deutschsprachigen Ländern, darunter fest organisierte neue „geistliche Gemeinschaften“, die oft vor allem aus jungen Katholiken bestanden.

Hierzu gehört die „Jugend 2000“, die sich allerdings   – je nach örtlicher bzw. priesterlicher Leitung und Begleitung – teilweise noch einigermaßen nüchtern-besonnen präsentiert, z.B. im Bistum Köln. Die charismatische „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ ist zwar älter als das Medjugorje-Phänomen, wird aber stark von diesem geprägt und ist eng damit verknüpft.

Betont charismatisch ausgerichtet ist sodann die durch Medjugorje-Pilgerfahrten entstandene Jugendvereinigung „Totus tuus“, die sich selbst als marianisch, charismatisch und eucharistisch versteht. Der Vereinsname lautet übersetzt „Ganz dein“ und orientiert sich an einer „Ganzhingabe an Maria“ im Sinne von Johannes Paul II. und der damit verbundenen Grignionschen Weiheformel.

Durch diese marianischen und eifrig das Rosenkranzgebet praktizierenden Jugendgruppen erhielt die charismatische Szene einen immer stärkeren Zulauf aus dem konservativen und teils sogar traditionellen Spektrum. Offenbar genügte vielen Gläubigen das Qualitätssiegel „marianisch“, um sich insgesamt der Spiritualität dieser neuen Strömungen anzuvertrauen.

Dies wurde verstärkt durch die Tatsache, dass sich die aus Medjugorje entstandenen Gruppierungen von A bis Z (von Abtreibung bis Zölibat) auch moraltheologisch konservativ positionierten. Was sollte also dagegen sprechen, sich dieser neuen, offenbar doch so frommen Bewegung anzuschließen?

Das Bedürfnis nach solch einer „Fluchtburg“ war umso größer, als es der akademisch-abstrakten Theologie ebenso wie den oft progressiven Zuständen in den Pfarreien nicht gelingen konnte, die spirituelle Sehnsucht heimatlos gewordener Katholiken zu stillen. In dieses Vakuum stieß nun die Medjugorje-Faszination und der Charismatismus, um sich als geeignete Alternative zu präsentieren.

Von amtskirchlicher Seite wurden die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ meist mehr oder weniger schnell anerkannt, selbst wenn manche Hierarchen wohl mit derem konservativem „Outfit“ gefremdelt haben mögen. Immerhin glaubte man aber, dadurch diese gläubige Jugend unter die eigenen Fittiche zu bekommen und damit auch eine gewisse Kontrolle ausüben und den Gang der Dinge im eigenen Interesse etwas „kanalisieren“ zu können.

Dabei unterschätzen die vatikanischen und bischöflichen Amtsstuben aber das eigendynamische Potential, das solchen Strömungen ihrer Natur nach innewohnt. Wie sollten sie hierüber auch Bescheid wissen, da sie zum einen vor einem relativ neuen Phänomen standen, zum anderen wegen ihrer eher liberalen bis hin zur progressiven Grundhaltung das konservative Spektrum nicht von innen her kennen – und damit auch nicht die Spezifika, geschweige spirituellen Gefährdungen beurteilen können. Somit sind sie in jeder Hinsicht  – sowohl theologisch wie psychologisch –  gegenüber pentekostalen Tendenzen überfordert und stehen hier ratlos wie der Ochs vorm Berg.

Das zeigt aktuell auch die Causa „Totus tuus“: 1994 gegründet, wurde die Jugendvereinigung zehn Jahre später vom Bistum Münster bischöflich approbiert.

Aber nicht nur dies – die Gruppe durfte sich im Sankt-Paulus-Dom (siehe Foto) jährlich mit einem stundenlangen öffentlichen Gebets-Festival präsentieren, an dem sogar der Bischof regelmäßig teilnahm (damals Reinhard Lettmann).

Diese enorme Aufwertung ist dem Ordinariat später gleichsam auf die Füße gefallen, als sich vor vier Jahren erste Ex-Mitglieder meldeten und über geistlichen Mißbrauch beklagten. Das Bistum Münster ergriff die Flucht nach vorne und startete im Jahr 2017 eine Visitation, die immer noch anhält. Die Zeitschrift „Herder-Korrespondenz“ bot den Aussteigern mehrfach ein Forum und kritisierte die von ihnen geschilderten pastoralen Übergriffe. Die konservative Seite überläßt diese Aufklärungsarbeit gerne den „Skeptikern“, schließlich fühlt man sich diesen „marianischen“ Gruppen mehr oder weniger verbunden und will nicht in die eigene Suppe spucken.

Daß die in manchen charismatischen Gruppen geleistete „Seelenführung“ religiös ungesund strukturiert ist und bis hin zur Verzweiflung oder gar Selbstmord führen kann, ahnt kaum jemand, es sei denn, er hat wie ich seit langem Kontakte zu Betroffenen. Der geringste Vorwurf ist noch jener einer unausgewogenen Leistungsfrömmigkeit (auf Pilgerreisen dauernde Gebete und „Lobpreis“ von früh bis spät) und asketischen Überforderung (Fasten bei Wasser und Brot am Mittwoch und Freitag gemäß Medjugorje-Botschaften).

Schlimmer sind freilich Machtmißbrauch, selbsternanntes Prophetentum, Personenkult um den/die Gruppengründer/in und massiver psychischer Druck auf die Mitglieder, verbunden mit Dämonisierung der Gläubigen, sobald kritische Rückfragen gestellt oder Zweifel am Vereinsgebaren geäußert werden.

Wie hilflos und schmalspurig eine vom Ordinariats-Personal durchgeführte Visitation sein kann, zeigt sich gerade im Fall „Totus tuus“. Der Deutschlandfunk strahlte am 19.9.2019 eine Sendung unter dem Titel „Totale Hingae als Prinzip“ aus, in welcher eine Aussteigerin erklärte, man habe sie und andere Betroffene lediglich „wie Informanten“ behandelt. Seitens des Bistums habe es keine Hilfsangebote gegeben, „auch nicht, was den Glauben anbelangt“. Andere Ex-Mitglieder äußerten sich ähnlich enttäuscht.

Glaubensweitergabe setzt aber erst einmal den Glauben voraus, was man nicht ohne weiteres von allen „Würdenträgern“ erwarten kann. Wie sollen theologisch „moderne“ Priester oder Laienmitarbeiter angemessen auf Katholiken reagieren, die sich in charismatischen Gefilden verlaufen haben und nun eine bodenständige, authentische kirchliche Spiritualität suchen? Es werden ihnen Steine statt Brot gereicht, wenn sie nur informativ für die Visitation abgefragt werden, ohne zugleich eine gediegene theologische und geistliche Wegweisung zu erhalten.

Hier könnte die traditionelle Seite hilfreich zur Seite stehen: Gerade die überlieferte hl. Messe ist mit ihrer Andacht, Feierlichkeit, Sakralität und Nüchternheit geeignet, die allzu emotionale Frömmigkeit aus der Charismatikerzeit in besonnene Bahnen zu lenken und ihr die nötige Tiefe zu verleihen.

Statt einer Achterbahn der Gefühle würde damit eine Glaubenshaltung vermittelt, die nicht auf dem Flugsand subjektiver „Erlebnisse“ beruht, sondern auf den Fundamenten der Kirche: Heilige Schrift, apostolische Tradition, Lehramt und Sakramente. Hierfür reicht aber die klassische Liturgie alleine nicht aus, so hilfreich sie ist  – es bedarf auch der katechetischen und apologetischen Begleitung und Glaubensvertiefung.

Aus meinen jahrzehntelangen Kontakt mit Aussteigern läßt sich resümieren, daß vor allem das neokonservative Spektrum anfällig für Charismatik, Wundersucht und Erscheinungsfixiertheit ist, aber auch ein erheblicher Teil des „halb-traditionellen“ Milieus, zumal jene Besucher der „alten Messe“, die ihr eher aus nostalgischen als aus theologischen Gründen zugetan sind oder sie lediglich aufsuchen, um den liturgischen Experimenten zu entfliehen, die in den meisten Pfarreien an der Tagesordnung sind.

Als emotionalen Ausgleich für die „nüchterne“ Meßform im alten Ritus suchen sie dann auf charismatischen Veranstaltungen das „prickelnde“ Erlebnis einer vermeintlichen „Gotteserfahrung“.

Noch vor wenigen Wochen beklagte sich eine solch altrituell orientierte Dame mittleren Alters bei mir ernsthaft darüber, sie habe noch nie bei einem der von ihr besuchten Heilungsseminare das „Ruhen im Geist“ erlebt.

Foto: Pattayablatt

Auf meinen Hinweis, sie möge Gott auf den Knien danken, daß ihr das erspart geblieben sei, es sich keineswegs um eine Geist-Erfahrung (sondern wohl eher eine Geister-Führung) handelt, mir zudem genügend Psycho-Geschädigte dieses Phänomens bekannt seien, schien sie erst einmal einsichtig. Doch einige Zeit später brach sie jeden Kontakt ab und erzählte anderweitig, sie lasse sich von mir ihren innigen Wunsch nach diesem besonderen Trance-Erlebnis nicht nehmen.

Bereits vor 15 Jahren führte ich ein längeres Gespräch mit einer Büroleiterin von „Totus tuus“ und versuchte, sie hinsichtlich solcher Privatoffenbarungen wie Medjugorje auf ein nüchternes Gleis zu bringen, was ebenso vergeblich war wie mein Bemühen, ihr den irrgeistigen „Hammersegen“ auszureden.

Die Dame verteidigte geradezu euphorisch das „Ruhen im Geist“ als göttlich bewirkte Gnadengabe. Ich verwies z.B. darauf, daß auch der Verstand zu den Sieben Gaben des Heiligen Geistes zähle, der Hl. Geist daher nicht gegen die Vernunft wirke, daß die Gnade auf der Natur aufbaue und unser Frömmigkeitsleben auf den Sakramenten der Kirche beruhe, nicht auf außergewöhnlichen Manifestationen, die zudem ursprünglich aus dem protestantischen Pfingstlertum stammen und in der katholischen Tradition unbekannt sind.

Sämtliche Argumente waren in den Wind geredet, wobei zu bedenken ist, daß der Hinweis auf die „Tradition“ in diesen Kreisen selten zum Nachdenken führt, das gilt auch in liturgischer Hinsicht.

Die Gruppe „Totus tuus“ hat mit der überlieferten Messe schlicht nichts am Hute, was wenig erstaunt, denn ihre euphorischen Schwärmer-Praktiken lassen sich in diesem geregelten Ritus nicht „unterbringen“, was auch für den verstiegenen „Lobpreis“ gilt, der musikalisch in etwa zwischen Gospel, Pop und Rock angesiedelt ist.

Sinn und Zweck dieses enthusiastischen Gesanges ist es letztlich, den „Durchbruch“ zu erleben, eine besonderes „Gotteserfahrung“ zu erhalten, sei es durch den Hammersegen, das Zungenreden, eine „erleuchtete“ Prophetie, das „Wort der Erkenntnis“ (spontane Eingebungen von „oben“), angebliche Herzensschau oder Empfang des Heilungs-Charismas. Diese Lobpreismusik ist also vom kirchlichen Psalmengesang oder gar Gregorianischen Choral so weit entfernt wie der Nordpol vom Südpol.

Es liegt auf der Hand, daß die gefühlsfixierte und erlebnissüchtige Frömmigkeit in pentekostalen Bewegungen den geistlichen Mißbrauch strukturell begünstigt. Das Problem ist geradezu system-immanent und besteht keineswegs nur aus einer Ansammlung von Einzelfällen.

Vielmehr sind einige Faktoren im Wesen dieser Strömung begründet, die  seelsorglichen Übergriffen und Irreführungen Tür und Tor öffnen, darunter z.B. folgende Aspekte:

  1. Wenn die Gründer bzw. Leiter der jeweiligen Gemeinschaft den Heiligen Geist gleichsam gepachtet haben, vom Himmel direkt geführt und inspiriert werden, dann sind diese Personen von einem gleichsam unantastbaren Nimbus umgeben, der sie außerhalb jeder Kritik stellt. Visionär begabte und „begnadete“ Persönlichkeiten stehen quasi unter Denkmalschutz und üben gewissermaßen ein Prophetenamt aus. Es geziemt sich folglich für die Gruppenmitglieder, ihnen den schuldigen Gehorsam zu erweisen, weil alles andere den Heiligen Geist „betrüben“ könnte.
  2. Die nüchterne Vernunft wird durch eine ständige Suche bis Sucht nach „Tabor-Erlebnissen“ allmählich verdrängt. Das Bedürfnis, seelisch auf der „Wolke“ zu sitzen, eine vermeintlich unmittelbare „Gotteserfahrung“ zu erhalten, begünstigt das Ausschalten des kritischen Verstandes. Skepsis wird in diesem Kreisen ohnehin gerne dämonisiert: Den Gläubigen wird eingeredet, es handle sich um teuflische Versuchungen, zumindest aber um „okkulte Belastungen“ oder gar Umsessenheit. Womöglich wird zur „Heilung“ dann ein Quasi-Exorzismus vollzogen, nämlich das sogenannte „Befreiungsgebet“, auf daß die „Finsternismächte“ gebannt werden. Wenn dann besonders erleuchtete Personen mit Visionen in einer Gebetsgruppe mittels Sonderoffenbarung verkünden, welches Mitglied dringend eine „Befreiungsaktion“ benötigt, ist der geistliche Mißbrauch komplett und der/die Betroffene nicht selten für Jahre seelisch „neben sich“. (Ich weiß von etlichen tragischen Schicksalen, manche Geschädigte enden zuletzt in der Psychiatrie.)
  3. Die für charismatische Kreise typische Sehnsucht nach „Heilung und Befreiung“ kann dazu führen, daß die Gruppenmitglieder von einem „Heilungsprediger“ zum anderen laufen, von einem Seminar zum nächsten, von einem Propheten zum noch stärker begnadeten Visionär etc. Es dreht sich alles im Kreise und die Betroffenen kommen kaum noch zur ruhigen Besinnung und zur Distanz. Auch dies erleichtert geistlichen Mißbrauch und bewirkt keine Seelsorge, sondern Seelenverwirrung.

Aus einer klassisch-konservativen und traditionell katholischen Sicht ist die Einsicht entscheidend, daß der Schwarmgeist eine innere Gefährdung des eigenen Spektrums darstellt, was zu entsprechender Vorsicht und Nüchternheit veranlaßt.

Nicht der Skeptizismus ist die typische Versuchung der Frommen, sondern die Verstiegenheit, nicht die Wunderflucht, sondern die Wundersucht, nicht der Unglaube, sondern der Aberglaube, nicht der Rationalismus, sondern der Irrationalismus. Achten wir also darauf, weder links noch rechts vom Pferd zu fallen – auch „rechts“ lauern ernsthafte Gefahren, wie die Kirchengeschichte seit jeher angesichts sektiererischer Bewegungen in Hülle und Fülle belegt.

Erstveröffentlichung dieses Beitrags von Felizitas Küble in der traditionell-theologischen Zeitschrift UNA VOCE (Nr. 4/2020)


Kritische Anmerkungen zum Charismatismus

Von Pater Dr. Martin Lugmayr

Im Hinblick auf das diesjährige Pfingstfestival in Salzburg sagte Georg Mayr-Melnhof, der Gründer der Loretto-Gemeinschaft, dass die eingeladenen 470 Leiter zur Vorbereitung das Buch „Wahre Geschichten und Wunder der Azusa Street“ lesen sollten.

Gegen Ende des Interviews betont er, „dass sich viele danach sehnen, dass Gott das, was er bei Azusa tat, jetzt wieder tut“ (DT vom 20. Mai 2021, S.15).

Was geschah damals im Jahre 1906?

Der Prediger William J. Seymour wollte in Los Angeles in kleinen Treffen, die in der Azusa-Street stattfanden, ganz neu sich dem Wirken des Geistes öffnen. Auf diesen Weg brachte ihn sein Lehrer Charles Fox Parham, der in der amerikanischen Heiligungsbewegung tätig war.

Folgende Ereignisse werden aus der Azusa-Street berichtet:

Menschen beteten laut chaotisch und ungeordnet, sprangen im Raum herum, fingen krampfhaft zu weinen oder zu lachen an, riefen unverständliche Laute aus, fielen wie ohnmächtig zu Boden.

Heute würde wohl niemand mehr davon berichten, wenn nicht Seymour am 14. April 1906 ein Zorngericht Gottes angekündigte hätte, das die Erde erbeben lassen würde. Tatsächlich erschütterte vier Tage später ein starkes Erdbeben die in der Nähe gelegene Stadt San Francisco: über 3000 Menschen starben, mehr als die Hälfte der Einwohner (etwa 225.000 von 400.000) wurden obdachlos.

Wegen dieses Zusammentreffens strömten jetzt viele Menschen in die Azusa-Street, ließen sich ganz auf die dortigen Vorgänge ein, die sie als vom Heiligen Geist bewirkt ansahen.

Im selben Jahr wurde eine Zeitschrift namens „Apostolic Faith“ (Apostolischer Glaube) mit einer Erstauflage von 5000 Exemplaren gegründet, ein halbes Jahr später waren es bereits 40.000, die in den USA und weltweit verbreitet wurden.

Die erste Nummer, die im September 1906 erschien, hatte den Titel: „Pentecost Has Come!“ (Pfingsten ist gekommen!). Als die Praktiken von Azusa 1907 auch nach Deutschland importiert wurden, führte dies zu großen Spannungen innerhalb der pietistischen „Gemeinschaftsbewegung“.

Zur Berliner Erklärung von 1909

Zur Spaltung kam es am 15. September 1909 mit der „Berliner Erklärung“, in der sich 56 Leiter von der neuen Bewegung distanzierten:

„Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten; sie hat viele Erscheinun­gen mit dem Spiritismus gemein. (…) Der Geist in dieser Bewegung bringt geistige und körperliche Machtwirkungen hervor; dennoch ist es ein falscher Geist. Er hat sich als ein solcher entlarvt.

Die hässlichen Erscheinungen, wie Hinstür­zen, Gesichtszuckungen, Zittern, Schreien, widerliches, lautes Lachen usw. treten auch diesmal in Versammlungen auf. Wir lassen dahingestellt, wie viel davon dämonisch, wieviel hysterisch oder seelisch ist – gottgewirkt sind solche Erscheinungen nicht. (…)

Wir glauben, dass es nur ein Pfingsten gegeben hat, Apostelgeschichte 2. Wir glauben an den Heili­gen Geist, welcher in der Gemeinde Jesu bleiben wird in Ewigkeit, vgl. Joh. 14, 16. Wir sind dar­über klar, dass die Gemeinde Gottes immer wieder erneute Gnadenheimsuchungen des Heiligen Geistes erhalten hat und bedarf. Jedem einzelnen Gläubigen gilt die Mahnung des Apostels: „Wer­det voll Geistes!“ (Epheser 5,18).

Der Weg dazu ist und bleibt völlige Gemeinschaft mit dem gekreu­zigten, auferstandenen und erhöhten Herrn. In Ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig, aus der wir nehmen Gnade um Gnade. Wir erwarten nicht ein neues Pfingsten; wir warten auf den wieder­kommenden Herrn“.

Dieser Text, nur drei Jahre nach den Ereignissen von Los Angeles verfasst, hat nichts an Aktualität verloren.

Übrigens kam es auch in der Azusa-Street selbst bald zu Auseinandersetzungen und Spaltungen. Es entstanden unzählige Gemeinschaften, die weder theologisch noch in der Praxis eins sind.

Zu den Phänomenen von Toronto

In den 1990iger Jahren begannen in Toronto ähnliche Phänomene, die in Form des „Toron­to-Segens“ in die Welt hinausgetragen wurden. Zu den Vorfällen der Azusa-Street kamen noch hinzu das Ausstoßen tieri­scher Laute wie Brüllen, Knurren und Wolfsgeheul, krampfartiges Zucken und Zittern am ganzen Leib, schnelles Hin- und Herbewegen des Kopfes, Umfallen (gedeutet als „Ruhen im Geist“) und ein der Trunkenheit ähnlicher, tranceartiger Bewusstseinszustand.

Auch diese Vorkommnisse wurden unmittelbar mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht und als Vorboten von großen Wundern gedeutet, in deren Folge viele Men­schen zum Glauben kommen würden.

Noch ein weiteres Zeichen des Pentekostalismus soll erwähnt werden, das ebenfalls direkt dem Wirken des Heiligen Geistes zugeschrieben wird, nämlich Wohlstand innerhalb einer Vision des Sieges bereits im Diesseits.

Solche Gruppierungen heißen z.B. „Victory Bible Church‟, „Jesus Breakthrough Assembly‟ oder „Tri­umphant Christian Centre‟. In den Versammlungen werden Themen behandelt wie „Ein Leben im Über­fluss‟ oder „Der Schritt zur Größe‟.

In Nigeria wurde von David Oyedepo im Jahre 1983 die „Winner’s Chapel“ gegründet. 2013 hatte diese bereits  6.000 Ableger in Nigeria, 700 in anderen afrikanischen Län­dern und 30 in Europa. Die Mutterkirche am Stadtrand von Lagos hat über 54.000 Sitzplätze. David Oyedepo soll ein Vermögen von über 150 Millionen US-Dollar besitzen.

Sein Rezept zum Erfolg: Die Abführung des Zehnten und Ga­ben an Gott (letztendlich an seinen Vertreter Oyedepo). Und so wie er Erfolg hat, werden auch seine Anhänger erfolgreich sein. Seine Aussprüche gelten als „prophetische und göttli­che Aussprü­che“.

Was geschah an Pfingsten wirklich?

Führen sich alle diese Bewegungen zu Recht auf Pfingsten zurück? Was geschah eigentlich zu Pfingsten? Welche Gaben (Charismen) sind in der Heiligen Schrift bezeugt? Wie werden sie beurteilt?

In der Apostelgeschichte lesen wir:

„Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2,4). Das Zeichen waren eben nicht unverständliche Laute, Geschrei u.ä., sondern echte Sprachen. Daher sagten auch die Menschen: „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören“ (Apg 2,8) und der Inhalt waren die Großtaten Gottes, sein Heilswirken (Apg 2,11). Kurz: verständliche Sprachen, verständlicher Inhalt.

Nun erwähnt der hl. Paulus im 1.Korintherbrief das davon völlig verschiedene „Zungenreden“. Von einem Menschen, der dieses ausübt, sagt Paulus: „Keiner versteht ihn“ (1 Kor 14,2) – also ganz anders als zu Pfingsten! Paulus vergleicht das „Zungenreden“ mit dem Spielen unklarer Töne, um dann die Korinther direkt anzusprechen: „So ist es auch mit euch, wenn ihr in Zungen redet, aber kein verständliches Wort hervorbringt. Wer soll dann das Gesprochene verstehen? Ihr redet nur in den Wind“ (1 Kor 14,9).

„Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt?“ (1 Kor 14,23).

Aus diesem Grund erlaubt Paulus bei Zusammenkünften nur das Zungenreden mit Übersetzung – und es dürfen nur zwei Personen sein, höchstens drei (vgl. 1 Kor 14,27). Paulus greift also mit Autorität ein, ebenso bei den prophetisch Begabten (vgl. 1 Kor 14,29).

Er erwartet, dass diese Menschen sich an seine Anweisungen halten, also nicht sich vor anderen hervortun und sagen: „Ich bin prophetisch begabt, also lasst mich reden“. Das weist Paulus ausdrücklich mit der Begründung zurück: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens“ (1 Kor 14,33).

Ganz eindeutig darf in den Versammlungen der Christen nicht etwas Unverständliches wie das „Zungenreden“ sich verselbständigen, das übrigens von Paulus in 1 Kor 12 wie auch in Röm 12 als letzte der Gaben genannt wird (zusammen mit dem Übersetzen). In allen anderen Briefen wird es überhaupt nicht erwähnt.

Jedenfalls ist in der Heiligen Schrift „im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist nirgends die Rede von massenweisem Umfallen, tierischen Lauten, Schreien, Gelächter und Verlust der Selbstkontrolle“ (Andrea Strübind).

Vom Geist der Besonnenheit

Der letzte Punkt ist sehr wichtig. Die Heilige Schrift bezeugt in 2 Tim 1,7, dass der von Gott geschenkte Geist ein „Geist der Besonnenheit und Selbstbeherrschung“ ist. Von daher fällt auf, dass Paulus mehrere Gaben erwähnt, die mit dem Verstand in Beziehung stehen, nämlich die Gaben „Weisheit mitzuteilen“, „Erkenntnis zu vermitteln“, „die Geister zu unterscheiden“ (1 Kor 12).

Und es gilt von diesen wie anderen Gaben (wie der Krankenheilung, der Glaubenskraft): Jedem wir sie „geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7). Alles soll dem Aufbau der Kirche dienen, die der Leib Christi ist (vgl. Röm 12,4-8).

Und Paulus will den Gläubigen noch einen Weg über alle Gaben hinaus zeigen:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“ (1 Kor 13,1-3).

Für jeden ist letztlich entscheidend, ob er die Liebe hat. Von dieser gilt:

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13, 4-7).

Die Liebe ist das Entscheidende, weil der Heilige Geist selbst die Liebe in Person ist, die in der Trinität den Vater und den Sohn verbindet.

In der Kirche, dem Leib Christi, schenkt der Heilige Geist grundlegende Gaben, damit jeder sich mit der Heilswirken Christi verbinden und je mehr eine Antwort der Liebe geben kann:

Das Leben der Gnade, welches vom hl.Thomas von Aquin als „Gegenwart des Heiligen Geistes“ bezeichnet wird; Glaube, Hoffnung, Liebe; vertrauensvolles Gebet; Christusbegegnung in den Sakramenten; die Ämter der Kirche, welche die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Gemeinschaft sicherstellen.

Der Heilige Geist führt nie zu einer Geist-Kirche, sondern er führt zu Christus und seiner Kirche, die auf dem Fundament der Apostel, besonders auf dem Fundament des Petrus ruht (vgl. Mt 16,18; 18,18). Und diese Kirche wurde zu Pfingsten den Menschen offenbar.


Wenn Pfingsten charismatisch verzweckt wird

Von Felizitas Küble

Das Kölner Domradio – ein kirchlicher Sender des kath. Erzbistums – hat am heutigen Pfingstsonntag (23.5.) online ein Interview mit dem evangelischen Pfarrer Fabian Maysenhölder veröffentlicht, der auch als Podcaster und Blogger (TheoPop) aktiv ist.

Es geht um alte und neue Sekten, Sondergemeinschaften und sogenannte „neureligiöse“ Gruppen, die sich häufig darauf berufen, ihre Gründergestalte verfüge über einen heißen Draht nach oben.

Die katholische Kirche spricht in solchen Fällen von „Privatoffenbarungen“, im Protestantismus wird eher der Ausdruck „Neuoffenbarungen“ verwendet.

Irrgeistige Visionen und „Botschaften“ gibt es nicht allein in Sekten und esoterischen Zirkeln, sondern leider auch innerhalb christlicher Kreise und Gebetsgruppen.

Nicht zuletzt Prediger und „Heiler“ aus pfingstlerischen und charismatischen Bewegungen berufen sich gerne auf besondere Geistesgaben und reklamieren gleichsam ein Nahverhältnis zum Heiligen Geist. Bisweilen spricht man dort von einem „neuen Pfingsten“, das nun mit großen Erweckungen und „Salbungen“ in der Welt anbreche.

Diese Strömungen gibt es evangelischerseits bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts, katholischerseits begann die Charismatische Erneuerung im Jahre 1967 in den USA.

Das DOMRADIO stellt dem evangelischen Pastor, der sich seit längerem mit diesem Themenspektrum beschäftigt, auch die Frage, inwieweit einige neue religiöse Bewegungen die Pfingstgeschichte für sich nutzen.

Er antwortet:

„Das ist das, was man häufig in solchen religiösen Gemeinschaften, Sondergemeinschaften oder neuen religiösen Bewegungen findet, dass nämlich dieser Heilige Geist für sich beansprucht wird.

Oft steht am Anfang einer solchen Bewegung auch eine charismatische Gründerfigur, die für sich beansprucht, dass sie ein individuelles Pfingsterlebnis hatte, eine Offenbarung oder Berufung durch den Heiligen Geist.

Damit geht einher, dass man einen gewissen Autoritätsanspruch und Exklusivitätsanspruch hat: „Wir haben den Heiligen Geist. Wir haben die Wahrheit. Wir haben die wahre göttliche Sache offenbart bekommen.“

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Fotos: Dr. Bernd F. Pelz


Seelsorge auf Abwegen: Pfr. Albert Franck und das charismatische „Binden und Lösen“

Von Felizitas Küble

Der Priester Albert Franck leitet in Luxemburg die „Charismatische Erneuerung“ (CE). Dieser halbamtliche Teil der katholischen Pfingstbewegten umgibt sich nach außen mit einem relativ gemäßigten Mäntelchen, ist aber in ihrer Substanz schwarmgeistig geprägt  –  einschließlich der in dieser Szene üblichen Phänomene (Fixierung auf Prophetie, Zeichen und Wunder, Rückwärtsfallen in Trance, „Heilung und Befreiung“ etc).

Pfarrer Franck betreibt seit längerem im  katholischen Privatrundfunk „Radio Horeb“ seine Seelsorgsstunden – meist an einem Samstagnachmittag.

Auf der Homepage seiner CE-Luxemburg wird der nächste Termin „Gebete um Heilung mit Pfarrer A. Franck“ für morgen angekündigt: Samstag, 25. Juli von 15 bis 16 Uhr: https://www.aubergededieu.lu/de/radio_horeb.html

Dabei scheint der Geistliche in diesen „Sprechstunden“ zwischen den Anrufen von gläubigen Ratsuchenden plötzlich höhere Einsprechungen bzw. besondere Ahnungen  zu erhalten oder bezieht sich auf kürzlich erlebte visionäre Eindrücke. Wenn Anrufer/innen von ihren Ängsten oder Depressionen erzählen, erklärt Pfr. Franck mitunter an Ort und Stelle, sie seien jetzt davon „gelöst“ und „freigesetzt“.

In diesem typisch charismatischen Sinne und Unsinne sind auch einige seiner schriftlichen Stellungnahmen abgehalten.

BILD: Buchtitel „Briefe an Dich“ von Pfr. Albert Franck

Der zweitletzte Absatz dieses Schreibens ist aufschlußreich: https://www.horeb.org/fileadmin/eigene_dateien/Neue_Seite/Downloads/Inhalte__Hab_keine_Angst_/Brief_von_Albert_Franck.pdf

Darin berichtet der Geistliche z.B. von einer Eingebung (oder Vision?), die er von oben erhalten haben will:
„Wo sind die Menschen“, sagt der Herr, ,,die stehenbleiben, erste Hilfe tun, eine Unterkunft besorgen, die Tür öffnen zu einem neuen Anfang?… Wo sind die Menschen, die an die vordere Schiffseite gehen, und Stürmen und Wellen Stille gebieten; die selbst dem Teufel und den Dämonen gebieten ,Verschwinde! Genug ist genug‘? Wo sind die Menschen, die den Kranken und Behinderten sagen ,Steh auf und geh‘?

Solche euphorischen Verstiegenheiten kennt man aus diesem Spektrum zur Genüge  – aber hier geht Pfr. Franck sogar soweit, reihenweise nach Christen zu rufen, die mit Exorzieren und Heilungswundern loslegen.

Dabei wendet er sich allgemein an Gläubige – und nicht etwa speziell an Priester (aber auch diese könnten Kranken nicht einfach sagen: Steh auf! – und ohne bischöfliche Erlaubnis dürfen sie zudem keinen einzigen Exorzismus vornehmen).

Hier werden also vermessentliche und irrgeistige Erwartungen im Kirchenvolk geweckt, was zu fatalen Enttäuschungen führen kann.

Gerade das unbiblische und unkirchliche „Binden und Lösen“ oder auch „Freisetzen“, das in der protestantischen Pfingstbewegung seit langem stark verbreitet ist, aber von katholischen Charismatikern zunehmend „kopiert“ wird, ist seelsorglich und theologisch höchst bedenklich.

Seit Jahrzehnten melden sich bei mir immer mehr Geschädigte (heute auch wieder zwei Betroffene!), die durch derartige Praktiken geistlich und seelisch (manchmal auch psychosomatisch und physisch) beeinträchtigt und in Verwirrung gestürzt worden sind.

Dies ist nichts anderes als geistlicher Missbrauch und seelsorgliche Manipulation!

Bisweilen ging es den Betreffenden zwar nach solchen Pseudo-Exorzismen („Befreiungsgebeten“) kurzfristig scheinbar besser, doch danach folgt der Fall ins Bodenlose, in Depressionen, Angstzustände und tiefgreifende Verunsicherungen. 

Wenn sich Aussteiger bei charismatischen Leitern darüber beschweren, bekommen sie nicht selten zu hören, das läge an ihrem mangelndem „Glauben“, sie sollten nicht soviel „grübeln“  – oder es wird ihnen gleich ein weiteres Befreiungsgebet aufgedrängt und ihrer Angst „befohlen“, zu  „weichen“ usw.

Zurück zu Pfarrer Franck und seinen charismatischen Anwandlungen, erkennbar z.B. auch in diesem Rundbrief: http://begeistert.info/erneuerung/wp-content/uploads/2017/05/K-ANDACHT-A-brief-April-2019.pdf

Darin heißt es (Hervorhebungen von mir):

„So haben wir auch Deiner gedacht im März bei der Wallfahrt nach Medjugorje…. Gott lässt Deine Situation nicht, wie sie ist, er verwandelt Deine Umstände, Dein Leben, Deine Familie, Deine Arbeit, Deine Gesundheit. Er ist stärker als die Finsternis, stärker als Krankheit und Behinderung, als Teufel und Dämonen, als Stein, Grab und Tod. Bei Gott ist nichts unmöglich!“

Auch das paßt  – neben der Anfälligkeit für Medjugorje-„Erscheinungen“  –  in die bekannte schwarmgeistige Mentalität: Nach „Krankheit/Behinderung“ werden gleich „Teufel und Dämonen“ erwähnt – und somit ein äußerst problematischer Zusammenhang hergestellt.

Sodann schreibt Pfr. Franck weiter an seine Leser:
„Wir erwarten einen Strom von Freude und Liebe, von Barmherzigkeit und Bekehrung, von Heilung und Befreiung in der Gegenwart unseres Heilandes… Es werden Tage der Rettung, der Erlösung, Tage der Heilung und Befreiung, Tage des neuen Anfangs in Glauben, Gebet und Eucharistie sein.“

Hier werden erneut sehr hohe Erwartungen geweckt – und was geschieht, wenn diese enttäuscht werden? Wer kümmert sich dann um die Desillusionierten?

Danach folgt erneut eine enthusiastische Ansage von angeblichen Verheißungen Gottes, auf die man sich proklamatorisch berufen solle: 

„Glaube wie Abraham: „Was Gott versprochen hat, das kann er tun“.
Glaube wie Maria: „Was Gott versprochen hat, das kann er tun“.
Glaube wie Petrus und Paulus: „Was Gott versprochen hat, das kann er tun“.“

Was hat Gott denn diesen heiligen Persönlichkeiten konkret „versprochen“?! Das teilt uns Pfarrer Franck keineswegs mit.

Zum Schluß wird dieses Gebet empfohlen:
„….Komm und führe mich, heile und befreie mich, reinige mich durch dein heiliges Blut von jeder Sünde und Schuld; heile mich durch deine Kraft von jeder Krankheit und Behinderung.

Geschädigte Menschen, deren Hoffnungen nach derartigen Zusagen enttäuscht wurden, melden sich seit Jahrzehnten bei mir; mit einigen von ihnen stehe ich seit vielen Jahren im Kontakt. Oft dauert es sehr lange, bis die Betroffenen die (un)geistlichen Folgen solch verstiegener Praktiken überwinden können, wenn es ihnen denn überhaupt gelingt.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM ehrenamtlich betreibt


Geistliche Irreführung durch „Die letzte Reformation“ des Torben Søndergaard

Von Felizitas Küble

Bevor die Pfingstbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA begann und sich wenig später von Nordeuropa aus auch in Deutschland ausbreitete, existierte die Heiligungsbewegung als Vorläufer der Charismatik. 

Diese protestantisch-pietistische Strömung stellte die „Heiligung“ in den Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit.

Damit korrigierte sie indirekt die lutherische Rechtfertigungslehre, wonach der Glaube „allein“ selig mache. Die sittlich ernsten Vertreter der Heiligungsbewegung hingegen betonten, daß auch der Gehorsam und die Nachfolge Christi für unser Heil unentbehrlich seien, vor allem die Einhaltung der göttlichen Gebote und die „Früchte des Geistes“.

Diese durchaus berechtigte Einsicht, die der katholischen Lehre sehr nahesteht, ist nach einiger Zeit allerdings über ihr Ziel hinausgeschossen:

Wichtige Wortführer der Heiligungsbewegung, die sich vor allem in den USA und Großbritannien ausbreitete, verkündeten die Lehre vom „reinen Herzen“, womit ein komplett sündenfreier Zustand des Menschen gemeint war, den er erreichen könne, wenn er die „Geisttaufe“ erfahre.

Damit wurde das Aufkommen der Pfingstbewegung theologisch vorbereitet und spirituell begünstigt. Dort steht zwar die Heiligung weniger im Vordergrund, allerdings die „Geistesgaben“ – vor allem die außergewöhnlichen – umso mehr.

Im Laufe der Zeit gab es innerhalb der Charismatik immer wieder Strömungen, die beide Richtung verknüpfen wollen, also verstärkt das Anliegen der Heiligungsbewegung aufgegriffen haben.

Dazu gehört auch die neupfingstlerische Gruppierung „Die letzte Reformation“, die schon durch den Titel ihre eigene Anmaßung und Verstiegenheit aufzeigt. (Siehe hier deren eigene Webseite: http://dieletztereformation.de/)

Der dänische Gründer Torben Søndergaard bietet neben zahlreichen Youtube-Videos auch Seminare und Kickstart-Wochenenden  in Kanada, den USA, europäischen Ländern und seit einiger Zeit auch in Deutschland an.

Wie so häufig wurde ich auch in diesem Falle durch eine kritische Christin auf diese Bewegung aufmerksam gemacht. Betroffene berichten von geistlichen Übergriffen und psychischen Manipulationen auf Kursen der Gruppierung. Belege dazu werden hier aufgezeigt: https://rationalwiki.org/wiki/Torben_S%C3%B8ndergaard

Wie so oft in enthusiastischen Kreisen, hat auch hier der Gründer ein „Erweckungserlebnis“ gehabt, begleitet von Zeichen, Wundern und prophetischen Eingebungen.

Das berechtigt diese „Geisterfüllten“ dann allzu leicht, gleichsam im „Namen Gottes“ – genauer: seines Heiligen Geistes – „vollmächtig“ zu sprechen und zu handeln. 

Daß dieser Schwärmer seine Geisterfahrung nach längerer Fastenzeit erlebt hat, ist auch nicht selten. Fasten ist grundsätzlich gewiß gut, sollte aber nicht in der Absicht vollzogen werden, Gott dadurch quasi zu einer Art Belohnung im Sinne besonderer religiöser Erfahrungen zu drängen.

Der Geist Gottes ist souverän und unverfügbar; er läßt sich nicht für unsere Interessen und Wünsche vereinnahmen, selbst wenn diese sich „geistlich“ tarnen.

Natürlich hat er auch sein Buch „Die letzte Reformation“ im direkten Auftrag Gottes geschrieben, wobei der Höchste es ihm sozusagen diktiert haben soll.

Ihm zufolge läßt sich die urchristliche Zeit der Apostelgeschichte mit ihren „Zeichen und Wundern“ wieder neu beleben; es handelt sich um die alte pfingstlerische Idee vom „neuen Pfingsten“  – in diesen Kreisen auch als „zweiter Segen“ bezeichnet (der erste Segen wäre demnach die Taufe oder der Glaubensbeginn).

Für Søndergaard ist die Voraussetzung für massenhafte Bekehrungen, Erweckungen und Erfolge ein sittlich strenges „Heiligungsleben“ der Christen. Daher betont er die Heiligkeit Gottes, den Abscheu vor der Sünde und er spart nicht mit „himmlischen“ Gerichtsdrohungen.

Wie die Zeugen Jehovas lehnt er Bluttransfusionen ab – und ganz entschieden auch die Kindertaufe, so daß Teilnehmer seiner Seminare zur Wiedertaufe gedrängt werden.

Somit verbindet dieser dänische Pfingstler einige Anliegen der früheren Heiligungsbewegung und eigene „Ticks“ mit denen der heutigen Charismatik.

HIER eine kritische Betrachtung von amtlicher evangelischer Seite: https://www.ezw-berlin.de/html/15_8796.php

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Charismatischer Josua-Dienst bietet „geistliche Vater- und Mutterschaft“ an

Von Felizitas Küble

Heilung und Befreiung, Zeichen und Wunder – das sind die vier Zauberworte der Charismatischen Bewegung. Dabei ist diese Szene in sich sehr vielfältig, nicht nur konfessionsübergreifend, sondern auch sonst recht schillernd und „bunt“.

Fast jede Initiative hat noch eine besondere „Spezialität“ zu bieten, sei es die Heilung von angeblicher „Familienschuld“ (Vorfahrensverstrickungen, Flüche aus vorigen Generationen….) oder das „Wort der Erkenntnis“ (eine vermeintliche prophetische Gabe bzw. Eingabe oder gar Seelenschau), sei es ein euphorisches Zungenreden oder den „Befreiungsdienst“ (ein Quasi-Exorzismus) usw.

Der pfingstlerisch-protestantische Josua-Dienst in Görwihl segelt ebenfalls auf der Welle einer erfahrungs- und gefühlsbetonten Spiritualität, bietet Gebetsseminare für „körperliche Heilung“ an und zudem reichlich kostspielige Tagungen im eigenen Vereinshaus. (So werden z.B. für ein Seminar von Freitagabend bis Sonntagnachmittag ca. 300 Euro verlangt – siehe hier: https://josua-dienst.org/die-geschenke-des-heiligen-geistes/)

Die versprochenen „Gaben des Heiligen Geistes“, die hier „eingeübt“ (!) und „freigesetzt“ werden sollen, sind eben eine anspruchsvolle Sache – zumindest finanziell.

Die Vereinsgründung erfolgte bereits 1989 durch Dr. Christoph und Dr. Utta Häselbarth.

Das Ehepaar hat die Leitung inzwischen zwar in jüngere Hände übergeben, ist aber nach wie vor aktiv im Team dabei – und zwar als Sprecher zu den Themen „innere und körperliche Heilung“, aber auch für die „geistliche Vater- und Mutterschaft“, was immer das heißen mag (siehe hier: https://josua-dienst.org/ueber-uns/)

Benötigt denn das Kirchenvolk „geistliche Väter“ und ebensolche „Mütter“, die sich möglicherweise mit diesem Sonderservice auch noch aufdrängen?

Paulus bezeichnet die Gläubigen als „Knechte Christi“, als Diener des Höchsten. Wer sich freiwillig abhängig macht von GOTT, der wird unabhängig von Menschen. Daher betont der Völkermissionar im Hinblick auf das Heilswerk Christi: „Für einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Werdet nicht Sklaven von Menschen!“ (vgl. 1 Kor 7,23).

Typisch für die Schwärmerbewegung ist sodann ein Unternehmerseminar, das dort angeboten wird – siehe hier: https://josua-dienst.org/unternehmerseminar-mit-beverley-watkins/

Es geht im Sinne des „Wohlstandsevangeliums“ wieder einmal um die „Ökonomie des Himmels“.

Dazu wird eine Frau Beverly Watkins als „anerkannte Seher-Prophetin“ vorgestellt und ins Tagungshaus kommen. Doppelt hält anscheinend besser: wir kennen zwar viele (selbsternannte) „Seher“und auch „Propheten“, aber beides in Personalunion ist schon eine besondere Nummer.

Nun wissen wir es also: „Das Königreich Gottes hat eine Ökonomie, wie jede Nation auf dieser Erde.“

Um in das „Verständnis der himmlischen Ökonomie einzutauchen“, werden Themen wie diese betrachtet:

  • Wie sieht der geistliche „Handel“ aus und inwiefern ist er Teil der himmlischen Ökonomie?
  • Wie handelt man als Priester in der himmlischen Ökonomie?
  • Wie agiert man als König in Gottes Ökonomie auf der Erde?        

Im Büchershop geht es ebenso enthusiastisch zu – ständig ist in den Titeln von Heilung, „Leben im Sieg“, Herrlichkeit, Königtum,  geistlicher Augenöffnung und „erfülltem Leben“ die Rede – ein typisches Halleluja-Christentum eben – siehe hier: https://josua-dienst.org/wp-content/uploads/2019/03/Medienkatalog-Josua-Shop.pdf

Bezeichnend wirkt auch der Titel „Was Gott Dir versprochen  hat“ von David Wilkerson, jahrzehntelang einer der Obergurus im charismatischen Spektrum. Ständig geht es darum, die angeblichen „Verheißungen“ der Bibel zu proklamieren bzw. „in Anspruch zu  nehmen“ (wobei als selbstverständlich vorausgesetzt wird, daß man hierauf einen Anspruch „hat“, den man gar nicht mehr zu erbeten braucht, der vielmehr abholbereit zur Verfügung sateht…).

Typisch auch der Buchtitel: „Biblische Verheißungen für die Salbung des Geistes“. Hier wird mit einem angeblich „höheren“ Christentum der Geisterfüllten geliebäugelt, jenen besonders begnadeten Gläubigen, die von  oben eine „Salbung“ erhalten haben, während das normale Christenvolk sich mit weniger zufriedengibt…

„Guten Morgen, Heiliger Geist“  – das Buch des prominenten Pfingstpredigers Benny Hinn darf da nicht fehlen, zumal ohnehin der Eindruck entsteht, als säßen diese Auserwählten dem Heiligen Geist gleichsam auf dem Schoß, um in eine Geheimnisse eingeweiht zu werden…

Zu Benny Hinn haben wir bereits vor sieben Jahres einen Artikel veröffentlicht https://charismatismus.wordpress.com/2011/07/08/benny-hinn-der-charismatische-starprediger/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Vergleich von „Ruhen im Geist“ und Shaktipat: eine „Geisttaufe“ auf hinduistisch

Von Felizitas Küble

Seit gut dreißig Jahren befasse ich mich kritisch mit charismatischen Ansichten und Phänomenen, vor allem mit dem weit verbreiteten „Ruhen im Geist“, das im amerikanischen Raum als „Slain in the Spirit“ bezeichnet wird: Erschlagen(sein) im Geist. 

Dieser Ausdruck trifft den Sachverhalt besser als die deutsche Übersetzung „Ruhen im Geist“, denn die Betreffenden fallen bei diesem Geschehnis meist „wie erschlagen“ in Trance nach hinten, manchmal auch vorwärts oder seitlich bzw. sie sacken in sich zusammen. Deshalb bezeichne ich diesen Vorgang anschaulicher als „Hammersegen“.

Jedenfalls können sich die Betroffenen gleichsam wie ohnmächtig eine Zeitlang nicht mehr bewegen oder sie geraten in Ekstase, sprechen mit unverständlichen Lauten und es kommt zum „Toronto-Segen“, also solchen Manifestationen wie dem „Lachen im Geist“ (zwanghaftes Gelächter), Weinen oder Zittern im Geist, sie schütteln sich ständig usw.

Dieser Vorgang geschieht in der Regel direkt nach der Handauflegung oder sonstigen Segenshandlung eines charismatischen „Heilungspredigers“, Star-Evangelisten usw.

„Geist-Ausgießung“ oder Energie-Übertragung?

Von pfingstlerischer Seite wird das „Ruhen im Geist“ als eine Geisttaufe bzw. Ausgießung des Hl. Geistes gedeutet und als Zeichen dafür verstanden, daß der Gläubige nun einen spirituellen „Durchbruch“ erlebt hat, der ihn für die außergewöhnlichen „Geistesgaben“ öffnet und mit Geist-Erfahrungen erfüllt.

Das Interessante ist freilich, daß es genau diese körperlich-seelischen Erscheinungsformen auch in fremden Religionen gibt, z.B. im Schamanismus, im Spiritismus, im Voodoo-Kult und vor allem im Hinduismus. Damit wollen wir uns nun etwas näher befassen:

In der Yoga-Tradition wird dabei von Shaktipat gesprochen, was übersetzt in etwa „Kraftladung“ bedeutet – und gemeint ist damit „das Herabsteigen göttlicher Energie“ – so schreibt es z.B. diese hinduistische Webseite: https://wiki.yoga-vidya.de/Shaktipata

Weiter heißt es: „Beispielsweise durch den Segen eines Meisters kann die göttliche Energie, die Shakti im Schüler aktiv werden.“

Diese kosmische Energie wird auch Kundalini genannt und gerne als Schlange (auf dem Rücken bzw. der Wirbelsäule) dargestellt. Das Wort Kundalini kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „gewunden, gerollt“.

Angeblich ruht diese Energie nach alter Hindu-Lehre wie eine zusammengerollte Schlange im Kreuzbein eines jeden Menschen; sie kann durch Yoga-Erfahrungen, Mantras, Visionen oder enthusiastische Glücksgefühle nach oben erwachen.

Durch die Segnung eines Guru wird nun seine „spirituelle“ Kundalini-Erfahrung auf den Schüler übertragen bzw. in diesem selbst erweckt und verstärkt.

Dazu schreibt die erwähnte Yoga-Webseite: „Oft wird Shaktipat auch als Übertragen der Energie vom Guru auf den Schüler bezeichnet…Wichtig für Shaktipat ist es, sich voll auf die Energie eines Meisters einzustimmen. Dies kann durch Opfergaben, Meditation oder auch Seva passiern.“

Auf diesem Blog eines Yoga-Lehrers  – http://www.tantra-tradition.de/10.html  – heißt es dazu:

„Nicht zuletzt besitzt ein tantrischer Guru die Fähigkeit, bestimmte Energien direkt zu übertragen und die Kanäle des Schülers für bestimmte Energiephänomene zu öffnen, wenn dieser dazu bereit ist…Dieses Phänomen nennt man Shaktipat“.

In der aufschlußreichen Biographie „Der Tod eines Guru“ (siehe Foto) berichtet ein hoher Hindu-Meister über seine Bekehrung zum Christentum.

Rabindranath R. Maharaj beschreibt darin aus seiner eigenen Erfahrungswelt, wie die Anhänger eines „erleuchteten“ Meisters in Trance auf den Rücken hingeworfen werden bzw. umsinken, wenn dieser ihnen die Hände auflegt, ihre Stirn berührt oder durch sonstige Gesten seine „Energie“ überträgt.

Unter dem Wort „Shakti-Pat“ wird in dem Buch erklärt: „Bezeichnet die Berührung des Guru, gewöhnlich seiner rechten Hand an der Stirn des Anbetenden, die übernatürliche Wirkungen hat…Durch Verabreichung des Shakti Pat wird der Guru zum Kanal der Urkraft, der kosmischen Kraft, welcher das ganze Universum zugrunde liegt…Die übernatürliche Wirkung des Shakti durch die Berührung des Guru kann den Anbetenden zu Boden werfen, oder er kann ein helles Licht wahrnehmen und eine innere Erleuchtung oder eine sonstige mystische oder psychische Erfahrung machen.“

Der evangelische Autor Dr. Kurt Koch berichtet, daß dieser Ex-Guru Maharaj nach seiner Bekehrung an einer charismatischen Veranstaltung in London teilnahm: Alle ca. zweihundert Presonen fielen nach der „Segnung“ um, nur einer blieb stehen – er selber!  (Quelle siehe letzter Abschnitt hier: http://www.schriftenmission.de/index.php?id=436)

Es mag für manche verblüffend sein, wie zum Verwechseln ähnlich diese beiden Phänome aussehen und wirken:

Sei es im Hinduismus das spiritistisch anmutende Shaktipat oder in der Charismatischen Bewegung das Ruhen im Geist, der „Hammersegen“, das „Erschlagenwerden im Geist“ – angeblich eine spirituelle Erfahrung.

Wer den Vergleich auch rein praktisch beoachten will, der kann unter diesem Stichwort googeln: DE 0:00 / 0:14 Live recording of INTENSE SHAKTIPAT TRANSMISSION

So gelangt man zu diversen Shaktipat-Videos: Schon das erste Youtube-Beispiel zeigt „Fälle“ von Guru-Anhängern, die bei einer Handauflegung bzw. „Segnung“ ihres Meisters umfallen, in Trance geraten, vor Ekstase zittern und beben, teils liegend, teils sitzend, teils in merkwürdigen Verrenkungen.

Der Toronto-Segen: Shaktipat auf charismatisch

Gleichartiges geschieht beim charismatischen Rückwärtsfallen bzw. dem „Toronto-Segen“ (der Name bezieht sich auf Toronto in Kanada, weil es dort bei einer charismatischen „Erweckung“ zu schwarmgeistigen Manifestionen kam).

Zum Thema Toronto-Segen heißt es auf Wikipedia hinsichtlich der „beobachteten Reaktionen“, es seien u.a. „folgende Phänomene“ verstärkt aufgetreten:

„Umfallen, was als Ruhen im Geist gedeutet wird  –  Lachen oder Weinen, das dem Heiligen Geist zugeschrieben wird; euphorische Zustände  – Zungenreden – Zittern – Schütteln  – außergewöhnliche Bewegungen und Laute unterschiedlicher Art, z. B. Tierlaute  –  lautes Schreien, das als Ausfahren böser Geister gedeutet wird – Ohnmachten –  lähmungsähnliche Erscheinungen.“

Weitere hilfreiche Infos lesen Sie hier  – verfaßt von einer evangelische Anti-Sekten-Stelle: http://www.relinfo.ch/toronto/info.html

Schon bei den ersten kollektiv-charismatischen Erfahrungen in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts (beginnend in evangelischen Gemeinschaften in Kassel) wurden genau diese Phänomene beschrieben; die Tumulte damals führten dazu, daß sogar die Polizei eingreifen und für Ruhe sorgen mußte.

Dies war der Startschuß für die hiesige Pfingstbewegung, die sich dann immer weiter ausbreitete und heute weltweit viele hundert Millionen Menschen erfaßt. 

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Wenn Gott und sein Widersacher für Drohungen & Panikmache herhalten müssen

Von Felizitas Küble

Auf dem traditionalistischen Portal „Gloria-TV“ tummeln sich viele Hobby-Autoren mit erscheinungsbewegten Anmutungen oder gar Zumutungen.

Teils sind die Beiträge nur naiv und leichtgläubig, teils von einer fanatischen Verbissenheit geprägt, manchmal seltsam kombiniert mit sentimentaler Rührseligkeit.

Die Kommentare, auf denen ich wegen meiner kritischen Artikel zur Falschmystik als „Lästerzunge“ verunglimpft und mit der Strafe des Himmels bedroht werde, nehme ich seit Jahren ungerührt zur Kenntnis, weil ich derart „fromme“ Entgleisungen seit jeher gewohnt bin.

Das ist das eine – aber der andere Gesichtspunkt erscheint mir von allgemeinem Interesse, denn diese Panikmache ist ein typisches Kennzeichen irrgeistiger oder schwarmgeistiger „Frömmigkeit“.

Hierzu zwei aufschlußreiche Beispiele zur Illustration:

Die Gloria-TV aktive Userin „Andrea“ ist eine Prophetin der besonderen Art, die sich in aller Bescheidenheit als „geringstes Rädchen im Uhrwerk Gottes“ bezeichnet und parallel auch einen eigenen Blog betreibt.

Eine besondere Vorliebe pflegt die anonyme Visionärin für kirchlich abgelehnte „Erscheinungen“ wie etwa die irrigen Kundgaben von der „Warnung“, die auf eine als Betrügerin entlarvte irische Seherin zurückgehen. Mit deren  „Restarmee“ kämpft besagte Andrea gegen kritische Katholiken, die vor dem um sich greifenden Botschaftszirkus warnen.

Nun wäre das egal, wenn nicht der Übereifer dazu führen würde, skeptische Katholiken mit vermeintlich himmlischen  – oder soll man sagen: höllischen?  –  Warnungen zu überziehen.

So schreibt das „geringste Rädchen“ beispielsweise folgendes auf ihrem Restarmee-Blog:

„Was bleibt von einem solchen Forum, welches gleichzusetzen ist mit Uneinsichtigkeit und Ignoranz gegenüber unzähligen Marienerscheinungen, der Besserwisserei einer Frau Küble in Bezug auf viele Seher und Propheten, welche reihenweise dort auf´s Korn genommen und verunglimpft werden?

Mit manchen Leuten hat der Böse leichtes Spiel und kann sie, ob bewusst oder unbewusst, als seine Marionetten tanzen lassen.

O bitte, liebe Frau Küble, lassen Sie ab von der Theatralik, welche Sie auf Ihrer Webseite sehr zum Gefallen Satans aufführen!…Frau Felizitas — Sie haben große Schuld auf sich geladen durch das Bekämpfen der Worte Gottes bzw. Seiner Propheten!“

Freilich gibt es dergleichen Drohgebärden auch bei der anderen Feldpostnummer, nämlich auf evangelischer Seite – genauer: bei dortigen Pfingstbewegten.

 

Hierzu ein Beispiel aus einer Webseite, in der Geschädigte des geistlichen Missbrauchs zu Wort kommen: https://www.matth2323.de/bericht-anonymus-17062017b/

Dort berichtet eine betroffene Christin folgendes:

„Das habe ich in einer Pfingstgemeinde wirklich erlebt. Der Prediger auf der Kanzel bat alle Kinder, den Gottesdienstraum zu verlassen. Dann sagte er:

„Der Hl. Geist wird gleich unmittelbar durch mich zu euch sprechen. Nicht ich werde etwas sagen, sondern der Heilige Geist selbst wird mir seine eigenen Worte auf die Zunge legen. Deswegen müsst ihr genau zuhören. Und ihr müsste aufpassen, dass ihr nichts sagt gegen das, was der Heilige Geist durch mich zu euch spricht…

Ihr wisst, was die Heilige Schrift sagt: Wer auch nur ein Wort sagt gegen den Heiligen Geist, dem wird es niemals vergeben, weder in dieser Welt noch in der nächsten. Er ist einer ewigen Sünde schuldig.

Das heißt konkret, wer etwas sagt gegen das, was gleich der Heilige Geist durch mich spricht, der kommt unfehlbar in die Hölle, und niemand kann ihm mehr helfen…“

Auch diesen Mißbrauch der Bibelstelle Mt 16,26 von der „Sünde gegen den Heiligen Geist“ habe ich selber x-mal bei Erscheinungsbewegten und Charismatikern erlebt, die mir genau dies vorhalten.

Warum diese absurde Beschuldigung?

Ganz einfach: weil sie ihren eigenen Geist oder die „Geistbegabung“ selbsternannter Visionäre für das Gelbe vom Ei halten und daher jede Kritik buchstäblich verteufeln.

Bei mir kann das nach jahrzehntelanger Gewöhnung natürlich keine Gemütsregung, geschweige einen Schock auslösen, zumal ich von vornherein wußte, wie diese Anhängerkreise „ticken“ und dies in Kauf nahm.

Anders ist es bei unerfahrenen Gläubigen, die sich skeptisch äußern und dann mit solchen Drohungen überschüttet werden. Ich weiß von etlichen Betroffenen, die sich dadurch haben einschüchtern und verunsichern lassen oder zumindest davon abgehalten wurden, öffentlich von ihren Erfahrungen zu berichten.

 

 


Vorsicht vor Grenzüberschreitungen und Missbrauch im „geistlichen“ Gewand

Von Felizitas Küble

Die Kirchengeschichte ist voll von religiöser Manipulation und Übergriffen im missbrauchten Namen Gottes  – oder speziell durch Vereinnahmung des „Heiligen Geistes“, zumal in der Pfingstbewegung und Charismatik, sicher auch in Sekten, Esoterik und Sondergruppen, aber beileibe nicht nur dort.

In pfingstlerischen Gruppen wird nicht selten eine Erwartungshaltung aufgebaut nach der Devise: Wer sich nach einer „Geisttaufe“ ausstreckt, gelangt zu einer höheren Stufe des Christenlebens – und dieser „Geistempfang“ erweist sich dann angeblich durch außerordentliche Charismata wie Zungenreden (Sprachengabe), prophetisches Reden, „Wort der Erkennis“, Heilungsgabe usw.

Von der Erwartungshaltung bis zum regelrechten Psychodruck ist der Weg nicht weit und mit vielen frommen Sprüchen bepflastert, teils auch mit mißbrauchten Bibelsprüchen (zB. „Strebt nach dem Geistesgaben“), die aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Hierzu zwei typische Beispiele: Auf dem evangelischen Blog „Unendlich geliebt“ findet sich bei den Leserkommentaren ein Erlebnisbericht, verfaßt am 30.4.2012: http://www.unendlichgeliebt.de/2012/04/27/geistlicher-missbrauch-was-ist-das/

„Miri“ schildert dabei folgende Vorgänge:

„…Nachdem ich gläubig wurde, war ich in einem Gebetskreis und der Leiter hat mich bedrängt wie ein Irrer, in Sprachen zu beten. Ich wollte das nicht und ich konnte das nicht.

Das Ganze artete so aus, dass er sich mit mir persönlich getroffen hat, und mich gedrängt hat, mich hinzuknien. Dann hat er für mich gebetet und gesagt, ich hätte jetzt die Sprachengabe.
Ich war nicht dieser Ansicht und ich wollte die auch gar nicht. Mir gings auch ohne gut. Und dann hat er mir irgendein Zeug vorgesprochen und mich nicht eher aufstehen lassen, bis ich irgendwas gelallt hab, und dann sagte er: Siehst Du, Du hast die Sprachengabe.

Ich find das bis heute total obernotpeinlich und wenn ich Charismaten in Sprachen beten höre, da krieg ich bis heute das K….., obwohl die alle ja bestimmt nett sind.
Später dann auch bei den Charismaten: Sooo, wir gehn jetzt alle nach vorn und heben die Hände.  – Ich wollte weder nach vorn noch die Hände heben.

Oder auch total krass: Bibel aufschlagen, und dann ist dies das Wort für Dich. Da hatten wir eine ziemlich labile Person  – und sie schlug die Kreuzigung auf. Die war total am Abdrehen, weil sie dachte: Jesus sagt mir, ich bin so schlecht, dass ich ihn kreuzige.  – Völlig durch den Wind. Sowas ist doch auch geistlicher Mißbrauch.“
.
Ja, keine Frage, beidesmal handelt es sich um (un)geistliche Manipulation, im ersten Fall um eine massive Grenzüberschreitung gegen den Willen der gläubigen Person.
Aber auch das „Bibelstechen“, die Bibel-Mantik ist ein verfänglicher Aberglaube im frommen Mäntelchen: Die Heilige Schrift ist Gottes Wort für uns, aber kein Orakel, kein Ersatz für die Anwendung des eigenen Verstandes, den Gott uns gab, damit wir vernünftige Entscheidungen treffen.
.
Siehe hierzu unseren Artikel aus dem Jahr 2012: https://charismatismus.wordpress.com/2012/05/20/bibelstechen-die-heilige-schrift-ist-kein-orakelbuch/ 


Fasziniert von der Pfingstbewegung – und dabei viel Lehrgeld bezahlt

Von Felizitas Küble

Auch gestandene Glaubensmänner und -frauen können sich von einem völlig neuen Sog begeistern und vereinnahmen lassen, bis oft erst nach vielen Jahren die Ernüchterung folgt. Wohl denen, die dann bereit sind, vorherige Irrtümer aufrichtig einzuräumen und zu ihrem Umdenken zu stehen.

So erging es führenden evangelischen Persönlichkeiten in der Erweckungs- und Heiligungsbewegung, die sich nach mehr „geistlicher Vollmacht“ sehnten und  – durchaus in bester Absicht –  freudig daran glaubten, die aufkommende Pfingstbewegung sei eine Chance des Himmels für die Gläubigen auf Erden.

Wir erinnern hier beispielhaft an vier bedeutende Theologen bzw. Evangelisten aus dem pietistischen (heute würde man sagen: evangelikalen) Spektrum, meist aus der frommen Gemeinschaftsbewegung (Gnadau) oder der Evangelischen Allianz.

Beide Verbände hatten sich  – nach anfänglichem Zögern –  mehrheitlich gegen die „charismatische Welle“ gestellt, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Nordamerika kommend über Deutschlands „erweckliche“ Gemeinden hinwegfegte und dabei sogar Persönlichkeiten erfaßte, die vorher durchaus als besonnen galten:

Otto STOCKMAYER (1838 – 1917) war ein württembergischer Theologe, der erst in der Schweiz, später in England wirkte, vor allem in der Oxforder „Heiligungsbewegung“. Diese Strömung erkannte mit Recht, daß die lutherische Rechtfertigungslehre unzureichend war, daß nämlich zur Erlösung durch Christus auch das Bemühen des Menschen um seine „Heiligung“ gehört  – seit jeher ein ebenso paulinisches wie katholisches Anliegen. 

Soweit schön und gut, doch ein Teil dieser evangelischen Strömung verrannte sich allmählich in verstiegene Vorstellungen von einem geistlichen Perfektionismus, vertrat eine Lehre vom „reinen Herzen“, das der Mensch durch den Heiligen Geist schon auf Erden erhalten könne, so daß er sündenfrei zu leben imstande sei. Zudem glaubte man, durch diese geistgesalbte „Überwinderschar“ werde die „Brautgemeinde“ schneller zu Christus „entrückt“ (schon vor jener Trübsalszeit in der kommenden Ära des Antichristen). 

Auf dem Boden dieser überspannten Ansichten war der Schritt in die enthusiastische Pfingstbewegung nicht mehr weit.

Auch Reiseprediger Stockmayer wurde jahrelang von diesem Strom erfaßt, bis er 1909 eine Kehrtwendung vornahm und jenen Theorien ebenso den Abschied gab wie den schwärmerischen Anwandlungen der aufkommenden Charismatik. Als führender Mann in der pietistischen „Gemeinschaftsbewegung“ (Gnadauer Verband) sorgte er gemeinsam mit anderen „Patriarchen“ für eine Trennung von Gnadau und Pfingstlern. Dabei verwies er neben eigenen Erfahrungen auch auf seine Seelsorge mit Belasteten und Aussteigern aus der Charismatik.

Zur Ehrenrettung der Heiligungsbewegung sei noch erwähnt, daß der gemäßigtere Teil in die Oxforder Gruppenbewegung von Frank Buchman einmündete, die sich später in „Moralische Aufrüstung“ umbenannte, aber von der Pfingstbewegung fernhielt.

Prof. Ernst Ferdinand STRÖTER (1846 – 1922) erblickte in Barmen das Licht der Welt, gelangte zuerst nach Paris und später in die USA, wobei er Prediger der von John Wesley gegründeten Methodistenkirche wurde, die zu den neuzeitlichen Erweckungsbewegungen zählt. Er engagierte sich in der Evangelisation der Juden und kehrte Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa zurück.

Ebenso wie Pfr. STOCKMAYER war er mit den Ideen der Heiligungsbewegung vertraut und begünstigte durch einige Sonderlehren das Aufkommen der Pfingstbewegung. Als er jedoch die schwarmgeistigen Auswirkungen mehr und mehr erkannte, distanzierte er sich entschieden davon und warnte in seinen Schriften vor Wundersucht und einer Überbetonung der „außerordentlichen“ Charismen. So erschien 1912 seine Schrift „Die Selbstentlarvung der Pfingst-Geister“.

Frau Jessie PENN-LEWIS (1861 – 1927) war gemeinsam mit dem Evangelisten Evan Robers führend in der sog. „Erweckung von Wales“ (1904/05) tätig, die ebenfalls stark von Methodisten geprägt war und als eine Art Vorläufer der Pfingstbewegung gilt, nicht zuletzt durch ihre Hervorhebung einer „Geistestaufe“, die gleichsam der „zweite Segen“ nach der Taufe bzw. Bekehrung sei.

Als diese erfolgreiche britische Predigerin (sie hatte einst sogar Frank Buchman bekehrt) und ihr Mitstreiter Roberts die grundsätzliche Problematik der religiösen Schwärmerei durchschauten, schrieben sie 1912 gemeinsam das warnende Buch „War on the Saints“ (auf deutsch: Krieg den Heiligen) und mahnten darin zur geistlichen Nüchternheit.

Heinrich DALLMEYER (1870 – 1925) betätigte sich aktiv in der Pfingstbewegung. Im Sommer 1907 zog er mit zwei „visionären“ Norwegerinnen nach Kassel, wo eine Serie schwarmgeistiger Versammlungen für großes Aufsehen sorgte. Nach ca. vier Wochen und immer stärkeren Ausuferungen wurden die Zusammenkünfte am 2. August geschlossen. Dallmeyer verlor die Kontrolle über die ekstatischen Vorgänge und geriet selber in den Strudel enthusiastischer Phänomene. Nach langen inneren Auseinandersetzungen hat er sich dann  – ebenso wie sein leiblicher Bruder  – von der Pfingstbewegung losgesagt (Widerruf 1907) und sie danach entschieden bekämpft.

In seiner Schrift „Erfahrungen in der Pfingstbewegung“ aus dem Jahr 1910 befaßt er sich selbstkritisch mit seinem eigenen Irrweg und schreibt u.a. folgendes:

„Ich habe die Hoffnung zu Gott, dass diese Zeilen mithelfen, dass einige der jetzigen Träger der Bewegung Licht bekommen über die Irreführung, in der sie sich gegenwärtig befinden  –  und ich schreibe diese Schrift, nachdem ich im Kämmerlein öfters mit Tränen zu Gott gerufen: „HERR, führe sie heraus!“. Vielleicht kann diese Schrift eine Mithelferin sein, dass manche Geschwister, die jetzt noch in der Bewegung stehen oder gar Träger von Geistesgaben sind, von diesem Irrgeist befreit werden.“  (Quelle: https://das-wort-der-wahrheit.de/download/heinrich-dallmeyer-erfahrungen-in-der-pfingstbewegung/)

Diese Serie über Persönlichkeiten, die sich einst in der Charismatik befanden, aber dann eine Kehrtwendung zum nüchternen Glauben vollzogen, setzen wir hier im CHRISTLICHEN FORUM weiterhin fort.