Prälat Norbert Trippen, langjähriger Leiter des Kölner Priesterseminars, kritisiert „Reformstau“ in der Kirche

Zeitgeistlicher beanstandet „Ängstlichkeit“ und „Vorsicht“ des Vatikan

Im Bonner Generalanzeiger vom 11.10.2012 wurde ein Interview von Bernd Eyermann mit Dr. Norbert Trippen veröffentlicht, das den Titel trägt: „Die Kirche neigt zur Ängstlichkeit“.

Der Prälat gehörte bis 2011 zum Kölner Domkapitel. Er leitete 13 Jahre lang (von 1976 bis 1989) das Kölner Priesterseminar und war zehn Jahre Direktor der Hauptabteilung Schule im bischöflichen Ordinariat.

Der Kirchenhistoriker Trippen äußert sich in dem Zeitungsinterview auch zum 2. Vatikanischen Konzil, das vor 50 Jahren begonnen hat.

Auf die Frage „Wie war denn der Zustand der Kirche vor dem Konzil?“ gibt er folgende Antwort:

„Sie betrachtete sich als eine in sich geschlossene Gesellschaft, die neben dem Staat stand, ihr eigenes Leben führte und mit der Welt nichts zu tun hatte. Mit der Gründung der UN gab es nach dem Krieg die ersten Ansätze in Richtung einer globalisierten Welt. Eine Kirche, die in dieser Welt etwas bedeuten wollte, durfte nicht mehr von oben herab den Menschen begegnen, sondern musste Gespräche auf Augenhöhe führen.“

Der 76-jährige Geistliche fügt hinzu:  

„Es gab einen innerkirchlichen Reformstau. Wenn die Kirche nicht auf das Abstellgleis geraten wollte, musste sie sich auf eine neuzeitliche Entwicklung einlassen.“

Daß die kath. Kirche vor dem Konzil eine „in sich geschlossene Gesellschaft“ gewesen sei, die mit der „Welt nichts zu tun hatte“, ist jedoch Schwarzweiß-Malerei pur. Mit einem derartigen Zerrbild wird offenbar versucht, die „vorkonziliare“ Zeit mieszureden.

Die Kirche Gottes soll sich natürlich aktiv mitten „in“ dieser Welt präsentieren und bewähren, aber sie ist nicht „von“ der Welt, sondern eine Stiftung des göttlichen Erlösers selbst.

Immerhin gab es bislang bereits 98 Katholikentage in Deutschland, die meisten davon vor dem Konzil.

In der Weimarer Republik existierten dutzende katholische Tageszeitungen in Deutschland (heute gerade noch eine einzige!)  –  von einem „Rückzug“ aus der Welt konnte beileibe keine Rede sein, zumal es auch den „politischen Katholizismus“ gab, vor allem in Form der Zentrumspartei, die mehrfach viele Minister und sogar den Kanzler stellte.

Sicher pflegte die damalige Kirchenleitung tendenziell eine größere Distanz zur „Welt“, zum Zeitgeist:  sie war kritischer –  und damit auch glaubwürdiger, denn nirgendwo im Evangelium wird zur Anpassung an die Welt aufgefordert  – im Gegenteil:

Der hl. Völkermissionar Paulus warnt ausdrücklich davor:

„Macht euch nicht dieser Welt gleichförmig, sondern erneuert euere Gesinnung!“ (Röm.12,2)

„Ein Mann ist ein Feind Gottes, wenn er sich als Freund der Welt bekennt.“ (Jak 4,4)

Der hl. Apostel Jakobus schreibt sogar:

„Weißt Du nicht, daß die Liebe zu dieser Welt Feindschaft mit Gott bedeutet? Ein Mann ist ein Feind Gottes, wenn er sich als Freund der Welt bekennt.“ (Jak 4,4)

Auf die Frage, ob Reformen des Konzils jetzt zurückgefahren würden, erklärt der Prälat nicht ohne eine Portion Dreistigkeit:

„Inzwischen ist Rom wieder dabei, vieles zurückzunehmen. Rom hat offenbar wenig Vertrauen in den Beistand des Heiligen Geistes speziell in den Ortskirchen. Es gibt da ein Absicherungsbedürfnis. Das geht keineswegs immer vom Papst aus, aber von seinen Mitarbeitern, die er gewähren lässt.“
Nachdem der Vatikan in den letzten Jahren mit eher bescheidenem Erfolg versuchte, die schlimmsten modernistischen Fehlentwicklungen und Reform-Entgleisungen einzudämmen, unterstellt ihm dieser Prälat also mangelndes Vertrauen in den „Beistand des Heiligen Geistes“, als ob Gottes Geist ausgerechnet in diesen nachkonziliaren Mißständen beheimatet wäre.
Sodann fragt der Bonner Generalanzeiger: „Wie würden Sie die heutige Zeit mit der während und nach dem Konzil vergleichen?“

Dr. Trippens vielsagende Antwort:

„Damals war eine Reformbegeisterung da. Heute gibt es wieder einen gewissen Reformstau. Was etwa die Stellung der Frau, den Zölibat der Priester und die Sexualmoral angeht, da neigt die Kirche zur Ängstlichkeit, zur Vorsicht. Dabei müsste sie sich in einer Offenheit, wie sie das auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil getan hat, mit diesen Problemen beschäftigen.“

Damit greift dieser hochrangige Zeitgeistliche, der 13 Jahre lang das Kölner Priesterseminar leitete, typische Dauerbrenner aus den Medien auf (Zölibat, Frauen, Sexualmoral), ohne übrigens zu erwähnen, daß das von ihm so hochgelobte 2. Vatikanische Konzil die priesterliche Ehelosigkeit mit einer Mehrheit von sage und schreibe 99,98 % (!) bestätigt hat:

Der Pro-Zölibats-Abschnitt im De­kret Presbyterorum Ordinis wurde von 2390 der 2394 anwesenden Konzilsväter am 7.12.1965 end­gültig gebilligt.

Wer den Zölibat ablehnt, kann sich also wahrlich nicht aufs Konzil berufen  – das gilt auch für Kölner Prälaten!

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

Hier gehts zum erwähnten Interview: http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/interviews/Koelner-Praelat-Die-Kirche-neigt-zur-Aengstlichkeit-article877268.html